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Hilde hatte bereits angefangen, den Brief ein zweites Mal zu lesen, als würde sie ihren eigenen Worten nicht trauen. „Keinerlei Kennzeichen für einen funktionierenden Blutkreislauf“, murmelte sie, „ein Netzwerk fremdartiger einsaugender Gefäße und seltsamer Membranen.“


„Alexander“, sagte Kim tonlos, „was bedeutet das?“


Alexander spülte den Bissen in seinem Mund mit einem Schluck kalt gewordenen Kaffees herunter. „Ich würde sagen, wie bei Oberlin ist auch das ein Versuch, etwas zu beschreiben, was einem fremd ist. Niemand von uns kann etwas erkennen und beschreiben, wofür ihm die Maßstäbe fehlen. Oder, um es anders zu sagen: Die Hand kann nur malen, was das Auge kennt.“


„Aber das ist doch Quatsch“, fuhr ihn Kim an. „Haben Bosch oder Breughel etwa nur gemalt, was sie gesehen haben, oder Escher oder Dalí? Und was ist mit den ganzen Abstrakten?“


„Dein Einwand ist nicht triftig, meine Liebe“, erwiderte Alexander gelassen. „Bosch, Breughel, Dalí und all die andern haben lediglich Ungewöhnliches zusammengefügt. Fremdes, Anderes, Unbekanntes haben sie nicht gemalt. Es gibt zwar keinen Giraffenhals mit Schubladen, aber es gibt Giraffen und Schubladen.“


„Dann ist Dein Satz von der Hand, die nur malen kann, was das Auge kennt, eben Quatsch. Im ersten Moment hört er sich gut an, und wenn man nachfragt, wird er ganz hohl.“


Alexander ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Kein Schöpfer kann seinen Kreaturen andere Eigenschaften verleihen als die ihm bekannten. Richtig? Folglich muss jeder Schöpfer auch sämtliche Eigenschaften seiner Kreaturen kennen. Wie geht der Mensch mit Phänomenen um, die seine Vorstellungskraft übersteigen, wofür er kein Konzept hat? Er greift zu Metaphern. Man muss sich nur klarmachen, dass für viele Phänomene überhaupt keine Begriffe existieren. Sie werden von den Wissenschaftlern aus der Natur geborgt. Wenn ein Physiker zum Beispiel von Teilchen oder von Wellen spricht, denken wir an Sandkörner oder Bewegungen im Wasser. Dabei sind es lediglich Analogien, schräge Vergleiche, um diese Phänomene einigermaßen fassbar zu machen. Es setzt aber voraus, dass wir wenigstens Sandkörner und Wellen aus der Beobachtung kennen. Würden wir sie nicht kennen, wie sollten wir sie dann beschreiben können? Wenn Du mal darüber nachdenkst, wirst Du mir zustimmen.“


„Vielen Dank für die Belehrung“, erwiderte Kim verärgert. Alexanders gönnerhaftes Auftreten weckte schlummernde Gefühle bei ihr, ließ sie für einen Moment wieder zur Tochter von Sammy Hahneman werden, und das machte sie störrisch. Ihr sonst so lebhaftes Mienenspiel fror ein, und sie ging in Verteidigungsstellung.


„Nicht überzeugt?“, fuhr Alexander fort. „Dann lass es mich mal mit einem Beispiel versuchen. Angenommen, Julius Caesar hätte eines Morgens einen Fernseher in seinem Badezimmer vorgefunden, auf dem gerade die Nachrichten von CNN liefen. Wie hätte er Brutus den Apparat beschrieben? Ich denke, vielleicht als Zauberspiegel, in den man hineinschaut, aus dem aber etwas vollkommen anderes herausschaut. Und jetzt stell Dir vor, der Fernseher wäre in der Höhle eines Neandertalers gestanden. Wie – und wir können mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass er die Fähigkeit besaß, sich sprachlich zu artikulieren, vielleicht in einer Art Singsang, einer Sprache ohne Wörter – wie hätte er seinem Clan das Wunder beschreiben können? – Siehst du, und genau das meine ich. ­– Oder“, fügte er hinzu, „um es mit Darwin auszudrücken: Man sieht nur, was man schon weiß und versteht.“


„Darwin hat das bestimmt nicht so gesagt“, grummelte Hilde, „und wenn doch, hat er es irgendwo abgeschrieben.“


„Professor Himly war alles andere als ein sprachferner Neandertaler“, konterte Kim. „Er dürfte in seiner jahrzehntelangen Praxis als Anatom so manches zu Gesicht bekommen haben. Dem haben bestimmt keine Parameter gefehlt. Aber so einen wie unseren DOMINIQUE hat er noch nie auf seinem Seziertisch gehabt. Und da Du doch einigermaßen vom Fach bist, jedenfalls mehr als wir, hätte ich gerne von Dir gehört, wie Du seine Beobachtungen deutest.“


Statt einer Antwort hob Alexander die Schultern und zog gleichzeitig die Mundwinkel nach unten.


„Verdammt noch mal, Alex, jetzt sei doch nicht so verflucht cool!“ rief Kim. „Eine Species, welche auf Erden nicht ihresgleichen hat… Das ist doch sensationell! Das passt doch alles zusammen! Für Oberlin, den Theologen, war es eine Engelskreatur, für Himly, den Mediziner, ein nichtmenschliches Wesen, nämlich ein Zwitter mit einem riesigen Kopf und inneren Organen, die leuchten… Das ist doch ganz klar, das ist –“


„Ein Alien“, vollendete Alexander den Satz.


„Ja! Was denn sonst!“


„Extrasolaren Ursprungs?“


„Es sieht danach aus, oder?“


Alexander lachte kurz auf, dann wandte er sich an seine Schwiegermutter. „Und was meinst du, Hilde?“


„Mich“, antwortete diese, „erinnert die ganze Sache an die Bücher meines Freundes Maurice von Haase. Der hat immer schon von Besuchern aus dem Weltraum fabuliert. Hat er am Ende Recht?“


„Ich fasse zusammen“, sagte Alexander. Er liebte es, wenn Kim sich so ereiferte, und er konnte nicht widerstehen, ihr noch einen zusätzlichen Schubs zu geben, damit sie nicht nachließ in ihrem Schwung. „Meine Frau, eine renommierte Journalistin, die unter anderem für ‚Natural History‘ und ‚Nature‘ schreibt, erklärt DOMINIQUE zu einem Alien, meine hochverehrte Schwiegermutter, Gymnasiallehrerin im Ruhestand in der Weltstadt Paris, dem ehemaligen Zentrum der Aufklärung, zu einem Reisenden, was wohl auf dasselbe herauskommen dürfte. Willkommen im Reich der Prä-Astronautik. Leider kenne ich mich damit nicht aus. Ich bin Anthropologe. Paläo-Anthropologe, um genau zu sein. Ich beschäftige mich mit Hominiden, nicht mit Humanoiden. Sorry.“

 

 
 
 

Die Tage vergingen mit Spaziergängen und Museumsbesuchen. Gemeinsam sahen sie sich das Pariser Musée du quai Branly für außereuropäische Kunst an, das Institut du monde arabe und, auf Kims Wunsch, das Museum für erotische Kunst im 18. Arrondissement, in Nachbarschaft zum Moulin Rouge. Die Post aus Donaueschingen kam am fünften Tag ihres Aufenthalts, als sie beim Frühstück saßen.


„Hoffentlich kein Negativbescheid“, murmelte Alexander, denn es war ein normaler Fensterumschlag im Längsformat. Er hatte auf einen größeren Brief gehofft, mindestens im amerikanischen Letter-Format, mit Fotokopien.


Hastig riss er den Brief mit einem Küchenmesser auf. Ein gewisser Dr. Müller-Willems teilte mit berufsmäßiger Sachlichkeit mit, dass „das gewünschte Dokument“ 14 Tage auf einem Server zum Abruf bereit liege. Weiter hieß es, Absender und Datum des Briefs ließen die Vermutung zu, dass es sich um das gesuchte Schriftstück handle.


Nachdem Alexander dem Link gefolgt war und das Passwort eingegeben hatte, konnte er ein Dokument mit dem Titel Himly, Friedrich an Zünsler, Bernhard, eigh. Br., Straßburg, 1788-11-25 herunterladen. Als er es öffnete, erwies es sich als achtseitiger Brief in deutscher Kanzleischrift.


Alexander reichte den Laptop an Kim weiter, die die Seiten kurz überflog, bevor sie ihn ihrer Mutter aushändigte. Offenbar war sie selbst mit der Entzifferung überfordert. Hilde holte ihre Lesebrille aus dem Wohnzimmer, setzte sie auf, räusperte sich und begann vorzulesen. Nur bei einigen Fremdwörtern geriet sie ins Stocken; im Übrigen las sie flüssig. Immer wenn sie am Ende der Seitenanzeige angelangt war, beugte sich Kim zu ihr herüber und scrollte weiter zur Fortsetzung.

 

Strasburg, d. 25. Novbr. 1788.

Gottes Gruß und Segen zuvor!

Trotzdem Sie mich, hochverehrter Freund, seit längerem mit keiner Zuschrift ihrerseits mehr erfreut, nehme ich mir, unter der Maaßgabe, daß dieße Mitteilungen vertraulich bleiben, weil zu befürchten ist, daß eine Verbreitung der gefährlichen Folgerungen derjenigen, die unbefugt darüber urtheilen, geeignet seyn könnte, die Ruhe und Gottergebenheit der gewöhnlichen Werkeltagsmenschen zu stören, die Freiheit, Ihnen das gestern in unsern Mauern stattgehabte außerordentliche Sectionsergebnis zu offenbaren, welches, meiner Ansicht nach, in doppelter Beziehung von Interesse ist, gleichviel ob man das nachfolgend beschriebene Individuum als Rarissimum der menschlichen Species oder als eine gänzlich neue Species ansehen mag, welche auf Erden nicht ihresgleichen hat, und hoffe dabey auch fürderhin auf Ihr liebendes Wohlwollen.


Gestern bringt mir mein Gehülfe die Leiche eines 46 franz. Zoll kleinen und nahe 60 Pfund schweren Individuums in gutem Ernährungszustand mit einem abnorm großen Schädel, der dem eines Turricephalus ähnelt. Heute Vormittag 9 Uhr wird von mir die Leichenöffnung vorgenommen. Todtenflecken sind bemerklich am Rücken und an den Extremitäten, grünliche Flecken am Unterleibe, als Spuren beginnender Verwesung; solches bey übrigens durchgehender Röthe der Haut. Die Gesichtszüge sind wenig entstellt, jedoch mit dem Ausdrucke tiefen Schmerzes. Die weitere äußere Untersuchung ergibt bereits die erste Überraschung, indem ich gleich auf den ersten Augenschein die beiden Geschlechter entdecke, eines über dem andern liegend, wobei sich die untenliegende Vulva keineswegs als reines Trugbild erweist. Auch das männliche Glied ist durchaus kräftig und nicht, wie man es bei angeblichen Hermaphroditen häufig findet, bloß eine stark entwickelte Clitoris. Sonst zeigt sich weiter nichts Auffallendes.


Ich schreite nun sogleich zur Öffnung des Schädels, der sich, aufgrund des dünnen Schädeldachs, sehr leicht sägen läßt. Nach Eröffnung der Durageht aus dem Subduralraum eine klare, gelbliche Flüssigkeit ab. Das Hirn ist sehr weich und stark vergrößert (beynahe 6 Pfund Gewicht) und, wie einige Längsschnitte ergeben, von besonders feiner und zarter Structur und Construktion.

Die Eröffnung der Brusthöhle ergibt nun eine zweite, noch größere Überraschung. Ich sehe Ordnung mit wunderbarer Mischung, Zärte mit unbegreiflicher Stärke, Einfachheit bei größter Mannigfaltigkeit. Keinerlei Kennzeichen für einen funktionierenden Blutkreislauf, an dessen Statt ein Netzwerk fremdartiger einsaugender Gefäße und seltsamer Membranen. Jedes Organ reagiert bei Berührung mit dem Seziermesser mit einem grünlichen Leuchten, das auch bei mehrmaligem Wiederholen nicht ausbleibt. Unsymmetrische Anordnung der Lungen, die rechte mit der Pleuravorn verwachsen und kaum mit dem Messer zu trennen. Das Herz überaus seltsam, gleichsam ein leerer faseriger Beutel, den ich in Stücke zu zerflocken vermag.


Bei der nachfolgenden Eröffnung des Unterleibes tritt sogleich eine Menge schmieriger, ziemlich konsistenter, fast sulziger Flüssigkeit aus. Die Beschau ergibt eine Inversion aller Organe der Bauchhöhle. Die Öffnung der innern Geschlechtstheile erweist sowohl den Zuführungskanal, welcher von den Testikeln ausgeht und sich in ein Samenbläschen rechts öffnet, welches seinerseits mit dem Kanal der Ruthe durch einen Ausspritzungsgang in Verbindung steht, als auch zwischen der Harnblase und dem dicken Gedärme eine gedrückte Bärmutter. Der links liegende Eyerstock ist vollkommen gesund und in der Größe einer Haselnuß. Angesichts einer solchen überraschenden Zwitterorganisation muß ich gestehen, daß ich durchaus keine Unmöglichkeit einsähe, daß dieß Individuum sich selbst und ohne Hinzukommen eines Zweyten hätte befruchten können.

So viel der Thatsachen.


Auf den Vorhalt, daß er wohl kaum auf ordentlichem Wege an dieße Leiche hat gelangen können, legt sich mein Gehülfe, ein verschlagener Kerl, den ich stets, doch, wie ich ietzo erkennen muß, ganz vergeblich, zu Wahrheit und Redlichkeit ermahnt habe, erst auf Betrug und läugnet frech. Auf meine Androhung, sogleich bey dem Dekan der medizinischen Facultät Anzeige zu machen, fängt er auf das Heftigste an zu weinen, spricht von seinem kranken Weibe und vier kleinen Kindern, welche er zu versorgen hat, und gibt zu, die Leiche unter der Hand von seinem Geschwisterschwager, welcher als Todtengräber in einer kleinen Gemeinde im Steinthale tätig ist, für 15 Francs erhalten zu haben, welche er dem Institute d.h. mir treulich in Rechnung gestellt habe; Näheres über die Herkunft des merkwürdigen Leichnams will er bei seinem Verwandten in Erfahrung bringen und mir sodann unverzüglich mittheilen. Doch wie sich sogleich zeigt, ist die Reue nur Schein. Denn sobald ich dem Kerl offenbare, daß ich mich gleichwohl außerstande sähe, ihn fernerhin als meinen Amanuensis bei den außergerichtlichen Sectionen zu beschäftigen, wechselt er schlagartig vom Zustand tiefster Zerknirschung zur heftigsten Wuth, greift in der Erregung sogar nach der Rippenschere, worauf ich ihn maaßvoll daran erinnert, daß es nur eines Winks von mir bedürfe, um ihn wieder ins Correktionshause zu bringen, aus dem ich ihn einst befreyt.


Verehrungswürdiger Freund! Sie werden mir freylich zustimmen, daß dieß wahrhaft außerordentliche Ereigniß der fragwürdigen Umstände wegen, die mir zu dießem Object verholfen und deren Verfolgung durch die Polizeybehörde die schädlichsten Consequenzen haben dürfte, keine Publicität verträgt. Der Medicus als Mensch und als Christ kann gewiß unzähligen Vortheil von der Kenntnis des menschlichen Körpers schöpfen. Indem er vermag, durch die undurchsichtige Hülle des Körpers zu schauen, vermag er auch, dem Krankheitsübel entgegen zu treten, in welcher Gestalt es sich auch zeigt. Zu dießem Wissen können wir aber nicht anders gelangen, als durch die mühevolle Untersuchung erblaßter Nebenmenschen. Dieß Vermögen der ärztlichen Fachwissenschaft gilt es gegenüber den Zumutungen behördlicher Supravision und der schrankenlosen Neugier eines großen Publikums zu behaupten und zu vertheydigen. Ihnen aber, meinem väterlichen Freund und Seelsorger, der Sie mich auf allen meinen Lebenswegen erst durch ihre Gegenwart, dann durch Correspondenz treulich begleitet, durft’, ja mußt’ ich’s sagen. Ich suche gewißlich Gott in allen Fasern und finde seine Spur in allem Natürlichen und Würklichen, doch dieße Section gibt mir erstmals in meiner Carriere Anlaß zu zweifeln, daß ich es würklich mit einem gottgemachten Geschöpf zu tun gehabt.


Ein paar Zeilen aus Ihrer Feder würden mich in dießem critischen Moment sehr erfreuen. Und nun küsse ich Ihre theure Hand und bin,

hoffend, wünschend und theilnehmend,

Ihr

Friedrich J. F. Himly

 

Sie saßen wir erstarrt. Keiner sagte ein Wort. Alexander bewegte ganz langsam ein Stück Baguette in seinem Mund. Dann sagte Kim: „Wow!“

 

 
 
 

„Warum“, sagte Alexander, „wundern wir uns eigentlich nicht, dass DOMINIQUE 1788 begraben worden ist und trotzdem bis vorgestern noch in einer Ausstellung zu sehen war?“


„Also ich habe längst aufgehört, mich über irgendetwas zu wundern“, sagte Kim.


„Jemand wird ihn wohl rechtzeitig ausgebuddelt haben“, meinte Hilde.


„Das denke ich auch. Und so landete er auf dem Seziertisch von Friedrich Himly – den Namen verdanken wir ebenfalls Deinem Scharfsinn, Hilde.“


Statt einer Antwort wies Hilde mit dem Finger auf ihre Wange, wo sie einen weiteren Kuss von Alexander erwartete, der seine Schuld prompt beglich.


„Lass uns mal resümieren“, schlug Kim vor. „Wir haben ein Skelett –“


„Wir hatten es“, korrigierte sie Alexander.


„Na gut. Dann eben so: Wir haben ein Skelett gesehen. Wir haben herausgefunden, woher es stammt, aus der Gegend von Waldersbach. Am 21. November 1788 wurde der Tote beigesetzt. Wir haben das Protokoll von Pastor Oberlin. Irgendwie ist der Leichnam aber nach Straßburg gelangt, zu Himly. Aber wie?“


„Himly hatte vermutlich einen Vertrag mit dem Totengräber. Oder dem Sargtischler. Es spielt auch keine Rolle. Himly ist zwar auch schon seit schätzungsweise 200 Jahren tot, aber vielleicht gibt es Aufzeichnungen von seiner Hand. Willst Du nicht mal nachsehen, wo und wann er gestorben ist?“


„Mach es selber.“ Kim reichte ihm ihr Telefon.


Alexander tippte den Namen ein, versah ihn mit An- und Abführungszeichen und setzte noch die Berufsbezeichnung Anatom dazu. Googles Algorithmen bescherten ihm 11.344 Treffer. Er klickte den Wikipedia-Artikel an. „Friedrich Johann Fürchtegott Himly, geboren am 16. Juni 1737 in Karlsruhe, gestorben am 29. November 1788 in Straßburg.“


„Was?“ Kim schrie es fast.


Alexander starrte ungläubig auf das Display. „Er muss kurz nach der Sektion gestorben sein.“


„Den hat wohl der Schlag getroffen“, meinte Hilde trocken. „Oder er hat sich mit einem tödlichen Virus angesteckt.“


„Was damals nicht selten passierte“, bestätigte Alexander. „Mal sehen, ob ich etwas zur Todesursache finde.“


Er suchte in der Trefferanzeige nach Hinweisen auf eine ausführlichere Biographie und stieß auf eine Grazer Dissertation von Wendela Weiser mit dem Titel „Die anatomische Privatsammlung von Friedrich Johann Fürchtegott Himly unter besonderer Berücksichtigung ihres präparationstechnischen Profils“. In der Einleitung, die er schnell überflogen hatte, fanden sich ausführliche biographische Informationen.


„Keine Infektion. Himly ist ertrunken.“ Er blätterte weiter. „Seine anatomische Privatsammlung erbte größtenteils sein Sohn Philipp Friedrich Theodor Himly. Sie wurde 1803 vom französischen Staat angekauft und 1810 von der Universität übernommen. Gut gemacht, Frau Doktor Weiser. Mal sehen, ob ich im Quellenverzeichnis Hinweise auf einen Nachlass von Himly finde, Tagebücher oder Briefwechsel.“


„Wie hat man das nur früher geschafft?“, wandte sich Hilde an ihre Tochter. „Ich meine, dieses Recherchieren. Und es ging doch auch.“


„Natürlich ging es auch. Aber es dauerte alles einfach viel länger. Ich glaube, die Lebensdaten von Himly stehen nicht einmal im Lexikon, und die Todesursache sowieso nicht. Du musstest also in die Bibliothek gehen, in Fachbüchern herumsuchen, und wenn Du Pech hattest, musstest Du ein Buch aus einer auswärtigen Bibliothek bestellen, was ein bis zwei Wochen dauerte. Und mit einem einzigen Buch war es ja meist nicht getan.“


„Von Himly gibt es keinen Nachlass mehr“, verkündete Alexander, ohne den Blick vom Display zu wenden. „Er war bis zuletzt in Familienbesitz und ist höchstwahrscheinlich 1870 verbrannt, als Straßburg wochenlang von deutschen Truppen beschossen wurde. Es gibt ein Himly-Archiv in Karlsruhe, in seinem Geburtshaus – aber das scheint eine neuzeitliche Einrichtung zu sein. – Oh, wie schön: Frau Doktor Weiser hat auch Fundorte von Himlys Briefen verzeichnet.“


„Da könnt ihr aber froh sein, dass dieser Himly noch richtige Briefe geschrieben hat“, kommentierte Hilde. „Sonst wärt ihr doch aufgeschmissen. Was man sich heute schreibt, diese E-Mails oder SMS, die sind doch in Nullkommanichts futsch. Was bleibt eigentlich von eurer Generation übrig?“


„Auch dafür gibt es Speicher, Mutter.“


„So? Und wie sehen die aus?“


Bevor Kim die Frage beantworten konnte, meldete sich Alexander wieder zu Wort. Er sprach jetzt langsamer, weil er gleichzeitig las.


„Die umfangreichste Korrespondenz von Himly ist die mit Johann Friedrich Meckel in Berlin. Sie bricht allerdings 1774 mit Meckels Tod ab. Dann gibt es eine Reihe von Briefen an Johann Friedrich Lobstein, seinen Straßburger Kollegen. Der letzte Brief ist von 1784. Alle andern Briefwechsel sind kleiner und ziemlich verstreut. Sie sind nur summarisch verzeichnet. Immerhin mit Laufzeit. Paris… 1764 bis 1768… Wien… 1771…“


Weiteres verlief in Gemurmel, ehe sich Alexanders Stimme plötzlich wieder hob.


„In Donaueschingen, in der Fürstlich Fürstenbergischen Bibliothek, gibt es 36 Briefe an Bernhard Zünsler von 1759 bis 1788. Donnerwetter, das ist aber kein kleiner Briefwechsel. Hoffen wir mal, dass es sich bei dem Empfänger um einen Kollegen handelt. Moment…“


Alexander ließ sich Ergebnisse zum Namen Bernhard Zünsler anzeigen. Erst bei der Büchersuche wurde er fündig.

 

Unvorgreifliche Gedancken über das Christenthum

in seinem Verhältniße zur Wissenschaft vom Menschen

Inaugural-Dissertation

Einer hohen theologischen Facultät zu Heidelberg

zur Erlangung der Doctorwürde

ehrerbietig vorgelegt von

Alb. Bernhard Christ. Zünsler

Doctor der Medicin, Chirurgie und Geburtshülfe,

Baccalaureus Theologiae

In Speyer gedruckt bey Joh. Ballhorn 1745

 

„Interessant, ein Mann mit einer Doppelausbildung. Himly könnte ihm von seiner Arbeit berichtet haben. Es wäre einen Versuch wert.“


„Fürstlich Fürstenbergische Bibliothek… So etwas kann es auch nur noch in Deutschland geben“, sagte Kim. „Am Ende ist die privat.“


„Ich hoffe nicht“, sagte Alexander. „Lass mal sehen. Es ist eine Stiftung… Präsenzbibliothek… Bücher sind im Lesesaal einzusehen… Handschriftensammlung teilweise digitalisiert… Benutzung nur mit Voranmeldung… Telefonische Auskünfte werden nicht erteilt.“


Hilde schlug die Hände vor der Brust zusammen. „Das freut mich. Endlich spricht es mal jemand aus, dass er nicht gern telefoniert. Die Leute sollen gefälligst Briefe schreiben, wie früher.“


Nach kurzem Schweigen hob Alexander den Kopf. „Einen Online-Bestandskatalog scheint es nicht zu geben. Aber eine Mailadresse. Ich werde Ihnen ein paar nette Zeilen schreiben und fragen, ob es einen Brief von Himly an Zünsler gibt, der – wann war die Beisetzung von DOMINIQUE, Kim?“


„Am 21. November.“


„Der kurz nach 21. November 1788 geschrieben wurde. Und dann bin ich mal gespannt. – Gibt es eigentlich noch etwas zu trinken?“

 
 
 
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