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Nach dem Abendessen legte von Haase seinen beiden Gästen eine Vereinbarung zur Unterschrift vor, die er als „Standardvertrag“ bezeichnete.


Alexander nahm die beiden Blätter, las sie stirnrunzelnd und reichte sie an Kim weiter. Sie wurden darin als „Auftraggeber“ bezeichnet, von Haase als „Auftragnehmer“, der ihnen für das Projekt mit dem Arbeitstitel „DOMINIQUE“ für die Dauer von 5 Jahren ab Unterzeichnung in seiner Eigenschaft als Experte für Prä-Astronautik „nichtexklusiv“ als wissenschaftlicher Berater zur Verfügung stehen wollte. Mit ihrer Unterschrift sollten sie sich verpflichten, sämtliche ihnen vorliegenden Informationen zum Projekt, auch wenn sie nicht durch von Haase verfügbar gemacht wurden, in die Projektentwicklung einfließen zu lassen. Alle Erlöse aus „urheberrechtlichen Nutzungsrechten und sonstigen Rechten an den vertragsgegenständlichen Arbeitsergebnissen“, wie die steife Formulierung lautete, sollten zwischen ihnen hälftig geteilt werden. Darüber hinaus behielt sich von Haase das Recht vor, die gemeinsam mit ihnen gehaltenen Rechte an einen Dienstleister namens Andromeda Real Estate MVH zu übertragen.


„Nur für den Fall, dass es zu dem geplanten Bau eines Themenparks kommt“, erklärte er auf Kims Nachfrage.


Alexander fragte sich, ob es in diesem Mann überhaupt etwas geben konnte, was nicht seinen geschäftlichen Interessen untergeordnet war, seinem Instinkt für Reklame und Ruhm, fragwürdigen Ruhm. Es missfiel ihm, dass sich Kim mit von Haase überhaupt ernsthaft einließ. Aber dass sie sich – und ihn mit – nun auch noch vertraglich an diesen geschäftstüchtigen Schwindler binden wollte, war ihm unbegreiflich. „Willst Du das wirklich unterschreiben?“, sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihr.


Von Haase schien seine Gedanken zu erraten. „Lest euch den Vertrag in Ruhe durch“, sagte er. „Es reicht, wenn ich ihn morgen bekomme. Und denkt bitte bei Gelegenheit daran, mir die Scans von euren Dokumenten zu schicken.“


„Zu Befehl“, sagte Alexander und schenkte ihm ein eingefrorenes Lächeln. Dann sah er Kim an. „Und was kommt als nächstes? Wir haben ja noch acht Tage Zeit bis zu unserem Rückflug. Da können wir jede Menge Unfug anstellen.“


Kim ignorierte seinen Sarkasmus. „Ich meine, das ist doch klar. Wir fliegen nach Dresden und besuchen den lieben Herrn Holtz.“


„Na klar“, erwiderte Alexander. „Wir haben ja auch nichts Besseres zu tun. Gestern Paris, heute Vevey, morgen Dresden. Für einen Bomberpiloten wäre das eine schöne Route. Then we take Berlin....


„Alex!“ Sie starrte ihn aus schmalen Augen an.


„Ist doch wahr! Was haben wir denn in der Hand? Gar nichts. Das ist wie... wie eine Heunadelsuche.“


„Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, verbesserte ihn Kim.


„Bloß dass Du nicht mal einen Heuhaufen hast.“


„Doch. Seine letzte Adresse.“


„Aber er wohnt da doch gar nicht mehr!“


„Das wissen wir nicht. Er steht mit dieser Adresse nicht im Telefonbuch. Aber das heißt nicht, dass er da nicht mehr wohnt. Wir werden das feststellen.“


„Du willst einfach mal eben, mir nichts, dir nichts, auf Verdacht nach Dresden fliegen?“


„Will ich. Kommst Du mit?“


„Ihr beide könnt doch in Dresden nach Herrn Holtz suchen. Ich bleibe hier bei Ararya und lasse mich von ihr in der Kampf- und Küchenkunst unterweisen. Praktisches Wissen, das mir noch abgeht.“


„Das könnte Dir so passen“, sagte Kim lächelnd. „Und anschließend noch ein bisschen thailändisch-brasilianisches Kamasutra mit ukrainischem Akzent. Nein, Du kommst schön mit. Du bist doch mein Beschützer.“


„Aber wie kann ich das sein, ohne solide Kampfausbildung?“


„Mit mentaler Stärke. Damit hast Du mich ja auch rumgekriegt.“


„Sehr schön“, sagte von Haase. „Dann hätten wir das also auch geklärt. Ihr beide fliegt, und ich halte hier die Stellung. Und wenn ihr Holtz gefunden habt, sehen wir weiter. Sollte meine Anwesenheit erforderlich werden, setze ich mich in die nächste Maschine. Versprochen.“

 
 
 

Zum Mittagessen fuhren sie in ein kleines Dorf namens Brent, das bereits zu Montreux gehörte, und danach führte sie von Haase in ein kleines Waldstück, das einen Felsabhang bedeckte, und weiter zu einem skurrilen Felsgebilde, das sich bei näherem Betrachten als begehbare Tuffstein-Grotte erwies.


„Freunde“, sagte er mit geheimnisvoll gedämpfter Stimme, „das hier ist wirklich etwas Außergewöhnliches. Ein Blowhole. Normalerweise gibt es sie nur an der Küste. Aber hier, am Fuß der Westalpen... Ein sensationelles Erlebnis. Theoretisch jedenfalls. Also wenn man genügend Zeit mitbringt.“ Vor Jahrmillionen, erklärte er, als sich hier noch ein urzeitliches Meer erstreckte, hätten der Wind und die Gezeiten einen flachen Tunnel in die Felsen genagt, an dessen Ende ein Stück der Decke eingebrochen sei. Bei Sturm und sehr starkem Regen könne man hier Zeuge eines seltenen Naturschauspiels werden, eines Kaltwasser-Geysirs. „Dann spritzen hier oben plötzlich kleine Wasserfontänen durch die Decke, als kämen sie aus dem Blasloch eines Walfischs. Ich selbst habe es zwar noch nicht beobachtet, aber die Tatsache als solche ist verbürgt. Ich würde es zu gern einmal erleben. Dann könnte ich wenigstens mal mit Recht ausrufen: Da bläst er!“


Im selben Moment klingelte Kims Telefon.


„Tom! Hast Du was rausgekriegt?“


„Ja. Wo bist du? Was ist das für ein Hall in Deiner Stimme?“


„Ich bin gerade in einer Höhle am Genfer See. Und?“


„Das wird ja immer toller. Hat das auch mit der Ausspähung des Globus-Verlags zu tun?“


„Nein, ich bin hier privat. Wir machen gerade einen Verdauungsspaziergang. Hast Du –?“


„Am Genfer See? Na, meinetwegen. Also, bevor Du vor Ungeduld stirbst: Es gibt einen Mann, zu dem Deine Angaben passen.“


„Schieß los.“


„Karl-Heinz Holtz, mit tz. Geboren 1.7.1946 in Hoyerswerda, bis 1982 Ingenieur beim VEB Robotron-Messelektronik ‚Otto Schön’ in Dresden, dann bei der Hauptverwaltung Aufklärung, Sektor Wissenschaft und Technik.“


„Er war bei der Stasi?“ Kim war so aufgeregt, dass sich die Lautstärke ihrer Stimme nahezu verdoppelte.


„Bist Du jetzt enttäuscht?“


„Nein, gar nicht. Nur überrascht. Gibt es eine Akte?“


„Es gibt nur eine Personalakte. Keinen Vorgang, nichts über irgendwelche Kontakte ins westliche Ausland. Ja, tut mir leid.“


„Lebt er noch?“


„Ach so, natürlich. Bei der Auflösung der Staatssicherheit 1989/90 hat er noch gelebt. Ich habe seine letzte Adresse, Gerhart-Hauptmann-Weg 13 in Langebrück. Gehört heute zu Dresden.“


„Muss ich das aufschreiben?“


„Nein, ich schicke Dir nachher eine pdf-Datei mit dem Dokument. Sheila, entschuldige, aber ich muss Schluss machen. Wir können gern morgen noch einmal telefonieren, aber mehr kann ich Dir dann auch nicht sagen.“


„Nein, das ist schon okay. Tom, ich danke Dir. Und nichts für ungut. Ich revanchiere mich mal. Versprochen.“


Kim beendete das Telefonat und wechselte zum Internet-Browser.


„Tja“, sagte sie zu den andern, während sie eine Buchstabenfolge eintippte, „ihr habt es gehört. Ein Computerspezialist, der bei der Stasi anheuerte. Oder von ihr angeworben wurde. Jahrgang 1946. Mit seiner letzten Adresse. Immerhin.“


Alexanders Stirn legte sich in Falten. „Guter Gott, das ist zwanzig Jahre her… In der Zwischenzeit kann alles Mögliche passiert sein. Er kann gestorben sein oder ausgewandert. Vielleicht ist er auch wieder zu Verstand gekommen und will von seinen einstigen Ideen nichts mehr wissen.“


„Ich bin da nicht so pessimistisch“, sagte von Haase, der beim Stichwort Stasi nicht weniger überrascht reagiert hatte als Kim. „Ich finde, damit kann man arbeiten. Jahrgang 1946… Das ist jedenfalls kein Alter, um schon tot zu sein.“


„Nein, das ist es nicht“, murmelte Kim und schob ein paar Mal die Lippen nach vorne, während sie auf das Display starrte. „Leider steht er nicht oder nicht mehr im Dresdner Telefonbuch. Und die Umkreissuche ergibt auch keinen Treffer.“


„Also stehen wir wieder mit leeren Händen da.“ Alexander schien fast ein bisschen erleichtert. „Oder, um Maurice zu zitieren: Ende der Fahnenstange.“


„Das sehe ich anders“, widersprach Kim. „In Deutschland gibt es Einwohnermeldeämter. Die sind verpflichtet, Auskunft über den letzten Wohnort zu geben. Die Anfrage könnte allerdings dauern.“


„Schaut mal nach da“, sagte Araya. Sie wies zum Himmel, an dem sich Wolken gebildet hatten, die rasch an Größe zunahmen. Ein Gewitter kündigte sich an. „Wenn wir warten, werden wir doch noch den Walfisch spritzen sehen.“ Sie sah Alexander herausfordernd an, fasste ihn an der Hand und zog ihn mit sich.

 
 
 

Ein Seespaziergang verkürzte die Wartezeit bis zum Mittagessen. Auf dem schmalen Uferweg formierten sich Araya und Kim und von Haase und Alexander zu Paaren. Während die beiden Frauen umgehend eine angeregte Unterhaltung begannen, folgten ihnen die beiden Männer schweigend. Plötzlich blieb von Haase stehen und baute sich vor Alexander auf.


„Du liebst Sheila wahnsinnig, nicht wahr? Du betest sie geradezu an. Das spüre ich. Aber ich rate Dir, aus der Erfahrung eines langen Lebens: Liebe Dich noch ein bisschen mehr als sie. Denn wenn sie Dir eines Tages den Laufpass gibt –“


„Warum sollte sie das tun?“ unterbrach ihn Alexander.


„Wenn sie Dir eines Tages den Laufpass gibt“, wiederholte Haase, „stehst Du da, verletzt, zermürbt, splitternackt. Du wirst nie mehr einen Tag erleben, an dem Du nicht an sie denkst. Du wirst an sie denken bis zu Deinem letzten Atemzug. Du wirst bei Deinem letzten Atemzug an sie denken.“


„Na und? Was soll verkehrt daran sein?“


„Du bist ein hoffnungsloser Fall. Wer liebt, der ist dazu verdammt, zu leiden. Das ist meine feste Überzeugung.“ Er stieß beide Fäuste in die Taschen seines Mantels. Kräftig ausschreitend gingen sie weiter, den beiden Frauen hinterher.


„Weißt du“, sagte von Haase und legte die Hand auf Alexanders Schulter, „meines Erachtens irren sich die Menschen gewaltig, wenn sie meinen, sie seien für die Liebe begabt, bloß weil ihnen die Natur die passenden Werkzeuge dafür anvertraut hat. Man kann damit auch bloß so herumstümpern.“


„Sagst Du das als Hobbybastler oder als enttäuschter Fachmann für Liebe?“


„Nicht enttäuscht. Ich habe mir nur nie Illusionen gemacht. Rimbaud hat das sehr schön formuliert: La position gagnée, coeur et beauté sont mis de côté : il ne reste que froid dédain, l'aliment du mariage. – Wunderschön, nicht wahr?“


„Wenn ich mich nicht irre, ist Rimbaud nicht sehr alt geworden. Was versteht ein junger Kerl von der Liebe?“


„Ja, und schwul war er auch, aber was bedeutet das schon. Es geht um Liebe. Man kann alles lieben, aber Liebe bleibt immer eine Projektion. Eine Theorie, wenn Du so willst. Eine noch verrücktere Theorie als –“


„Deine?“ fiel ihm Alexander ins Wort.


„Unbedingt“, bestätigte von Haase grinsend. „Trotzdem bin ich Optimistiker, wie Araya zu sagen pflegt.“


Um ihn von dem leidigen Beziehungsthema abzubringen, fiel Alexander nichts Besseres ein, als von Haase auf seine Klavierdarbietung anzusprechen, die er über den grünen Klee lobte, worauf von Haase erwiderte, auch in der Kunst sei eine akademische Ausbildung selten vonnöten und dem Talent oft sogar ausgesprochen schädlich.


„Meine Musikalität ist natürlich nur eine bescheidene Nebenbegabung“, sagte er leichthin, „die ich deshalb auch nur an anderen Nebenbegabungen messen möchte. Ich spiele ungefähr auf dem Niveau von Errol Flynn. Robin Hood, Du weißt schon.“


„Na klar“, antwortete Alexander. „Ich wusste, dass er ein großer Trinker war. Dass er auch ein Virtuose am Flügel war, ist mir neu.“


„Virtuose ist gut“, kicherte von Haase. „Ich weiß es von meinem Freund Leo in Martigny, und der hat es vom Seniorchef des Hotel Royal in Courmayeur, also aus erster Hand. Pass auf: Mitte der 50er Jahre hatte sich der gute Errol in den Kopf gesetzt, die Geschichte von Wilhelm Tell zu verfilmen, mit ihm als Tell, und zwar im Aosta-Tal. Ist zwar nicht Schweiz, aber egal. Dafür brachte er ja seinen Filmruhm als erstklassiger Bogenschütze aus dem Sherwood Forest mit.“


„Ein englischer Flitzebogen ist aber etwas anderes als eine schweizerische Armbrust“, warf Alexander ein.


„Für Hollywood besteht da vermutlich kaum ein Unterschied. Während der Dreharbeiten war das Filmteam in dem schon erwähnten Hotel Royal in Courmayeur stationiert. Und weil man dort außer Saufen praktisch nichts machen konnte, war jeden Abend Party. Für Musik war gesorgt, denn in der Bar stand ein großer Flügel. Und hier stellte sich nun heraus, dass Errol Flynn nicht nur ein begnadeter Schauspieler war, sondern auch ein passabler Pianist, der die Truppe mit Liedern auf Zuruf unterhielt. Sein Meisterstück aber war eine Version des ‚Star-Spangled Banner’, gespielt ohne Hände.“


„Ohne Hände? Also mit den Füßen.“


„Auch ohne Füße. Ich gebe Dir einen Tipp: Er spielte es im Stehen.“


„Mit den Ellenbogen?“


„Falsch. Mit dem elften Finger. Der Hotelchef hat es mit eignen Augen gesehen.“


„Das muss für alle ein erregender Moment gewesen sein.“

 
 
 
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