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Der Türklopfer war eine Goldschmiedearbeit in Form eines Mayapriesters mit seinem ausladenden Kopfschmuck und machte entsprechend Lärm. Es dauerte eine Weile, bis eine etwa dreißigjährige, schwarzhaarige Frau augenscheinlich asiatischer Herkunft die Tür öffnete. Sie trug eine enge schwarze Stoffhose und einen schwarzen Strickpullover mit kurzen Ärmeln, was ihre muskulöse Figur besonders zur Geltung brachte. Ihre gespannte Körperhaltung signalisierte, dass an ihr kein Unbefugter vorbeikam. Vermutlich verstand sie sich bestens darauf, daumendicke Schalbretter mit der bloßen Hand in Kleinholz zu verwandeln.


„Ja bitte?“ fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen, und ein bisschen klang es wie: „Was fällt ihnen ein?“


„Guten Tag“, sagte Kim. „Ich bin die Tochter von Hilde Hahneman, und das ist mein Mann. Meine Mutter hat mit Herrn von Haase telefoniert und unseren Besuch angekündigt.“


„Lass die Herrschaften eintreten, Araya“, dröhnte es aus dem Inneren des Hauses.


Die Türsteherin verneigte sich, trat einen Schritt zurück und zog die Tür auf. „Bitte sehr.“


Ein paar Schritte hinter ihr stand ein ziemlich großer, sportlich aussehender Mann. Er mochte Mitte siebzig sein, sah aber deutlich jünger aus. Bei seinem dichten blonden Haar handelte es sich vermutlich um ein Toupet. Schweizerische Friseurskunst hatte es zu zwei großen Wellen geformt, die an Treppenstufen erinnerten. Er trug einen grauen Flanellanzug und um den Hals ein violettes Seidentuch. Im Revers seiner Jacke steckte eine Kornblume, gegen die seine blassblauen Augen fast milchig wirkten. Er taxierte die Besucher mit zusammengezogenen Brauen, räusperte sich leicht und sagte: „Sheila, nicht wahr?“


„Richtig“, sagte Kim und ging mit einem strahlenden Lächeln auf von Haase zu. Alexander folgte ihr.


„Wir kennen uns“, sagte von Haase, nachdem er ihr die Hand gegeben hatte. „Damals warst Du vier oder fünf, und ich habe ‚Du’ zu Dir gesagt. Darf ich das immer noch? Ich bin Maurice.“


Kim nickte. „Du warst in Paris bei uns. Mutter hat es mir erzählt. Ich kann mich nicht mehr erinnern.“


Sie zog Alexander zu sich heran. „Das ist mein Mann, Alexander. Er ist Amerikaner, aber er versteht ganz gut Deutsch.“


„Tretet näher, ihr Lieben“, sagte von Haase.


Kim sah sich um. „Wo ist Deine Frau?“


„Oh, Araya ist nicht meine Frau. Vier Scheidungen sind genug. Außerdem ist sie schon verheiratet. Nur auf dem Papier, aber trotzdem. Das muss respektiert werden, auch wenn es sich nur um eine Scheinehe handelt. Lasst euch bloß nicht von ihrem höflichen Auftreten täuschen. Das gehört bei den Asiaten einfach dazu. In Wirklichkeit ist sie ein Killer. Sie hat den schwarzen Gürtel. Einmal – da kannten wir uns erst flüchtig – hat sie mir fast den Arm gebrochen. Zum Glück hat sie obendrein eine Ausbildung als Krankenpflegerin.“ Er setzte ein hintergründiges Lächeln auf. „Ja, in meinem Alter stehen Sicherheit und Gesundheit an erster Stelle. Aber ich kann euch versichern, wenn ich meine wöchentlichen Freuden addiere und meine sämtlichen Gebrechen abziehe, bleibt unter dem Strich immer noch ein Guthaben.“


Von Haase führte sie auf eine Galerie mit weiß lackiertem Metallgeländer, das drei Seiten eines großen Wohnstudios begrenzte. Die vierte Seite hatte zwei Türen und einen großen Kamin, in dem ein lebhaftes virtuelles Feuer brannte. Entlang des Geländers standen an der Wand prall gefüllte Bücherregale, dazwischen Bronzeplastiken auf Natursteinsockeln, die aussahen wie Leihgaben aus einem Museum.


„Das ist ja ein tolles Haus. Eines von denen, die man in teuren Architekturmagazinen abgebildet sieht“, sagte Alexander.


„Längst passiert“, sagte von Haase. „In ‚Domus‘ und ‚Atrium‘ waren große Berichte. Seitdem kommen immer wieder Leute und wollen es besichtigen. Zum Glück habe ich Araya, meine schnittige Janitscharin.“


Schnittig wie ein Rasiermesser, dachte Alexander, traute sich aber nicht, den Gedanken auszusprechen. Stattdessen sagte er: „Ich täusche mich wohl nicht, wenn ich davon ausgehe, dass sie in mehr als einer Kampfsportart geschult ist.“


Von Haase nickte. „Nomen est omen. Ihre Ehe hat sie mit einem Ukrainer geschlossen, seitdem heißt sie Kalaschnikowa.“ Er wandte sich an Kim. „Du weißt, dass der Grundentwurf zu meinem Palast von Deinem lieben Vater stammt?“


„Das hat Mutter erzählt.“


„Er musste natürlich ein bisschen meinen Wünschen angepasst werden.“


„Natürlich.“


„Ich denke sehr gern an den alten Herrn zurück. Ich darf ihn doch so nennen? Es ist nicht respektlos gemeint. Wir waren in derselben studentischen Verbindung, der ‚Helvetia‘, er ein Alter Herr, ich ein Fuchs. Er hat mir sehr geholfen. Ich mochte ihn sehr. Es ist schade, dass er so früh gehen musste. Ja, die Guten sterben jung, und deren Herzen trocken, wie der Staub des Sommers, brennen bis zum letzten Stumpf... Ich habe ihm viel zu verdanken. Ich meine, nicht fachlich. Da gingen wir getrennte Wege. Er war schon fertig, und ich fing ja gerade erst an mit dem Studium.“

„Was hast Du studiert?“


„Ich? Natürlich Ägyptologie, Assyrologie, Amerikanistik, was denkst Du denn? – Nein, Quatsch, Geographie, Soziologie und Pädagogik. Ich wollte doch Lehrer werden. Bin ich irgendwie ja auch geworden. Erst letzten Monat habe ich in Zürich einen Vortrag gehalten. Vor zweihundert begeisterten Zuhörern. Du siehst, ich bin immer noch im Geschäft.“

 

 
 
 

Sie waren in die Stadt gefahren und saßen auf der Dachterrasse, die zu dem Café in der neunten Etage des Kaufhauses Printemps gehörte. Die Abendsonne tauchte die Häuser in goldenes Licht. Die Aussicht von hier oben war schlichtweg grandios. Auf der einen Seite sah man die Grands Boulevards und die Opéra Garnier, dann schweifte der Blick weiter über die Madeleine und den Eiffelturm bis hin zum Arc de Triomphe, der nur ein kleines Stück aus dem dichten Pariser Dächermeer herausragte. Von der anderen Seite der Terrasse aus hatte man freie Sicht auf den Montmartre-Hügel, von dessen Spitze die Basilika Sacré-Cœur imposant herüberstrahlte.


„Wir sollten jemand zu Rate ziehen“, sagte Kim. „Jemand, der eine neue Idee hat.“


Alexander verzog das Gesicht. „Ich glaube nicht, dass es einen seriösen Engel-Experten gibt.“


„Wir können uns doch mal wenigstens umhören.“


„Alexander, Du bist unfair“, murrte Hilde. „Hör endlich auf mit Deinem Engel. Ein Reisender ist er gewesen.“


„Dann brauchen wir also einen Migrationsexperten?“


„Alex, steck Dir Deinen Sarkasmus an den Hut.“


„Verzeihung, Liebes. Also gut. An wen denkst du?


Bevor Kim antworten konnte, zog Hilde ein Buch aus ihrer Handtasche. „Ich hätte da vielleicht etwas.“ Sie schob die Gläser beiseite, damit sie das Buch vor Alexander und Kim ablegen konnte.


Kim blickte zuerst auf das Buch, dann zu ihrer Mutter. „Wir sind nicht allein?“ Sie schob das Buch zu Alexander, der das Buch aus Gewohnheit hinten aufschlug. Mit dem Zeigefinger fuhr er die linke Spalte des Inhaltsverzeichnisses entlang, dann die rechte.


„Hier“, sagte er, und legte seinen Finger neben das 11. Kapitel.


„Lass mal sehen“, sagte Kim und schob den Finger zur Seite.


Alexander legte seinen Finger wieder hin. „Besucher aus dem Kosmos“, las er vor. Er blätterte zurück bis zum Titelblatt.

 

Maurice von Haase

Wir sind nicht allein. Warum die alten Religionen Recht haben

Globus-Verlag Hamburg

 

„Wann ist das erschienen?“


„Genau weiß ich es nicht mehr. Anfang der Achtziger“, antwortete Hilde.


Kim kaute auf ihrer Unterlippe und starrte auf die handschriftliche Widmung auf dem Titelblatt. In einer äußerst dekorativen Handschrift stand dort:

 

Meinem lieben Freund Sammy Hahneman

in Dankbarkeit und Freundschaft

Maurice v. Haase

Zürich, 2. August 1982

 

„Ein Widmungsexemplar für Papa?“


„Sammy und er waren befreundet. Sie kannten sich von der Universität. Sammy hat damals den Entwurf für sein Haus in Vevey gemacht.“


„Maurice von Haase“, sagte Kim zu Alexander, „hat mehrere Bücher geschrieben über ungeklärte Phänomene. In Europa waren sie ziemlich erfolgreich. Das hier ist eines seiner ersten.“


„Ich nehme an, er kann an Dutzenden von Beispielen belegen, dass die Erde regelmäßig Besuch von Außerirdischen gehabt hat.“


„Vermutlich. Ja. Das war seine These. – Lebt er eigentlich noch, Mutter?“


„Zu Weihnachten kriege ich immer eine Karte von ihm. Auch letztes Jahr.“


„Ach so. Und jetzt schlägst Du vor, dass wir ihn konsultieren?“ In Alexanders Stimme schwang eine leichte Ungeduld mit.


„Ich dachte, ihr könntet mal mit ihm reden.“ Hilde zückte erneut ihre Handtasche, brachte eine Schachtel Zigaretten zum Vorschein und zündete sich eine an. „Erst Nummer 2“, sagte sie in Kims Richtung.


„Damit er dann ein neues Buch schreibt“, sagte Alexander grimmig. „Der Mann, der vom Himmel fiel. Zusammen mit Mrs. Alexander Fairchild.“


„Ihr müsst ihm ja gar nichts verraten. Ihr lasst ihn einfach erzählen. Ich weiß, dass er eine Menge Zuschriften auf sein Buch bekommen hat. Vielleicht ist ihm irgendetwas begegnet, was euch weiterhilft.“


Alexander und Kim schwiegen. Nicht, weil sie überzeugt waren, sondern aus Höflichkeit. Hilde gab noch nicht auf.


„Kennt ihr das nicht? Man hat ein Knäuel vor sich, das man entwirren möchte. Man sucht den Anfang, arbeitet sich Zentimeter für Zentimeter nach vorne. Plötzlich geht es nicht weiter. Was macht man? Man nimmt sich das andere Ende vor, probiert es von dort aus und gelangt auf diese Weise zum Ziel. Das meine ich. Wenn ihr von der einen Seite her nicht weiterkommt, versucht ihr es von der anderen Seite.“


Kim schien nicht uninteressiert. „Ich könnte ja so tun, als würde ich über ihn schreiben wollen. Er hat sicher nichts dagegen, wenn sein ramponierter Ruf ein bisschen aufpoliert wird. Wo liegt Vevey?“


„In der Nähe von Lausanne. Ich würde Moritz anrufen und euren Besuch ankündigen. Sein Haus ist – na ja, ein bisschen überspannt. Genau wie er. Aber die Lage ist einmalig, mit Blick auf den Genfer See.“


„Was meinst du“, sagte Kim und sah dabei Alexander an. „Ich finde, wir sollten den Versuch wagen.“


„Wenn publik wird, dass ich mich mit diesem Quatsch –“ Alexander vollendete den Satz nicht, räusperte sich und setzte neu an. „Wenn ich mit diesem Thema an die Öffentlichkeit gehe, ist mein Ruf als Wissenschaftler ruiniert. Ich sehe schon die Schlagzeile: Amerikanischer Professor auf der Jagd nach dem Alien. Und der nächste Schritt ist dann: Der verrückte Professor. Nein, das werde ich meinem Kind nicht antun.“


„Du denkst mal an unser Kind?“, sagte Kim bissig, die in dieser Frage all ihre Kampfbereitschaft sammelte. „Das ist ja mal etwas ganz neues.“


„Du tust mir Unrecht. Ich denke ständig daran. Ich weiß nur nicht, warum ich plötzlich meine professionelle Skepsis, die eine sehr wichtige wissenschaftliche Tugend ist, ablegen soll. Warum?“


„Muss ich Dir das jetzt erklären?“


„Ja, bitte, erkläre es mir.“


„Weil du, verdammt noch mal, Wissenschaftler bist und den Drang, nein, weil Du die Pflicht hast, alles herauszufinden, und weil Dir – oder besser uns – seitdem manche Dinge einfach in den Schoß gefallen sind und wir gar nichts anderes tun konnten, als diese Dinge in die Hand zu nehmen und zu betrachten. Und wenn man erst einmal so weit ist, dass einem die Dinge in den Schoß fallen, wenn die Welt nur noch aus einem System von Straßen und Wegen besteht, die alle geradewegs zu demselben Ziel führen, dann –“


Kim spürte, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten, und wandte sich ab. Alexander wollte besänftigend den Arm um sie legen, aber sie wich zur Seite.


„Wenn Du nicht mitmachst, Alex“, sagte sie mit fester Stimme, „dann kümmere ich mich eben alleine darum.“


Ihre Entschlossenheit machte Alexander hilflos. Er war es gewohnt, als Wissenschaftler jeden Schritt, den zu tun er sich anschickte, in allen Konsequenzen bis zu Ende zu durchdenken. In dieser Angelegenheit hatte er das Gefühl, dass Kim und er wie auf einem führerlosen Kahn auf ein Ziel zu trieben, das vielleicht bloß ein Riff war.


„Ich sage doch gar nicht, dass ich nicht mitmache“, sagte er nach einer Weile. „Ich weigere mich nur, unser Projekt unter der Flagge Prä-Astronautik segeln zu lassen.“


„Und das heißt jetzt was?“ fragte Kim. „Wie fällt Deine Entscheidung aus?“


„Ein überspanntes Haus am Genfer See? Na ja... Wegen der Lage des Hauses würde ich mitkommen“, antwortete Alexander und hob den Kopf. „Aber nur, wenn Du mich nicht als Professor für Paläo-Anthropologie vorstellst. Ich bin der Fotograf, der Deinen Artikel bebildert. Unter der Voraussetzung würde ich mich überreden lassen.“

 
 
 

„Ich habe mal eine ganz andere Frage“, schaltete sich Hilde ein. „Wieso hat Himlys Sektion in Straßburg eigentlich keine Wellen geschlagen? Das wäre doch zu erwarten gewesen.“ Sie sah zu ihrer Tochter hinüber, von der sie am ehesten eine befriedigende Antwort erwartete.


„Tja, da kommen wohl zwei Dinge zusammen“, antwortete Kim. „Das eine steht ja im Brief: Himly selbst hatte kein Interesse an Publizität und wollte anscheinend abwarten, was Zünsler ihm raten würde. Und alles Weitere wurde wohl durch Himlys unmittelbaren Tod zunichte. Seine restliche Lebenszeit reichte gerade noch aus, um das Skelett zu präparieren.“


„Was natürlich nicht er gemacht hat“, fügte Alexander hinzu, „sondern sein Assistent oder noch ein anderer Gehilfe. Üblicherweise wird der Körper routinemäßig zerlegt und entfleischt.“ Er überhörte Hildes missbilligendes Zungenschnalzen. „Übrig bleibt eine Carcasse. Rumpf, Gliedmaßen und Kopf werden voneinander getrennt und durch Auskochen weiterbehandelt. Anschließend wird das Skelett mit Draht wieder zusammengesetzt.“


„Lass uns mal Mutters Gedanken zu Ende denken“, sagte Kim. „Himly war durch seinen Tod aus dem Spiel. Sein Nachfolger erkannte die Sensation nicht. Aber was ist mit Zünsler? Der Mann war doch ausgebildeter Arzt. Wenn wir bei der Lektüre des Briefs schon den Atem angehalten haben, wie muss es dann erst ihm gegangen sein? Mit andern Worten: Wie hat er reagiert?“


Alexander reichte Kim das Anschreiben. „Du könntest ja mal bei dem Kurator in Donaueschingen anrufen. Vielleicht weiß man dort etwas über Zünsler. Im Netz habe ich jedenfalls außer seiner Dissertation nichts gefunden, nicht einmal seine Lebensdaten. Aber verrate ihm nicht zu viel.“


„Keine Sorge.“ Kim nahm ihr Telefon vom Tisch, stand auf und wählte die Nummer, die in dem Brief angegeben war. Nach kurzem Klingeln kam die Verbindung zustande.


„Müller-Willems?“


„Guten Tag, Herr Doktor Müller-Willems. Hier ist Sheila Fairchild in Paris.“ Kim verließ die Küche und spazierte mit dem Telefon durch die Wohnung. „Mein Mann, Professor Fairchild, hatte Ihnen vor einigen Tagen einen Brief geschrieben.“


„Ja, richtig. Ich habe ihm bereits geantwortet. Sie dürften heute oder morgen Post von mir bekommen.“


„Ihr Brief ist schon da, herzlichen Dank. Es war sehr freundlich, dass Sie so schnell geantwortet haben. Sie haben sogar auf sämtliche Gebühren verzichtet.“


„Keine Ursache. Bei vier Scans lohnt sich der ganze Aufwand nicht. Und ich musste ja auch nicht großartig recherchieren. Die Briefe an Zünsler sind alle hübsch sortiert und digitalisiert.“


„Wir wollen Ihr Entgegenkommen auch nicht weiter auf die Probe stellen. Wir wüssten nur gern etwas mehr über Zünsler, haben aber bisher nur seine theologische Dissertation gefunden. Daraus geht hervor, dass er zuvor schon in Medizin promoviert hatte. Wissen Sie ein bisschen mehr? Wann ist er gestorben?“


„Warten Sie bitte einen Moment. Ich muss das Findbuch holen.“


Inzwischen war Kim wieder in der Küche angelangt. Sie deckte mit der freien Hand das Telefon ab, drehte sich zu Alexander und sagte leise: „Er sieht nach.“


„Sehr gut“, murmelte Alexander.


„Hören Sie?“


„Ja?“


„Für das Findbuch zu unseren Nachlässen habe ich selbst seinerzeit ein bisschen zu Zünsler recherchiert. Es gibt eine Art Personalakte, weil er hier auf dem Schloss angestellt war. Das meiste habe ich da her. Sein Leben war einigermaßen interessant. Schauen wir mal, was hier steht. Also. Geboren 1719 im damals französischen Landau. Studium der Medizin und Theologie in Heidelberg. Ausbildung zum Wundarzt, Promotion an der Theologischen Fakultät. Anschließend Tätigkeit als Vikar in Straßburg. Etwa 1755 nahm er das Angebot einer elsässischen Familie an, sie auf ihren Reisen nach Frankreich und Italien zu begleiten. In Neapel machte er die Bekanntschaft des regierenden Fürsten von Fürstenberg, Joseph Wilhelm Ernst, der ihn als Hauslehrer für seine beiden Söhne engagierte. So kam er nach Donaueschingen. Bis zu seinem Tod wohnte er mit der Fürstenfamilie im Schloss, gehörte quasi mit zur Familie, war Hausprediger, Arzt, Seelsorger und Bibliothekar in einer Person. Gestorben 1790.“


„Weiß man – wissen Sie –, woran er gestorben ist?“


„Nein. Ich weiß aus den Akten nur, dass er an allgemeiner Geistesschwäche litt. Heute würden wir das wohl als Demenz bezeichnen. Die fürstliche Familie ließ ihn zuhause pflegen, was man wohl als Zeichen höchster Anerkennung und zugleich großer Verbundenheit deuten kann. Er bekam gewissermaßen sein Gnadenbrot.“


„Ab wann er dement war, kann man wohl nicht sagen?“


„Nein, dazu fehlen mir die Unterlagen. Ich kann Ihnen aber sagen, wann der neue Bibliothekar eingestellt wurde. Das sagt ja auch etwas aus.“


„Ja, das wäre hilfreich.“


„Moment. Wir haben hier eine Liste aller Bibliothekare bzw. Kuratoren, wie es heute heißt, mit den Daten ihrer Tätigkeit. Nr. 13 bin übrigens ich. Hier haben wir ihn. Nr. 2, Bernhard Zünsler, 1759 bis 1786. Nr. 3, Gottfried Schwartz, 1786 bis 1819. Bis 1786 hat er also noch seinen Dienst versehen.“


„1786 wurde Zünsler als Bibliothekar abgelöst“, wiederholte Kim laut. „Zum Schluss hat er seinen Dienst aufgrund seiner Demenz vielleicht mehr schlecht als recht ausgeübt.“


„Das könnte so gewesen sein.“


„Lieber Herr Doktor Müller-Willems, Sie haben uns sehr geholfen. Ganz herzlichen Dank!“


„Dafür nicht.“


„Einen schönen Tag noch.“


„Danke. Ihnen auch. Und beste Grüße an Ihren Mann.“


Kim beendete die Verbindung und fasste nacheinander ihre Mutter und Alexander ins Auge.

„Ihr habt es gehört. Er war dement, schied 1786 aus dem Dienst. Mit Himlys Brief konnte er womöglich gar nichts mehr anfangen.“


„Himly schreibt ja auch, er habe längere Zeit nichts mehr von ihm gehört“, sagte Hilde.


Alexander nickte. „Das erklärt, weshalb er nicht reagierte und nicht zurückschrieb“, sagte er gedankenverloren. „Ein entsprechender Brief von ihm an Himly hätte vielleicht auch nach dessen Tod die Bombe platzen lassen.“


„Ich brauche frische Luft“, sagte Kim. „Lass uns rausgehen. Kommst Du mit, Mutter?“

 

 

 
 
 
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