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Auch die breithüftige „Venus von Sélestat“, von der nur Teile des Beckens, der Rippen und ein rechter Oberschenkel geborgen werden konnten, war in Wirklichkeit weitaus jünger als von Croqué gemessen. Statt wie angegeben „ca. 21.300 Jahre“ war sie nicht älter als 3.400 Jahre. Für das Naturhistorische Museum in Colmar war sie jedoch ein Publikumsmagnet und musste seither für alle Publikationen als Logo herhalten. T-Shirts und Tassen wurden mit dem Torso der „Venus“ bedruckt, und die Produktion von Schlüsselanhängern aus Kunststoff, Glas oder Zinkguss konnte kaum mit der Nachfrage Schritt halten.


Jüngst war ihm vom Musée d’Ethnographie in Neuchâtel ein Calvarium übergeben worden, das 1967 beim Baggern im Uferschlamm des Neuenburger Sees in acht Meter Tiefe entdeckt worden war und seitdem eine traurige Existenz im Magazin fristete. Nach einem Wechsel in der Museumsleitung entschied die neue Direktorin, eine Knochenprobe von Croqués Straßburger Labor datieren zu lassen. Als Fachleute zur Probenentnahme den ersten Halswirbel aufschnitten, nahmen sie den klassischen Verwesungsgeruch wahr und schätzten das Alter auf 200 bis 400 Jahre. Umso überraschter waren sie, als Croqué den Schädel in das Jungpaläolithikum rückte: „17.500 Jahre, plus/minus 90“.


Zuletzt waren von Croqué einige verkohlte Knochenreste, die ihm ein Kurier in einem Stahlkoffer übergeben hatte, begutachtet worden. Der Legende nach handelte es sich bei dem Leichenbrand um die sterblichen Überreste der heiligen Anastasia, die um das Jahr 340 in Sirmium im heutigen Serbien den Märtyrertod gestorben war. Nachdem ein Theologieprofessor in Belgrad in einer großen Abhandlung, die auszugsweise von der führenden serbischen Tageszeitung „Politika“ nachgedruckt worden war, die Echtheit der seit fast 1.000 Jahren in der Anastasiakapelle in St. Gerold aufbewahrten Reliquie bestritten hatte, wollte sich der Vorsteher der Benediktinerpropstei im Großen Walsertal endlich Gewissheit verschaffen und beauftragte Croqué mit der Untersuchung. Dieser irrte nicht, wenn er annahm, dass die Propstei an einer Falsifizierung keine Freude haben würde. Deshalb legte er für seine rein mentale Analyse das Sterbedatum der Heiligen zugrunde (womit er fast an die realen Grenzen der Messbarkeit nach der Radiokarbonmethode stieß) und legte sich auf das Jahr 335 fest, „plus minus 20 Jahre“, wie es in seinem Gutachten hieß. Ein wenig Unschärfe konnte nicht schaden.


Seit einigen Wochen saß Croqué an einem Berg von Knochenresten, die bei Straßenbauarbeiten in der Nähe eines erloschenen Vulkans im Zentralmassiv entdeckt und ihm vom Départementalamt für Denkmalpflege in Clermont-Ferrand übergeben worden waren. Die Archäologen vermuteten ein Alter von etwa 1500 Jahren, aus der Merowingerzeit. Croqué würde die Zahl gerne mit 10, vielleicht sogar mit 15 multiplizieren: Eiszeitjäger! Die Tourismusmanager von Blanzat, Enval und Neschers würden ihm die Füße küssen.


Damit war es jetzt vermutlich vorbei. Nachmessungen würden ergeben, wie oft, und vor allem: wie weit er danebengelegen hatte. Vielleicht ließen sich im Vieraugengespräch Irrtum und Verdienst gegeneinander aufrechnen. Vielleicht! Für den Notfall hatte er immer noch einen Trumpf im Ärmel. Nicht für den Kampf mit van Drongelen & Co.; den würde er verlieren. Aber für die Auseinandersetzung mit Laroussi, diesem Saubermann. Doch so weit wollte er es möglichst nicht kommen lassen.


„Monsieur Croqué“, sagte Laroussi, nachdem die Sekretärin Kaffee und Mineralwasser auf den runden Tisch zwischen ihnen gestellt hatte, „bei unserem letzten Gespräch hatten wir uns über einen Artikel unterhalten, den Professor van Drongelen von der Reichsuniversität Groningen letztes Jahr veröffentlicht hat. Sie erinnern sich?“


„Natürlich“, antwortete Croqué, der Mühe hatte, das Gefühl gereizter Feindseligkeit zu unterdrücken. „Der alte Zausel glaubt, er misst besser. Die alte Rivalität zwischen Frankreich und den Niederlanden. Sie sind uns immer noch böse wegen Belgien.“


„Van Drongelen gilt anscheinend als einer der renommiertesten Archäologen unserer Zeit. Sein Aufsatz hat damals bedauerlich viel Aufsehen erregt, nicht nur in der Fachwelt. Sogar die Auslandspresse hat den Fall aufgegriffen.“


„Ich weiß, Magnifizenz. Es war Sommer, Sauregurkenzeit. So ein angeblicher Skandal findet immer Aufmerksamkeit. Man muss die Journalisten verstehen. Damit sichern sie ihre Arbeitsplätze. Heute kräht kein Hahn mehr danach. Schnee von gestern.“


„Sie haben mir damals glaubhaft versichert, dass Ihre Messwerte korrekt und die Abweichungen durch Verunreinigungen im Groninger Labor zustande gekommen seien.“


„Höchstwahrscheinlich. Oder die Messgeräte wurden nicht richtig bedient. Das ist ja auch nicht jedermanns Sache. Leider haben die meisten Anthropologen nicht Chemie und Physik studiert und können deshalb kein fachliches Urteil abgeben.“


„Ich habe mich damals mit Ihrer Erklärung zufriedengegeben und Professor van Drongelen eine entsprechende Mitteilung zukommen lassen.“


„Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet. Sie sind ein hochanständiger Mensch, Monsieur Laroussi, das wusste ich schon, als Sie sich vor acht Jahren für die Stelle des Fakultätsdirektors beworben haben. Deswegen habe ich mich damals ja auch für Sie eingesetzt.“


Es traf zu, dass Laroussi die Wahl Croqué verdankte, der an die versammelten 33 Mitgliedern des Fakultätsrats appelliert hatte, im Sinne der Qualitätssicherung endlich ein Signal zu setzen. „Angesichts der wachsenden Studierendenzahlen und immer komplexeren Verwaltungsprozesse reicht es nicht“, hatte Croqué unmittelbar vor der Abstimmung mit einem Seitenblick auf die zur Wiederwahl angetretene Humanbiologin Villetard erklärt, „einmal in der Woche ins Fakultätsbüro zu kommen, schnell die Unterschriftenmappe durchzuarbeiten und sich dann wieder in den Lehrstuhlbetrieb zu verabschieden. Was wir brauchen, ist ein professioneller Doyen, der nicht nur Preise verleiht und schöne Reden hält, sondern dem erhöhten Entscheidungsbedarf Rechnung trägt. Wenn unsere Humanwissenschaftliche Fakultät sich ihre, und ich glaube sagen zu dürfen: von uns allen genossene, Autonomie erhalten will, bedürfen wir eines hauptamtlichen Direktors.“ Damit hatte sich die erneute Kandidatur von Madame Villetard erledigt und Laroussi wurde mit 30 Ja-Stimmen bei zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung gewählt.


Zwei Jahre später dann war die in Croqués Augen übereilte Wahl Laroussis zum Président d’université erfolgt. In der geheimen Wahl hatte er diesmal nicht für ihn gestimmt, obwohl er im Nachhinein das Gegenteil behauptete und sich zu einem entschiedenen Parteigänger Laroussis erklärte. Tatsächlich passte ihm dessen Aufstieg nur deswegen nicht, weil er ohne sein Zutun zustande gekommen war und daher nicht mit einem Gefühl von Verpflichtung einherging. Alle Entscheidungen, die Laroussi seither in seinem neuen Amt getroffen hatte, wurden von Croqué mit Skepsis beäugt und im Nachhinein so gut wie immer als „verfehlt“, „unrealistisch“ oder „überflüssig“ abgetan. Nach dessen Wiederwahl vor zwei Jahren, die Croqué im Vorfeld nicht hatte verhindern können, weshalb er anschließend durchblicken ließ, dass „der Tunesier“ nicht sein Favorit gewesen sei, kam es immer häufiger vor, dass Croqué hinter Laroussis Rücken gegen diesen Front zu machen versuchte und sich bei Abstimmungen auf die Seite seiner Widersacher, von denen es immer welche gab, schlug. Zuletzt machte er gar keinen Hehl mehr aus der Tatsache, dass er seine frühere Parteinahme für Laroussi bereute.

 

 
 
 

 

Croqué saß in diesem Augenblick, als sein Name fiel, im mit üppigen Polstermöbeln ausgestatteten Besprechungszimmer von Chekif Laroussi, Professor für Psychopathologie und im sechsten Jahr Präsident der Université Sébastien Brant.


Es war Laroussi, der um die Zusammenkunft gebeten hatte, und er hatte durch seine Sekretärin zugleich mitteilen lassen, die Sache sei „sehr dringlich“.


Chekif Laroussi war ein Mann der Tat. Das hatte er sich von seinem Vater abgeschaut, einem wortkargen Mann mit eisernen Grundsätzen aus der Hafenstadt Salakta, der mit 14 Jahren aus Tunesien nach Marseille gekommen und sich vom Handlanger eines Gemüsehändlers zu dessen Filialleiter hochgearbeitet, schließlich einen eigenen Laden aufgemacht, geheiratet und mit seiner Frau, einer gelernten Köchin, ein kleines Restaurant mit Spezialitäten aus dem Maghreb betrieben hatte, das ihm ein gutes, wenngleich nicht üppiges Auskommen bescherte. Sein Sohn aber, das stand für ihn fest, sollte Akademiker werden, Professor für irgendwas, egal ob Medizin oder Jura. Dafür legten er und seine Frau sich schließlich jahrelang krumm. Und tatsächlich zahlte ihnen Chekif jeden in seine Ausbildung investierten Cent zurück, in Form von beruflichem Erfolg und Anerkennung. Und ja, auch in Form von Ruhm für den verzweigten Familienclan. Denn Chekif Laroussi war nicht nur der jüngste Präsident einer elsässischen Hochschule, sondern zugleich der erste mit nordafrikanischen Wurzeln.


Und das nicht ohne Grund. Bereits mit 16 Jahren gewann er in seiner Altersklasse einen landesweit ausgeschriebenen Wettbewerb für den besten philosophischen Essay zum Thema „Zeit“. Die Aufnahmeprüfung für die Elitehochschule École normale supérieure in Paris, an der selbst noch höher Begabte häufig scheiterten, bestand er auf Anhieb. Seine Magisterarbeit schrieb er über „Determinanten des Kondomgebrauchs bei jungen Erwachsenen“. Nach seiner Promotion an der Université Paris Nanterre war er zwei Jahre lang Post-Doktorand an der Universität Cambridge. Es folgten mehrere Gastprofessuren, ehe er 1997 den Lehrstuhl für Psychopathologie an der Université Sébastien Brant erhielt. Zehn Jahre später hatte er die Direktion der neu errichteten Humanwissenschaftlichen Fakultät übernommen, und nur weitere zwei Jahre später war seine bisherige berufliche Laufbahn mit der Wahl zum Président d’université gekrönt worden. Unter der Hand war schon war die Rede davon, dass den Parteilosen der nächste Karrieresprung in das Amt des Wissenschafts-, vielleicht sogar des Innenministers befördern würde, und danach war alles möglich.


Croqué konnte sich denken, weswegen Laroussi ihn einbestellt hatte. Gerüchteweise war er bereits darüber informiert, dass van Drongelen in Groningen eine neue Schweinerei gegen ihn ins Werk gesetzt hatte. Sein Assistent Bouchon verfügte über freundschaftliche Beziehungen zu Wissenschaftlern in Deutschland, die ihrerseits eng mit Kollegen in den USA verbunden waren, die zu seinen Gegnern zählten. Aus dieser Quelle flossen seine Informationen. Deswegen hatte er heute als Garderobe seinen dunkelblauen Business-Anzug gewählt, einen Dreiteiler aus Schurwolle. Darunter trug er ein pastellfarbenes Hemd in Bleu mit glattem Kragen aus Sea-Island-Cotton, dessen Doppelmanschetten exakt 15 Millimeter aus dem Ärmel des Jacketts hervorschauten, und eine cremefarbene Seidenkrawatte.


Zweifellos ging es wieder um seine C14-Messungen. Die Anschaffung einer 3,5 Millionen Euro teuren Radiokarbonmessanlage zur Altersbestimmung von archäologischen Fundstücken war eines seiner frühen Meisterstücke an der Universität gewesen. Bezahlt wurde sie komplett aus einem Förderprogramm des Centre national de la recherche scientifique. Die Université Sébastien Brant stellte einen Teilchenphysiker mit einem Dreijahresvertrag ein und übernahm für diesen Zeitraum sämtliche Betriebskosten. Nach Ablauf der drei Jahre sollten die Analysen von Croqué bzw. seinen Mitarbeitern vorgenommen und die laufenden Kosten komplett über Einnahmen aus Messungen im Auftrag Dritter bestritten werden.


Tatsächlich konnte Croqué nach dem Ausscheiden des Messexperten mit dem 9 Meter langen, bleiummantelten elektrostatischen Tandem-Beschleuniger und den beiden Massenspektrometern wenig anfangen. Völlig hilflos stand er vor der Anlage, deren Funktionieren ihm ein Rätsel war und die er darum nie in Betrieb nahm. Um dennoch für die geforderten Einkünfte zu sorgen, ließ er Anzeigen in Fachzeitschriften schalten. Für gewöhnlich wurden von den C14-Laboren 250.- bis 300.- Euro pro Analyse berechnet; Croqué warb für seine Altersbestimmung homininer Fossilien und anderer Artefakte mit einem Kampfpreis von 199,00 Euro. Das verhalf ihm zu zahlreichen Aufträgen vor allem aus Frankreich, aber auch aus Deutschland, Spanien, Kroatien, der Türkei, dem Nordirak, Usbekistan und Tadschikistan.


Seitdem hatte er Dutzende menschliche Überreste auf seine Weise bestimmt, die so aussah, dass er sich einfach ein plausibles Alter ausdachte und an die Archäologen weiterreichte. Dabei handelte es sich keineswegs um Gefälligkeitsgutachten. Obgleich er sich dafür wohl kaum zu schade gewesen wäre, hätte keiner seiner Auftraggeber gewagt, ein derartiges Ansinnen an ihn zu stellen. Wenn er die ihm zur Bestimmung überlassenen menschlichen Überreste so alt wie möglich machte, geschah es stets aus eigenem Antrieb.


Gleichwohl wusste er sich immer in Übereinstimmung mit seinen Auftraggebern, deren heimliche Wünsche er damit erfüllte. Denn nie wurden ihm menschliche Überreste mit der Hoffnung übergeben, es handele sich dabei um Todesfälle der Neuzeit. Vielmehr wünschte jeder, er möge bestätigen, dass es sich um Relikte einer fernen Epoche handelte, um einen Schatz, der zur Attraktivität des Fundorts bzw. der ausstellenden Institution wesentlich beitragen würde. Das gewünschte Datum zu erraten, fiel Croqué nicht schwer: Aus den mitgelieferten Dokumenten konnte er in der Regel entnehmen, welche Expertise die Auftraggeber über die Maßen zufriedenstellen, ja: entzücken würde. Und je größer das Entzücken war, desto größer auch das Echo in den Medien, für die der smarte Professor längst zum begehrten Interviewpartner geworden war, der auch schon so manches Mal zusammen mit anderen Prominenten in Talkrunden gesessen hatte. Schon träumte er von einer eigenen Wissenschaftsshow.


All das wäre ohne ein bisschen Mogelei nicht passiert. Wen hätte es interessiert, wenn er dem Archäologischen Museum in Le Havre per Gutachten den Besitz von einem Haufen Knochen aus der Jungsteinzeit bescheinigt hätte, weniger als 10.000 Jahre alt. Keinen Hund hätte das hinter dem Ofen hervorgelockt. Stattdessen war er so großzügig gewesen, sie mit dem Skelettfragment des „Entenjägers von Étretat“ zu beschenken, so genannt wegen der in der Nähe gefundenen Entenknochen, einem Mischling zwischen Neandertaler und Homo sapiens, der laut Croqué vor rund 36.500 Jahren an der sogenannten Alabasterküste des Ärmelkanals lebte. Der 1925 in einer Kiesgrube entdeckten „Mademoiselle von Saint-Siméon“ verpasste Croqué ein würdiges Alter von 39.240 Jahren, was sie zusammen mit dem „Entenjäger“ zu einem Prunkstück der Sammlung machte. Dafür hatte er lediglich seinen Taschenrechner sein Geburtsjahr mit 20 multiplizieren lassen.

 

 
 
 

Der Zug pfiff und raste wenig später an einem Bahnübergang vorbei. An der Schranke stand eine junge Frau mit aufgesteckten Haaren in einem lila Pullover.


Kim zückte ihr Notizbuch und notierte einzelne Buchstaben. Alexander sah ihr über die Schulter zu, wie sie daraus Wörter bildete, wieder durchstrich und durch neue Wörter ersetzte, ehe sie die Lösung verkündete.


„Da stand einmal: und in der Folge bloß den haltlosen Speculationen eines M. Seredenberg Nahrung zu geben vermag. Den Namen Seredenberg kann ich allerdings nur raten. Das große S am Anfang ist unzweideutig. Dann sehe ich zwei Buchstaben mit Oberlänge und einen Buchstaben mit Unterlänge, das sind d, b und g. Der Rest ist Phantasie.“


„Ich würde zu gern wissen, warum Oberlin das gestrichen hat.“


„Eins ist jedenfalls klar: Er hat den Unbekannten nicht für einen Engländer gehalten. Aus dem Protokoll geht ja ganz klar hervor, dass er von einer lokalen Herkunft ausging, was ihm aber die alten Leute, die er befragte, nicht bestätigen konnten. Als er den Eintrag im Namensregister vornahm, hatte er überhaupt nichts in der Hand, um eine Zuordnung vornehmen zu können.“


„Du meinst, das gestrichene Wort heißt gar nicht englische?“


„Lass uns noch mal den Eintrag im Register ansehen.“


Kim ließ sich die entsprechende Seite anzeigen, und gemeinsam beugten sie sich über das Display.


„An Deiner Entzifferung habe ich keinen Zweifel“, sagte Alexander schließlich. „Aber vielleicht gibt es eine Nebenbedeutung von englisch, im Sinne von fremdartig. Oder vielleicht mit der Bedeutung schrecklich, abstoßend, hässlich. Englische – englische... Kann das Wort dahinter Kreatur geheißen haben?“


„Es ist so dick gestrichen... Man kann praktisch nichts mehr erkennen. Außer vielleicht einem großen C und einem u-Bogen... Die Länge würde passen... Ja, vielleicht stand da mal Creatur. Mit C.“


„Englische Creatur. Könnte das ein Synonym für Monster gewesen sein? – Gib noch mal her.“


Alexander nahm das Telefon an sich, wechselte zurück zu Seite 267 und wiederholte, was Kim entziffert hatte. „Ergo muss verhindert werden, dass dieß Individuum einer übereifrigen Wissenschaft als Object fernerer Untersuchungen dient, als Sensation in Spiritus gesetzt und auf dem Jahrmarkte ausgestellt wird und in der Folge bloß den haltlosen Speculationen eines Monsieur Seredenberg – oder wie immer er heißt – Nahrung zu geben vermag. Das ist spannend.“


„Erstaunlich, dass Oberlin nicht von einem armen Christenmenschen spricht, wie man es von einem Pfarrer erwarten könnte, sondern bloß von einem Individuum.“


„Ursprünglich sogar von einer Creatur, deren Einzigartigkeit ihm bewusst ist“, ergänzte Alexander. „Denn er sieht ihn schon als Sensation auf den Jahrmärkten, weil sich übereifrige Wissenschaftler damit beschäftigen.“


„Deren Untersuchungen zur Folge haben, dass die Spekulationen –“


„Nehmen wir lieber einen neutralen Ausdruck“, unterbrach sie Alexander: „Dass die Theorien –“


„Meinetwegen. Die Theorien eines gewissen Seredenberg dadurch Auftrieb erhalten.“


„Davor hatte er Angst, theologische Angst. Die Angst des Theologen vor der wissenschaftlichen Erkenntnis. Vielleicht war dieser Seredenberg eine Art Darwin des 18. Jahrhunderts, der den göttlichen Schöpfungsplan anzweifelte. Was weiß denn ich.“


„Gibt es denn jemand in der Wissenschaftsgeschichte, dessen Name ähnlich lautet wie Seredenberg? Vielleicht ist das letzte e auch ein o. – Seredenborg?“


Der Zug näherte sich inzwischen Entzheim. Ackerland, Wiesen und Wald wechselten mit Fabrikhallen, offenen und gedeckten Lagergebäuden. Viele Logistikunternehmen hatten sich hier in der Nähe des Flughafens angesiedelt. In knapp zehn Minuten würden sie in Straßburg eintreffen.


Alexander ließ sich von Kim das Telefon reichen. „Ich werde die Namensvarianten mal durchspielen.“


Er startete die Namenssuche, indem er „Seredenberg“ eintippte und „Speculation“ hinzusetzte.


Doch anstatt ihm ein einziges Ergebnis anzuzeigen, wollte die Suchmaschine wissen: „Meintest du: fredenberg speculation?“


Er gab die Frage an Kim weiter. „Ist Fredenberg möglich?“


„Nein. Der Name fängt eindeutig mit S an.“


Alexander löschte das erste e und ersetzte das dritte e durch ein o. Die Suche nach Sredenborg Speculation brachte immerhin 8 Treffer. Der erste war die pdf-Datei eines Typoskripts mit dem Titel „The Background and History of Spiritual Healing“. Alexander brauchte den Text nur zu überfliegen, um festzustellen, dass Sredenborg ein Fehler bei der automatischen Texterkennung war. In Wirklichkeit handelte es sich um einen Mann namens Swedenborg. Das war auch der Name, den ihm die Suchmaschine gleichzeitig vorgeschlagen hatte: „Meintest du: swedenborg speculation?“ Die Suche mit dem Namen Swedenborg erbrachte über 200.000 Treffer.


Alexander gab Kim das Telefon zurück. „Kann der Name auch Swedenborg lauten?“


„S-w-e?“ Kim vergrößerte die Darstellung. Tatsächlich sah es so aus, als würden auf das große S ein leicht deformiertes w und ein e folgen. „Es sieht ganz danach aus. Swedenborg. Hört sich skandinavisch an.“


„Der Name ist mir nicht ganz unbekannt. War das nicht ein Philosoph?“


Kim ließ sich Swedenborgs Biographie bei Wikipedia anzeigen und überflog die Begriffsdefinition. „Emanuel (von) Swedenborg, 1688 bis 1772, schwedischer Wissenschaftler, Mystiker und Theosoph. – Was bedeutet Theosoph?“


„Vereinfacht gesagt: religiöser Spekulant.“


„Womit wir genau bei Oberlins Vorwurf sind: Es muss verhindert werden, dass dieß Individuum und so weiter den haltlosen Speculationen eines Monsieur Swedenborg Nahrung zu geben vermag.“


„Dieser Oberlin wird mir immer sympathischer. Ich habe ihn unterschätzt. Es geht gar nicht um die Verteidigung kirchlicher Glaubenslehren gegen die moderne Wissenschaft. Es geht um die Abwehr religiöser Spekulationen, zu denen DOMINIQUE Anlass geben könnte. Und weil das schlimme Folgen haben würde, verhalf er ihm schnell zu einem christlichen Begräbnis in der Stille. Ein schöner Ausdruck übrigens, viel schöner als klammheimlich.“


Der Zug hatte den Endbahnhof Strasbourg Gare erreicht. Als sie aufstanden, streckte Kim ihm die Hand zum Abklatschen entgegen. „Alex, jetzt hast Du mich endgültig an Deiner Seite.“


Alexander umfasste Kims Finger und zog sie an seine Lippen. „Aber bist Du das nicht schon länger? Ich dachte, spätestens mit unserer Heirat…“


„Blödmann. Die Story, die Du mir nahegelegt hast. Du hattest Recht. Es ist eine interessante Geschichte.“


„Ich fürchte nur, ohne ein bisschen Unterstützung von Monsieur Croqué werden wir sie zu keinem Happy End bringen.“

 

 
 
 
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