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Sie folgten von Haase zwölf Stufen hinab in den eigentlichen Wohnraum. Der eierschalfarbene Teppich war so hochflorig, dass er Kims Knöchel kitzelte. Beherrscht wurde der Raum von einem zugeklappten riesigen Steinway-Flügel, auf dem eine hohe Silbervase stand mit einer einzigen, außerordentlich prächtigen, gelben Rose.


Von Haase wies Kim und Alexander einen Platz auf dem heidelbeerfarbenen Diwan zu. Er selbst stellte sich in die Kurve des Flügels und beugte sich vor, um seine Nase für einige Sekunden in die Blüte zu tauchen. Dann klappte er ein silbernes Etui auf, entnahm ihm ein Bernstein-Mundstück, steckte eine Zigarette darauf und zündete sie an.


„Deine Mutter sagte, Du schreibst an einem Artikel über moderne Legenden. Bin ich denn schon eine?“


„Ich würde sogar sagen, Du bist eine Ikone“, sagte Kim mit einem Lächeln. Den Arbeitstitel ihres Artikels, den sie natürlich nie schreiben würde, hatte sie vorgestern erfunden. „Eine Ikone und eine Legende. Du hast einen neuen Mythos geschaffen. Damit stehst Du in einer Reihe mit Jules Verne, Tolkien oder George Lucas.“


Von Haase zog bedächtig an seiner Zigarette, als wollte er Kim dadurch Zeit geben, die Aufzählung mit einem weiteren, noch bedeutenderen Namen zu krönen, entblößte sein tadelloses Gebiss und ließ den eingeatmeten Rauch aus seiner Lunge sprudeln.


„Als Wissenschaftler sind diese Leute ja gerade nicht bekannt. Aber wenn das die Tochter meines lieben Freundes Sammy Hahneman sagt, muss es ja wohl als Kompliment gemeint sein. Was sagt Dein Mann dazu?“


Alexander, der sich bis dahin mit Details der Zimmereinrichtung beschäftigt hatte, wandte sich ihm zu. „Auf alle Fälle, Maurice. Absolut.“ Dann nestelte er an seiner Schultertasche herum, in der er seine Kameraausrüstung verstaut hatte.


„Die meisten Leute übersehen nämlich, dass ich mich seit 50 Jahren professionell mit dem Thema beschäftige. Natürlich bin ich kein Gelehrter im heutigen Sinn. Aber war Goethe denn einer? Soweit ich weiß, hat er Jura studiert. Und doch hat er dicke Bücher über Geologie und Optik geschrieben. Oder nehmen wir Leonardo da Vinci. Ein Maler, einer der besten. Und zugleich einer der hervorragendsten Baumeister und Erfinder aller Zeiten. Habt ihr gewusst, dass er das Auto erfunden hat? Ihm fehlte nur der Treibstoff.“


Die Lippen zurückgezogen, ließ von Haase den tief eingesogenen Rauch erneut zwischen seinen Zähnen ausströmen.


„Die besten Köpfe sind die, die niemals eine Universität von innen gesehen haben. Oder erst bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde. Auf Hochschulen vergeht einem das Denken. Man muss vorurteilsfrei sein, offen für Ideen. Neugierig und offen. Das allein reicht aber noch nicht. Ideen kann schließlich jeder haben. Es gehört auch ungeheurer Fleiß dazu. Dieses drei Sachen: Neugier, Offenheit, Fleiß. Das ist mein ganzes Geheimnis. Denn was treibe ich seit 50 Jahren? Ich trage Indizien zusammen, die meine These untermauern.“


„Du stehst nach wie vor dazu?“


„Aber selbstverständlich“, antwortete von Haase in feierlichem Ernst. „Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Das ist die Grundfrage, die am Anfang aller Mythen und Religionen auf diesem Milliarden Jahre alten Planeten steht. Ganz egal, ob sie von der Erschaffung des Kosmos aus dem Nichts handeln, von der Bändigung des Chaos, von der Entstehung des Lebens oder irgendwelchen anderen Welträtseln. Das Ungreifbare und Ungelöste hat die Menschheit seit jeher fasziniert. Über diese Fragen wurde schon nachgedacht, bevor es Städte gab oder Schrift. Und genau dieselben Fragen bewegen die Menschen noch heute. Das Unerklärliche verlangt immer nach einer Erklärung. Und das Interessante ist, dass diese Rätsel von den Menschen nicht auf ihresgleichen zurückgeführt werden. Nein. Sondern sie werden, jedenfalls in den allermeisten Mythen, mit übernatürlichen, außerweltlichen Mächten in Verbindung gebracht. Und, was von meinen Gegnern, den Prähysterikern und Arschäolügnern, wie ich die Burschen nenne, gern übersehen wird, weil sie natürlich nicht meine Gesamtanschauung haben, nicht haben können: Egal ob Griechen, Perser oder Römer, Juden, Christen oder Moslems – welche Moralgesetze sind denn den Menschen nicht von den Göttern geschenkt worden? Na? Stillschweigen, natürlich.“


Die Worte purzelten von Haase nur so aus dem Mund. Alexander fragte sich, ob es einfach nur Routine war, oder ob er seine Ausführungen tatsächlich auswendig gelernt hatte. Sie klangen jedenfalls ganz danach.


„Und aufgepasst“, fuhr von Haase fort, „jetzt sage ich: Weil unsere Erde vor langer Zeit, und nicht nur einmal, Besuch aus dem Weltraum erhielt. Woher genau in diesem Billionen Jahre alten Sonnensystem, lasse ich einmal offen. Es spielt auch keine Rolle. Das ist sonnenklar. Wenn ihr bloß an die Himmelfahrten in den verschiedenen Mythologien denkt. Eine der ältesten stammt von den Assyrern. Etana und der Adler, vielleicht kennt ihr die Geschichte. Nein? Der Adler trägt Etana in die Luft, und was sieht er? Die Erde sieht aus wie ein Gartenbeet und das Meer wie ein Wassertrog. Dann fliegt der Adler noch höher, und was sieht Etana, der arme Kerl? Nichts mehr. Kein Land, kein Meer. Da kriegt er Angst und schreit: Ich will nicht zum Himmel aufsteigen! Zurück! Und jetzt frage ich euch: Wie hoch muss man fliegen, bis die Erde wie ein Gartenbeet aussieht? Nur einmal ganz vorsichtig geschätzt: 10.000 Meter? 100.000 Meter? Ich glaube nicht, dass es damals ein Gebäude gab, das höher als 150 Meter war. Aber egal, lassen wir es 300 Meter hoch sein. Ihr wisst, was man von einem 300 Meter hohen Gebäude sieht. So, und das haben die Assyrer aufgezeichnet, ungefähr 2400 vor Christus. Weiter. Die Besucher kamen, blieben eine Zeitlang, und anschließend gingen sie wieder dorthin zurück, von wo sie gekommen waren, verschwanden in einer unendlichen Ferne. Aber die Erinnerung daran hat sich tief ins Unbewusste der Menschheit eingeschrieben.“

 
 
 

Der Türklopfer war eine Goldschmiedearbeit in Form eines Mayapriesters mit seinem ausladenden Kopfschmuck und machte entsprechend Lärm. Es dauerte eine Weile, bis eine etwa dreißigjährige, schwarzhaarige Frau augenscheinlich asiatischer Herkunft die Tür öffnete. Sie trug eine enge schwarze Stoffhose und einen schwarzen Strickpullover mit kurzen Ärmeln, was ihre muskulöse Figur besonders zur Geltung brachte. Ihre gespannte Körperhaltung signalisierte, dass an ihr kein Unbefugter vorbeikam. Vermutlich verstand sie sich bestens darauf, daumendicke Schalbretter mit der bloßen Hand in Kleinholz zu verwandeln.


„Ja bitte?“ fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen, und ein bisschen klang es wie: „Was fällt ihnen ein?“


„Guten Tag“, sagte Kim. „Ich bin die Tochter von Hilde Hahneman, und das ist mein Mann. Meine Mutter hat mit Herrn von Haase telefoniert und unseren Besuch angekündigt.“


„Lass die Herrschaften eintreten, Araya“, dröhnte es aus dem Inneren des Hauses.


Die Türsteherin verneigte sich, trat einen Schritt zurück und zog die Tür auf. „Bitte sehr.“


Ein paar Schritte hinter ihr stand ein ziemlich großer, sportlich aussehender Mann. Er mochte Mitte siebzig sein, sah aber deutlich jünger aus. Bei seinem dichten blonden Haar handelte es sich vermutlich um ein Toupet. Schweizerische Friseurskunst hatte es zu zwei großen Wellen geformt, die an Treppenstufen erinnerten. Er trug einen grauen Flanellanzug und um den Hals ein violettes Seidentuch. Im Revers seiner Jacke steckte eine Kornblume, gegen die seine blassblauen Augen fast milchig wirkten. Er taxierte die Besucher mit zusammengezogenen Brauen, räusperte sich leicht und sagte: „Sheila, nicht wahr?“


„Richtig“, sagte Kim und ging mit einem strahlenden Lächeln auf von Haase zu. Alexander folgte ihr.


„Wir kennen uns“, sagte von Haase, nachdem er ihr die Hand gegeben hatte. „Damals warst Du vier oder fünf, und ich habe ‚Du’ zu Dir gesagt. Darf ich das immer noch? Ich bin Maurice.“


Kim nickte. „Du warst in Paris bei uns. Mutter hat es mir erzählt. Ich kann mich nicht mehr erinnern.“


Sie zog Alexander zu sich heran. „Das ist mein Mann, Alexander. Er ist Amerikaner, aber er versteht ganz gut Deutsch.“


„Tretet näher, ihr Lieben“, sagte von Haase.


Kim sah sich um. „Wo ist Deine Frau?“


„Oh, Araya ist nicht meine Frau. Vier Scheidungen sind genug. Außerdem ist sie schon verheiratet. Nur auf dem Papier, aber trotzdem. Das muss respektiert werden, auch wenn es sich nur um eine Scheinehe handelt. Lasst euch bloß nicht von ihrem höflichen Auftreten täuschen. Das gehört bei den Asiaten einfach dazu. In Wirklichkeit ist sie ein Killer. Sie hat den schwarzen Gürtel. Einmal – da kannten wir uns erst flüchtig – hat sie mir fast den Arm gebrochen. Zum Glück hat sie obendrein eine Ausbildung als Krankenpflegerin.“ Er setzte ein hintergründiges Lächeln auf. „Ja, in meinem Alter stehen Sicherheit und Gesundheit an erster Stelle. Aber ich kann euch versichern, wenn ich meine wöchentlichen Freuden addiere und meine sämtlichen Gebrechen abziehe, bleibt unter dem Strich immer noch ein Guthaben.“


Von Haase führte sie auf eine Galerie mit weiß lackiertem Metallgeländer, das drei Seiten eines großen Wohnstudios begrenzte. Die vierte Seite hatte zwei Türen und einen großen Kamin, in dem ein lebhaftes virtuelles Feuer brannte. Entlang des Geländers standen an der Wand prall gefüllte Bücherregale, dazwischen Bronzeplastiken auf Natursteinsockeln, die aussahen wie Leihgaben aus einem Museum.


„Das ist ja ein tolles Haus. Eines von denen, die man in teuren Architekturmagazinen abgebildet sieht“, sagte Alexander.


„Längst passiert“, sagte von Haase. „In ‚Domus‘ und ‚Atrium‘ waren große Berichte. Seitdem kommen immer wieder Leute und wollen es besichtigen. Zum Glück habe ich Araya, meine schnittige Janitscharin.“


Schnittig wie ein Rasiermesser, dachte Alexander, traute sich aber nicht, den Gedanken auszusprechen. Stattdessen sagte er: „Ich täusche mich wohl nicht, wenn ich davon ausgehe, dass sie in mehr als einer Kampfsportart geschult ist.“


Von Haase nickte. „Nomen est omen. Ihre Ehe hat sie mit einem Ukrainer geschlossen, seitdem heißt sie Kalaschnikowa.“ Er wandte sich an Kim. „Du weißt, dass der Grundentwurf zu meinem Palast von Deinem lieben Vater stammt?“


„Das hat Mutter erzählt.“


„Er musste natürlich ein bisschen meinen Wünschen angepasst werden.“


„Natürlich.“


„Ich denke sehr gern an den alten Herrn zurück. Ich darf ihn doch so nennen? Es ist nicht respektlos gemeint. Wir waren in derselben studentischen Verbindung, der ‚Helvetia‘, er ein Alter Herr, ich ein Fuchs. Er hat mir sehr geholfen. Ich mochte ihn sehr. Es ist schade, dass er so früh gehen musste. Ja, die Guten sterben jung, und deren Herzen trocken, wie der Staub des Sommers, brennen bis zum letzten Stumpf... Ich habe ihm viel zu verdanken. Ich meine, nicht fachlich. Da gingen wir getrennte Wege. Er war schon fertig, und ich fing ja gerade erst an mit dem Studium.“

„Was hast Du studiert?“


„Ich? Natürlich Ägyptologie, Assyrologie, Amerikanistik, was denkst Du denn? – Nein, Quatsch, Geographie, Soziologie und Pädagogik. Ich wollte doch Lehrer werden. Bin ich irgendwie ja auch geworden. Erst letzten Monat habe ich in Zürich einen Vortrag gehalten. Vor zweihundert begeisterten Zuhörern. Du siehst, ich bin immer noch im Geschäft.“

 

 
 
 

Sie waren in die Stadt gefahren und saßen auf der Dachterrasse, die zu dem Café in der neunten Etage des Kaufhauses Printemps gehörte. Die Abendsonne tauchte die Häuser in goldenes Licht. Die Aussicht von hier oben war schlichtweg grandios. Auf der einen Seite sah man die Grands Boulevards und die Opéra Garnier, dann schweifte der Blick weiter über die Madeleine und den Eiffelturm bis hin zum Arc de Triomphe, der nur ein kleines Stück aus dem dichten Pariser Dächermeer herausragte. Von der anderen Seite der Terrasse aus hatte man freie Sicht auf den Montmartre-Hügel, von dessen Spitze die Basilika Sacré-Cœur imposant herüberstrahlte.


„Wir sollten jemand zu Rate ziehen“, sagte Kim. „Jemand, der eine neue Idee hat.“


Alexander verzog das Gesicht. „Ich glaube nicht, dass es einen seriösen Engel-Experten gibt.“


„Wir können uns doch mal wenigstens umhören.“


„Alexander, Du bist unfair“, murrte Hilde. „Hör endlich auf mit Deinem Engel. Ein Reisender ist er gewesen.“


„Dann brauchen wir also einen Migrationsexperten?“


„Alex, steck Dir Deinen Sarkasmus an den Hut.“


„Verzeihung, Liebes. Also gut. An wen denkst du?


Bevor Kim antworten konnte, zog Hilde ein Buch aus ihrer Handtasche. „Ich hätte da vielleicht etwas.“ Sie schob die Gläser beiseite, damit sie das Buch vor Alexander und Kim ablegen konnte.


Kim blickte zuerst auf das Buch, dann zu ihrer Mutter. „Wir sind nicht allein?“ Sie schob das Buch zu Alexander, der das Buch aus Gewohnheit hinten aufschlug. Mit dem Zeigefinger fuhr er die linke Spalte des Inhaltsverzeichnisses entlang, dann die rechte.


„Hier“, sagte er, und legte seinen Finger neben das 11. Kapitel.


„Lass mal sehen“, sagte Kim und schob den Finger zur Seite.


Alexander legte seinen Finger wieder hin. „Besucher aus dem Kosmos“, las er vor. Er blätterte zurück bis zum Titelblatt.

 

Maurice von Haase

Wir sind nicht allein. Warum die alten Religionen Recht haben

Globus-Verlag Hamburg

 

„Wann ist das erschienen?“


„Genau weiß ich es nicht mehr. Anfang der Achtziger“, antwortete Hilde.


Kim kaute auf ihrer Unterlippe und starrte auf die handschriftliche Widmung auf dem Titelblatt. In einer äußerst dekorativen Handschrift stand dort:

 

Meinem lieben Freund Sammy Hahneman

in Dankbarkeit und Freundschaft

Maurice v. Haase

Zürich, 2. August 1982

 

„Ein Widmungsexemplar für Papa?“


„Sammy und er waren befreundet. Sie kannten sich von der Universität. Sammy hat damals den Entwurf für sein Haus in Vevey gemacht.“


„Maurice von Haase“, sagte Kim zu Alexander, „hat mehrere Bücher geschrieben über ungeklärte Phänomene. In Europa waren sie ziemlich erfolgreich. Das hier ist eines seiner ersten.“


„Ich nehme an, er kann an Dutzenden von Beispielen belegen, dass die Erde regelmäßig Besuch von Außerirdischen gehabt hat.“


„Vermutlich. Ja. Das war seine These. – Lebt er eigentlich noch, Mutter?“


„Zu Weihnachten kriege ich immer eine Karte von ihm. Auch letztes Jahr.“


„Ach so. Und jetzt schlägst Du vor, dass wir ihn konsultieren?“ In Alexanders Stimme schwang eine leichte Ungeduld mit.


„Ich dachte, ihr könntet mal mit ihm reden.“ Hilde zückte erneut ihre Handtasche, brachte eine Schachtel Zigaretten zum Vorschein und zündete sich eine an. „Erst Nummer 2“, sagte sie in Kims Richtung.


„Damit er dann ein neues Buch schreibt“, sagte Alexander grimmig. „Der Mann, der vom Himmel fiel. Zusammen mit Mrs. Alexander Fairchild.“


„Ihr müsst ihm ja gar nichts verraten. Ihr lasst ihn einfach erzählen. Ich weiß, dass er eine Menge Zuschriften auf sein Buch bekommen hat. Vielleicht ist ihm irgendetwas begegnet, was euch weiterhilft.“


Alexander und Kim schwiegen. Nicht, weil sie überzeugt waren, sondern aus Höflichkeit. Hilde gab noch nicht auf.


„Kennt ihr das nicht? Man hat ein Knäuel vor sich, das man entwirren möchte. Man sucht den Anfang, arbeitet sich Zentimeter für Zentimeter nach vorne. Plötzlich geht es nicht weiter. Was macht man? Man nimmt sich das andere Ende vor, probiert es von dort aus und gelangt auf diese Weise zum Ziel. Das meine ich. Wenn ihr von der einen Seite her nicht weiterkommt, versucht ihr es von der anderen Seite.“


Kim schien nicht uninteressiert. „Ich könnte ja so tun, als würde ich über ihn schreiben wollen. Er hat sicher nichts dagegen, wenn sein ramponierter Ruf ein bisschen aufpoliert wird. Wo liegt Vevey?“


„In der Nähe von Lausanne. Ich würde Moritz anrufen und euren Besuch ankündigen. Sein Haus ist – na ja, ein bisschen überspannt. Genau wie er. Aber die Lage ist einmalig, mit Blick auf den Genfer See.“


„Was meinst du“, sagte Kim und sah dabei Alexander an. „Ich finde, wir sollten den Versuch wagen.“


„Wenn publik wird, dass ich mich mit diesem Quatsch –“ Alexander vollendete den Satz nicht, räusperte sich und setzte neu an. „Wenn ich mit diesem Thema an die Öffentlichkeit gehe, ist mein Ruf als Wissenschaftler ruiniert. Ich sehe schon die Schlagzeile: Amerikanischer Professor auf der Jagd nach dem Alien. Und der nächste Schritt ist dann: Der verrückte Professor. Nein, das werde ich meinem Kind nicht antun.“


„Du denkst mal an unser Kind?“, sagte Kim bissig, die in dieser Frage all ihre Kampfbereitschaft sammelte. „Das ist ja mal etwas ganz neues.“


„Du tust mir Unrecht. Ich denke ständig daran. Ich weiß nur nicht, warum ich plötzlich meine professionelle Skepsis, die eine sehr wichtige wissenschaftliche Tugend ist, ablegen soll. Warum?“


„Muss ich Dir das jetzt erklären?“


„Ja, bitte, erkläre es mir.“


„Weil du, verdammt noch mal, Wissenschaftler bist und den Drang, nein, weil Du die Pflicht hast, alles herauszufinden, und weil Dir – oder besser uns – seitdem manche Dinge einfach in den Schoß gefallen sind und wir gar nichts anderes tun konnten, als diese Dinge in die Hand zu nehmen und zu betrachten. Und wenn man erst einmal so weit ist, dass einem die Dinge in den Schoß fallen, wenn die Welt nur noch aus einem System von Straßen und Wegen besteht, die alle geradewegs zu demselben Ziel führen, dann –“


Kim spürte, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten, und wandte sich ab. Alexander wollte besänftigend den Arm um sie legen, aber sie wich zur Seite.


„Wenn Du nicht mitmachst, Alex“, sagte sie mit fester Stimme, „dann kümmere ich mich eben alleine darum.“


Ihre Entschlossenheit machte Alexander hilflos. Er war es gewohnt, als Wissenschaftler jeden Schritt, den zu tun er sich anschickte, in allen Konsequenzen bis zu Ende zu durchdenken. In dieser Angelegenheit hatte er das Gefühl, dass Kim und er wie auf einem führerlosen Kahn auf ein Ziel zu trieben, das vielleicht bloß ein Riff war.


„Ich sage doch gar nicht, dass ich nicht mitmache“, sagte er nach einer Weile. „Ich weigere mich nur, unser Projekt unter der Flagge Prä-Astronautik segeln zu lassen.“


„Und das heißt jetzt was?“ fragte Kim. „Wie fällt Deine Entscheidung aus?“


„Ein überspanntes Haus am Genfer See? Na ja... Wegen der Lage des Hauses würde ich mitkommen“, antwortete Alexander und hob den Kopf. „Aber nur, wenn Du mich nicht als Professor für Paläo-Anthropologie vorstellst. Ich bin der Fotograf, der Deinen Artikel bebildert. Unter der Voraussetzung würde ich mich überreden lassen.“

 
 
 
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