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vor 5 Tagen
4 Min. Lesezeit

Während Kim ins Gästezimmer ging, um das Bild, das sie schon im Koffer verstaut hatte, zu holen, setzte von Haase das Gespräch mit Alexander fort.

 

„Übrigens vielen Dank für den Link zu den Beerdigungsregistern und die Scans aus Donaueschingen, Alexander. Ich kann zwar nicht alles entziffern, oder, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich kann diese alte deutsche Schrift nur schwer lesen, aber immerhin hat sich mir bestätigt, dass wir da der größten Sache aller Zeiten auf der Spur sind.“

 

Kim war zurückgekommen und hielt das Bild vor die Bildschirmkamera. „Kannst Du es erkennen?“

 

„Ja. Ich erinnere mich, dass es in seinem Zimmer hing. Was sind das für Figuren?“

 

„Es sind Schmetterlinge. Immer vier bilden ein Quadrat.“

 

„Dann sind die kleinen Kreise die Augenflecke auf den Flügeln.“

 

„Genau. In Frankreich heißen diese Falter ‚Paon du jour‘.“

 

Sie hielt sich das Bild dicht vor die Augen, um die Details zu studieren. Auf dem Augenfleck des Schmetterlings, der genau im Schnittpunkt der Diagonalen lag, entdeckte sie ein E, und schräg links darunter ein L.

 

„Wisst ihr was“, sagte sie ungläubig. „In einigen Augen sind Buchstaben.“

 

„Lass mal sehen“, sagte Alexander und nahm das Bild an sich. „Tatsächlich.“

 

Wie er feststellte, waren insgesamt 16 Augenflecken mit kleinen Buchstaben versehen, auf eine Weise, dass sich zwei Schmetterlinge mit Buchstaben höchstens an den Flügelspitzen berührten. Sie ergaben jedoch weder horizontal noch vertikal gelesen einen Sinn. Er gab das Bild an Hilde weiter.

 

Obwohl Hilde ihre Brille absetzte und sich dem Bild bis auf wenige Zentimeter näherte, behauptete sie, nichts von irgendwelchen Buchstaben erkennen zu können.

 

„Mutter“, sagte Kim, „ich kann Dir eine Lupe holen.“

 

„Nicht nötig. Ich hole unser ‚Scrabble’, und Du diktierst mir die Buchstaben.“ Sie stand auf, um das Spiel zu holen.

 

„Ich habe doch gesagt, dass das Bild eine Botschaft enthält“, sagte von Haase und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus.

 

„Hast Du das?“ fragte Alexander.

 

Hilde kehrte zurück, setzte sich und wühlte im Säckchen mit den Holzbuchstaben. „Was brauchen wir?“

 

„Ich schreibe mit“, sagte von Haase.

 

R und E“, sagte Alexander langsam. „I und L. T und H. G und E. L und C. O und L. E und S. H und R.“

 

„Drei L“, sagte Hilde, während sie die Buchstaben auf dem Holzbänkchen vor sich betrachtete. „Drei E, zwei R, zwei H. Je ein S, ein C, ein I, ein T, ein G und ein O“.

 

„Soll das ein Anagramm sein?“, fragte von Haase und starrte auf das Papier mit der Buchstabenreihe vor sich.

 

„Da steckt HEILSLEHRE drin“, sagte Hilde, die eifrig die Buchstaben hin und her schob. „Rest 6. Und ORCHESTER. Rest 7.“

 

„ERLOESTER“, ergänzte Kim. „Auch Rest 7.“

 

„Wenn es mehr als ein Wort sein darf“, mumelte Hilde, „steigen die Möglichkeiten natürlich. ESCHER HOLT GRILLE. Rest Null.“

 

„Null und nichtig würde ich sagen“, sagte von Haase. „ESCHER HOLT GRILLE... Wie lautete der eine Spruch, mit dem er mich begrüßte? Käfig sucht Vogel? Der Mann war nicht umsonst in der Klapse.“

 

„Moment mal“, sagte Alexander, der sich am Buchstabenlegen nicht beteiligt hatte. „Warum sind die Buchstaben eigentlich so seltsam über das Bild verteilt? Er hatte 8 mal 8 Felder zur Verfügung. Genutzt hat er aber nur 16, und ganz ohne Symmetrie. Trotzdem möchte ich wetten, dass der Verteilung irgendein System zugrunde liegt.“

 

Bis auf von Haase, der weiter mit seiner Buchstabenreihe beschäftigt war, starrten alle auf das Bild. „Ich habe SCHLEHE und ORGIE“, sagte von Haase. „Rest nur 4.“

 

„Wenn Sammy noch unter uns wäre, hätte er sicher eine Idee“, sagte Hilde. „Das Schachbrett hat auch 8 mal 8 Felder.“

 

„Es ist ein Schachbrett“, sagte Kim langsam. „Und es sind die Züge eines Springers. Er kann immer nur ein Feld vor und eins zur Seite gehen. Oder erst eins zur Seite und dann eins vor. Genau wie hier.“

 

Sie fuhr mit dem Finger vom E zum L und weiter zum R. Dann hielt sie das Bild vor die Kamera und wiederholte die Bewegung.

 

„Natürlich“, sagte Hilde. „Das ist es. Es ist ein Rösselsprungrätsel.“

 

„Und das geht wie?“, fragte von Haase.

 

„Du suchst Dir ein Startfeld und machst einen Rösselsprung nach dem andern. In dem Fall von Buchstabe zu Buchstabe, mit der vorgeschriebenen Bewegung, wie Sheila schon sagte, eins vor und eins zur Seite, oder umgekehrt. Ich hole mal ein Schachbrett. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht rauskriegen.“

 

„Das ist die Ordnung, nach der wir gesucht haben“, sagte Alexander. „Das System.“

 

Hilde kam mit einem Schachbrett zurück, und Kim verteilte die 16 Buchstaben, die nebeneinander auf Hildes Holzbänkchen standen, nach der Vorlage des Bildes auf dem Schachbrett. „Aber wo ist der Anfang?“ fragte sie und sah dabei Alexander an.

 

„Das weiß ich nicht“, antwortete Alexander. „Es spielt auch keine Rolle. Wir müssen nur auf die richtige Piste kommen.“

 

„Ich würde mit einem der E’s beginnen“, schlug von Haase vor. „Das E ist der am häufigsten benutzte Buchstabe.“

 

Alexander nickte. „Stimmt. Und genau deshalb würde ich damit nicht anfangen. Ich würde sagen, wir starten mit C und H. Weil C und H wahrscheinlich hintereinander stehen. Denk an die vielen Worte mit ch. Zum Beispiel Schock. Oder Scharlatan.“ Er bemühte sich, von Haase dabei nicht anzusehen.

 

„Alexander hat Recht“, sagte Hilde. „CH ist eine gute Idee. Schreibst Du mit, Maurice?“

 

„Oui, ma générale“, sagte von Haase. „CH.“

 

Hilde drehte die beiden Buchstaben auf dem Schachbrett um. „Was kommt nach dem H?“

 

„Es gibt zwei Möglichkeiten, zu einem E zu springen“, sagte Kim.

 

„Wir nehmen die erste. Mal sehen, wo das hinführt. CHE. Weiter.“

 

 
 
 
2. Sept.
3 Min. Lesezeit

Für den Video-Chat mit von Haase hatte Alexander im Wohnzimmer seinen Laptop aufgebaut. Als die Verbindung hergestellt war, rief er Hilde und Kim, und sie nahmen auf den drei Küchenstühlen Platz. Von Haase schien sich ehrlich zu freuen, als er Hilde auf dem Bildschirm seines Computers sah, von Alexander und Kim flankiert.

 

„Hilde, meine Liebe“ sagte er mit einem strahlenden Lächeln. „Du siehst bezaubernd aus. Wie geht es Dir?“

 

„Na, wie wird es mir schon gehen nach so viel Aufregung?“, antwortete Hilde. „Man macht sich Sorgen, die Sorgen lassen einen nicht schlafen, das hat man morgens in den Knochen, und damit fängt der Tag bereits schlecht an.“

 

Kim legte einen Arm um ihre Mutter und schmiegte sich an sie. „Wir stützen uns gegenseitig“, sagte sie.

 

„Und, was treibst Du so?“, wollte von Haase wissen.

 

Hilde hob theatralisch beide Hände. „Was denkst du? Ich mache meine Gymnastik, ich koche, ich gehe einkaufen, ich halte die Wohnung sauber. Fernsehen wenig. Das Fernsehen will einem bloß einreden, alles sei interessant. Blödsinn!“

 

„Fühlst Du Dich nicht manchmal einsam? Ich meine, wenn Du nicht gerade Besuch hast?“

 

„Wieso? Hier bin ich für mich und kann mich gehen lassen. Ich brauche keine große Gesellschaft. Was soll ich damit? Wichtig ist, dass man etwas mit sich anzufangen weiß.“

 

Von Haase erkannte, dass seine alte Freundin nicht in Plauderstimmung war und wendete sich übergangslos Kim zu.

 

„Und Sheila, wie ist es Dir und Deinem Mann ergangen?“

 

„Uns geht es gut“, antwortete Kim. „Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um Abstand zu dem, was passiert ist, zu kriegen… Aber jetzt funktioniere ich wieder ganz ordentlich. Und wie geht es Dir?“

 

„Es ist wie immer. Ich werde von Araya verwöhnt und gefordert.“

 

Im selben Moment ging im Hintergrund eine Tür auf, und Araya kam auf die Kamera zu. Sie schien von Haase etwas mitteilen zu wollen, zögerte aber.

 

„Was gibt es, Liebes?“ fragte er, ohne den Kopf in ihre Richtung zu bewegen.

 

„Entschuldigung“, sagte Araya, „das Schweizer Fernsehen ist am Telefon. Sie würden morgen gerne ein Interview machen. Mit Dir. Wegen dem Alien.“

 

„Was?“ sagte von Haase und drehte sich zu ihr. Gesichtsausdruck und Stimme verrieten Empörung. „Wegen DOMINIQUE? Kommt gar nicht in Frage. Woher wissen sie das überhaupt? Sag ihnen, kein Gesprächsbedarf. Nein, warte. Sag ihnen, ich bin zurzeit in Chichén Itzá, Yucatán.“

 

Araya drehte sich wortlos um und verließ den Raum, und von Haase wandte sich wieder der Bildschirmkamera zu. „Habt ihr das gehört“, sagte er kopfschüttelnd. „Jetzt sind mir schon die Fernsehfritzen auf den Fersen. Ich glaube, es wird höchste Zeit, dass wir unser gemeinsames Projekt zum Abschluss bringen.“

 

Alexander hielt es für sehr wahrscheinlich, dass die Szene lediglich gestellt war, um sie unter Druck zu setzen. Er hielt von Haase nicht für so dumm, sich vorzeitig an die Medien zu wenden. Trotzdem sagte er: „Maurice, wir haben nichts in der Hand. Wenn wir verfrüht damit herauskommen, haben wir verloren.“

 

„Natürlich“, sagte von Haase und tastete sein Jackett nach dem Zigarettenetui ab. „Ich denke ganz genauso. Aber wir ihr seht, rückt man mir schon auf die Pelle. Ich werde mich nicht mehr lange verleugnen lassen können. Und ehrlich gesagt –“ Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in Richtung Bildschirm. „Ehrlich gesagt, bin ich selbst schon ein bisschen ungeduldig.“

 

„Uns geht es genauso“, mischte sich Kim ein. „Deswegen wollten wir gemeinsam mit Dir überlegen, wie wir jetzt weiter verfahren.“

 

Von Haase ließ sich in seinem Schreibtischstuhl nach hinten fallen und schlug die Beine übereinander. „Alexander hat mir erzählt, dass Holtz Dir ein Bild geschenkt hat, bevor er... Was ist eigentlich mit dem Bild passiert?“

 

„Ich habe es mitgebracht. Vielleicht hätte ich es der Polizei geben sollen, aber ich habe einfach nicht daran gedacht.“

 

„Du hast gesagt, er hat Dir das Bild sogar gewidmet“, erinnerte sie Alexander.

 

„Ja, auf seine Weise. Mit einer Zettelbotschaft.“

 

„Und wie lautete diese – Botschaft?“, fragte von Haase hinter einer Rauchwolke.

 

„Es war keine richtige Widmung. Er hat bloß dem Bild einen Namen gegeben“, antwortete Kim. „Ich glaube, er hat Erinnerungsbild dazu gesagt. Nein, jetzt fällt es mir ein. Er hat es Gedächtnisbild genannt. Gedächtnisbild für Madame Fairchild.

 

„Ist doch klar“, seufzte von Haase. „Zu seinem ewigen Gedächtnis. Mit ewig hat er es ja gehabt. Wie hieß sein Lieblingsspruch noch? Alles endet ewiglich. Schrecklich.“

 

„Aber das Bild ist schön“, sagte Kim. „Eine Tüftelei. Sehr eindrucksvoll.“

 

„Es war sein Abschiedsgeschenk für Dich, Sheila. Vielleicht hat es irgendeine Bedeutung. Habt ihr mal darüber nachgedacht?“

 

„Bisher nicht“, antwortete Alexander.

 

„Es liegt nebenan“, sagte Kim. „Willst Du es mal sehen?“

 

„Ja bitte. Vielleicht gibt es irgendetwas her.“

 

 
 
 
26. Aug.
5 Min. Lesezeit

 

Kim saß in der Küche ihrer Mutter vor ihrem unberührten Frühstück. Ein Teller aus feuerfestem Steingut mit einem Stück Baguette. Eine Teetasse. Das Glas mit dem selbstgemachten Quittenmus. Auf dem Stövchen die Teekanne, Porzellan mit blauen Blümchen. Sie nahm die Tasse in die Hand und stützte ihren Ellenbogen auf den Tisch. Die Tasse in ihrer Hand zitterte.

 

Hilde hatte darauf bestanden, dass Kim so bald wie möglich nach Hause kam, und unter Zuhause verstand sie Clamart. Alexander verzichtete auf Einwände irgendwelcher Art, denn Hilde hatte Kims „Zustand“ betont, und er wollte sich keinesfalls dem Vorwurf aussetzen, rücksichtslos und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht zu sein. Jetzt waren beide zum Einkaufen in die Stadt gegangen.

 

Sie bemühte sich, in jene Welt zurückzukehren, in der es weitgehend vorhersehbar und vernünftig zuging, aber diese Welt war aus den Fugen geraten. Wieder und wieder sah sie Holtz auf dem Hinterhof liegen, den zerschmetterten Körper, umflattert von kleinen Schmetterlingsflügeln, die sich bei seinem Fall gelöst oder von der Wucht des Aufpralls hochgewirbelt worden waren. Die Polizisten hatten gestaunt, wieso innerhalb der Absperrung so viele tote Schmetterlinge herumlagen; dass es sich nur um körperlose Flügel handelte, war ihnen nicht aufgefallen.

 

Die Erinnerung füllte ihr Bewusstsein aus wie ein Traum. Überall waren Bilder und Worte, die sich in ihrem Kopf auf ungeregelte Weise vermischten. Sie nahm die Hände vom Tisch und legte sie auf ihre Oberschenkel. Es war, als hätte man sie an den Stuhl gefesselt und gezwungen, einen Film anzusehen, einen entsetzlichen Film, in dem sie die Rolle der Mörderin spielte. Kälte kroch ihren Rücken hinauf. Ihre Augen wanderten durch den Raum auf der Suche nach etwas Vertrautem, das sie retten konnte. Nicht der Herd mit der Kasserolle, nicht die Schublade mit den Messern und den Fleischspießen, nicht die Spüle mit dem schmutzigen Frühstücksgeschirr. All das strahlte Schuld aus, da konnte der Psychologe noch so viel dementieren. Sie musste ihren Blick auf etwas Schönes richten. Auf der Anrichte in der Küche stand seit Ewigkeiten eine Waschschüssel aus Steingut, das einzige Erbstück, das sich noch auf ihre irische Urgroßmutter zurückführen ließ. Die Schüssel war immer leer, sie wurde nie benutzt, und genau das gefiel ihr jetzt.

 

Sie klappte den Laptop auf, den Alexander auf dem Küchentisch zurückgelassen hatte. Statt des üblichen Bildschirmhintergrunds blickte sie auf ein Selfie, das sie vor etwa drei Wochen auf dem Gipfelplateau des Grand Ballon, vor dem Denkmal für die Diables bleus, aufgenommen hatten, mit der blendend weißen Radarstation im Hintergrund. Alexander hatte es gut gemeint, aber ihr Verstand sträubte sich gegen die aufgezwungene Erinnerung.

 

Sie schloss die Bilddatei, klickte auf die Suchmaschine und tippte das Wort „Verstand“ ein. 36 Millionen Ergebnisse. Sie fügte „Sprache“ hinzu, aber zu ihrer Überraschung stieg die Trefferzahl auf 37 Millionen. Erst die Ergänzung „Tod“ ließ sie auf unter 6 Millionen sinken. Die mit freiem Assoziieren verknüpfte Suche begann ihr Spaß zu machen. Nachdem sie ein Dutzend weiterer Wörter, die ihr zufällig in den Sinn gekommen waren, in die Suchmaske eingegeben hatte, wurde sie auf eine Website geleitet, die mit einem längeren Zitat von Swedenborg um Aufmerksamkeit warb; jenem Swedenborg, dessen Name, nachdem sie ihn entziffert hatten, zum Schlüssel für alles Weitere geworden war.

 

Für die ihrer irrdischen Hülle entledigten Engel giebt es weder Tage noch Jahrszeiten noch Jahre, vielmehr messen sie ihr ganzes Daseyn nach den Gedanken oder nach dem innern Zustand ihrer Liebe und Weisheit ab. Dies scheint dem menschlichen Verstand zu hoch, weil keine Empfänglichkeit dafür vorhanden. Die Zeit so von den Schritten des Todes bezeichnet wird, und auf der Erde nur ein Aufhören des Seyns ist, kann uns über das Geistige keinen Aufschluß geben. Jedoch lassen sich diese Dinge bei dem himmlischen Licht betrachten, und derjenige der mit reinem Verlangen, seinen Verstand standhaft und anhaltend bis zu diesen erhabenen Gegenständen erhebt, wird Begriffe erhalten, die ihm die ausdruksvollste Sprache nicht gewähren kann. Eine solche Erhebung des Verstandes kann aber nur insofern statt finden, als man von irrdischen Begriffen von Raum und Zeit abstrahirt. Es giebt keine Zeit in dem Himmel, aus derselben Ursache warum es keinen Raum giebt, und die einzige Fortschreitung in dem geringern oder höhern Grad der Liebe und Weisheit der Engel besteht.

 

Kim stand auf, ging zum Küchenfenster und lehnte ihre Stirn an das kalte Glas. Sie fühlte sich so erschöpft, als sei sie eben den Montmartre-Hügel hinaufgejoggt. Vor dem Haus gegenüber stand ein Umzugswagen, zwei Möbelpacker trugen Kartons zur Ladefläche, wo sie von einem dritten entgegengenommen, zusammengeschoben und gestapelt wurden. Eine junge Frau ins Jeans und T-Shirt trat aus dem Haus. Vor ihrer Brust trug sie einen großen Blumentopf mit einem Birkenfeigenbäumchen, an dessen Geäst nur noch ein paar blasse Blätter hingen. Es sah aus, als würde sie ihn umarmen.

 

Bei der kriminaltechnischen Untersuchung hatte sich herausgestellt, dass Holtz das Fensterschloss manipuliert hatte, sodass es sich nicht nur, wie vorgesehen, bloß kippen, sondern ganz öffnen ließ. Auch das war als Beweis dafür gewertet worden, dass sich Holtz schon länger mit Selbstmordgedanken getragen hatte. Hier an diesem Fenster, stellte Kim fest, war keine Sicherung angebracht, es ließ sich kippen und vollständig öffnen. Sie probierte es ein paar Mal, dann stellte sie sich vor das offene Fenster. Sie blickte auf eine mächtige Kastanie. Es musste schön sein, diesen Baum anzufassen. Vielleicht ließ er sich sogar erklettern, von seiner ersten Verzweigung bis in die Spitze.




Als Hilde und Alexander nach Hause kamen, fanden sie Kim vor dem laufenden Fernseher schlafend im Wohnzimmersessel vor. Im Traum hielt sie eine Blume in der Hand, deren Stängel sich zu drei Blütenköpfen verzweigte, die die Gesichter von Alexander, von Haase und Holtz trugen, aber sämtlich in Regenbogenform. Gebannt sah sie zu, wie sich aus jedem Regenbogen ein Wort formte: Verkehr, verkehrt, verquer, aber kaum war der letzte Buchstabe gebildet, schrumpften die Regenbogen zusammen; übrig blieb nur ein kopfloser Stängel. Dann wurde ihr dieser aus der Hand gerissen, und gleichzeitig wurde sie geschubst.

 

Sie schlug sie die Augen auf. Das Tageslicht überflutete sie so plötzlich, dass es schmerzte und sie Mühe hatte, etwas zu erkennen. Undeutlich, wie nebelverhangen, kamen ihr die beiden Gesichter vor, die auf sie herabschauten.

 

Noch halb verstrickt in die Spinnweben des Traums, erinnerte sie sich, dass sie zuletzt vor dem Fernseher gesessen hatte, in der Hoffnung, die Nachrichtensendung würde sie in die Gegenwart zurückholen, aber das Gefühl, ein Teil dieser Welt zu sein, war ihr auf gründliche Weise abhanden gekommen; die zwischendurch eingeschobenen Filme mit Berichten von Attentaten und militärischen Scharmützeln erschienen ihr fern und unverständlich.

 

Alexander rückte einen Stuhl heran und setzte sich vor sie hin. In Kims hellbraunen Augen glänzten Tränen. Er ergriff ihre Hände.

 

„Wie geht es Dir?“

 

„Mir geht es gut. Ich bin eingeschlafen.“

 

„Möchtest Du etwas essen?“

 

„Nein.“

 

„Oder Spazierengehen?“

 

Es fiel ihr schwer zu begreifen, was er von ihr wollte. Oder hatte sie etwas überhört, Worte, die seiner Rede Sinn gaben? Es war unangenehm, ihn über so banale Dinge wie Essen oder Spazierengehen reden zu hören.

 

„Nein“, sagte sie entschlossen. „Ich möchte arbeiten. Ich möchte die Sache mit DOMINIQUE zu Ende bringen.“

 

„Du bist tapfer.“

 

„Ich möchte ihn sehen, ich möchte ihn anfassen.“

 

„Ich könnte natürlich versuchen, von Croqué die Erlaubnis zu kriegen, ihn eingehend zu untersuchen. Aber früher oder später kommen wir an den Punkt, wo wir ihn einweihen müssen. Und Croqué, das wissen wir jetzt, ist ein Halunke und anscheinend skrupellos hinter Geld her. Der Bursche ist noch gerissener als von Haase. Das ist eine heikle Angelegenheit.“

 

„Du hast Recht. Leuten dieses Formats sind wir nicht gewachsen. Wenn einer ihm Paroli bieten kann, dann ist es Maurice.“

 

„Ist das Dein Ernst?“

 

„Maurice. Nur Maurice.“

 

 
 
 
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