- Jan-Christoph Hauschild

- 1. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Croqué saß in diesem Augenblick, als sein Name fiel, im mit üppigen Polstermöbeln ausgestatteten Besprechungszimmer von Chekif Laroussi, Professor für Psychopathologie und im sechsten Jahr Präsident der Université Sébastien Brant.
Es war Laroussi, der um die Zusammenkunft gebeten hatte, und er hatte durch seine Sekretärin zugleich mitteilen lassen, die Sache sei „sehr dringlich“.
Chekif Laroussi war ein Mann der Tat. Das hatte er sich von seinem Vater abgeschaut, einem wortkargen Mann mit eisernen Grundsätzen aus der Hafenstadt Salakta, der mit 14 Jahren aus Tunesien nach Marseille gekommen und sich vom Handlanger eines Gemüsehändlers zu dessen Filialleiter hochgearbeitet, schließlich einen eigenen Laden aufgemacht, geheiratet und mit seiner Frau, einer gelernten Köchin, ein kleines Restaurant mit Spezialitäten aus dem Maghreb betrieben hatte, das ihm ein gutes, wenngleich nicht üppiges Auskommen bescherte. Sein Sohn aber, das stand für ihn fest, sollte Akademiker werden, Professor für irgendwas, egal ob Medizin oder Jura. Dafür legten er und seine Frau sich schließlich jahrelang krumm. Und tatsächlich zahlte ihnen Chekif jeden in seine Ausbildung investierten Cent zurück, in Form von beruflichem Erfolg und Anerkennung. Und ja, auch in Form von Ruhm für den verzweigten Familienclan. Denn Chekif Laroussi war nicht nur der jüngste Präsident einer elsässischen Hochschule, sondern zugleich der erste mit nordafrikanischen Wurzeln.
Und das nicht ohne Grund. Bereits mit 16 Jahren gewann er in seiner Altersklasse einen landesweit ausgeschriebenen Wettbewerb für den besten philosophischen Essay zum Thema „Zeit“. Die Aufnahmeprüfung für die Elitehochschule École normale supérieure in Paris, an der selbst noch höher Begabte häufig scheiterten, bestand er auf Anhieb. Seine Magisterarbeit schrieb er über „Determinanten des Kondomgebrauchs bei jungen Erwachsenen“. Nach seiner Promotion an der Université Paris Nanterre war er zwei Jahre lang Post-Doktorand an der Universität Cambridge. Es folgten mehrere Gastprofessuren, ehe er 1997 den Lehrstuhl für Psychopathologie an der Université Sébastien Brant erhielt. Zehn Jahre später hatte er die Direktion der neu errichteten Humanwissenschaftlichen Fakultät übernommen, und nur weitere zwei Jahre später war seine bisherige berufliche Laufbahn mit der Wahl zum Président d’université gekrönt worden. Unter der Hand war schon war die Rede davon, dass den Parteilosen der nächste Karrieresprung in das Amt des Wissenschafts-, vielleicht sogar des Innenministers befördern würde, und danach war alles möglich.
Croqué konnte sich denken, weswegen Laroussi ihn einbestellt hatte. Gerüchteweise war er bereits darüber informiert, dass van Drongelen in Groningen eine neue Schweinerei gegen ihn ins Werk gesetzt hatte. Sein Assistent Bouchon verfügte über freundschaftliche Beziehungen zu Wissenschaftlern in Deutschland, die ihrerseits eng mit Kollegen in den USA verbunden waren, die zu seinen Gegnern zählten. Aus dieser Quelle flossen seine Informationen. Deswegen hatte er heute als Garderobe seinen dunkelblauen Business-Anzug gewählt, einen Dreiteiler aus Schurwolle. Darunter trug er ein pastellfarbenes Hemd in Bleu mit glattem Kragen aus Sea-Island-Cotton, dessen Doppelmanschetten exakt 15 Millimeter aus dem Ärmel des Jacketts hervorschauten, und eine cremefarbene Seidenkrawatte.
Zweifellos ging es wieder um seine C14-Messungen. Die Anschaffung einer 3,5 Millionen Euro teuren Radiokarbonmessanlage zur Altersbestimmung von archäologischen Fundstücken war eines seiner frühen Meisterstücke an der Universität gewesen. Bezahlt wurde sie komplett aus einem Förderprogramm des Centre national de la recherche scientifique. Die Université Sébastien Brant stellte einen Teilchenphysiker mit einem Dreijahresvertrag ein und übernahm für diesen Zeitraum sämtliche Betriebskosten. Nach Ablauf der drei Jahre sollten die Analysen von Croqué bzw. seinen Mitarbeitern vorgenommen und die laufenden Kosten komplett über Einnahmen aus Messungen im Auftrag Dritter bestritten werden.
Tatsächlich konnte Croqué nach dem Ausscheiden des Messexperten mit dem 9 Meter langen, bleiummantelten elektrostatischen Tandem-Beschleuniger und den beiden Massenspektrometern wenig anfangen. Völlig hilflos stand er vor der Anlage, deren Funktionieren ihm ein Rätsel war und die er darum nie in Betrieb nahm. Um dennoch für die geforderten Einkünfte zu sorgen, ließ er Anzeigen in Fachzeitschriften schalten. Für gewöhnlich wurden von den C14-Laboren 250.- bis 300.- Euro pro Analyse berechnet; Croqué warb für seine Altersbestimmung homininer Fossilien und anderer Artefakte mit einem Kampfpreis von 199,00 Euro. Das verhalf ihm zu zahlreichen Aufträgen vor allem aus Frankreich, aber auch aus Deutschland, Spanien, Kroatien, der Türkei, dem Nordirak, Usbekistan und Tadschikistan.
Seitdem hatte er Dutzende menschliche Überreste auf seine Weise bestimmt, die so aussah, dass er sich einfach ein plausibles Alter ausdachte und an die Archäologen weiterreichte. Dabei handelte es sich keineswegs um Gefälligkeitsgutachten. Obgleich er sich dafür wohl kaum zu schade gewesen wäre, hätte keiner seiner Auftraggeber gewagt, ein derartiges Ansinnen an ihn zu stellen. Wenn er die ihm zur Bestimmung überlassenen menschlichen Überreste so alt wie möglich machte, geschah es stets aus eigenem Antrieb.
Gleichwohl wusste er sich immer in Übereinstimmung mit seinen Auftraggebern, deren heimliche Wünsche er damit erfüllte. Denn nie wurden ihm menschliche Überreste mit der Hoffnung übergeben, es handele sich dabei um Todesfälle der Neuzeit. Vielmehr wünschte jeder, er möge bestätigen, dass es sich um Relikte einer fernen Epoche handelte, um einen Schatz, der zur Attraktivität des Fundorts bzw. der ausstellenden Institution wesentlich beitragen würde. Das gewünschte Datum zu erraten, fiel Croqué nicht schwer: Aus den mitgelieferten Dokumenten konnte er in der Regel entnehmen, welche Expertise die Auftraggeber über die Maßen zufriedenstellen, ja: entzücken würde. Und je größer das Entzücken war, desto größer auch das Echo in den Medien, für die der smarte Professor längst zum begehrten Interviewpartner geworden war, der auch schon so manches Mal zusammen mit anderen Prominenten in Talkrunden gesessen hatte. Schon träumte er von einer eigenen Wissenschaftsshow.
All das wäre ohne ein bisschen Mogelei nicht passiert. Wen hätte es interessiert, wenn er dem Archäologischen Museum in Le Havre per Gutachten den Besitz von einem Haufen Knochen aus der Jungsteinzeit bescheinigt hätte, weniger als 10.000 Jahre alt. Keinen Hund hätte das hinter dem Ofen hervorgelockt. Stattdessen war er so großzügig gewesen, sie mit dem Skelettfragment des „Entenjägers von Étretat“ zu beschenken, so genannt wegen der in der Nähe gefundenen Entenknochen, einem Mischling zwischen Neandertaler und Homo sapiens, der laut Croqué vor rund 36.500 Jahren an der sogenannten Alabasterküste des Ärmelkanals lebte. Der 1925 in einer Kiesgrube entdeckten „Mademoiselle von Saint-Siméon“ verpasste Croqué ein würdiges Alter von 39.240 Jahren, was sie zusammen mit dem „Entenjäger“ zu einem Prunkstück der Sammlung machte. Dafür hatte er lediglich seinen Taschenrechner sein Geburtsjahr mit 20 multiplizieren lassen.

