- Jan-Christoph Hauschild

- vor 4 Tagen
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Die Psychiatrische Heilanstalt Mondstein war ein lang gestreckter Bau in Form eines U hinter einem grünbewachsenen Hügel. An dem einen Ende führte eine Rampe hinunter zu einem Raum, der bis an ein kleines Podest heran durchgehend mit Stühlen bestückt war und dessen große Fenster mit schweren Vorhängen verhüllt werden konnten. Am anderen Ende des U befand sich die Eingangshalle mit der Pförtnerloge und den Aufzügen auf der einen und der Küche und dem großen Speisesaal auf der anderen Seite. Um das große, von Hecken gesäumte Rasenoval in der Mitte herum waren Spaziergänger unterwegs. Einige schoben Gehwagen, andere wurden von Pflegerinnen gestützt, wieder andere, die besser zu Fuß waren, wurden von Angehörigen begleitet, manche trugen Kinder auf dem Arm.
Auch in der Eingangshalle gingen ein paar alte Leute am Rollator auf und ab, andere bewegten sich in Rollstühlen. Kübelpflanzen standen herum, es roch nach Möhrensuppe und Desinfektionsmittel. In der Pförtnerloge saß eine Pflegerin; ESPAGNOLA stand auf dem Namensschild an ihrem Revers. Sie mochte Anfang fünfzig sein und für Alexanders Geschmack ein bisschen übergewichtig, aber alles an ihr war fest und gleichmäßig proportioniert. Sie machte ein freundliches Gesicht, auch noch, als Kim erklärte, sie sei mit ihrem Mann aus Paris gekommen, um einen alten Freund ihrer Mutter zu besuchen, Herrn Karl-Heinz Holtz. Es sei ein Spontanbesuch, deshalb hätten sie sich nicht ankündigen können. Alexander hatte Kim überredet, keine Verwandtschaft ins Spiel zu bringen; man wisse nicht, welche Folgerungen sich daraus ergeben könnten.
Signora Espagnola sagte, Herr Holtz sei auf dem Gelände unterwegs, vermutlich in der Umgebung der Teiche. „Kein Problem!“ Sie beugte sich über den Tresen. „Annika!“
Eine jüngere Kollegin in weißen Socken und weißen Gesundheitsschuhen, die sich gerade angeregt mit einer der Küchenfrauen unterhielt, drehte sich zu ihr um. „Ja?“
„Kommst Du mal bitte?“
Annika verabschiedete sich von ihrer Gesprächspartnerin und kam zur Pförtnerloge. Sie war klein und quirlig und trug ebenfalls ein Plastiknamensschildchen am weißen Kittel.
„Was gibt’s, Enrica?“ Ihre Augen huschten lebhaft hin und her.
„Diese Herrschaften“, erklärte Signora Espagnola bestimmt, „sind extra aus Paris gekommen, um den Herrn Holtz zu besuchen. Machst Du Dich mal mit ihnen auf die Suche?“
„Ich brauch nicht zu suchen“, lautete die Antwort. „Der Herr Holtz ist an den Tümpeln.“
„Was hab ich gesagt“, meinte Signora Espagnola. „Alles kein Problem“.
Annika führte Kim und Alexander zur Rückseite des Gebäudes und weiter über eine mit alten Kastanien bestandene Wiese, auf der eine junge Frau mit eckigen Bewegungen einherschritt und dabei zielsicher ein Gänseblümchen nach dem andern zertrampelte.
Annika wollte wissen, ob Holtz ein Verwandter von ihnen sei.
„Nicht direkt“, sagte Kim. „Ein Forschungskollege meines Mannes. Wir freuen uns sehr, ihn endlich persönlich kennenzulernen.“
„So“, sagte Annika nachdenklich. „Dann hatten Sie bisher noch keinen persönlichen Kontakt?“
„Nein“, bestätigte Alexander. „Wir hatten nur schriftlich miteinander zu tun.“
„Ja… Dann wissen Sie vielleicht gar nicht, dass Herr Holtz stumm ist? Oder besser gesagt: stumm geworden ist. Er spricht nicht mehr. Seit er hier ist, hat er noch kein Wort gesprochen.“
„Das haben wir nicht gewusst“, sagte Kim überrascht. Frau Fritzsche hatte es nicht erwähnt. Vielleicht aus Rücksicht? Oder weil er mit ihr doch sprach?
„Alles kein Problem“, meinte Annika. „Er verständigt sich mit Zetteln. Das geht ruckzuck bei ihm, sie werden sehen.“
Vor ihnen lagen, eingefasst von sorgfältig getrimmten Hecken aus Buchsbaum und Blutberberitze, drei kleine Teiche, an denen ein Kiesweg vorbeiführte; eine von einer Platane überwölbte Bank lud zur Rast.
Eine große, hagere Gestalt in kurzen Hosen mit einem verwilderten Bart schritt langsam die Ufer ab, den Blick unverwandt auf die Wasseroberfläche gerichtet.
„Herr Holtz“, rief Annika, während sie auf ihn zuging.
Kim wollte ihr folgen, aber Alexander hielt sie zurück. „Warte.“
„Besuch für sie, Herr Holtz.“
Holtz schaute kurz auf und lächelte zerstreut, um sich sofort wieder seinen Beobachtungen zu widmen.
„Kommen Sie nur“, rief Annika und winkte sie heran. „Ich weiß, dass er sich freut.“ Als Kim und Alexander sie passiert hatten, machte sie sich schon wieder auf den Rückweg.

