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Präsident Laroussi saß derweil an seinem Schreibtisch und überflog gerade das Protokoll der letzten Senatssitzung, als seine Sekretärin eintrat und ihm stumm einen an ihn adressierten Express-Einschreibebrief auf den Schreibtisch legte. Als er ihn aufgerissen hatte, schüttelte er vier Polaroid-Fotos daraus hervor, die auf der Rückseite mit Nummern versehen waren. Nr. 2 zeigte ein menschliches Skelett, das auf einem Sockel stand, Nr. 3 eine leicht oxidierte Metallplakette, die mit deutscher Frakturschrift graviert war, Nr. 4 einen Stapel großer schmaler Blechdosen, von denen die oberste geöffnet war, so dass er die Filmspule darin erkennen konnte.

Um die Inschrift der Plakette auf Bild Nr. 3 lesen zu können, musste Laroussi seine Brille aufsetzen.

 

Jüdin

64 Jahre

Thessaloniki (Griechenland)

Reichsuniversität Straßburg Stiftung Deutsches Ahnenerbe

Rassekundliche Sammlung A. Berger 1944/J7

 

Mit einer Lupe konnte er auf einer der Filmdosen das ihm wohlbekannte Emblem des „Ahnenerbes“ erkennen, eine altsächsische Irminsäule mit SS-Runen im kreisförmigen Schriftzug. Zugleich bemerkte er, dass die Dosen auf einer Ausgabe der Dernières Nouvelles d’Alsace gestapelt waren, deren Titelseite die Präsidenten Frankreichs und Russlands Hand in Hand mit zwei weiteren Staatsmännern bei einer Trauerzeremonie zeigte. Es waren also aktuelle Aufnahmen.

 

Zuletzt betrachtete er Bild 1, das mit der Rückseite nach oben aus dem Umschlag gerutscht war. Es zeigte eine ihm wohl vertraute Ansicht, das Portal des Verwaltungsgebäudes der Universität. Auf der letzten der drei breiten Basaltstufen vor der wuchtigen Eingangstür war 1944/J7 platziert, die knöcherne Hand grotesk nach dem Türknauf ausgestreckt, als wenn es hineinspazieren wollte. Die Blitzlichtreflexe auf den gelblich blinkenden Knochen und die weitgehende Dunkelheit drumherum zeigten an, dass die Aufnahme irgendwann in der Nacht gemacht worden war.

 

Laroussi fingerte im Umschlag nach einem Begleitschreiben, aber es gab keines. Die Polaroids sprachen ja auch für sich. Sicher trug der Umschlag auch keinen Absender. Aber doch, es gab einen. Es war eine Montage aus einer Zeitungsschlagzeile, vermutlich aus einer Publikation des Souvenir français, und einer Adressangabe.

 

Pas d’avenir sans mémoire

Ohne Erinnerung keine Zukunft

3, route d’Oberhausbergen, 67200 Strasbourg

 

Laroussi musste nicht lange überlegen, um darauf zu kommen, dass es die Adresse des Zentralfriedhofs der Straßburger Jüdischen Gemeinde war. Sehr witzig, dachte er.

 

Da war sie also wieder, die Rassekundliche Sammlung Berger. Wieso verfolgte sie ausgerechnet ihn? Er war es doch, der ihre Reste aufgespürt hatte. Wodurch hatte er sich diese Strafe verdient? Sicher nicht durch Arroganz und Zynismus. Wenn jemand sich der Vergangenheit gestellt hatte, war er es. „Ohne Erinnerung keine Zukunft“: Genau mit dieser Devise war er doch angetreten, als es galt, den richtigen Umgang mit dem schrecklichen deutschen Erbe zu finden, jenen „Altlasten“, die sein Amtsvorgänger verdrängt und verleugnet hatte.

 

Ein Jahr nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht war im nunmehr wieder deutschen Straßburg die „Reichsuniversität“ eröffnet worden. An der dortigen medizinischen Fakultät wurde seitdem von der wehrwissenschaftlichen Forschungsabteilung des Anatomischen Instituts eingehend an lebenden Objekten experimentiert. Das Material dazu stellten die Konzentrationslager zur Verfügung.

 

Einer der drei Direktoren der Forschungsabteilung, die unter dem besonderen Schutz des Reichsführers SS stand und aus den Mitteln der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V. finanziell großzügig ausgestattet wurde, war der Anatomieprofessor Adolf Berger. Von Himmler persönlich ermuntert, wollte er die historische Skelettsammlung seines Instituts zu einem Museum der Rassen und Völker ausbauen. Rechtzeitig vor Ausrottung des Judentums sollten die Körper einiger ausgewählter Exemplare bewahrt werden, um auch nachfolgenden Generationen noch zu Lehrzwecken dienen zu können. Mit Billigung von Adolf Eichmann wurden im Sommer 1943 im Konzentrationslager Auschwitz über einhundert jüdische Häftlinge beiderlei Geschlechts von Anthropologen morphologisch untersucht und vermessen, gefilmt und fotografiert und anschließend in das südwestlich von Straßburg gelegene Konzentrationslager Natzwiller deportiert. Nach ihrer Ermordung wurden die noch warmen Körper zum Anatomischen Institut in der Rue Humann gebracht, wo Berger und seine Mitarbeiter einen Teil des menschlichen Materials in Trocken- und Nasspräparate verwandelten, während der große Rest vorläufig im Keller in speziellen, alkoholgefüllten Bottichen aufbewahrt wurde.

 

Nach der Befreiung von Paris und dem weiteren Vormarsch der Alliierten wurden die meisten Institute der Reichsuniversität Straßburg nach Tübingen evakuiert. Dorthin setzte sich auch Berger ab, der zuvor seine Mitarbeiter angewiesen hatte, die Leichen in den Bottichen zum Krematorium zu schaffen und dort zu verbrennen; die präparierten Objekte aber, worunter sich auch drei vollständige Skelette befanden, unter die Lehrsammlung des Gerichtsmedizinischen Instituts in der Rue Blaise Pascal zu mischen. Bei der hektischen Aufräum- und Vernichtungsaktion wurde jedoch manches lediglich in dunkle Winkel verschoben und flüchtig abgedeckt, anderes, das sich in Außenlagern befand, übersehen. Als wenige Wochen später alliierte Soldaten das Gerichtsmedizinische Institut durchsuchten, stießen sie auf drei Bottiche mit 17 unversehrten Leichen sowie zahlreiche Gefäße mit Teilpräparaten. Die französische Justiz zeigte erstaunlich wenig Eifer, die Herkunft und Identität der menschlichen Überreste zu ermitteln. Nach der flüchtigen Untersuchung durch einen Gerichtsmediziner wurden sie auf dem jüdischen Friedhof von Cronenbourg, Grabstein an Grabstein, unter einem Streifen trockenen Rasens bestattet.

 

 
 
 

Draußen flatterte rot-weißes Absperrband im Wind. Ein Krankenwagen und ein Polizeiauto standen vor dem Eingang, dessen Türen weit offen standen. Kim erkannte Frau Espagnola und die Pflegerin, die sie zu Holtz geführt hatte, im Gespräch mit einer Polizistin. Stimmen waberten als Wortnebel aus bedeutungslosen Silben an ihrem Ohr vorüber.

 

Mrs. Fairchild?“ sagte eine Stimme wie aus großer Ferne zu ihr. Sie klang sehr sanft, wohltuend sanft. Sie kam von dem Mann, der ihr gegenüber saß. Seine rechte Hand lag auf dem Tisch, er trug einen beigen Pullover mit einem V-Ausschnitt. Mehr sah sie nicht von ihm. Dann sah sie sich selbst im Foyer auf der Couch sitzen, ihren Kopf mit dem hellbraunen Haar vor der Rückenlehne neben der schwach leuchtenden Stehlampe mit dem grünen Schirm. Eine Hitzewelle stieg in ihr hoch. Am liebsten hätte sie sich zu einer Kugel zusammengerollt.

 

„Sie müssen sich keine Vorwürfe machen. Suizide erfolgen fast nie spontan“, sagte der Mann. „Die allermeisten werden lange im Voraus geplant.“

 

Kim starrte vor sich hin. Der Schock hatte jeden Ausdruck in ihrem Gesicht ausgelöscht. Die Stimme des Mannes hörte sie wie durch Watte. Wahrscheinlich war er Psychologe und gehörte zum Klinikpersonal oder war im Auftrag der Polizei vor Ort. Es machte keinen Unterschied. Ihr war viel zu heiß. Eine seltsames Gefühl machte sich in ihr breit: Es war, als ob ein Kind nach ihrer Brust tasten würde. Erst jetzt merkte sie, dass sie geweint hatte. Sie wollte die Tränen wegwischen, aber jemand hielt ihre Hand fest. Es war Alexander. Er wirkte hilflos. Er musste schon die ganze Zeit neben ihr gesessen haben. Was davor geschehen war, wusste sie nicht. Die Erinnerung daran war weg. Später würde sie zu ihrer Entschuldigung sagen, sie hätte einen Filmriss gehabt. So nannte man das in Romanen, und es wurde immer akzeptiert. Das war beruhigend. Sie würde sich nicht an alles erinnern müssen.

 

„Das müssen Sie auch nicht“, sagte der Mann neben ihr mit einem Lächeln, das sie in diesem Augenblick als grausam empfand.

 

Wieso sagte er das? Konnte er ihre Gedanken lesen? Oder hatte sie laut gedacht?

 

„Ja, sie sprechen mit mir.“

„Schon wieder. Komisch“, hörte sie sich sagen. Sie hatte den Eindruck, dass jemand anders für sie sprach, eine fremde, unangenehme Stimme.

 

Sie schloss die Augen, um für einen Moment die erholsam farblose Leere hinter ihren geschlossenen Lidern zu genießen. Als sie sie wieder öffnete, flog eine tiefschwarze Amsel mit brennend orangerotem Schnabel schimpfend vorbei und ließ sich auf der Spitze des riesigen Lebensbaums vor dem Eingang nieder.

 

Le-bens-baum, buchstabierte Kim vor sich hin. Gab es hinter dem Panoramafenster tatsächlich eine andere Welt? Oder waren der Lebensbaum samt Amsel, die Hecken aus Buchsbaum und kleinblättriger Berberitze weiter hinten und der Streifen blauer Himmel, der alles überwölbte, aufgemalte Kulisse?

 

Draußen begann die Amsel mit ihrem betörenden Gesang. Es muss gut tun, sie zu hören, diese Ankündigung von Freude und Wachstum, dachte Kim, stand auf und ging hinaus.

 

 
 
 

Ihr beide werdet wohl keine Freunde mehr werden“, sagte Alexander mit grimmigem Lächeln, nachdem von Haase das Diktiergerät abgeschaltet hatte.

 

„Ihr aber auch nicht“, erwiderte von Haase schnippisch.

 

„Alex“, sagte Kim, „was bedeutet es, dass Holtz drei Zahlen gefunden hat, die durch eine Hunderterzahl teilbar sind. Was ist daran so aufregend?“

 

„Dass drei Zahlen durch eine vierte Zahl teilbar sind, ist überhaupt nicht aufregend“, antwortete Alexander. „Was ich ebenso wenig weiß wie Du, ist, warum für Holtz diese Entdeckung so überaus wichtig war.“ Er schloss die Augen und rieb sich ein paar Mal über die Stirn. Dann beugte er sich zu von Haase.

 

„Als Du uns von dem Brief erzählt hast, den er Dir geschrieben hat, sagtest Du da nicht etwas von einem Kalender, einem Besuchskalender? Wir haben es also mit Jahreszahlen zu tun. Jahreszahlen…“ Er tippte Kim an die Schulter. „Pass auf: Was haben Eintausendneunhundertachtundzwanzig, Eintausendneunhundertzweiundsiebzig und Zweitausendundacht gemeinsam? Kleiner Tipp: Diese Zahlen sind durch vier teilbar.“

 

Kim schüttelte verwirrt den Kopf. „Moment. Eintausendneunhundert was?“

 

„Eintausendneunhundertachtundzwanzig, eintausendneunhundertzweiundsiebzig und zweitausendundacht.“

 

„Keine Ahnung. Gehört das zum Grundwissen?“

 

„Schreib die Zahlen mal auf.“

 

Alexander diktierte, und Kim tippte die Zahlen in ihr Telefon. Dann las sie sie vor: „Neunzehnhundertachtundzwanzig, Neunzehnhundertzweiundsiebzig und Zweitausendacht. Das sind Jahreszahlen, oder?“

 

„Amsterdam 1928, München 1972, Peking 2008“, sagte von Haase, der froh war, auch etwas beitragen zu können.

 

„Ich verstehe nur Bahnhof“, sagte Kim.

 

„Es sind Jahre, in denen Olympische Spiele stattfanden“, sagte von Haase.

 

„Genau. Der Schlüssel zum Code lautet 4, und die Lösung ist: Olympische Spiele. Ich nehme an, dass es um so etwas geht. Aber um was es genau geht, weiß ich nicht.“

 

„Vielleicht helfen uns seine beiden letzten Aphorismen weiter“, meinte Kim. „Hat das Orakel von Delphi nicht auch solch dunkle Sentenzen von sich gegeben?“

 

„Der Mann ist kein Orakel, der ist nicht ganz bei Trost“, sagte von Haase grollend und rutschte in seinem Sessel noch ein Stück tiefer.

 

„Allmählich entsteht Ermüdung. Alles endet ewiglich“, murmelte Alexander. „Klingt ziemlich banal.“

 

„Pseudo-religiös. So hört es sich für mich an“, erklärte von Haase mürrisch. „Alles endet ewiglich. Was soll das heißen: alles? Das Menschenleben? Das endet in überschaubarer Frist.“

 

„Das Ewige ist das Unausdenkbare. Da stößt unser Denken an seine Grenzen. Was nach dem Ende unserer Zeit geschieht, ist unvorstellbar. Für einen Physiker wie Holtz ein quälender Gedanke. Vielleicht ist es das“, schlug Alexander vor.

 

„Ich werde noch einmal zu ihm gehen“, sagte Kim entschlossen.

 

„Bist Du verrückt?“ sagte von Haase. „Der Mann ist gemeingefährlich.“

 

„Das denke ich nicht“, erwiderte Kim. „Mehr als rausschmeißen kann er mich nicht.“

 

Die beiden Männer starrten ihr hinterher. Schließlich sagte von Haase zu Alexander: „Findest Du nicht auch, dass Frauen nichts anderes sind als groß gewachsene Kinder?“

 

 

Kim hatte zwar angeklopft, erwartete aber keine Reaktion. Als sie in das Zimmer trat, saß Holtz mit dem Rücken zu ihr am Schreibtisch.

 

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie noch einmal überfalle“, sagte sie, während sie auf ihn zuging, und weil er keine Reaktion zeigte, stellte sie sich rechts neben den Schreibtisch, mit dem Rücken zur Wand, so dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte.

 

Holtz war damit beschäftigt, Schmetterlingsflügel mit der Pinzette aus dem Album zu nehmen und sie übereinander in einer Schachtel zu sammeln. Er war offenbar fast fertig mit seiner Arbeit. Neben ihm lag ein kleines, quadratisch gerahmtes Bild, in dem Kim jenes erkannte, das vorher über seinem Bett gehangen hatte. Ein gelber Merkzettel klebte auf der Glasscheibe. Holtz nahm es und überreichte es ihr. Auf dem Zettel stand:

 

GEDÄCHTNISBILD VON KARL-HEINZ HOLTZ FÜR M.ME FAIRCHILD.

 

„Ein Geschenk für mich?“

 

Kim löste den Klebezettel und betrachtete das Bild. Das kräftig strukturierte Papier war leicht gewellt, und unter dem Blau, Rot und Gelb der Wasserfarbe konnte sie den feinen Bleistiftstrich der Konstruktionszeichnung erkennen. Die Ränder waren mit schwarzer Tusche gezogen.

„Das ist aber schön“, sagte sie. „Haben Sie das gemacht?“

 

Holtz nickte und schloss das Album, das jetzt vollständig leer war. Sein Blick tendierte zur Unstetheit. Irrte sich Kim, oder sah sie wirklich Tränen in seinen Augen? Verlegen wandte sie sich wieder dem Bild zu. Es waren stilisierte Schmetterlinge, die in ihrer Symmetrie überlappungsfrei eine Art Parkett bildeten. Oder vielmehr ein Parkettmuster in der Form von Schmetterlingen.

 

Über das Bild hinweg sah Kim, dass Holtz damit beschäftigt war, sich im Abstand von etwa drei Zentimetern zwei Linien Klebstoff auf dem linken Unterarm aufzutragen. Dann nahm er mit der Pinzette den obersten Schmetterlingsflügel aus der Schachtel, legte ihn knapp über der Handwurzel mittten auf eine Klebstofflinie und drückte ihn mit der Pinzette leicht an. Auf diese Weise fuhr er fort, bis sein linker Unterarm vollständig mit Schmetterlingsflügeln bedeckt war. Kim verharrte regungslos. Es war, als sähe sie bei der Entstehung eines Kunstwerks zu. Danach wiederholte Holtz die Prozedur mit dem anderen Arm. Als er seine Arbeit beendet hatte, wedelte er ein paar Mal kräftig mit den Armen, als wenn er sich Kühlung verschaffen müsste.

 

Kim erwachte wie aus einem Traum. Beinahe hätte sie das Bild fallen lassen; gerade noch gelang es ihr, es aufzufangen. Schnell verstaute sie es in ihrer Handtasche.

 

„Herr Holtz“, sagte sie sanft, „Sie hatten einmal vor, einen Beitrag zum Verständnis unseres Lebens zu leisten. Sie wollten sich einreihen in die Tradition der Menschheitshelfer, der großen Vordenker, Kopernikus, Galilei, Kepler, Newton, Herschel, Einstein…“

 

Sie brach die Aufzählung ab, weil Holtz nach einem Zettel griff, um ihn zu beschreiben. Er reichte ihn ihr. W. HERSCHEL ODER C. HERSCHEL? stand darauf.

 

„W. oder C.? Da muss ich passen, den Vornamen kenne ich nicht.“

 

Holtz nickte lächelnd. Eine Träne rollte sehr langsam seine Wange hinunter und wurde mit der Zunge aufgefangen. Hatte er der Solidität ihres Wissens auf den Grund gehen wollen? Wenn ja, hatte sie jetzt sicher keinen guten Eindruck hinterlassen. War er deswegen traurig?

 

„Wollen Sie Ihre Erkenntnisse nicht doch der Welt schenken?“ Sie fragte es so vorsichtig, als hätte sie Angst vor der Antwort. „Das kann mit sehr viel Glücksgefühl für Sie verbunden sein.“

Anstelle einer Antwort suchte Holtz aus dem Stapel der gebrauchten Zettel einen heraus und gab ihn ihr. ALLMÄHLICH ENTSTEHT ERMÜDUNG. ALLES ENDET EWIGLICH. Schon einmal hatte er damit ein Gespräch beendet – falls man geneigt war, den Austausch mit ihm als Gespräch zu bezeichnen.

 

Diesmal blieb Kim standhaft. „Weshalb verschanzen sie sich hinter ihrer Wortlosigkeit, Herr Holtz?“

 

Holtz reagierte nicht. Er schaute nur auf seine geflügelten Arme, als sei er ein Maikäfer, der gleich losfliegen würde.

 

„Na gut“, sagte Kim, löste sich langsam von der Wand und ging an Holtz vorbei zur Zimmertür. Insgeheim hoffte sie, er würde sie zurückhalten, aber nichts dergleichen geschah. „Vielleicht überlegen Sie es sich ja noch.“

 

In ihrem Rücken knackte etwas, wie Dielen unter schwerem Schuhwerk. Kam er ihr hinterher?

Im Türrahmen wollte sie sich umdrehen, ihn fest anschauen, um ihn doch noch dazu zu bringen, sein Geheimnis preiszugeben, aber beim Öffnen schlug ihr plötzlich die Tür entgegen, getrieben von einem Schwall Luft, wie wenn im gleichen Moment jemand das Zimmer über Kreuz lüften würde. Sie nahm die Hand von der Klinke und drehte sich um. Das Fenster über dem Schreibtisch stand weit offen, und das Zimmer war leer.

 

 
 
 
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