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Auf der Fete von Teufels Klasse, zu der sie mich netterweise eingeladen hatten, habe ich mich von Sigrid Wismuth anmachen lassen und jetzt gehe ich mit ihr, obwohl sie gar nicht mein Typ ist. Deswegen halte ich die Sache auch ziemlich geheim. Ab und zu besuche ich sie abends zuhause. Genau genommen komme ich auf telefonische Bestellung. Sie wohnt Schulstraße 3, und in drei Minuten bin ich bei ihr. Sie kriegt es immer hin, dass ihre Eltern nicht da sind, wenn ich komme. Ich klingle, sie macht die Tür auf, von oben schreit ihre Oma Es hat geschellt!, Sigrid schreit zurück Ma, das ist für mich, und weil die Oma schlecht hört, noch einmal: Das ist Besuch für mich, Ma! Dadurch wird ihr kleiner Bruder angelockt, der mich frech anstarrt und sich sehr dafür interessiert, was wir beide jetzt in ihrem Zimmer im Keller anstellen, woraufhin sie ihm irgendeine Drohung entgegenschleudert und die Zimmertür vor seiner neugierigen Nase zuknallt. Danach legen wir uns auf ihr Bett, ziehen uns aus und machen miteinander rum, und zwar relativ heiß. Trockenschwimmen ist wohl das Pendant dazu. Obwohl der Fachbegriff dafür Petting lautet. So nah dran war ich noch nie.


Zu mir kommt Sigrid nicht mehr, seit meine Mutter mal unverhofft in meinem Zimmer aufgetaucht ist, obwohl sie genau wusste, dass ich Besuch habe. Wir lagen splitterfasernackt auf dem Bett hinter dem Vorhang, machten rum. Keine Lampe brannte. Wir hörten, wie meine Zimmertür geöffnet wurde, und dann tauchte sie auch schon vor uns auf, wie ein Schreckgespenst: Na, ihr Dunkelmunkler! Was Bekloppteres fiel ihr anscheinend nicht ein. Sigrid rief spontan Oh nein! und versteckte sich unter der Decke.


Mir verschlug es in dem Augenblick zwar die Sprache, aber dafür stellte ich sie hinterher zur Rede. Was ihr einfiele, uns einfach zu überraschen. Das sei Verletzung der Intimsphäre. Natürlich redete sie sich raus, wie sie sich immer rausredet, weil sie immer Recht haben muss und nie zugeben kann, dass sie mal was Falsches gemacht hat.

 


Sigrid ist mit Weißenfels in Wassenberg auf Klassenfahrt und kommt erst am Wochenende zurück. Deshalb haben wir ausgemacht, dass ich sie am Samstag besuche. Arthur, Richie und Keeseberg sind auch da, als Gäste, und weil Keeseberg keine Lust hatte, wie die andern mit dem Zug zu fahren, hat er sich mein Auto ausgeliehen, als Gegenleistung für die Reparatur, was ich ihm schlecht abschlagen konnte.


Sigrids brieflichem Bericht zufolge geht es fast rund um die Uhr hoch her. Wenn Arthur, Richie und Keeseberg nicht gerade um die riesige Feuerstelle herum sitzen und saufen, spielen sie Fußball, mit meinem Auto als Tor und Weißenfels im Trainingsanzug als viertem Mann.


Außer ihnen hat sich auch eine Gruppe der Jungen Union in der ehemaligen Mühle eingemietet, die aber weitgehend mit gerechter Verachtung gestraft wird, außer von Sigrids Freundin Judith, die sich letzte Nacht, ganz gegen ihre politische Einstellung, mit einem von den Jungschnöseln den Schlafsack geteilt hat.


Normalerweise hat Judith kein Faible für politische Karrieristen, sondern für Batikblusen, Buddhismus, Jasmintee und indische Musik. Beim Sprechen pflegt sie mit den Händen herum zu rudern, wodurch die Zipfel ihres selbstgebatikten Seidenschals, der an beiden Seiten bis auf ihre Hüften herabhängt, in Bewegung geraten und sie wie ein lebendiges Abbild vom vielarmigen Gott Shiva aussehen lassen. Ich dachte jedenfalls, dass es Shiva wäre, aber kaum hatte ich den Namen ausgesprochen, verbesserte sie mich auch schon: Kali, bitteschön. Oder seh ich etwa aus wie ein Mann? Weil ich in Chemie neben ihr sitze und sie mich bereitwillig abschreiben lässt, verkniff ich mir das Ja.


Irgendjemand muss ihr gesteckt haben, dass ich Lyrik verfasse, und jetzt will sie mich unbedingt für Haiku begeistern, japanische Kurzgedichte. Ein guter Haiku, schwärmt sie, ist so einfach wie ein Kinderlied und offenbart dem Leser trotzdem das Wesen der Dinge. Jedes Gedicht ein Juwel. Auf den ersten Blick sehen sie ganz simpel aus, aber dahinter verstecken sich bestimmte Vorschriften, die man unbedingt einhalten muss, und das macht den Reiz aus. Zum Beispiel die Silbenzahl, nicht mehr als Siebzehn, verteilt auf genau drei Zeilen. Eine Jahreszeit sollte möglichst auch erwähnt werden. Die besten Haiku sind nach Judiths Meinung von Bashô und Shiki. Sie haben einfach aufgeschrieben, was sie in der Natur beobachtet haben, ohne künstlerisches Brimborium, und genau deswegen sind ihre Gedichte für Judith so herzergreifend.


Zum Beispiel das vom Sperling. Laut Judith ist das überhaupt der größte Haiku, der je geschrieben wurde. Sie sieht ihn genau vor sich, den kleinen Vogel, wie er die Veranda entlang hüpft, hüpf-hüpf-hüpf, und weil er eben noch durchs nasse Gras gehüpft ist, hinterlässt er bei jedem Hüpfer die Abdrücke von seinen Zehen, wie Stempel. Man sieht es vor sich, man hört es und riecht es.


Judith dichtet auch selbst Haiku. Ihren besten hat sie aufgeschrieben und Fritz Teufel und mich ermuntert, es auch einmal zu versuchen.

 

Sie stürzt sich vom Schrank.

Es ist ein andres

Totwerden als im Winter

                            Judith

 

Dass sie ihr Gedicht regelrecht signiert hat, als wenn sie der neue weibliche Bashô wäre, finden Fritz und ich ziemlich abgedreht. Gleichzeitig hat uns das angespornt, es ebenfalls zu versuchen. Jeder Trottel kann schließlich weniger als siebzehn Silben in drei Zeilen quetschen, die sich noch nicht einmal reimen müssen. Nur mit der Jahreszeit hatten wir ein Problem. Es kann also sein, dass unsere Verse nicht den strengen Haiku-Regeln entsprechen. Dafür haben wir sie aber signiert.

 

Warten auf die Zeit.

Dich gibt es nicht

und gibt es doch

Frank

 

Sie öffnet den Mund,

und ihre Worte

wirbeln wie Pappelflaum.

Jakob

 

Um nach Wassenberg zu kommen, treffe ich mich am Abend mit Arthur in Reuschenberg, wo er schon mit meinem Auto auf mich wartet. Danach steigt er in seinen Mercedes und ich fahre ihm hinterher, dem starren Licht seiner Scheinwerfer nach. Hinter Erkelenz geht es auf dunklen Landstraßen weiter; zu meiner Orientierung blinkt er jede Kurve kurz an.


In der Mühle herrscht Partystimmung. Es ist bullenheiß; im Hauptraum lodert ein meterhohes Feuer, das von Fritz geschürt und bewacht wird. Wenn einer etwas vom Zündeln versteht, dann ist er es. Sicher wird er nicht eher davon lassen, als bis auch der letzte Span in CaO, K2O, MgO und P2O5 umgewandelt ist. Fast die ganze Klasse tanzt im Schein der zuckenden, züngelnden Flammen zur Musik von Deep Purple, ein paar von den Jungs sind oberkörpernackt. Holzscheite platzen mit lautem Knall, Glutstückchen fliegen durch die Luft.


Hallo Arschloch, begrüßt mich Richie mit rauher Herzlichkeit. Seine Aknepusteln glühen im Feuerschein.


Hallo crocodile pocket face, erwidere ich nicht weniger herzlich.


Schon stürzt sich Sigrid auf mich. Für einen kurzen Moment versuchen ihre wässrigen Augen meinen Blick einzufangen, dann saugt sie sich an mir fest, wodurch nun auch der letzte weiß, dass wir zusammen sind, und der letzte ist Weißenfels, der mir mit schwerer Zunge gratuliert und meint, dass wir unbedingt zueinander passen. Wenn er sich da mal nicht täuscht. Außerdem hat mir Richie anvertraut, dass Sigrid versucht hat, ihn anzubaggern. Klar, die Aussicht, künftig einen Zweizentnermann an ihrer Seite zu haben, der genau wie sie mit Pickeln tätowiert ist, lässt einen Versuch lohnend erscheinen.

 

 

Zu meiner Überraschung rief am Nachmittag Veronika Fahrenhorst an, um mir vorzuschlagen, dass ich sie heute Abend besuche. In der Schule hatte ich sie zur Abwechslung mal ignoriert und mich stattdessen mit Ulrike Gilmer unterhalten, der anderen Sportskanone in unserer Klasse. Das hat ihr wahrscheinlich zugesetzt. Oder ein Augenzeuge in Wassenberg hat ihr von meinem Verhältnis mit Sigrid Wismuth erzählt, und jetzt sieht sie ihre Felle davonschwimmen.


Die Adresse ist ein Bungalow in Weckhoven, ziemlich finster von außen. Ihre Schwester macht die Tür auf und zeigt mir den Weg in den Keller. Veronika sitzt an ihrem Schreibtisch und ist mit irgendwelchen Schulsachen beschäftigt, und solange soll ich mich irgendwo hinsetzen, aber nicht aufs Bett, weil das nicht gemacht ist. Da klopft es auch schon an der Tür, und ihre Mutter kommt herein, von der ich immerhin soviel weiß, dass sie als junges Mädchen mit ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern vor den Russen aus Ostpreußen geflohen ist, bei minus zwanzig Grad über die zugefrorene Ostsee, und dass sie in Neuß zu einem Kränzchen gehört, das sich regelmäßig zum Romméspielen trifft, darunter auch die Frau von Dr. Kleine-Natrop. Und dass sie Eheprobleme hat und ihr Mann gewalttätig wird, wenn er etwas getrunken hat. Als er wieder einmal durchgedreht ist, hat sie um Hilfe geschrien. Das hat dann sogar ihr Freund, von dem ich mittlerweile weiß, dass er Hardy heißt, abgeleitet von Burghard, mitgekriegt, der auf Besuch war, und das war dann ziemlich peinlich für alle. Veronika ist jedenfalls auf der Seite ihrer Mutter und hat ihr schon ein paar Mal zugeredet, sich scheiden zu lassen, bisher ohne Erfolg.


Das alles hat sie mir auf unserer Klassenfahrt nach Amsterdam anvertraut, und weil sie den Namen ihres Freundes schon erwähnt hatte, dachte ich mir, jetzt könnte ich ihr endlich die große Frage stellen, die mir immer schon auf der Zunge lag: Was hat er, das ich nicht habe? Aber vor dem direkten Vergleich hatte ich dann doch Schiss. Stattdessen habe ich bloß gefragt, was an ihm dran ist.


Er gibt mir alles, lautete ihre Antwort, woraufhin ich natürlich nichts mehr zu sagen wusste. Als wenn sie in meinem Herz das Licht ausgeknipst und die Jalousien runtergefahren hätte.


Dann hat sie mir noch erzählt, dass Hardy auf Mallorca sogar schon ein Menschenleben gerettet hat. Ein Kind wurde von den Wellen immer weiter hinausgetrieben, die Mutter schrie um Hilfe. Sofort stürzte sich Hardy ins Meer, kraulte in Weltrekordzeit auf das Kind zu, hielt es über Wasser und brachte es zur Mutter zurück, die sich vor ihm auf den Boden warf und ihm die Füße küsste. Fritz, der Stöpsel als Vertrauten in meinen Herzensangelegenheiten abgelöst hat, meint wahrscheinlich zu Recht, dass ich gegen einen solchen Helden natürlich niemals ankommen kann. BHs entriegelt der bestimmt mit einer Hand und ohne hinzugucken.


Frau Fahrenhorst mag mich immerhin, vielleicht gerade weil ich so harmlos und friedfertig aussehe. Vermutlich tue ich ihr in meiner Rolle als chancenloser Verehrer auch ein bisschen leid. Kaum betritt sie das Zimmer, geht sie schnaufend und kopfschüttelnd daran, das Bett zu machen, aber so wie sie das Deckbett zur Seite zieht, fällt ihr auch schon Veronika in den Arm, weil sie das gefälligst selber machen will. Als sie sich wieder umdreht, um mir einen unsicheren Blick zuzuwerfen, überzieht verräterisches Rot ihr Gesicht. Habe ich gesehen, was es zu sehen gab? Ja, habe ich. Klar, dass es in diesem Bett ab und zu zur Sache geht. Aber ich lasse mir nichts anmerken. Gesegnet sei unsere stille Komplizenschaft.


Danach ist sie irgendwie von der Rolle und hat keine Lust mehr auf Schularbeiten, sondern will nur noch raus, ganz egal wohin.


Und das machen wir, fahren einfach durch die Gegend, den Scheinwerfern hinterher, erst nach Hoisten, und dann weiter nach Neukirchen.


Zwischen Speck und Wehl sagt sie plötzlich, ich soll anhalten. Also fahre ich an die Seite, lasse aber den Motor laufen, weil ich denke, dass es gleich weitergeht. Stattdessen löst sie sich aus dem Sicherheitsgurt und nimmt mein Gesicht zwischen ihre Hände. Vor Überraschung und Verlegenheit schließe ich die Augen, obwohl ich Schiss habe, dass Hardy plötzlich auftauchen und mir die Fresse polieren könnte.


Lippen, die kissenweich sind und warm und erstaunlich schwellend, als ob sie monatelang auf mich gewartet hätten. Ihre Zunge ein weiches Blütenblatt, das in meinem Mund hin und her schwingt. Sie nimmt meine Hand und platziert sie auf dem weichen Kissen ihres Busens, wo sie unbeweglich ruht, überwölbt von ihrer Hand.


Auch wenn dies nur ein schrottiger weißer VW 1600 Doppelvergaser Baujahr 1965 ist und kein Lotterbett in der Nähe, keine dicken Vorhänge, keine flackernden Kerzen, nur zwei unbequeme, ehemals weiße Plastiksitze mit Rillenmuster vor einem verstaubten Armaturenbrett – wenn dies ein Film wäre und ich der Regisseur, würde ich es zur Schlussszene erklären. Mehr geht nicht als Happy End. Höchstens noch etwas mehr Leidenschaft meinerseits, aber ich bin vom Beckengurt gefesselt, der keinen Zentimeter nachgibt.


Mit der Linken fingere ich nach dem Zündschlüssel und schalte den Motor aus. Aber das hätte ich besser sein gelassen, denn schon ist der Zauber gebrochen, der Gleichklang zwischen uns aufgelöst. Veronika hat genug vom Küssen und möchte weiter. Wieder dieses Gefühl, als wäre plötzlich ein Gitter zwischen uns heruntergefahren. Sehr wohl. Ganz wie Madame wünschen. Ihr getreuer Untertan. Diener der Eleganz, Sklave der Hoffnung.


Und schon schwant mir, dass dies das Äußerste war, was ich jemals von ihr bekommen werde. Wie eine Dompteuse im Zirkus hat sie mir einen Reifen hingehalten und ich bin prompt gesprungen. Die nächste Nummer wird sein, dass sie ihren Kopf in mein Raubtiergebiss mit dem grauen Zahn steckt. Weil sie genau weiß, wie gut sie mich trainiert hat, wie brav und folgsam ich bin, glücklich, eine kleine Rolle in ihrem Leben zu spielen.


Ich würde zu gern wissen, welchem geheimen Reglement ihr Verhalten folgt. Zu viele Widersprüche. Ob sie Hardy damit auch peinigt? Ich blicke einfach nicht durch bei ihr.

Ihre Lieblingsband sind ja die Carpenters. Musik, bei der mir die Ohren abfrieren. Perfekte gefühllose Mehrstimmigkeit. Das habe ich ihr auch schon gesagt. Sie hat einen Moment nachgedacht und mir dann zugestimmt. Zu ihrem Musikgeschmack steht sie trotzdem. Sie findet auch den letzten Bondfilm gut. Ich würde mir diesen kommerziellen Scheiß nicht mal gegen Bezahlung ansehen. Wieder gibt sie mir Recht, aber es sei gute Unterhaltung gewesen. Ich glaube, wenn ich irgendeinen Makel an Hardy finde, wird sie auch sagen: Stimmt. Aber trotzdem.

Wenn sie ihn mal ein bisschen ärgern will, bloß um zu sehen, wie sehr er sie noch liebt, erzählt sie ihm wahrscheinlich, was ich für ein toller Hecht bin und steigert meine bescheidenen Fähigkeiten zu Spitzenleistungen. Das heimliche Treffen mit mir, die Spazierfahrt, der Kuss – das ist bestimmt nur eine Racheaktion, Revanche für irgendeine Lieb- oder Treulosigkeit.


Ich will versuchen, nicht an sie zu denken, sie mir aus dem Herzen zu reißen, aber es ist der reinste Hohn. Sie erfüllt jeden meiner Gedanken.

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