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Alexander hielt sich nicht gern in dieser Wohnung auf. Das Wohnzimmer war ein nicht allzu großer Raum, der durch die klotzigen Ausmaße der Möbel noch kleiner wirkte. Dicht an die große Schrankwand zur Rechten geschoben, aber immer noch so groß, dass er den Rest der Wand auf dieser Seite einnahm, befand sich ein mächtiger altmodischer Schreibtisch mit einem Drehstuhl davor. Hier war der häusliche Arbeitsplatz von Kims Vater gewesen, dem Architekten, nach seinem schweren Autounfall, an dessen Folgen er zwei Jahre später gestorben war. Das Fenster an der gegenüberliegenden Wand passte vollkommen zu den Möbeln. Es war endlos breit und hoch, das Fensterbrett in Kniehöhe. Zwischen der Schrankwand und den Möbeln standen um einen massiven runden Tisch herum drei niedrige Sessel mit Papierkordel-Bespannung. Dort saßen sie jetzt, und Hilde drückte gerade eine Zigarette im Aschenbecher aus. Vier bis fünf davon rauchte sie jeden Tag, mit einer Regelmäßigkeit, mit der andere Menschen ihres Alters ihre Pillen einnahmen, morgens, mittags, nachmittags und abends. Heute war so ein Abend gewesen, an dem sie sich eine zweite angezündet hatte.


Kim war in ihrem Bericht bei Oberlins Begräbnisprotokoll angelangt und las ihrer Mutter den nunmehr komplett entzifferten Text vor. Hilde hörte ihr wortlos zu und ließ dabei ihren Blick zwischen Kim und Alexander schweifen. Als Kim sie fragte, ob ihr der Name Swedenborg geläufig sei, nickte sie.


„Natürlich. Ich glaube, der hat die Leute seinerzeit ähnlich verzückt wie Mesmer. Kollektive Begeisterung. Der hat noch an einen dicht mit Menschenseelen bevölkerten Himmel geglaubt.“


„Was Oberlin, diesem Mann der Tat und der Vernunft, gar nicht gefallen hat.“


An diesem Punkt schaltete sich Alexander ein, der bis dahin höchstens kurze Einwürfe gemacht hatte.


„Im Namensregister der Beerdigungen ist das Ereignis übrigens auch verzeichnet, als Individu inconnu. Ursprünglich sogar als ‚Englische Kreatur’, was wohl so viel heißt wie scheußliches Wesen.“


Hilde beugte sich ein Stück nach vorn. „Englische Kreatur?“


„Ja“, sagte Kim. „Wir nehmen an, es ist ein zeitgenössischer Ausdruck für etwas Gruseliges, wie es später durch die englische Schauerromantik verbreitet wurde.“


„Nie gehört, diese Definition. Aber ich kann euch was anderes sagen. Englisch ist ein Adjektiv mit zwei Bedeutungen. Die eine verweist auf das Substantiv England. Die andere – zugegeben, sie ist veraltet, genau wie ich, und wohl ziemlich in Vergessenheit geraten –“ Hilde blickte in erwartungsvolle Gesichter.


„Herrje, Mutter, nun mach es doch nicht so spannend.“


„Die andere verweist auf das Substantiv Engel.“


Kim starrte ihre Mutter an. „Engel?


„Jawohl. Hättest Du Dich früher mehr mit klassischer Musik befasst, wüsstest Du das. „Die englischen Stimmen Ermuntern die Sinnen, Dass alles für Freuden erwacht. Na, von wem ist das?“

Sie hob das Kinn und heftete ihren Blick auf Alexander.


„Keine Ahnung? Gustav Mahler, „Lieder aus des Knaben Wunderhorn“. Geht ihr denn in Washington nie ins Konzert? – Statt „englische“ kann man auch „himmlische“ Kreatur sagen. Nichts anderes ist damit gemeint.“


„Also ich glaube nach wie vor, dass ‚englisch‘ in diesem Zusammenhang so viel bedeutet wie gruselig“, sagte Alexander steif. „Aber trotzdem vielen Dank für die Idee, Hilde.“


Hildes Augen sprühten Feuer. „Meine Idee?“ wiederholte sie scharf. „Ich habe euch ein Licht aufgesetzt“, fuhr sie mit Strenge fort. „So musst Du es nennen. Das mit dem Gruseligen ist kompletter Blödsinn.“


„Aber das gibt doch keinen Sinn“, kam Kim Alexander zu Hilfe. „In Oberlins Protokoll ist von einem missgestalteten Körper die Rede. Warum dann das Kompliment „himmlisch“? Sie wartete die Antwort nicht ab. „Oder ist damit eine Kreatur des Himmels gemeint? Dann hätten wir es also mit einem Engel zu tun.“


„Ich habe nicht von einem Engel gesprochen“, erwiderte Hilde, „das warst Du. Ihr lest einen alten Ausdruck, den ihr nicht versteht, weil eure Allgemeinbildung nur mit elektrischem Strom funktioniert, und trotzdem glaubt ihr, ihr habt das Ei des Kolumbus gefunden. Ich habe mein Lebtag noch nie gehört, dass ‚englisch‘ so viel wie gruselig bedeuten soll, und ich sage euch: Ihr seid auf dem Holzweg. Und das Schlimme ist, dass ihr euch auch noch vor der Wahrheit verschließt.“


Gekränkt heftete sie ihren Blick auf die Fuge zwischen Wand und Zimmerdecke. „Also von Dir, Alexander, hätte ich das am Allerwenigsten erwartet. Sheila ist Journalistin, da muss man es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen – Du brauchst mich gar nicht so empört anzusehen, meine Liebe, ich weiß, wovon ich rede. Ein bisschen Demut könnte euch beiden nicht schaden.“


Hilde war wirklich ein bisschen empört. Aber nur ein bisschen. Im Grunde genoss sie die Auseinandersetzung. Es gab nicht mehr viele Gelegenheiten, wo sie es den jungen Leuten zeigen konnte. Und hier fühlte sie sich zu hundert Prozent im Recht. „Englische Scharen“, „englische Gesänge“ und „englische Freuden“ waren ihr vertraute Ausdrücke, die sie aus alten Gedichten und Kirchenliedern kannte.


Alexander machte einen Vermittlungsversuch. „Na gut, Hilde“ sagte er mit Sanftmut in der Stimme, „arbeiten wir mal mit Deiner Interpretation. Oberlin bezeichnet den Toten als Engel. Warum? Weil er für dieses von der Norm abweichende Individuum keinen Begriff hatte. Er war Pfarrer. Ein Wissenschaftler oder ein einfacher Arzt hätte sich anders geäußert.“


Hilde verschränkte die Arme vor der Brust und beugte sich zu ihrem Schwiegersohn herüber.

„Höre ich da so etwas wie die Stimme der Vernunft?“


Das nachfolgende Schweigen dauerte so lange, dass Kim annahm, eben das Schweigen sei Alexanders Antwort. „Die Umstände seiner Auffindung waren ja auch merkwürdig“, sagte sie dann. „Ein unbekannter nackter Toter von ungewöhnlichem Aussehen – da konnte man schon auf die Idee kommen, er sei vom Himmel gefallen. Und sofort sah Oberlin die Gefahr, dass, falls die Wissenschaft auf diesen merkwürdigen Toten aufmerksam würde, dadurch die Spekulationen eines Herrn Swedenborg genährt werden. Da wäre es doch interessant zu erfahren, ob Swedenborg an Engel geglaubt hat.“


„Hat er“, sagte Alexander wie nebenbei.


 „Was?“ rief Kim.


„Ich hab es gestern schon im Wikipedia-Artikel gelesen. Seine Zeitgenossen nahmen ihm das übrigens nicht einmal übel. Niemand nannte ihn einen Scharlatan. Er galt als Träumer.“


Hildes Augen funkelten. „Habt ihr eingesehen, dass ich Recht habe? Ihr könnt es ruhig einmal zugeben.“


Alexander stand auf, beugte sich zu Hilde herunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Danke.“ Er ging er zum Fenster, sah einen Augenblick nach draußen und fuhr sich mit dem Finger an die Lippen. Dann drehte sich wieder herum.

 

 
 
 

Danach stand Croqué auf und ging. Er hatte sich bemüht, gegenüber Laroussi Gelassenheit an den Tag zu legen, doch in Wirklichkeit kochte er vor Wut. Andere an seiner Stelle würden kapituliert haben, würden vielleicht zum Melancholiker geworden sein – er dachte nicht einmal im Traum daran, jetzt den Schwanz einzuziehen. Stattdessen rüstete er sich bereits für den Gegenschlag. Bislang hatte sich noch jeder, der glaubte, ihm seinen Willen aufzwingen zu können, getäuscht. Dass dieser Ziegenficker ihm den Krieg erklärt hatte, würde er noch bereuen. Anscheinend verkannte er die Gefahr, die es bedeutete, sich ihn zum Feind zu machen. Denn er war unbesiegbar. Er fühlte sich in der Lage, unbeschadet Glassplitter zu frühstücken, er verspürte große Lust, sich als menschliche Kanonenkugel in die Luft schießen zu lassen, es juckte ihn, sich ein Gebiss aus Stahlzähnen einsetzen zu lassen und, wie die großen Magier, Kugeln mit den Zähnen aufzufangen.

Dieser Bursche wollte ihn an den Pranger stellen? Da hatte er sich aber gründlich verkalkuliert. Am Nasenring würde er ihn auf dem Marktplatz der Öffentlichkeit spazieren führen. Dazu brauchte er sich nur den Anblick der zwei Dutzend Filmrollen und jenes Skeletts ins Gedächtnis zu rufen, die er vor einigen Jahren bei seinen Streifzügen durch das ausgedehnte Kellersystem, wie immer angetrieben von unstillbarer Gier, in einem abgelegenen Raum, der von Amts wegen für die Lagerung von Sprengstoffen zugelassen war, entdeckt hatte. Was bedeutete Laroussis Holzknüppel gegen dieses Samuraischwert!


Es handelte sich um die vermutlich allerletzten Reste der ehemaligen Rassekundlichen Sammlung Berger, die ihm als Teile des historischen Archivs des Instituts für Gerichtsmedizin praktisch in den Schoß gefallen waren, als dessen Arbeit im Rahmen von Umstrukturierungsmaßnahmen vom elsässischen Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin übernommen und sein bisher auf zwei Standorte verteilter Bestand seinem Institut zugeschlagen wurde. Wahrscheinlich waren die auf Nitratbasis hergestellten Filme, bei denen es sich um Lehrmaterial zur Durchführung von Sterilisationen, der Entnahme von Hoden oder dem Verkleben von Eileitern handelte, irgendwann aus Furcht, sie könnten sich selbst entzünden, in diesen speziell ausgestatteten Raum verbracht worden und dort in Vergessenheit geraten.


Auf welche Weise das Skelett ebenfalls in den Raum gelangt war, ließ sich nicht mehr klären. Der bleiche und stumme Zeuge der Naziverbrechen in der kurzen deutschen Zeit der Université Sébastien Brant hatte sich als unförmiges Gebilde unter einem zerschlissenen Orientteppich verborgen. Als Croqué ihn mit einem kräftigen Ruck zur Seite schlug, lag vor ihm das verstaubte und verdreckte, im Übrigen aber vollständig erhaltene, auf einen Holzsockel montierte Skelett einer vierundsechzigjährigen Jüdin aus Thessaloniki, wie der Beschriftung auf einer Metallplakette zu entnehmen war.


Das also hatten die Deutschen unter wissenschaftlicher Forschung verstanden: Die Ermordung und Zurschaustellung Unschuldiger. Eigentlich war es unbegreiflich. Ein intelligenter, gebildeter Mensch, der so etwas tat, musste krank gewesen sein, zumindest aber besessen, verhext von der Rassenideologie der Naziführer. Was waren seine Taschenspielertricks gegen dieses Weltverbrechen? Wieso war eigentlich niemand auf die Idee gekommen, deren Skelette zur Schau zu stellen? Oder wenigstens ihre Leichen in Käfigen an die Kirchtürme zu hängen, wie man es im Mittelalter mit Ketzern und andern Delinquenten gemacht hatte, wo sie dann vor sich hin moderten? Vermutlich, weil es einem zivilisierten Staat nicht anstand. Aber war das klug, auf lange Sicht? Auf lange Sicht bedurfte es abschreckender Maßnahmen. Erziehung durch Schrecken. Unerwünschtes Verhalten durch Abschreckung verhindern. Vorausgesetzt, der zu Erziehende ließ sich abschrecken und war nicht schon allen rationalen Kalküls enthoben.


Jenseits aller ethischen Betrachtungen waren ihm die Reste der Sammlung Berger schon damals als Schatz erschienen, als eine Art Unterpfand für schlechte Zeiten, die jetzt, wo Diplomatie und andere Formen der Prävention offensichtlich versagten, gekommen waren. Richtig eingesetzt, konnten sie für ihn eine Art Versicherungspolice darstellen und für ein Gleichgewicht des Schreckens sorgen. Das sollte der Tunesier wissen: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter.


Er zog eine Zigarre aus seinem Etui, biss die Spitze ab und spuckte sie in hohem Bogen in den Flur, genau vor die Füße der Putzfrau, einer jungen Afrikanerin in einem hellblauen, ärmellosen Nylonkittel, die soeben ihren Dienst begonnen hatte. Während sie kopfschüttelnd das Teilchen mit dem Handfeger auf die Kehrschaufel schob, stand Croqué breitbeinig vor ihr, zündete die Zigarre an und produzierte ein paar schnell aufeinanderfolgende Rauchwolken. Destruction mutuelle assurée. Das Gleichgewicht des Schreckens. Er hielt Laroussi für nicht so irrational, dass er bereit war, für seine Vernichtung die eigene in Kauf zu nehmen. Entschlossen schritt er zum Aufzug.


Die Afrikanerin folgte ihm mit ihrem Putzwagen, und als sie ihn eingeholt hatte, zeigte sie mit einem missbilligenden Blick auf das Rauchverbotsschild an der Wand hinter ihr.


„Hier nix rauchen“, sagte sie.


Croqué grinste sie an. In diesem Augenblick fühlte er sich von einer strahlenden Aura umgeben.


„Die Regeln hier mache ich“, sagte er und tippte mit dem Daumen auf seine Brust.


Dann stieg in den Fahrstuhl und paffte munter weiter. Bevor er hinter der Verriegelung verschwand, sah die Putzfrau noch, wie er seinen Zigarrenschneider aus der Westentasche zog und begann, das Rauchverbotsschild in der Kabine abzukratzen.

 

 
 
 

„Das Ganze ist doch nur eine Intrige“, schnaubte Croqué wütend. „Ausgebrütet von irgendwelchen Hinterzimmerstrategen, die auf Macht aus sind. Macht in den Gremien. Um sich gegenseitig die Posten zuschieben zu können. Dünnbrettbohrer, die ihren Ehrgeiz hinter hehren Idealen verbergen, zerfressen vor Neid.“ Croqué sprach laut und hastig, sprang unvermittelt auf, ging hin und her, schüttelte dabei ein paar Mal drohend die Faust, setzte sich wieder. „Bloß weil ich schon als junger Student den Pazifik habe rauschen hören, den sie nur aus dem Fernsehen kennen.


„Keineswegs, Monsieur Croqué. Ich darf Ihnen versichern, dass die Kollegen allein um den Ruf der Universität besorgt sind.“


„Und ich darf Ihnen versichern, dass mein Ruf tadellos ist“, sagte Croqué verdrossen und lehnte sich zurück. Der Zeitpunkt war gekommen, um diesem kleinen Maghreb-Scheißer gegenüber einmal seine bisherigen Leistungen brillant darzulegen. Wie anmaßend er sich gebärdete! „Ich bin nicht irgendwer. Von meinem Engagement für die Universität will ich gar nicht reden. Dass ich morgens um 4:30 Uhr aufgestanden bin, dass ich ab 6 Uhr in der Universität gesessen und bis spätabends gearbeitet habe.“


„Jetzt reden Sie aber doch davon.“


„Das war nur die Einleitung. Ich verfüge über herausragende Referenzen, beginnend mit meiner Ausbildung. Ich habe an der University of California im Kreis der Allerbesten studiert.“


„An welcher Universität?“


„Das sagte ich doch gerade. An der University of California.“ Aus Croqués Miene sprach die wütende Erkenntnis eines unerwarteten, in seinen Augen geradezu lächerlichen Widerstands.


„Monsieur Croqué, die University of California hat elf Standorte. Nach den Angaben in Ihrer Personalakte haben Sie in Monterey studiert. Würden Sie sagen, dass Monterey mit seinen dreieinhalbtausend Studenten zu den führenden Universitäten der USA gehört?“


„Sie haben sich informiert, ja? Solche Zahlen haben mich nie interessiert. Was Anthropologie angeht, ist Monterey eine Schmiede der Könner. Das wird Ihnen jeder Amerikakenner bestätigen. Und genau deswegen leite ich heute eines der führenden C14-Datierungslabore, publiziere in den wichtigsten Fachzeitschriften und habe unsere Institutssammlung zu einer der besten ihrer Art gemacht.“ Croqués Augen sprühten tödliche Blitze. „Ich habe zwei Doktortitel, bin Mitglied von mehr als einem Dutzend Clubs und Gesellschaften und weltweit anerkannt. Ich habe nicht nur zahlreiche berühmte Fossilien untersucht, mir wurden auch heikle Analysen anvertraut. Die Russen haben mir Gewebeproben von Rasputins Genitalien anvertraut und Papst Benedikt ein paar Fäden vom Turiner Leichentuch. Ich habe mich nicht darum gerissen. Meinen Sie, das kommt von ungefähr? Wenn ich meine sämtlichen Publikationen ausdrucke, kann ich mit den Einzelseiten ein Fußballfeld bedecken. Wie sieht eigentlich Ihr output aus? Sagen Sie’s doch mal.“


„Selbstbeherrschung ist nicht gerade Ihre Stärke, Monsieur Croqué.“


Croqué zog eine Hälfte seiner Oberlippe ein Stückchen nach oben. „Außer Senatsprotokollen“, sagte er verächtlich, „haben sie doch in den letzten fünf Jahren gar nichts produziert. Sie haben sich in dieses Amt geflüchtet, weil sie weder für die Forschung noch für die Lehre besondere Voraussetzungen mitbringen.“


Für einen Moment war Laroussi sprachlos. Nicht nur, dass Croqué keinerlei Spuren von Scham oder Reue zeigte oder wenigstens von Zerknirschung – nein, er schien sich seiner Sache so sicher zu sein, dass er ihn auch noch beleidigen konnte. Da saß er und grinste und demonstrierte Unangreifbarkeit. Er glaubte, Croqués glatte Selbstsicherheit keine Minute länger ertragen zu können, ebenso wenig die Prahlerei, als Aushängeschild der Universität zu gelten.


„Monsieur Croqué“, sagte er, „Sie leiden an Selbstüberhebung. Beziehungsweise wir leiden unter Ihrer Selbstüberhebung. Ihnen geht es ja offensichtlich gut damit.“


„Mein Problem ist höchstens, dass ich zu rücksichtsvoll und bescheiden bin. Ein anständiger Kerl, der sich nichts vorzuwerfen hat, macht nicht Halt vor irgendwelchen Schwierigkeiten. Ich habe noch nie kapituliert. Das habe ich von den Amis gelernt. Sonst wären sie auch nie auf dem Mond gelandet, hätten die Japaner nicht besiegt und wären nicht in den Irak einmarschiert.“


„Wo wollen Sie denn demnächst einmarschieren?“


Lesen Sie mal Watson, The Modern Mind. Ein gutes Buch. Darin geht es um das Abenteuer Denken im 20. Jahrhundert, bis hin zu den gedanklichen Grundlagen, die zum Grauen der Nazis oder der Emanzipation der Frau geführt haben. Danach werden Sie mich besser verstehen.“


„Da bin ich mir nicht ganz sicher.“


Hören Sie, Laroussi. Ich habe Sie vor acht Jahren als Doyen unserer Fakultät installiert, ich habe Ihnen die Mehrheit gesichert, als Sie Universitätspräsident werden wollten. Sie sind praktisch der erste Tunesier, der an dieser Hochschule etwas anderes bekleidet hat als den Posten des Hauselektrikers. Warum sind Sie jetzt so undankbar?“


Laroussi musste hart gegen den Drang ankämpfen, Croqué rauszuschmeißen, doch er zwang sich zur Ruhe. Statt zum Telefon zu greifen und seine Sekretärin die Aufsichtsgremien der Universität zu einer Eilsitzung einberufen zu lassen, sagte er mit breitem Lächeln: „Offensichtlich, Monsieur Croqué, hat Sie bisher nichts und niemand dazu veranlassen können, Ihre Überheblichkeit abzulegen. Nun denn, soweit ich weiß, wurde ich beide Male in einem demokratischen Verfahren gewählt. Und die Tatsache, dass ich seit meinem Amtsantritt kaum noch wissenschaftlich publiziere, ist meinem Einsatz als Universitätspräsident geschuldet, den ich nicht einfach so nebenher betreiben kann, der vielmehr meine ganze Kraft und Aufmerksamkeit fordert.“


„Dann bleiben Sie mal schön aufmerksam“, höhnte Croqué, der Laroussis freches Grinsen am liebsten mit einem Ziegelstein zerquetscht hätte. „Sonst könnte es nämlich gefährlich werden für Sie. Erfolgreich zu sein ist ein hartes Geschäft. Härter als Sie vielleicht denken. Dazu braucht man die nötige Souveränität und Gelassenheit. Nach meiner Einschätzung mangelt es Ihnen genau daran. Das Allerwichtigste fehlt Ihnen also. Sonst finden Sie sich mir nichts dir nichts plötzlich im Minenfeld zwischen allen Parteien wieder und von allen Seiten wird scharf auf Sie geschossen. Mein Tipp: Kümmern sie sich um ihr Tagesgeschäft. Höhere Besoldung, mehr Planstellen, mehr Parkplätze, Designermöbel für die Büros der Professoren. Spendensammeln nicht vergessen. Machen Sie einfach Ihren Job!“

 

 
 
 
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