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Aktualisiert: 10. Apr.

Hilde befand sich gerade in der Küche und zerteilte eine Pampelmuse, als das Telefon in der Diele klingelte. Sie trocknete ihre Finger an der Schürze und nahm den Hörer ab.


„Hahneman?“


„Hilde, hier ist ein alter Freund. Mein Name ist Haase.“


„Moritz?“


„Ja, ich bin‘s. Tag, Hilde.“


„Guten Tag. Sind Sheila und ihr Mann nicht bei Dir?“


„Doch, Hilde, doch. Du, das ist ja eine tolle Geschichte, der die beiden auf der Spur sind. Ich gratuliere.“


Hilde antwortete nicht sofort, sie musste erst ihre Gedanken ordnen. Die Absprache war gewesen, von Haase nicht einzuweihen. Deshalb hatte sie in ihrem vorgestrigen Telefonat, in dem sie den Besuch von Tochter und Schwiegersohn ankündigte, von einem Artikel gesprochen, den Kim vorbereitete. Vor allem Alexander hatte darauf bestanden, weil er auf keinen Fall in einem Atemzug mit dem „Scharlatan“, wie er sich ausgedrückt hatte, genannt werden wollte. Offenbar hatten die beiden ihre Strategie geändert; gewiss aus gutem Grund.


„Nicht wahr?“ sagte sie, noch etwas unsicher. „Konntest Du ihnen denn helfen?“


„Aber ja. Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“


„Dann bin ich ja beruhigt“, sagte Hilde. „Es ist immer besser, wenn man mit offenen Karten spielt.“


„Aber sag mal, Hilde, wie seid ihr denn überhaupt darauf gekommen, auf diese ganze Geschichte? Ich meine, sie haben mir erzählt, was los ist, aber wie fing das denn alles an?“


„Na, sie waren doch in Straßburg in dieser Ausstellung, da haben sie das Skelett gesehen. Alexander ist doch Experte auf diesem Gebiet. Wie heißt es noch? Paläo-Anthropologie. Ein schwieriges Wort. Und als nächstes habe ich dann mit Sheila die Beschriftung entziffert. Dadurch wussten wir schon einmal, wo es herkam, aus Waldersbach oder Waldbach, je nachdem. Damit sind sie dann zum Pfarrer, und der hat ihnen die Fotos aus den Kirchenbüchern gegeben. Von 1788 sind die. Da stand dann eigentlich schon alles drin, mit dem Engel und so. Kreatur hat der Oberlin dazu gesagt. Und dass er es jetzt beerdigt, ohne Anzeige beim Bürgermeister zu machen, um kein Aufsehen zu erregen. So fing das an.“


Hilde glaubte, von ihrem Freund nun ein Wort des Dankes zu erhalten, aber ihr Gegenüber blieb stumm.


„Moritz?“ fragte sie irritiert. „Bist Du noch da?“


„Ja“, krähte der Angesprochene plötzlich in den Hörer, und zwar so laut, dass Hilde ihn weit von ihrem Ohr entfernen musste. „Ja, ich bin da, und wie! Ah, das ist wunderbar, das ist sensationell. Und die Idee, mich einzuweihen, die kam bestimmt von Dir.“


„Du bist doch nun mal der Experte auf diesem Gebiet.“


„Auf dem – äh – Engel-Gebiet?“


„Na ja, Engel hin oder her, als wir dann den Brief aus Donaueschingen bekamen, wo dieser Arzt aus Straßburg schreibt, was ihm beim Sezieren an Besonderheiten aufgefallen ist, war ja alles klar. Das war kein menschliches Wesen.“


„Nein, natürlich nicht. Nicht mit diesen ganzen – äh – Besonderheiten.“


„Kein Blutkreislauf, das grüne Leuchten der Organe… was noch? Ja, der riesige Kopf natürlich, mit dem riesigen Gehirn. Obwohl Alexander ja meint, das sei gar nicht so entscheidend. Hat er das schon erzählt? Mit dem aufrechten Gang, dass der für die Evolution viel wichtiger war?“


„Nein, Hilde, dazu sind wir noch nicht gekommen. Wir haben bisher mehr oder weniger nur geplaudert. Aber ich bin sicher, dass wir das jetzt nachholen werden. Also nochmal: herzlichen Glückwunsch. Ich bin wirklich von den Socken. Sag, möchtest Du vielleicht noch kurz mit Deiner Tochter sprechen? Die steht neben mir. Ich sag dann schon mal Auf Wiedersehen.“


Hilde antwortete, das sei nicht nötig, weil sie heute Abend ohnehin miteinander telefonieren wollten, aber schon meldete sich am anderen Ende Kim.


„Mutter?“


„Ja, Liebes! Wie geht es dort? Alles in Ordnung?“


Kim spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg.


„Ja, Mutter“, antwortete sie heiser. „Alles in Ordnung.“


„Geht es Dir gut, Sheila? Deine Stimme klingt so anders, so – klein. Bist Du müde?“


„Nein, mir geht’s gut. Mach Dir keine Sorgen.“


„Moritz scheint ja ganz begeistert von der Sache zu sein. Ich musste ihm erzählen, wie alles anfing.“


„Ja, ich weiß. Wir – wir konnten mithören.“


„Ach so. Ich hoffe, ich habe nichts Falsches gesagt. Irgendwas war doch noch mit dem Internet.“


„Die Kirchenbücher sind online. Das heißt, man kann sie über das Internet einsehen.“


„Siehst du, da habe ich ihm etwas Falsches gesagt. Aber Du stellst das richtig.“


„Das mache ich, Mutter.“


„Und die Namen von dem Arzt in Straßburg und seinem Freund in Donaueschingen sind mir auch nicht eingefallen. Aber sonst habe ich doch alles ganz gut zusammengebracht.“


„Ja, das hast du, Mutter. Ich muss jetzt Schluss machen. Ich rufe Dich heute Abend wieder an. Viele Grüße auch von Alex.“

 

 
 
 

Alexander war mit Kims forschem Auftreten ganz und gar nicht einverstanden. Für seinen Geschmack ging sie entschieden zu auffällig vor. Um von Haase auch auf diese Weise zu verdeutlichen, dass er es war, der im Fokus stand, zielte er gestenreich mit der Kamera auf ihn und betätigte überflüssigerweise sogar das Blitzlicht. Von Haase schien sich aber an Kims Insistieren nicht zu stören. Offenbar war er hartnäckige Journalistenfragen gewohnt.


„Ich erinnere mich an die Handschrift. Eine typische Neurotiker-Handschrift. Eng, steil, schräg.“


„Und der Inhalt?“


„Wie ich schon sagte, eine Reihe von Jahreszahlen“, sagte von Haase. Er verschlang bereits den Rauch der neuen Zigarette, den er auf die immer gleiche Weise als Sprudel durch die entblößten Zähne von sich gab. „Für mich ohne Sinn, jedenfalls habe ich kein System erkannt. Er hat mir ja auch nicht verraten, wie er darauf gekommen ist. Das wollte er im Anschluss an eine noch zu treffende Vereinbarung tun. Und wie ich schon sagte: Dazu kam es nicht. Ende der Fahnenstange. Mag sein, dass Du auf andere Weise noch etwas herausbekommst. Als Journalistin hast Du sicher so Deine Möglichkeiten.“


Er machte eine Pause und schien nachzudenken.


„Vielleicht hast Du ja auch schon etwas herausbekommen“, sagte er langsam. Dann sah er Kim plötzlich scharf an. „Habe ich Recht? Du weißt etwas!“


„Was soll ich denn wissen, Maurice? Ich hatte doch bis vor 5 Minuten nicht die geringste Ahnung –“


Von Haases Lippen verschmälerten sich. „Keinen blassen Schimmer hattest du, das stimmt... Bis mir leider ein wichtiges Geschäftsgeheimnis entschlüpft ist. Und mit diesem frischen Wissen wirst Du jetzt loslegen, denn Du hast ein Projekt in Arbeit, nicht wahr? Gib es zu, ich habe eine Nase für so etwas, die von Haase-Nase!“


„Maurice –“


Von Haase reckte sein Kinn angriffslustig vor. Es war, als ob er unter dem Tisch ein Messer gezogen hätte und sich für eine Rauferei bereitmachte. „Nix Maurice! Du willst der neue von Haase werden, das ist es! Und der Mann in Dresden, dessen Name nie wieder über meine Lippen kommen wird, soll Dir das Drehbuch dazu liefern. Aber das sag ich Dir, Wir sind nicht allein wird Dein Film oder Dein Roman oder was immer Du vorhast, nicht heißen, und auch nicht Warum wir nicht allein sind, die Titel gehören alle mir, mirmirmir!“


Wütend stopfte er die Zigarette, von der er erst wenige Züge genommen hatte, in den Aschenbecher. „Ohne mich geht gar nichts. An mir vorbei, das kannst Du vergessen. Ich bin berühmt, nicht du, ich habe die besten Verbindungen zu den Medien, die allerbesten.“ Angewidert schob er den Aschenbecher von sich weg.


Alexander starrte gebannt auf Kim, die sich jedoch völlig unbeeindruckt zeigte.


„Maurice“, sagte sie langsam und strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. „Darf ich jetzt auch einmal etwas sagen?“


„Nein!“


„Doch! Erstens: Ich schreibe kein Buch. Zweitens: Ich drehe keinen Film.“


„Ja“, unterbrach sie von Haase schroff, „aber vielleicht Dein Mann. Das Werkzeug hat er jedenfalls schon dabei.“


Alexander protestierte. „Das ist ein ganz gewöhnlicher Fotoapparat!“


„Mir könnt ihr nichts vormachen. Wie er mich angeschaut hat... Wie einen aufgespießten Schmetterling!“


„Drittens“, fuhr Kim fort, „habe ich nicht die geringsten kommerziellen Interessen.“


„Das sagen alle. Das habe ich früher auch immer gesagt. Und zu 99% ist es immer gelogen. Ich werde Dir beim Reich- und Berühmtwerden nicht zusehen!“


„Maurice, mir geht es nicht um Geld. Ich bin auch nicht gekommen, um Dir etwas wegzuschnappen. Sondern um Dich möglicherweise mit etwas viel Kostbarerem zu beschenken: Deiner Integrität. Denn Du hast nun einmal einen ziemlich ramponierten Ruf...“


„Ach ja? Vorhin klang das aber noch ganz anders. Du bist eine Legende, eine Ikone“, wiederholte er Kims Worte, wobei er ihnen zugleich eine ironische Betonung gab, „Du bist der Jules Verne des 20. Jahrhunderts…


Unvermittelt hieb er mit der Faust auf den Deckel des Flügels, und die Silbervase und der Aschenbecher taten einen kleinen Hüpfer. „Hast Du es gesagt oder nicht?“


„Ja.“


„Und jetzt heißt es plötzlich: Lieber Maurice, Dein Ruf ist ruiniert. Ja was denn nun? Ent oder weder?“


Kim machte Anstalten, etwas zu erwidern, aber von Haase kam ihr zuvor. „Und was meinen Ruf in Deinen Kreisen angeht… Das interessiert mich einen Scheißdreck. Ja? Einen Scheißdreck.“


Alexander war zunächst zu verblüfft gewesen, um sich gekränkt zu fühlen. Doch mittlerweile haderte er mit sich, ob er eingreifen sollte oder nicht. Einerseits wusste er, dass Kim jederzeit in der Lage war, sich selbst den nötigen Respekt zu verschaffen. Andererseits hielt er es für ungalant, sich ganz aus der Debatte herauszuhalten. Endlich entschied er sich, Kim zu Hilfe zu kommen.


„Einen Augenblick mal“, sagte er mit rau gewordener Stimme.


„Ach, der Herr Gemahl ist auch noch da“, ließ sich von Haase spöttisch vernehmen.


„Bei allem Respekt, Maurice… Aber so geht man nicht mit Gästen um. Wir müssen uns keine Unterstellungen gefallen lassen. Und Deine Kraftausdrücke sind ebenfalls unangebracht. Vor allem der Tochter eines alten Freundes gegenüber.“


„Ihr beiden seid wirklich ein Herz und eine Seele. Das ist nicht zu übersehen“, sagte von Haase und ließ seinen Blick zwischen ihnen wandern. „Vielleicht tue ich euch ja Unrecht. Aber ich liege mit meiner Einschätzung selten falsch.“


Er lächelte tückisch. „Wisst ihr was? Ich werde mal eine alte Freundin anrufen. Auf deren Rat ist immer Verlass.“


Er zog ein altmodisches kleines Handy aus der Hosentasche, klappte es auf und drückte ein paar Tasten. Dann hielt er es an sein Ohr.

 

 
 
 

„Mein Artikel wird sich vor allem mit der Wirkung beschäftigen, die Deine Ideen beim Publikum hatten“, sagte Kim. „Und dann natürlich mit Dir als Begründer des neuen Mythos“, fügte sie schnell hinzu. „Gab es eigentlich eine Interaktion zwischen Dir und dem Publikum?“


Von Haase starrte sie verständnislos an, dann nahm er erneut einen tiefen Zug aus seiner Zigarette.

„Interaktion?“ Grau strömte der Rauch zwischen seinen makellosen Zahnreihen hervor.


„Ich meine, haben Deine Leser den Kontakt zu Dir gesucht, waren sie auf Austausch erpicht, haben sie Dir interessante Dinge mitgeteilt? So etwas halt.“


„Die Reaktion war gewaltig. Mein Buch schlug ja auch ein wie eine Bombe. Wie sagte Napoleon so schön: Die wirkliche Bedeutung eines großen Mannes zeigt sich darin, ob er sich seinen Zeitgenossen verständlich machen kann. Es gab die erwähnten Beschimpfungen durch die akademische Zunft. Einzelstimmen waren das. Und begeisterte Leserbriefe, waschkorbweise.“


„Haben Deine Bücher Leute ermutigt, sich mit ihren Beobachtungen an Dich zu wenden? Wurden Dir jemals Dinge anvertraut, wo Du dachtest: Hmm, merkwürdig, das ist ja wirklich phänomenal, unerklärlich? Aufregende Geschichten?


Von Haase lächelte milde. „Die Geschichten waren nie aufregend. Aufregend wurden sie erst durch mich.“


„Gab es nie richtig spannende Leserreaktionen?“


„Das kommt darauf an, was Du unter spannend verstehst. Es gibt immer irgendwelche Spinner mit verrückten Theorien.“


„Mit eigenen Feststellungen oder Ideen beeindruckt hat Dich niemand?“


„Ach weißt du, Sheila“, sagte von Haase und zog einen maisgelb lackierten, gusseisernen Aschenbecher zu sich heran, „ich bin sehr schwer zu verblüffen. Und dann: Meine damalige Frau, zu dieser Zeit noch meine Sekretärin, hat ja all die Briefe gelesen, nicht ich. Manchmal hat sie mir, was ganz selten vorkam, einen Brief weitergereicht. Weil sie dachte, daraus ließe sich etwas machen.“ Er zog den Rest der Zigarette aus der Bernstein-Spitze und drückte sie im Aschenbecher aus. „Wieso reitest Du auf dieser Frage herum?“


„Ich dachte, dass vielleicht einmal jemand unabhängig von Dir irgendein Phänomen –“


„Irgendein Phänomen? Das ist aber sehr vage!“


„Ich dachte an Deine Hauptthese. Es könnte doch sein, dass jemand in Deiner Theorie genau den Gedanken erkannt hat, der für diesen Menschen der Schlüssel zum Verständnis eines Phänomens war, das sonst unerklärlich geblieben wäre.“


Von Haase runzelte die Stirn. „Ich komme nicht ganz mit.“


„Also, irgendjemand auf der Welt liest Dein Buch.“


Wir sind nicht allein.“


„Ja. Und auf einmal geht ihm ein Licht auf. Fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Und dann schreibt er Dir einen langen Brief, ganz begeistert, und schreibt –“


„Begeistert waren sie alle. Oder sagen wir: fast alle. Aber ich habe eigentlich nur ein einziges Mal einen Brief bekommen – einen von Tausenden –, der mich interessiert hat.“


„Wer hat diesen Brief geschrieben?“


„Irgendein Doktor aus Ostdeutschland, aus Leipzig oder Dresden.“


„Und was hat er so Interessantes mitzuteilen gehabt?“


„Er behauptete, einen prä-astronautischen Besuchskalender für Kontakte der dritten Art errechnet zu haben, der angeblich zu meinen Untersuchungen passen sollte.“


„Einen Besuchskalender?“, wiederholte Kim langsam, wobei sie sich bemühte, ihre Stimme nicht aufgeregter als sonst klingen zu lassen.


„Jawohl. Aber frag mich nicht, auf welcher Grundlage. Es ist zu lange her. Eine Folge von Jahreszahlen, die zurückging bis ins erste vorchristliche Jahrtausend. Weit auseinander liegend, aber trotzdem irgendeiner mir nicht mehr erinnerlichen Regel folgend.“


„Und dass diese Zahlen auf dem Ergebnis der letzten Lottozahlenziehung basierten“, warf Alexander ein, „das konntest Du ausschließen?“


„Danach klang es nicht“, sagte von Haase und fingerte nach einer neuen Zigarette. „Der Mann war augenscheinlich vom Fach. Holz. Das war sein Name. Und von Beruf war er Ingenieur in einem Rechenzentrum, ich glaube in Leipzig. Oder Dresden. Was er geschrieben hat, klang spannend. Sonst wäre sein Brief ja auch gleich im Papierkorb gelandet.“


Er dreht sich wieder zu Kim. „Aber wenn Du mein Ansehen in der Öffentlichkeit heben willst, musst Du Dir schon etwas Besseres ausdenken, meine Liebe. Mit Dr. Holz klappt das nicht.“


„Wieso?“


„Na ja... Was wäre dabei denn schon herausgekommen?“ Von Haase lachte rau. „Ein Aufguss von meinem eigenen Quatsch natürlich, was denn sonst.“


„Hast Du den Brief noch?“


„Dummerweise habe ich ihn an meinen Lektor in Hamburg weitergereicht. Der hat alle meine Bücher betreut. Bis er sich totgesoffen hat, der arme Hans Nagel.“


„Warum?“


„Warum, warum... Vermutlich weil er im Leben nicht zurechtkam.“


„Nein, ich meine, warum hast Du den Brief Deinem Lektor gegeben?“


„Wie ich schon sagte, weil er für meine Bücher zuständig war. In einem umfassenden Sinne. Manches Buch stammt sogar, wohlgemerkt: nur der Idee nach, von ihm. Ich habe es dann nur noch schreiben müssen. Oder er hat Vorschläge für Ergänzungen in Neuauflagen gemacht. Manchmal, wenn es schnell gehen musste, hat er auch eigene Texte beigesteuert. Und es musste eigentlich immer schnell gehen. Den Brief von Holz hat er bekommen, damit er überlegt, ob sich die Geschichte für das nächste Buch benutzen lässt. In welcher Form auch immer. Und meines Wissens hat Nagel auch Kontakt aufgenommen. Aber die Sache ist dann im Sande verlaufen. Warum, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist der arme Kerl ins Fadenkreuz der Stasi geraten, denn das alles geschah ja noch zu DDR-Zeiten.“


„Und der Brief von Holz, ist der noch bei Deinem Verlag?“


„Den Globus-Verlag gibt es nicht mehr. Er hat 1988 Pleite gemacht. Was für mich einen Verlust von zirka 200.000 Franken – damals – bedeutet hat. Der Verleger hat das ganze Geld rechtzeitig herausgezogen und seiner Frau übertragen. Und dann Konkurs angemeldet. Und ich habe ein langes Gesicht gemacht. Aber nicht nur ich, auch seine Druckerei, die Verlagsangestellten, der gute Hansi Nagel ebenfalls... Wir sind alle leer ausgegangen.“


„Und das Verlagsarchiv?“


„Alles weg. Möbel, Einrichtung, alles gepfändet, verkauft, vernichtet.“


Kim legte einen Finger an die Nase und schloss für einen Moment die Augen.

„Gut. Der Brief von Holz. An wen war er adressiert?“


„Der ging an mich. Über den Verlag natürlich. Meine Privatadresse konnte er ja nicht kennen.“


„An was erinnerst Du Dich?“

 

 
 
 
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