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Heute gab es die Abschlusszeugnisse für die Unterprima. Nur eine Fünf in Mathe. Die Vier in Philosophie habe ich mir dadurch eingehandelt, dass ich meinen alten Freund Dr. Kleine-Natrop im letzten Test mit einer Antwort provoziert habe, von der ich genau wusste, dass sie ihn auf die Palme bringen würde. Die Frage hatte gelautet: Was ist Denken? Ich wollte partout nicht wiederkäuen, womit er uns seit der Sexta belämmert: dass wir die Welt nicht verstehen können, weil Erkenntnisse nicht die Frage nach dem Sinn beantworten. Das hätte sogar Einstein zugegeben. Denken ist etwas Sinnliches, was wir nicht unmittelbar erfahren können, es setzt sich aus Beweisen und Vermutungen zusammen, ergo kann es keine endgültigen Wahrheiten geben, ergo ist die Welt, anders als die Marxisten behaupten, prinzipiell nicht erkennbar und so weiter blabla. Sein Paradebeispiel ist dann immer die Entstehung der Welt, angeblich die wichtigste Frage der Menschheit, auf die es keine wissenschaftliche Antwort gibt. Da sie aber nun einmal da ist, muss es dafür auch eine Ursache geben, ergo einen Schöpfer. Ein Gott muss also dafür herhalten, um unsere Wissenslücken zu stopfen. So weit waren Griechen, Römer und Germanen auch schon. Ich behaupte, dass man das eines Tages sehr wohl herausbekommt, genau wie die Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel ist. Das alles hätte ich schreiben sollen, aber ich hatte keine Lust, und deswegen war meine Antwort auf die Frage, was Denken ist, kurz und knapp: Ein chemischer Prozess. Punkt.


Weil ich die Versetzung geschafft habe, darf ich im Sommer mit Manni und Thomas auf große Frankreichrundfahrt gehen. Als ich Papa erzähle, dass wir zuerst in die Bretagne fahren, fällt ihm gleich ein Ausflug nach Mont Saint-Michel ein, den er vor dreiunddreißig Jahren als Arbeitsdienstmann von Dinard aus gemacht hat. Er meint, das ist ein ganz besonderer Ort, zu Fuß nur bei Ebbe erreichbar. Die Flut läuft dort mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes auf. Also achtgeben.


Er holt ein altes Fotoalbum aus dem Schrank, um mir Bilder zu zeigen. Er hat mehrere Alben aus seiner Soldatenzeit, aber ich hatte noch nie Lust, sie mir anzusehen. Für ein großes Porträt ist er extra in ein Fotostudio gegangen. Da steht er, genauso alt wie ich jetzt, in seiner Winteruniform aus dickem Wollstoff mit der aufgenähten Hakenkreuzbinde, auf dem Kopf das Schiffchen mit dem Arbeitsdienst-Emblem. Wie der Name schon sagt, hatte der Reichsarbeitsdienst viel mit Arbeit zu tun. Ständig wurden sie gehetzt und getrieben. Nur kein Versager sein. Für Versager gab es Strafexerzieren: Liegestütze, Kniebeugen mit vorgehaltenem Gewehr, Häschen hüpf, Hinschmeißen, auf dem Boden robben, im Laufschritt einige Runden auf dem Kasernenhof drehen, gerne auch mit Gesang. Als Papa die Nase voll hatte, ging er zum Arzt. Der stellte bei ihm einen Herzfehler fest und schrieb ihn innendienstkrank. Seine neue Aufgabe war Wache schieben, in voller Montur: Koppel, Stahlhelm, Patronentaschen, Seitengewehr, Schulterriemen, Gasmaske. Auch kein Vergnügen.


Das Album kann ich mir ja später mal genauer ansehen, meint Papa. Für den Fall, dass wir in die Gegend von Lyon kommen, will er mir noch die Adresse einer Pyritmine heraussuchen. Sollten wir zufällig in der Nähe sein, könnten wir doch nach erzhaltigem Gestein Ausschau halten. Meinetwegen. Für die zweihundert Mark, die er mir für den Urlaub zuschießt, wäre es nur recht und billig.

 

 

Arthur und Richie haben mir eine Ansichtskarte aus Bangkok geschickt. Sie wollen acht Wochen bleiben. Da werden die Feldjäger aber ganz schön dumm aus der Wäsche geguckt haben, als sie am 2. Juli bei Arthurs Eltern klingelten.


Künzel ist in Pakistan. Rom, Beirut, Kabul, Teheran, Rawalpindi und Delhi hat er schon abgehakt. Gerade ist er in Lahore: Überall Kühe und anderes Getier, keine Kanalisation, kein Licht, oft kein Wasser.


Robert ist bei den Jägern in Ahlen und findet es erwartungsgemäß total beschissen. Sie liegen zu siebt auf einer Bude und sein Spitzname ist Luigi. Um Viertel nach fünf ist Wecken und erst um 17 Uhr Dienstschluss.


Hermann ist auch bei den Jägern, aber in Kassel. Er rät mir dringend, zu verweigern, weil kein Ersatzdienst so beschissen sein kann wie diese Kacke, die er dort mitmacht. Das hätte er sich auch denken können.

 

 

Im Auto riecht es nach ausgelaufenem Geschirrspülmittel und kalter Zigarettenasche, aber das Tramperpärchen, das wir bis Vannes mitnehmen, stört sich nicht daran. In Nantes suchen wir als erstes nach einem Waschsalon. Während unsere Hosen, Hemden und Pullover, T-Shirts und Socken in der Maschine rotieren, sitzen wir mit übereinandergeschlagenen Beinen auf blauen Kunststoffstühlen, blättern in französischen Magazinen und essen dazu die zuckersüßen Orangen, die wir unterwegs gekauft haben, eine Abwechslung zu unserer üblichen tristen Nudeldiät. Nachdem unsere Sachen auch noch das Trocknerprogramm durchlaufen haben, riechen sie angenehm nach Seife. Wir packen sie in den großen braunen Pappkoffer, der bis dahin unsere Küchengerätschaften aufgenommen hat, und setzen unsere Fahrt in den Süden fort.


Kurz hinter Nantes, es ist schon Nachmittag, steigt wieder ein Tramper zu; der dritte heute. Jacques steht auf seinem Lederarmband. Wegen der drei Taschen, die offenbar seine gesamten Habseligkeiten enthalten, macht er den Eindruck eines Landstreichers. Wir fragen ihn, wie lange er schon unterwegs ist. – Drei Jahre. Vor drei Jahren ist er von der Armee weggelaufen, und seitdem ist er unterwegs. Das hatten wir natürlich nicht gemeint, aber nun wissen wir’s. Seit zwei Tagen wartet er auf einen Lift, heute seit neun Uhr früh, aber wir sind die ersten, die angehalten haben. Er will zu seinem Bruder und anschließend nach Béziers zur Weinlese, wo sie ihn letztes Jahr auch für zwei Monate genommen haben, ohne nach seinen Papieren zu fragen. Mit dem Geld, das er in dieser Zeit verdient, kann er vier Monate gut leben.


In Chantonnay trinken wir in einer Straßenkneipe Limonade. Die Zigarette, die er sich von unserem Tabak dreht, raucht er so tief herunter, dass ihm die Glut beinahe die Finger verbrennt. Auf seine Landsleute ist er nicht gut zu sprechen. Um ein Haar hätten sie ihn verhungern lassen. Zum Schluss wog er nur noch dreißig Kilo und lag lange im Krankenhaus.


Bis La Rochelle, wo wir übernachten wollen, übernehme ich das Steuer. Statt zu einem Campingplatz lotst Jacques uns zu einem Zigeunerlager. Dass es tsiganes sind, erkennt man aber nicht am Aussehen, sondern lediglich an ihren Wohnwagen. Wir bauen unsere Campingküche auf und kochen Spaghetti mit Tomatensoße. Obwohl er während des Essens kein einziges Wort spricht, braucht Jacques für seinen Teller geschlagene zwanzig Minuten, und danach ist er satt. Er isst nie öfter als zweimal am Tag und in der Regel nur ein kleines Stück Brot mit Käse. Mehr braucht er nicht, sagt er. Aus einer seiner Taschen, die nach dem Grad der Wichtigkeit gepackt sind, bringt er Kekse zum Vorschein, die er uns anbietet.


Nach dem Kaffeetrinken, wofür wir in die Stadt fahren müssen, bauen wir unser Zelt auf. Ein bisschen Schiss haben wir schon, dass wir so nahe an den Wohnwagen der Zigeuner stehen, aber Jacques versichert uns, dass wir von ihnen nichts zu befürchten haben. Dann legen wir uns alle vier zum Schlafen in unser Zelt, ganz so, als ob wir alte Bekannte wären; Jacques mit einer alten Decke aus dem Auto und wir mit Luftmatratze und Schlafsack. Ein bisschen Schiss habe ich doch, wegen dem Deserteur und dem fahrenden Volk.


Als ich aufwache, knallt die Sonne erbarmungslos auf das Gummizelt. Die Luft draußen ist warm und geruchlos. Wir frühstücken bei den Zigeunern. Auf einmal erscheint ein Junge mit einem frisch geklauten Mofa, führt es den Erwachsenen vor. Nach kurzer Inspektion wird es beiseite geschafft. Eine Stunde später, wir sind schon dabei, unser Zelt abzubauen, tauchen zwei Gendarmen auf. Von ihrer Unterhaltung mit den Zigeunern verstehen wir kein Wort, aber es ist offensichtlich, weshalb sie gekommen sind. Für uns interessieren sie sich nicht. Unverrichteter Dinge müssen sie wieder abziehen.


Kurz bevor wir auf die Autobahn nach Bordeaux fahren, steigt Jacques aus. Bordeaux ist für ihn ein Umweg, und außerdem ist er nicht der Typ für Autobahnen.


Fünf Tage später erreichen wir unser heimliches Ziel, Saint-Tropez. Hier wollen wir uns für ein paar Tage einrichten. Vielleicht sind die Stones gerade da und Brigitte Bardot. Oder Michel Polnareff. Aber unsere Suche nach einem Campingplatz, die wir bis Sainte-Maxime ausdehnen, bleibt ergebnislos. Also hauen wir uns einfach irgendwo auf halber Strecke an den Strand, mit nichts als dem Sternenhimmel über uns.


Das Frühstück nehmen wir am Marktplatz in Saint-Tropez ein, mit allem Drum und Dran. Mondäne Typen laufen hier herum. Bei der anschließenden Suche nach einem Badestrand landen wir am Plage Tahiti. Da liegen sie lang ausgestreckt auf ihren bunten Badehandtüchern oder Strohmatten, Schönheiten aus aller Welt, die meisten nur mit Sonnenbrille und Badehöschen bekleidet, neben sich einen Kosmetikbeutel oder ein Körbchen, aus dem ein Handtuch quillt. Lässig wie Popstars schreiten wir die Promenade ab. Karamellfarbene Leiber in Reih und Glied, zeitschriftenwürdige Titten in jeder Form und Größe, schutzlos dem Sonnenlicht und unseren gierigen Blicken ausgesetzt. Weit und breit kein bekanntes Gesicht. Wo sind BB und ihre Freundinnen? Wahrscheinlich am Pool des eigenen Hauses. Sie haben es nicht nötig, sich hier begaffen zu lassen. Obwohl wir gar nicht baden wollen, tun wir so, als würden wir nach einem geeigneten Platz für unsere Strandhandtücher suchen. Für den Rückweg lassen wir uns besonders viel Zeit und freuen uns schon darauf, dass wir die Promenade morgen wiederholen werden.


Nicht ganz leicht ist es, am Abend an den Kellnern von der Tahiti-Bar vorbei wieder an den Strand zu kommen, wo wir uns wie gehabt mit den Schlafsäcken in den Sand legen.


Böse Überraschung beim Aufwachen: Mannis griechische Umhängetasche samt Inhalt ist weg. Ich erinnere mich, irgendwann vor dem Aufwachen Stimmen gehört zu haben. Weg sind unsere Papiere, unsere Travellerschecks und das Unser-Aller-Portemonnaie mit etwa fünfzig Mark.


Auf der Polizeistation in der Stadt werden wir kühl abgefertigt: Das Übernachten am Strand ist strikt verboten, haben Sie die Schilder nicht gesehen? Außerdem ist man für Diebstähle nicht zuständig, das ist Sache der Gendarmerie. Ich muss an einen Film mit Louis de Funès in der Rolle eines cholerischen Gendarmen denken, der besessen davon ist, in Saint-Tropez Nacktbader hinter Gitter zu bringen. Aber Gendarm Garçin ist wider Erwarten die Sanftheit in Person. In aller Ruhe nimmt er ein Protokoll auf, und dann bekommen wir eine Liste der gestohlenen Gegenstände ausgehändigt. Monsieur Garçin ist außerdem so nett, den Zeitpunkt des Diebstahls auf 19 Uhr vorzuverlegen, wodurch uns eine Anzeige wegen wilden Kampierens erspart bleibt. Außerdem rät er uns, das deutsche Konsulat in Nizza um Hilfe zu bitten. Also auf nach Nizza.


Beim Konsulat meinen sie, falls die Gendarmerie in Saint-Tropez unsere Sachen wiederfinde, was wahrscheinlich sei, weil Ausweise und Travellerschecks für Strandräuber uninteressant seien, würden sie diese zum Generalkonsulat nach Marseille schicken. Wir sollen deshalb sowohl mit Marseille als auch mit Saint-Tropez Verbindung halten.


Wir sind uns einig, dass wir von der Côte d’Azur nun genug haben. Morgen, spätestens übermorgen werden wir uns auf den Rückweg machen. Aber vorher rufen wir in Saint-Tropez an, ob sich da etwas getan hat. Das Telefonat übernimmt Thomas, weil er als einziger von uns Französisch spricht. Zum Glück kann er mehr oder weniger das Protokoll vorlesen, das der Gendarm heute Vormittag aufgenommen hat: Nous avons été victimes du vol, hier; ces affaires se trouvaient dans un sac en tissus rouge et vert. Und so erfahren wir, dass unsere Sachen in einem Papierkorb am Strand gefunden wurden und morgen von uns abgeholt werden können.


Auf der Rückfahrt legen wir einen Zwischenstopp in Cannes ein. Mannequins sind keine zu sehen; die Filmfestspiele sind wohl schon vorbei. Wir sitzen am Hafen und schauen uns die Yachten an, die hier vor Anker liegen. Ein Mann in Arbeitsklamotten spricht uns an, der sich auf einem der Boote zu schaffen macht. Wir unterhalten uns auf Englisch; jeder zweite Satz von ihm endet mit der Nachfrage: You dig it? Zwischendurch wirft er mit Pall-Mall-Zigaretten, die wir fangen und ihm zuliebe rauchen. Das Schiff gehört seiner Chefin, auf die er nicht gut zu sprechen ist: She’s fuckin’ herself every night.


In Saint-Tropez pennen wir wieder am Strand. Zu Stehlen gibt es ja nichts mehr. Gleich am nächsten Morgen gehen wir zur Gendarmerie, wo wir unsere Sachen ausgehändigt bekommen. Wie die Leute vom Konsulat vermuteten, ist nur unser Bargeld futsch.


Nach einer langen Autobahnfahrt landen wir am frühen Abend in Lyon. Obwohl es die falsche Richtung ist, fahren wir mir zuliebe noch ein Stück weiter nach Westen, nach Sain-Bel, wo es die von Papa beschriebene Pyrit-Mine geben soll. Vor dem Ortseingang, zwischen der Straße und einem abgeernteten Maisfeld, bauen wir im Schutz der Dunkelheit unser Zelt auf.


Ungefrühstückt fahren wir am nächsten Morgen kreuz und quer durch das kleine Kaff, das von einem Schlosshügel überragt wird, finden aber nicht den geringsten Hinweis auf eine Mine. Erst durch Befragung des Barbesitzers, bei dem wir einen Kaffee trinken, kommt heraus, dass sich der Betrieb drei Kilometer weiter südlich in Saint-Pierre-la-Palud befindet. Mais il n’est plus en exploitation. Umso besser.


Das Werksgelände besteht aus einem langen Backsteingebäude mit schrägem Glasdach und einem Ensemble von Baracken und offenen Schuppen, Türmen, Röhren, Rutschen, Tanks und Schornsteinen; dazu Geleise einer Schmalspurbahn. Aber alles ohne Leben, wie auf einem Foto. Und obwohl keine Menschenseele zu sehen ist, macht der Betrieb nicht den Eindruck, als würde dort nicht mehr gearbeitet. Es sieht eher nach Werksferien aus. Das Büro ist nicht einmal abgeschlossen; neben der Tür hängen noch eine blaue Arbeitsjacke und ein Schutzhelm. Der große Wandkalender ist allerdings vom vorvorigen Jahr.


Gemeinsam streifen wir über das weitläufige Gelände. Auf einer Halde, direkt unter einem Förderband, entdecke ich schließlich ein pflastersteingroßes Stück Pyrit von mindestens vier Kilo Gewicht. Papa wird begeistert sein.

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