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„Warum“, sagte Alexander, „wundern wir uns eigentlich nicht, dass DOMINIQUE 1788 begraben worden ist und trotzdem bis vorgestern noch in einer Ausstellung zu sehen war?“


„Also ich habe längst aufgehört, mich über irgendetwas zu wundern“, sagte Kim.


„Jemand wird ihn wohl rechtzeitig ausgebuddelt haben“, meinte Hilde.


„Das denke ich auch. Und so landete er auf dem Seziertisch von Friedrich Himly – den Namen verdanken wir ebenfalls Deinem Scharfsinn, Hilde.“


Statt einer Antwort wies Hilde mit dem Finger auf ihre Wange, wo sie einen weiteren Kuss von Alexander erwartete, der seine Schuld prompt beglich.


„Lass uns mal resümieren“, schlug Kim vor. „Wir haben ein Skelett –“


„Wir hatten es“, korrigierte sie Alexander.


„Na gut. Dann eben so: Wir haben ein Skelett gesehen. Wir haben herausgefunden, woher es stammt, aus der Gegend von Waldersbach. Am 21. November 1788 wurde der Tote beigesetzt. Wir haben das Protokoll von Pastor Oberlin. Irgendwie ist der Leichnam aber nach Straßburg gelangt, zu Himly. Aber wie?“


„Himly hatte vermutlich einen Vertrag mit dem Totengräber. Oder dem Sargtischler. Es spielt auch keine Rolle. Himly ist zwar auch schon seit schätzungsweise 200 Jahren tot, aber vielleicht gibt es Aufzeichnungen von seiner Hand. Willst Du nicht mal nachsehen, wo und wann er gestorben ist?“


„Mach es selber.“ Kim reichte ihm ihr Telefon.


Alexander tippte den Namen ein, versah ihn mit An- und Abführungszeichen und setzte noch die Berufsbezeichnung Anatom dazu. Googles Algorithmen bescherten ihm 11.344 Treffer. Er klickte den Wikipedia-Artikel an. „Friedrich Johann Fürchtegott Himly, geboren am 16. Juni 1737 in Karlsruhe, gestorben am 29. November 1788 in Straßburg.“


„Was?“ Kim schrie es fast.


Alexander starrte ungläubig auf das Display. „Er muss kurz nach der Sektion gestorben sein.“


„Den hat wohl der Schlag getroffen“, meinte Hilde trocken. „Oder er hat sich mit einem tödlichen Virus angesteckt.“


„Was damals nicht selten passierte“, bestätigte Alexander. „Mal sehen, ob ich etwas zur Todesursache finde.“


Er suchte in der Trefferanzeige nach Hinweisen auf eine ausführlichere Biographie und stieß auf eine Grazer Dissertation von Wendela Weiser mit dem Titel „Die anatomische Privatsammlung von Friedrich Johann Fürchtegott Himly unter besonderer Berücksichtigung ihres präparationstechnischen Profils“. In der Einleitung, die er schnell überflogen hatte, fanden sich ausführliche biographische Informationen.


„Keine Infektion. Himly ist ertrunken.“ Er blätterte weiter. „Seine anatomische Privatsammlung erbte größtenteils sein Sohn Philipp Friedrich Theodor Himly. Sie wurde 1803 vom französischen Staat angekauft und 1810 von der Universität übernommen. Gut gemacht, Frau Doktor Weiser. Mal sehen, ob ich im Quellenverzeichnis Hinweise auf einen Nachlass von Himly finde, Tagebücher oder Briefwechsel.“


„Wie hat man das nur früher geschafft?“, wandte sich Hilde an ihre Tochter. „Ich meine, dieses Recherchieren. Und es ging doch auch.“


„Natürlich ging es auch. Aber es dauerte alles einfach viel länger. Ich glaube, die Lebensdaten von Himly stehen nicht einmal im Lexikon, und die Todesursache sowieso nicht. Du musstest also in die Bibliothek gehen, in Fachbüchern herumsuchen, und wenn Du Pech hattest, musstest Du ein Buch aus einer auswärtigen Bibliothek bestellen, was ein bis zwei Wochen dauerte. Und mit einem einzigen Buch war es ja meist nicht getan.“


„Von Himly gibt es keinen Nachlass mehr“, verkündete Alexander, ohne den Blick vom Display zu wenden. „Er war bis zuletzt in Familienbesitz und ist höchstwahrscheinlich 1870 verbrannt, als Straßburg wochenlang von deutschen Truppen beschossen wurde. Es gibt ein Himly-Archiv in Karlsruhe, in seinem Geburtshaus – aber das scheint eine neuzeitliche Einrichtung zu sein. – Oh, wie schön: Frau Doktor Weiser hat auch Fundorte von Himlys Briefen verzeichnet.“


„Da könnt ihr aber froh sein, dass dieser Himly noch richtige Briefe geschrieben hat“, kommentierte Hilde. „Sonst wärt ihr doch aufgeschmissen. Was man sich heute schreibt, diese E-Mails oder SMS, die sind doch in Nullkommanichts futsch. Was bleibt eigentlich von eurer Generation übrig?“


„Auch dafür gibt es Speicher, Mutter.“


„So? Und wie sehen die aus?“


Bevor Kim die Frage beantworten konnte, meldete sich Alexander wieder zu Wort. Er sprach jetzt langsamer, weil er gleichzeitig las.


„Die umfangreichste Korrespondenz von Himly ist die mit Johann Friedrich Meckel in Berlin. Sie bricht allerdings 1774 mit Meckels Tod ab. Dann gibt es eine Reihe von Briefen an Johann Friedrich Lobstein, seinen Straßburger Kollegen. Der letzte Brief ist von 1784. Alle andern Briefwechsel sind kleiner und ziemlich verstreut. Sie sind nur summarisch verzeichnet. Immerhin mit Laufzeit. Paris… 1764 bis 1768… Wien… 1771…“


Weiteres verlief in Gemurmel, ehe sich Alexanders Stimme plötzlich wieder hob.


„In Donaueschingen, in der Fürstlich Fürstenbergischen Bibliothek, gibt es 36 Briefe an Bernhard Zünsler von 1759 bis 1788. Donnerwetter, das ist aber kein kleiner Briefwechsel. Hoffen wir mal, dass es sich bei dem Empfänger um einen Kollegen handelt. Moment…“


Alexander ließ sich Ergebnisse zum Namen Bernhard Zünsler anzeigen. Erst bei der Büchersuche wurde er fündig.

 

Unvorgreifliche Gedancken über das Christenthum

in seinem Verhältniße zur Wissenschaft vom Menschen

Inaugural-Dissertation

Einer hohen theologischen Facultät zu Heidelberg

zur Erlangung der Doctorwürde

ehrerbietig vorgelegt von

Alb. Bernhard Christ. Zünsler

Doctor der Medicin, Chirurgie und Geburtshülfe,

Baccalaureus Theologiae

In Speyer gedruckt bey Joh. Ballhorn 1745

 

„Interessant, ein Mann mit einer Doppelausbildung. Himly könnte ihm von seiner Arbeit berichtet haben. Es wäre einen Versuch wert.“


„Fürstlich Fürstenbergische Bibliothek… So etwas kann es auch nur noch in Deutschland geben“, sagte Kim. „Am Ende ist die privat.“


„Ich hoffe nicht“, sagte Alexander. „Lass mal sehen. Es ist eine Stiftung… Präsenzbibliothek… Bücher sind im Lesesaal einzusehen… Handschriftensammlung teilweise digitalisiert… Benutzung nur mit Voranmeldung… Telefonische Auskünfte werden nicht erteilt.“


Hilde schlug die Hände vor der Brust zusammen. „Das freut mich. Endlich spricht es mal jemand aus, dass er nicht gern telefoniert. Die Leute sollen gefälligst Briefe schreiben, wie früher.“


Nach kurzem Schweigen hob Alexander den Kopf. „Einen Online-Bestandskatalog scheint es nicht zu geben. Aber eine Mailadresse. Ich werde Ihnen ein paar nette Zeilen schreiben und fragen, ob es einen Brief von Himly an Zünsler gibt, der – wann war die Beisetzung von DOMINIQUE, Kim?“


„Am 21. November.“


„Der kurz nach 21. November 1788 geschrieben wurde. Und dann bin ich mal gespannt. – Gibt es eigentlich noch etwas zu trinken?“

 
 
 

Alexander hielt sich nicht gern in dieser Wohnung auf. Das Wohnzimmer war ein nicht allzu großer Raum, der durch die klotzigen Ausmaße der Möbel noch kleiner wirkte. Dicht an die große Schrankwand zur Rechten geschoben, aber immer noch so groß, dass er den Rest der Wand auf dieser Seite einnahm, befand sich ein mächtiger altmodischer Schreibtisch mit einem Drehstuhl davor. Hier war der häusliche Arbeitsplatz von Kims Vater gewesen, dem Architekten, nach seinem schweren Autounfall, an dessen Folgen er zwei Jahre später gestorben war. Das Fenster an der gegenüberliegenden Wand passte vollkommen zu den Möbeln. Es war endlos breit und hoch, das Fensterbrett in Kniehöhe. Zwischen der Schrankwand und den Möbeln standen um einen massiven runden Tisch herum drei niedrige Sessel mit Papierkordel-Bespannung. Dort saßen sie jetzt, und Hilde drückte gerade eine Zigarette im Aschenbecher aus. Vier bis fünf davon rauchte sie jeden Tag, mit einer Regelmäßigkeit, mit der andere Menschen ihres Alters ihre Pillen einnahmen, morgens, mittags, nachmittags und abends. Heute war so ein Abend gewesen, an dem sie sich eine zweite angezündet hatte.


Kim war in ihrem Bericht bei Oberlins Begräbnisprotokoll angelangt und las ihrer Mutter den nunmehr komplett entzifferten Text vor. Hilde hörte ihr wortlos zu und ließ dabei ihren Blick zwischen Kim und Alexander schweifen. Als Kim sie fragte, ob ihr der Name Swedenborg geläufig sei, nickte sie.


„Natürlich. Ich glaube, der hat die Leute seinerzeit ähnlich verzückt wie Mesmer. Kollektive Begeisterung. Der hat noch an einen dicht mit Menschenseelen bevölkerten Himmel geglaubt.“


„Was Oberlin, diesem Mann der Tat und der Vernunft, gar nicht gefallen hat.“


An diesem Punkt schaltete sich Alexander ein, der bis dahin höchstens kurze Einwürfe gemacht hatte.


„Im Namensregister der Beerdigungen ist das Ereignis übrigens auch verzeichnet, als Individu inconnu. Ursprünglich sogar als ‚Englische Kreatur’, was wohl so viel heißt wie scheußliches Wesen.“


Hilde beugte sich ein Stück nach vorn. „Englische Kreatur?“


„Ja“, sagte Kim. „Wir nehmen an, es ist ein zeitgenössischer Ausdruck für etwas Gruseliges, wie es später durch die englische Schauerromantik verbreitet wurde.“


„Nie gehört, diese Definition. Aber ich kann euch was anderes sagen. Englisch ist ein Adjektiv mit zwei Bedeutungen. Die eine verweist auf das Substantiv England. Die andere – zugegeben, sie ist veraltet, genau wie ich, und wohl ziemlich in Vergessenheit geraten –“ Hilde blickte in erwartungsvolle Gesichter.


„Herrje, Mutter, nun mach es doch nicht so spannend.“


„Die andere verweist auf das Substantiv Engel.“


Kim starrte ihre Mutter an. „Engel?


„Jawohl. Hättest Du Dich früher mehr mit klassischer Musik befasst, wüsstest Du das. „Die englischen Stimmen Ermuntern die Sinnen, Dass alles für Freuden erwacht. Na, von wem ist das?“

Sie hob das Kinn und heftete ihren Blick auf Alexander.


„Keine Ahnung? Gustav Mahler, „Lieder aus des Knaben Wunderhorn“. Geht ihr denn in Washington nie ins Konzert? – Statt „englische“ kann man auch „himmlische“ Kreatur sagen. Nichts anderes ist damit gemeint.“


„Also ich glaube nach wie vor, dass ‚englisch‘ in diesem Zusammenhang so viel bedeutet wie gruselig“, sagte Alexander steif. „Aber trotzdem vielen Dank für die Idee, Hilde.“


Hildes Augen sprühten Feuer. „Meine Idee?“ wiederholte sie scharf. „Ich habe euch ein Licht aufgesetzt“, fuhr sie mit Strenge fort. „So musst Du es nennen. Das mit dem Gruseligen ist kompletter Blödsinn.“


„Aber das gibt doch keinen Sinn“, kam Kim Alexander zu Hilfe. „In Oberlins Protokoll ist von einem missgestalteten Körper die Rede. Warum dann das Kompliment „himmlisch“? Sie wartete die Antwort nicht ab. „Oder ist damit eine Kreatur des Himmels gemeint? Dann hätten wir es also mit einem Engel zu tun.“


„Ich habe nicht von einem Engel gesprochen“, erwiderte Hilde, „das warst Du. Ihr lest einen alten Ausdruck, den ihr nicht versteht, weil eure Allgemeinbildung nur mit elektrischem Strom funktioniert, und trotzdem glaubt ihr, ihr habt das Ei des Kolumbus gefunden. Ich habe mein Lebtag noch nie gehört, dass ‚englisch‘ so viel wie gruselig bedeuten soll, und ich sage euch: Ihr seid auf dem Holzweg. Und das Schlimme ist, dass ihr euch auch noch vor der Wahrheit verschließt.“


Gekränkt heftete sie ihren Blick auf die Fuge zwischen Wand und Zimmerdecke. „Also von Dir, Alexander, hätte ich das am Allerwenigsten erwartet. Sheila ist Journalistin, da muss man es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen – Du brauchst mich gar nicht so empört anzusehen, meine Liebe, ich weiß, wovon ich rede. Ein bisschen Demut könnte euch beiden nicht schaden.“


Hilde war wirklich ein bisschen empört. Aber nur ein bisschen. Im Grunde genoss sie die Auseinandersetzung. Es gab nicht mehr viele Gelegenheiten, wo sie es den jungen Leuten zeigen konnte. Und hier fühlte sie sich zu hundert Prozent im Recht. „Englische Scharen“, „englische Gesänge“ und „englische Freuden“ waren ihr vertraute Ausdrücke, die sie aus alten Gedichten und Kirchenliedern kannte.


Alexander machte einen Vermittlungsversuch. „Na gut, Hilde“ sagte er mit Sanftmut in der Stimme, „arbeiten wir mal mit Deiner Interpretation. Oberlin bezeichnet den Toten als Engel. Warum? Weil er für dieses von der Norm abweichende Individuum keinen Begriff hatte. Er war Pfarrer. Ein Wissenschaftler oder ein einfacher Arzt hätte sich anders geäußert.“


Hilde verschränkte die Arme vor der Brust und beugte sich zu ihrem Schwiegersohn herüber.

„Höre ich da so etwas wie die Stimme der Vernunft?“


Das nachfolgende Schweigen dauerte so lange, dass Kim annahm, eben das Schweigen sei Alexanders Antwort. „Die Umstände seiner Auffindung waren ja auch merkwürdig“, sagte sie dann. „Ein unbekannter nackter Toter von ungewöhnlichem Aussehen – da konnte man schon auf die Idee kommen, er sei vom Himmel gefallen. Und sofort sah Oberlin die Gefahr, dass, falls die Wissenschaft auf diesen merkwürdigen Toten aufmerksam würde, dadurch die Spekulationen eines Herrn Swedenborg genährt werden. Da wäre es doch interessant zu erfahren, ob Swedenborg an Engel geglaubt hat.“


„Hat er“, sagte Alexander wie nebenbei.


 „Was?“ rief Kim.


„Ich hab es gestern schon im Wikipedia-Artikel gelesen. Seine Zeitgenossen nahmen ihm das übrigens nicht einmal übel. Niemand nannte ihn einen Scharlatan. Er galt als Träumer.“


Hildes Augen funkelten. „Habt ihr eingesehen, dass ich Recht habe? Ihr könnt es ruhig einmal zugeben.“


Alexander stand auf, beugte sich zu Hilde herunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Danke.“ Er ging er zum Fenster, sah einen Augenblick nach draußen und fuhr sich mit dem Finger an die Lippen. Dann drehte sich wieder herum.

 

 
 
 

Danach stand Croqué auf und ging. Er hatte sich bemüht, gegenüber Laroussi Gelassenheit an den Tag zu legen, doch in Wirklichkeit kochte er vor Wut. Andere an seiner Stelle würden kapituliert haben, würden vielleicht zum Melancholiker geworden sein – er dachte nicht einmal im Traum daran, jetzt den Schwanz einzuziehen. Stattdessen rüstete er sich bereits für den Gegenschlag. Bislang hatte sich noch jeder, der glaubte, ihm seinen Willen aufzwingen zu können, getäuscht. Dass dieser Ziegenficker ihm den Krieg erklärt hatte, würde er noch bereuen. Anscheinend verkannte er die Gefahr, die es bedeutete, sich ihn zum Feind zu machen. Denn er war unbesiegbar. Er fühlte sich in der Lage, unbeschadet Glassplitter zu frühstücken, er verspürte große Lust, sich als menschliche Kanonenkugel in die Luft schießen zu lassen, es juckte ihn, sich ein Gebiss aus Stahlzähnen einsetzen zu lassen und, wie die großen Magier, Kugeln mit den Zähnen aufzufangen.

Dieser Bursche wollte ihn an den Pranger stellen? Da hatte er sich aber gründlich verkalkuliert. Am Nasenring würde er ihn auf dem Marktplatz der Öffentlichkeit spazieren führen. Dazu brauchte er sich nur den Anblick der zwei Dutzend Filmrollen und jenes Skeletts ins Gedächtnis zu rufen, die er vor einigen Jahren bei seinen Streifzügen durch das ausgedehnte Kellersystem, wie immer angetrieben von unstillbarer Gier, in einem abgelegenen Raum, der von Amts wegen für die Lagerung von Sprengstoffen zugelassen war, entdeckt hatte. Was bedeutete Laroussis Holzknüppel gegen dieses Samuraischwert!


Es handelte sich um die vermutlich allerletzten Reste der ehemaligen Rassekundlichen Sammlung Berger, die ihm als Teile des historischen Archivs des Instituts für Gerichtsmedizin praktisch in den Schoß gefallen waren, als dessen Arbeit im Rahmen von Umstrukturierungsmaßnahmen vom elsässischen Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin übernommen und sein bisher auf zwei Standorte verteilter Bestand seinem Institut zugeschlagen wurde. Wahrscheinlich waren die auf Nitratbasis hergestellten Filme, bei denen es sich um Lehrmaterial zur Durchführung von Sterilisationen, der Entnahme von Hoden oder dem Verkleben von Eileitern handelte, irgendwann aus Furcht, sie könnten sich selbst entzünden, in diesen speziell ausgestatteten Raum verbracht worden und dort in Vergessenheit geraten.


Auf welche Weise das Skelett ebenfalls in den Raum gelangt war, ließ sich nicht mehr klären. Der bleiche und stumme Zeuge der Naziverbrechen in der kurzen deutschen Zeit der Université Sébastien Brant hatte sich als unförmiges Gebilde unter einem zerschlissenen Orientteppich verborgen. Als Croqué ihn mit einem kräftigen Ruck zur Seite schlug, lag vor ihm das verstaubte und verdreckte, im Übrigen aber vollständig erhaltene, auf einen Holzsockel montierte Skelett einer vierundsechzigjährigen Jüdin aus Thessaloniki, wie der Beschriftung auf einer Metallplakette zu entnehmen war.


Das also hatten die Deutschen unter wissenschaftlicher Forschung verstanden: Die Ermordung und Zurschaustellung Unschuldiger. Eigentlich war es unbegreiflich. Ein intelligenter, gebildeter Mensch, der so etwas tat, musste krank gewesen sein, zumindest aber besessen, verhext von der Rassenideologie der Naziführer. Was waren seine Taschenspielertricks gegen dieses Weltverbrechen? Wieso war eigentlich niemand auf die Idee gekommen, deren Skelette zur Schau zu stellen? Oder wenigstens ihre Leichen in Käfigen an die Kirchtürme zu hängen, wie man es im Mittelalter mit Ketzern und andern Delinquenten gemacht hatte, wo sie dann vor sich hin moderten? Vermutlich, weil es einem zivilisierten Staat nicht anstand. Aber war das klug, auf lange Sicht? Auf lange Sicht bedurfte es abschreckender Maßnahmen. Erziehung durch Schrecken. Unerwünschtes Verhalten durch Abschreckung verhindern. Vorausgesetzt, der zu Erziehende ließ sich abschrecken und war nicht schon allen rationalen Kalküls enthoben.


Jenseits aller ethischen Betrachtungen waren ihm die Reste der Sammlung Berger schon damals als Schatz erschienen, als eine Art Unterpfand für schlechte Zeiten, die jetzt, wo Diplomatie und andere Formen der Prävention offensichtlich versagten, gekommen waren. Richtig eingesetzt, konnten sie für ihn eine Art Versicherungspolice darstellen und für ein Gleichgewicht des Schreckens sorgen. Das sollte der Tunesier wissen: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter.


Er zog eine Zigarre aus seinem Etui, biss die Spitze ab und spuckte sie in hohem Bogen in den Flur, genau vor die Füße der Putzfrau, einer jungen Afrikanerin in einem hellblauen, ärmellosen Nylonkittel, die soeben ihren Dienst begonnen hatte. Während sie kopfschüttelnd das Teilchen mit dem Handfeger auf die Kehrschaufel schob, stand Croqué breitbeinig vor ihr, zündete die Zigarre an und produzierte ein paar schnell aufeinanderfolgende Rauchwolken. Destruction mutuelle assurée. Das Gleichgewicht des Schreckens. Er hielt Laroussi für nicht so irrational, dass er bereit war, für seine Vernichtung die eigene in Kauf zu nehmen. Entschlossen schritt er zum Aufzug.


Die Afrikanerin folgte ihm mit ihrem Putzwagen, und als sie ihn eingeholt hatte, zeigte sie mit einem missbilligenden Blick auf das Rauchverbotsschild an der Wand hinter ihr.


„Hier nix rauchen“, sagte sie.


Croqué grinste sie an. In diesem Augenblick fühlte er sich von einer strahlenden Aura umgeben.


„Die Regeln hier mache ich“, sagte er und tippte mit dem Daumen auf seine Brust.


Dann stieg in den Fahrstuhl und paffte munter weiter. Bevor er hinter der Verriegelung verschwand, sah die Putzfrau noch, wie er seinen Zigarrenschneider aus der Westentasche zog und begann, das Rauchverbotsschild in der Kabine abzukratzen.

 

 
 
 
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