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Dass Kim und Alexander sich für die Nacht ein Hotel in Vevey suchten, ließ von Haase nicht zu. „Wir sind jetzt ein Team“, sagte er, „und ihr seid meine Gäste. Das wäre ja noch schöner.“ Er führte sie ins Obergeschoß des Hauses und zeigte ihnen ihr Zimmer, das mit großen Natursteinfliesen ausgelegt war. Als er den bodenlangen, auberginefarbenen Vorhang zur Seite schob, fiel greller Sonnenschein ins Zimmer. Sie blickten auf einen terrassenförmig angelegten Garten, der von beiden Seiten von Wald eingerahmt wurde und dem sich weiter unten eine Wohnsiedlung anschloss. In der Tiefe glitzerte der Genfer See. Bis auf das Bett sahen alle Möbel aus, als stammten sie aus einem Theaterfundus: Nussbaum mit Intarsien und Brandmalerei.


Den Abend verbrachten sie beim gemeinsamen Abendessen, an dem auch Araya teilnahm. Als sie im Speisezimmer rund um den roten Eukalyptus-Esstisch vor ihren Tellern saßen, hob von Haase sein Glas und sprach seine Freude über den lieben Besuch aus. Schwungvoll stießen alle miteinander an.


Im Verlauf des Essens erzählte von Haase auf Nachfrage von seinen drei Kindern: dem Ältesten, der mit einer Amerikanerin verheiratet sei und in Chicago lebe, dem jüngeren Sohn, der einen Zeitvertrag als Kunsthistoriker in Florenz habe, und der Tochter, die in Berlin eine Ausbildung zur Bibliothekarin absolviere. Sie seien international inzwischen, meinte er.


Alexander kam die Munterkeit von Haases erkünstelt vor. Und die Art und Weise, wie er dabei das Essen herunter schlang, ließ nicht gerade darauf schließen, dass er den Feinheiten von Arayas thailändischer Küche die Achtsamkeit angedeihen ließ, die ihr zweifellos zukam.


Kim war nicht verborgen geblieben, dass Alexander während des Essens immer wieder verstohlene Blicke zu Araya geworfen hatte. Offensichtlich war er von ihrer exotischen Erscheinung angetan, möglicherweise sogar fasziniert. Ihrem Eindruck nach war es nicht allzu schwer, aus ihr schlau zu werden; sie schien nicht der Typ zu sein, der sich allzu viele Gedanken machte. Deshalb ergriff sie bei der ersten Gelegenheit die Initiative, um Araya in die Unterhaltung einzubeziehen.


„Wie haben Sie Maurice kennengelernt, Araya?“, fragte sie lächelnd.


„Im Fitness-Studio unten in Vevey“, antwortete von Haase an ihrer Stelle. „Sie war mein Personal Trainer.“


„Aha“, sagte Kim, ohne sich von Haase zuzuwenden. „Und wie sind Sie nach Vevey gekommen, Araya?“


Als Araya wahrheitsgemäß und ohne mit der Wimper zu zucken antwortete, sie sei eine Katalogbestellung gewesen, richtete Kim erwartungsvoll ihren Blick auf von Haase, doch der ignorierte ihre stumme Bitte nach weiterer Information. Gelassen, als fände er an der Situation nichts Peinliches, zündete er sich eine Zigarette an und stieß grauen Rauch zwischen seinen Zähnen hervor.


„Und ihr Mann?“ fragte Kim unsicher. „Was macht er?“


„Ich weiß nicht. Artem Arschgeige.“ Araya sprach das Wort Arschgeige mit einer Selbstverständlichkeit aus, als handle es sich um einen Nachnamen. „Er musste heiraten wegen Erbschaft. Er bekam Erbschaft nicht ohne Heirat, ja? Das war mein Glück. Und seit Tag der Hochzeit ich sehe ihn nicht mehr.“


„Die Gute hatte es nicht leicht“, fuhr von Haase dazwischen und inhalierte tief. „Danach war sie einige Jahre Hausdame.“


„Putzfrau“, korrigierte ihn Araya.


Als sie beim Dessert angelangt waren, gedünstete Litchi nach Sansibar-Art, forderte Araya ihre Gäste auf, die Gewürze zu erraten. Zimt und Nelken schmeckte Kim heraus, aber die Prise Salz bemerkte sie nicht. „Aus Kalahari-Wüste“, klärte Araya sie auf, „280 Billionen Jahre alt.“


„Du meinst sicher Millionen, Liebes“, korrigierte von Haase sie lächelnd. „280 Millionen.“


Bereitwillig räumte Araya den Irrtum ein. „Dann nur 280 Millionen.“


Von Haase hielt versonnen sein Weinglas gegen die Deckenleuchte und schwenkte es hin und her. „280 Millionen… Das könnte mittelfristig unser Jahresumsatz werden“, kündete er orakelhaft. „Und das ist realistisch gedacht. Ich kenne die Zahlen. Den Eiffelturm wollen jedes Jahr 6 bis 7 Millionen Menschen sehen. Dabei hat er oben auf der Plattform gerade mal eine Grundfläche von 250 Quadratmetern. Aber alle wollen da hin. Der Jahresumsatz liegt bei 85 Millionen Euro. Unser Resort wird eintausend Mal so groß werden. 25 Hektar. Bei einer ganz vorsichtigen Schätzung komme ich auf 20 bis 25 Millionen Besucher. Macht round about 280 Millionen Jahresumsatz.“ Er legte seine Hand auf Arayas Arm und schloss genießerisch die Augen.


„Gewiss“, sinnierte Alexander, „mit DOMINIQUE lassen sich schon ein paar hübsche  Fantastillionen machen.“


Als die letzte Liebesfrucht verspeist war, wechselten sie auf die Dachterrasse, von Haase mit einer Rotweinflasche in der einen und vier Burgundergläsern in der anderen Hand. Von hier hatten sie einen märchenhaften Blick auf den Genfer See. Der Himmel war von einer dichten Wolkendecke überzogen, die Luft jedoch angenehm temperiert. Trotzdem reichte Araya jedem eine Decke und warf sich selbst einen Hoodie über die Schultern.


Der Alkohol lockerte Alexanders Zunge. „Leitet sich Dein Nachname eigentlich wirklich vom Hasen ab?“


„Daran besteht nicht der geringste Zweifel“, antwortete von Haase bedächtig. „Meine Vorfahren führten ihn sogar im Wappenschild.“


„Eigentlich erstaunlich für so ein – sagen wir mal – nicht gerade sehr hoch angesehenes Tier“, sagte Alexander.


„Gar nicht“, sagte Araya. „In chinesischer Astrologie sind Hasen sehr geschätzt. Menschen mit Sternzeichen Hase haben alle sehr guten Geschmack. Wissen Schönheit zu schätzen. Alles um sie herum muss schön sein.“


„Einschließlich Dir, meine Liebe“, gurrte von Haase.


„Garderobe ist sehr geschmackvoll“ fuhr Araya fort, „Möbel sind sehr geschmackvoll. Das ganze Haus. Der Hase möchte überall schön haben.“


„Für uns Amerikaner ist Adel immer eine spannende Sache“, sagte Alexander. „Bei uns gibt es keine Aristokratie. Höchstens unter den Einwanderern. Wie weit kannst Du Deinen Stammbaum denn zurückverfolgen?“


„Sehr weit“, antwortete von Haase leichthin, der seine Auskunft sichtlich genoss. „Die ältesten Dokumente reichen bis zu den Kreuzrittern zurück. Ursprünglich stammt unsere Familie aus Pommern. Schloss Hasenberg zwischen Greifswald und Stettin war unser Domizil. Einer meiner Ahnen, ein gewisser Ulrich Haas von Hasenburg, begleitete Friedrich Barbarossa –“


„Am Klavier?“, fragte Alexander schnell und verzog den Mund zu einem sardonischen Lächeln.

 

 
 
 

Von Haase goss aus der Calvadosflasche ein und reichte Kim und Alexander ihre Gläser. „Habt ihr eigentlich einen Namen für unsern Freund vom andern Stern?“


„Im Institut in Straßburg nennen sie das Skelett DOMINIQUE“, antwortete Alexander.


„Dann lasst uns auf DOMINIQUE trinken.“ Er prostete ihnen zu.


„Das Skelett ist allerdings verschwunden“, sagte Alexander. „Es wurde weggeschafft.“


„WAS?“ Es klirrte, als von Haase sein Glas auf dem Teewagen abstellte.


„Weil sich Alex zu auffällig dafür interessiert hat“, erklärte Kim. „Das ist kein Vorwurf“, fügte sie schnell hinzu, bevor ihr Mann protestieren konnte. „Man muss wissen, dass das Skelett in einer Ausstellung der Universität Straßburg gezeigt wurde, Abteilung Anthropologie. Der Institutsleiter steht derzeit massiv unter Beschuss. Es geht um gefälschte Gutachten. Weil Alex, der damals gar nichts von den Problemen wusste, vorsichtig andeutete, dass das Skelett vielleicht nicht ganz korrekt beschrieben sei, bekam dieser Monsieur Croqué sofort kalte Füße und ließ es aus der Ausstellung entfernen.“


„Croqué heißt der Mann? Wie Croque mit Accent aigu?


Alexander nickte.


„Das ist aber sehr schade“, sagte von Haase, während er den Namen notierte.


Alexander winkte ab. „Es steht vermutlich wieder im Depot. Croqué ist in die Sache nicht eingeweiht.“


 „Das Skelett ist natürlich für die Medien sehr wichtig. Wir sollten unbedingt mit dem Herrn Kontakt aufnehmen.“


„Er ist vielleicht schon beurlaubt“, sagte Kim.


„Dann wenden wir uns eben an die Universitätsspitze“, sagte von Haase und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. „Wir müssen uns die relevanten Rechte exklusiv sichern und alles mit wasserdichten Verträgen besiegeln. Gegen unsern DOMINIQUE sind ja alle Mumien der Welt nur ein Fliegenschiss. Tutanchamun, der Ötzi – was sind die gegen ein Wesen aus dem Weltall? Ich empfinde eine sehr große Genugtuung. Ich habe es immer gewusst. Wir sind nicht allein. Wie denn auch, in diesem unermesslichen Weltraum, von dem wir gerade einmal unsere allernächste Umgebung ein bisschen kennen. Beweise dafür habe ich genug geliefert. Weil ich nicht aufgehört habe, meinen Traum zu träumen. Je rêvais voyages de découvertes dont on n’a pas de relations... Und ihr habt jetzt den Schlussstein für die Beweiskette entdeckt.“


Von Haase stand auf, ging hinüber zum Flügel und begann zu spielen. Er hatte kräftige Hände mit schmalen, langen Fingern, deren Spitzen sich leicht nach oben bogen. Während er dem Instrument die wohlvertrauten Töne von Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert entlockte, bei dem Kim unweigerlich an den Sekthersteller denken musste, der die Anfangsmelodie zu seinem Erkennungszeichen erkoren hatte, fing er Alexanders Blick auf. „Ich hoffe, ich war vorhin nicht zu grob“, sagte er und blinzelte ihm dabei versöhnlich zu.


„Diese Frage möchte ich gern offenlassen“, erwiderte Alexander.


„Ich bin jedenfalls nicht nachtragend. Und ihr seid es hoffentlich auch nicht.“ Vom Hauptthema wechselte er in eine freie, einigermaßen belanglose Improvisation. Sein Spiel verriet mittelmäßiges Talent, worüber auch sein forscher Anschlag nicht hinwegtäuschen konnte. „Ich nehme es euch nicht einmal übel“, fuhr er jovial fort. „Irgendwie mag ich sogar die Art, wie ihr euch für eine Idee einsetzt.“ Er unterbrach sein Spiel nicht, aber es nahm mehr und mehr den Charakter von Geklimper an. „Man darf ruhig versuchen, mich übers Ohr zu hauen“, sagte er kumpelhaft. „Bloß mir selbst hätte ich es nie verziehen, wenn ich drauf reingefallen wäre.“


„Aber Du verstehst schon, dass es ein heikles Thema ist, mit dem sich ein angesehener Paläoanthropologe offiziell nicht beschäftigen darf.“


Von Haase setzte eine pfiffige Miene auf. „Das sehe ich ein. Das wäre ja, wie wenn der Papst in die Peep-Show gehen würde.“ Er erhob die Stimme, während seine Finger über das gebleckte Gebiss des Flügels berserkerten.


„Und nur deswegen haben wir Dir nicht gleich alles gesagt.“


Von Haase nahm die Hände von den Tasten und lehnte sich zurück. „Geschenkt. Nachher machen wir einen schönen Vertrag, wo alles hübsch geregelt ist, und dann sehen wir weiter. Was meint ihr: Ob man die Fundstelle, wo unser DOMINIQUE gelandet ist, erwerben kann? Das wäre gut. Schade, dass er sich ausgerechnet Frankreich ausgesucht hat. In Rumänien oder Moldawien würden die Behörden nicht so genau hinschauen. Aber das Museum könnte natürlich auch an anderer Stelle gebaut werden. Ich denke an ein Gebäude mit einem Turm und einer großen Kuppel… eine Mischung aus Petersdom und Sternwarte. Kennt ihr das Mauna Kea Observatorium auf Hawaii?“


„Maurice“, sagte Alexander ernst, während von Haase sein Spiel wieder aufnahm, beschwingter als zuvor, „ich verstehe sehr gut, dass Du Dich nicht um die Früchte Deiner Arbeit bringen lassen willst. Aber –“


„Ich weiß schon, was Du sagen willst“ unterbrach ihn von Haase. „Was willst Du denn, Du hast doch schon Ruhm für eine Million Franken, was scherst Du Dich um die paar Rappen? Aber da verstehst Du mich ganz falsch. Es geht dabei nicht um Ruhm. Die ganze Verwertung geht mir am Arsch vorbei. Es geht um die Idee an sich, die Erkenntnis, die Überzeugung. Die will sich geltend machen. Und dieses Geltendmachen –“


Alexander tat, als habe er nicht richtig verstanden. „Geldmachen?“


„Nein“, beeilte sich von Haase klarzustellen, „nicht Geldmachen. Das dient allenfalls dazu, um die nötigen Aufwendungen wieder in die richtige Balance zu bringen. Nein, das Gel-tend-machen. Das ist – tja, nicht weniger als die Revolution.“


„Verstanden“, sagte Alexander, der kein Wort von dem glaubte, was von Haase gerade zu seinem Credo erklärt hatte. „Trotzdem sollten wir den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen. Wir stecken hier immer noch mitten in der Recherche. Wenn Du zu diesem Zeitpunkt schon Deine Medienmaschine anwirfst, kann das unseren Nachforschungen nur schaden. Denn wir besitzen ja nichts. Alle Indizien sind im Besitz von anderen. Noch haben wir Zugang. Wenn wir zu früh an die Öffentlichkeit gehen, könnte es damit vorbei sein.“


Von Haase schien nur halb hinzuhören. Seine Hände glitten weiter über die Tasten, und dazu lächelte er. „Du meinst, wir sollten keine schlafenden Hunde wecken.“


„So ist es.“


„Und wie stellt ihr euch die Sache mit Holz vor? Er wäre dann doch ein weiterer Mitwisser. Brauchen wir ihn überhaupt?“ Er sah erst Alexander an, der als Zeichen seiner Unentschiedenheit die Schultern hob, und dann Kim. „Meinst du, wir können ihn ausfindig machen?“


„Ich habe da schon eine Idee. Einen Mann namens Holz zu finden, der Ende der achtziger Jahre in Dresden gelebt hat, dürfte schwierig werden. Ich habe mal im Telefonbuch nachgesehen, da gibt es knapp 20 Einträge. Er kann verzogen sein, er kann gestorben sein… Aber ein Brief aus Dresden ins westliche Ausland, an einen Buchverlag… Das muss die Staatssicherheit interessiert haben. Darum besteht immerhin die Möglichkeit, in den Akten etwas zu finden. Wenn wir Glück haben, sogar eine Abschrift des Briefs.“


„Aber auch dafür brauchst Du einigermaßen vollständige Personendaten“, gab Alexander zu bedenken.


„Natürlich. Für einen offiziellen Antrag auf Akteneinsicht reicht das nicht. Aber ich kenne jemanden vom Spiegel-Archiv. Und der hat einen sehr guten Draht zur Behörde. Es wäre doch gelacht, wenn wir nicht wenigstens eine Auskunft bekommen.“


„Kenne ich ihn?“ fragte Alexander unsicher.


„Nein, ich glaube nicht. Ich rufe ihn morgen an.“

 

 
 
 

Nach dem Telefonat fühlte sich Kim wie damals als 14-Jährige, als sie in den Galeries Lafayette auf frischer Tat beim Diebstahl eines T-Shirts mit dem Konterfei von Michael Jackson ertappt worden war. Alexander ging es nicht viel besser. Dass von Haase sie beide der Täuschung überführt hatte, war allein für sich schon schlimm genug. Obendrein besaßen sie nun in ihm einen Mitwisser, dessen Reaktionen unkalkulierbar waren. Immerhin schien er seinen Triumph nicht bis zur Neige auskosten zu wollen, denn er zeigte sich gesprächsbereit.


Kim erklärte sich seine Nachsicht damit, dass er seinerseits nie verlegen in der Wahl seiner Mittel gewesen war, um ans Ziel zu gelangen; für Alexander stand fest, dass von Haases Entgegenkommen schlicht auf der Tatsache beruhte, dass er auf sie angewiesen war. Er hielt ihn für zu faul, um auf eigene Faust Recherchen anzustellen. Und auch für zu simpel gestrickt. Sein Interesse galt wahrscheinlich allein der Teilung der Beute.


Nachdem von Haase bei Araya Getränke geordert hatte, nahm er auf einem der vielen Sitzkissen mit Goldquasten Platz, die auf dem Teppich herumlagen. Mehrere Minuten lang saßen sie schweigend beieinander. Dann sagte er mit versöhnlichem Ton in die Stille hinein: „Also gut, ihr beiden. Ich fasse zusammen.“


Er zog ein kleines Notizbuch aus seiner Jacke. Offenbar hatte er die Informationen, die er der ahnungslosen Hilde entlocken konnte, bereits niedergeschrieben.


„Korrigiert mich, wenn ich etwas nicht richtig wiedergebe. Ihr habt in Straßburg ein altes Skelett gesehen. Es hat euch interessiert. Ihr habt Informationen gesammelt. Ihr wisst, wann und wo der Fremde gestorben ist. Ihr wisst, wer die Leiche seziert hat. Es gibt eine Art Beschreibung der Leiche. Daraus geht hervor, dass es kein menschliches Wesen war.“


„Schon im Beerdigungsprotokoll war das angedeutet“, bestätigte Kim.


„Wieso gab es eine Beerdigung?“, fragte von Haase verwundert. „Etwa ohne das Skelett?“


Araya schob einen Teewagen herein, der mit Tassen und Gläsern und einer Flasche Calvados beladen war.


„Danke, meine Liebe“, sagte von Haase und blickte ihr nach, wie sie Richtung Küche verschwand. „Sie ist ein Goldschatz. Ihr Name bedeutet im Thailändischen Seerose. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sie wirklich eine echte Thai ist. Ich glaube, da ist auch ein Schuss Brasilien dabei.“ Er deutete eine obszöne Geste an und lachte, als ob er einen guten Witz gemacht hätte. „Wo waren wir stehen geblieben?“


„Bei dem Beerdigungsprotokoll aus Waldersbach“, sagte Kim.


„Genau. Wieso gibt es dann dieses Skelett, das ihr gesehen habt?“


„Es handelte sich um Leichenraub“, erklärte Alexander. „Der Assistent des Anatomen hatte Beziehungen ins Elsass und sorgte für Nachschub. So kam die Leiche nach Straßburg.“


„Verstehe“, sagte von Haase und notierte den Hinweis. „Also gibt es zwei schriftliche Dokumente. Und zwar aus der Zeit selbst und nicht irgendwann später, was die Sache besonders wertvoll macht.“


„Ja und nein“, sagte Alexander. „Eine These, die sich nur auf die Dokumente stützen kann, muss Spekulation bleiben. Es gibt zu viele Unschärfen. Das ist wie bei den Kochrezepten aus dem Mittelalter. Drück die mal einem heutigen Sternekoch in die Hand. Damit kann der nichts anfangen. Deswegen bin ich sehr zurückhaltend, was die Bewertung angeht. Kim ist da etwas – sagen wir mal: offener. Sie hat keine Zweifel.“


Von Haase sah Kim erstaunt an. „Kim? Dein Mann nennt Dich Kim? Wie Kim Novak? Das Busenwunder aus Schweden?“


Alexander errötete. „Mit Kim Novak hat das nichts zu tun. Es ist nur ein Kosename. Außerdem verwechselst Du Kim Novak mit Anita Ekberg. Anita Ekberg ist Schwedin. Kim Novak ist Amerikanerin.“


„Wer Novak heißt, ist ganz sicher keine Amerikanerin. Aber egal. Busenwunder sind sie beide gewesen. Kim Novak... In dem Hitchcock-Film, wie heißt er noch, wo sie diese Doppelgängerin spielt, da hat sie so etwas Frostiges und zugleich Sinnliches... Eine Frau wie ein vergletscherter Vulkan... Grandios. – Wo waren wir stehengeblieben?“


„Bei den Zweifeln.“


„Genau. Es waren aber niemals die Zweifel, welche die Menschheit vorwärtsgebracht haben, sondern Ideen. Ich sage nur: Jules Verne. Und für Ideen braucht man Eier. Skrupel sind da nicht angezeigt. Schließlich heiße ich ja auch nicht Maurice von Angsthase.“ Er zwang seinen blassblauen Augen ein Zwinkern ab. „Und deshalb bin ich ganz bei Dir,  Kim-Sheila. Der Fall ist sonnenklar; jetzt geht es nur noch darum, das Beste daraus zu machen. Und dafür stehe ich mit meinem Namen. Ich verfüge über das notwendige einfühlende Verständnis, um der Welt zu offenbaren, wer der Reisende war und mit welchen Absichten er kam, ehe er am 11. September –“


„19. November“, verbesserte ihn Kim.


„– 19. November des Jahres 1789 –“


„1788.“


„– des Jahres 1788 havarierte und zu Tode kam. Kein anderer kann mit gleich viel Verständnis und Hintergrundwissen über diese Erscheinung schreiben wie ich das vermag.“


Araya kehrte mit einem dreiteiligen silbernen Kaffeeservice auf einem Tablett zurück. Sie schenkte zuerst Kim, dann Alexander und zuletzt von Haase ein, deutete eine Verbeugung an und verschwand wieder.


Diesmal war es Alexander, der ihr hinterhersah. Schon ertappte er sich dabei, wie er sie in die Kategorie jener Frauen einreihte, mit denen er gegebenenfalls schlafen würde – was in diesem Fall vermutlich einer körperlichen Bewährungsprobe gleichkam, und schon erschien vor seinem geistigen Auge das Bild eines Knäuels aus Extremitäten, engverschlungen und bizarre Formen bildend. Seit er 16 war, gab es diese beiden Kategorien, in die sich die weibliche Hälfte der Menschheit einteilen ließ. Es war keine Frage von Zu- oder Abneigung, es war, wie ihm in diesem Moment aufging, Interesse oder Desinteresse an größtmöglicher Nähe, als ob sich von der nicht durchs Raster gefallenen Frau etwas fürs Leben lernen ließe – wenn nicht fürs äußere, dann eben fürs innere Leben. In diesem Augenblick erschien ihm der Gedanke so lebhaft zutreffend, dass ihm fast schwindlig wurde.

 

 
 
 
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