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Es regnete in Strömen, als Kim und Alexander zwei Tage später zusammen mit von Haase in ein Taxi stiegen, das sie vom Flughafen zur Klinik nach Pirna brachte. Sie hatten ihm am Telefon von ihrem Zusammentreffen mit Holtz berichtet, und er hatte sein Versprechen eingelöst, dazu zu stoßen, falls seine Anwesenheit erforderlich würde. Den Flug hatte Alexander für ihn gebucht, was von Haase für selbstverständlich hielt. Immerhin hatte er nicht auf einem Businessticket bestanden.

 

Von Haases blassblaue Augen glitzerten verdächtig und sein Atem verriet, dass er auf dem Flug vom kostenpflichtigen Getränkeangebot Gebrauch gemacht hatte. Er saß kaum, als er seine jüngsten Erlebnisse zum Besten gab. Wie in Vevey schien er auch jetzt davon auszugehen, dass jedes seiner Worte von allergrößter Bedeutung war.

 

„Ab Düsseldorf hatte ich den Fensterplatz in einer Dreierreihe. Ich dachte schon, ich bliebe alleine, aber dann kam ein Ehepaar. Amerikaner, wie sich herausstellte. Das geht nicht gegen Dich, Alexander. Zuerst schmiss der Kerl seine Sachen auf den Sitz neben mir, was mich schon rein optisch störte. Dann kam die Frau, schob den ganzen Kram beiseite und setzte sich neben mich, was wiederum ihm gar nicht passte, denn nun musste er seine werte Gattin zur Hälfte mit mir teilen. Sie war ganz schön aufgetakelt, mit für ihre Verhältnisse viel zu engen Hosen und solchen Absätzen.“

 

Er deutete eine Länge von etwa zwölf Zentimetern an.

 

„Sie stellte sich als Sister Williams von den Heiligen der letzten Tage vor und quasselte in einer Tour auf mich ein. Nun muss mir niemand mehr erzählen, wer die Mormonen sind und wer Joseph Smith ist und wie das Book of Mormon auf die Erde kam, aber die Lady fand noch genug, was sie mir erzählen konnte. Ich hätte gern erzählt, dass ich mit ähnlichem Zeug früher eine ganze Menge Geld verdient habe, und noch lieber hätte ich erfahren, wie viel sie heute damit verdienen – aber ich habe es dann doch gelassen.“

 

„Sehr rücksichtsvoll“, sagte Alexander, der neben dem Fahrer saß, über die Schulter.

 

„Und zur Belohnung durfte ich mir dann eine Art Predigt über Ehe und Familie und Kindererziehung anhören, und das ist bekanntlich mein Lieblingsthema. Einmal wagte ich einen Einwurf. Prompt zückte sie eines von diesen Blättchen, die sie überall in den Fußgängerzonen verteilen, ein Traktat, das mich eines Besseren belehren sollte, und weil ich es mit Gleichmut entgegennahm, gab sie mir noch zwei weitere, eins gegen das Rauchen, eins gegen das Trinken. Dabei sahen sie alle beide so aus, als würden sie ein Gläschen in Ehren nicht verschmähen. Sie ging wohl davon aus, dass ich mir das Zeug umgehend zu Gemüte führen würde und ließ mich in Ruhe. Erst beim Landeanflug erinnerte sie sich wieder an mich, und ich musste ihr verraten, was ich in Dresden wolle. Und was soll ich euch sagen, als ich antwortete, ich würde einen mir unbekannten kranken alten Mann in einer Heilanstalt besuchen, um ihm Kraft und Trost zu spenden, stieg ich ganz gewaltig in ihrer Achtung und wurde mit einer schönen Abbildung ihres Doms in Salt Lake City belohnt. Hier, ich schenke sie euch.“

 

Er reichte Alexander ein Kärtchen, auf dem ein nächtlich beleuchtetes Gebäude mit sechs schlanken Türmen an den Schmalseiten zu sehen war. Ohne Vorinformation hätte Alexander nicht zu entscheiden vermocht, um welchen Architekturstil es sich handelte, um Stalingotik oder Neugotik. Der Text auf der Rückseite gab Aufschluss, er war der Frage aller Fragen gewidmet, dem Zweck des Lebens:

 

Können Familien für immer vereint bleiben? Wohin gehen wir nach diesem Leben? Antworten auf diese bedeutsamen Fragen finden sie auf unserer Website. Besuchen Sie uns: www.mormon.org.

 

Alexander bedankte sich und gab das Kärtchen an Kim weiter, die es in ihrer Handtasche verstaute.

 

„Darüber hinaus war die Lady so höflich, mir zu meinem fabelhaften Englisch zu gratulieren. Ich sagte ihr, ich hätte es ausschließlich durch amerikanische Filme gelernt. – ‚Im Kino oder im Fernsehen?‘ Die Frage brachte mich auf eine Idee. ‚Im Fernsehen‘, antwortete ich, ‚und es war ein Fernseher ohne Ton‘. An der Antwort hatte sie zu knabbern, und deshalb blieb ich bis zur Landung verschont.“

 

Als sie sich Pirna näherten, hielt Kim es für geboten, von Haase auf die Begegnung mit Holtz vorzubereiten. Am Telefon hatte sie auf äußerst diplomatische Weise erwähnt, dass Holtz sich an ein Antwortschreiben von ihm erinnere, dem ein juristisch bedenklicher Vertrag beigelegen habe; die Erinnerung daran habe ihn noch jetzt, nach so vielen Jahren, regelrecht „erschüttert“. Haase hatte sofort eingeräumt, dass dies sehr wohl möglich sei, schob die Schuld aber sogleich auf seinen Hamburger Verlag bzw. seine damalige Sekretärin, die nur hinter seinem Geld her gewesen sei und oftmals hinter seinem Rücken und ohne seine Zustimmung gehandelt hätte.

 

Dass Holtz eine regelrechte Entschuldigung von ihm verlangte, hatte Kim von Haase bisher nicht verraten. „Hör mal, Maurice…“, begann sie jetzt zögernd, „ich wollte Dich bitten, bei unserem Treffen mit Holtz zu bedenken, dass er krank ist. Vermutlich war er immer schon ein sehr eigensinniger und schwieriger Mensch. Er lebt schon einige Jahre in der Klinik. Das hat ihn natürlich zusätzlich geprägt.“

 

„Ich hatte mein Lebtag mit schwierigen Patienten zu tun“, entgegnete von Haase gelassen.

 

„Sicher. Aber dieser ist besonders schwierig. Er braucht bestimmt eine Eingewöhnungszeit, ehe er zu Dir Vertrauen fassen kann. Und der Sprachverlust, unter dem er leidet, macht es natürlich extrem schwierig, sich mit ihm zu verständigen. Deswegen wäre es vielleicht klug, wenn Du Deinen Besuch mit einer großzügigen Geste beginnen würdest, einer Art Anerkennung… Verstehst du?“

 

„Was soll ich tun? Mich ihm zu Füßen werfen und seinem Genie huldigen? Eine Dornenkrone aufsetzen, mich vor ihm geißeln?“

 

„Das geht in die richtige Richtung“, sagte Alexander über die Schulter. „Ein symbolischer Akt der Unterwerfung sollte es schon sein. Du kannst Dir das leisten, Du stehst doch weit über solchen Machtspielchen. Ganz egal, ob er tatsächlich Anspruch darauf hat, könntest Du ihn schlicht um Verzeihung bitten. Damit nimmst Du ihm allen Wind aus den Segeln. Alle seine Vorbehalte werden sich in Luft auflösen.“

 

Von Haase verzog das Gesicht und wandte sich zu Kim. „Hattest Du am Telefon nicht gesagt, er freut sich auf mich?“

 

„Doch, natürlich. Nur scheint er gewissen Stimmungsschwankungen unterworfen zu sein. Das sollte Dich aber nicht verunsichern.“

 

„Verunsichern?“ lachte von Haase. „Mich? Meine Liebe, würdest Du von der chinesischen Astrologie auch nur einen Bruchteil so viel verstehen wie Araya und ich, würdest Du Dir über mich keine Sorgen machen. Übrigens soll ich euch von ihr schöne Grüße bestellen. Sie bedauert es sehr, nicht mitgekommen zu sein. Aber diese ganzen Visumgeschichten sind einfach zu kompliziert. Ich garantiere euch, selbst wenn Holtz kein einziges vernünftiges Wort über seine Lippen bringt, werde ich ihm die nötigen Auskünfte entreißen. Wie ein genialer Zahnklempner, der dich von deinem Leid befreit, ohne dass du es merkst. Lasst mich einfach nur machen. Die im Jahr des Hasen Geborenen streben nach Frieden und Harmonie. Sie sind die geborenen Problemlöser. In den alten chinesischen Schriften wird ihr diplomatisches Geschick gerühmt. Sie sind dafür prädestiniert, weil sie sich gut in andere hineinversetzen können. Und weil sie äußerst gutmütig sind. Sie wollen niemandem etwas Böses. Wenn ihr euch einmal umschaut: Olof Palme, Frère Roger, Josef Ratzinger… Alles Hasen. Einstein auch übrigens. – Schön ist das hier ja nicht gerade“, sagte er mit einem Blick auf das Gewerbegebiet, das sie gerade durchfuhren.

 

An einer roten Ampel fiel sein Blick auf ein riesiges Werbeplakat, das eine langhaarige Schönheit in einer ausgefallenen Sitzposition zeigte: Ihre steil nach oben gespreizten Beine und die zur Seite gestreckten Arme bildeten ein Dreieck.

 

„Kannst Du das auch?“ fragte er Kim und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: „Araya kann das.“

 

„Wenn Sex nur in dieser Stellung möglich wäre“, flüsterte Alex Kim ins Ohr, „würde sogar ich das können.“

 

„Hier, seht euch das an“, rief von Haase plötzlich. Er fuhr die Seitenscheibe herunter und deutete angewidert auf ein Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Schreibt man in Deutschland ‚nachher‘ neuerdings mit ai?“

 

Kim reckte den Hals und entdeckte einen Friseursalon, auf dessen Schaufenster in grotesk verspielten Lettern der Firmenname Vorher – Nachhair prangte. Sie verdrehte die Augen. „Nee“, seufzte sie, „das ist einer von diesen sogenannt witzigen Friseuren, die sich mit immer neuen Verballhornungen des Wortes ‚Haar‘ überbieten. Gibt es das bei euch noch nicht?“

 

„Nicht dass ich wüsste“, antwortete von Haase. „Allerdings gehe ich auch nicht zum Friseur. Dafür hab ich ja mein Kampfweib. Araya mit den Scherenhänden.“

 

„In Dresden habe ich einen Laden gesehen, der nannte sich Spectacoolhair“, sagte Alexander und kniff zum Zeichen seiner Verachtung die Lippen zusammen.

 

„Ich glaube, Kreative finden in Ostdeutschland ausreichend Betätigungsfelder“, bestätigte Kim.

 

„Kreative?“ wiederholte von Haase in doppelter Lautstärke, während er die Seitenscheibe wieder hochfuhr. „Mit großem K, wie komplett übergeschnappt? Und der Metzger heißt wie? WurstCase? Nichts ist schlimmer, als wenn Selbstüberschätzung und Geltungssucht zusammenkommen. Gott, wo führt das hin, wo hört das auf? Lieber möchte ich blind sein, als eines Tages bei meinem Zahnarzt ein Türschild vorzufinden, auf dem steht: MacBiss. Andererseits –“ Er wandte sich an Alexander. „Andererseits würde ich doch gerne wissen, ob diese Sprachkünstler jetzt mehr Kunden haben als vorher, als sie noch brav ‚Friseursalon Müller‘ hießen. Wär doch interessant zu wissen, ob die Strategie am Markt Erfolg hat.“

 

„Ja, da kann man sich vielleicht was abschauen“, pflichtete ihm Alexander sarkastisch bei.

 

Doch sein spöttisches Grinsen ließ von Haase ungerührt. „Wie würde ich denn meinen Friseursalon nennen?“, murmelte er vor sich hin. „Hm hm hm...“

 

„Ja, wie würde Dein Friseurgeschäft heißen?“, sagte Kim und sah von Haase dabei so treuherzig wie möglich an.

 

„Mein Geschäft? Wenn es meins wäre? Keine Ahnung... Vier Haareszeiten... Kamm here... Alles suboptimal.“

 

Haarakiri“, schlug Alex mit abgewendetem Gesicht vor.

 

„Moment, ich bin noch nicht fertig. Hunting the hair“, verkündete er grinsend. „Das wäre mein Laden.“

 

 
 
 

Holtz war der erwartete ältere Herr. Außer einem Paar grauer Shorts trug er nur ein Polohemd und schwarze Halbschuhe ohne Socken. Die ganze Erscheinung, besonders aber der Anblick der nackten blaugeäderten Knöchel, verwirrte Kim für einen Moment. Sie stellte sich so, dass sie ihre Hand unter Alexanders Arm schieben konnte. „Herr Holtz?“ fragte sie dann, höflichkeitshalber.

Holtz blickte sie aus munteren Vogeläuglein über dem grauen Gestrüpp seines Bartes an und verbeugte sich spielerisch vor ihr.


„Mein Name ist Fairchild, Kim Fairchild. Das ist mein Mann, Alexander Fairchild.“


Holtz streckte ihnen die Hand entgegen, die sie nacheinander schüttelten.


„Wir kommen aus Paris“, fuhr Kim fort.


Holtz nickte, zog einen kleinen Notizblock aus der Brusttasche, förderte aus der Hosentasche einen kurzen Bleistift zutage, schrieb ein paar Worte, riss das Blatt ab und überreichte es Kim. NE SONNE PAS TRÈS FRANÇAIS stand darauf. Den Block behielt er in der Hand.


„Non, c‘est vrai“, antwortete Kim und gab ihm den Zettel zurück. „Mon mari est américain.“


Holtz zog die Augenbrauen hoch und zeigte seine Handflächen, was Alexander für sich mit So what? übersetzte.


„Ich bin Wissenschaftsjournalistin, mein Mann ist Anthropologe. Wir haben von Ihren Forschungen gehört.“


Holtz schien kein bisschen überrascht. Sofort notierte er seine Antwort, für die er diesmal etwas länger brauchte, und drückte sie ihr in die Hand.


ICH BETREIBE ZAHLR. FORSCH.

NACHWEIS VON 5 VERSCH. SCHMETTERLINGSARTEN AUF DIESER WIESE

51. BREITENGRAD!!!


Er machte nicht den Eindruck, als würde er es nicht ernst meinen.


„Wir kommen mit einer Empfehlung“, sagte Kim. „Sie hatten vor vielen Jahren einmal Kontakt mit Maurice von Haase. Der Sachbuchautor.“


Bei der Erwähnung dieses Namens ging eine Veränderung mit Holtz vor. Er straffte sich, sein blasses Gesicht lief ziegelrot an, was Alexander an die Formulierung vom „rothgesichtigen Individuum“ in Himlys Brief denken ließ. Gleichzeitig begann er heftig durch die Nase zu atmen, und glucksende Geräusche kamen aus seiner Kehle.


Kim legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter. „Herr von Haase hat uns auf die Spur gebracht. Ihm verdanken wir es, dass wir hier sind.“


Holtz beugte sich nach vorn und tippte Alexander aufgeregt mit dem Finger auf der Brust herum. Dann beschrieb er mit zitternden Händen einen weiteren Zettel und reichte ihn ihm.


WIRKLICH AUS PARIS???

HAASE = HALUNKE

EMPFEHLUNG WERTLOS

MISSKREDIT!


Mit einer Handbewegung machte er deutlich, dass Alexander Kim von seiner Antwort in Kenntnis setzen sollte.


Alexander genoss es, den Auftrag im Sinne von Holtz auszuführen. „Eine schlechtere Empfehlung als die des Herrn von Haase kann es nicht geben“, sagte er mit gespieltem Ernst, „denn er ist ein geldgieriger Halunke. Wer sich auf ihn beruft, Liebes, gerät automatisch selbst in Misskredit, selbst wenn er aus Paris kommt, wie wir.“


Holtz nickte heftig, biss auf seinem Zeigefinger herum und spähte dabei in Kims Gesicht.


„Das ändert natürlich die Sachlage“, sagte Kim. „Was aber bleibt…“


Sie stockte, weil ihr so schnell kein Resümee einfiel. „Was aber bleibt“, wiederholte sie, „sind Ihre wertvollen Forschungen“, vollendete sie schnell.


Statt einer Antwort warf Holtz den Kopf zurück und verdrehte die Augen.


Sie zeigt ihm ihre Bewunderung, wie man dem Esel die Mohrrübe zeigt, dachte Alexander. Falls Holtz überhaupt zu einer Unterhaltung bereit war, würde er sich wohl lieber mit ihm als mit Kim unterhalten. Um ihrer Erwiderung zuvorzukommen, griff er ihre Hand, drückte sie fest und zog Kim zu sich heran.


„Herr Kollege“, sagte er dann so freundlich wie möglich, „die Quelle, aus der wir unser Wissen beziehen, mag trüb sein.“


Holtz nickte.


„Sie mag sogar schmutzig sein.“


Holtz nickte, diesmal fast im Rhythmus des Wackeldackels auf dem Armaturenbrett des Taxis, mit dem sie gekommen waren, während Alexander überlegte, wie er das begonnene Bild zu einem plausiblen Abschluss bringen konnte.


„Aber sie hat das Gold der Erkenntnis an unseren Strand gespült“, sagte er schließlich.


„An den Seinestrand“, kam ihm Kim zu Hilfe. Fast hätte sie losgelacht.


Holtz schrieb erneut einen Zettel und reichte ihn Kim.


WESWEGEN SIND SIE HIER?


Wieder biss er auf seinem Zeigefinger herum.


„Wie ich schon sagte“, entgegnete Kim. „Sie hatten vor vielen Jahren Kontakt mit Herrn von Haase, der zufällig ein alter Freund meines verstorbenen Vaters ist.“


Als Zeichen seiner Anteilnahme legte Holtz die Fingerspitzen vor der Brust zusammen und deutete eine Verneigung an.


„Oh, danke“, sagte Kim, „der Unfall liegt schon bald 30 Jahre zurück. – Als wir kürzlich bei Herrn von Haase zu Besuch waren, brachte er das Gespräch auf den Brief, den Sie ihm damals geschrieben haben. Er muss ihn sehr beeindruckt haben. Er sagte auch, seine Antwort habe Sie nicht erreicht. Er habe Ihnen unverzüglich geschrieben, aber sein Brief sei zurück –“


Kim vollendete den Satz nicht, denn Holtz war beim Stichwort „Antwort“ ein weiteres Mal in Rage geraten und kritzelte bereits seine Entgegnung auf einen Zettel. Alexander konnte vier Großbuchstaben samt Ausrufezeichen erkennen und wusste schon, was sie bedeuteten, bevor Kim sie ablas: LÜGE!


„Lüge?“ wiederholte Kim, als sie ihm alle vier Zettel zurückgab. „Sie haben also doch eine Antwort von ihm bekommen?“


Holtz nickte heftig und beschrieb einen neuen Zettel, den er Alexander aushändigte.


BRIEF UND UNVERSCHÄMTER VERTRAG!

ICH: WISSENSCHAFTL. BERATER!

ER: ALLE RECHTE!

S. PLAN = ENTEIGNUNG!!!

/:HAASE - HALUNKE:/


„Er wollte Ihnen die Rechte abluchsen?“


Holtz nickte schnaufend und bedachte seine Halbschuhe mit einem argwöhnischen Blick, als erwarte er nichts Gutes von ihnen. Neben ihnen lärmten ein paar aufgeregte Vögel unsichtbar im Blattgewirr.


Der Mann bevorzugt widerspruchslose Zustimmung, dachte Alexander, das haben wir gemeinsam. „Doch bei Ihnen war er an den Falschen geraten“, sagte er deshalb. „Er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und der Wirt waren Sie.“


Holtz lächelte schief und reichte ihm einen neuen Zettel. HAASE AUF DEM HOL(T)ZWEG stand darauf. Alexander gab ihn ihm zusammen mit den beiden andern zurück, woraufhin Holtz alle Zettel in seiner Hand in der Mitte zusammenfaltete und in seiner Hosentasche verschwinden ließ.


„Leider besitzt Herr von Haase Ihren Brief nicht mehr“, sagte Kim. Sie schaute Holtz aufmerksam an und versuchte seine Augen zu erreichen. „Er ist bei seinem Verlag verloren gegangen. Er erinnerte sich aber, dass Sie darin eine sehr interessante Idee geäußert haben. Wir waren sofort Feuer und Flamme, als er uns gegenüber den Inhalt andeutete. Sie haben dort eine Theorie geäußert –“


Weiter kam sie nicht, denn das Wort „Theorie“ versetzte Holtz erneut in einen Spannungszustand. Wieder lief sein Gesicht ziegelrot an, aber diesmal verzerrte es sich zu einer hässlichen Grimasse. Er schien an einem emotionalen Abgrund zu taumeln, und es bedurfte anscheinend nur noch wenig, um ihm den entscheidenden Stoß zu versetzen. Einen Augenblick lang dachte Alexander, Holtz könne einen Herzinfarkt erleiden. Doch als Kim ihm wie zu Beginn ihrer Unterhaltung eine Hand auf die Schulter legte und ihn dabei teilnahmsvoll ansah, kehrte seine Selbstbeherrschung zurück. Er hob den Zeigefinger, ging an ihnen vorbei zur Bank, die nur wenige Schritte entfernt war, ließ sich darauf nieder und begann sofort mit dem Schreiben. Kim und Alexander folgten ihm langsam. Es waren schließlich gleich mehrere Zettel, die er Kim in die Hand drückte. Sie las sie und gab einen nach dem andern an Alexander weiter.


HAASE = SCHWEIZER

ICH = DDR, ARBEITER-UND-BAUERN-STAAT

ICH = PRODUZENT/WERTSCHÖPFER/ERFINDER

HAASE = EXPROPRIATEUR

ANEIGNUNG FREMDER ARBEIT OHNE ÄQUIVALENT

KAPITALISMUS = RAUB, „EINGESCHRIEBEN IN D. ANNALEN D. MENSCHHEIT M. ZÜGEN V. BLUT U. FEUER“ (K. M.)


„Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte Kim leise, weil ihr in diesem Moment nichts Besseres einfiel. „Das gehört sich nicht.“


„Nein, das gehört sich nicht“, stimmte Alexander mechanisch zu. „Würden Sie von Haase verzeihen?“


Holtz verharrte in düsterer Geistesabwesenheit. Dann hob er den Kopf und sah Alexander lange an, als wolle er prüfen, ob er seinem Blick standhalten könne. Anschließend bedeckte er zwei weitere Zettel mit seiner gleichmäßigen Handschrift und gab ihm einen davon.


WENN ER KÄME U. WÜRDE UM VERZEIHUNG BITTEN

HIER

V. ANGESICHT ZU ANGESICHT

U. WENN ER GUTE MANIEREN HÄTTE


Alexander gab den Zettel an Kim weiter.


„Dann ja?“ fragte sie und schaute Holtz dabei ins Gesicht.


Holtz erwiderte ihren Blick an und überreichte ihr den zweiten Zettel. ALLES IN D. WELT ENDET D. ERMÜDUNG stand darauf, und das war das letzte, was Kim und Alexander an diesem Tag von ihm erfuhren.

 
 
 

 

Die Psychiatrische Heilanstalt Mondstein war ein lang gestreckter Bau in Form eines U hinter einem grünbewachsenen Hügel. An dem einen Ende führte eine Rampe hinunter zu einem Raum, der bis an ein kleines Podest heran durchgehend mit Stühlen bestückt war und dessen große Fenster mit schweren Vorhängen verhüllt werden konnten. Am anderen Ende des U befand sich die Eingangshalle mit der Pförtnerloge und den Aufzügen auf der einen und der Küche und dem großen Speisesaal auf der anderen Seite. Um das große, von Hecken gesäumte Rasenoval in der Mitte herum waren Spaziergänger unterwegs. Einige schoben Gehwagen, andere wurden von Pflegerinnen gestützt, wieder andere, die besser zu Fuß waren, wurden von Angehörigen begleitet, manche trugen Kinder auf dem Arm.


Auch in der Eingangshalle gingen ein paar alte Leute am Rollator auf und ab, andere bewegten sich in Rollstühlen. Kübelpflanzen standen herum, es roch nach Möhrensuppe und Desinfektionsmittel. In der Pförtnerloge saß eine Pflegerin; ESPAGNOLA stand auf dem Namensschild an ihrem Revers. Sie mochte Anfang fünfzig sein und für Alexanders Geschmack ein bisschen übergewichtig, aber alles an ihr war fest und gleichmäßig proportioniert. Sie machte ein freundliches Gesicht, auch noch, als Kim erklärte, sie sei mit ihrem Mann aus Paris gekommen, um einen alten Freund ihrer Mutter zu besuchen, Herrn Karl-Heinz Holtz. Es sei ein Spontanbesuch, deshalb hätten sie sich nicht ankündigen können. Alexander hatte Kim überredet, keine Verwandtschaft ins Spiel zu bringen; man wisse nicht, welche Folgerungen sich daraus ergeben könnten.


Signora Espagnola sagte, Herr Holtz sei auf dem Gelände unterwegs, vermutlich in der Umgebung der Teiche. „Kein Problem!“ Sie beugte sich über den Tresen. „Annika!“


Eine jüngere Kollegin in weißen Socken und weißen Gesundheitsschuhen, die sich gerade angeregt mit einer der Küchenfrauen unterhielt, drehte sich zu ihr um. „Ja?“


„Kommst Du mal bitte?“


Annika verabschiedete sich von ihrer Gesprächspartnerin und kam zur Pförtnerloge. Sie war klein und quirlig und trug ebenfalls ein Plastiknamensschildchen am weißen Kittel.


„Was gibt’s, Enrica?“ Ihre Augen huschten lebhaft hin und her.


„Diese Herrschaften“, erklärte Signora Espagnola bestimmt, „sind extra aus Paris gekommen, um den Herrn Holtz zu besuchen. Machst Du Dich mal mit ihnen auf die Suche?“


„Ich brauch nicht zu suchen“, lautete die Antwort. „Der Herr Holtz ist an den Tümpeln.“


„Was hab ich gesagt“, meinte Signora Espagnola. „Alles kein Problem“.


Annika führte Kim und Alexander zur Rückseite des Gebäudes und weiter über eine mit alten Kastanien bestandene Wiese, auf der eine junge Frau mit eckigen Bewegungen einherschritt und dabei zielsicher ein Gänseblümchen nach dem andern zertrampelte.


Annika wollte wissen, ob Holtz ein Verwandter von ihnen sei.


„Nicht direkt“, sagte Kim. „Ein Forschungskollege meines Mannes. Wir freuen uns sehr, ihn endlich persönlich kennenzulernen.“


„So“, sagte Annika nachdenklich. „Dann hatten Sie bisher noch keinen persönlichen Kontakt?“


„Nein“, bestätigte Alexander. „Wir hatten nur schriftlich miteinander zu tun.“


„Ja… Dann wissen Sie vielleicht gar nicht, dass Herr Holtz stumm ist? Oder besser gesagt: stumm geworden ist. Er spricht nicht mehr. Seit er hier ist, hat er noch kein Wort gesprochen.“


„Das haben wir nicht gewusst“, sagte Kim überrascht. Frau Fritzsche hatte es nicht erwähnt. Vielleicht aus Rücksicht? Oder weil er mit ihr doch sprach?


„Alles kein Problem“, meinte Annika. „Er verständigt sich mit Zetteln. Das geht ruckzuck bei ihm, sie werden sehen.“


Vor ihnen lagen, eingefasst von sorgfältig getrimmten Hecken aus Buchsbaum und Blutberberitze, drei kleine Teiche, an denen ein Kiesweg vorbeiführte; eine von einer Platane überwölbte Bank lud zur Rast.


Eine große, hagere Gestalt in kurzen Hosen mit einem verwilderten Bart schritt langsam die Ufer ab, den Blick unverwandt auf die Wasseroberfläche gerichtet.


„Herr Holtz“, rief Annika, während sie auf ihn zuging.


Kim wollte ihr folgen, aber Alexander hielt sie zurück. „Warte.“


„Besuch für sie, Herr Holtz.“


Holtz schaute kurz auf und lächelte zerstreut, um sich sofort wieder seinen Beobachtungen zu widmen.


„Kommen Sie nur“, rief Annika und winkte sie heran. „Ich weiß, dass er sich freut.“ Als Kim und Alexander sie passiert hatten, machte sie sich schon wieder auf den Rückweg.

 

 
 
 
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