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Der Zug pfiff und raste wenig später an einem Bahnübergang vorbei. An der Schranke stand eine junge Frau mit aufgesteckten Haaren in einem lila Pullover.


Kim zückte ihr Notizbuch und notierte einzelne Buchstaben. Alexander sah ihr über die Schulter zu, wie sie daraus Wörter bildete, wieder durchstrich und durch neue Wörter ersetzte, ehe sie die Lösung verkündete.


„Da stand einmal: und in der Folge bloß den haltlosen Speculationen eines M. Seredenberg Nahrung zu geben vermag. Den Namen Seredenberg kann ich allerdings nur raten. Das große S am Anfang ist unzweideutig. Dann sehe ich zwei Buchstaben mit Oberlänge und einen Buchstaben mit Unterlänge, das sind d, b und g. Der Rest ist Phantasie.“


„Ich würde zu gern wissen, warum Oberlin das gestrichen hat.“


„Eins ist jedenfalls klar: Er hat den Unbekannten nicht für einen Engländer gehalten. Aus dem Protokoll geht ja ganz klar hervor, dass er von einer lokalen Herkunft ausging, was ihm aber die alten Leute, die er befragte, nicht bestätigen konnten. Als er den Eintrag im Namensregister vornahm, hatte er überhaupt nichts in der Hand, um eine Zuordnung vornehmen zu können.“


„Du meinst, das gestrichene Wort heißt gar nicht englische?“


„Lass uns noch mal den Eintrag im Register ansehen.“


Kim ließ sich die entsprechende Seite anzeigen, und gemeinsam beugten sie sich über das Display.


„An Deiner Entzifferung habe ich keinen Zweifel“, sagte Alexander schließlich. „Aber vielleicht gibt es eine Nebenbedeutung von englisch, im Sinne von fremdartig. Oder vielleicht mit der Bedeutung schrecklich, abstoßend, hässlich. Englische – englische... Kann das Wort dahinter Kreatur geheißen haben?“


„Es ist so dick gestrichen... Man kann praktisch nichts mehr erkennen. Außer vielleicht einem großen C und einem u-Bogen... Die Länge würde passen... Ja, vielleicht stand da mal Creatur. Mit C.“


„Englische Creatur. Könnte das ein Synonym für Monster gewesen sein? – Gib noch mal her.“


Alexander nahm das Telefon an sich, wechselte zurück zu Seite 267 und wiederholte, was Kim entziffert hatte. „Ergo muss verhindert werden, dass dieß Individuum einer übereifrigen Wissenschaft als Object fernerer Untersuchungen dient, als Sensation in Spiritus gesetzt und auf dem Jahrmarkte ausgestellt wird und in der Folge bloß den haltlosen Speculationen eines Monsieur Seredenberg – oder wie immer er heißt – Nahrung zu geben vermag. Das ist spannend.“


„Erstaunlich, dass Oberlin nicht von einem armen Christenmenschen spricht, wie man es von einem Pfarrer erwarten könnte, sondern bloß von einem Individuum.“


„Ursprünglich sogar von einer Creatur, deren Einzigartigkeit ihm bewusst ist“, ergänzte Alexander. „Denn er sieht ihn schon als Sensation auf den Jahrmärkten, weil sich übereifrige Wissenschaftler damit beschäftigen.“


„Deren Untersuchungen zur Folge haben, dass die Spekulationen –“


„Nehmen wir lieber einen neutralen Ausdruck“, unterbrach sie Alexander: „Dass die Theorien –“


„Meinetwegen. Die Theorien eines gewissen Seredenberg dadurch Auftrieb erhalten.“


„Davor hatte er Angst, theologische Angst. Die Angst des Theologen vor der wissenschaftlichen Erkenntnis. Vielleicht war dieser Seredenberg eine Art Darwin des 18. Jahrhunderts, der den göttlichen Schöpfungsplan anzweifelte. Was weiß denn ich.“


„Gibt es denn jemand in der Wissenschaftsgeschichte, dessen Name ähnlich lautet wie Seredenberg? Vielleicht ist das letzte e auch ein o. – Seredenborg?“


Der Zug näherte sich inzwischen Entzheim. Ackerland, Wiesen und Wald wechselten mit Fabrikhallen, offenen und gedeckten Lagergebäuden. Viele Logistikunternehmen hatten sich hier in der Nähe des Flughafens angesiedelt. In knapp zehn Minuten würden sie in Straßburg eintreffen.


Alexander ließ sich von Kim das Telefon reichen. „Ich werde die Namensvarianten mal durchspielen.“


Er startete die Namenssuche, indem er „Seredenberg“ eintippte und „Speculation“ hinzusetzte.


Doch anstatt ihm ein einziges Ergebnis anzuzeigen, wollte die Suchmaschine wissen: „Meintest du: fredenberg speculation?“


Er gab die Frage an Kim weiter. „Ist Fredenberg möglich?“


„Nein. Der Name fängt eindeutig mit S an.“


Alexander löschte das erste e und ersetzte das dritte e durch ein o. Die Suche nach Sredenborg Speculation brachte immerhin 8 Treffer. Der erste war die pdf-Datei eines Typoskripts mit dem Titel „The Background and History of Spiritual Healing“. Alexander brauchte den Text nur zu überfliegen, um festzustellen, dass Sredenborg ein Fehler bei der automatischen Texterkennung war. In Wirklichkeit handelte es sich um einen Mann namens Swedenborg. Das war auch der Name, den ihm die Suchmaschine gleichzeitig vorgeschlagen hatte: „Meintest du: swedenborg speculation?“ Die Suche mit dem Namen Swedenborg erbrachte über 200.000 Treffer.


Alexander gab Kim das Telefon zurück. „Kann der Name auch Swedenborg lauten?“


„S-w-e?“ Kim vergrößerte die Darstellung. Tatsächlich sah es so aus, als würden auf das große S ein leicht deformiertes w und ein e folgen. „Es sieht ganz danach aus. Swedenborg. Hört sich skandinavisch an.“


„Der Name ist mir nicht ganz unbekannt. War das nicht ein Philosoph?“


Kim ließ sich Swedenborgs Biographie bei Wikipedia anzeigen und überflog die Begriffsdefinition. „Emanuel (von) Swedenborg, 1688 bis 1772, schwedischer Wissenschaftler, Mystiker und Theosoph. – Was bedeutet Theosoph?“


„Vereinfacht gesagt: religiöser Spekulant.“


„Womit wir genau bei Oberlins Vorwurf sind: Es muss verhindert werden, dass dieß Individuum und so weiter den haltlosen Speculationen eines Monsieur Swedenborg Nahrung zu geben vermag.“


„Dieser Oberlin wird mir immer sympathischer. Ich habe ihn unterschätzt. Es geht gar nicht um die Verteidigung kirchlicher Glaubenslehren gegen die moderne Wissenschaft. Es geht um die Abwehr religiöser Spekulationen, zu denen DOMINIQUE Anlass geben könnte. Und weil das schlimme Folgen haben würde, verhalf er ihm schnell zu einem christlichen Begräbnis in der Stille. Ein schöner Ausdruck übrigens, viel schöner als klammheimlich.“


Der Zug hatte den Endbahnhof Strasbourg Gare erreicht. Als sie aufstanden, streckte Kim ihm die Hand zum Abklatschen entgegen. „Alex, jetzt hast Du mich endgültig an Deiner Seite.“


Alexander umfasste Kims Finger und zog sie an seine Lippen. „Aber bist Du das nicht schon länger? Ich dachte, spätestens mit unserer Heirat…“


„Blödmann. Die Story, die Du mir nahegelegt hast. Du hattest Recht. Es ist eine interessante Geschichte.“


„Ich fürchte nur, ohne ein bisschen Unterstützung von Monsieur Croqué werden wir sie zu keinem Happy End bringen.“

 

 
 
 

Nach wenigen Klicks hatte Alexander das Beerdigungsregister der evangelischen Kirche in Waldersbach für die Zeit von 1775 bis 1792 aufgerufen. Es begann mit einem sauberen zweispaltigen Namensregister, von A wie André bis Z wie Zéhender. Erst danach folgte das Titelblatt:

 

REGISTRE

DES

ENTERREMENS

faits

dans la Paroisse de

VALDERSBACH

AU COMTÉ DU BAN DE LA ROCHE

Commencée

avec

L’ANNÉE 1775

Pendant

le Ministère

de

JEAN FRÉDÉRIC OBERLIN.

 

„Das Menü zeigt insgesamt 198 Doppelseiten an“, sagte Alexander. „Entweder wir arbeiten uns da durch –“


„Ich kann das übernehmen“, sagte Kim.


„– oder wir gehen erst einmal das Register durch. Das sind nur ein paar Seiten.“


„Machen wir das“, pflichtete Kim ihm bei.


„Im Institut in Straßburg nennen sie das Skelett übrigens DOMINIQUE, weil es ihnen die Festlegung auf das Geschlecht erspart. Mal sehen, was uns unter D erwartet.“


Die Doppelseite mit den Namen D bis G war nur zur Hälfte beschrieben; unter D waren Daeppen, Dobs und Dorschy verzeichnet. Alexander klickte die nächste Doppelseite an, überflog sie, klickte weiter. Auf der letzten Seite des Registers wurde er fündig. In der leeren Spalte neben dem Buchstaben Z, worunter nur zwei Namen registriert waren, stand Individu inconnu und daneben die Seitenzahl: p. 267.


„Hier!“ rief er. „Das könnte es sein.“


Er reichte Kim das Telefon. „Davor sind noch zwei Wörter durchgestrichen. Was kann da gestanden haben?“


Kim vergrößerte den Ausschnitt. „Das zweite Wort ist beim besten Willen nicht mehr zu entziffern. Und das erste –“


Als Zeichen ihrer Unsicherheit bewegte sie den Kopf hin und her.


„– das erste Wort sieht aus wie englische. Ja, ich glaube, es heißt englische. Vielleicht nahm Oberlin vorübergehend an, dass der Tote aus England stammte“, sagte sie unschlüssig. „Aus welchem Grund auch immer. Macht das Sinn? Wurden in England solche künstlichen Schädeldeformationen praktiziert?“ Sie gab Alexander das Telefon zurück.


„Nirgendwo in Europa nach dem 7. Jahrhundert“, sagte Alexander und beugte sich über die Vergrößerung. „Immerhin ist das Wort ja auch gestrichen. Schauen wir mal, was auf Seite 267 steht.“


Draußen hatte sich die Landschaft verändert, Bauernhöfe und Weiden waren Industrieanlagen mit komplizierten Namen in großen Buchstaben auf den Fassaden gewichen. Die Ruine eines Fabrikschornsteins glitt vorüber. Dann verlangsamte der Zug wieder einmal seine Fahrt. Kim erkannte mehrere Fischteiche und unmittelbar an den Geleisen ein Sägewerk mit riesigen Stapeln von zugeschnittenem Holz. Der Zug hielt. Urmatt.


Ein paar Klicks hatten Alexander auf die angegebene Doppelseite geführt. Das linke Protokoll stammte vom 18. November, das rechte vom 21. November. Beide waren in Oberlins schöner gleichmäßiger Schrift geschrieben und mit seiner Unterschrift versehen. Im Eintrag auf der linken Seite waren der Name, Nicolas Loux, und das Alter des Verstorbenen, 63 Jahre, unterstrichen. Beide Angaben fehlten im Eintrag gegenüber. Auf dem breiten Rand standen in großen Ziffern die Seitenzahl und das Datum der Beisetzung, daneben ein kurzer Text, von dem einzelne Wörter durch größere Buchstaben hervorgehoben waren. Kim nahm sich das Telefon und las vor:

 

Unbekanntes Individuum, unbestimmten Alters, nach glaubhafter Anzeige von Didier Marchal, Köhler zu Bellefosse, verstorben im Jahre des Herrn eintausend siebenhundert acht und achtzig, Mittwoch, den 19. Novembris, um drei Uhr nachmittags auf dem Hochfeld, beerdigt vom Unterzeichneten am darauffolgenden Freytag auf dem Kirchhofe zu Waldersbach. Zeugen: Joseph Conseurant, Fossoyeur zu Waldersbach, René Regenass, Landmann zu Belmont.

 

„Dazu noch drei Unterschriften, von Oberlin und von den beiden Zeugen. Ziemlich ungelenke Handschriften.“


„Was ist ein Fossoyeur, Kim?“


„Das ist der Totengräber.“


„Dass ein Totengräber und ein Bauer überhaupt schreiben können, ist ja auch nicht selbstverständlich in dieser Zeit. Dafür hat wahrscheinlich Oberlin gesorgt.“


„Ganz unten auf der Seite gibt es noch ein Postskriptum. Moment, ich muss es vergrößern, die Schrift ist zu fein.“ Kim las auch diesen Text vor.

 

M. Marchal sagt, er habe den Unglücklichen todt vor der Feuerstelle seines Kohlenmeilers aufgefunden, er sei vollkommen nackt gewesen und habe übrigens keine Zeichen einer Verletzung aufgewiesen. Von den Aelteren in meiner Gemeinde, welche ich (tactvoll) auf diese Sache angesprochen, konnte sich kein Einziger auf die Geburt eines derart missgestalteten Kindes in den letzten 30 Jahren besinnen. Der Leichnam wurde hier in der Stille beigesetzt, und es ist nach Absprache mit meinem Amtsbruder Pastor Joh. Friedr. Schweighaeuser in Rothau auch keine Mitteilung an den Maire M. Dietrich ergangen. Denn allem Subordinationsverhältnisse und den daraus hervorgehenden Decreten ohngeachtet bleibt der Diener Gottes doch immer souverain in seinem Wirkungskreise, und kein behördlicher Befehl kann ihn zu einer Handlung zwingen, die er nicht mit seiner eignen Ueberzeugung und seiner eignen Verantwortung in Uebereinstimmung findet. Ergo muss verhindert werden, dass dieß Individuum einer übereifrigen Wissenschaft als Object fernerer Untersuchungen dient, als Sensation in Spiritus gesetzt und auf dem Jahrmarkte ausgestellt wird. J. Fr. O., Pastor des Steinthals

 

Kim grinste. „Das klingt, als wenn das speziell an Dich adressiert wäre. Lassen Sie die Finger von DOMINIQUE, Mr. Fairchild!“


Alexander ignorierte ihre Ironie und wies stattdessen auf das Display. „Vor der Unterschrift sind einige Wörter gestrichen. Kannst Du das trotzdem lesen?“


Kim starrte auf das Display. „Die Schrift ist so verdammt klein. Der letzte Satz war ursprünglich länger. Hier, diese Wörter kann man gut lesen: ‚Speculationen’, ‚Nahrung’, ‚in der Folge’. Aber der Rest?“

 

 
 
 

Alexander gähnte hinter vorgehaltener Hand. Für ihn war es höchste Zeit, die Unterhaltung wieder zum Thema zurückzuführen, dessentwegen sie gekommen waren.



„Was für Informationen gibt es in den Kirchenbüchern?“


„Wenn es um einen Sterbefall geht, kommen die Beerdigungsregister in Frage.“


Alexander hätte gern gefragt, ob er sie jetzt gleich einsehen dürfte, aber schon fuhr Schweighaeuser mit Leidenschaft fort.


„Es gab damals keine landesweiten Regeln, wie die kirchlichen Verzeichnisse zu führen waren. Oberlin hat es einfach auf seine Weise gemacht, und das hieß: die bestmögliche. Ausführlich und bis ins kleinste Detail genau. Name des Verstorbenen, Beruf, gegebenenfalls öffentliche Ämter, Name der Eltern, Geburtsort und -datum, sämtliche Eheschließungen mit Namen der Ehepartner und Heiratsdaten, Todesursache, Sterbedatum mit Uhrzeit, Ort und Datum der Beerdigung und Sterbealter. Anschließend noch Namen, Berufe und Unterschriften der Zeugen. Dass sie ihre Namen überhaupt schreiben konnten, war natürlich auch das Verdienst von Oberlin. Woanders hätten die Leute zu dieser Zeit bloß ein Kreuz gemacht.“


„Sie kennen sich ja hervorragend aus“, sagte Kim.


„Ja, ich bin einigermaßen informiert. Früher bekam ich ab und zu Anfragen zu einem Kind, das 1778 gestorben ist, und musste nachsehen.“


Alexander war plötzlich hellwach. „Ein Kind?


„Ja, ein kleines Mädchen in Fouday.“


„Es war nicht 1788?“


„Wie ich sagte, 1778, im Februar, als hier in diesem Pfarrhaus ein Besucher einquartiert war, ein Dichter.“


„Davon hatte ich keine Ahnung.“


„Die meisten Leute, die hier klingeln, kommen wegen diesem Herrn Lenz. Ein junger deutscher Dichter, mit Goethe befreundet. Er war drei Wochen zu Besuch bei Oberlin. Es war nicht einfach mit ihm, er war nämlich ein bisschen verrückt, dieser Lenz. Unter anderem hat er versucht, das tote Mädchen in Fouday zu erwecken. Wie Jesus im Markus-Evangelium.“


Jetzt mischte sich Kim ein.


„Gibt es etwas Besonderes an diesem Sterbefall, an das Sie sich erinnern können?“


„Ich kann mich sehr gut erinnern, ich habe für Wissenschaftler vor allem in Deutschland mehrfach Fotokopien anfertigen müssen. Es sind nur die üblichen Angaben, mit einer Ausnahme: Das Protokoll stammt nicht von Oberlin, weil er zu dieser Zeit verreist war, sondern vom Pastor in Rothau.“


 „Wissen Sie noch die Todesursache des Mädchens?“


„Der Vermerk von Pastor Schweighaeuser lautete: Es starb unter Krämpfen. Mehr wissen wir nicht.“


„Und wie alt war das Kind?“


„Kein halbes Jahr.“


„Nein, dann ist es nicht das, wonach wir suchen“, sagte Alexander. „Wir suchen einen Sterbefall aus dem Jahr 1788. Können wir die Beerdigungsregister bei Ihnen einsehen?“


„In dieser Hinsicht habe ich eine schlechte und eine gute Nachricht für Sie“, antwortete Schweighaeuser. „Die schlechte zuerst: Die Kirchenbücher sind alle in Straßburg, in den Archives départementales, im schicken Neubau an der rue Philippe Dollinger. Wie übrigens der gesamte Nachlass von Oberlin. Das ist alles im Archiv. Wir haben hier gar nichts mehr, außer den letzten Jahrgängen ab etwa 1990.“


Er zögerte einen Moment, als ob er die Spannung erhöhen wollte.


„Die gute Nachricht: Alle Kirchenbücher in Frankreich wurden in den letzten Jahren digitalisiert und stehen online zur Verfügung. Kostenlos.“


„Kostenlos? Donnerwetter. Bei uns in den USA würde man damit Geld verdienen.“


„Die Website ist sehr übersichtlich und komfortabel. Dort finden Sie alles, was sie suchen.“

 

. . .

 

Weil der Zug nach Straßburg erst nach vier Uhr fuhr, ließen sich Alexander und Kim mit dem Rückweg Zeit. In den Vorgärten stritten Amselhähne um ihr Revier, Milchkühe trotteten gemächlich heimwärts. In Fouday besichtigten sie den Friedhof, auf den sie Pastor Schweighaeuser hingewiesen hatte. „PAPA OBERLIN“ stand auf dem schmiedeeisernen Kreuz, das die große, von oben bis unten beschriftete Steinplatte überragte, die das Grab bedeckte. Der achtungsvoll-zärtliche Name war ihm von seiner Gemeinde schon zu Lebzeiten verliehen worden. Erst 1826, im hohen Alter von 85 Jahren, war er gestorben, nach 59-jähriger Amtstätigkeit in Waldersbach, wozu sich auf dem Grabstein wieder die Namensvariante Waldbach fand.


Sie saßen kaum im Zug, als Alexander sein Telefon herausholte und auf die Website ging, die ihnen Schweighaeuser genannt hatte: Archives en ligne.


Kim sah aus dem Fenster. Bauernhöfe mit Nebengebäuden zogen an ihr vorbei und freistehende Häuser. Dann blickte sie zum Himmel, das Kinn auf die Hand gestützt. In jedem Wolkengebilde entdeckte sie die Spur von einem Turricephalus. Sie wechselte vom Platz gegenüber auf den Platz neben Alexander und stieß ihn an. „Bist Du aufgeregt?“


„Kein bisschen“, log er lächelnd.

 
 
 
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