- Jan-Christoph Hauschild

- 24. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Der Zug pfiff und raste wenig später an einem Bahnübergang vorbei. An der Schranke stand eine junge Frau mit aufgesteckten Haaren in einem lila Pullover.
Kim zückte ihr Notizbuch und notierte einzelne Buchstaben. Alexander sah ihr über die Schulter zu, wie sie daraus Wörter bildete, wieder durchstrich und durch neue Wörter ersetzte, ehe sie die Lösung verkündete.
„Da stand einmal: und in der Folge bloß den haltlosen Speculationen eines M. Seredenberg Nahrung zu geben vermag. Den Namen Seredenberg kann ich allerdings nur raten. Das große S am Anfang ist unzweideutig. Dann sehe ich zwei Buchstaben mit Oberlänge und einen Buchstaben mit Unterlänge, das sind d, b und g. Der Rest ist Phantasie.“
„Ich würde zu gern wissen, warum Oberlin das gestrichen hat.“
„Eins ist jedenfalls klar: Er hat den Unbekannten nicht für einen Engländer gehalten. Aus dem Protokoll geht ja ganz klar hervor, dass er von einer lokalen Herkunft ausging, was ihm aber die alten Leute, die er befragte, nicht bestätigen konnten. Als er den Eintrag im Namensregister vornahm, hatte er überhaupt nichts in der Hand, um eine Zuordnung vornehmen zu können.“
„Du meinst, das gestrichene Wort heißt gar nicht englische?“
„Lass uns noch mal den Eintrag im Register ansehen.“
Kim ließ sich die entsprechende Seite anzeigen, und gemeinsam beugten sie sich über das Display.
„An Deiner Entzifferung habe ich keinen Zweifel“, sagte Alexander schließlich. „Aber vielleicht gibt es eine Nebenbedeutung von englisch, im Sinne von fremdartig. Oder vielleicht mit der Bedeutung schrecklich, abstoßend, hässlich. Englische – englische... Kann das Wort dahinter Kreatur geheißen haben?“
„Es ist so dick gestrichen... Man kann praktisch nichts mehr erkennen. Außer vielleicht einem großen C und einem u-Bogen... Die Länge würde passen... Ja, vielleicht stand da mal Creatur. Mit C.“
„Englische Creatur. Könnte das ein Synonym für Monster gewesen sein? – Gib noch mal her.“
Alexander nahm das Telefon an sich, wechselte zurück zu Seite 267 und wiederholte, was Kim entziffert hatte. „Ergo muss verhindert werden, dass dieß Individuum einer übereifrigen Wissenschaft als Object fernerer Untersuchungen dient, als Sensation in Spiritus gesetzt und auf dem Jahrmarkte ausgestellt wird und in der Folge bloß den haltlosen Speculationen eines Monsieur Seredenberg – oder wie immer er heißt – Nahrung zu geben vermag. Das ist spannend.“
„Erstaunlich, dass Oberlin nicht von einem armen Christenmenschen spricht, wie man es von einem Pfarrer erwarten könnte, sondern bloß von einem Individuum.“
„Ursprünglich sogar von einer Creatur, deren Einzigartigkeit ihm bewusst ist“, ergänzte Alexander. „Denn er sieht ihn schon als Sensation auf den Jahrmärkten, weil sich übereifrige Wissenschaftler damit beschäftigen.“
„Deren Untersuchungen zur Folge haben, dass die Spekulationen –“
„Nehmen wir lieber einen neutralen Ausdruck“, unterbrach sie Alexander: „Dass die Theorien –“
„Meinetwegen. Die Theorien eines gewissen Seredenberg dadurch Auftrieb erhalten.“
„Davor hatte er Angst, theologische Angst. Die Angst des Theologen vor der wissenschaftlichen Erkenntnis. Vielleicht war dieser Seredenberg eine Art Darwin des 18. Jahrhunderts, der den göttlichen Schöpfungsplan anzweifelte. Was weiß denn ich.“
„Gibt es denn jemand in der Wissenschaftsgeschichte, dessen Name ähnlich lautet wie Seredenberg? Vielleicht ist das letzte e auch ein o. – Seredenborg?“
Der Zug näherte sich inzwischen Entzheim. Ackerland, Wiesen und Wald wechselten mit Fabrikhallen, offenen und gedeckten Lagergebäuden. Viele Logistikunternehmen hatten sich hier in der Nähe des Flughafens angesiedelt. In knapp zehn Minuten würden sie in Straßburg eintreffen.
Alexander ließ sich von Kim das Telefon reichen. „Ich werde die Namensvarianten mal durchspielen.“
Er startete die Namenssuche, indem er „Seredenberg“ eintippte und „Speculation“ hinzusetzte.
Doch anstatt ihm ein einziges Ergebnis anzuzeigen, wollte die Suchmaschine wissen: „Meintest du: fredenberg speculation?“
Er gab die Frage an Kim weiter. „Ist Fredenberg möglich?“
„Nein. Der Name fängt eindeutig mit S an.“
Alexander löschte das erste e und ersetzte das dritte e durch ein o. Die Suche nach Sredenborg Speculation brachte immerhin 8 Treffer. Der erste war die pdf-Datei eines Typoskripts mit dem Titel „The Background and History of Spiritual Healing“. Alexander brauchte den Text nur zu überfliegen, um festzustellen, dass Sredenborg ein Fehler bei der automatischen Texterkennung war. In Wirklichkeit handelte es sich um einen Mann namens Swedenborg. Das war auch der Name, den ihm die Suchmaschine gleichzeitig vorgeschlagen hatte: „Meintest du: swedenborg speculation?“ Die Suche mit dem Namen Swedenborg erbrachte über 200.000 Treffer.
Alexander gab Kim das Telefon zurück. „Kann der Name auch Swedenborg lauten?“
„S-w-e?“ Kim vergrößerte die Darstellung. Tatsächlich sah es so aus, als würden auf das große S ein leicht deformiertes w und ein e folgen. „Es sieht ganz danach aus. Swedenborg. Hört sich skandinavisch an.“
„Der Name ist mir nicht ganz unbekannt. War das nicht ein Philosoph?“
Kim ließ sich Swedenborgs Biographie bei Wikipedia anzeigen und überflog die Begriffsdefinition. „Emanuel (von) Swedenborg, 1688 bis 1772, schwedischer Wissenschaftler, Mystiker und Theosoph. – Was bedeutet Theosoph?“
„Vereinfacht gesagt: religiöser Spekulant.“
„Womit wir genau bei Oberlins Vorwurf sind: Es muss verhindert werden, dass dieß Individuum und so weiter den haltlosen Speculationen eines Monsieur Swedenborg Nahrung zu geben vermag.“
„Dieser Oberlin wird mir immer sympathischer. Ich habe ihn unterschätzt. Es geht gar nicht um die Verteidigung kirchlicher Glaubenslehren gegen die moderne Wissenschaft. Es geht um die Abwehr religiöser Spekulationen, zu denen DOMINIQUE Anlass geben könnte. Und weil das schlimme Folgen haben würde, verhalf er ihm schnell zu einem christlichen Begräbnis in der Stille. Ein schöner Ausdruck übrigens, viel schöner als klammheimlich.“
Der Zug hatte den Endbahnhof Strasbourg Gare erreicht. Als sie aufstanden, streckte Kim ihm die Hand zum Abklatschen entgegen. „Alex, jetzt hast Du mich endgültig an Deiner Seite.“
Alexander umfasste Kims Finger und zog sie an seine Lippen. „Aber bist Du das nicht schon länger? Ich dachte, spätestens mit unserer Heirat…“
„Blödmann. Die Story, die Du mir nahegelegt hast. Du hattest Recht. Es ist eine interessante Geschichte.“
„Ich fürchte nur, ohne ein bisschen Unterstützung von Monsieur Croqué werden wir sie zu keinem Happy End bringen.“

