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Holtz war der erwartete ältere Herr. Außer einem Paar grauer Shorts trug er nur ein Polohemd und schwarze Halbschuhe ohne Socken. Die ganze Erscheinung, besonders aber der Anblick der nackten blaugeäderten Knöchel, verwirrte Kim für einen Moment. Sie stellte sich so, dass sie ihre Hand unter Alexanders Arm schieben konnte. „Herr Holtz?“ fragte sie dann, höflichkeitshalber.

Holtz blickte sie aus munteren Vogeläuglein über dem grauen Gestrüpp seines Bartes an und verbeugte sich spielerisch vor ihr.


„Mein Name ist Fairchild, Kim Fairchild. Das ist mein Mann, Alexander Fairchild.“


Holtz streckte ihnen die Hand entgegen, die sie nacheinander schüttelten.


„Wir kommen aus Paris“, fuhr Kim fort.


Holtz nickte, zog einen kleinen Notizblock aus der Brusttasche, förderte aus der Hosentasche einen kurzen Bleistift zutage, schrieb ein paar Worte, riss das Blatt ab und überreichte es Kim. NE SONNE PAS TRÈS FRANÇAIS stand darauf. Den Block behielt er in der Hand.


„Non, c‘est vrai“, antwortete Kim und gab ihm den Zettel zurück. „Mon mari est américain.“


Holtz zog die Augenbrauen hoch und zeigte seine Handflächen, was Alexander für sich mit So what? übersetzte.


„Ich bin Wissenschaftsjournalistin, mein Mann ist Anthropologe. Wir haben von Ihren Forschungen gehört.“


Holtz schien kein bisschen überrascht. Sofort notierte er seine Antwort, für die er diesmal etwas länger brauchte, und drückte sie ihr in die Hand.


ICH BETREIBE ZAHLR. FORSCH.

NACHWEIS VON 5 VERSCH. SCHMETTERLINGSARTEN AUF DIESER WIESE

51. BREITENGRAD!!!


Er machte nicht den Eindruck, als würde er es nicht ernst meinen.


„Wir kommen mit einer Empfehlung“, sagte Kim. „Sie hatten vor vielen Jahren einmal Kontakt mit Maurice von Haase. Der Sachbuchautor.“


Bei der Erwähnung dieses Namens ging eine Veränderung mit Holtz vor. Er straffte sich, sein blasses Gesicht lief ziegelrot an, was Alexander an die Formulierung vom „rothgesichtigen Individuum“ in Himlys Brief denken ließ. Gleichzeitig begann er heftig durch die Nase zu atmen, und glucksende Geräusche kamen aus seiner Kehle.


Kim legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter. „Herr von Haase hat uns auf die Spur gebracht. Ihm verdanken wir es, dass wir hier sind.“


Holtz beugte sich nach vorn und tippte Alexander aufgeregt mit dem Finger auf der Brust herum. Dann beschrieb er mit zitternden Händen einen weiteren Zettel und reichte ihn ihm.


WIRKLICH AUS PARIS???

HAASE = HALUNKE

EMPFEHLUNG WERTLOS

MISSKREDIT!


Mit einer Handbewegung machte er deutlich, dass Alexander Kim von seiner Antwort in Kenntnis setzen sollte.


Alexander genoss es, den Auftrag im Sinne von Holtz auszuführen. „Eine schlechtere Empfehlung als die des Herrn von Haase kann es nicht geben“, sagte er mit gespieltem Ernst, „denn er ist ein geldgieriger Halunke. Wer sich auf ihn beruft, Liebes, gerät automatisch selbst in Misskredit, selbst wenn er aus Paris kommt, wie wir.“


Holtz nickte heftig, biss auf seinem Zeigefinger herum und spähte dabei in Kims Gesicht.


„Das ändert natürlich die Sachlage“, sagte Kim. „Was aber bleibt…“


Sie stockte, weil ihr so schnell kein Resümee einfiel. „Was aber bleibt“, wiederholte sie, „sind Ihre wertvollen Forschungen“, vollendete sie schnell.


Statt einer Antwort warf Holtz den Kopf zurück und verdrehte die Augen.


Sie zeigt ihm ihre Bewunderung, wie man dem Esel die Mohrrübe zeigt, dachte Alexander. Falls Holtz überhaupt zu einer Unterhaltung bereit war, würde er sich wohl lieber mit ihm als mit Kim unterhalten. Um ihrer Erwiderung zuvorzukommen, griff er ihre Hand, drückte sie fest und zog Kim zu sich heran.


„Herr Kollege“, sagte er dann so freundlich wie möglich, „die Quelle, aus der wir unser Wissen beziehen, mag trüb sein.“


Holtz nickte.


„Sie mag sogar schmutzig sein.“


Holtz nickte, diesmal fast im Rhythmus des Wackeldackels auf dem Armaturenbrett des Taxis, mit dem sie gekommen waren, während Alexander überlegte, wie er das begonnene Bild zu einem plausiblen Abschluss bringen konnte.


„Aber sie hat das Gold der Erkenntnis an unseren Strand gespült“, sagte er schließlich.


„An den Seinestrand“, kam ihm Kim zu Hilfe. Fast hätte sie losgelacht.


Holtz schrieb erneut einen Zettel und reichte ihn Kim.


WESWEGEN SIND SIE HIER?


Wieder biss er auf seinem Zeigefinger herum.


„Wie ich schon sagte“, entgegnete Kim. „Sie hatten vor vielen Jahren Kontakt mit Herrn von Haase, der zufällig ein alter Freund meines verstorbenen Vaters ist.“


Als Zeichen seiner Anteilnahme legte Holtz die Fingerspitzen vor der Brust zusammen und deutete eine Verneigung an.


„Oh, danke“, sagte Kim, „der Unfall liegt schon bald 30 Jahre zurück. – Als wir kürzlich bei Herrn von Haase zu Besuch waren, brachte er das Gespräch auf den Brief, den Sie ihm damals geschrieben haben. Er muss ihn sehr beeindruckt haben. Er sagte auch, seine Antwort habe Sie nicht erreicht. Er habe Ihnen unverzüglich geschrieben, aber sein Brief sei zurück –“


Kim vollendete den Satz nicht, denn Holtz war beim Stichwort „Antwort“ ein weiteres Mal in Rage geraten und kritzelte bereits seine Entgegnung auf einen Zettel. Alexander konnte vier Großbuchstaben samt Ausrufezeichen erkennen und wusste schon, was sie bedeuteten, bevor Kim sie ablas: LÜGE!


„Lüge?“ wiederholte Kim, als sie ihm alle vier Zettel zurückgab. „Sie haben also doch eine Antwort von ihm bekommen?“


Holtz nickte heftig und beschrieb einen neuen Zettel, den er Alexander aushändigte.


BRIEF UND UNVERSCHÄMTER VERTRAG!

ICH: WISSENSCHAFTL. BERATER!

ER: ALLE RECHTE!

S. PLAN = ENTEIGNUNG!!!

/:HAASE - HALUNKE:/


„Er wollte Ihnen die Rechte abluchsen?“


Holtz nickte schnaufend und bedachte seine Halbschuhe mit einem argwöhnischen Blick, als erwarte er nichts Gutes von ihnen. Neben ihnen lärmten ein paar aufgeregte Vögel unsichtbar im Blattgewirr.


Der Mann bevorzugt widerspruchslose Zustimmung, dachte Alexander, das haben wir gemeinsam. „Doch bei Ihnen war er an den Falschen geraten“, sagte er deshalb. „Er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und der Wirt waren Sie.“


Holtz lächelte schief und reichte ihm einen neuen Zettel. HAASE AUF DEM HOL(T)ZWEG stand darauf. Alexander gab ihn ihm zusammen mit den beiden andern zurück, woraufhin Holtz alle Zettel in seiner Hand in der Mitte zusammenfaltete und in seiner Hosentasche verschwinden ließ.


„Leider besitzt Herr von Haase Ihren Brief nicht mehr“, sagte Kim. Sie schaute Holtz aufmerksam an und versuchte seine Augen zu erreichen. „Er ist bei seinem Verlag verloren gegangen. Er erinnerte sich aber, dass Sie darin eine sehr interessante Idee geäußert haben. Wir waren sofort Feuer und Flamme, als er uns gegenüber den Inhalt andeutete. Sie haben dort eine Theorie geäußert –“


Weiter kam sie nicht, denn das Wort „Theorie“ versetzte Holtz erneut in einen Spannungszustand. Wieder lief sein Gesicht ziegelrot an, aber diesmal verzerrte es sich zu einer hässlichen Grimasse. Er schien an einem emotionalen Abgrund zu taumeln, und es bedurfte anscheinend nur noch wenig, um ihm den entscheidenden Stoß zu versetzen. Einen Augenblick lang dachte Alexander, Holtz könne einen Herzinfarkt erleiden. Doch als Kim ihm wie zu Beginn ihrer Unterhaltung eine Hand auf die Schulter legte und ihn dabei teilnahmsvoll ansah, kehrte seine Selbstbeherrschung zurück. Er hob den Zeigefinger, ging an ihnen vorbei zur Bank, die nur wenige Schritte entfernt war, ließ sich darauf nieder und begann sofort mit dem Schreiben. Kim und Alexander folgten ihm langsam. Es waren schließlich gleich mehrere Zettel, die er Kim in die Hand drückte. Sie las sie und gab einen nach dem andern an Alexander weiter.


HAASE = SCHWEIZER

ICH = DDR, ARBEITER-UND-BAUERN-STAAT

ICH = PRODUZENT/WERTSCHÖPFER/ERFINDER

HAASE = EXPROPRIATEUR

ANEIGNUNG FREMDER ARBEIT OHNE ÄQUIVALENT

KAPITALISMUS = RAUB, „EINGESCHRIEBEN IN D. ANNALEN D. MENSCHHEIT M. ZÜGEN V. BLUT U. FEUER“ (K. M.)


„Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte Kim leise, weil ihr in diesem Moment nichts Besseres einfiel. „Das gehört sich nicht.“


„Nein, das gehört sich nicht“, stimmte Alexander mechanisch zu. „Würden Sie von Haase verzeihen?“


Holtz verharrte in düsterer Geistesabwesenheit. Dann hob er den Kopf und sah Alexander lange an, als wolle er prüfen, ob er seinem Blick standhalten könne. Anschließend bedeckte er zwei weitere Zettel mit seiner gleichmäßigen Handschrift und gab ihm einen davon.


WENN ER KÄME U. WÜRDE UM VERZEIHUNG BITTEN

HIER

V. ANGESICHT ZU ANGESICHT

U. WENN ER GUTE MANIEREN HÄTTE


Alexander gab den Zettel an Kim weiter.


„Dann ja?“ fragte sie und schaute Holtz dabei ins Gesicht.


Holtz erwiderte ihren Blick an und überreichte ihr den zweiten Zettel. ALLES IN D. WELT ENDET D. ERMÜDUNG stand darauf, und das war das letzte, was Kim und Alexander an diesem Tag von ihm erfuhren.

 
 
 

 

Die Psychiatrische Heilanstalt Mondstein war ein lang gestreckter Bau in Form eines U hinter einem grünbewachsenen Hügel. An dem einen Ende führte eine Rampe hinunter zu einem Raum, der bis an ein kleines Podest heran durchgehend mit Stühlen bestückt war und dessen große Fenster mit schweren Vorhängen verhüllt werden konnten. Am anderen Ende des U befand sich die Eingangshalle mit der Pförtnerloge und den Aufzügen auf der einen und der Küche und dem großen Speisesaal auf der anderen Seite. Um das große, von Hecken gesäumte Rasenoval in der Mitte herum waren Spaziergänger unterwegs. Einige schoben Gehwagen, andere wurden von Pflegerinnen gestützt, wieder andere, die besser zu Fuß waren, wurden von Angehörigen begleitet, manche trugen Kinder auf dem Arm.


Auch in der Eingangshalle gingen ein paar alte Leute am Rollator auf und ab, andere bewegten sich in Rollstühlen. Kübelpflanzen standen herum, es roch nach Möhrensuppe und Desinfektionsmittel. In der Pförtnerloge saß eine Pflegerin; ESPAGNOLA stand auf dem Namensschild an ihrem Revers. Sie mochte Anfang fünfzig sein und für Alexanders Geschmack ein bisschen übergewichtig, aber alles an ihr war fest und gleichmäßig proportioniert. Sie machte ein freundliches Gesicht, auch noch, als Kim erklärte, sie sei mit ihrem Mann aus Paris gekommen, um einen alten Freund ihrer Mutter zu besuchen, Herrn Karl-Heinz Holtz. Es sei ein Spontanbesuch, deshalb hätten sie sich nicht ankündigen können. Alexander hatte Kim überredet, keine Verwandtschaft ins Spiel zu bringen; man wisse nicht, welche Folgerungen sich daraus ergeben könnten.


Signora Espagnola sagte, Herr Holtz sei auf dem Gelände unterwegs, vermutlich in der Umgebung der Teiche. „Kein Problem!“ Sie beugte sich über den Tresen. „Annika!“


Eine jüngere Kollegin in weißen Socken und weißen Gesundheitsschuhen, die sich gerade angeregt mit einer der Küchenfrauen unterhielt, drehte sich zu ihr um. „Ja?“


„Kommst Du mal bitte?“


Annika verabschiedete sich von ihrer Gesprächspartnerin und kam zur Pförtnerloge. Sie war klein und quirlig und trug ebenfalls ein Plastiknamensschildchen am weißen Kittel.


„Was gibt’s, Enrica?“ Ihre Augen huschten lebhaft hin und her.


„Diese Herrschaften“, erklärte Signora Espagnola bestimmt, „sind extra aus Paris gekommen, um den Herrn Holtz zu besuchen. Machst Du Dich mal mit ihnen auf die Suche?“


„Ich brauch nicht zu suchen“, lautete die Antwort. „Der Herr Holtz ist an den Tümpeln.“


„Was hab ich gesagt“, meinte Signora Espagnola. „Alles kein Problem“.


Annika führte Kim und Alexander zur Rückseite des Gebäudes und weiter über eine mit alten Kastanien bestandene Wiese, auf der eine junge Frau mit eckigen Bewegungen einherschritt und dabei zielsicher ein Gänseblümchen nach dem andern zertrampelte.


Annika wollte wissen, ob Holtz ein Verwandter von ihnen sei.


„Nicht direkt“, sagte Kim. „Ein Forschungskollege meines Mannes. Wir freuen uns sehr, ihn endlich persönlich kennenzulernen.“


„So“, sagte Annika nachdenklich. „Dann hatten Sie bisher noch keinen persönlichen Kontakt?“


„Nein“, bestätigte Alexander. „Wir hatten nur schriftlich miteinander zu tun.“


„Ja… Dann wissen Sie vielleicht gar nicht, dass Herr Holtz stumm ist? Oder besser gesagt: stumm geworden ist. Er spricht nicht mehr. Seit er hier ist, hat er noch kein Wort gesprochen.“


„Das haben wir nicht gewusst“, sagte Kim überrascht. Frau Fritzsche hatte es nicht erwähnt. Vielleicht aus Rücksicht? Oder weil er mit ihr doch sprach?


„Alles kein Problem“, meinte Annika. „Er verständigt sich mit Zetteln. Das geht ruckzuck bei ihm, sie werden sehen.“


Vor ihnen lagen, eingefasst von sorgfältig getrimmten Hecken aus Buchsbaum und Blutberberitze, drei kleine Teiche, an denen ein Kiesweg vorbeiführte; eine von einer Platane überwölbte Bank lud zur Rast.


Eine große, hagere Gestalt in kurzen Hosen mit einem verwilderten Bart schritt langsam die Ufer ab, den Blick unverwandt auf die Wasseroberfläche gerichtet.


„Herr Holtz“, rief Annika, während sie auf ihn zuging.


Kim wollte ihr folgen, aber Alexander hielt sie zurück. „Warte.“


„Besuch für sie, Herr Holtz.“


Holtz schaute kurz auf und lächelte zerstreut, um sich sofort wieder seinen Beobachtungen zu widmen.


„Kommen Sie nur“, rief Annika und winkte sie heran. „Ich weiß, dass er sich freut.“ Als Kim und Alexander sie passiert hatten, machte sie sich schon wieder auf den Rückweg.

 

 
 
 

Der Morgen hatte für beide sportlich begonnen. Als sie danach nebeneinander im Badezimmer vor dem Spiegel standen, blickte Kim lächelnd an Alexander herunter.


„Na, noch alles dran?“


„Natürlich. Ich bin doch kein Amateur.“


„Nein?“


„Sondern ein Vollprofi. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“


„Hauptsache, es ist kein Auswärtsspiel“, versetzte Kim trocken. Der Blick, den sie ihm dabei zuwarf, war spöttisch und liebevoll zugleich.


Beim Abschied auf dem Genfer Flughafen sagte Alexander zu von Haase, dass er niemals mehr ein Klavierkonzert werde hören können, ohne an Errol Flynn zu denken. Von Haase lachte meckernd, während sich Kim und Araya verständnislos ansahen.


 

Vom Flughafen in Dresden brachte sie ein Taxi in den Stadtteil Langebrück am Rand der Dresdner Heide. An der Ecke Gerhart-Hauptmann-Straße/Nicodéstraße ließ Kim den Fahrer halten. Haus Nr. 13 musste ein paar Häuser weiter auf der linken Seite liegen. Im Unterschied zu den Häusern in der Nachbarschaft war es keine Stadtvilla, sondern ein kleines, einfaches Einfamilienhaus, mit drei kleinen Fenstern zur Straße und einem gitterbewehrten Rundfenster neben der Eingangstür. Eine mit Granitplatten gedeckte Bruchsteinmauer trennte das Grundstück vom Bürgersteig. Es gab ein Doppeltor für die Garageneinfahrt und ein einfaches für den Hauseingang, aber nirgendwo ein Namensschild oder einen Briefkasten. Alexander stellte den kleinen Rollkoffer ab, öffnete die Gartenpforte und ging hinter Kim die fünf Stufen zur Haustür hoch. Das Messingklingelschild im Türsturz wies nur einen Namen auf: Schackstieg. Sie klingelten trotzdem.


Nach einer Weile hörten sie, wie oben ein Fenster geöffnet wurde. Sie gingen wieder die Treppe hinunter, um sich zu zeigen. Aus der leeren Augenhöhle eines der Fenster im 1. Stock beugte sich ein kräftig gebauter Mann mit kurz geschnittenem, blondem Haar und scharfen Gesichtszügen. „Was wollen Sie?“ rief er nach unten.


„Entschuldigung“, rief Kim, und weil sie dabei in die Sonne blinzelte, deckte sie mit einer Hand die Augen ab. „Wir suchen einen Herrn Holtz, der hier früher einmal gewohnt hat.“


„Verlassen Sie das Grundstück!“ rief der Mann, diesmal eine Spur lauter. „Sofort. Sonst rufe ich die Polizei!“ Er schlug das Fenster zu.


„Komm“, sagte Alexander. „Hier ist nichts zu machen.“ Als er die Gartenpforte hinter ihnen schloss, sah er noch einmal zu den drei Fenstern hoch, wo er hinter der Gardine die Gestalt des Mannes ausmachen konnte, der ihren Rückzug verfolgte.


Vorhin im Taxi, als sie von der Hauptstraße in die Gerhart-Hauptmann-Straße eingebogen waren, hatte Kim an der Ecke einen Fleischereiimbiss bemerkt. Dorthin gingen sie jetzt.


Es roch nach Bratfett und Pökelsalz. Sie bestellten das Tagesgericht und setzten sich an einen der drei Kunststofftische, auf dem eine schmale, hohe Vase aus Pressglas stand. Sie war leer.


Sie hatten fast fertig gegessen, als eine ältere Frau hereinkam und zielsicher auf sie zusteuerte. Sie war dicklich, ihr Gesicht mit der großporigen Haut und der fleischigen Nase war vom Alkohol ein wenig schwammig, und ihre Kleidung sah nicht gerade aus, als stünde sie regelmäßig im Mittelpunkt ihres Interesses. Ihre Schnürschuhe hatten klobige Absätze und muteten orthopädisch an. Statt einer Begrüßung zog sie einen Stuhl heran und setzte sich ihnen gegenüber.


„Ich hab sie hier reingehen sehen“, sagte sie, während ihr Blick unstet zwischen Kim und Alexander hin und her wanderte. „Ich hab gehört, sie suchen nach jemand, der in Nr. 13 gewohnt hat.“


Kim gab sich Mühe, ein freundliches Gesicht zu machen. „Das stimmt. Wir suchen Herrn Karl-Heinz Holtz.“


„Wieso? Sind sie Verwandte?“


„Ja“, bestätigte Kim. „Von Seiten meiner Mutter. Herr Holtz ist – ihr Cousin.“


„Genau“, sagte Alexander und nickte ein paar Mal. Er stand auf und reichte der Frau die Hand.„Alexander Hahneman“, sagte er.


„Angenehm“, sagte die Frau. „Fritzsche ist mein Name. Elke Fritzsche.“ Danach schüttelte sie Kims Hand. „Und ich dachte, er hat überhaupt gar keine Verwandten. Hatten sie denn früher nie Kontakt?“


„Nein“, antwortete Kim, hob die rechte Hand auf Gesichtshöhe, spreizte pathetisch die Finger und sah Frau Fritzsche beschwörend an. „Das durften wir doch nicht! Also, wir schon, aber Onkel Karl-Heinz durfte nicht. Wegen seinem Beruf.“


„Das ist klar...“ Sie warf ihnen aus ihren braunen Augen prüfende Blicke zu. „Also ihr Onkel war das?“


„Genau“, sagte Alexander. „Ein Onkel, äh – 2. Grades. Und jetzt dachten wir, ist die Zeit reif, um sich einmal persönlich kennenzulernen.“


Kim schob die Teller mit dem Besteck auf die Seite und beugte sich nach vorn. „Er lebt doch noch?“


„Ja ja, ihr Onkel lebt noch, der lebt noch.“


„Gottseidank.“


„Aber nicht mehr hier, schon lang nicht mehr. Nach der Wende war er erstmal arbeitslos, nicht wahr? Dann hat ihn aber gleich die RDS geholt, und da war er dann bis zu deren Umzug, ich glaube 1995. Dann war er noch bei der SRS, aber da hat‘s ihm gar nicht gefallen. Und da fing das dann auch an mit seiner Krankheit.“


„Krankheit?“ wiederholte Kim.


„Ihr Onkel ist praktisch durchgedreht. Hat die Wände bei sich zuhause aufgeklopft, weil er gemeint hat, die Wohnung wäre verwanzt. Wände, Fußbodendielen, alles… Dabei war die Stasi doch längst abgeschafft.“


Kim und Alexander sahen sich mit großen Augen an.


„Wie er hier abgeholt wurde, das war schon schrecklich. Ich hab doch alles von gegenüber hautnah mitbekommen. Das war wie in einer Theaterloge, das sag ich ihnen. Das werd ich im Leben nicht vergessen.“


„Ist er jetzt in einem Heim?“


„Heim ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Also, in der Klapse ist er. Nervenklinik heißt das heute. Klingt besser, nimmt sich aber nischt.“


„Das ist aber sehr schade.“


„Sicher, wo es doch ihr Onkel ist.“


„Besteht denn die Möglichkeit, ihn zu besuchen? Oder ist das eine geschlossene Anstalt?“


„Freilich können sie ihren Onkel besuchen. Na klar. Ich besuch ihn doch auch. Zu seinem Geburtstag am 1. Juli kriegt er von mir immer eine schöne Eierschecke gebacken. Aus Tradition. Die essen wir dann zusammen. Und zu meinem Geburtstag am 9. Januar schickt er mir immer einen Brief mit einem Tierbild, selbstgebastelt. Und der Brief ist handgeschrieben, zwei Seiten, aber Eins A!“


Sie rückte etwas näher an sie heran.


„Und wenn ich Ihnen was sagen soll: Der Herr Holtz ist kein bisschen verrückt. Nee, der ist nicht bekloppt. Nach meiner Meinung. Nach meiner Meinung verstellt der sich bloß. Dem gefällt das da. Früher, in seinem Beruf, war das ja praktisch auch wie im Gefängnis. Er durfte doch keinem erzählen, was er dort macht.“


Kim nickte ermunternd. „Wo ist mein Onkel denn? Hier in Dresden?“


Frau Fritzsche lehnte sich auf ihren Ellenbogen. „Nun horchen Sie mal her!“


Sie machte eine Pause und sah erst Kim, dann Alexander spitzbübisch an: „Der ist auf dem Mond –!“


„Was?“


„Auf dem Mondstein!“


„Ich verstehe nicht...“


„Mondstein, so heißt die Klinik. Ganz berühmt. Keine Dreiviertelstunde von hier, in Pirna.“

 
 
 
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