- Jan-Christoph Hauschild

- vor 2 Tagen
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Präsident Laroussi saß derweil an seinem Schreibtisch und überflog gerade das Protokoll der letzten Senatssitzung, als seine Sekretärin eintrat und ihm stumm einen an ihn adressierten Express-Einschreibebrief auf den Schreibtisch legte. Als er ihn aufgerissen hatte, schüttelte er vier Polaroid-Fotos daraus hervor, die auf der Rückseite mit Nummern versehen waren. Nr. 2 zeigte ein menschliches Skelett, das auf einem Sockel stand, Nr. 3 eine leicht oxidierte Metallplakette, die mit deutscher Frakturschrift graviert war, Nr. 4 einen Stapel großer schmaler Blechdosen, von denen die oberste geöffnet war, so dass er die Filmspule darin erkennen konnte.
Um die Inschrift der Plakette auf Bild Nr. 3 lesen zu können, musste Laroussi seine Brille aufsetzen.
Jüdin
64 Jahre
Thessaloniki (Griechenland)
Reichsuniversität Straßburg Stiftung Deutsches Ahnenerbe
Rassekundliche Sammlung A. Berger 1944/J7
Mit einer Lupe konnte er auf einer der Filmdosen das ihm wohlbekannte Emblem des „Ahnenerbes“ erkennen, eine altsächsische Irminsäule mit SS-Runen im kreisförmigen Schriftzug. Zugleich bemerkte er, dass die Dosen auf einer Ausgabe der Dernières Nouvelles d’Alsace gestapelt waren, deren Titelseite die Präsidenten Frankreichs und Russlands Hand in Hand mit zwei weiteren Staatsmännern bei einer Trauerzeremonie zeigte. Es waren also aktuelle Aufnahmen.
Zuletzt betrachtete er Bild 1, das mit der Rückseite nach oben aus dem Umschlag gerutscht war. Es zeigte eine ihm wohl vertraute Ansicht, das Portal des Verwaltungsgebäudes der Universität. Auf der letzten der drei breiten Basaltstufen vor der wuchtigen Eingangstür war 1944/J7 platziert, die knöcherne Hand grotesk nach dem Türknauf ausgestreckt, als wenn es hineinspazieren wollte. Die Blitzlichtreflexe auf den gelblich blinkenden Knochen und die weitgehende Dunkelheit drumherum zeigten an, dass die Aufnahme irgendwann in der Nacht gemacht worden war.
Laroussi fingerte im Umschlag nach einem Begleitschreiben, aber es gab keines. Die Polaroids sprachen ja auch für sich. Sicher trug der Umschlag auch keinen Absender. Aber doch, es gab einen. Es war eine Montage aus einer Zeitungsschlagzeile, vermutlich aus einer Publikation des Souvenir français, und einer Adressangabe.
Pas d’avenir sans mémoire
Ohne Erinnerung keine Zukunft
3, route d’Oberhausbergen, 67200 Strasbourg
Laroussi musste nicht lange überlegen, um darauf zu kommen, dass es die Adresse des Zentralfriedhofs der Straßburger Jüdischen Gemeinde war. Sehr witzig, dachte er.
Da war sie also wieder, die Rassekundliche Sammlung Berger. Wieso verfolgte sie ausgerechnet ihn? Er war es doch, der ihre Reste aufgespürt hatte. Wodurch hatte er sich diese Strafe verdient? Sicher nicht durch Arroganz und Zynismus. Wenn jemand sich der Vergangenheit gestellt hatte, war er es. „Ohne Erinnerung keine Zukunft“: Genau mit dieser Devise war er doch angetreten, als es galt, den richtigen Umgang mit dem schrecklichen deutschen Erbe zu finden, jenen „Altlasten“, die sein Amtsvorgänger verdrängt und verleugnet hatte.
Ein Jahr nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht war im nunmehr wieder deutschen Straßburg die „Reichsuniversität“ eröffnet worden. An der dortigen medizinischen Fakultät wurde seitdem von der wehrwissenschaftlichen Forschungsabteilung des Anatomischen Instituts eingehend an lebenden Objekten experimentiert. Das Material dazu stellten die Konzentrationslager zur Verfügung.
Einer der drei Direktoren der Forschungsabteilung, die unter dem besonderen Schutz des Reichsführers SS stand und aus den Mitteln der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V. finanziell großzügig ausgestattet wurde, war der Anatomieprofessor Adolf Berger. Von Himmler persönlich ermuntert, wollte er die historische Skelettsammlung seines Instituts zu einem Museum der Rassen und Völker ausbauen. Rechtzeitig vor Ausrottung des Judentums sollten die Körper einiger ausgewählter Exemplare bewahrt werden, um auch nachfolgenden Generationen noch zu Lehrzwecken dienen zu können. Mit Billigung von Adolf Eichmann wurden im Sommer 1943 im Konzentrationslager Auschwitz über einhundert jüdische Häftlinge beiderlei Geschlechts von Anthropologen morphologisch untersucht und vermessen, gefilmt und fotografiert und anschließend in das südwestlich von Straßburg gelegene Konzentrationslager Natzwiller deportiert. Nach ihrer Ermordung wurden die noch warmen Körper zum Anatomischen Institut in der Rue Humann gebracht, wo Berger und seine Mitarbeiter einen Teil des menschlichen Materials in Trocken- und Nasspräparate verwandelten, während der große Rest vorläufig im Keller in speziellen, alkoholgefüllten Bottichen aufbewahrt wurde.
Nach der Befreiung von Paris und dem weiteren Vormarsch der Alliierten wurden die meisten Institute der Reichsuniversität Straßburg nach Tübingen evakuiert. Dorthin setzte sich auch Berger ab, der zuvor seine Mitarbeiter angewiesen hatte, die Leichen in den Bottichen zum Krematorium zu schaffen und dort zu verbrennen; die präparierten Objekte aber, worunter sich auch drei vollständige Skelette befanden, unter die Lehrsammlung des Gerichtsmedizinischen Instituts in der Rue Blaise Pascal zu mischen. Bei der hektischen Aufräum- und Vernichtungsaktion wurde jedoch manches lediglich in dunkle Winkel verschoben und flüchtig abgedeckt, anderes, das sich in Außenlagern befand, übersehen. Als wenige Wochen später alliierte Soldaten das Gerichtsmedizinische Institut durchsuchten, stießen sie auf drei Bottiche mit 17 unversehrten Leichen sowie zahlreiche Gefäße mit Teilpräparaten. Die französische Justiz zeigte erstaunlich wenig Eifer, die Herkunft und Identität der menschlichen Überreste zu ermitteln. Nach der flüchtigen Untersuchung durch einen Gerichtsmediziner wurden sie auf dem jüdischen Friedhof von Cronenbourg, Grabstein an Grabstein, unter einem Streifen trockenen Rasens bestattet.

