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vor 19 Stunden
4 Min. Lesezeit

„Nun brauche ich aber auch einmal Ihren Rat“, fuhr Laroussi fort. „Sie können sich nicht vorstellen, was ich heute in meiner Post gefunden habe. Eine anonyme Zuschrift!“

 

„Wieder anonym? Das nimmt ja gar kein Ende“, sagte Croqué mit schneidender Ironie. „Schrecklich. Worum ging es diesmal?“

 

„Fotos von irgendwelchen Resten der Sammlung Berger. Sie wissen schon, diese Nazi-Geschichte. Ich vermute, da steht uns eine neue Attacke ins Haus. Und diesmal geht es nicht nur um Schädelfragmente, Hautfetzen und Gewebeproben, wie vor sechs Jahren, sondern um das vollständige Skelett einer griechischen Jüdin und einen Stapel Filmrollen mit wer weiß was für Scheußlichkeiten in bewegten Bildern.“

 

„Solange es nur irgendwelche alten Fotos sind…“ wandte Croqué beschwichtigend ein, was er für besonders schlau hielt.

 

„Es sind keine historischen Aufnahmen, sondern Polaroids. Auf einem ist eine Zeitung neuesten Datums zu sehen. Die Fotos sind in den letzten Tagen gemacht worden.“

 

„Das ist allerdings arg.“

 

„Den Fotos nach zu urteilen, befindet sich das Material auf dem Gelände der Universität, womit als Urheber wohl auch ein Angehöriger der Universität in Frage kommt.“

 

„Klingt plausibel. Vielleicht ist es nur ein Studentenulk. Die jungen Leute schrecken heute vor nichts mehr zurück.“

 

„Ich fürchte, es ist jemand, der es auf den guten Ruf der Universität abgesehen hat. Der mir persönlich schaden will.“

 

„Glauben Sie wirklich? Meiner Meinung nach haben Sie sich doch gar nichts vorzuwerfen. Das wird an Ihnen abprallen wie Wasser an Lotos.“

 

„Gewiss, aber die Öffentlichkeit könnte sich an mein Ehrenwort erinnern, das ich vor sechs Jahren gegeben habe. Sie wissen schon: dass die Sammlung Berger restlos aus der Universität entfernt worden sei.“

 

„Stimmt, man könnte Sie darauf festnageln. Aber nur böswillige Menschen kämen auf die Idee, Ihnen das vorzuhalten.“

 

„Natürlich, Böswilligkeit gehört dazu. Aber es gibt immer irgendwelche Neider – ich glaube, Sie können davon auch ein Lied singen.“

 

„Ja, gewiss. Ich bin geradezu umzingelt von giftigen Neidwürmern. – Wieso glauben Sie, dass ich Ihnen da helfen könnte?“

 

„Sie sind doch sicher meiner Meinung, dass wir diese Sache ernst nehmen müssen.“

 

„Es sieht ganz so aus.“

 

„Und dass wir nicht den Fehler meines Vorgängers begehen dürfen, die Existenz dieser Dinge zu leugnen.“

 

„Auf gar keinen Fall.“

 

„Und sollten wir zufällig auf das Skelett und die Filmrollen stoßen –“

 

„Und auf noch wer weiß was alles.“

 

Laroussi war nahe daran, aus der Haut zu fahren. Doch er musste abwarten, bis Croqué sämtliche Karten auf den Tisch gelegt hatte. Dieser Mensch war tückisch wie ein Sumpf. Es war nicht klug, seine Raffinesse zu unterschätzen.

 

„Dann würden wir das Zeug nicht einfach vernichten, oder?“, sagte er lauernd.

 

„Historische Überreste aus der Nazi-Zeit vernichten?“

 

„Würden wir nicht, oder?“ Laroussi schien es am Klügsten, Croqué das Reden zu überlassen.

 

„Wissen Sie, Magnifizenz, ich glaube, das müsste am konkreten Einzelfall entschieden werden.“

 

„Sie meinen, unter Umständen...“

 

„Unter Umständen: ja.“

 

„Vernichten?“ Laroussi war neugierig, wie weit Croqué in seiner Entschlossenheit und Selbstgefälligkeit gehen würde.

 

„Die Eigenverantwortung“, sagte Croqué, „kann uns zu Handlungen zwingen, die auf den ersten Blick gegen unseren Auftrag gerichtet sind.“

 

„Unseren Auftrag –“

 

„Unseren Auftrag, der da lautet, übe Ehrlichkeit gegen Jedermann.“

 

„Natürlich. Den dürfen wir – müssen wir – gezwungenermaßen –“

 

„Sehen Sie, Magnifizenz, der Makel hängt doch am Gebäude, an der Institution. Er verbindet sich nicht mit der französischen Wissenschaft. Kein einziger Franzose war in diese Schweinereien verwickelt. Die ganze Sammlung wurde unter deutscher Besatzung zugunsten der nationalsozialistischen Rassenforschung von Deutschen für Deutsche ins Leben gerufen. Wobei das ein unglücklicher Ausdruck ist. Aber Sie wissen, was ich meine.“

 

„Von Deutschen für Deutsche generiert.“

 

„Das ist besser.“

 

„Die Deutschen sind Weltmeister der Selbstbezichtigung und Selbstbestrafung. Sie verlangen nach immer neuen Beweisen für ihre Kollektivschuld. Geben wir sie ihnen.“

 

„Sie meinen –

 

„Ich meine, wir sind hier in Straßburg. Hier hat das Europäische Parlament seinen Sitz. Der Europarat. Insgesamt ein gutes Dutzend Institutionen. Und die Deutschen mischen überall mit. Hunderte Immobilien werden genutzt von Leuten, die deutsche Interessen vertreten. Nicht wenige von ihnen wohnen in Gebäuden aus der deutschen Periode, weil sie sich darin anscheinend wie zuhause fühlen. Ich weiß, wovon ich rede, schließlich sind wir in Neustadt selbst umzingelt von Boches – Beamten, Politikern und Lobbyisten.“

 

Croqué sprach von jenem Teil Straßburgs, für den früher der Begriff „Quartier allemand“ gebräuchlich war. Nicht wenige der dort zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbauten Stadtvillen zeigten in sämtlichen Details den Charme des deutschen Jugendstils: Teile der Fassade waren mit Quadern aus gelbem Sandstein verblendet, die Fugen rot ausgestrichen, die Flächen mit Weißkalkmörtel verputzt, Rollläden und Dachuntersichten mit Dekorationsmalereien auf weißem Grund geschmückt. „Tür an Tür sind wir schon mit den Teutonen!“

 

„Wenn ich Sie recht verstehe, Monsieur Croqué“, sagte Laroussi zögernd, „denken Sie an eine Verlagerung... Verstehe ich Sie da recht: Verlagerung des Materials... Aber dazu müssten wir die Reste der Sammlung Berger erst einmal haben.“

 

Richtig, Du Schwirrkopf, dachte Croqué. Dazu müsstest Du sie erst einmal haben. Aber so weit wird es nie kommen. Jedenfalls nicht, so lange ich lebe. Gab es ein besseres Pfand als 1944/J7, um den Präsidenten daran zu hindern, seine beim letzten Mal gemachten Ankündigungen in die Tat umzusetzen? Nein. Und genau deshalb würde er diesen Joker nicht aus der Hand geben. Und auch für den Fall, dass Laroussi versuchen sollte, das Skelett aus der Sammlung Berger auf eigene Faust aufzustöbern, hatte er seine Vorkehrungen getroffen. Die Plakette war bereits abgeschraubt und würde bald schon den Sockel eines anderen, unverfänglichen Sammlungsstücks zieren, und ohne diese Plakette war 1944/J7 nur noch von ihm zu identifizieren.

 

„Ich glaube nach wie vor an einen Studentenulk“, sagte Croqué. „Ich kann ja mal meine Fühler ausstrecken. Übrigens, wollen Sie nicht zu unserem Hauskonzert am Sonntagabend kommen? Diesmal gibt es keinen Franck, keinen Saint-Saëns, keinen Beethoven. Diesmal steht etwas ganz Besonderes auf dem Programm. Etwas Atmosphärisches. Woanders müssen Sie für solch tolle Künstler viel Geld zahlen. Bei mir ist der Eintritt frei. Der marokkanische Honorarkonsul wird übrigens auch kommen.“

 

„Meine Familie stammt aus Tunesien, falls Sie es vergessen haben sollten. Aber besten Dank.“

 

„Dann darf ich Sie auf die Liste setzen? Es ist nur wegen des beschränkten Sitzplatzangebots.“

 

„Ich werde Ihrer Einladung sehr gerne Folge leisten“, sagte Laroussi, wobei er sich bemühte, seine Stimme nicht mit dem Grimm, den er gegenüber Croqué empfand, zu befrachten. Im Grunde frohlockte er sogar, dass Croqué ihm auf diese Weise die Gelegenheit verschaffte, sich in aller Ruhe nach dem Material umzusehen.

 

„Also gut. Dann bis Sonntag. Um neun Uhr geht’s los. Nummer 7, Rue Twinger. Das ist in Neustadt. Twinger wie Swinger. – Ein Scherz, Magnifizenz!“

 

 
 
 
7. Okt.
3 Min. Lesezeit

„Monsieur Croqué“, sagte Laroussi, nachdem seine Sekretärin die Verbindung hergestellt hatte, „ich habe eine gute Nachricht für Sie.“

 

„Ich höre“, ließ sich Croqué gutgelaunt vernehmen.

 

„Die Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten hat sich auf meinen Vorschlag hin entschieden, den Hinweis, wonach Sie Eigentum der Universität veräußert haben sollen, aus formalen Gründen nicht zur Kenntnis zu nehmen.“

 

In Wahrheit dachte der Präsident nicht im Traum daran, die Untersuchungen gegen Croqué einzustellen oder diesen gar von den Vorwürfen freizusprechen. Es galt lediglich, ihn in der Gewissheit zu wiegen, er sei noch einmal davongekommen, um sich ungestört auf die Suche nach den Resten der Sammlung Berger begeben zu können. Die Filmrollen interessierten Laroussi nicht. Das waren keine Relikte, an denen man sich die Finger verbrennen konnte. Es war sogar gut, wenn die Öffentlichkeit von ihrer Existenz erfuhr. Daraus ließ sich die Meldung machen, dass sie nunmehr der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung gestellt würden. Aber das Skelett musste er finden. Es konnte ihm den Hals brechen. Zum Glück gab es so etwas wie eine Spur. Bei seinem gestrigen Gespräch mit Hausmeister Froeschel hatte er in Erfahrung gebracht, dass die Firma Artrans vor wenigen Tagen eine Kiste mit einem Skelett aus der Sammlung des Anthropologischen Instituts in das Magazin am Rheinhafen gebracht hatte. Den Schlüssel zu diesem Gebäude hatte ihm Froeschel bereits ausgehändigt.

 

„Danke“, sagte Croqué leichthin. Laroussi sollte nicht denken, damit sei er bereits zufriedengestellt. „Aber wieso nur aus formalen Gründen?“

 

„Der Hinweis war anonym. Wo kämen wir hin, wenn wir jedem Vorwurf auf bloße Behauptung hin Aufmerksamkeit schenken würden?“

 

Gemessen an ihrer letzten Unterhaltung klang dies jetzt wie blanker Hohn. Trotzdem befand Croqué, dass es sich um eine „weise Entscheidung“ handle.

 

„Und was die Kritik von Professor van Drongelen an den Ergebnissen Ihrer Labortätigkeit angeht, ist die Kommission nach kurzer Diskussion zu der Ansicht gelangt, dass es sich dabei um eine rein innerwissenschaftliche Auseinandersetzung handelt, mit der sich die Kontrollgremien der Universität nicht befassen müssen und daher auch nicht befassen werden. Außerdem denke ich, dass es künftig keine Friktionen mehr geben wird, da ihr Messgerät zurzeit defekt ist. Also praktisch stillgelegt.“

 

Croqué verstand den Wink. Er musste nicht lange überlegen, um zuzustimmen. Die Zeit war gekommen, um mit diesem Abenteuer aufzuhören und sich einem anderen, größeren zuzuwenden. Aus dem Umstand, dass er praktisch elternlos aufgewachsen war, hatte er die Freiheit entwickelt, sich nach Belieben allem anzuschließen, das ihm passend erschien. Gleichzeitig ließ sie ihn ungebunden genug, um sich schon im nächsten Augenblick voll und ganz einer anderen Sache zu widmen. Im Grunde war er der geborene Entfesselungskünstler, fähig, sich aus der unangenehmsten Lage selbst zu befreien. Was warfen diese Datierungen schon ab? Nennenswert waren höchstens die Schlagzeilen, aber selbst auf die konnte er mittlerweile verzichten, weil es für ihr Zustandekommen längst Alternativen gab. Im Geschäftsleben kam es darauf an, sich im richtigen Moment zurückzuziehen. Handelte man nach dieser Devise, konnte man nie verlieren. Solche Wendepunkte zu erkennen und das Heft des Handelns dennoch in der Hand zu behalten, hielt er für einen genialen Instinkt, der nur außerordentlichen Geistern gegeben war. Napoleon hatte das auch begriffen, als er 1799 die Revolution, der er seine Karriere verdankte, für beendet erklärte und sich fünf Jahre später selbst zum Kaiser krönte. Hätte er die Dinge einfach laufen lassen, wäre er wahrscheinlich wie die andern Banditen der Revolution unter der Guillotine gelandet.

 

„Die Technik ist inzwischen veraltet“, sagte er fügsam. „Bedenken Sie, das Gerät stammt noch aus dem vorigen Jahrhundert. Die Arbeit damit ruht. Ich denke nicht, dass es zu einer Wiederinbetriebnahme kommt.“

 

„Sehr gut. Ich meine, das ist schade für Sie und das Institut. Aber Sie können sich doch auf anderen Feldern zum Ruhm der Wissenschaft betätigen.“ Und betrügerischen Unsinn anstellen, führte Laroussi in Gedanken den Satz fort.

 

„Die Arbeit wird deswegen nicht weniger“, stimmte Croqué zu, wobei er an seine Idee eines Neandertaler-Komplettskeletts dachte, für das ihm die beiden Herren Chen von Formosa Siliconware bei ihrem kürzlichen Besuch in Straßburg eine Zusage über 500 Exemplare zum Abnahmepreis von $97.125 gegeben hatten, einschließlich der Montage auf ein stabiles Metallstativ mit 5 Rollen.

 
 
 
30. Sept.
4 Min. Lesezeit

Kim und Hilde schlossen sich von Haases Idee, wonach die Prä-Astronauten nicht kamen, um etwas zu bringen, sondern um etwas zu bergen, sofort an. Alexander blieb dagegen skeptisch. Selbst der Vergleich mit den isländischen Evolutionsbiologen überzeugte ihn nicht. Er weigerte sich schlicht, den Besuchern aus dem Weltall menschliches Verhalten zu unterstellen. In der Nacht konnte er deswegen nicht einschlafen. Was, wenn an der Sache doch etwas dran war? Was, wenn sie kritischer Nachprüfung standhielt und sich verifizieren ließ? Würde er Hildes These dann immer noch ablehnen, gewissermaßen aus Trotz?

 

Er nahm sich vor, Google mit allen möglichen Kombinationen von Suchbegriffen zu füttern. Vorsichtig schwang er sich aus der Gästecouch, schlich in die Küche, goss sich dort ein großes Glas Rotwein ein, setzte sich an den Tisch und aktivierte seinen Laptop. Wieder und wieder ließ er sich Suchergebnisse für „verschwundene Werke“ in Kombination mit dem einen oder anderen Periheldurchgang von 35P HERSCHEL-RIGOLLET anzeigen, erst auf Englisch, dann auf Französisch, schließlich auf Deutsch. Nichts. Irgendwann kam er darauf, die Jahreszahlen ganz wegzulassen und mit dem Begriff „Lost Art“ zu operieren. Nach über einer Stunde fand er schließlich einen Hinweis auf „Marbots Database of The Disappeared“, und als Angebot der University of Cleveland schließlich einen Scan des Buchs, das 1880 in Edinburgh in zweiter, verbesserter Auflage erschienen war:

 

Sunken, Burned or Otherwise Lost Cultural Heritage

A Database of The Disappeared

Compiled By John Matthew Marbot

After Marbot’s Death Continued By Frederic Hadley-Chase

 

Das Buch war in zwei Teilbänden erschienen und insgesamt 1700 Seiten stark, aber durch die chronologische Anordnung übersichtlich wie ein Lexikon. Im Vorwort erklärte Marbot, dass „natürlicher Zerfall“ gewiss für 99 % aller Verluste des kulturellen Erbes verantwortlich sei; genau darum habe er diese Kategorie in seinem Verzeichnis nicht berücksichtigt. Ihm sei es vielmehr einerseits um den „unnatürlich beschleunigten Zerfall“ gegangen, die nachweisliche Zerstörung, andererseits um das Abbrechen der Überlieferung, das spurlose Verschwinden. Herausragende Beispiele dafür waren die Zeusstatue des Phidias, die Herkulesstatue von Michelangelo, Gemälde von Leonardo, Holbein, Tizian, Rubens, Vermeer, Velasquez, Watteau und so weiter und so weiter.

 

Die meisten Verluste waren, wie abzusehen, durch Naturkatastrophen und Kampfhandlungen aller Art bedingt, in vorchristlicher Zeit etwa das Erdbeben von Rhodos oder die Belagerung von Athen, in nachchristlicher Zeit der byzantinische Bildersturm, die Erniedrigung von Jingkang, der 4. Kreuzzug, die Bombardierung von Brüssel oder das Erdbeben von Lissabon. Feuersbrünste und häusliche Unfälle kamen schon seltener vor, noch seltener unaufgeklärte Diebstähle. Am seltensten war die Selbstzerstörung durch den Urheber oder Besitzer; doch auch dafür listete Marbot Beispiele auf.

 

Seine Database begann im Jahr 10.000 vor unserer Zeitrechnung, und zwar mit Übersichten und summarischen Zusammenfassungen. Die ersten handfesten Verlustmeldungen stammten aus dem 5. vorchristlichen Jahrtausend, die letzten aus dem Jahr 1869. Alexander widerstand der Versuchung, sich mehr als nötig in das Werk zu vertiefen und beschränkte sich auf Einträge zu den Jahren, für die das Erscheinen von 35P HERSCHEL-RIGOLLET nachgewiesen wurde.

 

Für das Jahr 15 vor Chr. gab es keine konkrete Verlustmeldung, aber unter Umständen ließ sich das Verschwinden der Gelehrtenbibliothek des Aristoteles auf diesen Zeitpunkt datieren. Für die Jahre 165, 348, 539 fand Alexander keinen Eintrag. Es leuchtete ihm sofort ein, dass es sehr schwierig war, derartige historische Ereignisse in der Antike exakt zu datieren. So erschien es ihm fast wie ein Wunder, dass Marbot für das Jahr 736 im japanischen Nara einen bedeutenden Kulturverlust verzeichnete. Ein bedeutender chinesischer Mönch namens Jianzhen, der den Buddhismus in Japan verbreiten half, war dort gestorben. In seinem Testament hatte er seinen Lieblingsschüler Fusho als Alleinerben eingesetzt. Fusho konnte das Erbe jedoch nicht antreten. Wie er in einem Brief an seinen Mitbruder Yoei schrieb, hatte ihm „ein Luftdämon“ die Bücher (womit gebundenen Manuskripte gemeint waren) gestohlen. Ein Luftdämon? Kim würde sich bestätigt sehen.

 

Fehlanzeige hieß es auch für die Jahre 932 und 1125. Für den 27. Juli 1302 meldete Marbot einen besonders kuriosen Verlust. An diesem Tag standen sich östlich von Nikomedia die osmanische Reiterarmee unter Osman I. und Fußtruppen des byzantinischen Kaisertums unter ihrem Heerführer Georg Muzalon gegenüber. Obwohl sein Hofastronom dem Kaiser einen günstigen Schlachtverlauf vorhergesagt hatte, durchbrachen die türkischen Reiter alsbald die Schlachtlinie der Byzantiner und erzwangen ihren Rückzug. In einem Brief an Michael IX. rechtfertigte Muzalon die Niederlage durch einen Ausfall der Feldmusik: Mitten in der Schlacht seien den Feldspielern ihre sämtlichen Instrumente (Trommeln, Pfeifen, Zinken und Heerpauken) durch einen heftigen Wirbelsturm entrissen worden, in dessen Folge sich die Glieder seines Heeres getrennt hätten. Die anschließende Verwirrung unter seinen Truppen habe selbst seine feldherrliche Geistesgegenwart nicht mehr zu bessern vermocht. Soso, ein Wirbelsturm.

Für den 4. Juni 1626 gab Marbot das Ministerialarchiv eines gewissen Malik Ambar, Erster Minister von Ahmadnagar, einem Sultanat im indischen Bundesstaat Maharashtra, als verloren an. Drei Wochen nach seinem Tod wurde das Archiv auf allerhöchste Anweisung von der Stadt Khirki in ein buddhistisches Höhlenkloster überführt, wo es jedoch nie ankam. Mutmaßungen über die Ursachen lagen offenbar nicht vor.

 

Auf mysteriöse Weise verschwanden 1788 die Fregatten Astrolabe und Boussole auf ihrer Fahrt von Sydney nach Neuguinea. Sie waren im Auftrag von Ludwig XVI. unterwegs und standen unter dem Kommando des französischen Marineoffiziers und Entdeckers Jean-François de Galaup de La Pérouse. An Bord hatten sie unter vielem anderem 144 Holztafeln von der Osterinseln, die mit seltsamen Zeichen und Symbolen bedeckt waren und, wie heute vermutet wird, „das Sternenwissen“ der Osterinsulaner enthielten. Das Schicksal der beiden Schiffe und ihrer 226 Mann starken Besatzung, schrieb Marbot, sei eines der größten maritimen Rätsel der Neuzeit, und Hadley-Chase fügte dem die Fußnote hinzu, dass in neuerer Zeit Jules Verne dem Verschwinden der beiden Schiffe ein ganzes Kapitel in seinem Roman 20.000 Meilen unter dem Meer gewidmet habe.

 

Verflucht, dachte Alexander, immer wieder dieser Jules Verne! Da würde sich von Haase wieder einmal bestätigt sehen!

 

 
 
 
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