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5. Aug.
2 Min. Lesezeit

Draußen flatterte rot-weißes Absperrband im Wind. Ein Krankenwagen und ein Polizeiauto standen vor dem Eingang, dessen Türen weit offen standen. Kim erkannte Frau Espagnola und die Pflegerin, die sie zu Holtz geführt hatte, im Gespräch mit einer Polizistin. Stimmen waberten als Wortnebel aus bedeutungslosen Silben an ihrem Ohr vorüber.

 

Mrs. Fairchild?“ sagte eine Stimme wie aus großer Ferne zu ihr. Sie klang sehr sanft, wohltuend sanft. Sie kam von dem Mann, der ihr gegenüber saß. Seine rechte Hand lag auf dem Tisch, er trug einen beigen Pullover mit einem V-Ausschnitt. Mehr sah sie nicht von ihm. Dann sah sie sich selbst im Foyer auf der Couch sitzen, ihren Kopf mit dem hellbraunen Haar vor der Rückenlehne neben der schwach leuchtenden Stehlampe mit dem grünen Schirm. Eine Hitzewelle stieg in ihr hoch. Am liebsten hätte sie sich zu einer Kugel zusammengerollt.

 

„Sie müssen sich keine Vorwürfe machen. Suizide erfolgen fast nie spontan“, sagte der Mann. „Die allermeisten werden lange im Voraus geplant.“

 

Kim starrte vor sich hin. Der Schock hatte jeden Ausdruck in ihrem Gesicht ausgelöscht. Die Stimme des Mannes hörte sie wie durch Watte. Wahrscheinlich war er Psychologe und gehörte zum Klinikpersonal oder war im Auftrag der Polizei vor Ort. Es machte keinen Unterschied. Ihr war viel zu heiß. Eine seltsames Gefühl machte sich in ihr breit: Es war, als ob ein Kind nach ihrer Brust tasten würde. Erst jetzt merkte sie, dass sie geweint hatte. Sie wollte die Tränen wegwischen, aber jemand hielt ihre Hand fest. Es war Alexander. Er wirkte hilflos. Er musste schon die ganze Zeit neben ihr gesessen haben. Was davor geschehen war, wusste sie nicht. Die Erinnerung daran war weg. Später würde sie zu ihrer Entschuldigung sagen, sie hätte einen Filmriss gehabt. So nannte man das in Romanen, und es wurde immer akzeptiert. Das war beruhigend. Sie würde sich nicht an alles erinnern müssen.

 

„Das müssen Sie auch nicht“, sagte der Mann neben ihr mit einem Lächeln, das sie in diesem Augenblick als grausam empfand.

 

Wieso sagte er das? Konnte er ihre Gedanken lesen? Oder hatte sie laut gedacht?

 

„Ja, sie sprechen mit mir.“

„Schon wieder. Komisch“, hörte sie sich sagen. Sie hatte den Eindruck, dass jemand anders für sie sprach, eine fremde, unangenehme Stimme.

 

Sie schloss die Augen, um für einen Moment die erholsam farblose Leere hinter ihren geschlossenen Lidern zu genießen. Als sie sie wieder öffnete, flog eine tiefschwarze Amsel mit brennend orangerotem Schnabel schimpfend vorbei und ließ sich auf der Spitze des riesigen Lebensbaums vor dem Eingang nieder.

 

Le-bens-baum, buchstabierte Kim vor sich hin. Gab es hinter dem Panoramafenster tatsächlich eine andere Welt? Oder waren der Lebensbaum samt Amsel, die Hecken aus Buchsbaum und kleinblättriger Berberitze weiter hinten und der Streifen blauer Himmel, der alles überwölbte, aufgemalte Kulisse?

 

Draußen begann die Amsel mit ihrem betörenden Gesang. Es muss gut tun, sie zu hören, diese Ankündigung von Freude und Wachstum, dachte Kim, stand auf und ging hinaus.

 

 
 
 
29. Juli
5 Min. Lesezeit

Ihr beide werdet wohl keine Freunde mehr werden“, sagte Alexander mit grimmigem Lächeln, nachdem von Haase das Diktiergerät abgeschaltet hatte.

 

„Ihr aber auch nicht“, erwiderte von Haase schnippisch.

 

„Alex“, sagte Kim, „was bedeutet es, dass Holtz drei Zahlen gefunden hat, die durch eine Hunderterzahl teilbar sind. Was ist daran so aufregend?“

 

„Dass drei Zahlen durch eine vierte Zahl teilbar sind, ist überhaupt nicht aufregend“, antwortete Alexander. „Was ich ebenso wenig weiß wie Du, ist, warum für Holtz diese Entdeckung so überaus wichtig war.“ Er schloss die Augen und rieb sich ein paar Mal über die Stirn. Dann beugte er sich zu von Haase.

 

„Als Du uns von dem Brief erzählt hast, den er Dir geschrieben hat, sagtest Du da nicht etwas von einem Kalender, einem Besuchskalender? Wir haben es also mit Jahreszahlen zu tun. Jahreszahlen…“ Er tippte Kim an die Schulter. „Pass auf: Was haben Eintausendneunhundertachtundzwanzig, Eintausendneunhundertzweiundsiebzig und Zweitausendundacht gemeinsam? Kleiner Tipp: Diese Zahlen sind durch vier teilbar.“

 

Kim schüttelte verwirrt den Kopf. „Moment. Eintausendneunhundert was?“

 

„Eintausendneunhundertachtundzwanzig, eintausendneunhundertzweiundsiebzig und zweitausendundacht.“

 

„Keine Ahnung. Gehört das zum Grundwissen?“

 

„Schreib die Zahlen mal auf.“

 

Alexander diktierte, und Kim tippte die Zahlen in ihr Telefon. Dann las sie sie vor: „Neunzehnhundertachtundzwanzig, Neunzehnhundertzweiundsiebzig und Zweitausendacht. Das sind Jahreszahlen, oder?“

 

„Amsterdam 1928, München 1972, Peking 2008“, sagte von Haase, der froh war, auch etwas beitragen zu können.

 

„Ich verstehe nur Bahnhof“, sagte Kim.

 

„Es sind Jahre, in denen Olympische Spiele stattfanden“, sagte von Haase.

 

„Genau. Der Schlüssel zum Code lautet 4, und die Lösung ist: Olympische Spiele. Ich nehme an, dass es um so etwas geht. Aber um was es genau geht, weiß ich nicht.“

 

„Vielleicht helfen uns seine beiden letzten Aphorismen weiter“, meinte Kim. „Hat das Orakel von Delphi nicht auch solch dunkle Sentenzen von sich gegeben?“

 

„Der Mann ist kein Orakel, der ist nicht ganz bei Trost“, sagte von Haase grollend und rutschte in seinem Sessel noch ein Stück tiefer.

 

„Allmählich entsteht Ermüdung. Alles endet ewiglich“, murmelte Alexander. „Klingt ziemlich banal.“

 

„Pseudo-religiös. So hört es sich für mich an“, erklärte von Haase mürrisch. „Alles endet ewiglich. Was soll das heißen: alles? Das Menschenleben? Das endet in überschaubarer Frist.“

 

„Das Ewige ist das Unausdenkbare. Da stößt unser Denken an seine Grenzen. Was nach dem Ende unserer Zeit geschieht, ist unvorstellbar. Für einen Physiker wie Holtz ein quälender Gedanke. Vielleicht ist es das“, schlug Alexander vor.

 

„Ich werde noch einmal zu ihm gehen“, sagte Kim entschlossen.

 

„Bist Du verrückt?“ sagte von Haase. „Der Mann ist gemeingefährlich.“

 

„Das denke ich nicht“, erwiderte Kim. „Mehr als rausschmeißen kann er mich nicht.“

 

Die beiden Männer starrten ihr hinterher. Schließlich sagte von Haase zu Alexander: „Findest Du nicht auch, dass Frauen nichts anderes sind als groß gewachsene Kinder?“

 

 

Kim hatte zwar angeklopft, erwartete aber keine Reaktion. Als sie in das Zimmer trat, saß Holtz mit dem Rücken zu ihr am Schreibtisch.

 

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie noch einmal überfalle“, sagte sie, während sie auf ihn zuging, und weil er keine Reaktion zeigte, stellte sie sich rechts neben den Schreibtisch, mit dem Rücken zur Wand, so dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte.

 

Holtz war damit beschäftigt, Schmetterlingsflügel mit der Pinzette aus dem Album zu nehmen und sie übereinander in einer Schachtel zu sammeln. Er war offenbar fast fertig mit seiner Arbeit. Neben ihm lag ein kleines, quadratisch gerahmtes Bild, in dem Kim jenes erkannte, das vorher über seinem Bett gehangen hatte. Ein gelber Merkzettel klebte auf der Glasscheibe. Holtz nahm es und überreichte es ihr. Auf dem Zettel stand:

 

GEDÄCHTNISBILD VON KARL-HEINZ HOLTZ FÜR M.ME FAIRCHILD.

 

„Ein Geschenk für mich?“

 

Kim löste den Klebezettel und betrachtete das Bild. Das kräftig strukturierte Papier war leicht gewellt, und unter dem Blau, Rot und Gelb der Wasserfarbe konnte sie den feinen Bleistiftstrich der Konstruktionszeichnung erkennen. Die Ränder waren mit schwarzer Tusche gezogen.

„Das ist aber schön“, sagte sie. „Haben Sie das gemacht?“

 

Holtz nickte und schloss das Album, das jetzt vollständig leer war. Sein Blick tendierte zur Unstetheit. Irrte sich Kim, oder sah sie wirklich Tränen in seinen Augen? Verlegen wandte sie sich wieder dem Bild zu. Es waren stilisierte Schmetterlinge, die in ihrer Symmetrie überlappungsfrei eine Art Parkett bildeten. Oder vielmehr ein Parkettmuster in der Form von Schmetterlingen.

 

Über das Bild hinweg sah Kim, dass Holtz damit beschäftigt war, sich im Abstand von etwa drei Zentimetern zwei Linien Klebstoff auf dem linken Unterarm aufzutragen. Dann nahm er mit der Pinzette den obersten Schmetterlingsflügel aus der Schachtel, legte ihn knapp über der Handwurzel mittten auf eine Klebstofflinie und drückte ihn mit der Pinzette leicht an. Auf diese Weise fuhr er fort, bis sein linker Unterarm vollständig mit Schmetterlingsflügeln bedeckt war. Kim verharrte regungslos. Es war, als sähe sie bei der Entstehung eines Kunstwerks zu. Danach wiederholte Holtz die Prozedur mit dem anderen Arm. Als er seine Arbeit beendet hatte, wedelte er ein paar Mal kräftig mit den Armen, als wenn er sich Kühlung verschaffen müsste.

 

Kim erwachte wie aus einem Traum. Beinahe hätte sie das Bild fallen lassen; gerade noch gelang es ihr, es aufzufangen. Schnell verstaute sie es in ihrer Handtasche.

 

„Herr Holtz“, sagte sie sanft, „Sie hatten einmal vor, einen Beitrag zum Verständnis unseres Lebens zu leisten. Sie wollten sich einreihen in die Tradition der Menschheitshelfer, der großen Vordenker, Kopernikus, Galilei, Kepler, Newton, Herschel, Einstein…“

 

Sie brach die Aufzählung ab, weil Holtz nach einem Zettel griff, um ihn zu beschreiben. Er reichte ihn ihr. W. HERSCHEL ODER C. HERSCHEL? stand darauf.

 

„W. oder C.? Da muss ich passen, den Vornamen kenne ich nicht.“

 

Holtz nickte lächelnd. Eine Träne rollte sehr langsam seine Wange hinunter und wurde mit der Zunge aufgefangen. Hatte er der Solidität ihres Wissens auf den Grund gehen wollen? Wenn ja, hatte sie jetzt sicher keinen guten Eindruck hinterlassen. War er deswegen traurig?

 

„Wollen Sie Ihre Erkenntnisse nicht doch der Welt schenken?“ Sie fragte es so vorsichtig, als hätte sie Angst vor der Antwort. „Das kann mit sehr viel Glücksgefühl für Sie verbunden sein.“

Anstelle einer Antwort suchte Holtz aus dem Stapel der gebrauchten Zettel einen heraus und gab ihn ihr. ALLMÄHLICH ENTSTEHT ERMÜDUNG. ALLES ENDET EWIGLICH. Schon einmal hatte er damit ein Gespräch beendet – falls man geneigt war, den Austausch mit ihm als Gespräch zu bezeichnen.

 

Diesmal blieb Kim standhaft. „Weshalb verschanzen sie sich hinter ihrer Wortlosigkeit, Herr Holtz?“

 

Holtz reagierte nicht. Er schaute nur auf seine geflügelten Arme, als sei er ein Maikäfer, der gleich losfliegen würde.

 

„Na gut“, sagte Kim, löste sich langsam von der Wand und ging an Holtz vorbei zur Zimmertür. Insgeheim hoffte sie, er würde sie zurückhalten, aber nichts dergleichen geschah. „Vielleicht überlegen Sie es sich ja noch.“

 

In ihrem Rücken knackte etwas, wie Dielen unter schwerem Schuhwerk. Kam er ihr hinterher?

Im Türrahmen wollte sie sich umdrehen, ihn fest anschauen, um ihn doch noch dazu zu bringen, sein Geheimnis preiszugeben, aber beim Öffnen schlug ihr plötzlich die Tür entgegen, getrieben von einem Schwall Luft, wie wenn im gleichen Moment jemand das Zimmer über Kreuz lüften würde. Sie nahm die Hand von der Klinke und drehte sich um. Das Fenster über dem Schreibtisch stand weit offen, und das Zimmer war leer.

 

 
 
 
22. Juli
4 Min. Lesezeit

Von Haase schaltete das Diktiergerät ein und stellte es in die Mitte des mit Zeitschriften bedeckten Tischs zwischen ihnen.

 

Auf dem Band war zunächst das Geräusch des Einschaltens zu hören, dann von Haases Dank für etwas, das sich sogleich als Memorandum herausstellte, das Holtz offenbar zwischen den beiden Besuchen verfasst hatte, und gleich darauf war von Haase mit der Frage zu hören, ob er es vorlesen solle. Nachdem er dies offensichtlich bestätigt bekommen hatte, folgte ein „Also gut. Darf ich mich hier hinsetzen? Danke“ und das Knistern von Papier, und dann begann von Haase vorzulesen. Seine Stimme klang unaufgeregt, nicht minder gleichmäßig und ruhig als Holtz‘ Schriftzüge auf seinen Notizzetteln.

 

Auf die Theorie bin ich gekommen, weil ich mit den Jahreszahlen operiert habe, die in Ihren Büchern vorkommen. Dazu muss ich Ihnen aber erst einmal erklären, wie ich überhaupt an Ihre Bücher gelangt bin. Ich hatte einen Schwager, der in Tübingen Chemie studiert hat, ein gebürtiger Leipziger. Dem hatte ich Ende der 50er Jahre Fachbücher zukommen lassen, für sein Studium. Offenbar waren unsere Bücher besser als die im Westen. Dieser Schwager hat dann in Tübingen promoviert und nachher bei der Firma Höchst in Frankfurt gearbeitet. Alles lief gut, er hatte Familie, hat sehr gut verdient, unter anderem durch Medikamentenversuche, die er an sich selbst vorgenommen hat. Aber dann gab es plötzlich einen Bruch, erst in der Familie, und dann auch im Beruf. Meine Schwester beantragte die Scheidung, die beiden Kinder wurden ihr zugesprochen, und in der Firma lief es auch nicht mehr wie früher. Ein junger Kollege wurde ihm an die Seite gegeben, der mehr und mehr seine Aufgaben übernahm. Er wurde an den Rand gedrängt, er wurde überflüssig. Und wenn zwei solcher Enttäuschungen oder Demütigungen oder Zurücksetzungen zusammen kommen, dann kann das selbst einen Zuchtbullen in vollem Galopp fällen.

 

An dieser Stelle hörte man, wie von Haase laut durch die Nase einatmete und mit einem kurzen Stoß wieder ausatmete, bevor er die Lesung fortsetzte.

 

Als man ihm anbot, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, nahm er das Angebot an. Und wie es so ist – wenn man erst mal aus der gewohnten täglichen Routine heraus ist, versumpft man von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Zuletzt igelte er sich ganz ein. Der einzige Kontakt, den er überhaupt noch hatte, war der zu mir, und der war auch nur indirekt, denn aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit durfte ich keinerlei Westkontakt unterhalten. Das ging alles über meine Mutter in Leipzig, seine ehemalige Schwiegermutter. Der schickte er Ihre Bücher, die ich unbedingt lesen sollte. Nun werden Sie sich wundern, wieso er Bücher in den Osten schicken konnte. Ganz simpel: Er zerlegte sie in einzelne Seiten und schickte sie als einfachen Brief, mit wechselnden Absendern.

 

Wieder war ein kräftiger Atemzug von Haases zu hören, diesmal von der Bemerkung gefolgt, das sei ja eine „richtige Epistel“, und danach las er weiter.

 

Ihre Bücher, besonders das erste, ‚Wir sind nicht allein‘, haben mir gefallen. Es war eine interessante Spekulation, ein schöner Ausgleich auch zu meiner sonstigen Arbeit. Ich war zuletzt im Rechenzentrum der Hauptverwaltung Aufklärung. Staatssicherheit, wenn Ihnen das mehr sagt, Sektor Wissenschaft und Technik. Ein gigantischer Sektor. Die HVA ließ bei uns, also bei Robotron, eine spezielle Software entwickeln, und zwar gleich auf zwei unabhängigen Kanälen, von zwei unterschiedlichen Abteilungen, von denen jede ihre eigene Unterstützungsbrigade bei Robotron hatte. Die Kader, wie man es bei uns genannt hat, wurden lange vorher ausgewählt. Nur die besten sollten diese Software-Sachen entwickeln. Und dazu gehörte ich. Und als man mich fragte, ob ich die Firma wechseln wollte, sagte ich natürlich nicht Nein. Offiziell stand ich aber nach wie vor im Dienst von Robotron. Wir hatten die neusten Maschinen. Sie waren ziemlich groß. Sie rechneten Tag und Nacht. Es dauerte ewig, bis sie fertig waren. Aber sie funktionierten. Und ich hatte den Zugang. Irgendwann bin ich darauf gekommen, Ihre Jahreszahlen in den Rechner einzugeben. Es war praktisch ein Testlauf, ein Spiel – bloß um zu sehen, was dabei herauskommt.

 

„Jahreszahlen?“ fragte von Haases Stimme, und gleich darauf: „Steht alles drin?“ Dann fuhr er fort.

 

Jahreszahlen in den Rechner einzugeben… In verschiedenen Kombinationen. Zuerst waren es immer nur zwei. Dazu suchte ich dann eine passende dritte. Und dann ging das Rechnen los. Ich bin es angegangen wie die Entzifferung eines Zahlencodes. Ich war ganz allein, aber ich hatte eine Maschine. Hunderte, Tausende, ja Zehntausende von Rechenoperationen habe ich über jeweils drei Zahlen laufen lassen. Mit einer eingebauten Unschärferelation. Und dabei habe ich festgestellt, dass drei dieser vielen Zahlen sich durch eine vierte dreistellige Zahl teilen ließen. Das ist ja nicht selbstverständlich. Mit kleinen Manipulationen freilich. Die aber Fehler in den Quellen berücksichtigten.

 

„Moment. Du hast Zahlen aus meinen Büchern benutzt? – Aha. Und mit Deinem Großrechner einen Code geknackt. Beziehungsweise ihn erst generiert und in einem zweiten Arbeitsschritt geknackt. – Stimmt also. Und was bedeutet das? Was kam dabei heraus?“

 

Es folgte ein längeres Schweigen, ehe von Haase seine Frage wiederholte: „Was kam dabei heraus? Willst Du es nicht sagen? Wo ist der Rest dieses Sermons?“

 

Darauf hörte man ihn stöhnen und „Danke“ sagen, und gleich darauf folgte „Was heißt das?“ Offenbar hatte ihm Holtz einen Gesprächszettel gereicht.

 

„Ich bin kein Doktor“, sagte er dann. Seine Stimme klang gereizt. „Ich bin zwar Professor, aber von einer italienischen Akademie, was mich seinerzeit einige Millionen Lira gekostet hat. Und was heißt: selber denken? Du warst doch im Rechenzentrum, nicht ich. Ohne Deine Maschinen hättest Du doch auch nichts herausbekommen. – Nein, nicht schon wieder einen Zettel. Na gut. Ich bin ja der geborene Dulder. – Ich muss es selber wissen, weil ich darüber Bücher geschrieben habe? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Hör mal, wenn nur Leute mit Wissen Bücher schreiben würden, wäre unser Buchmarkt wie leergefegt. Ganze Bataillone von Autoren würden über Nacht arbeitslos, Leute wie Houellebecq oder Mosebach könnten sich aufhängen. – Noch ein Zettel? Meinetwegen. Allmählich entsteht Ermüdung. Alles endet ewiglich. Jetzt haben wir wieder die Rätselsprüche. Pass mal auf, mein lieber Freund und Kupferstecher, Schreiben heißt nicht wissen, sondern behaupten. Ich habe lediglich Behauptungen aufgestellt. So wie Dein Staat auch bloß eine Behauptung war. – Jetzt reg Dich doch nicht auf… Ich meine, wie lange hat Dein Land denn existiert, 40 Jahre… Das ist weniger als eine Millisekunde auf der Erdzeituhr, und ich rechne erst ab dem Pleistozän! Nein, tu das nicht, Karl-Heinz! DAS IST KÖRPERVERLETZUNG… NEIN!“

 

Danach war ein krachendes Geräusch zu hören, Möbel wurden geschoben, eine Tür aufgerissen und dann klang es nach dem Hall von eiligen Schritten im Korridor.

 

 
 
 
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