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22. Juli
4 Min. Lesezeit

Von Haase schaltete das Diktiergerät ein und stellte es in die Mitte des mit Zeitschriften bedeckten Tischs zwischen ihnen.

 

Auf dem Band war zunächst das Geräusch des Einschaltens zu hören, dann von Haases Dank für etwas, das sich sogleich als Memorandum herausstellte, das Holtz offenbar zwischen den beiden Besuchen verfasst hatte, und gleich darauf war von Haase mit der Frage zu hören, ob er es vorlesen solle. Nachdem er dies offensichtlich bestätigt bekommen hatte, folgte ein „Also gut. Darf ich mich hier hinsetzen? Danke“ und das Knistern von Papier, und dann begann von Haase vorzulesen. Seine Stimme klang unaufgeregt, nicht minder gleichmäßig und ruhig als Holtz‘ Schriftzüge auf seinen Notizzetteln.

 

Auf die Theorie bin ich gekommen, weil ich mit den Jahreszahlen operiert habe, die in Ihren Büchern vorkommen. Dazu muss ich Ihnen aber erst einmal erklären, wie ich überhaupt an Ihre Bücher gelangt bin. Ich hatte einen Schwager, der in Tübingen Chemie studiert hat, ein gebürtiger Leipziger. Dem hatte ich Ende der 50er Jahre Fachbücher zukommen lassen, für sein Studium. Offenbar waren unsere Bücher besser als die im Westen. Dieser Schwager hat dann in Tübingen promoviert und nachher bei der Firma Höchst in Frankfurt gearbeitet. Alles lief gut, er hatte Familie, hat sehr gut verdient, unter anderem durch Medikamentenversuche, die er an sich selbst vorgenommen hat. Aber dann gab es plötzlich einen Bruch, erst in der Familie, und dann auch im Beruf. Meine Schwester beantragte die Scheidung, die beiden Kinder wurden ihr zugesprochen, und in der Firma lief es auch nicht mehr wie früher. Ein junger Kollege wurde ihm an die Seite gegeben, der mehr und mehr seine Aufgaben übernahm. Er wurde an den Rand gedrängt, er wurde überflüssig. Und wenn zwei solcher Enttäuschungen oder Demütigungen oder Zurücksetzungen zusammen kommen, dann kann das selbst einen Zuchtbullen in vollem Galopp fällen.

 

An dieser Stelle hörte man, wie von Haase laut durch die Nase einatmete und mit einem kurzen Stoß wieder ausatmete, bevor er die Lesung fortsetzte.

 

Als man ihm anbot, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, nahm er das Angebot an. Und wie es so ist – wenn man erst mal aus der gewohnten täglichen Routine heraus ist, versumpft man von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Zuletzt igelte er sich ganz ein. Der einzige Kontakt, den er überhaupt noch hatte, war der zu mir, und der war auch nur indirekt, denn aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit durfte ich keinerlei Westkontakt unterhalten. Das ging alles über meine Mutter in Leipzig, seine ehemalige Schwiegermutter. Der schickte er Ihre Bücher, die ich unbedingt lesen sollte. Nun werden Sie sich wundern, wieso er Bücher in den Osten schicken konnte. Ganz simpel: Er zerlegte sie in einzelne Seiten und schickte sie als einfachen Brief, mit wechselnden Absendern.

 

Wieder war ein kräftiger Atemzug von Haases zu hören, diesmal von der Bemerkung gefolgt, das sei ja eine „richtige Epistel“, und danach las er weiter.

 

Ihre Bücher, besonders das erste, ‚Wir sind nicht allein‘, haben mir gefallen. Es war eine interessante Spekulation, ein schöner Ausgleich auch zu meiner sonstigen Arbeit. Ich war zuletzt im Rechenzentrum der Hauptverwaltung Aufklärung. Staatssicherheit, wenn Ihnen das mehr sagt, Sektor Wissenschaft und Technik. Ein gigantischer Sektor. Die HVA ließ bei uns, also bei Robotron, eine spezielle Software entwickeln, und zwar gleich auf zwei unabhängigen Kanälen, von zwei unterschiedlichen Abteilungen, von denen jede ihre eigene Unterstützungsbrigade bei Robotron hatte. Die Kader, wie man es bei uns genannt hat, wurden lange vorher ausgewählt. Nur die besten sollten diese Software-Sachen entwickeln. Und dazu gehörte ich. Und als man mich fragte, ob ich die Firma wechseln wollte, sagte ich natürlich nicht Nein. Offiziell stand ich aber nach wie vor im Dienst von Robotron. Wir hatten die neusten Maschinen. Sie waren ziemlich groß. Sie rechneten Tag und Nacht. Es dauerte ewig, bis sie fertig waren. Aber sie funktionierten. Und ich hatte den Zugang. Irgendwann bin ich darauf gekommen, Ihre Jahreszahlen in den Rechner einzugeben. Es war praktisch ein Testlauf, ein Spiel – bloß um zu sehen, was dabei herauskommt.

 

„Jahreszahlen?“ fragte von Haases Stimme, und gleich darauf: „Steht alles drin?“ Dann fuhr er fort.

 

Jahreszahlen in den Rechner einzugeben… In verschiedenen Kombinationen. Zuerst waren es immer nur zwei. Dazu suchte ich dann eine passende dritte. Und dann ging das Rechnen los. Ich bin es angegangen wie die Entzifferung eines Zahlencodes. Ich war ganz allein, aber ich hatte eine Maschine. Hunderte, Tausende, ja Zehntausende von Rechenoperationen habe ich über jeweils drei Zahlen laufen lassen. Mit einer eingebauten Unschärferelation. Und dabei habe ich festgestellt, dass drei dieser vielen Zahlen sich durch eine vierte dreistellige Zahl teilen ließen. Das ist ja nicht selbstverständlich. Mit kleinen Manipulationen freilich. Die aber Fehler in den Quellen berücksichtigten.

 

„Moment. Du hast Zahlen aus meinen Büchern benutzt? – Aha. Und mit Deinem Großrechner einen Code geknackt. Beziehungsweise ihn erst generiert und in einem zweiten Arbeitsschritt geknackt. – Stimmt also. Und was bedeutet das? Was kam dabei heraus?“

 

Es folgte ein längeres Schweigen, ehe von Haase seine Frage wiederholte: „Was kam dabei heraus? Willst Du es nicht sagen? Wo ist der Rest dieses Sermons?“

 

Darauf hörte man ihn stöhnen und „Danke“ sagen, und gleich darauf folgte „Was heißt das?“ Offenbar hatte ihm Holtz einen Gesprächszettel gereicht.

 

„Ich bin kein Doktor“, sagte er dann. Seine Stimme klang gereizt. „Ich bin zwar Professor, aber von einer italienischen Akademie, was mich seinerzeit einige Millionen Lira gekostet hat. Und was heißt: selber denken? Du warst doch im Rechenzentrum, nicht ich. Ohne Deine Maschinen hättest Du doch auch nichts herausbekommen. – Nein, nicht schon wieder einen Zettel. Na gut. Ich bin ja der geborene Dulder. – Ich muss es selber wissen, weil ich darüber Bücher geschrieben habe? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Hör mal, wenn nur Leute mit Wissen Bücher schreiben würden, wäre unser Buchmarkt wie leergefegt. Ganze Bataillone von Autoren würden über Nacht arbeitslos, Leute wie Houellebecq oder Mosebach könnten sich aufhängen. – Noch ein Zettel? Meinetwegen. Allmählich entsteht Ermüdung. Alles endet ewiglich. Jetzt haben wir wieder die Rätselsprüche. Pass mal auf, mein lieber Freund und Kupferstecher, Schreiben heißt nicht wissen, sondern behaupten. Ich habe lediglich Behauptungen aufgestellt. So wie Dein Staat auch bloß eine Behauptung war. – Jetzt reg Dich doch nicht auf… Ich meine, wie lange hat Dein Land denn existiert, 40 Jahre… Das ist weniger als eine Millisekunde auf der Erdzeituhr, und ich rechne erst ab dem Pleistozän! Nein, tu das nicht, Karl-Heinz! DAS IST KÖRPERVERLETZUNG… NEIN!“

 

Danach war ein krachendes Geräusch zu hören, Möbel wurden geschoben, eine Tür aufgerissen und dann klang es nach dem Hall von eiligen Schritten im Korridor.

 

 
 
 
15. Juli
4 Min. Lesezeit

Kim und Alexander hatten sich aus der Küche, die während des späten Vormittags und des Nachmittags auch als Caféteria diente, Kaffee besorgt und es sich, eingerahmt von Pflanzkübeln mit Farn, auf einem Sofa in der Eingangshalle bequem gemacht. Draußen spielten ein Mann und ein Jugendlicher, offenbar Vater und Sohn, Fußball. Ebenso lässig wie gekonnt schoben sie den Ball hin und her. Während Kim mit ihrem Telefon beschäftigt war, schaute Alexander ihnen zu. Es war ein Spiel, das ohne Sprache auskam, und es war schön, den beiden zuzusehen.

 

„Übrigens, das Neuste von Croqué“, sagte Kim. „Aus ‚Le Monde‘. Van Drongelen hat wieder zugeschlagen. Er hat sich mit Laboren in England und Deutschland zusammengetan. Alle drei haben unabhängig voneinander über ein Dutzend von Croqués Datierungsanalysen überprüft, in verschiedenen Ländern. Das Ergebnis ist desaströs. Nicht nur, dass er reihenweise seine Auftraggeber getäuscht hat. Viel schlimmer soll sein, dass er durch seine Mentalmessungen – so hat van Drongelen Croqués Phantasiedatierungen genannt – die gesamten neueren Annahmen zur Vor- und Frühgeschichte des Menschen verfälscht hat.“

 

„Der Bursche ist offenbar nicht nur ein Prahlhans und Blender, sondern auch ein Hochstapler und Betrüger, wie er im Buche steht.“

 

„Jetzt hat auch endlich die Universität eine Untersuchungskommission eingerichtet, die sich mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen beschäftigen soll. Sie trägt den schönen Namen ‚Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten‘. Klingt wie ein Tarnname.“

 

„Das müssen sie machen, solange nichts bewiesen ist.“

 

„Mal sehen, ob die Lokalpresse auch berichtet.“

 

Draußen machte sich ein kleiner Junge, der bis dahin bei seiner Familie gestanden hatte, von der Hand seiner Mutter los und ging zu den beiden Fußballspielern. Vor dem Vater blieb er artig stehen und sagte etwas zu ihm, woraufhin ihm der Sohn den Ball zuspielte, in hohem Bogen, aber dennoch sanft. Vor dem Jungen prallte der Ball einmal auf, so dass er ihn mit den Händen greifen konnte. Er hielt ihn fest, drückte ihn an seine Brust und drehte sich voller Besitzerstolz ein paar Mal in der Hüfte hin und her. Der Jugendliche rief ihm etwas zu, was vielleicht „Nicht mit den Händen! Mit den Füßen!“ bedeutete, woraufhin der Junge den Ball wieder fallen ließ und zu seiner Mutter zurück rannte.

 

Alexander schloss die Augen und gönnte sich ein Nickerchen. Als er sie wieder öffnete, stand von Haase vor ihnen. Er wirkte erschöpft und verärgert zugleich.

 

„Wir haben uns umsonst gequält“, stieß er hervor. „Dieses Holz ist gerade zu Asche geworden.“

 

„Was soll das heißen?“ fragte Kim und steckte das Telefon zurück in ihre Handtasche.

 

„Er hat zugemacht“, erwiderte von Haase düster. „Wegen Geldgier.“

 

„Das glaube ich Dir nicht“, sagte Alexander. „Das kann gar nicht sein. Du hast es vergeigt!“

 

„Ich habe nichts vergeigt“, gab von Haase kämpferisch zurück und verschanzte sich ihnen gegenüber in einem wuchtigen Polstersessel. „Weil es gar nichts zu vergeigen gab! Dieser Stasi-Zahlenkasper hat mit den Jahreszahlen aus meinen Büchern Lotto gespielt, das ist alles. Mit meinen Zahlen, die sowieso...“ Er beendete den Satz nicht.

 

Kim wollte nicht glauben, dass der gemeinsame Versuch, Holtz sein Wissen zu entlocken, gescheitert war. „Erzähl bitte genau, was Holtz gesagt hat“.

 

„Gesagt?“ grollte von Haase. „Soll das ein Witz sein? Lesen musste ich, einen ganzen Sermon, noch schlimmer als die Traktate im Flugzeug. Er hatte alles vorbereitet. Langweiliges Zeug. Dass er im Rechenzentrum gearbeitet hat, war noch das Interessanteste. Dass er nach Feierabend, oder auch im Dienst, so genau habe ich es mir nicht gemerkt, die Rechenmaschinen mit meinen Zahlen gefüttert hat. Und dann war auch schon Sendeschluss. Als ich ihn fragte, wie das Spiel funktionierte und was dabei herausgekommen ist, hat er zugemacht und sich in Schweigen gehüllt. Beziehungsweise, da er ja sowieso in Schweigen gehüllt ist, weitere schriftliche Auskünfte verweigert. Stattdessen sollte ich es wissen. So ein Quatsch. Wenn ich etwas wüsste, wäre ich doch nicht hier. Und als ich ihm die Gesetze des Buchmarktes anschaulich machen wollte und mir dabei einen Seitenhieb auf sein früheres Arbeiterparadies nicht verkneifen konnte, drehte er völlig durch. Er hätte mich mit seiner Messingleuchte erschlagen, wenn ich nicht geistesgegenwärtig zur Seite gesprungen wäre.“

 

„Und das war alles?“

 

„Reicht das noch nicht? Er wollte mich umbringen!“

 

„Hat er nichts weiter gesagt?“

 

„Kurz vor dem Lampenwurf hat er mir noch einen weiteren Orakelspruch überreicht.“

 

„Was für ein Spruch war das?“ wollte Kim wissen.

 

„Ach Gottchen, wieder so eine dunkle Sentenz. Vom Sterben. Nein, von der Ewigkeit. Wir gehen in die Ewigkeit ein... Nein. Alle gehen in die Ewigkeit. Alle Wege führen in die Ewigkeit. So ähnlich.“

 

Kim ließ nicht locker. „Wie genau?“

 

„Da müsst ihr euch schon das Band anhören“, erwiderte von Haase sichtlich genervt. „Ich kann mir ja nicht alles merken.“

 

„Das Band? Du hast...?“

 

„Hör mal, ich bin Profi. Unjung zwar und auch nicht mehr ganz gesund, obendrein seit längerem mit der alten Madame Chardonnay verpartnert, aber immer noch ein Profi. Der es jederzeit mit der ganzen Welt aufnehmen kann.“

 

Er zog ein altmodisches Diktiergerät aus der Innentasche seines Blazers.

 

„Ich muss nur zurückspulen.“

 

Er drückte auf eine Taste, und das Gerät gab ein schnurrendes Geräusch von sich.

 

„Es war natürlich praktisch, dass ich nur mich aufnehmen musste. Von der Sprachquelle bis zum Mikrofon sind es keine 30 Zentimeter. Ich nehme an, die Aufnahme hat Schallplattenqualität. Okay, es gibt keine Schallplatten mehr. Aber ihr wisst, was ich meine.“

 

Ein klackendes Geräusch zeigte an, dass der Anfang der eingelegten Kassette erreicht war.

 

„Dann lass mal hören“, sagte Alexander.

 
 
 
8. Juli
6 Min. Lesezeit

Vor dem Eingang der Psychiatrischen Heilanstalt Mondstein standen ein paar Männer und eine Frau um einen mit Sand gefüllten Diabolo-Blumenständer herum und rauchten. Zwei Pflegerinnen saßen in Plastikstühlen dabei und rauchten ebenfalls.

 

Signora Espagnola an der Pförtnerloge erinnerte sich sofort, als Kim nach der Möglichkeit fragte, Herrn Holtz auf seinem Zimmer besuchen zu dürfen. Sie nannte ihnen eine Zimmernummer im 6. Stock und ließ sie ohne weitere Formalitäten passieren.

 

Im Fahrstuhl musterte von Haase Kim. Dann sagte er zu Alexander: „Deine Frau wirkt nervös, findest Du nicht auch?“

 

„Ich glaube, das ist nur die Anspannung“, erwiderte Alexander. „Ganz normal.“

 

„Sie hat Schweißperlen auf der Oberlippe“, sagte von Haase.

 

„Ja, mir ist warm“, entgegnete Kim und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Sie spürte, wie ihr die Bluse an Schultern und Rücken klebte.

 

„Du machst Dir zu viele Gedanken über dieses Treffen“, sagte von Haase. „Es kann gar nicht schiefgehen. Wenn ich Dir jetzt noch sage, dass im chinesischen Horoskop je nach Geburtsjahr fünf Typen des Hasen unterschieden werden –“

 

Den Satz zu vollenden gelang ihm nicht, da in diesem Moment die Türblätter der Fahrstuhlkabine ruckartig eingezogen wurden und er, weil er ihr am nächsten stand, die Schachttür öffnen musste, damit sie aussteigen konnten.

 

„Und dass dies der Erdhase, der Feuerhase, der Wasserhase und der Erzhase sind“, fuhr von Haase fort, als sie alle drei vor dem Aufzug standen.

 

„Erde, Wasser, Feuer und Erz sind erst vier Elemente“, bemerkte Alexander und wandte sich zum Gehen, weil er als erster an der Wand ein Schild entdeckt hatte, das mit einem Pfeil zu den Zimmern 601-610 nach links wies. „Du sprachst von fünf Typen.“

 

„Richtig, mein Lieber“, bestätigte von Haase und hielt ihn am Ärmel seines Sakkos fest. „Dreimal dürft ihr raten, wie das fünfte Element heißt.“

 

Der Chinaporzellan-Hase, hätte Alexander am liebsten geantwortet, mit einem gewaltigen Sprung in der Schüssel. Stattdessen starrte er an ihm vorbei in den Korridor, schüttelte den Kopf und sagte: „Keine Ahnung“.

 

Kim zuckte mit den Schultern. Dann sah sie von Haase an und sagte lächelnd: „Vermutlich der Wind-Hase“.

 

„Falsch!“ Von Haase warf ihr einen tadelnden Blick zu. „Nicht der Wind-Hase. Wieso überhaupt Wind? Wenn schon, dann Luft. Na egal. Sondern“ – er griff Richtung Decke und bediente einen imaginären Klingelzug – „tätää! Der Holz-Hase! Versteht ihr? Holz wie Holtz! Unglaublich, aber wahr. Der Holz-Haase entwickelt Projekte und treibt sie voran, bildet sich selbst stets weiter und verleiht guten Ideen eine dauerhafte und gewinnbringende Substanz. Und wenn ihr jetzt denkt, ich hätte mir das nur ausgedacht, habt ihr euch geirrt. Das ist Jahrtausende alte chinesische Wissenschaft!“

 

„Und Du bist natürlich ein Holz-Hase“, sagte Alexander.

 

„Sagen wir mal, ich fühle mich als Erd-Hase. Jeder Mensch hat doch irgendein Tier, dem er sich auf unerklärliche Weise verbunden fühlt, mit dem er in geheimnisvoller Weise vielleicht sogar zusammenhängt. Wissenschaftlich verifizieren lässt sich das vermutlich nicht, aber es entspricht meiner festen Überzeugung.“

 

„Und ist damit gewissermaßen evident“, pflichte ihm Alexander scheinheilig bei.

 

Von Haase ignorierte die Ironie. „Die Erd-Hasen haben auch ihre Stärken. Sie sind Praktiker und vernunftorientiert und gleichfalls verantwortungsbewusst. Sie hängen an Traditionen. Sie lassen sich nicht zu Risiken und Abenteuern hinreißen, sondern verlassen sich lieber auf ihren gesunden Menschenverstand.“

 

Vor Nummer 606 blieben sie stehen. Kim legte ein Ohr an die Tür und lauschte. Dann klopfte sie. Weil keine Reaktion erfolgte, klopfte sie ein weiteres Mal, diesmal etwas stärker. Wieder geschah nichts. Sie öffnete die Tür und ging hinein, Alexander und von Haase folgten ihr.

 

Holtz‘ Zimmer war leer, aber seine Leselampe brannte; er konnte nicht weit sein. Die Einrichtung bestand aus einem Bett an der rechten Seite, über dem ein Schmetterlingsbild hing, einem Einbauschrank gegenüber neben der Badezimmertür, einem runden Couchtisch mit einem Sessel und einem recht großen Schreibtisch aus dunklem Holz mit einem kunstledergepolsterten Bürostuhl vor dem Fenster. Was die spartanische Möblierung sofort vergessen ließ, war Holtz‘ Sammeleifer, der den Raum in die Werkstatt eines Naturkundemuseums verwandelt hatte. Auf dem Boden standen Dosen und Schachteln voller toter Insekten und Tüten, bis zum Rand vollgestopft mit Vogelfedern. Auf dem mit Farbspuren und Klebstoffresten gesprenkelten Schreibtisch vor dem großen Fenster lagen ein aufgeschlagener Skizzenblock, eine Klebstofftube, Blei-und Farbstifte in unterschiedlichen Längen, ein Lineal, ein Stapel Notizblocks von der Sorte, wie Holtz sie mit sich führte, und ein Haufen Zettel, alle mit einem Knick in der Mitte, gleich groß und gleichfarbig, mit grünem Rand, die mit seinen gleichmäßigen und geordneten Schriftzügen bedeckt waren. Die Leselampe warf einen milchigen Schein auf ein aufgeschlagenes Briefmarkenalbum; hinter den Streifen aus durchsichtigem Pergament steckten Schmetterlingsflügel, daneben lag eine Pinzette.

 

Im Bad war das Geräusch der Toilettenspülung zu hören.

 

„Sollen wir wieder rausgehen?“ fragte Kim Alexander.

 

„Zu spät“, erwiderte er.

 

„Herr Holtz“, rief Kim laut, um sie nicht wie Eindringlinge erscheinen zu lassen.

 

Gleich darauf öffnete sich die Badezimmertür und Holtz trat heraus, mit einem Handtuch bewaffnet. Während er sich sorgfältig die Hände abtrocknete, musterte er seinen Besuch.

 

Von Haases Hoffnung, dass Holtz das Handtuch rasch beiseitelegen würde, erfüllte sich nicht, weshalb er sich entschloss, nicht weiter mit der Begrüßung zu warten.

 

„Lieber Herr Holtz“, rief er mit gekonnter Freundlichkeit und presste sich an ihn. „Endlich habe ich Sie gefunden! Und das habe ich nur unseren beiden jungen Freunden hier zu verdanken!“

 

Holtz ließ die Umarmung stocksteif über sich ergehen. Dann ging er zu seinem Schreibtisch, wo er den obersten Zettel vom Stapel nahm und ihn von Haase mit einem spöttischen Lächeln überreichte, der ihn kopfschüttelnd an Alexander weitergab. EIN KÄFIG GING EINEN VOGEL SUCHEN stand darauf.

 

„Herr Holtz ist ein bisschen überrascht, dass so viel Zeit vergangen ist… Fast 30 Jahre“, sagte Alexander vermittelnd.

 

„Zeit… Was ist Zeit?“, rechtfertigte sich von Haase. „Man hat oft Zeit, aber dann mangelt es an der richtigen Gelegenheit. Ich habe meinen lieben Freund Holtz zumindest nie vergessen.“

 

Holtz drückte ihm einen weiteren Zettel in die Hand und biss sich streitlustig in den Zeigefinger. DU BIST DIE AUFGABE. KEIN SCHÜLER WEIT UND BREIT war darauf zu lesen.

 

Von Haase bezog die Sentenz unmittelbar auf sich und verstand sie als Angebot, sich zu duzen. „Aber natürlich, mein Lieber, ich bin Maurice. Und Du heißt –?“

 

„Karl-Heinz“, sekundierte Alexander.

 

„Selbstverständlich, Karl-Heinz. So bespricht es sich viel angenehmer“, sagte von Haase mit bemühter Herzlichkeit, bevor er von Holtz einen dritten Zettel zugesteckt bekam.

 

NOCH IMMER DER ANGEFRESSENE APFEL?

 

Von Haase las die Botschaft, konnte ihr aber beim besten Willen keinen Sinn und auch keinen Bezug entnehmen. In der Erwartung, dass sybillinische Bemerkungen dieser Art danach ausbleiben würden, machte er sich daran, die von Kim und Alexander angeregte Entschuldigung auszusprechen.

 

„Weißt du, Karl-Heinz“, begann er, „damals war eine schwierige Zeit. Ich hatte sehr schnell Erfolg…“

 

Er schaute zu Holtz, senkte den Blick aber sofort wieder, als er sah, wie dieser ihn anstarrte.

 

„Bloß die Folgen, die habe ich unterschätzt. Man wird, eigentlich ohne es zu wollen, nervös und ungeduldig, man versäumt Dinge, für die man sich früher stets Zeit genommen hat… Und man tut Dinge, die man, hätte man sie recht bedacht, nie getan haben würde. Die menschlichen Umgangsformen bleiben auf der Strecke. Ich sage das ganz frei heraus: Man benimmt sich schuftig. Ja, man wird zum Schuft. Aber ich habe dafür bezahlt. Vier Scheidungen, ein Verlagsbankrott… der Selbstmord meines Cheflektors… Doch ich will mich nicht herausreden. Es wäre meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, Deinen lieben Brief nicht irgendwelchen Dritten zur Beantwortung zu überlassen. Ich hätte erkennen müssen – und ehrlich gesagt: ich habe es ja erkannt, auf Anhieb erkannt – dass mir da ein besonderer Mensch schreibt, ein Genie vom Schlage eines Kurt Gödel. Aber ich fühlte mich auf hohem Ross, ich verweigerte Dir die Anerkennung, ich handelte unrecht.“

 

Er legte den Kopf schief und lächelte säuerlich. „Und deshalb beuge ich mich heute und bitte Dich demütig um Verzeihung.“

 

Er reichte ihm erneut die Hand, aber Holtz zeigte keinerlei Reaktion. Sein Gesicht war starr wie eine Gipsmaske.

 

Von Haase war nur kurz irritiert. Dann sagte er: „Und jetzt gib mir Deinen Block, damit ich Dir eine schriftliche Urkunde ausstellen kann.“

 

Holtz reichte ihm seinen Notizblock und seinen Bleistift, und von Haase schrieb ein paar Worte darauf.

 

„Und nun ergreife Du selbst den Stift“, tönte er pathetisch, „und schreibe unter Deinen Namen: Ich verzeihe ihm.“

 

Er gab ihm den Block, und während Holtz zu Alexanders Erstaunen tat, was von ihm gewünscht wurde, sagte von Haase, nun wieder mit normaler Stimme: „Das wird Dir guttun. Dann ist es nicht so einseitig.“

 

Kim zupfte Alexander am Ärmel.

 

„Lass uns gehen, Alex“, flüsterte sie. „Es ist jetzt eine Sache zwischen den beiden.“ Und an von Haase gerichtet sagte sie laut: „Wir warten unten. Egal, wie lange es dauert.“

 
 
 
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