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29. Juli
5 Min. Lesezeit

Ihr beide werdet wohl keine Freunde mehr werden“, sagte Alexander mit grimmigem Lächeln, nachdem von Haase das Diktiergerät abgeschaltet hatte.

 

„Ihr aber auch nicht“, erwiderte von Haase schnippisch.

 

„Alex“, sagte Kim, „was bedeutet es, dass Holtz drei Zahlen gefunden hat, die durch eine Hunderterzahl teilbar sind. Was ist daran so aufregend?“

 

„Dass drei Zahlen durch eine vierte Zahl teilbar sind, ist überhaupt nicht aufregend“, antwortete Alexander. „Was ich ebenso wenig weiß wie Du, ist, warum für Holtz diese Entdeckung so überaus wichtig war.“ Er schloss die Augen und rieb sich ein paar Mal über die Stirn. Dann beugte er sich zu von Haase.

 

„Als Du uns von dem Brief erzählt hast, den er Dir geschrieben hat, sagtest Du da nicht etwas von einem Kalender, einem Besuchskalender? Wir haben es also mit Jahreszahlen zu tun. Jahreszahlen…“ Er tippte Kim an die Schulter. „Pass auf: Was haben Eintausendneunhundertachtundzwanzig, Eintausendneunhundertzweiundsiebzig und Zweitausendundacht gemeinsam? Kleiner Tipp: Diese Zahlen sind durch vier teilbar.“

 

Kim schüttelte verwirrt den Kopf. „Moment. Eintausendneunhundert was?“

 

„Eintausendneunhundertachtundzwanzig, eintausendneunhundertzweiundsiebzig und zweitausendundacht.“

 

„Keine Ahnung. Gehört das zum Grundwissen?“

 

„Schreib die Zahlen mal auf.“

 

Alexander diktierte, und Kim tippte die Zahlen in ihr Telefon. Dann las sie sie vor: „Neunzehnhundertachtundzwanzig, Neunzehnhundertzweiundsiebzig und Zweitausendacht. Das sind Jahreszahlen, oder?“

 

„Amsterdam 1928, München 1972, Peking 2008“, sagte von Haase, der froh war, auch etwas beitragen zu können.

 

„Ich verstehe nur Bahnhof“, sagte Kim.

 

„Es sind Jahre, in denen Olympische Spiele stattfanden“, sagte von Haase.

 

„Genau. Der Schlüssel zum Code lautet 4, und die Lösung ist: Olympische Spiele. Ich nehme an, dass es um so etwas geht. Aber um was es genau geht, weiß ich nicht.“

 

„Vielleicht helfen uns seine beiden letzten Aphorismen weiter“, meinte Kim. „Hat das Orakel von Delphi nicht auch solch dunkle Sentenzen von sich gegeben?“

 

„Der Mann ist kein Orakel, der ist nicht ganz bei Trost“, sagte von Haase grollend und rutschte in seinem Sessel noch ein Stück tiefer.

 

„Allmählich entsteht Ermüdung. Alles endet ewiglich“, murmelte Alexander. „Klingt ziemlich banal.“

 

„Pseudo-religiös. So hört es sich für mich an“, erklärte von Haase mürrisch. „Alles endet ewiglich. Was soll das heißen: alles? Das Menschenleben? Das endet in überschaubarer Frist.“

 

„Das Ewige ist das Unausdenkbare. Da stößt unser Denken an seine Grenzen. Was nach dem Ende unserer Zeit geschieht, ist unvorstellbar. Für einen Physiker wie Holtz ein quälender Gedanke. Vielleicht ist es das“, schlug Alexander vor.

 

„Ich werde noch einmal zu ihm gehen“, sagte Kim entschlossen.

 

„Bist Du verrückt?“ sagte von Haase. „Der Mann ist gemeingefährlich.“

 

„Das denke ich nicht“, erwiderte Kim. „Mehr als rausschmeißen kann er mich nicht.“

 

Die beiden Männer starrten ihr hinterher. Schließlich sagte von Haase zu Alexander: „Findest Du nicht auch, dass Frauen nichts anderes sind als groß gewachsene Kinder?“

 

 

Kim hatte zwar angeklopft, erwartete aber keine Reaktion. Als sie in das Zimmer trat, saß Holtz mit dem Rücken zu ihr am Schreibtisch.

 

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie noch einmal überfalle“, sagte sie, während sie auf ihn zuging, und weil er keine Reaktion zeigte, stellte sie sich rechts neben den Schreibtisch, mit dem Rücken zur Wand, so dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte.

 

Holtz war damit beschäftigt, Schmetterlingsflügel mit der Pinzette aus dem Album zu nehmen und sie übereinander in einer Schachtel zu sammeln. Er war offenbar fast fertig mit seiner Arbeit. Neben ihm lag ein kleines, quadratisch gerahmtes Bild, in dem Kim jenes erkannte, das vorher über seinem Bett gehangen hatte. Ein gelber Merkzettel klebte auf der Glasscheibe. Holtz nahm es und überreichte es ihr. Auf dem Zettel stand:

 

GEDÄCHTNISBILD VON KARL-HEINZ HOLTZ FÜR M.ME FAIRCHILD.

 

„Ein Geschenk für mich?“

 

Kim löste den Klebezettel und betrachtete das Bild. Das kräftig strukturierte Papier war leicht gewellt, und unter dem Blau, Rot und Gelb der Wasserfarbe konnte sie den feinen Bleistiftstrich der Konstruktionszeichnung erkennen. Die Ränder waren mit schwarzer Tusche gezogen.

„Das ist aber schön“, sagte sie. „Haben Sie das gemacht?“

 

Holtz nickte und schloss das Album, das jetzt vollständig leer war. Sein Blick tendierte zur Unstetheit. Irrte sich Kim, oder sah sie wirklich Tränen in seinen Augen? Verlegen wandte sie sich wieder dem Bild zu. Es waren stilisierte Schmetterlinge, die in ihrer Symmetrie überlappungsfrei eine Art Parkett bildeten. Oder vielmehr ein Parkettmuster in der Form von Schmetterlingen.

 

Über das Bild hinweg sah Kim, dass Holtz damit beschäftigt war, sich im Abstand von etwa drei Zentimetern zwei Linien Klebstoff auf dem linken Unterarm aufzutragen. Dann nahm er mit der Pinzette den obersten Schmetterlingsflügel aus der Schachtel, legte ihn knapp über der Handwurzel mittten auf eine Klebstofflinie und drückte ihn mit der Pinzette leicht an. Auf diese Weise fuhr er fort, bis sein linker Unterarm vollständig mit Schmetterlingsflügeln bedeckt war. Kim verharrte regungslos. Es war, als sähe sie bei der Entstehung eines Kunstwerks zu. Danach wiederholte Holtz die Prozedur mit dem anderen Arm. Als er seine Arbeit beendet hatte, wedelte er ein paar Mal kräftig mit den Armen, als wenn er sich Kühlung verschaffen müsste.

 

Kim erwachte wie aus einem Traum. Beinahe hätte sie das Bild fallen lassen; gerade noch gelang es ihr, es aufzufangen. Schnell verstaute sie es in ihrer Handtasche.

 

„Herr Holtz“, sagte sie sanft, „Sie hatten einmal vor, einen Beitrag zum Verständnis unseres Lebens zu leisten. Sie wollten sich einreihen in die Tradition der Menschheitshelfer, der großen Vordenker, Kopernikus, Galilei, Kepler, Newton, Herschel, Einstein…“

 

Sie brach die Aufzählung ab, weil Holtz nach einem Zettel griff, um ihn zu beschreiben. Er reichte ihn ihr. W. HERSCHEL ODER C. HERSCHEL? stand darauf.

 

„W. oder C.? Da muss ich passen, den Vornamen kenne ich nicht.“

 

Holtz nickte lächelnd. Eine Träne rollte sehr langsam seine Wange hinunter und wurde mit der Zunge aufgefangen. Hatte er der Solidität ihres Wissens auf den Grund gehen wollen? Wenn ja, hatte sie jetzt sicher keinen guten Eindruck hinterlassen. War er deswegen traurig?

 

„Wollen Sie Ihre Erkenntnisse nicht doch der Welt schenken?“ Sie fragte es so vorsichtig, als hätte sie Angst vor der Antwort. „Das kann mit sehr viel Glücksgefühl für Sie verbunden sein.“

Anstelle einer Antwort suchte Holtz aus dem Stapel der gebrauchten Zettel einen heraus und gab ihn ihr. ALLMÄHLICH ENTSTEHT ERMÜDUNG. ALLES ENDET EWIGLICH. Schon einmal hatte er damit ein Gespräch beendet – falls man geneigt war, den Austausch mit ihm als Gespräch zu bezeichnen.

 

Diesmal blieb Kim standhaft. „Weshalb verschanzen sie sich hinter ihrer Wortlosigkeit, Herr Holtz?“

 

Holtz reagierte nicht. Er schaute nur auf seine geflügelten Arme, als sei er ein Maikäfer, der gleich losfliegen würde.

 

„Na gut“, sagte Kim, löste sich langsam von der Wand und ging an Holtz vorbei zur Zimmertür. Insgeheim hoffte sie, er würde sie zurückhalten, aber nichts dergleichen geschah. „Vielleicht überlegen Sie es sich ja noch.“

 

In ihrem Rücken knackte etwas, wie Dielen unter schwerem Schuhwerk. Kam er ihr hinterher?

Im Türrahmen wollte sie sich umdrehen, ihn fest anschauen, um ihn doch noch dazu zu bringen, sein Geheimnis preiszugeben, aber beim Öffnen schlug ihr plötzlich die Tür entgegen, getrieben von einem Schwall Luft, wie wenn im gleichen Moment jemand das Zimmer über Kreuz lüften würde. Sie nahm die Hand von der Klinke und drehte sich um. Das Fenster über dem Schreibtisch stand weit offen, und das Zimmer war leer.

 

 
 
 
22. Juli
4 Min. Lesezeit

Von Haase schaltete das Diktiergerät ein und stellte es in die Mitte des mit Zeitschriften bedeckten Tischs zwischen ihnen.

 

Auf dem Band war zunächst das Geräusch des Einschaltens zu hören, dann von Haases Dank für etwas, das sich sogleich als Memorandum herausstellte, das Holtz offenbar zwischen den beiden Besuchen verfasst hatte, und gleich darauf war von Haase mit der Frage zu hören, ob er es vorlesen solle. Nachdem er dies offensichtlich bestätigt bekommen hatte, folgte ein „Also gut. Darf ich mich hier hinsetzen? Danke“ und das Knistern von Papier, und dann begann von Haase vorzulesen. Seine Stimme klang unaufgeregt, nicht minder gleichmäßig und ruhig als Holtz‘ Schriftzüge auf seinen Notizzetteln.

 

Auf die Theorie bin ich gekommen, weil ich mit den Jahreszahlen operiert habe, die in Ihren Büchern vorkommen. Dazu muss ich Ihnen aber erst einmal erklären, wie ich überhaupt an Ihre Bücher gelangt bin. Ich hatte einen Schwager, der in Tübingen Chemie studiert hat, ein gebürtiger Leipziger. Dem hatte ich Ende der 50er Jahre Fachbücher zukommen lassen, für sein Studium. Offenbar waren unsere Bücher besser als die im Westen. Dieser Schwager hat dann in Tübingen promoviert und nachher bei der Firma Höchst in Frankfurt gearbeitet. Alles lief gut, er hatte Familie, hat sehr gut verdient, unter anderem durch Medikamentenversuche, die er an sich selbst vorgenommen hat. Aber dann gab es plötzlich einen Bruch, erst in der Familie, und dann auch im Beruf. Meine Schwester beantragte die Scheidung, die beiden Kinder wurden ihr zugesprochen, und in der Firma lief es auch nicht mehr wie früher. Ein junger Kollege wurde ihm an die Seite gegeben, der mehr und mehr seine Aufgaben übernahm. Er wurde an den Rand gedrängt, er wurde überflüssig. Und wenn zwei solcher Enttäuschungen oder Demütigungen oder Zurücksetzungen zusammen kommen, dann kann das selbst einen Zuchtbullen in vollem Galopp fällen.

 

An dieser Stelle hörte man, wie von Haase laut durch die Nase einatmete und mit einem kurzen Stoß wieder ausatmete, bevor er die Lesung fortsetzte.

 

Als man ihm anbot, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, nahm er das Angebot an. Und wie es so ist – wenn man erst mal aus der gewohnten täglichen Routine heraus ist, versumpft man von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Zuletzt igelte er sich ganz ein. Der einzige Kontakt, den er überhaupt noch hatte, war der zu mir, und der war auch nur indirekt, denn aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit durfte ich keinerlei Westkontakt unterhalten. Das ging alles über meine Mutter in Leipzig, seine ehemalige Schwiegermutter. Der schickte er Ihre Bücher, die ich unbedingt lesen sollte. Nun werden Sie sich wundern, wieso er Bücher in den Osten schicken konnte. Ganz simpel: Er zerlegte sie in einzelne Seiten und schickte sie als einfachen Brief, mit wechselnden Absendern.

 

Wieder war ein kräftiger Atemzug von Haases zu hören, diesmal von der Bemerkung gefolgt, das sei ja eine „richtige Epistel“, und danach las er weiter.

 

Ihre Bücher, besonders das erste, ‚Wir sind nicht allein‘, haben mir gefallen. Es war eine interessante Spekulation, ein schöner Ausgleich auch zu meiner sonstigen Arbeit. Ich war zuletzt im Rechenzentrum der Hauptverwaltung Aufklärung. Staatssicherheit, wenn Ihnen das mehr sagt, Sektor Wissenschaft und Technik. Ein gigantischer Sektor. Die HVA ließ bei uns, also bei Robotron, eine spezielle Software entwickeln, und zwar gleich auf zwei unabhängigen Kanälen, von zwei unterschiedlichen Abteilungen, von denen jede ihre eigene Unterstützungsbrigade bei Robotron hatte. Die Kader, wie man es bei uns genannt hat, wurden lange vorher ausgewählt. Nur die besten sollten diese Software-Sachen entwickeln. Und dazu gehörte ich. Und als man mich fragte, ob ich die Firma wechseln wollte, sagte ich natürlich nicht Nein. Offiziell stand ich aber nach wie vor im Dienst von Robotron. Wir hatten die neusten Maschinen. Sie waren ziemlich groß. Sie rechneten Tag und Nacht. Es dauerte ewig, bis sie fertig waren. Aber sie funktionierten. Und ich hatte den Zugang. Irgendwann bin ich darauf gekommen, Ihre Jahreszahlen in den Rechner einzugeben. Es war praktisch ein Testlauf, ein Spiel – bloß um zu sehen, was dabei herauskommt.

 

„Jahreszahlen?“ fragte von Haases Stimme, und gleich darauf: „Steht alles drin?“ Dann fuhr er fort.

 

Jahreszahlen in den Rechner einzugeben… In verschiedenen Kombinationen. Zuerst waren es immer nur zwei. Dazu suchte ich dann eine passende dritte. Und dann ging das Rechnen los. Ich bin es angegangen wie die Entzifferung eines Zahlencodes. Ich war ganz allein, aber ich hatte eine Maschine. Hunderte, Tausende, ja Zehntausende von Rechenoperationen habe ich über jeweils drei Zahlen laufen lassen. Mit einer eingebauten Unschärferelation. Und dabei habe ich festgestellt, dass drei dieser vielen Zahlen sich durch eine vierte dreistellige Zahl teilen ließen. Das ist ja nicht selbstverständlich. Mit kleinen Manipulationen freilich. Die aber Fehler in den Quellen berücksichtigten.

 

„Moment. Du hast Zahlen aus meinen Büchern benutzt? – Aha. Und mit Deinem Großrechner einen Code geknackt. Beziehungsweise ihn erst generiert und in einem zweiten Arbeitsschritt geknackt. – Stimmt also. Und was bedeutet das? Was kam dabei heraus?“

 

Es folgte ein längeres Schweigen, ehe von Haase seine Frage wiederholte: „Was kam dabei heraus? Willst Du es nicht sagen? Wo ist der Rest dieses Sermons?“

 

Darauf hörte man ihn stöhnen und „Danke“ sagen, und gleich darauf folgte „Was heißt das?“ Offenbar hatte ihm Holtz einen Gesprächszettel gereicht.

 

„Ich bin kein Doktor“, sagte er dann. Seine Stimme klang gereizt. „Ich bin zwar Professor, aber von einer italienischen Akademie, was mich seinerzeit einige Millionen Lira gekostet hat. Und was heißt: selber denken? Du warst doch im Rechenzentrum, nicht ich. Ohne Deine Maschinen hättest Du doch auch nichts herausbekommen. – Nein, nicht schon wieder einen Zettel. Na gut. Ich bin ja der geborene Dulder. – Ich muss es selber wissen, weil ich darüber Bücher geschrieben habe? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Hör mal, wenn nur Leute mit Wissen Bücher schreiben würden, wäre unser Buchmarkt wie leergefegt. Ganze Bataillone von Autoren würden über Nacht arbeitslos, Leute wie Houellebecq oder Mosebach könnten sich aufhängen. – Noch ein Zettel? Meinetwegen. Allmählich entsteht Ermüdung. Alles endet ewiglich. Jetzt haben wir wieder die Rätselsprüche. Pass mal auf, mein lieber Freund und Kupferstecher, Schreiben heißt nicht wissen, sondern behaupten. Ich habe lediglich Behauptungen aufgestellt. So wie Dein Staat auch bloß eine Behauptung war. – Jetzt reg Dich doch nicht auf… Ich meine, wie lange hat Dein Land denn existiert, 40 Jahre… Das ist weniger als eine Millisekunde auf der Erdzeituhr, und ich rechne erst ab dem Pleistozän! Nein, tu das nicht, Karl-Heinz! DAS IST KÖRPERVERLETZUNG… NEIN!“

 

Danach war ein krachendes Geräusch zu hören, Möbel wurden geschoben, eine Tür aufgerissen und dann klang es nach dem Hall von eiligen Schritten im Korridor.

 

 
 
 
15. Juli
4 Min. Lesezeit

Kim und Alexander hatten sich aus der Küche, die während des späten Vormittags und des Nachmittags auch als Caféteria diente, Kaffee besorgt und es sich, eingerahmt von Pflanzkübeln mit Farn, auf einem Sofa in der Eingangshalle bequem gemacht. Draußen spielten ein Mann und ein Jugendlicher, offenbar Vater und Sohn, Fußball. Ebenso lässig wie gekonnt schoben sie den Ball hin und her. Während Kim mit ihrem Telefon beschäftigt war, schaute Alexander ihnen zu. Es war ein Spiel, das ohne Sprache auskam, und es war schön, den beiden zuzusehen.

 

„Übrigens, das Neuste von Croqué“, sagte Kim. „Aus ‚Le Monde‘. Van Drongelen hat wieder zugeschlagen. Er hat sich mit Laboren in England und Deutschland zusammengetan. Alle drei haben unabhängig voneinander über ein Dutzend von Croqués Datierungsanalysen überprüft, in verschiedenen Ländern. Das Ergebnis ist desaströs. Nicht nur, dass er reihenweise seine Auftraggeber getäuscht hat. Viel schlimmer soll sein, dass er durch seine Mentalmessungen – so hat van Drongelen Croqués Phantasiedatierungen genannt – die gesamten neueren Annahmen zur Vor- und Frühgeschichte des Menschen verfälscht hat.“

 

„Der Bursche ist offenbar nicht nur ein Prahlhans und Blender, sondern auch ein Hochstapler und Betrüger, wie er im Buche steht.“

 

„Jetzt hat auch endlich die Universität eine Untersuchungskommission eingerichtet, die sich mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen beschäftigen soll. Sie trägt den schönen Namen ‚Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten‘. Klingt wie ein Tarnname.“

 

„Das müssen sie machen, solange nichts bewiesen ist.“

 

„Mal sehen, ob die Lokalpresse auch berichtet.“

 

Draußen machte sich ein kleiner Junge, der bis dahin bei seiner Familie gestanden hatte, von der Hand seiner Mutter los und ging zu den beiden Fußballspielern. Vor dem Vater blieb er artig stehen und sagte etwas zu ihm, woraufhin ihm der Sohn den Ball zuspielte, in hohem Bogen, aber dennoch sanft. Vor dem Jungen prallte der Ball einmal auf, so dass er ihn mit den Händen greifen konnte. Er hielt ihn fest, drückte ihn an seine Brust und drehte sich voller Besitzerstolz ein paar Mal in der Hüfte hin und her. Der Jugendliche rief ihm etwas zu, was vielleicht „Nicht mit den Händen! Mit den Füßen!“ bedeutete, woraufhin der Junge den Ball wieder fallen ließ und zu seiner Mutter zurück rannte.

 

Alexander schloss die Augen und gönnte sich ein Nickerchen. Als er sie wieder öffnete, stand von Haase vor ihnen. Er wirkte erschöpft und verärgert zugleich.

 

„Wir haben uns umsonst gequält“, stieß er hervor. „Dieses Holz ist gerade zu Asche geworden.“

 

„Was soll das heißen?“ fragte Kim und steckte das Telefon zurück in ihre Handtasche.

 

„Er hat zugemacht“, erwiderte von Haase düster. „Wegen Geldgier.“

 

„Das glaube ich Dir nicht“, sagte Alexander. „Das kann gar nicht sein. Du hast es vergeigt!“

 

„Ich habe nichts vergeigt“, gab von Haase kämpferisch zurück und verschanzte sich ihnen gegenüber in einem wuchtigen Polstersessel. „Weil es gar nichts zu vergeigen gab! Dieser Stasi-Zahlenkasper hat mit den Jahreszahlen aus meinen Büchern Lotto gespielt, das ist alles. Mit meinen Zahlen, die sowieso...“ Er beendete den Satz nicht.

 

Kim wollte nicht glauben, dass der gemeinsame Versuch, Holtz sein Wissen zu entlocken, gescheitert war. „Erzähl bitte genau, was Holtz gesagt hat“.

 

„Gesagt?“ grollte von Haase. „Soll das ein Witz sein? Lesen musste ich, einen ganzen Sermon, noch schlimmer als die Traktate im Flugzeug. Er hatte alles vorbereitet. Langweiliges Zeug. Dass er im Rechenzentrum gearbeitet hat, war noch das Interessanteste. Dass er nach Feierabend, oder auch im Dienst, so genau habe ich es mir nicht gemerkt, die Rechenmaschinen mit meinen Zahlen gefüttert hat. Und dann war auch schon Sendeschluss. Als ich ihn fragte, wie das Spiel funktionierte und was dabei herausgekommen ist, hat er zugemacht und sich in Schweigen gehüllt. Beziehungsweise, da er ja sowieso in Schweigen gehüllt ist, weitere schriftliche Auskünfte verweigert. Stattdessen sollte ich es wissen. So ein Quatsch. Wenn ich etwas wüsste, wäre ich doch nicht hier. Und als ich ihm die Gesetze des Buchmarktes anschaulich machen wollte und mir dabei einen Seitenhieb auf sein früheres Arbeiterparadies nicht verkneifen konnte, drehte er völlig durch. Er hätte mich mit seiner Messingleuchte erschlagen, wenn ich nicht geistesgegenwärtig zur Seite gesprungen wäre.“

 

„Und das war alles?“

 

„Reicht das noch nicht? Er wollte mich umbringen!“

 

„Hat er nichts weiter gesagt?“

 

„Kurz vor dem Lampenwurf hat er mir noch einen weiteren Orakelspruch überreicht.“

 

„Was für ein Spruch war das?“ wollte Kim wissen.

 

„Ach Gottchen, wieder so eine dunkle Sentenz. Vom Sterben. Nein, von der Ewigkeit. Wir gehen in die Ewigkeit ein... Nein. Alle gehen in die Ewigkeit. Alle Wege führen in die Ewigkeit. So ähnlich.“

 

Kim ließ nicht locker. „Wie genau?“

 

„Da müsst ihr euch schon das Band anhören“, erwiderte von Haase sichtlich genervt. „Ich kann mir ja nicht alles merken.“

 

„Das Band? Du hast...?“

 

„Hör mal, ich bin Profi. Unjung zwar und auch nicht mehr ganz gesund, obendrein seit längerem mit der alten Madame Chardonnay verpartnert, aber immer noch ein Profi. Der es jederzeit mit der ganzen Welt aufnehmen kann.“

 

Er zog ein altmodisches Diktiergerät aus der Innentasche seines Blazers.

 

„Ich muss nur zurückspulen.“

 

Er drückte auf eine Taste, und das Gerät gab ein schnurrendes Geräusch von sich.

 

„Es war natürlich praktisch, dass ich nur mich aufnehmen musste. Von der Sprachquelle bis zum Mikrofon sind es keine 30 Zentimeter. Ich nehme an, die Aufnahme hat Schallplattenqualität. Okay, es gibt keine Schallplatten mehr. Aber ihr wisst, was ich meine.“

 

Ein klackendes Geräusch zeigte an, dass der Anfang der eingelegten Kassette erreicht war.

 

„Dann lass mal hören“, sagte Alexander.

 
 
 
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