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Der Rest des Abends verging bei Gesprächen, an denen von Haase den Hauptanteil hatte. Als Alleinunterhalter konnte er durchaus mit Scheherezade mithalten. Er sprach mehr oder weniger unaufhörlich von sich selbst, war dabei aber ein so guter Gesellschafter, dass man noch der banalsten Erzählung ohne das Gefühl, zu kurz zu kommen, lauschen konnte. Zuletzt allerdings hatte er sich, was wohl dem Pinot Noir geschuldet war, zu der Prognose verstiegen, der Nachweis prä-astronautischer Raumfahrt werde die Wissenschaft nicht bloß revolutionieren, sondern zugleich vernichten.


An diesem Punkt des Gesprächs stand Alexander, der bis dahin stumm dagesessen hatte, plötzlich auf und sagte, man möge ihn für einen Moment entschuldigen. Auf der Gästetoilette vertiefte er sich in ein Garfield-Comicbuch, doch seine Hoffnung, bis zu seiner Rückkehr sei das Thema gewechselt worden, erfüllte sich nicht. Daraufhin zogen er und Kim sich, nachdem sie sich für das „überwältigend gute Abendessen und den nicht minder schönen Abend“ bedankt hatten, mit vielen Entschuldigungen zurück.


In der Nacht lag Kim lange wach. Sie dachte an ihren Aufsatz über Künstliche Intelligenz, der jetzt auf dem Schreibtisch von Carla Grötzinger lag, der zuständigen Fachgutachterin bei Nature. Sie versuchte, ihr Bild in sich aufzurufen, in der Hoffnung, es würde sich zu einem Traum verdichten und sie in den Schlaf hinüberziehen: eine üppige Frau in den Fünfzigern mit einer Masse kleiner, rot gefärbter Löckchen auf dem Kopf... Ein breiter Hals, der mit weicher Rundung in den Kiefer überging... Tiefliegende Augen.... Ein Mund, klein und weich wie der eines Babys. Endlich schlief sie ein, und im Traum verwandelte sich Carla Grötzinger in ihre Freundin Caroline, mit der sie und weitere Kommilitonen, ganz wie in alten Zeiten, vor verschlossener Hörsaaltür stand. Um hereingelassen zu werden, lärmten und lamentierten sie lautstark, woraufhin die Tür aufgerissen wurde und die Dozentin wutentbrannt herausgeschossen kam und Caroline einen Schlag auf den Hinterkopf versetzte. Caroline war weniger verletzt als verblüfft, und während sie mit Kim über die Attacke sprach, zeigte sie ihr den Anhänger ihrer Halskette, der sie als Nachfahrin eines alten Adelsgeschlechts auswies. Danach gingen sie hinein. Die Dozentin war nun eine alte zerzauste Störchin, die auf ihrem Nest saß und ihre Jungen hütete. Kim und Caroline traten heran und entdecken weitere Nester, teils mit Eiern, teils mit entwickelten Jungen. Die Störchin war wütend, dass sie ihr gefolgt waren, und wollte sich auf sie stürzen, aber da erfüllte sich auch schon ihr Schicksal: Denn wenn aus einem der anderen Nester ein schwarzes Küken schlüpfte und eines ihrer Jungen mit dem Schnabel berührte, musste sie sterben. Ein solches schwarzes Küken richtete sich nun auf und trippelte zum Nest der Störchin hinüber, die wie gelähmt zuschauen musste, wie es eines ihrer Jungen berührte. Wie vom Blitz getroffen kippte die Störchin zur Seite und brach mitten durch, wie ein abgefressener Maiskolben.



Am Morgen zeigte der Himmel wieder ein sattes Blau. Nach dem Frühstück wurden Kim und Alexander von Araya im Garten herumgeführt, wo sie die prächtigen Rhododendren, den Fächerahorn, die Schachblumen und Pfingstrosen bewunderten. Anschließend machte von Haase Alexander Stück für Stück mit seiner Skulpturensammlung bekannt machte, bei der es sich, wie er betonte, nicht um folkloristische Fabrikware, sondern um echte Antiquitäten handelte, mit Zertifikat, während sich Kim zum Telefonieren in das Gästezimmer zurückzog.


„Archiv, Sommerfeld.“


„Der Mann mit dem Vornamen Archiv! Hallo Tom! Hier ist Sheila.“


„Sheila… Menschenskind, dass Du Dich an mich noch erinnerst!“


„Nun übertreib mal nicht. Wann haben wir zuletzt telefoniert? Vor höchstens zwei Jahren.“


„Nein, das muss länger her sein.“


„Zwei Jahre höchstens. Du wolltest wissen, ob es neue interessante Forschungsarbeiten zum Golfstrom gibt. Schon vergessen?“


„Stimmt. Du hast mir sehr schnell geholfen. Na gut. Und was gibt’s diesmal? Du hast nicht zufällig ein dolles Ding an der Hand?“


„Na, und wenn? Du dürftest die Story ja doch nicht schreiben, oder?“


„Och, sag das nicht. Ich schreibe neuerdings für unser Web-Angebot.“


„Was denn, für ‚Spiegel online?‘ Huuh, Respekt.“


„Nur kein Neid. Also, was liegt an?“


„Tom, ich habe eine Bitte.“


„Das dachte ich mir.“


„Ich möchte etwas bei der Stasi-Unterlagenbehörde recherchieren. Aber ich habe nur einen Nachnamen und den Namen der Stadt, wo die Person vor 30 Jahren gewohnt hat. Damit komme ich sicher nicht weit. Kannst Du vielleicht –“


„Natürlich kann ich. Für Dich tu ich alles. Ich würde es Dir gern beweisen. Aber seit Du diesen Langweiler geheiratet hast, lässt Du mich ja nicht mehr alles für Dich tun.“


„Aber fast alles. Übrigens ist Alex kein Langweiler.“


„Ist er nicht? Das freut mich für Dich.“


„Pass auf, Tom. Es geht um einen Dresdner Ingenieur namens Holz. Das ist alles, was ich von ihm weiß. Mitte der achtziger Jahre hat er einen Brief an den Sachbuchautor Maurice von Haase geschrieben.“


„Der ‚Wir-sind-nicht-allein‘-Haase?“


„Genau der.“


„Was treibt Dich denn neuerdings um? Haase, das ist doch Schnee von gestern. Oder machst Du neuerdings Ufo-Watching?“


„Quatsch, es geht nicht um Ufos… Es geht um... die Ausspähung seines Verlages. Globus-Verlag, Hamburg.“


„Es geht um Literatur?“


„Genau.“


„Ich dachte, Du würdest Deine Edelfeder nur ‚Natural History‘ und ‚Nature‘ leihen. Hmmm… Soweit ich weiß, hast Du noch nie über Literatur gearbeitet. Klimawandel, Dinosaurierknochen, Phönizier-DNA in Peru und Irland – das waren doch bisher Deine Themen. Aber Du würdest mir doch sowieso nicht sagen, worum es genau geht. Stimmt‘s, oder hab ich Recht?“


„Bingo, Thomas. Nur eine kleine, informelle Anfrage bei der Stasi-Unterlagenbehörde. Machst Du das? Tu es in Erinnerung an vergangene Zeiten.“


„Die hoffentlich wiederkommen. Wir könnten doch mal ein Wochenende in Berlin –“


„Na klar. Wenn Bettina mitkommt.“


„Bettina?


„Ja, Bettina. Die von diesem Privatsender.“


„Sie ist – oder vielmehr war – bei Vox. Also, Bettina... Das ist doch ewig her. Nein, ich genieße mein Junggesellendasein. Ab und zu empfange ich dann jemanden… oder bin bei jemand zu Besuch… Warum soll ich all diese schönen Begegnungen nicht erleben dürfen?“


„Meinen Segen hast du. Und, machst du’s?“


„Wie war der Name?“


„Holz.“


„Wie das Holz?“


„Das weiß ich nicht genau. Aus Dresden. Brief an Maurice von Haase c/o Globus-Verlag, Hamburg, 1985 oder 1986. Der Name und die Adresse von diesem Holz würden mich schon weiterbringen. Was meinst Du, wie lange wird es dauern?“


„Das kann ich nicht sagen. Es ist ja keine große Sache. Ich rufe Dich schnellstmöglich wieder an.“

 
 
 

Dass Kim und Alexander sich für die Nacht ein Hotel in Vevey suchten, ließ von Haase nicht zu. „Wir sind jetzt ein Team“, sagte er, „und ihr seid meine Gäste. Das wäre ja noch schöner.“ Er führte sie ins Obergeschoß des Hauses und zeigte ihnen ihr Zimmer, das mit großen Natursteinfliesen ausgelegt war. Als er den bodenlangen, auberginefarbenen Vorhang zur Seite schob, fiel greller Sonnenschein ins Zimmer. Sie blickten auf einen terrassenförmig angelegten Garten, der von beiden Seiten von Wald eingerahmt wurde und dem sich weiter unten eine Wohnsiedlung anschloss. In der Tiefe glitzerte der Genfer See. Bis auf das Bett sahen alle Möbel aus, als stammten sie aus einem Theaterfundus: Nussbaum mit Intarsien und Brandmalerei.


Den Abend verbrachten sie beim gemeinsamen Abendessen, an dem auch Araya teilnahm. Als sie im Speisezimmer rund um den roten Eukalyptus-Esstisch vor ihren Tellern saßen, hob von Haase sein Glas und sprach seine Freude über den lieben Besuch aus. Schwungvoll stießen alle miteinander an.


Im Verlauf des Essens erzählte von Haase auf Nachfrage von seinen drei Kindern: dem Ältesten, der mit einer Amerikanerin verheiratet sei und in Chicago lebe, dem jüngeren Sohn, der einen Zeitvertrag als Kunsthistoriker in Florenz habe, und der Tochter, die in Berlin eine Ausbildung zur Bibliothekarin absolviere. Sie seien international inzwischen, meinte er.


Alexander kam die Munterkeit von Haases erkünstelt vor. Und die Art und Weise, wie er dabei das Essen herunter schlang, ließ nicht gerade darauf schließen, dass er den Feinheiten von Arayas thailändischer Küche die Achtsamkeit angedeihen ließ, die ihr zweifellos zukam.


Kim war nicht verborgen geblieben, dass Alexander während des Essens immer wieder verstohlene Blicke zu Araya geworfen hatte. Offensichtlich war er von ihrer exotischen Erscheinung angetan, möglicherweise sogar fasziniert. Ihrem Eindruck nach war es nicht allzu schwer, aus ihr schlau zu werden; sie schien nicht der Typ zu sein, der sich allzu viele Gedanken machte. Deshalb ergriff sie bei der ersten Gelegenheit die Initiative, um Araya in die Unterhaltung einzubeziehen.


„Wie haben Sie Maurice kennengelernt, Araya?“, fragte sie lächelnd.


„Im Fitness-Studio unten in Vevey“, antwortete von Haase an ihrer Stelle. „Sie war mein Personal Trainer.“


„Aha“, sagte Kim, ohne sich von Haase zuzuwenden. „Und wie sind Sie nach Vevey gekommen, Araya?“


Als Araya wahrheitsgemäß und ohne mit der Wimper zu zucken antwortete, sie sei eine Katalogbestellung gewesen, richtete Kim erwartungsvoll ihren Blick auf von Haase, doch der ignorierte ihre stumme Bitte nach weiterer Information. Gelassen, als fände er an der Situation nichts Peinliches, zündete er sich eine Zigarette an und stieß grauen Rauch zwischen seinen Zähnen hervor.


„Und ihr Mann?“ fragte Kim unsicher. „Was macht er?“


„Ich weiß nicht. Artem Arschgeige.“ Araya sprach das Wort Arschgeige mit einer Selbstverständlichkeit aus, als handle es sich um einen Nachnamen. „Er musste heiraten wegen Erbschaft. Er bekam Erbschaft nicht ohne Heirat, ja? Das war mein Glück. Und seit Tag der Hochzeit ich sehe ihn nicht mehr.“


„Die Gute hatte es nicht leicht“, fuhr von Haase dazwischen und inhalierte tief. „Danach war sie einige Jahre Hausdame.“


„Putzfrau“, korrigierte ihn Araya.


Als sie beim Dessert angelangt waren, gedünstete Litchi nach Sansibar-Art, forderte Araya ihre Gäste auf, die Gewürze zu erraten. Zimt und Nelken schmeckte Kim heraus, aber die Prise Salz bemerkte sie nicht. „Aus Kalahari-Wüste“, klärte Araya sie auf, „280 Billionen Jahre alt.“


„Du meinst sicher Millionen, Liebes“, korrigierte von Haase sie lächelnd. „280 Millionen.“


Bereitwillig räumte Araya den Irrtum ein. „Dann nur 280 Millionen.“


Von Haase hielt versonnen sein Weinglas gegen die Deckenleuchte und schwenkte es hin und her. „280 Millionen… Das könnte mittelfristig unser Jahresumsatz werden“, kündete er orakelhaft. „Und das ist realistisch gedacht. Ich kenne die Zahlen. Den Eiffelturm wollen jedes Jahr 6 bis 7 Millionen Menschen sehen. Dabei hat er oben auf der Plattform gerade mal eine Grundfläche von 250 Quadratmetern. Aber alle wollen da hin. Der Jahresumsatz liegt bei 85 Millionen Euro. Unser Resort wird eintausend Mal so groß werden. 25 Hektar. Bei einer ganz vorsichtigen Schätzung komme ich auf 20 bis 25 Millionen Besucher. Macht round about 280 Millionen Jahresumsatz.“ Er legte seine Hand auf Arayas Arm und schloss genießerisch die Augen.


„Gewiss“, sinnierte Alexander, „mit DOMINIQUE lassen sich schon ein paar hübsche  Fantastillionen machen.“


Als die letzte Liebesfrucht verspeist war, wechselten sie auf die Dachterrasse, von Haase mit einer Rotweinflasche in der einen und vier Burgundergläsern in der anderen Hand. Von hier hatten sie einen märchenhaften Blick auf den Genfer See. Der Himmel war von einer dichten Wolkendecke überzogen, die Luft jedoch angenehm temperiert. Trotzdem reichte Araya jedem eine Decke und warf sich selbst einen Hoodie über die Schultern.


Der Alkohol lockerte Alexanders Zunge. „Leitet sich Dein Nachname eigentlich wirklich vom Hasen ab?“


„Daran besteht nicht der geringste Zweifel“, antwortete von Haase bedächtig. „Meine Vorfahren führten ihn sogar im Wappenschild.“


„Eigentlich erstaunlich für so ein – sagen wir mal – nicht gerade sehr hoch angesehenes Tier“, sagte Alexander.


„Gar nicht“, sagte Araya. „In chinesischer Astrologie sind Hasen sehr geschätzt. Menschen mit Sternzeichen Hase haben alle sehr guten Geschmack. Wissen Schönheit zu schätzen. Alles um sie herum muss schön sein.“


„Einschließlich Dir, meine Liebe“, gurrte von Haase.


„Garderobe ist sehr geschmackvoll“ fuhr Araya fort, „Möbel sind sehr geschmackvoll. Das ganze Haus. Der Hase möchte überall schön haben.“


„Für uns Amerikaner ist Adel immer eine spannende Sache“, sagte Alexander. „Bei uns gibt es keine Aristokratie. Höchstens unter den Einwanderern. Wie weit kannst Du Deinen Stammbaum denn zurückverfolgen?“


„Sehr weit“, antwortete von Haase leichthin, der seine Auskunft sichtlich genoss. „Die ältesten Dokumente reichen bis zu den Kreuzrittern zurück. Ursprünglich stammt unsere Familie aus Pommern. Schloss Hasenberg zwischen Greifswald und Stettin war unser Domizil. Einer meiner Ahnen, ein gewisser Ulrich Haas von Hasenburg, begleitete Friedrich Barbarossa –“


„Am Klavier?“, fragte Alexander schnell und verzog den Mund zu einem sardonischen Lächeln.

 

 
 
 

Von Haase goss aus der Calvadosflasche ein und reichte Kim und Alexander ihre Gläser. „Habt ihr eigentlich einen Namen für unsern Freund vom andern Stern?“


„Im Institut in Straßburg nennen sie das Skelett DOMINIQUE“, antwortete Alexander.


„Dann lasst uns auf DOMINIQUE trinken.“ Er prostete ihnen zu.


„Das Skelett ist allerdings verschwunden“, sagte Alexander. „Es wurde weggeschafft.“


„WAS?“ Es klirrte, als von Haase sein Glas auf dem Teewagen abstellte.


„Weil sich Alex zu auffällig dafür interessiert hat“, erklärte Kim. „Das ist kein Vorwurf“, fügte sie schnell hinzu, bevor ihr Mann protestieren konnte. „Man muss wissen, dass das Skelett in einer Ausstellung der Universität Straßburg gezeigt wurde, Abteilung Anthropologie. Der Institutsleiter steht derzeit massiv unter Beschuss. Es geht um gefälschte Gutachten. Weil Alex, der damals gar nichts von den Problemen wusste, vorsichtig andeutete, dass das Skelett vielleicht nicht ganz korrekt beschrieben sei, bekam dieser Monsieur Croqué sofort kalte Füße und ließ es aus der Ausstellung entfernen.“


„Croqué heißt der Mann? Wie Croque mit Accent aigu?


Alexander nickte.


„Das ist aber sehr schade“, sagte von Haase, während er den Namen notierte.


Alexander winkte ab. „Es steht vermutlich wieder im Depot. Croqué ist in die Sache nicht eingeweiht.“


 „Das Skelett ist natürlich für die Medien sehr wichtig. Wir sollten unbedingt mit dem Herrn Kontakt aufnehmen.“


„Er ist vielleicht schon beurlaubt“, sagte Kim.


„Dann wenden wir uns eben an die Universitätsspitze“, sagte von Haase und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. „Wir müssen uns die relevanten Rechte exklusiv sichern und alles mit wasserdichten Verträgen besiegeln. Gegen unsern DOMINIQUE sind ja alle Mumien der Welt nur ein Fliegenschiss. Tutanchamun, der Ötzi – was sind die gegen ein Wesen aus dem Weltall? Ich empfinde eine sehr große Genugtuung. Ich habe es immer gewusst. Wir sind nicht allein. Wie denn auch, in diesem unermesslichen Weltraum, von dem wir gerade einmal unsere allernächste Umgebung ein bisschen kennen. Beweise dafür habe ich genug geliefert. Weil ich nicht aufgehört habe, meinen Traum zu träumen. Je rêvais voyages de découvertes dont on n’a pas de relations... Und ihr habt jetzt den Schlussstein für die Beweiskette entdeckt.“


Von Haase stand auf, ging hinüber zum Flügel und begann zu spielen. Er hatte kräftige Hände mit schmalen, langen Fingern, deren Spitzen sich leicht nach oben bogen. Während er dem Instrument die wohlvertrauten Töne von Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert entlockte, bei dem Kim unweigerlich an den Sekthersteller denken musste, der die Anfangsmelodie zu seinem Erkennungszeichen erkoren hatte, fing er Alexanders Blick auf. „Ich hoffe, ich war vorhin nicht zu grob“, sagte er und blinzelte ihm dabei versöhnlich zu.


„Diese Frage möchte ich gern offenlassen“, erwiderte Alexander.


„Ich bin jedenfalls nicht nachtragend. Und ihr seid es hoffentlich auch nicht.“ Vom Hauptthema wechselte er in eine freie, einigermaßen belanglose Improvisation. Sein Spiel verriet mittelmäßiges Talent, worüber auch sein forscher Anschlag nicht hinwegtäuschen konnte. „Ich nehme es euch nicht einmal übel“, fuhr er jovial fort. „Irgendwie mag ich sogar die Art, wie ihr euch für eine Idee einsetzt.“ Er unterbrach sein Spiel nicht, aber es nahm mehr und mehr den Charakter von Geklimper an. „Man darf ruhig versuchen, mich übers Ohr zu hauen“, sagte er kumpelhaft. „Bloß mir selbst hätte ich es nie verziehen, wenn ich drauf reingefallen wäre.“


„Aber Du verstehst schon, dass es ein heikles Thema ist, mit dem sich ein angesehener Paläoanthropologe offiziell nicht beschäftigen darf.“


Von Haase setzte eine pfiffige Miene auf. „Das sehe ich ein. Das wäre ja, wie wenn der Papst in die Peep-Show gehen würde.“ Er erhob die Stimme, während seine Finger über das gebleckte Gebiss des Flügels berserkerten.


„Und nur deswegen haben wir Dir nicht gleich alles gesagt.“


Von Haase nahm die Hände von den Tasten und lehnte sich zurück. „Geschenkt. Nachher machen wir einen schönen Vertrag, wo alles hübsch geregelt ist, und dann sehen wir weiter. Was meint ihr: Ob man die Fundstelle, wo unser DOMINIQUE gelandet ist, erwerben kann? Das wäre gut. Schade, dass er sich ausgerechnet Frankreich ausgesucht hat. In Rumänien oder Moldawien würden die Behörden nicht so genau hinschauen. Aber das Museum könnte natürlich auch an anderer Stelle gebaut werden. Ich denke an ein Gebäude mit einem Turm und einer großen Kuppel… eine Mischung aus Petersdom und Sternwarte. Kennt ihr das Mauna Kea Observatorium auf Hawaii?“


„Maurice“, sagte Alexander ernst, während von Haase sein Spiel wieder aufnahm, beschwingter als zuvor, „ich verstehe sehr gut, dass Du Dich nicht um die Früchte Deiner Arbeit bringen lassen willst. Aber –“


„Ich weiß schon, was Du sagen willst“ unterbrach ihn von Haase. „Was willst Du denn, Du hast doch schon Ruhm für eine Million Franken, was scherst Du Dich um die paar Rappen? Aber da verstehst Du mich ganz falsch. Es geht dabei nicht um Ruhm. Die ganze Verwertung geht mir am Arsch vorbei. Es geht um die Idee an sich, die Erkenntnis, die Überzeugung. Die will sich geltend machen. Und dieses Geltendmachen –“


Alexander tat, als habe er nicht richtig verstanden. „Geldmachen?“


„Nein“, beeilte sich von Haase klarzustellen, „nicht Geldmachen. Das dient allenfalls dazu, um die nötigen Aufwendungen wieder in die richtige Balance zu bringen. Nein, das Gel-tend-machen. Das ist – tja, nicht weniger als die Revolution.“


„Verstanden“, sagte Alexander, der kein Wort von dem glaubte, was von Haase gerade zu seinem Credo erklärt hatte. „Trotzdem sollten wir den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen. Wir stecken hier immer noch mitten in der Recherche. Wenn Du zu diesem Zeitpunkt schon Deine Medienmaschine anwirfst, kann das unseren Nachforschungen nur schaden. Denn wir besitzen ja nichts. Alle Indizien sind im Besitz von anderen. Noch haben wir Zugang. Wenn wir zu früh an die Öffentlichkeit gehen, könnte es damit vorbei sein.“


Von Haase schien nur halb hinzuhören. Seine Hände glitten weiter über die Tasten, und dazu lächelte er. „Du meinst, wir sollten keine schlafenden Hunde wecken.“


„So ist es.“


„Und wie stellt ihr euch die Sache mit Holz vor? Er wäre dann doch ein weiterer Mitwisser. Brauchen wir ihn überhaupt?“ Er sah erst Alexander an, der als Zeichen seiner Unentschiedenheit die Schultern hob, und dann Kim. „Meinst du, wir können ihn ausfindig machen?“


„Ich habe da schon eine Idee. Einen Mann namens Holz zu finden, der Ende der achtziger Jahre in Dresden gelebt hat, dürfte schwierig werden. Ich habe mal im Telefonbuch nachgesehen, da gibt es knapp 20 Einträge. Er kann verzogen sein, er kann gestorben sein… Aber ein Brief aus Dresden ins westliche Ausland, an einen Buchverlag… Das muss die Staatssicherheit interessiert haben. Darum besteht immerhin die Möglichkeit, in den Akten etwas zu finden. Wenn wir Glück haben, sogar eine Abschrift des Briefs.“


„Aber auch dafür brauchst Du einigermaßen vollständige Personendaten“, gab Alexander zu bedenken.


„Natürlich. Für einen offiziellen Antrag auf Akteneinsicht reicht das nicht. Aber ich kenne jemanden vom Spiegel-Archiv. Und der hat einen sehr guten Draht zur Behörde. Es wäre doch gelacht, wenn wir nicht wenigstens eine Auskunft bekommen.“


„Kenne ich ihn?“ fragte Alexander unsicher.


„Nein, ich glaube nicht. Ich rufe ihn morgen an.“

 

 
 
 
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