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Die Tage vergingen mit Spaziergängen und Museumsbesuchen. Gemeinsam sahen sie sich das Pariser Musée du quai Branly für außereuropäische Kunst an, das Institut du monde arabe und, auf Kims Wunsch, das Museum für erotische Kunst im 18. Arrondissement, in Nachbarschaft zum Moulin Rouge. Die Post aus Donaueschingen kam am fünften Tag ihres Aufenthalts, als sie beim Frühstück saßen.


„Hoffentlich kein Negativbescheid“, murmelte Alexander, denn es war ein normaler Fensterumschlag im Längsformat. Er hatte auf einen größeren Brief gehofft, mindestens im amerikanischen Letter-Format, mit Fotokopien.


Hastig riss er den Brief mit einem Küchenmesser auf. Ein gewisser Dr. Müller-Willems teilte mit berufsmäßiger Sachlichkeit mit, dass „das gewünschte Dokument“ 14 Tage auf einem Server zum Abruf bereit liege. Weiter hieß es, Absender und Datum des Briefs ließen die Vermutung zu, dass es sich um das gesuchte Schriftstück handle.


Nachdem Alexander dem Link gefolgt war und das Passwort eingegeben hatte, konnte er ein Dokument mit dem Titel Himly, Friedrich an Zünsler, Bernhard, eigh. Br., Straßburg, 1788-11-25 herunterladen. Als er es öffnete, erwies es sich als achtseitiger Brief in deutscher Kanzleischrift.


Alexander reichte den Laptop an Kim weiter, die die Seiten kurz überflog, bevor sie ihn ihrer Mutter aushändigte. Offenbar war sie selbst mit der Entzifferung überfordert. Hilde holte ihre Lesebrille aus dem Wohnzimmer, setzte sie auf, räusperte sich und begann vorzulesen. Nur bei einigen Fremdwörtern geriet sie ins Stocken; im Übrigen las sie flüssig. Immer wenn sie am Ende der Seitenanzeige angelangt war, beugte sich Kim zu ihr herüber und scrollte weiter zur Fortsetzung.

 

Strasburg, d. 25. Novbr. 1788.

Gottes Gruß und Segen zuvor!

Trotzdem Sie mich, hochverehrter Freund, seit längerem mit keiner Zuschrift ihrerseits mehr erfreut, nehme ich mir, unter der Maaßgabe, daß dieße Mitteilungen vertraulich bleiben, weil zu befürchten ist, daß eine Verbreitung der gefährlichen Folgerungen derjenigen, die unbefugt darüber urtheilen, geeignet seyn könnte, die Ruhe und Gottergebenheit der gewöhnlichen Werkeltagsmenschen zu stören, die Freiheit, Ihnen das gestern in unsern Mauern stattgehabte außerordentliche Sectionsergebnis zu offenbaren, welches, meiner Ansicht nach, in doppelter Beziehung von Interesse ist, gleichviel ob man das nachfolgend beschriebene Individuum als Rarissimum der menschlichen Species oder als eine gänzlich neue Species ansehen mag, welche auf Erden nicht ihresgleichen hat, und hoffe dabey auch fürderhin auf Ihr liebendes Wohlwollen.


Gestern bringt mir mein Gehülfe die Leiche eines 46 franz. Zoll kleinen und nahe 60 Pfund schweren Individuums in gutem Ernährungszustand mit einem abnorm großen Schädel, der dem eines Turricephalus ähnelt. Heute Vormittag 9 Uhr wird von mir die Leichenöffnung vorgenommen. Todtenflecken sind bemerklich am Rücken und an den Extremitäten, grünliche Flecken am Unterleibe, als Spuren beginnender Verwesung; solches bey übrigens durchgehender Röthe der Haut. Die Gesichtszüge sind wenig entstellt, jedoch mit dem Ausdrucke tiefen Schmerzes. Die weitere äußere Untersuchung ergibt bereits die erste Überraschung, indem ich gleich auf den ersten Augenschein die beiden Geschlechter entdecke, eines über dem andern liegend, wobei sich die untenliegende Vulva keineswegs als reines Trugbild erweist. Auch das männliche Glied ist durchaus kräftig und nicht, wie man es bei angeblichen Hermaphroditen häufig findet, bloß eine stark entwickelte Clitoris. Sonst zeigt sich weiter nichts Auffallendes.


Ich schreite nun sogleich zur Öffnung des Schädels, der sich, aufgrund des dünnen Schädeldachs, sehr leicht sägen läßt. Nach Eröffnung der Durageht aus dem Subduralraum eine klare, gelbliche Flüssigkeit ab. Das Hirn ist sehr weich und stark vergrößert (beynahe 6 Pfund Gewicht) und, wie einige Längsschnitte ergeben, von besonders feiner und zarter Structur und Construktion.

Die Eröffnung der Brusthöhle ergibt nun eine zweite, noch größere Überraschung. Ich sehe Ordnung mit wunderbarer Mischung, Zärte mit unbegreiflicher Stärke, Einfachheit bei größter Mannigfaltigkeit. Keinerlei Kennzeichen für einen funktionierenden Blutkreislauf, an dessen Statt ein Netzwerk fremdartiger einsaugender Gefäße und seltsamer Membranen. Jedes Organ reagiert bei Berührung mit dem Seziermesser mit einem grünlichen Leuchten, das auch bei mehrmaligem Wiederholen nicht ausbleibt. Unsymmetrische Anordnung der Lungen, die rechte mit der Pleuravorn verwachsen und kaum mit dem Messer zu trennen. Das Herz überaus seltsam, gleichsam ein leerer faseriger Beutel, den ich in Stücke zu zerflocken vermag.


Bei der nachfolgenden Eröffnung des Unterleibes tritt sogleich eine Menge schmieriger, ziemlich konsistenter, fast sulziger Flüssigkeit aus. Die Beschau ergibt eine Inversion aller Organe der Bauchhöhle. Die Öffnung der innern Geschlechtstheile erweist sowohl den Zuführungskanal, welcher von den Testikeln ausgeht und sich in ein Samenbläschen rechts öffnet, welches seinerseits mit dem Kanal der Ruthe durch einen Ausspritzungsgang in Verbindung steht, als auch zwischen der Harnblase und dem dicken Gedärme eine gedrückte Bärmutter. Der links liegende Eyerstock ist vollkommen gesund und in der Größe einer Haselnuß. Angesichts einer solchen überraschenden Zwitterorganisation muß ich gestehen, daß ich durchaus keine Unmöglichkeit einsähe, daß dieß Individuum sich selbst und ohne Hinzukommen eines Zweyten hätte befruchten können.

So viel der Thatsachen.


Auf den Vorhalt, daß er wohl kaum auf ordentlichem Wege an dieße Leiche hat gelangen können, legt sich mein Gehülfe, ein verschlagener Kerl, den ich stets, doch, wie ich ietzo erkennen muß, ganz vergeblich, zu Wahrheit und Redlichkeit ermahnt habe, erst auf Betrug und läugnet frech. Auf meine Androhung, sogleich bey dem Dekan der medizinischen Facultät Anzeige zu machen, fängt er auf das Heftigste an zu weinen, spricht von seinem kranken Weibe und vier kleinen Kindern, welche er zu versorgen hat, und gibt zu, die Leiche unter der Hand von seinem Geschwisterschwager, welcher als Todtengräber in einer kleinen Gemeinde im Steinthale tätig ist, für 15 Francs erhalten zu haben, welche er dem Institute d.h. mir treulich in Rechnung gestellt habe; Näheres über die Herkunft des merkwürdigen Leichnams will er bei seinem Verwandten in Erfahrung bringen und mir sodann unverzüglich mittheilen. Doch wie sich sogleich zeigt, ist die Reue nur Schein. Denn sobald ich dem Kerl offenbare, daß ich mich gleichwohl außerstande sähe, ihn fernerhin als meinen Amanuensis bei den außergerichtlichen Sectionen zu beschäftigen, wechselt er schlagartig vom Zustand tiefster Zerknirschung zur heftigsten Wuth, greift in der Erregung sogar nach der Rippenschere, worauf ich ihn maaßvoll daran erinnert, daß es nur eines Winks von mir bedürfe, um ihn wieder ins Correktionshause zu bringen, aus dem ich ihn einst befreyt.


Verehrungswürdiger Freund! Sie werden mir freylich zustimmen, daß dieß wahrhaft außerordentliche Ereigniß der fragwürdigen Umstände wegen, die mir zu dießem Object verholfen und deren Verfolgung durch die Polizeybehörde die schädlichsten Consequenzen haben dürfte, keine Publicität verträgt. Der Medicus als Mensch und als Christ kann gewiß unzähligen Vortheil von der Kenntnis des menschlichen Körpers schöpfen. Indem er vermag, durch die undurchsichtige Hülle des Körpers zu schauen, vermag er auch, dem Krankheitsübel entgegen zu treten, in welcher Gestalt es sich auch zeigt. Zu dießem Wissen können wir aber nicht anders gelangen, als durch die mühevolle Untersuchung erblaßter Nebenmenschen. Dieß Vermögen der ärztlichen Fachwissenschaft gilt es gegenüber den Zumutungen behördlicher Supravision und der schrankenlosen Neugier eines großen Publikums zu behaupten und zu vertheydigen. Ihnen aber, meinem väterlichen Freund und Seelsorger, der Sie mich auf allen meinen Lebenswegen erst durch ihre Gegenwart, dann durch Correspondenz treulich begleitet, durft’, ja mußt’ ich’s sagen. Ich suche gewißlich Gott in allen Fasern und finde seine Spur in allem Natürlichen und Würklichen, doch dieße Section gibt mir erstmals in meiner Carriere Anlaß zu zweifeln, daß ich es würklich mit einem gottgemachten Geschöpf zu tun gehabt.


Ein paar Zeilen aus Ihrer Feder würden mich in dießem critischen Moment sehr erfreuen. Und nun küsse ich Ihre theure Hand und bin,

hoffend, wünschend und theilnehmend,

Ihr

Friedrich J. F. Himly

 

Sie saßen wir erstarrt. Keiner sagte ein Wort. Alexander bewegte ganz langsam ein Stück Baguette in seinem Mund. Dann sagte Kim: „Wow!“

 

 
 
 

„Warum“, sagte Alexander, „wundern wir uns eigentlich nicht, dass DOMINIQUE 1788 begraben worden ist und trotzdem bis vorgestern noch in einer Ausstellung zu sehen war?“


„Also ich habe längst aufgehört, mich über irgendetwas zu wundern“, sagte Kim.


„Jemand wird ihn wohl rechtzeitig ausgebuddelt haben“, meinte Hilde.


„Das denke ich auch. Und so landete er auf dem Seziertisch von Friedrich Himly – den Namen verdanken wir ebenfalls Deinem Scharfsinn, Hilde.“


Statt einer Antwort wies Hilde mit dem Finger auf ihre Wange, wo sie einen weiteren Kuss von Alexander erwartete, der seine Schuld prompt beglich.


„Lass uns mal resümieren“, schlug Kim vor. „Wir haben ein Skelett –“


„Wir hatten es“, korrigierte sie Alexander.


„Na gut. Dann eben so: Wir haben ein Skelett gesehen. Wir haben herausgefunden, woher es stammt, aus der Gegend von Waldersbach. Am 21. November 1788 wurde der Tote beigesetzt. Wir haben das Protokoll von Pastor Oberlin. Irgendwie ist der Leichnam aber nach Straßburg gelangt, zu Himly. Aber wie?“


„Himly hatte vermutlich einen Vertrag mit dem Totengräber. Oder dem Sargtischler. Es spielt auch keine Rolle. Himly ist zwar auch schon seit schätzungsweise 200 Jahren tot, aber vielleicht gibt es Aufzeichnungen von seiner Hand. Willst Du nicht mal nachsehen, wo und wann er gestorben ist?“


„Mach es selber.“ Kim reichte ihm ihr Telefon.


Alexander tippte den Namen ein, versah ihn mit An- und Abführungszeichen und setzte noch die Berufsbezeichnung Anatom dazu. Googles Algorithmen bescherten ihm 11.344 Treffer. Er klickte den Wikipedia-Artikel an. „Friedrich Johann Fürchtegott Himly, geboren am 16. Juni 1737 in Karlsruhe, gestorben am 29. November 1788 in Straßburg.“


„Was?“ Kim schrie es fast.


Alexander starrte ungläubig auf das Display. „Er muss kurz nach der Sektion gestorben sein.“


„Den hat wohl der Schlag getroffen“, meinte Hilde trocken. „Oder er hat sich mit einem tödlichen Virus angesteckt.“


„Was damals nicht selten passierte“, bestätigte Alexander. „Mal sehen, ob ich etwas zur Todesursache finde.“


Er suchte in der Trefferanzeige nach Hinweisen auf eine ausführlichere Biographie und stieß auf eine Grazer Dissertation von Wendela Weiser mit dem Titel „Die anatomische Privatsammlung von Friedrich Johann Fürchtegott Himly unter besonderer Berücksichtigung ihres präparationstechnischen Profils“. In der Einleitung, die er schnell überflogen hatte, fanden sich ausführliche biographische Informationen.


„Keine Infektion. Himly ist ertrunken.“ Er blätterte weiter. „Seine anatomische Privatsammlung erbte größtenteils sein Sohn Philipp Friedrich Theodor Himly. Sie wurde 1803 vom französischen Staat angekauft und 1810 von der Universität übernommen. Gut gemacht, Frau Doktor Weiser. Mal sehen, ob ich im Quellenverzeichnis Hinweise auf einen Nachlass von Himly finde, Tagebücher oder Briefwechsel.“


„Wie hat man das nur früher geschafft?“, wandte sich Hilde an ihre Tochter. „Ich meine, dieses Recherchieren. Und es ging doch auch.“


„Natürlich ging es auch. Aber es dauerte alles einfach viel länger. Ich glaube, die Lebensdaten von Himly stehen nicht einmal im Lexikon, und die Todesursache sowieso nicht. Du musstest also in die Bibliothek gehen, in Fachbüchern herumsuchen, und wenn Du Pech hattest, musstest Du ein Buch aus einer auswärtigen Bibliothek bestellen, was ein bis zwei Wochen dauerte. Und mit einem einzigen Buch war es ja meist nicht getan.“


„Von Himly gibt es keinen Nachlass mehr“, verkündete Alexander, ohne den Blick vom Display zu wenden. „Er war bis zuletzt in Familienbesitz und ist höchstwahrscheinlich 1870 verbrannt, als Straßburg wochenlang von deutschen Truppen beschossen wurde. Es gibt ein Himly-Archiv in Karlsruhe, in seinem Geburtshaus – aber das scheint eine neuzeitliche Einrichtung zu sein. – Oh, wie schön: Frau Doktor Weiser hat auch Fundorte von Himlys Briefen verzeichnet.“


„Da könnt ihr aber froh sein, dass dieser Himly noch richtige Briefe geschrieben hat“, kommentierte Hilde. „Sonst wärt ihr doch aufgeschmissen. Was man sich heute schreibt, diese E-Mails oder SMS, die sind doch in Nullkommanichts futsch. Was bleibt eigentlich von eurer Generation übrig?“


„Auch dafür gibt es Speicher, Mutter.“


„So? Und wie sehen die aus?“


Bevor Kim die Frage beantworten konnte, meldete sich Alexander wieder zu Wort. Er sprach jetzt langsamer, weil er gleichzeitig las.


„Die umfangreichste Korrespondenz von Himly ist die mit Johann Friedrich Meckel in Berlin. Sie bricht allerdings 1774 mit Meckels Tod ab. Dann gibt es eine Reihe von Briefen an Johann Friedrich Lobstein, seinen Straßburger Kollegen. Der letzte Brief ist von 1784. Alle andern Briefwechsel sind kleiner und ziemlich verstreut. Sie sind nur summarisch verzeichnet. Immerhin mit Laufzeit. Paris… 1764 bis 1768… Wien… 1771…“


Weiteres verlief in Gemurmel, ehe sich Alexanders Stimme plötzlich wieder hob.


„In Donaueschingen, in der Fürstlich Fürstenbergischen Bibliothek, gibt es 36 Briefe an Bernhard Zünsler von 1759 bis 1788. Donnerwetter, das ist aber kein kleiner Briefwechsel. Hoffen wir mal, dass es sich bei dem Empfänger um einen Kollegen handelt. Moment…“


Alexander ließ sich Ergebnisse zum Namen Bernhard Zünsler anzeigen. Erst bei der Büchersuche wurde er fündig.

 

Unvorgreifliche Gedancken über das Christenthum

in seinem Verhältniße zur Wissenschaft vom Menschen

Inaugural-Dissertation

Einer hohen theologischen Facultät zu Heidelberg

zur Erlangung der Doctorwürde

ehrerbietig vorgelegt von

Alb. Bernhard Christ. Zünsler

Doctor der Medicin, Chirurgie und Geburtshülfe,

Baccalaureus Theologiae

In Speyer gedruckt bey Joh. Ballhorn 1745

 

„Interessant, ein Mann mit einer Doppelausbildung. Himly könnte ihm von seiner Arbeit berichtet haben. Es wäre einen Versuch wert.“


„Fürstlich Fürstenbergische Bibliothek… So etwas kann es auch nur noch in Deutschland geben“, sagte Kim. „Am Ende ist die privat.“


„Ich hoffe nicht“, sagte Alexander. „Lass mal sehen. Es ist eine Stiftung… Präsenzbibliothek… Bücher sind im Lesesaal einzusehen… Handschriftensammlung teilweise digitalisiert… Benutzung nur mit Voranmeldung… Telefonische Auskünfte werden nicht erteilt.“


Hilde schlug die Hände vor der Brust zusammen. „Das freut mich. Endlich spricht es mal jemand aus, dass er nicht gern telefoniert. Die Leute sollen gefälligst Briefe schreiben, wie früher.“


Nach kurzem Schweigen hob Alexander den Kopf. „Einen Online-Bestandskatalog scheint es nicht zu geben. Aber eine Mailadresse. Ich werde Ihnen ein paar nette Zeilen schreiben und fragen, ob es einen Brief von Himly an Zünsler gibt, der – wann war die Beisetzung von DOMINIQUE, Kim?“


„Am 21. November.“


„Der kurz nach 21. November 1788 geschrieben wurde. Und dann bin ich mal gespannt. – Gibt es eigentlich noch etwas zu trinken?“

 
 
 

Alexander hielt sich nicht gern in dieser Wohnung auf. Das Wohnzimmer war ein nicht allzu großer Raum, der durch die klotzigen Ausmaße der Möbel noch kleiner wirkte. Dicht an die große Schrankwand zur Rechten geschoben, aber immer noch so groß, dass er den Rest der Wand auf dieser Seite einnahm, befand sich ein mächtiger altmodischer Schreibtisch mit einem Drehstuhl davor. Hier war der häusliche Arbeitsplatz von Kims Vater gewesen, dem Architekten, nach seinem schweren Autounfall, an dessen Folgen er zwei Jahre später gestorben war. Das Fenster an der gegenüberliegenden Wand passte vollkommen zu den Möbeln. Es war endlos breit und hoch, das Fensterbrett in Kniehöhe. Zwischen der Schrankwand und den Möbeln standen um einen massiven runden Tisch herum drei niedrige Sessel mit Papierkordel-Bespannung. Dort saßen sie jetzt, und Hilde drückte gerade eine Zigarette im Aschenbecher aus. Vier bis fünf davon rauchte sie jeden Tag, mit einer Regelmäßigkeit, mit der andere Menschen ihres Alters ihre Pillen einnahmen, morgens, mittags, nachmittags und abends. Heute war so ein Abend gewesen, an dem sie sich eine zweite angezündet hatte.


Kim war in ihrem Bericht bei Oberlins Begräbnisprotokoll angelangt und las ihrer Mutter den nunmehr komplett entzifferten Text vor. Hilde hörte ihr wortlos zu und ließ dabei ihren Blick zwischen Kim und Alexander schweifen. Als Kim sie fragte, ob ihr der Name Swedenborg geläufig sei, nickte sie.


„Natürlich. Ich glaube, der hat die Leute seinerzeit ähnlich verzückt wie Mesmer. Kollektive Begeisterung. Der hat noch an einen dicht mit Menschenseelen bevölkerten Himmel geglaubt.“


„Was Oberlin, diesem Mann der Tat und der Vernunft, gar nicht gefallen hat.“


An diesem Punkt schaltete sich Alexander ein, der bis dahin höchstens kurze Einwürfe gemacht hatte.


„Im Namensregister der Beerdigungen ist das Ereignis übrigens auch verzeichnet, als Individu inconnu. Ursprünglich sogar als ‚Englische Kreatur’, was wohl so viel heißt wie scheußliches Wesen.“


Hilde beugte sich ein Stück nach vorn. „Englische Kreatur?“


„Ja“, sagte Kim. „Wir nehmen an, es ist ein zeitgenössischer Ausdruck für etwas Gruseliges, wie es später durch die englische Schauerromantik verbreitet wurde.“


„Nie gehört, diese Definition. Aber ich kann euch was anderes sagen. Englisch ist ein Adjektiv mit zwei Bedeutungen. Die eine verweist auf das Substantiv England. Die andere – zugegeben, sie ist veraltet, genau wie ich, und wohl ziemlich in Vergessenheit geraten –“ Hilde blickte in erwartungsvolle Gesichter.


„Herrje, Mutter, nun mach es doch nicht so spannend.“


„Die andere verweist auf das Substantiv Engel.“


Kim starrte ihre Mutter an. „Engel?


„Jawohl. Hättest Du Dich früher mehr mit klassischer Musik befasst, wüsstest Du das. „Die englischen Stimmen Ermuntern die Sinnen, Dass alles für Freuden erwacht. Na, von wem ist das?“

Sie hob das Kinn und heftete ihren Blick auf Alexander.


„Keine Ahnung? Gustav Mahler, „Lieder aus des Knaben Wunderhorn“. Geht ihr denn in Washington nie ins Konzert? – Statt „englische“ kann man auch „himmlische“ Kreatur sagen. Nichts anderes ist damit gemeint.“


„Also ich glaube nach wie vor, dass ‚englisch‘ in diesem Zusammenhang so viel bedeutet wie gruselig“, sagte Alexander steif. „Aber trotzdem vielen Dank für die Idee, Hilde.“


Hildes Augen sprühten Feuer. „Meine Idee?“ wiederholte sie scharf. „Ich habe euch ein Licht aufgesetzt“, fuhr sie mit Strenge fort. „So musst Du es nennen. Das mit dem Gruseligen ist kompletter Blödsinn.“


„Aber das gibt doch keinen Sinn“, kam Kim Alexander zu Hilfe. „In Oberlins Protokoll ist von einem missgestalteten Körper die Rede. Warum dann das Kompliment „himmlisch“? Sie wartete die Antwort nicht ab. „Oder ist damit eine Kreatur des Himmels gemeint? Dann hätten wir es also mit einem Engel zu tun.“


„Ich habe nicht von einem Engel gesprochen“, erwiderte Hilde, „das warst Du. Ihr lest einen alten Ausdruck, den ihr nicht versteht, weil eure Allgemeinbildung nur mit elektrischem Strom funktioniert, und trotzdem glaubt ihr, ihr habt das Ei des Kolumbus gefunden. Ich habe mein Lebtag noch nie gehört, dass ‚englisch‘ so viel wie gruselig bedeuten soll, und ich sage euch: Ihr seid auf dem Holzweg. Und das Schlimme ist, dass ihr euch auch noch vor der Wahrheit verschließt.“


Gekränkt heftete sie ihren Blick auf die Fuge zwischen Wand und Zimmerdecke. „Also von Dir, Alexander, hätte ich das am Allerwenigsten erwartet. Sheila ist Journalistin, da muss man es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen – Du brauchst mich gar nicht so empört anzusehen, meine Liebe, ich weiß, wovon ich rede. Ein bisschen Demut könnte euch beiden nicht schaden.“


Hilde war wirklich ein bisschen empört. Aber nur ein bisschen. Im Grunde genoss sie die Auseinandersetzung. Es gab nicht mehr viele Gelegenheiten, wo sie es den jungen Leuten zeigen konnte. Und hier fühlte sie sich zu hundert Prozent im Recht. „Englische Scharen“, „englische Gesänge“ und „englische Freuden“ waren ihr vertraute Ausdrücke, die sie aus alten Gedichten und Kirchenliedern kannte.


Alexander machte einen Vermittlungsversuch. „Na gut, Hilde“ sagte er mit Sanftmut in der Stimme, „arbeiten wir mal mit Deiner Interpretation. Oberlin bezeichnet den Toten als Engel. Warum? Weil er für dieses von der Norm abweichende Individuum keinen Begriff hatte. Er war Pfarrer. Ein Wissenschaftler oder ein einfacher Arzt hätte sich anders geäußert.“


Hilde verschränkte die Arme vor der Brust und beugte sich zu ihrem Schwiegersohn herüber.

„Höre ich da so etwas wie die Stimme der Vernunft?“


Das nachfolgende Schweigen dauerte so lange, dass Kim annahm, eben das Schweigen sei Alexanders Antwort. „Die Umstände seiner Auffindung waren ja auch merkwürdig“, sagte sie dann. „Ein unbekannter nackter Toter von ungewöhnlichem Aussehen – da konnte man schon auf die Idee kommen, er sei vom Himmel gefallen. Und sofort sah Oberlin die Gefahr, dass, falls die Wissenschaft auf diesen merkwürdigen Toten aufmerksam würde, dadurch die Spekulationen eines Herrn Swedenborg genährt werden. Da wäre es doch interessant zu erfahren, ob Swedenborg an Engel geglaubt hat.“


„Hat er“, sagte Alexander wie nebenbei.


 „Was?“ rief Kim.


„Ich hab es gestern schon im Wikipedia-Artikel gelesen. Seine Zeitgenossen nahmen ihm das übrigens nicht einmal übel. Niemand nannte ihn einen Scharlatan. Er galt als Träumer.“


Hildes Augen funkelten. „Habt ihr eingesehen, dass ich Recht habe? Ihr könnt es ruhig einmal zugeben.“


Alexander stand auf, beugte sich zu Hilde herunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Danke.“ Er ging er zum Fenster, sah einen Augenblick nach draußen und fuhr sich mit dem Finger an die Lippen. Dann drehte sich wieder herum.

 

 
 
 
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