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„Ich habe mal eine ganz andere Frage“, schaltete sich Hilde ein. „Wieso hat Himlys Sektion in Straßburg eigentlich keine Wellen geschlagen? Das wäre doch zu erwarten gewesen.“ Sie sah zu ihrer Tochter hinüber, von der sie am ehesten eine befriedigende Antwort erwartete.


„Tja, da kommen wohl zwei Dinge zusammen“, antwortete Kim. „Das eine steht ja im Brief: Himly selbst hatte kein Interesse an Publizität und wollte anscheinend abwarten, was Zünsler ihm raten würde. Und alles Weitere wurde wohl durch Himlys unmittelbaren Tod zunichte. Seine restliche Lebenszeit reichte gerade noch aus, um das Skelett zu präparieren.“


„Was natürlich nicht er gemacht hat“, fügte Alexander hinzu, „sondern sein Assistent oder noch ein anderer Gehilfe. Üblicherweise wird der Körper routinemäßig zerlegt und entfleischt.“ Er überhörte Hildes missbilligendes Zungenschnalzen. „Übrig bleibt eine Carcasse. Rumpf, Gliedmaßen und Kopf werden voneinander getrennt und durch Auskochen weiterbehandelt. Anschließend wird das Skelett mit Draht wieder zusammengesetzt.“


„Lass uns mal Mutters Gedanken zu Ende denken“, sagte Kim. „Himly war durch seinen Tod aus dem Spiel. Sein Nachfolger erkannte die Sensation nicht. Aber was ist mit Zünsler? Der Mann war doch ausgebildeter Arzt. Wenn wir bei der Lektüre des Briefs schon den Atem angehalten haben, wie muss es dann erst ihm gegangen sein? Mit andern Worten: Wie hat er reagiert?“


Alexander reichte Kim das Anschreiben. „Du könntest ja mal bei dem Kurator in Donaueschingen anrufen. Vielleicht weiß man dort etwas über Zünsler. Im Netz habe ich jedenfalls außer seiner Dissertation nichts gefunden, nicht einmal seine Lebensdaten. Aber verrate ihm nicht zu viel.“


„Keine Sorge.“ Kim nahm ihr Telefon vom Tisch, stand auf und wählte die Nummer, die in dem Brief angegeben war. Nach kurzem Klingeln kam die Verbindung zustande.


„Müller-Willems?“


„Guten Tag, Herr Doktor Müller-Willems. Hier ist Sheila Fairchild in Paris.“ Kim verließ die Küche und spazierte mit dem Telefon durch die Wohnung. „Mein Mann, Professor Fairchild, hatte Ihnen vor einigen Tagen einen Brief geschrieben.“


„Ja, richtig. Ich habe ihm bereits geantwortet. Sie dürften heute oder morgen Post von mir bekommen.“


„Ihr Brief ist schon da, herzlichen Dank. Es war sehr freundlich, dass Sie so schnell geantwortet haben. Sie haben sogar auf sämtliche Gebühren verzichtet.“


„Keine Ursache. Bei vier Scans lohnt sich der ganze Aufwand nicht. Und ich musste ja auch nicht großartig recherchieren. Die Briefe an Zünsler sind alle hübsch sortiert und digitalisiert.“


„Wir wollen Ihr Entgegenkommen auch nicht weiter auf die Probe stellen. Wir wüssten nur gern etwas mehr über Zünsler, haben aber bisher nur seine theologische Dissertation gefunden. Daraus geht hervor, dass er zuvor schon in Medizin promoviert hatte. Wissen Sie ein bisschen mehr? Wann ist er gestorben?“


„Warten Sie bitte einen Moment. Ich muss das Findbuch holen.“


Inzwischen war Kim wieder in der Küche angelangt. Sie deckte mit der freien Hand das Telefon ab, drehte sich zu Alexander und sagte leise: „Er sieht nach.“


„Sehr gut“, murmelte Alexander.


„Hören Sie?“


„Ja?“


„Für das Findbuch zu unseren Nachlässen habe ich selbst seinerzeit ein bisschen zu Zünsler recherchiert. Es gibt eine Art Personalakte, weil er hier auf dem Schloss angestellt war. Das meiste habe ich da her. Sein Leben war einigermaßen interessant. Schauen wir mal, was hier steht. Also. Geboren 1719 im damals französischen Landau. Studium der Medizin und Theologie in Heidelberg. Ausbildung zum Wundarzt, Promotion an der Theologischen Fakultät. Anschließend Tätigkeit als Vikar in Straßburg. Etwa 1755 nahm er das Angebot einer elsässischen Familie an, sie auf ihren Reisen nach Frankreich und Italien zu begleiten. In Neapel machte er die Bekanntschaft des regierenden Fürsten von Fürstenberg, Joseph Wilhelm Ernst, der ihn als Hauslehrer für seine beiden Söhne engagierte. So kam er nach Donaueschingen. Bis zu seinem Tod wohnte er mit der Fürstenfamilie im Schloss, gehörte quasi mit zur Familie, war Hausprediger, Arzt, Seelsorger und Bibliothekar in einer Person. Gestorben 1790.“


„Weiß man – wissen Sie –, woran er gestorben ist?“


„Nein. Ich weiß aus den Akten nur, dass er an allgemeiner Geistesschwäche litt. Heute würden wir das wohl als Demenz bezeichnen. Die fürstliche Familie ließ ihn zuhause pflegen, was man wohl als Zeichen höchster Anerkennung und zugleich großer Verbundenheit deuten kann. Er bekam gewissermaßen sein Gnadenbrot.“


„Ab wann er dement war, kann man wohl nicht sagen?“


„Nein, dazu fehlen mir die Unterlagen. Ich kann Ihnen aber sagen, wann der neue Bibliothekar eingestellt wurde. Das sagt ja auch etwas aus.“


„Ja, das wäre hilfreich.“


„Moment. Wir haben hier eine Liste aller Bibliothekare bzw. Kuratoren, wie es heute heißt, mit den Daten ihrer Tätigkeit. Nr. 13 bin übrigens ich. Hier haben wir ihn. Nr. 2, Bernhard Zünsler, 1759 bis 1786. Nr. 3, Gottfried Schwartz, 1786 bis 1819. Bis 1786 hat er also noch seinen Dienst versehen.“


„1786 wurde Zünsler als Bibliothekar abgelöst“, wiederholte Kim laut. „Zum Schluss hat er seinen Dienst aufgrund seiner Demenz vielleicht mehr schlecht als recht ausgeübt.“


„Das könnte so gewesen sein.“


„Lieber Herr Doktor Müller-Willems, Sie haben uns sehr geholfen. Ganz herzlichen Dank!“


„Dafür nicht.“


„Einen schönen Tag noch.“


„Danke. Ihnen auch. Und beste Grüße an Ihren Mann.“


Kim beendete die Verbindung und fasste nacheinander ihre Mutter und Alexander ins Auge.

„Ihr habt es gehört. Er war dement, schied 1786 aus dem Dienst. Mit Himlys Brief konnte er womöglich gar nichts mehr anfangen.“


„Himly schreibt ja auch, er habe längere Zeit nichts mehr von ihm gehört“, sagte Hilde.


Alexander nickte. „Das erklärt, weshalb er nicht reagierte und nicht zurückschrieb“, sagte er gedankenverloren. „Ein entsprechender Brief von ihm an Himly hätte vielleicht auch nach dessen Tod die Bombe platzen lassen.“


„Ich brauche frische Luft“, sagte Kim. „Lass uns rausgehen. Kommst Du mit, Mutter?“

 

 

 
 
 

„Na, das ist ja großartig“, fuhr ihn Kim an, die fest entschlossen war, sich von Alexanders sarkastischer Überheblichkeit nicht entmutigen zu lassen. „Erst machst Du alle in Straßburg mit Deiner Neugier verrückt, mit dem Ergebnis, dass das Skelett mittlerweile verschwunden ist, und wenn man sich dann ernsthaft damit beschäftigt und zwei erstklassige Dokumente aus der Zeit auftreibt, die Herkunft und Aussehen beschreiben, ziehst Du den Schwanz ein. Sieht so die Ekstase einer wissenschaftlichen Sensation aus?“


Kims unwillkürliches Lächeln beim Wort Schwanz wirkte ansteckend. „Ich soll also meinen Schwanz nicht einziehen?“ sagte Alexander und lächelte zurück. „Ich soll ihn… Ja, was soll ich denn genau damit machen?“


„Blödsinn, das ist doch nur so eine Redensart“, mischte sich Hilde ein, die Frivolitäten dieser Art nicht schätzte. „Du sollst Dein Hirn mal anstrengen, das verlangt sie von Dir!“


„Apropos Hirn“, sagte Alexander. „Fangen wir damit mal an. Der Schädel von diesem DOMINIQUE ist bedeutend größer als normal. Zugegeben, das entspricht genau dem gängigen Bild vom Außerirdischen. Damit nämlich ein Alien bei uns auftauchen kann, muss er ja einer überlegenen Zivilisation angehören, muss also viel intelligenter sein als wir. Und Intelligenz ist eine Frage der Gehirngröße, oder etwa nicht? Ja, so will es das Klischee. Aber im Vergleich ist das menschliche Gehirn gar nicht besonders groß, weder absolut noch relativ zur Körpergröße. Wenn es danach geht, müsste die Spitzmaus doppelt so intelligent sein. Und wer weiß, vielleicht ist sie das auch. Übrigens sind Gehirne von Frauen im Durchschnitt 100 Gramm leichter als die von Männern. Trotzdem seid ihr bedeutend intelligenter als wir, wie jedermann weiß.“


Weil Alexander sich rechtzeitig duckte, verfehlte ihn der Pantoffel, den Kim nach ihm warf. „Dafür sind wir reaktionsschneller.“


„Es kann doch sicher nicht schaden, ein großes Gehirn zu haben“, sagte Hilde.


„Dem könnte man auf den ersten Blick zustimmen“, erwiderte Alexander.


„Und auf den zweiten nicht? Dann raus mit der Sprache. Du hast doch schon wieder ein Aber auf Lager.“


„Habe ich auch.“


„Ich wusste es.“


„Weil in der Evolution nun einmal nicht das Nicht-Schaden-Prinzip wirksam ist“, sagte Alexander geduldig, „sondern das Prinzip Nutzen. Entschuldigt, wenn ich jetzt ein bisschen dozieren muss. Zwei Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle: Mutabilität und Selektion. Jeder für sich allein bewirkt gar nichts. Erst das Zusammenwirken von Zufall und Notwendigkeit setzt einen kreativen Prozess in Gang. Und in diesem Prozess setzt sich nur das Zweckmäßige durch. Würde dem Menschen ein größeres Gehirn einen evolutionären Vorteil bringen, wäre es längst da.“


Er blickte sich um, weil er mit Widerspruch rechnete, aber da war keiner. Hilde starrte ihn an, Kim knabberte an ihrem rechten Daumen.


„In der menschlichen Entwicklung“, fuhr Alexander fort, „war wohl der Wechsel zum aufrechten Gang der entscheidende Schritt. Plötzlich standen die Hände für mehr zur Verfügung als nur zum Fortbewegen. Mein Kollege Philip meint sogar, mindestens genauso wichtig sei der schräg gestellte Daumen, der uns so geschickt macht, so fingerfertig. Wahrscheinlich war es das Zusammenspiel von all dem: der aufrechte Gang, die Hand, der Daumen... Das zusammen hat unsere Intelligenz angekurbelt. Erst dadurch konnte sich das Gehirn überhaupt vergrößern. Also, noch mal: Die Größe macht es nicht. Auf die Struktur kommt es an.“


„Ja, aber davon ist doch in dem Brief auch die Rede“, ereiferte sich Kim. „Wie heißt es da, feine Strukturen?“


Feine und zarte Structur und Construktion“, verbesserte Hilde.


„Na bitte! Alex, das kannst Du doch nicht alles einfach wegbügeln. Und sag jetzt bloß nicht, Deine Gewissenhaftigkeit lässt dergleichen nicht zu.“


„Genau das. Liebe Mistress Fairchild, darf ich Sie daran erinnern, dass sie mit einem Wissenschaftler verheiratet sind, nicht mit einem Glaubenschaftler.“


„Ach was. Alles immer sicher wissen zu wollen, das ist – wie um jeden Preis immer sichergehen zu wollen; feige ist das, sonst nichts. Es gibt immer einmal Momente, wo man mit Wissen nicht weiterkommt.“


„Und guter Glaube gefragt ist?“


„Gar nicht. Sondern die Fähigkeit zur Vorwegnahme, Antizipation, Ahnung, wie immer Du es nennen willst.“


„Sag doch gleich: Genie.“


„Ein Schwungnehmer bist du, Alexander,“ sagte Hilde, die plötzlich das Gefühl hatte, sie müsse ihrer Tochter zu Hilfe kommen, und schüttelte dazu tadelnd den Kopf.


„Wie bitte?“


„Ein Schwungnehmer“, wiederholte Hilde. Die Miene, die sie dazu machte, drückte Befriedigung aus. „Ja, Du hast richtig gehört. Um Großes vollbringen zu können, dazu gehört jede Menge Begeisterung. – Das hat Sammy immer gesagt“, sagte sie in Kims Richtung. „Aber Du – fällst bloß immer andern in den Arm.“


„Andern? Wem denn noch außer meiner Frau?“


„Oder ins Wort. Treibst ihnen die Begeisterung regelrecht aus. Ein Hinderer.“


„Also gewissermaßen ein Satan“, stellte Alexander sachlich fest.


„Das hast Du gesagt! Ein Flügelstutzer, das sage ich.“


„So schlimm bin ich?“


„Schlimmer“, mischte sich jetzt Kim ein. „Dass Du hinter jeder Idee von mir einen Irrtum witterst, ist ja in Ordnung. Aber dieses ständige Zurechtweisen, diese Unerbittlichkeit, das ist noch etwas anderes als bloße Wahrheitsliebe, etwas... Schwärzeres.“


„Liebes“, sagte Alexander und nahm dabei eine sehr aufrechte Haltung ein, „für mich gibt es eine klare Demarkationsgrenze zwischen Wahrscheinlichkeit und Spekulation, zwischen Rationalität und Irrationalität, und ich bin nicht gewillt, sie mutwillig zu überschreiten, es sei denn, Fakten und Beweise zwingen mich dazu.“


„Aber wir haben Fakten“, schoss Kim zurück. „Du weigerst Dich nur, sie anzuerkennen.“


„Was wir haben, sind schriftliche Dokumente“, verteidigte sich Alexander. „Die sehr interessant sind, da stimme ich Dir zu. Dein Verstand versucht gerade, etwas sinnstiftend zu systematisieren und in Zusammenhang zu bringen, was nichts ist als Unordnung, ein Chaos von Phänomenen. Für all die Seltsamkeiten von DOMINIQUE lassen sich auch wissenschaftlich akzeptable Erklärung finden.“


„Aber doch nicht in dieser Kombination. Turmschädel, Zwitter, kein Blutkreislauf… Und dann das grüne Leuchten der Organe.“


„Bioluminiszenz. Wahrscheinlich Folge der eingetretenen Verwesung.“

 
 
 

Hilde hatte bereits angefangen, den Brief ein zweites Mal zu lesen, als würde sie ihren eigenen Worten nicht trauen. „Keinerlei Kennzeichen für einen funktionierenden Blutkreislauf“, murmelte sie, „ein Netzwerk fremdartiger einsaugender Gefäße und seltsamer Membranen.“


„Alexander“, sagte Kim tonlos, „was bedeutet das?“


Alexander spülte den Bissen in seinem Mund mit einem Schluck kalt gewordenen Kaffees herunter. „Ich würde sagen, wie bei Oberlin ist auch das ein Versuch, etwas zu beschreiben, was einem fremd ist. Niemand von uns kann etwas erkennen und beschreiben, wofür ihm die Maßstäbe fehlen. Oder, um es anders zu sagen: Die Hand kann nur malen, was das Auge kennt.“


„Aber das ist doch Quatsch“, fuhr ihn Kim an. „Haben Bosch oder Breughel etwa nur gemalt, was sie gesehen haben, oder Escher oder Dalí? Und was ist mit den ganzen Abstrakten?“


„Dein Einwand ist nicht triftig, meine Liebe“, erwiderte Alexander gelassen. „Bosch, Breughel, Dalí und all die andern haben lediglich Ungewöhnliches zusammengefügt. Fremdes, Anderes, Unbekanntes haben sie nicht gemalt. Es gibt zwar keinen Giraffenhals mit Schubladen, aber es gibt Giraffen und Schubladen.“


„Dann ist Dein Satz von der Hand, die nur malen kann, was das Auge kennt, eben Quatsch. Im ersten Moment hört er sich gut an, und wenn man nachfragt, wird er ganz hohl.“


Alexander ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Kein Schöpfer kann seinen Kreaturen andere Eigenschaften verleihen als die ihm bekannten. Richtig? Folglich muss jeder Schöpfer auch sämtliche Eigenschaften seiner Kreaturen kennen. Wie geht der Mensch mit Phänomenen um, die seine Vorstellungskraft übersteigen, wofür er kein Konzept hat? Er greift zu Metaphern. Man muss sich nur klarmachen, dass für viele Phänomene überhaupt keine Begriffe existieren. Sie werden von den Wissenschaftlern aus der Natur geborgt. Wenn ein Physiker zum Beispiel von Teilchen oder von Wellen spricht, denken wir an Sandkörner oder Bewegungen im Wasser. Dabei sind es lediglich Analogien, schräge Vergleiche, um diese Phänomene einigermaßen fassbar zu machen. Es setzt aber voraus, dass wir wenigstens Sandkörner und Wellen aus der Beobachtung kennen. Würden wir sie nicht kennen, wie sollten wir sie dann beschreiben können? Wenn Du mal darüber nachdenkst, wirst Du mir zustimmen.“


„Vielen Dank für die Belehrung“, erwiderte Kim verärgert. Alexanders gönnerhaftes Auftreten weckte schlummernde Gefühle bei ihr, ließ sie für einen Moment wieder zur Tochter von Sammy Hahneman werden, und das machte sie störrisch. Ihr sonst so lebhaftes Mienenspiel fror ein, und sie ging in Verteidigungsstellung.


„Nicht überzeugt?“, fuhr Alexander fort. „Dann lass es mich mal mit einem Beispiel versuchen. Angenommen, Julius Caesar hätte eines Morgens einen Fernseher in seinem Badezimmer vorgefunden, auf dem gerade die Nachrichten von CNN liefen. Wie hätte er Brutus den Apparat beschrieben? Ich denke, vielleicht als Zauberspiegel, in den man hineinschaut, aus dem aber etwas vollkommen anderes herausschaut. Und jetzt stell Dir vor, der Fernseher wäre in der Höhle eines Neandertalers gestanden. Wie – und wir können mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass er die Fähigkeit besaß, sich sprachlich zu artikulieren, vielleicht in einer Art Singsang, einer Sprache ohne Wörter – wie hätte er seinem Clan das Wunder beschreiben können? – Siehst du, und genau das meine ich. ­– Oder“, fügte er hinzu, „um es mit Darwin auszudrücken: Man sieht nur, was man schon weiß und versteht.“


„Darwin hat das bestimmt nicht so gesagt“, grummelte Hilde, „und wenn doch, hat er es irgendwo abgeschrieben.“


„Professor Himly war alles andere als ein sprachferner Neandertaler“, konterte Kim. „Er dürfte in seiner jahrzehntelangen Praxis als Anatom so manches zu Gesicht bekommen haben. Dem haben bestimmt keine Parameter gefehlt. Aber so einen wie unseren DOMINIQUE hat er noch nie auf seinem Seziertisch gehabt. Und da Du doch einigermaßen vom Fach bist, jedenfalls mehr als wir, hätte ich gerne von Dir gehört, wie Du seine Beobachtungen deutest.“


Statt einer Antwort hob Alexander die Schultern und zog gleichzeitig die Mundwinkel nach unten.


„Verdammt noch mal, Alex, jetzt sei doch nicht so verflucht cool!“ rief Kim. „Eine Species, welche auf Erden nicht ihresgleichen hat… Das ist doch sensationell! Das passt doch alles zusammen! Für Oberlin, den Theologen, war es eine Engelskreatur, für Himly, den Mediziner, ein nichtmenschliches Wesen, nämlich ein Zwitter mit einem riesigen Kopf und inneren Organen, die leuchten… Das ist doch ganz klar, das ist –“


„Ein Alien“, vollendete Alexander den Satz.


„Ja! Was denn sonst!“


„Extrasolaren Ursprungs?“


„Es sieht danach aus, oder?“


Alexander lachte kurz auf, dann wandte er sich an seine Schwiegermutter. „Und was meinst du, Hilde?“


„Mich“, antwortete diese, „erinnert die ganze Sache an die Bücher meines Freundes Maurice von Haase. Der hat immer schon von Besuchern aus dem Weltraum fabuliert. Hat er am Ende Recht?“


„Ich fasse zusammen“, sagte Alexander. Er liebte es, wenn Kim sich so ereiferte, und er konnte nicht widerstehen, ihr noch einen zusätzlichen Schubs zu geben, damit sie nicht nachließ in ihrem Schwung. „Meine Frau, eine renommierte Journalistin, die unter anderem für ‚Natural History‘ und ‚Nature‘ schreibt, erklärt DOMINIQUE zu einem Alien, meine hochverehrte Schwiegermutter, Gymnasiallehrerin im Ruhestand in der Weltstadt Paris, dem ehemaligen Zentrum der Aufklärung, zu einem Reisenden, was wohl auf dasselbe herauskommen dürfte. Willkommen im Reich der Prä-Astronautik. Leider kenne ich mich damit nicht aus. Ich bin Anthropologe. Paläo-Anthropologe, um genau zu sein. Ich beschäftige mich mit Hominiden, nicht mit Humanoiden. Sorry.“

 

 
 
 
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