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„Na, das ist ja großartig“, fuhr ihn Kim an, die fest entschlossen war, sich von Alexanders sarkastischer Überheblichkeit nicht entmutigen zu lassen. „Erst machst Du alle in Straßburg mit Deiner Neugier verrückt, mit dem Ergebnis, dass das Skelett mittlerweile verschwunden ist, und wenn man sich dann ernsthaft damit beschäftigt und zwei erstklassige Dokumente aus der Zeit auftreibt, die Herkunft und Aussehen beschreiben, ziehst Du den Schwanz ein. Sieht so die Ekstase einer wissenschaftlichen Sensation aus?“


Kims unwillkürliches Lächeln beim Wort Schwanz wirkte ansteckend. „Ich soll also meinen Schwanz nicht einziehen?“ sagte Alexander und lächelte zurück. „Ich soll ihn… Ja, was soll ich denn genau damit machen?“


„Blödsinn, das ist doch nur so eine Redensart“, mischte sich Hilde ein, die Frivolitäten dieser Art nicht schätzte. „Du sollst Dein Hirn mal anstrengen, das verlangt sie von Dir!“


„Apropos Hirn“, sagte Alexander. „Fangen wir damit mal an. Der Schädel von diesem DOMINIQUE ist bedeutend größer als normal. Zugegeben, das entspricht genau dem gängigen Bild vom Außerirdischen. Damit nämlich ein Alien bei uns auftauchen kann, muss er ja einer überlegenen Zivilisation angehören, muss also viel intelligenter sein als wir. Und Intelligenz ist eine Frage der Gehirngröße, oder etwa nicht? Ja, so will es das Klischee. Aber im Vergleich ist das menschliche Gehirn gar nicht besonders groß, weder absolut noch relativ zur Körpergröße. Wenn es danach geht, müsste die Spitzmaus doppelt so intelligent sein. Und wer weiß, vielleicht ist sie das auch. Übrigens sind Gehirne von Frauen im Durchschnitt 100 Gramm leichter als die von Männern. Trotzdem seid ihr bedeutend intelligenter als wir, wie jedermann weiß.“


Weil Alexander sich rechtzeitig duckte, verfehlte ihn der Pantoffel, den Kim nach ihm warf. „Dafür sind wir reaktionsschneller.“


„Es kann doch sicher nicht schaden, ein großes Gehirn zu haben“, sagte Hilde.


„Dem könnte man auf den ersten Blick zustimmen“, erwiderte Alexander.


„Und auf den zweiten nicht? Dann raus mit der Sprache. Du hast doch schon wieder ein Aber auf Lager.“


„Habe ich auch.“


„Ich wusste es.“


„Weil in der Evolution nun einmal nicht das Nicht-Schaden-Prinzip wirksam ist“, sagte Alexander geduldig, „sondern das Prinzip Nutzen. Entschuldigt, wenn ich jetzt ein bisschen dozieren muss. Zwei Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle: Mutabilität und Selektion. Jeder für sich allein bewirkt gar nichts. Erst das Zusammenwirken von Zufall und Notwendigkeit setzt einen kreativen Prozess in Gang. Und in diesem Prozess setzt sich nur das Zweckmäßige durch. Würde dem Menschen ein größeres Gehirn einen evolutionären Vorteil bringen, wäre es längst da.“


Er blickte sich um, weil er mit Widerspruch rechnete, aber da war keiner. Hilde starrte ihn an, Kim knabberte an ihrem rechten Daumen.


„In der menschlichen Entwicklung“, fuhr Alexander fort, „war wohl der Wechsel zum aufrechten Gang der entscheidende Schritt. Plötzlich standen die Hände für mehr zur Verfügung als nur zum Fortbewegen. Mein Kollege Philip meint sogar, mindestens genauso wichtig sei der schräg gestellte Daumen, der uns so geschickt macht, so fingerfertig. Wahrscheinlich war es das Zusammenspiel von all dem: der aufrechte Gang, die Hand, der Daumen... Das zusammen hat unsere Intelligenz angekurbelt. Erst dadurch konnte sich das Gehirn überhaupt vergrößern. Also, noch mal: Die Größe macht es nicht. Auf die Struktur kommt es an.“


„Ja, aber davon ist doch in dem Brief auch die Rede“, ereiferte sich Kim. „Wie heißt es da, feine Strukturen?“


Feine und zarte Structur und Construktion“, verbesserte Hilde.


„Na bitte! Alex, das kannst Du doch nicht alles einfach wegbügeln. Und sag jetzt bloß nicht, Deine Gewissenhaftigkeit lässt dergleichen nicht zu.“


„Genau das. Liebe Mistress Fairchild, darf ich Sie daran erinnern, dass sie mit einem Wissenschaftler verheiratet sind, nicht mit einem Glaubenschaftler.“


„Ach was. Alles immer sicher wissen zu wollen, das ist – wie um jeden Preis immer sichergehen zu wollen; feige ist das, sonst nichts. Es gibt immer einmal Momente, wo man mit Wissen nicht weiterkommt.“


„Und guter Glaube gefragt ist?“


„Gar nicht. Sondern die Fähigkeit zur Vorwegnahme, Antizipation, Ahnung, wie immer Du es nennen willst.“


„Sag doch gleich: Genie.“


„Ein Schwungnehmer bist du, Alexander,“ sagte Hilde, die plötzlich das Gefühl hatte, sie müsse ihrer Tochter zu Hilfe kommen, und schüttelte dazu tadelnd den Kopf.


„Wie bitte?“


„Ein Schwungnehmer“, wiederholte Hilde. Die Miene, die sie dazu machte, drückte Befriedigung aus. „Ja, Du hast richtig gehört. Um Großes vollbringen zu können, dazu gehört jede Menge Begeisterung. – Das hat Sammy immer gesagt“, sagte sie in Kims Richtung. „Aber Du – fällst bloß immer andern in den Arm.“


„Andern? Wem denn noch außer meiner Frau?“


„Oder ins Wort. Treibst ihnen die Begeisterung regelrecht aus. Ein Hinderer.“


„Also gewissermaßen ein Satan“, stellte Alexander sachlich fest.


„Das hast Du gesagt! Ein Flügelstutzer, das sage ich.“


„So schlimm bin ich?“


„Schlimmer“, mischte sich jetzt Kim ein. „Dass Du hinter jeder Idee von mir einen Irrtum witterst, ist ja in Ordnung. Aber dieses ständige Zurechtweisen, diese Unerbittlichkeit, das ist noch etwas anderes als bloße Wahrheitsliebe, etwas... Schwärzeres.“


„Liebes“, sagte Alexander und nahm dabei eine sehr aufrechte Haltung ein, „für mich gibt es eine klare Demarkationsgrenze zwischen Wahrscheinlichkeit und Spekulation, zwischen Rationalität und Irrationalität, und ich bin nicht gewillt, sie mutwillig zu überschreiten, es sei denn, Fakten und Beweise zwingen mich dazu.“


„Aber wir haben Fakten“, schoss Kim zurück. „Du weigerst Dich nur, sie anzuerkennen.“


„Was wir haben, sind schriftliche Dokumente“, verteidigte sich Alexander. „Die sehr interessant sind, da stimme ich Dir zu. Dein Verstand versucht gerade, etwas sinnstiftend zu systematisieren und in Zusammenhang zu bringen, was nichts ist als Unordnung, ein Chaos von Phänomenen. Für all die Seltsamkeiten von DOMINIQUE lassen sich auch wissenschaftlich akzeptable Erklärung finden.“


„Aber doch nicht in dieser Kombination. Turmschädel, Zwitter, kein Blutkreislauf… Und dann das grüne Leuchten der Organe.“


„Bioluminiszenz. Wahrscheinlich Folge der eingetretenen Verwesung.“

 
 
 

Hilde hatte bereits angefangen, den Brief ein zweites Mal zu lesen, als würde sie ihren eigenen Worten nicht trauen. „Keinerlei Kennzeichen für einen funktionierenden Blutkreislauf“, murmelte sie, „ein Netzwerk fremdartiger einsaugender Gefäße und seltsamer Membranen.“


„Alexander“, sagte Kim tonlos, „was bedeutet das?“


Alexander spülte den Bissen in seinem Mund mit einem Schluck kalt gewordenen Kaffees herunter. „Ich würde sagen, wie bei Oberlin ist auch das ein Versuch, etwas zu beschreiben, was einem fremd ist. Niemand von uns kann etwas erkennen und beschreiben, wofür ihm die Maßstäbe fehlen. Oder, um es anders zu sagen: Die Hand kann nur malen, was das Auge kennt.“


„Aber das ist doch Quatsch“, fuhr ihn Kim an. „Haben Bosch oder Breughel etwa nur gemalt, was sie gesehen haben, oder Escher oder Dalí? Und was ist mit den ganzen Abstrakten?“


„Dein Einwand ist nicht triftig, meine Liebe“, erwiderte Alexander gelassen. „Bosch, Breughel, Dalí und all die andern haben lediglich Ungewöhnliches zusammengefügt. Fremdes, Anderes, Unbekanntes haben sie nicht gemalt. Es gibt zwar keinen Giraffenhals mit Schubladen, aber es gibt Giraffen und Schubladen.“


„Dann ist Dein Satz von der Hand, die nur malen kann, was das Auge kennt, eben Quatsch. Im ersten Moment hört er sich gut an, und wenn man nachfragt, wird er ganz hohl.“


Alexander ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Kein Schöpfer kann seinen Kreaturen andere Eigenschaften verleihen als die ihm bekannten. Richtig? Folglich muss jeder Schöpfer auch sämtliche Eigenschaften seiner Kreaturen kennen. Wie geht der Mensch mit Phänomenen um, die seine Vorstellungskraft übersteigen, wofür er kein Konzept hat? Er greift zu Metaphern. Man muss sich nur klarmachen, dass für viele Phänomene überhaupt keine Begriffe existieren. Sie werden von den Wissenschaftlern aus der Natur geborgt. Wenn ein Physiker zum Beispiel von Teilchen oder von Wellen spricht, denken wir an Sandkörner oder Bewegungen im Wasser. Dabei sind es lediglich Analogien, schräge Vergleiche, um diese Phänomene einigermaßen fassbar zu machen. Es setzt aber voraus, dass wir wenigstens Sandkörner und Wellen aus der Beobachtung kennen. Würden wir sie nicht kennen, wie sollten wir sie dann beschreiben können? Wenn Du mal darüber nachdenkst, wirst Du mir zustimmen.“


„Vielen Dank für die Belehrung“, erwiderte Kim verärgert. Alexanders gönnerhaftes Auftreten weckte schlummernde Gefühle bei ihr, ließ sie für einen Moment wieder zur Tochter von Sammy Hahneman werden, und das machte sie störrisch. Ihr sonst so lebhaftes Mienenspiel fror ein, und sie ging in Verteidigungsstellung.


„Nicht überzeugt?“, fuhr Alexander fort. „Dann lass es mich mal mit einem Beispiel versuchen. Angenommen, Julius Caesar hätte eines Morgens einen Fernseher in seinem Badezimmer vorgefunden, auf dem gerade die Nachrichten von CNN liefen. Wie hätte er Brutus den Apparat beschrieben? Ich denke, vielleicht als Zauberspiegel, in den man hineinschaut, aus dem aber etwas vollkommen anderes herausschaut. Und jetzt stell Dir vor, der Fernseher wäre in der Höhle eines Neandertalers gestanden. Wie – und wir können mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass er die Fähigkeit besaß, sich sprachlich zu artikulieren, vielleicht in einer Art Singsang, einer Sprache ohne Wörter – wie hätte er seinem Clan das Wunder beschreiben können? – Siehst du, und genau das meine ich. ­– Oder“, fügte er hinzu, „um es mit Darwin auszudrücken: Man sieht nur, was man schon weiß und versteht.“


„Darwin hat das bestimmt nicht so gesagt“, grummelte Hilde, „und wenn doch, hat er es irgendwo abgeschrieben.“


„Professor Himly war alles andere als ein sprachferner Neandertaler“, konterte Kim. „Er dürfte in seiner jahrzehntelangen Praxis als Anatom so manches zu Gesicht bekommen haben. Dem haben bestimmt keine Parameter gefehlt. Aber so einen wie unseren DOMINIQUE hat er noch nie auf seinem Seziertisch gehabt. Und da Du doch einigermaßen vom Fach bist, jedenfalls mehr als wir, hätte ich gerne von Dir gehört, wie Du seine Beobachtungen deutest.“


Statt einer Antwort hob Alexander die Schultern und zog gleichzeitig die Mundwinkel nach unten.


„Verdammt noch mal, Alex, jetzt sei doch nicht so verflucht cool!“ rief Kim. „Eine Species, welche auf Erden nicht ihresgleichen hat… Das ist doch sensationell! Das passt doch alles zusammen! Für Oberlin, den Theologen, war es eine Engelskreatur, für Himly, den Mediziner, ein nichtmenschliches Wesen, nämlich ein Zwitter mit einem riesigen Kopf und inneren Organen, die leuchten… Das ist doch ganz klar, das ist –“


„Ein Alien“, vollendete Alexander den Satz.


„Ja! Was denn sonst!“


„Extrasolaren Ursprungs?“


„Es sieht danach aus, oder?“


Alexander lachte kurz auf, dann wandte er sich an seine Schwiegermutter. „Und was meinst du, Hilde?“


„Mich“, antwortete diese, „erinnert die ganze Sache an die Bücher meines Freundes Maurice von Haase. Der hat immer schon von Besuchern aus dem Weltraum fabuliert. Hat er am Ende Recht?“


„Ich fasse zusammen“, sagte Alexander. Er liebte es, wenn Kim sich so ereiferte, und er konnte nicht widerstehen, ihr noch einen zusätzlichen Schubs zu geben, damit sie nicht nachließ in ihrem Schwung. „Meine Frau, eine renommierte Journalistin, die unter anderem für ‚Natural History‘ und ‚Nature‘ schreibt, erklärt DOMINIQUE zu einem Alien, meine hochverehrte Schwiegermutter, Gymnasiallehrerin im Ruhestand in der Weltstadt Paris, dem ehemaligen Zentrum der Aufklärung, zu einem Reisenden, was wohl auf dasselbe herauskommen dürfte. Willkommen im Reich der Prä-Astronautik. Leider kenne ich mich damit nicht aus. Ich bin Anthropologe. Paläo-Anthropologe, um genau zu sein. Ich beschäftige mich mit Hominiden, nicht mit Humanoiden. Sorry.“

 

 
 
 

Die Tage vergingen mit Spaziergängen und Museumsbesuchen. Gemeinsam sahen sie sich das Pariser Musée du quai Branly für außereuropäische Kunst an, das Institut du monde arabe und, auf Kims Wunsch, das Museum für erotische Kunst im 18. Arrondissement, in Nachbarschaft zum Moulin Rouge. Die Post aus Donaueschingen kam am fünften Tag ihres Aufenthalts, als sie beim Frühstück saßen.


„Hoffentlich kein Negativbescheid“, murmelte Alexander, denn es war ein normaler Fensterumschlag im Längsformat. Er hatte auf einen größeren Brief gehofft, mindestens im amerikanischen Letter-Format, mit Fotokopien.


Hastig riss er den Brief mit einem Küchenmesser auf. Ein gewisser Dr. Müller-Willems teilte mit berufsmäßiger Sachlichkeit mit, dass „das gewünschte Dokument“ 14 Tage auf einem Server zum Abruf bereit liege. Weiter hieß es, Absender und Datum des Briefs ließen die Vermutung zu, dass es sich um das gesuchte Schriftstück handle.


Nachdem Alexander dem Link gefolgt war und das Passwort eingegeben hatte, konnte er ein Dokument mit dem Titel Himly, Friedrich an Zünsler, Bernhard, eigh. Br., Straßburg, 1788-11-25 herunterladen. Als er es öffnete, erwies es sich als achtseitiger Brief in deutscher Kanzleischrift.


Alexander reichte den Laptop an Kim weiter, die die Seiten kurz überflog, bevor sie ihn ihrer Mutter aushändigte. Offenbar war sie selbst mit der Entzifferung überfordert. Hilde holte ihre Lesebrille aus dem Wohnzimmer, setzte sie auf, räusperte sich und begann vorzulesen. Nur bei einigen Fremdwörtern geriet sie ins Stocken; im Übrigen las sie flüssig. Immer wenn sie am Ende der Seitenanzeige angelangt war, beugte sich Kim zu ihr herüber und scrollte weiter zur Fortsetzung.

 

Strasburg, d. 25. Novbr. 1788.

Gottes Gruß und Segen zuvor!

Trotzdem Sie mich, hochverehrter Freund, seit längerem mit keiner Zuschrift ihrerseits mehr erfreut, nehme ich mir, unter der Maaßgabe, daß dieße Mitteilungen vertraulich bleiben, weil zu befürchten ist, daß eine Verbreitung der gefährlichen Folgerungen derjenigen, die unbefugt darüber urtheilen, geeignet seyn könnte, die Ruhe und Gottergebenheit der gewöhnlichen Werkeltagsmenschen zu stören, die Freiheit, Ihnen das gestern in unsern Mauern stattgehabte außerordentliche Sectionsergebnis zu offenbaren, welches, meiner Ansicht nach, in doppelter Beziehung von Interesse ist, gleichviel ob man das nachfolgend beschriebene Individuum als Rarissimum der menschlichen Species oder als eine gänzlich neue Species ansehen mag, welche auf Erden nicht ihresgleichen hat, und hoffe dabey auch fürderhin auf Ihr liebendes Wohlwollen.


Gestern bringt mir mein Gehülfe die Leiche eines 46 franz. Zoll kleinen und nahe 60 Pfund schweren Individuums in gutem Ernährungszustand mit einem abnorm großen Schädel, der dem eines Turricephalus ähnelt. Heute Vormittag 9 Uhr wird von mir die Leichenöffnung vorgenommen. Todtenflecken sind bemerklich am Rücken und an den Extremitäten, grünliche Flecken am Unterleibe, als Spuren beginnender Verwesung; solches bey übrigens durchgehender Röthe der Haut. Die Gesichtszüge sind wenig entstellt, jedoch mit dem Ausdrucke tiefen Schmerzes. Die weitere äußere Untersuchung ergibt bereits die erste Überraschung, indem ich gleich auf den ersten Augenschein die beiden Geschlechter entdecke, eines über dem andern liegend, wobei sich die untenliegende Vulva keineswegs als reines Trugbild erweist. Auch das männliche Glied ist durchaus kräftig und nicht, wie man es bei angeblichen Hermaphroditen häufig findet, bloß eine stark entwickelte Clitoris. Sonst zeigt sich weiter nichts Auffallendes.


Ich schreite nun sogleich zur Öffnung des Schädels, der sich, aufgrund des dünnen Schädeldachs, sehr leicht sägen läßt. Nach Eröffnung der Durageht aus dem Subduralraum eine klare, gelbliche Flüssigkeit ab. Das Hirn ist sehr weich und stark vergrößert (beynahe 6 Pfund Gewicht) und, wie einige Längsschnitte ergeben, von besonders feiner und zarter Structur und Construktion.

Die Eröffnung der Brusthöhle ergibt nun eine zweite, noch größere Überraschung. Ich sehe Ordnung mit wunderbarer Mischung, Zärte mit unbegreiflicher Stärke, Einfachheit bei größter Mannigfaltigkeit. Keinerlei Kennzeichen für einen funktionierenden Blutkreislauf, an dessen Statt ein Netzwerk fremdartiger einsaugender Gefäße und seltsamer Membranen. Jedes Organ reagiert bei Berührung mit dem Seziermesser mit einem grünlichen Leuchten, das auch bei mehrmaligem Wiederholen nicht ausbleibt. Unsymmetrische Anordnung der Lungen, die rechte mit der Pleuravorn verwachsen und kaum mit dem Messer zu trennen. Das Herz überaus seltsam, gleichsam ein leerer faseriger Beutel, den ich in Stücke zu zerflocken vermag.


Bei der nachfolgenden Eröffnung des Unterleibes tritt sogleich eine Menge schmieriger, ziemlich konsistenter, fast sulziger Flüssigkeit aus. Die Beschau ergibt eine Inversion aller Organe der Bauchhöhle. Die Öffnung der innern Geschlechtstheile erweist sowohl den Zuführungskanal, welcher von den Testikeln ausgeht und sich in ein Samenbläschen rechts öffnet, welches seinerseits mit dem Kanal der Ruthe durch einen Ausspritzungsgang in Verbindung steht, als auch zwischen der Harnblase und dem dicken Gedärme eine gedrückte Bärmutter. Der links liegende Eyerstock ist vollkommen gesund und in der Größe einer Haselnuß. Angesichts einer solchen überraschenden Zwitterorganisation muß ich gestehen, daß ich durchaus keine Unmöglichkeit einsähe, daß dieß Individuum sich selbst und ohne Hinzukommen eines Zweyten hätte befruchten können.

So viel der Thatsachen.


Auf den Vorhalt, daß er wohl kaum auf ordentlichem Wege an dieße Leiche hat gelangen können, legt sich mein Gehülfe, ein verschlagener Kerl, den ich stets, doch, wie ich ietzo erkennen muß, ganz vergeblich, zu Wahrheit und Redlichkeit ermahnt habe, erst auf Betrug und läugnet frech. Auf meine Androhung, sogleich bey dem Dekan der medizinischen Facultät Anzeige zu machen, fängt er auf das Heftigste an zu weinen, spricht von seinem kranken Weibe und vier kleinen Kindern, welche er zu versorgen hat, und gibt zu, die Leiche unter der Hand von seinem Geschwisterschwager, welcher als Todtengräber in einer kleinen Gemeinde im Steinthale tätig ist, für 15 Francs erhalten zu haben, welche er dem Institute d.h. mir treulich in Rechnung gestellt habe; Näheres über die Herkunft des merkwürdigen Leichnams will er bei seinem Verwandten in Erfahrung bringen und mir sodann unverzüglich mittheilen. Doch wie sich sogleich zeigt, ist die Reue nur Schein. Denn sobald ich dem Kerl offenbare, daß ich mich gleichwohl außerstande sähe, ihn fernerhin als meinen Amanuensis bei den außergerichtlichen Sectionen zu beschäftigen, wechselt er schlagartig vom Zustand tiefster Zerknirschung zur heftigsten Wuth, greift in der Erregung sogar nach der Rippenschere, worauf ich ihn maaßvoll daran erinnert, daß es nur eines Winks von mir bedürfe, um ihn wieder ins Correktionshause zu bringen, aus dem ich ihn einst befreyt.


Verehrungswürdiger Freund! Sie werden mir freylich zustimmen, daß dieß wahrhaft außerordentliche Ereigniß der fragwürdigen Umstände wegen, die mir zu dießem Object verholfen und deren Verfolgung durch die Polizeybehörde die schädlichsten Consequenzen haben dürfte, keine Publicität verträgt. Der Medicus als Mensch und als Christ kann gewiß unzähligen Vortheil von der Kenntnis des menschlichen Körpers schöpfen. Indem er vermag, durch die undurchsichtige Hülle des Körpers zu schauen, vermag er auch, dem Krankheitsübel entgegen zu treten, in welcher Gestalt es sich auch zeigt. Zu dießem Wissen können wir aber nicht anders gelangen, als durch die mühevolle Untersuchung erblaßter Nebenmenschen. Dieß Vermögen der ärztlichen Fachwissenschaft gilt es gegenüber den Zumutungen behördlicher Supravision und der schrankenlosen Neugier eines großen Publikums zu behaupten und zu vertheydigen. Ihnen aber, meinem väterlichen Freund und Seelsorger, der Sie mich auf allen meinen Lebenswegen erst durch ihre Gegenwart, dann durch Correspondenz treulich begleitet, durft’, ja mußt’ ich’s sagen. Ich suche gewißlich Gott in allen Fasern und finde seine Spur in allem Natürlichen und Würklichen, doch dieße Section gibt mir erstmals in meiner Carriere Anlaß zu zweifeln, daß ich es würklich mit einem gottgemachten Geschöpf zu tun gehabt.


Ein paar Zeilen aus Ihrer Feder würden mich in dießem critischen Moment sehr erfreuen. Und nun küsse ich Ihre theure Hand und bin,

hoffend, wünschend und theilnehmend,

Ihr

Friedrich J. F. Himly

 

Sie saßen wir erstarrt. Keiner sagte ein Wort. Alexander bewegte ganz langsam ein Stück Baguette in seinem Mund. Dann sagte Kim: „Wow!“

 

 
 
 
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