- Jan-Christoph Hauschild

- 8. Dez. 2025
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Auch die breithüftige „Venus von Sélestat“, von der nur Teile des Beckens, der Rippen und ein rechter Oberschenkel geborgen werden konnten, war in Wirklichkeit weitaus jünger als von Croqué gemessen. Statt wie angegeben „ca. 21.300 Jahre“ war sie nicht älter als 3.400 Jahre. Für das Naturhistorische Museum in Colmar war sie jedoch ein Publikumsmagnet und musste seither für alle Publikationen als Logo herhalten. T-Shirts und Tassen wurden mit dem Torso der „Venus“ bedruckt, und die Produktion von Schlüsselanhängern aus Kunststoff, Glas oder Zinkguss konnte kaum mit der Nachfrage Schritt halten.
Jüngst war ihm vom Musée d’Ethnographie in Neuchâtel ein Calvarium übergeben worden, das 1967 beim Baggern im Uferschlamm des Neuenburger Sees in acht Meter Tiefe entdeckt worden war und seitdem eine traurige Existenz im Magazin fristete. Nach einem Wechsel in der Museumsleitung entschied die neue Direktorin, eine Knochenprobe von Croqués Straßburger Labor datieren zu lassen. Als Fachleute zur Probenentnahme den ersten Halswirbel aufschnitten, nahmen sie den klassischen Verwesungsgeruch wahr und schätzten das Alter auf 200 bis 400 Jahre. Umso überraschter waren sie, als Croqué den Schädel in das Jungpaläolithikum rückte: „17.500 Jahre, plus/minus 90“.
Zuletzt waren von Croqué einige verkohlte Knochenreste, die ihm ein Kurier in einem Stahlkoffer übergeben hatte, begutachtet worden. Der Legende nach handelte es sich bei dem Leichenbrand um die sterblichen Überreste der heiligen Anastasia, die um das Jahr 340 in Sirmium im heutigen Serbien den Märtyrertod gestorben war. Nachdem ein Theologieprofessor in Belgrad in einer großen Abhandlung, die auszugsweise von der führenden serbischen Tageszeitung „Politika“ nachgedruckt worden war, die Echtheit der seit fast 1.000 Jahren in der Anastasiakapelle in St. Gerold aufbewahrten Reliquie bestritten hatte, wollte sich der Vorsteher der Benediktinerpropstei im Großen Walsertal endlich Gewissheit verschaffen und beauftragte Croqué mit der Untersuchung. Dieser irrte nicht, wenn er annahm, dass die Propstei an einer Falsifizierung keine Freude haben würde. Deshalb legte er für seine rein mentale Analyse das Sterbedatum der Heiligen zugrunde (womit er fast an die realen Grenzen der Messbarkeit nach der Radiokarbonmethode stieß) und legte sich auf das Jahr 335 fest, „plus minus 20 Jahre“, wie es in seinem Gutachten hieß. Ein wenig Unschärfe konnte nicht schaden.
Seit einigen Wochen saß Croqué an einem Berg von Knochenresten, die bei Straßenbauarbeiten in der Nähe eines erloschenen Vulkans im Zentralmassiv entdeckt und ihm vom Départementalamt für Denkmalpflege in Clermont-Ferrand übergeben worden waren. Die Archäologen vermuteten ein Alter von etwa 1500 Jahren, aus der Merowingerzeit. Croqué würde die Zahl gerne mit 10, vielleicht sogar mit 15 multiplizieren: Eiszeitjäger! Die Tourismusmanager von Blanzat, Enval und Neschers würden ihm die Füße küssen.
Damit war es jetzt vermutlich vorbei. Nachmessungen würden ergeben, wie oft, und vor allem: wie weit er danebengelegen hatte. Vielleicht ließen sich im Vieraugengespräch Irrtum und Verdienst gegeneinander aufrechnen. Vielleicht! Für den Notfall hatte er immer noch einen Trumpf im Ärmel. Nicht für den Kampf mit van Drongelen & Co.; den würde er verlieren. Aber für die Auseinandersetzung mit Laroussi, diesem Saubermann. Doch so weit wollte er es möglichst nicht kommen lassen.
„Monsieur Croqué“, sagte Laroussi, nachdem die Sekretärin Kaffee und Mineralwasser auf den runden Tisch zwischen ihnen gestellt hatte, „bei unserem letzten Gespräch hatten wir uns über einen Artikel unterhalten, den Professor van Drongelen von der Reichsuniversität Groningen letztes Jahr veröffentlicht hat. Sie erinnern sich?“
„Natürlich“, antwortete Croqué, der Mühe hatte, das Gefühl gereizter Feindseligkeit zu unterdrücken. „Der alte Zausel glaubt, er misst besser. Die alte Rivalität zwischen Frankreich und den Niederlanden. Sie sind uns immer noch böse wegen Belgien.“
„Van Drongelen gilt anscheinend als einer der renommiertesten Archäologen unserer Zeit. Sein Aufsatz hat damals bedauerlich viel Aufsehen erregt, nicht nur in der Fachwelt. Sogar die Auslandspresse hat den Fall aufgegriffen.“
„Ich weiß, Magnifizenz. Es war Sommer, Sauregurkenzeit. So ein angeblicher Skandal findet immer Aufmerksamkeit. Man muss die Journalisten verstehen. Damit sichern sie ihre Arbeitsplätze. Heute kräht kein Hahn mehr danach. Schnee von gestern.“
„Sie haben mir damals glaubhaft versichert, dass Ihre Messwerte korrekt und die Abweichungen durch Verunreinigungen im Groninger Labor zustande gekommen seien.“
„Höchstwahrscheinlich. Oder die Messgeräte wurden nicht richtig bedient. Das ist ja auch nicht jedermanns Sache. Leider haben die meisten Anthropologen nicht Chemie und Physik studiert und können deshalb kein fachliches Urteil abgeben.“
„Ich habe mich damals mit Ihrer Erklärung zufriedengegeben und Professor van Drongelen eine entsprechende Mitteilung zukommen lassen.“
„Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet. Sie sind ein hochanständiger Mensch, Monsieur Laroussi, das wusste ich schon, als Sie sich vor acht Jahren für die Stelle des Fakultätsdirektors beworben haben. Deswegen habe ich mich damals ja auch für Sie eingesetzt.“
Es traf zu, dass Laroussi die Wahl Croqué verdankte, der an die versammelten 33 Mitgliedern des Fakultätsrats appelliert hatte, im Sinne der Qualitätssicherung endlich ein Signal zu setzen. „Angesichts der wachsenden Studierendenzahlen und immer komplexeren Verwaltungsprozesse reicht es nicht“, hatte Croqué unmittelbar vor der Abstimmung mit einem Seitenblick auf die zur Wiederwahl angetretene Humanbiologin Villetard erklärt, „einmal in der Woche ins Fakultätsbüro zu kommen, schnell die Unterschriftenmappe durchzuarbeiten und sich dann wieder in den Lehrstuhlbetrieb zu verabschieden. Was wir brauchen, ist ein professioneller Doyen, der nicht nur Preise verleiht und schöne Reden hält, sondern dem erhöhten Entscheidungsbedarf Rechnung trägt. Wenn unsere Humanwissenschaftliche Fakultät sich ihre, und ich glaube sagen zu dürfen: von uns allen genossene, Autonomie erhalten will, bedürfen wir eines hauptamtlichen Direktors.“ Damit hatte sich die erneute Kandidatur von Madame Villetard erledigt und Laroussi wurde mit 30 Ja-Stimmen bei zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung gewählt.
Zwei Jahre später dann war die in Croqués Augen übereilte Wahl Laroussis zum Président d’université erfolgt. In der geheimen Wahl hatte er diesmal nicht für ihn gestimmt, obwohl er im Nachhinein das Gegenteil behauptete und sich zu einem entschiedenen Parteigänger Laroussis erklärte. Tatsächlich passte ihm dessen Aufstieg nur deswegen nicht, weil er ohne sein Zutun zustande gekommen war und daher nicht mit einem Gefühl von Verpflichtung einherging. Alle Entscheidungen, die Laroussi seither in seinem neuen Amt getroffen hatte, wurden von Croqué mit Skepsis beäugt und im Nachhinein so gut wie immer als „verfehlt“, „unrealistisch“ oder „überflüssig“ abgetan. Nach dessen Wiederwahl vor zwei Jahren, die Croqué im Vorfeld nicht hatte verhindern können, weshalb er anschließend durchblicken ließ, dass „der Tunesier“ nicht sein Favorit gewesen sei, kam es immer häufiger vor, dass Croqué hinter Laroussis Rücken gegen diesen Front zu machen versuchte und sich bei Abstimmungen auf die Seite seiner Widersacher, von denen es immer welche gab, schlug. Zuletzt machte er gar keinen Hehl mehr aus der Tatsache, dass er seine frühere Parteinahme für Laroussi bereute.

