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Besuch aus Weckhoven. Warum sich Veronika entschieden hat, auf meine Einladung einzugehen, weiß ich nicht. Ich könnte sie fragen. Vielleicht würde sie mir sogar die Wahrheit sagen. Aber ich will es gar nicht wissen. Wahrscheinlich hat sie Ärger mit Hardy (Burghardy, wie Fritz spottet) und will ihn ein bisschen eifersüchtig machen. Wenn es richtig funktioniert, springt er jetzt im Dreieck. Vielleicht überlegt er sogar schon, wann und wo er mir eine Abreibung verpassen kann.

Sie hat gewartet, bis die Dunkelheit über uns hereinfiel. Als wir nur noch Schemen waren, setzte sie sich auf meinen Schoß und überließ sich meinen Händen. Obwohl es nicht die erste Frau war, die ich halb ausziehen durfte, genau genommen schon die dritte, stellte ich mich im Dunkeln reichlich ungeschickt an. Aber weder ich noch sie verfiel auf die Idee, das Licht einzuschalten. Zum Glück lag ihr nichts daran, mich nackt zu sehen, nicht einmal oberkörpernackt. Sie ahnt wahrscheinlich, dass sich unter der Schicht aus weißer Baumwolle kein Adonis versteckt. Bevor sie wieder unter ihrem dicken Wollpullover verschwand, erlebten wir eine Stunde voller Zärtlichkeit, und zwischendurch fütterten wir uns mit gesundheitsfördernden Mandarinen, die noch von Weihnachten übrig waren.

 

I met a devil woman

She took my heart away

She said, I’ve had it comin’ to me

But I wanted it that way

I think that any love is good lovin’

So I took what I could get, mmh

 

Inzwischen ist es kurz vor Mitternacht, aber noch immer macht sie keinerlei Anstalten, mich zu verlassen. Wahrscheinlich hofft sie, dass ihr Zuhause von Burghardy beobachtet wird, und ich bin ihr Alibi, damit es mit der Eifersucht auf wirklich funktioniert. Wenn sie noch länger bleibt, kann sie gleich bei mir übernachten.


Danach sieht es allerdings nicht aus. Seelenruhig sitzt sie an meinem Schreibtisch und liest im neuesten „ZEITmagazin“ den Hauptartikel über die Absenkung der Volljährigkeitsgrenze auf achtzehn. Durch das neue Gesetz ist sie seit zwei Tagen volljährig, und anscheinend interessiert sie, welche Rechte sie dadurch hat. Die freie Wahl des Sexualpartners gehört bestimmt auch dazu. Warum krabbelt sie nicht zurück zu mir aufs Bett und nimmt ihre Rechte wahr?


Jetzt möchte sie, dass ich mich neben sie setze. Gehorsam löse ich mich aus meinem Schneidersitz, lege die Gitarre beiseite und schiebe den Armlehnsessel aus Freudenstadt neben den Drehstuhl, auf dem sie sitzt. Wenn ich mich gerade hinsetze, kann ich gerade so eben über die Tischplatte blicken. Ob sie das absichtlich macht? Mich zwingt, zu ihr aufzuschauen?


Sie tippt auf das Titelblatt, lacht und wirft ihren Kopf zurück. Ihr dunkelblondes Haar fließt in einer sanften Welle den Rücken herunter.


Das bist du, oder?


Auf dem Titelblatt ist ein milchgesichtiger angehender Abiturient abgebildet, wahrscheinlich gerade eben volljährig geworden, mit ausgestellten Jeans und Hemdkragen über dem Pullover. Meine Antwort, die ein Dementi geworden wäre, wartet sie gar nicht erst ab: Ja, das bist du. Sie nimmt einen Kugelschreiber und schreibt „Köbi Talrand“ unter das Bild. Thalrand ohne h, um mivh extra zu ärgern.


Ich glaube nicht, dass sie in mich verliebt ist. Wahrscheinlich findet sie mich unterhaltsam, weil ich jede Menge lustige Geschichten erzählen kann. Möglicherweise auch interessant, weil ich zusammen mit meinen Freunden Musik mache, Feten feiere, Filme drehe, verreise. Vielleicht bewundert sie mich sogar ein bisschen, weil ich mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg halte, auch nicht gegenüber den Lehrern. Ausgenommen Dr. Brych, der mir vor jeder Mathestunde Magenkrämpfe verursacht. Wenn es Bewunderung ohne Interesse gibt, dann zeigt sie genau das. Staunen ohne Erregung. Bei mir ist es genau umgekehrt. Wenn ich vorhin bloß den Mut gehabt hätte, es darauf ankommen zu lassen. Entschlossen, aber ohne Gier. Das wärs gewesen.

Aber machen wir uns nichts vor. Ich weiß, wie es ausgegangen wäre. Natürlich hätte ich den Kürzeren gezogen. Als Freund braucht Veronika einen, der erwachsen aussieht, groß, kräftig, gepflegte Frisur, gesunde Zähne, gesunde Haut, keine Brille, dafür Schnauzbart, eigenes Auto, eigenes Einkommen, im Nebenberuf Lebensretter. Eben Hardy.


Bestimmt würde sie mit ihm auch gern über „Animal Farm“ als politische Allegorie oder die Schönheit von Parabelfunktionen oder Platons Höhlengleichnis reden, aber weil er beruflich an Autos herumschraubt, ist sein Interesse daran nicht sehr ausgeprägt. Man kann nicht alles haben, und deswegen greift sie dann auf mich zurück, das Milchgesicht mit der John-Lennon-Brille und dem grauen Zahn. Vielleicht bin ich auch der einzige, der es wagt, mit ihr zu flirten, weil alle anderen Hardy kennen und er sie. Mich kennt er nicht. Veronika hat auch kein Bild von mir. Vielleicht stellt er sich mich als eine Art Double von sich vor, groß und erwachsen wie er selbst und obendrein auch noch oberschlau; eine Art Heldengestalt. Soll mir recht sein.


Nein, sie liebt mich nicht. Sie liebt die Tatsache, dass ich sie liebe. Wie das Ganze wohl aussähe, wenn zur Abwechslung sie mal hinter mir her wäre? Jeden Tag lässt sie sich von der Sonne meiner Bewunderung bescheinen, die gratis jeden Morgen für sie aufgeht. Verdammt, ich will mehr sein als nur ihr Gesellschafter. Warum kann sie nicht wenigstens die Hälfte meiner Zuneigung und Sehnsucht zurückgeben? Wie kann sie nur so grausam sein?

 

 

Gestern haben wir die Deutschklausur geschrieben. Mein Thema lautete „Satire“. Ich war gut vorbereitet, hatte mich zusätzlich aber dadurch abgesichert, dass ich die entsprechende Seite aus dem „Handbuch literarischer Fachbegriffe“ bei mir trug, die ich aus meinem Exemplar herausgerissen hatte. Bevor ich mich meinem eigenen Thema widmen konnte, schrieb ich erst noch für Veronika die komplette Klausur zum Thema „Felix Krull“, womit sie sich mindestens auf Vier plus hochgearbeitet haben dürfte. Hoffentlich begreift diese Puppenspielerin, dass ich das aus purer Liebe getan habe.


Übermorgen schreiben wir Englisch, heute ist Mathe dran. Für mich eine aussichtslose Veranstaltung, weil wir diesmal nicht unsere Arbeitshefte benutzen dürfen. Ich schaue mir die Aufgaben kurz an, schreibe Zur Kenntnis genommen auf die letzte Seite und versehe sie noch mit meiner Unterschrift. Mein Herz schlägt doppelt so schnell wie sonst und Dr. Brych schnauft, als ich ihm die Blätter reiche, aber da er mich aus dem Unterricht kennt, weiß er, dass von mir keine jesusgleichen Wunder zu erwarten sind. Ich wiederum weiß, dass ich mit einer Sechs trotzdem nur eine Fünf auf dem Zeugnis bekomme. Und der bühnenreife vorzeitige Abgang vor aller Augen ist die paar Augenblicke Herzklopfen wert.

 

 

Mein Einberufungsbescheid ist da: Am 1. Juli habe ich mich bei der Instandsetzungsausbildungskompanie 16/1 in Stadtoldendorf zum Dienstantritt zu melden. Instandsetzung? Ich hatte mich für eine Stelle in der Küche beworben. Stadtoldendorf? Ich muss erst mal nachschlagen, wo das ist. Laut Diercke-Atlas liegt es zwischen Bielefeld und Braunschweig, der Nachbarort ist Bodenwerder, Heimat des Lügenbarons. Laut Bahnhofsauskunft wird die Zugfahrt wegen der Umstiege in Düsseldorf und Paderborn fünf Stunden dauern. Das kann ja heiter werden. Aber ob ich will oder nicht, der Countdown läuft.

 

 

Heute morgen habe ich mündliche Prüfung in Deutsch, und dabei kommt es lediglich darauf an, meine Vornote Zwei zu verteidigen, die durch das Ergebnis meiner Klausur stark gefährdet ist. In meiner notorischen Selbstüberschätzung hatte ich etwas anderes vermutet, nämlich eine Prüfung auf Eins. Pustekuchen. Es ist wohl so, dass ich bei dem Aufsatz, den ich heimlich für Veronika geschrieben habe, mein Pulver verschossen und keine rechte Inspiration mehr für meinen eigenen hatte.


Vor dem Lehrerzimmer drückt mir Selbach einen kurzen Kafka-Text in die Hand und sagt, dass ich mich damit in die Bibliothek zurückziehen darf. Die Prüfung ist eine halbe Stunde später in Raum 111.


Ich bin gut vorbereitet. Vor zwei Wochen habe ich mir aus der Stadtbücherei einen Haufen Interpretationen zu Kafka ausgeliehen und fast jeden Tag mehrere Stunden lang gelernt. Über Kafkas Erzählungen kann ich eine ganze Menge erzählen. Ich weiß, was die Herren Brod, Emrich, Walser, Wagenbach und Pasley darüber geschrieben haben. Ich habe sogar Janouchs „Gespräche mit Kafka“ gelesen. Aber diesen Text, der auf eine halbe Seite passt, habe ich nicht vorbereitet. Was gibt es dazu schon zu sagen, außer dass er umwerfend komisch und surreal ist, wie die Bilder von Hieronymus Bosch. Das wollen die drei Deutschlehrer aber nicht hören.


Ich ahne, was jetzt kommt. Es ist wie ein Blick durchs Fernglas: Noch sind es winzige Punkte am Horizont, aber bald schon ist es ein ganzer Stamm auf dem Kriegspfad.


Ich mache auf die Schönheit der Sprache aufmerksam. Das will die Jury aber auch nicht hören. Die erste Angriffswelle rollt. „Runter, ihr Narren!“ schreit Ben Crosby ärgerlich, als zwei Pfeile klatschend im Fensterrahmen steckenbleiben und ein dritter durch seinen Hut fährt. Aber es ist schon zu spät. Ehe die Mutter ihr Kind vom Fenster wegzerren kann, hat es den kleinen Jungen erwischt.


Keine Ahnung, an was sie interessiert sind. Dr. Brych, der den Vorsitz führt, wird ungeduldig. Er fragt, was wir außer Kafka noch durchgenommen haben. Aha, Biermann. Vielleicht weiß der Prüfling da besser Bescheid.


Für Biermann bin ich Experte. Gebt mir eine Gitarre, und ich spiele ein halbes Dutzend seiner Lieder. Aber wieder weiß ich nicht, was das hohe Gericht von mir hören will. Vielleicht eine Interpretation der „Ballade auf Biermann seine Oma Meume?“ Ist den Gerichtsvertretern vermutlich nicht bekannt. Ich werde doch nicht erklären müssen, was politische Lyrik ist? Die erste Kampfreihe der Rothäute ist unmittelbar vor mir, bemalte Gesichter, gellendes Geschrei, gezückte Tomahawks für den Nahkampf. Ganz plötzlich springt einer durch das unbesetzte Fenster und landet mitten zwischen den Siedlern. Die grausame Todesaxt fährt nieder und tötet in Sekunden.


Ich erzähle von den Umständen der Schallplattenaufnahme in Biermanns Wohnung, den Straßenbahngeräuschen, den nach Westberlin geschmuggelten Tonbändern. Dr. Brych mischt sich ein, verweist auf die Uhrzeit. Er hat vielleicht auch noch ein Hühnchen mit mir zu rupfen, weil ich ihm neulich kurz die Schau gestohlen habe, um mich im Glanz allgemeiner Aufmerksamkeit zu sonnen. Die Prüfung ist zu Ende. „Das Stattfindende ist die Artikulation der Kommunikation“ (Mr. Babbelplast).

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