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2. Sept.
3 Min. Lesezeit

Für den Video-Chat mit von Haase hatte Alexander im Wohnzimmer seinen Laptop aufgebaut. Als die Verbindung hergestellt war, rief er Hilde und Kim, und sie nahmen auf den drei Küchenstühlen Platz. Von Haase schien sich ehrlich zu freuen, als er Hilde auf dem Bildschirm seines Computers sah, von Alexander und Kim flankiert.

 

„Hilde, meine Liebe“ sagte er mit einem strahlenden Lächeln. „Du siehst bezaubernd aus. Wie geht es Dir?“

 

„Na, wie wird es mir schon gehen nach so viel Aufregung?“, antwortete Hilde. „Man macht sich Sorgen, die Sorgen lassen einen nicht schlafen, das hat man morgens in den Knochen, und damit fängt der Tag bereits schlecht an.“

 

Kim legte einen Arm um ihre Mutter und schmiegte sich an sie. „Wir stützen uns gegenseitig“, sagte sie.

 

„Und, was treibst Du so?“, wollte von Haase wissen.

 

Hilde hob theatralisch beide Hände. „Was denkst du? Ich mache meine Gymnastik, ich koche, ich gehe einkaufen, ich halte die Wohnung sauber. Fernsehen wenig. Das Fernsehen will einem bloß einreden, alles sei interessant. Blödsinn!“

 

„Fühlst Du Dich nicht manchmal einsam? Ich meine, wenn Du nicht gerade Besuch hast?“

 

„Wieso? Hier bin ich für mich und kann mich gehen lassen. Ich brauche keine große Gesellschaft. Was soll ich damit? Wichtig ist, dass man etwas mit sich anzufangen weiß.“

 

Von Haase erkannte, dass seine alte Freundin nicht in Plauderstimmung war und wendete sich übergangslos Kim zu.

 

„Und Sheila, wie ist es Dir und Deinem Mann ergangen?“

 

„Uns geht es gut“, antwortete Kim. „Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um Abstand zu dem, was passiert ist, zu kriegen… Aber jetzt funktioniere ich wieder ganz ordentlich. Und wie geht es Dir?“

 

„Es ist wie immer. Ich werde von Araya verwöhnt und gefordert.“

 

Im selben Moment ging im Hintergrund eine Tür auf, und Araya kam auf die Kamera zu. Sie schien von Haase etwas mitteilen zu wollen, zögerte aber.

 

„Was gibt es, Liebes?“ fragte er, ohne den Kopf in ihre Richtung zu bewegen.

 

„Entschuldigung“, sagte Araya, „das Schweizer Fernsehen ist am Telefon. Sie würden morgen gerne ein Interview machen. Mit Dir. Wegen dem Alien.“

 

„Was?“ sagte von Haase und drehte sich zu ihr. Gesichtsausdruck und Stimme verrieten Empörung. „Wegen DOMINIQUE? Kommt gar nicht in Frage. Woher wissen sie das überhaupt? Sag ihnen, kein Gesprächsbedarf. Nein, warte. Sag ihnen, ich bin zurzeit in Chichén Itzá, Yucatán.“

 

Araya drehte sich wortlos um und verließ den Raum, und von Haase wandte sich wieder der Bildschirmkamera zu. „Habt ihr das gehört“, sagte er kopfschüttelnd. „Jetzt sind mir schon die Fernsehfritzen auf den Fersen. Ich glaube, es wird höchste Zeit, dass wir unser gemeinsames Projekt zum Abschluss bringen.“

 

Alexander hielt es für sehr wahrscheinlich, dass die Szene lediglich gestellt war, um sie unter Druck zu setzen. Er hielt von Haase nicht für so dumm, sich vorzeitig an die Medien zu wenden. Trotzdem sagte er: „Maurice, wir haben nichts in der Hand. Wenn wir verfrüht damit herauskommen, haben wir verloren.“

 

„Natürlich“, sagte von Haase und tastete sein Jackett nach dem Zigarettenetui ab. „Ich denke ganz genauso. Aber wir ihr seht, rückt man mir schon auf die Pelle. Ich werde mich nicht mehr lange verleugnen lassen können. Und ehrlich gesagt –“ Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in Richtung Bildschirm. „Ehrlich gesagt, bin ich selbst schon ein bisschen ungeduldig.“

 

„Uns geht es genauso“, mischte sich Kim ein. „Deswegen wollten wir gemeinsam mit Dir überlegen, wie wir jetzt weiter verfahren.“

 

Von Haase ließ sich in seinem Schreibtischstuhl nach hinten fallen und schlug die Beine übereinander. „Alexander hat mir erzählt, dass Holtz Dir ein Bild geschenkt hat, bevor er... Was ist eigentlich mit dem Bild passiert?“

 

„Ich habe es mitgebracht. Vielleicht hätte ich es der Polizei geben sollen, aber ich habe einfach nicht daran gedacht.“

 

„Du hast gesagt, er hat Dir das Bild sogar gewidmet“, erinnerte sie Alexander.

 

„Ja, auf seine Weise. Mit einer Zettelbotschaft.“

 

„Und wie lautete diese – Botschaft?“, fragte von Haase hinter einer Rauchwolke.

 

„Es war keine richtige Widmung. Er hat bloß dem Bild einen Namen gegeben“, antwortete Kim. „Ich glaube, er hat Erinnerungsbild dazu gesagt. Nein, jetzt fällt es mir ein. Er hat es Gedächtnisbild genannt. Gedächtnisbild für Madame Fairchild.“

 

„Ist doch klar“, seufzte von Haase. „Zu seinem ewigen Gedächtnis. Mit ewig hat er es ja gehabt. Wie hieß sein Lieblingsspruch noch? Alles endet ewiglich. Schrecklich.“

 

„Aber das Bild ist schön“, sagte Kim. „Eine Tüftelei. Sehr eindrucksvoll.“

 

„Es war sein Abschiedsgeschenk für Dich, Sheila. Vielleicht hat es irgendeine Bedeutung. Habt ihr mal darüber nachgedacht?“

 

„Bisher nicht“, antwortete Alexander.

 

„Es liegt nebenan“, sagte Kim. „Willst Du es mal sehen?“

 

„Ja bitte. Vielleicht gibt es irgendetwas her.“

 

 
 
 
26. Aug.
5 Min. Lesezeit

 

Kim saß in der Küche ihrer Mutter vor ihrem unberührten Frühstück. Ein Teller aus feuerfestem Steingut mit einem Stück Baguette. Eine Teetasse. Das Glas mit dem selbstgemachten Quittenmus. Auf dem Stövchen die Teekanne, Porzellan mit blauen Blümchen. Sie nahm die Tasse in die Hand und stützte ihren Ellenbogen auf den Tisch. Die Tasse in ihrer Hand zitterte.

 

Hilde hatte darauf bestanden, dass Kim so bald wie möglich nach Hause kam, und unter Zuhause verstand sie Clamart. Alexander verzichtete auf Einwände irgendwelcher Art, denn Hilde hatte Kims „Zustand“ betont, und er wollte sich keinesfalls dem Vorwurf aussetzen, rücksichtslos und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht zu sein. Jetzt waren beide zum Einkaufen in die Stadt gegangen.

 

Sie bemühte sich, in jene Welt zurückzukehren, in der es weitgehend vorhersehbar und vernünftig zuging, aber diese Welt war aus den Fugen geraten. Wieder und wieder sah sie Holtz auf dem Hinterhof liegen, den zerschmetterten Körper, umflattert von kleinen Schmetterlingsflügeln, die sich bei seinem Fall gelöst oder von der Wucht des Aufpralls hochgewirbelt worden waren. Die Polizisten hatten gestaunt, wieso innerhalb der Absperrung so viele tote Schmetterlinge herumlagen; dass es sich nur um körperlose Flügel handelte, war ihnen nicht aufgefallen.

 

Die Erinnerung füllte ihr Bewusstsein aus wie ein Traum. Überall waren Bilder und Worte, die sich in ihrem Kopf auf ungeregelte Weise vermischten. Sie nahm die Hände vom Tisch und legte sie auf ihre Oberschenkel. Es war, als hätte man sie an den Stuhl gefesselt und gezwungen, einen Film anzusehen, einen entsetzlichen Film, in dem sie die Rolle der Mörderin spielte. Kälte kroch ihren Rücken hinauf. Ihre Augen wanderten durch den Raum auf der Suche nach etwas Vertrautem, das sie retten konnte. Nicht der Herd mit der Kasserolle, nicht die Schublade mit den Messern und den Fleischspießen, nicht die Spüle mit dem schmutzigen Frühstücksgeschirr. All das strahlte Schuld aus, da konnte der Psychologe noch so viel dementieren. Sie musste ihren Blick auf etwas Schönes richten. Auf der Anrichte in der Küche stand seit Ewigkeiten eine Waschschüssel aus Steingut, das einzige Erbstück, das sich noch auf ihre irische Urgroßmutter zurückführen ließ. Die Schüssel war immer leer, sie wurde nie benutzt, und genau das gefiel ihr jetzt.

 

Sie klappte den Laptop auf, den Alexander auf dem Küchentisch zurückgelassen hatte. Statt des üblichen Bildschirmhintergrunds blickte sie auf ein Selfie, das sie vor etwa drei Wochen auf dem Gipfelplateau des Grand Ballon, vor dem Denkmal für die Diables bleus, aufgenommen hatten, mit der blendend weißen Radarstation im Hintergrund. Alexander hatte es gut gemeint, aber ihr Verstand sträubte sich gegen die aufgezwungene Erinnerung.

 

Sie schloss die Bilddatei, klickte auf die Suchmaschine und tippte das Wort „Verstand“ ein. 36 Millionen Ergebnisse. Sie fügte „Sprache“ hinzu, aber zu ihrer Überraschung stieg die Trefferzahl auf 37 Millionen. Erst die Ergänzung „Tod“ ließ sie auf unter 6 Millionen sinken. Die mit freiem Assoziieren verknüpfte Suche begann ihr Spaß zu machen. Nachdem sie ein Dutzend weiterer Wörter, die ihr zufällig in den Sinn gekommen waren, in die Suchmaske eingegeben hatte, wurde sie auf eine Website geleitet, die mit einem längeren Zitat von Swedenborg um Aufmerksamkeit warb; jenem Swedenborg, dessen Name, nachdem sie ihn entziffert hatten, zum Schlüssel für alles Weitere geworden war.

 

Für die ihrer irrdischen Hülle entledigten Engel giebt es weder Tage noch Jahrszeiten noch Jahre, vielmehr messen sie ihr ganzes Daseyn nach den Gedanken oder nach dem innern Zustand ihrer Liebe und Weisheit ab. Dies scheint dem menschlichen Verstand zu hoch, weil keine Empfänglichkeit dafür vorhanden. Die Zeit so von den Schritten des Todes bezeichnet wird, und auf der Erde nur ein Aufhören des Seyns ist, kann uns über das Geistige keinen Aufschluß geben. Jedoch lassen sich diese Dinge bei dem himmlischen Licht betrachten, und derjenige der mit reinem Verlangen, seinen Verstand standhaft und anhaltend bis zu diesen erhabenen Gegenständen erhebt, wird Begriffe erhalten, die ihm die ausdruksvollste Sprache nicht gewähren kann. Eine solche Erhebung des Verstandes kann aber nur insofern statt finden, als man von irrdischen Begriffen von Raum und Zeit abstrahirt. Es giebt keine Zeit in dem Himmel, aus derselben Ursache warum es keinen Raum giebt, und die einzige Fortschreitung in dem geringern oder höhern Grad der Liebe und Weisheit der Engel besteht.

 

Kim stand auf, ging zum Küchenfenster und lehnte ihre Stirn an das kalte Glas. Sie fühlte sich so erschöpft, als sei sie eben den Montmartre-Hügel hinaufgejoggt. Vor dem Haus gegenüber stand ein Umzugswagen, zwei Möbelpacker trugen Kartons zur Ladefläche, wo sie von einem dritten entgegengenommen, zusammengeschoben und gestapelt wurden. Eine junge Frau ins Jeans und T-Shirt trat aus dem Haus. Vor ihrer Brust trug sie einen großen Blumentopf mit einem Birkenfeigenbäumchen, an dessen Geäst nur noch ein paar blasse Blätter hingen. Es sah aus, als würde sie ihn umarmen.

 

Bei der kriminaltechnischen Untersuchung hatte sich herausgestellt, dass Holtz das Fensterschloss manipuliert hatte, sodass es sich nicht nur, wie vorgesehen, bloß kippen, sondern ganz öffnen ließ. Auch das war als Beweis dafür gewertet worden, dass sich Holtz schon länger mit Selbstmordgedanken getragen hatte. Hier an diesem Fenster, stellte Kim fest, war keine Sicherung angebracht, es ließ sich kippen und vollständig öffnen. Sie probierte es ein paar Mal, dann stellte sie sich vor das offene Fenster. Sie blickte auf eine mächtige Kastanie. Es musste schön sein, diesen Baum anzufassen. Vielleicht ließ er sich sogar erklettern, von seiner ersten Verzweigung bis in die Spitze.




Als Hilde und Alexander nach Hause kamen, fanden sie Kim vor dem laufenden Fernseher schlafend im Wohnzimmersessel vor. Im Traum hielt sie eine Blume in der Hand, deren Stängel sich zu drei Blütenköpfen verzweigte, die die Gesichter von Alexander, von Haase und Holtz trugen, aber sämtlich in Regenbogenform. Gebannt sah sie zu, wie sich aus jedem Regenbogen ein Wort formte: Verkehr, verkehrt, verquer, aber kaum war der letzte Buchstabe gebildet, schrumpften die Regenbogen zusammen; übrig blieb nur ein kopfloser Stängel. Dann wurde ihr dieser aus der Hand gerissen, und gleichzeitig wurde sie geschubst.

 

Sie schlug sie die Augen auf. Das Tageslicht überflutete sie so plötzlich, dass es schmerzte und sie Mühe hatte, etwas zu erkennen. Undeutlich, wie nebelverhangen, kamen ihr die beiden Gesichter vor, die auf sie herabschauten.

 

Noch halb verstrickt in die Spinnweben des Traums, erinnerte sie sich, dass sie zuletzt vor dem Fernseher gesessen hatte, in der Hoffnung, die Nachrichtensendung würde sie in die Gegenwart zurückholen, aber das Gefühl, ein Teil dieser Welt zu sein, war ihr auf gründliche Weise abhanden gekommen; die zwischendurch eingeschobenen Filme mit Berichten von Attentaten und militärischen Scharmützeln erschienen ihr fern und unverständlich.

 

Alexander rückte einen Stuhl heran und setzte sich vor sie hin. In Kims hellbraunen Augen glänzten Tränen. Er ergriff ihre Hände.

 

„Wie geht es Dir?“

 

„Mir geht es gut. Ich bin eingeschlafen.“

 

„Möchtest Du etwas essen?“

 

„Nein.“

 

„Oder Spazierengehen?“

 

Es fiel ihr schwer zu begreifen, was er von ihr wollte. Oder hatte sie etwas überhört, Worte, die seiner Rede Sinn gaben? Es war unangenehm, ihn über so banale Dinge wie Essen oder Spazierengehen reden zu hören.

 

„Nein“, sagte sie entschlossen. „Ich möchte arbeiten. Ich möchte die Sache mit DOMINIQUE zu Ende bringen.“

 

„Du bist tapfer.“

 

„Ich möchte ihn sehen, ich möchte ihn anfassen.“

 

„Ich könnte natürlich versuchen, von Croqué die Erlaubnis zu kriegen, ihn eingehend zu untersuchen. Aber früher oder später kommen wir an den Punkt, wo wir ihn einweihen müssen. Und Croqué, das wissen wir jetzt, ist ein Halunke und anscheinend skrupellos hinter Geld her. Der Bursche ist noch gerissener als von Haase. Das ist eine heikle Angelegenheit.“

 

„Du hast Recht. Leuten dieses Formats sind wir nicht gewachsen. Wenn einer ihm Paroli bieten kann, dann ist es Maurice.“

 

„Ist das Dein Ernst?“

 

„Maurice. Nur Maurice.“

 

 
 
 
19. Aug.
5 Min. Lesezeit

Auch an der medizinischen Fakultät selbst, die umgehend ihre Arbeit wieder aufgenommen hatte, interessierte sich niemand für die schreckliche Vergangenheit und ihre etwaigen Hinterlassenschaften. Das Gerücht allerdings, dass dort Leichenteile von Juden aufbewahrt würden, die von den Nazis im Zweiten Weltkrieg umgebracht worden waren, um in einem rassekundlichen Skelettmuseum ausgestellt zu werden, hielt sich. Im Januar 2013 entdeckte Ronny Rosenthal, ein Medizinhistoriker aus Lüttich, dessen Großvater zu den in Natzwiller ermordeten Auschwitzer Juden gehörte, in der Schausammlung des Gerichtsmedizinischen Instituts hinter einer Reihe alter Aktenordner Glasbehälter mit menschlichen Präparaten, die auf dem Etikett den Stempel der „Reichsuniversität“ trugen und von ihm als Teile der ehemaligen Sammlung Berger identifiziert wurden. Als er den damaligen Institutsleiter Professor Olivier Kaelbel auf seinen grausigen Fund ansprach, tat dieser die Sache als Zufallsfund ab und lehnte Rosenthals Bitte, auch die verborgenen Bereiche im Keller des Instituts in der Rue Blessig in näheren Augenschein nehmen zu dürfen, rundweg ab. Als Rosenthal sich mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde an den damaligen Universitätspräsidenten wandte, den Sportmediziner Raymond Dacourt, erhielt er prompt Hausverbot für das gesamte Universitätsgelände.

 

Daraufhin ging Rosenthal an die Öffentlichkeit. Als erster berichtete der Courrier du Bas-Rhin. Auf Nachfrage erklärte Institutsleiter Kaelbel die Gerüchte, wonach Präparate aus der ehemaligen Sammlung Berger am Gerichtsmedizinischen Institut existieren und dort zur Ausbildung der Studierenden dienen, für „frei erfunden“. Präsident Dacourt bekundete zwar öffentlich seine Solidarität mit Kaelbel, indem er es im Interview für „absolut ausgeschlossen“ hielt, dass an seiner Universität „jemand in einer Führungsposition“ willentlich etwas verschweige. Tatsächlich dachte er aber nicht daran, Kaelbel und sein „ekelhaftes Institut“ aus der Gesamtverantwortung zu entlassen.

 

Die damals noch zweisprachigen Dernières Nouvelles d’Alsace nannten die Affäre nach amerikanischem Vorbild „Schdroosburigate“ – ein Name, der, weil er die Brisanz der Angelegenheit auf so wohltuende Weise entdramatisierte, sich in der Öffentlichkeit umgehend durchsetzte: Während das Skandal-Suffix -gate, das sich bereits mehrfach bewährt hatte, der Angelegenheit eine weltpolitische Dimension verlieh, holte sie die Mundartversion des Stadtnamens gewissermaßen gleich wieder auf den Teppich zurück. Als „Schdroosburigate“ beschäftigte der Umgang mit dem makabren Erbe der Sammlung Berger nun nicht nur die gesamte französischen Presse, sondern auch die audiovisuellen Medien bis nach Israel und in die Vereinigten Staaten.

 

Nun schalteten sich auch die Politiker ein. Bürgermeister Roland Dietrich von der Sozialistischen Partei sah bereits den Auftakt der „Tour de France“, der in diesem Jahr in Straßburg stattfand, von Negativschlagzeilen überschattet, die alle Werbeeffekte, die er sich davon versprochen hatte, zu neutralisieren drohten. Selbst leidenschaftlicher Radrennfahrer, hatte Dietrich weder Kosten noch Mühen gescheut, um den „Grand Départ“ in die elsässische Hauptstadt zu holen. Um, wie versprochen, von den verausgabten dreizehn Millionen vielleicht acht wieder einzuspielen, musste das Thema „Universität & Judenmord“ schnellstens wieder aus den Schlagzeilen verschwinden. Gewiss, auch ein erfolgreiches Krisenmanagement versprach Publizität, aber es war ein Vabanquespiel mit schwer einzuschätzendem Risiko. Man konnte sich landesweit Respekt und Renommee verschaffen oder sein Ansehen in der Öffentlichkeit dauerhaft ruinieren. Entweder-oder. In einer scharf gehaltenen Stellungnahme erklärte Dietrich, die bisher vorliegenden Hinweise würfen einen Schatten auf die Geschichte der Universität; um Klarheit zu bekommen und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen zu können, gebe es nur eine angemessene Art des Umgangs mit dem Thema: schnelle und rückhaltlose Aufklärung. Deshalb erwarte er von der Universitätsspitze, sofort „geeignete Maßnahmen“ zu treffen.

 

Wissenschaftsministerin Dianne Roux von den Republikanern verlieh insbesondere ihrer Sorge Ausdruck, dass „das Ansehen der französischen Wissenschaft Schaden nehmen“ könne. Es sei bedauerlich, dass dieses dunkle Kapitel der Straßburger Universitätsgeschichte nicht systematisch zeitnah aufgeklärt worden sei und die Öffentlichkeit erst jetzt durch Medienberichte von diesem Fall erfahren habe. Nun sei es allerhöchste Zeit, „reinen Tisch“ zu machen. In einem Telefonat, für das es keine weiteren Zeugen gab, hatte sie Dacourt angeblich vorgehalten, seine Vergangenheit wegspülen zu wollen „wie einen Haufen Scheiße“.

 

Daraufhin war Dacourt als Universitätspräsident zurückgetreten und der Verwaltungsrat hatte 14 Tage später den Wunschkandidaten der Ministerin, den Psychopathologen und bisherigen Direktor der Humanwissenschaftlichen Fakultät, Chekif Laroussi, zu seinem Nachfolger gewählt.

Laroussi machte die Aufklärung von „Schdroosburigate“ sogleich zur Chefsache. Noch am Tag seiner Wahl ließ er erklären, die Université Sébastien Brant bekenne sich zu ihrer Verantwortung für die eigene Geschichte und werde zur Aufklärung dieses dunklen Kapitels ihrer Vergangenheit beitragen. Die von ihm eingesetzte Untersuchungskommission entdeckte bereits nach wenigen Tagen in den Reservebeständen des Gerichtsmedizinischen Instituts eine Kiste, die denStempel der wehrwissenschaftliche Forschungsabteilung und die Jahreszahl 1944 trug. „Wir haben darin insgesamt 46 weitere Humanpräparate gefunden“, erklärte ein Universitätssprecher auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz. Vergeblich versuchte der Gerichtsmediziner Kaelbel seine Haut zu retten; die Entrüstung der Öffentlichkeit trieb ihn aus seinem Amt.

 

Ein Dreivierteljahr nachdem Rosenthal sich an die Presse gewandt und „Schdroosburigate“ öffentlich gemacht hatte, veranstaltete die Universität zum Abschluss der Untersuchungen eine Pressekonferenz, zu der Journalisten aus elf Ländern gekommen waren. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen präsentierte Laroussi, Seite an Seite mit dem Bürgermeister und dem Großrabbiner von Straßburg, den 60-seitigen Abschlussbericht. Ehrenwörtlich hatte er damals versichert, die Universität sei nunmehr frei von makabren Zeugnissen der Unmenschlichkeit: Sämtliche Überreste der Menschen, die der verbrecherischen Rassekunde-Wissenschaft zum Opfer gefallen seien, würden in Kürze religiös bestattet.

 

Hätte er doch auf das Ehrenwort verzichtet! Aber damals hielt er es für angebracht. Und die Presse hatte seine markigen Wort nur allzu gern aufgegriffen und damit ihre Seiten gefüllt: Das Ende von Schdroosburigate / Uni-Präsident gibt sein Ehrenwort / Larousssi: „Nazi-Erbe für immer beseitigt“.

Maire Dietrich hatte damals namens der Bürgerversammlung Laroussi für seine „klaren Worte“ gedankt und die Entschlossenheit gelobt, mit der er als Präsident die Verantwortung für die Universität wie auch die gesamtgesellschaftliche Verantwortung aktiv wahrgenommen habe. „Mit großer Erleichterung“, hatte er damals verlauten lassen, „stelle ich fest, dass durch die Aufklärungsarbeit von Präsident Laroussi diese unselige Affäre, die das Selbstwertgefühl der Stadt Straßburg empfindlich gestört hat, nunmehr ein Ende gefunden hat“.

 

Einmal mit dem Etikett des großen Aufklärers versehen, vermochte Laroussi anschließend auch an der Universität gründlich aufzuräumen. Um weiteren Imageschaden von der Medizinischen Fakultät abzuwenden, wurde sie auf Vorschlag einer von ihm geleiteten Reformkommission zerschlagen. Die meisten Fachbereiche, darunter Grundlagenmedizin, Zahnmedizin und das Universitätsklinikum, wurden als eigenständige Medizinische Hochschule ausgegliedert, andere gingen an die Naturwissenschaftliche Fakultät sowie an die neugebildete Fakultät für Humanwissenschaften. Dadurch kam, wie sich Laroussi jetzt erinnerte, die bisher auf zwei Standorte der Universität verteilte Sammlung des Instituts für Gerichtsmedizin, nämlich in der Rue Blessig und in der Rue Goethe, in die Zuständigkeit des Anthropologischen Instituts. Dessen Leiter war Croqué.

 

Croqué hatte die Replay-Taste gedrückt. Wer auch sonst. Es war die Panikreaktion eines angeschossenen Raubtiers, das trotz seiner tödlichen Verwundung noch imstande war, selbst zu töten. Das war kein Bluff. Nach den neuerlichen Presseberichten stand Croqué mit dem Rücken zur Wand. Deshalb hatte er jetzt zum Gegenschlag ausgeholt. Er wollte ihn vernichten, zumindest seine Karriere, was auf das Gleiche herauskam. Laroussi war jetzt 47 Jahre alt, weder zu jung noch zu alt für den Seiteneinstieg in ein politisches Amt. Wenn etwas seiner Karriere schaden konnte, war es der Nachweis, dass er, der große Aufklärer der „Schdroosburigate“-Affäre, selbst Leichen im Keller hatte, und zwar buchstäblich. Wenn dieser ebenso beschämende wie pikant-groteske journalistische Leckerbissen seinen Weg in die Öffentlichkeit nahm, war er erledigt.

 

Doch wenn er es recht bedachte, war der Krieg noch nicht eröffnet, die Bombe noch nicht abgeworfen worden. In der spätmittelalterlichen Gerichtsbarkeit entsprach es dem Moment, wenn der Folterknecht dem Delinquenten die Marterinstrumente zeigte. Als jemand, der sich von Berufs wegen mit den Extremen menschlichen Verhaltens beschäftigte, glaubte Laroussi über das Sensorium zu verfügen, um die versteckten Signale seines Gegenüber zu erfassen. Dass Croqué nicht seinerseits mit seinen Trümpfen an die Presse gegangen war, sondern sich, wenn auch anonym, direkt an ihn gewendet hatte, sollte seine Dialogbereitschaft signalisieren, die er zugleich von seinem Gegenüber einforderte. Lassen Sie uns reden, hieß die Botschaft. Nun gut, sie würden reden. Am Telefon, damit er nicht in das Lügengesicht dieses Scharlatans blicken musste. Es durfte nicht sein, dass er schon am Ende seiner zweifellos fabelhaften Zukunft angekommen war.

 

 
 
 
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