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Kim und Alexander hatten sich aus der Küche, die während des späten Vormittags und des Nachmittags auch als Caféteria diente, Kaffee besorgt und es sich, eingerahmt von Pflanzkübeln mit Farn, auf einem Sofa in der Eingangshalle bequem gemacht. Draußen spielten ein Mann und ein Jugendlicher, offenbar Vater und Sohn, Fußball. Ebenso lässig wie gekonnt schoben sie den Ball hin und her. Während Kim mit ihrem Telefon beschäftigt war, schaute Alexander ihnen zu. Es war ein Spiel, das ohne Sprache auskam, und es war schön, den beiden zuzusehen.

 

„Übrigens, das Neuste von Croqué“, sagte Kim. „Aus ‚Le Monde‘. Van Drongelen hat wieder zugeschlagen. Er hat sich mit Laboren in England und Deutschland zusammengetan. Alle drei haben unabhängig voneinander über ein Dutzend von Croqués Datierungsanalysen überprüft, in verschiedenen Ländern. Das Ergebnis ist desaströs. Nicht nur, dass er reihenweise seine Auftraggeber getäuscht hat. Viel schlimmer soll sein, dass er durch seine Mentalmessungen – so hat van Drongelen Croqués Phantasiedatierungen genannt – die gesamten neueren Annahmen zur Vor- und Frühgeschichte des Menschen verfälscht hat.“

 

„Der Bursche ist offenbar nicht nur ein Prahlhans und Blender, sondern auch ein Hochstapler und Betrüger, wie er im Buche steht.“

 

„Jetzt hat auch endlich die Universität eine Untersuchungskommission eingerichtet, die sich mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen beschäftigen soll. Sie trägt den schönen Namen ‚Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten‘. Klingt wie ein Tarnname.“

 

„Das müssen sie machen, solange nichts bewiesen ist.“

 

„Mal sehen, ob die Lokalpresse auch berichtet.“

 

Draußen machte sich ein kleiner Junge, der bis dahin bei seiner Familie gestanden hatte, von der Hand seiner Mutter los und ging zu den beiden Fußballspielern. Vor dem Vater blieb er artig stehen und sagte etwas zu ihm, woraufhin ihm der Sohn den Ball zuspielte, in hohem Bogen, aber dennoch sanft. Vor dem Jungen prallte der Ball einmal auf, so dass er ihn mit den Händen greifen konnte. Er hielt ihn fest, drückte ihn an seine Brust und drehte sich voller Besitzerstolz ein paar Mal in der Hüfte hin und her. Der Jugendliche rief ihm etwas zu, was vielleicht „Nicht mit den Händen! Mit den Füßen!“ bedeutete, woraufhin der Junge den Ball wieder fallen ließ und zu seiner Mutter zurück rannte.

 

Alexander schloss die Augen und gönnte sich ein Nickerchen. Als er sie wieder öffnete, stand von Haase vor ihnen. Er wirkte erschöpft und verärgert zugleich.

 

„Wir haben uns umsonst gequält“, stieß er hervor. „Dieses Holz ist gerade zu Asche geworden.“

 

„Was soll das heißen?“ fragte Kim und steckte das Telefon zurück in ihre Handtasche.

 

„Er hat zugemacht“, erwiderte von Haase düster. „Wegen Geldgier.“

 

„Das glaube ich Dir nicht“, sagte Alexander. „Das kann gar nicht sein. Du hast es vergeigt!“

 

„Ich habe nichts vergeigt“, gab von Haase kämpferisch zurück und verschanzte sich ihnen gegenüber in einem wuchtigen Polstersessel. „Weil es gar nichts zu vergeigen gab! Dieser Stasi-Zahlenkasper hat mit den Jahreszahlen aus meinen Büchern Lotto gespielt, das ist alles. Mit meinen Zahlen, die sowieso...“ Er beendete den Satz nicht.

 

Kim wollte nicht glauben, dass der gemeinsame Versuch, Holtz sein Wissen zu entlocken, gescheitert war. „Erzähl bitte genau, was Holtz gesagt hat“.

 

„Gesagt?“ grollte von Haase. „Soll das ein Witz sein? Lesen musste ich, einen ganzen Sermon, noch schlimmer als die Traktate im Flugzeug. Er hatte alles vorbereitet. Langweiliges Zeug. Dass er im Rechenzentrum gearbeitet hat, war noch das Interessanteste. Dass er nach Feierabend, oder auch im Dienst, so genau habe ich es mir nicht gemerkt, die Rechenmaschinen mit meinen Zahlen gefüttert hat. Und dann war auch schon Sendeschluss. Als ich ihn fragte, wie das Spiel funktionierte und was dabei herausgekommen ist, hat er zugemacht und sich in Schweigen gehüllt. Beziehungsweise, da er ja sowieso in Schweigen gehüllt ist, weitere schriftliche Auskünfte verweigert. Stattdessen sollte ich es wissen. So ein Quatsch. Wenn ich etwas wüsste, wäre ich doch nicht hier. Und als ich ihm die Gesetze des Buchmarktes anschaulich machen wollte und mir dabei einen Seitenhieb auf sein früheres Arbeiterparadies nicht verkneifen konnte, drehte er völlig durch. Er hätte mich mit seiner Messingleuchte erschlagen, wenn ich nicht geistesgegenwärtig zur Seite gesprungen wäre.“

 

„Und das war alles?“

 

„Reicht das noch nicht? Er wollte mich umbringen!“

 

„Hat er nichts weiter gesagt?“

 

„Kurz vor dem Lampenwurf hat er mir noch einen weiteren Orakelspruch überreicht.“

 

„Was für ein Spruch war das?“ wollte Kim wissen.

 

„Ach Gottchen, wieder so eine dunkle Sentenz. Vom Sterben. Nein, von der Ewigkeit. Wir gehen in die Ewigkeit ein... Nein. Alle gehen in die Ewigkeit. Alle Wege führen in die Ewigkeit. So ähnlich.“

 

Kim ließ nicht locker. „Wie genau?“

 

„Da müsst ihr euch schon das Band anhören“, erwiderte von Haase sichtlich genervt. „Ich kann mir ja nicht alles merken.“

 

„Das Band? Du hast...?“

 

„Hör mal, ich bin Profi. Unjung zwar und auch nicht mehr ganz gesund, obendrein seit längerem mit der alten Madame Chardonnay verpartnert, aber immer noch ein Profi. Der es jederzeit mit der ganzen Welt aufnehmen kann.“

 

Er zog ein altmodisches Diktiergerät aus der Innentasche seines Blazers.

 

„Ich muss nur zurückspulen.“

 

Er drückte auf eine Taste, und das Gerät gab ein schnurrendes Geräusch von sich.

 

„Es war natürlich praktisch, dass ich nur mich aufnehmen musste. Von der Sprachquelle bis zum Mikrofon sind es keine 30 Zentimeter. Ich nehme an, die Aufnahme hat Schallplattenqualität. Okay, es gibt keine Schallplatten mehr. Aber ihr wisst, was ich meine.“

 

Ein klackendes Geräusch zeigte an, dass der Anfang der eingelegten Kassette erreicht war.

 

„Dann lass mal hören“, sagte Alexander.

 
 
 

Vor dem Eingang der Psychiatrischen Heilanstalt Mondstein standen ein paar Männer und eine Frau um einen mit Sand gefüllten Diabolo-Blumenständer herum und rauchten. Zwei Pflegerinnen saßen in Plastikstühlen dabei und rauchten ebenfalls.

 

Signora Espagnola an der Pförtnerloge erinnerte sich sofort, als Kim nach der Möglichkeit fragte, Herrn Holtz auf seinem Zimmer besuchen zu dürfen. Sie nannte ihnen eine Zimmernummer im 6. Stock und ließ sie ohne weitere Formalitäten passieren.

 

Im Fahrstuhl musterte von Haase Kim. Dann sagte er zu Alexander: „Deine Frau wirkt nervös, findest Du nicht auch?“

 

„Ich glaube, das ist nur die Anspannung“, erwiderte Alexander. „Ganz normal.“

 

„Sie hat Schweißperlen auf der Oberlippe“, sagte von Haase.

 

„Ja, mir ist warm“, entgegnete Kim und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Sie spürte, wie ihr die Bluse an Schultern und Rücken klebte.

 

„Du machst Dir zu viele Gedanken über dieses Treffen“, sagte von Haase. „Es kann gar nicht schiefgehen. Wenn ich Dir jetzt noch sage, dass im chinesischen Horoskop je nach Geburtsjahr fünf Typen des Hasen unterschieden werden –“

 

Den Satz zu vollenden gelang ihm nicht, da in diesem Moment die Türblätter der Fahrstuhlkabine ruckartig eingezogen wurden und er, weil er ihr am nächsten stand, die Schachttür öffnen musste, damit sie aussteigen konnten.

 

„Und dass dies der Erdhase, der Feuerhase, der Wasserhase und der Erzhase sind“, fuhr von Haase fort, als sie alle drei vor dem Aufzug standen.

 

„Erde, Wasser, Feuer und Erz sind erst vier Elemente“, bemerkte Alexander und wandte sich zum Gehen, weil er als erster an der Wand ein Schild entdeckt hatte, das mit einem Pfeil zu den Zimmern 601-610 nach links wies. „Du sprachst von fünf Typen.“

 

„Richtig, mein Lieber“, bestätigte von Haase und hielt ihn am Ärmel seines Sakkos fest. „Dreimal dürft ihr raten, wie das fünfte Element heißt.“

 

Der Chinaporzellan-Hase, hätte Alexander am liebsten geantwortet, mit einem gewaltigen Sprung in der Schüssel. Stattdessen starrte er an ihm vorbei in den Korridor, schüttelte den Kopf und sagte: „Keine Ahnung“.

 

Kim zuckte mit den Schultern. Dann sah sie von Haase an und sagte lächelnd: „Vermutlich der Wind-Hase“.

 

„Falsch!“ Von Haase warf ihr einen tadelnden Blick zu. „Nicht der Wind-Hase. Wieso überhaupt Wind? Wenn schon, dann Luft. Na egal. Sondern“ – er griff Richtung Decke und bediente einen imaginären Klingelzug – „tätää! Der Holz-Hase! Versteht ihr? Holz wie Holtz! Unglaublich, aber wahr. Der Holz-Haase entwickelt Projekte und treibt sie voran, bildet sich selbst stets weiter und verleiht guten Ideen eine dauerhafte und gewinnbringende Substanz. Und wenn ihr jetzt denkt, ich hätte mir das nur ausgedacht, habt ihr euch geirrt. Das ist Jahrtausende alte chinesische Wissenschaft!“

 

„Und Du bist natürlich ein Holz-Hase“, sagte Alexander.

 

„Sagen wir mal, ich fühle mich als Erd-Hase. Jeder Mensch hat doch irgendein Tier, dem er sich auf unerklärliche Weise verbunden fühlt, mit dem er in geheimnisvoller Weise vielleicht sogar zusammenhängt. Wissenschaftlich verifizieren lässt sich das vermutlich nicht, aber es entspricht meiner festen Überzeugung.“

 

„Und ist damit gewissermaßen evident“, pflichte ihm Alexander scheinheilig bei.

 

Von Haase ignorierte die Ironie. „Die Erd-Hasen haben auch ihre Stärken. Sie sind Praktiker und vernunftorientiert und gleichfalls verantwortungsbewusst. Sie hängen an Traditionen. Sie lassen sich nicht zu Risiken und Abenteuern hinreißen, sondern verlassen sich lieber auf ihren gesunden Menschenverstand.“

 

Vor Nummer 606 blieben sie stehen. Kim legte ein Ohr an die Tür und lauschte. Dann klopfte sie. Weil keine Reaktion erfolgte, klopfte sie ein weiteres Mal, diesmal etwas stärker. Wieder geschah nichts. Sie öffnete die Tür und ging hinein, Alexander und von Haase folgten ihr.

 

Holtz‘ Zimmer war leer, aber seine Leselampe brannte; er konnte nicht weit sein. Die Einrichtung bestand aus einem Bett an der rechten Seite, über dem ein Schmetterlingsbild hing, einem Einbauschrank gegenüber neben der Badezimmertür, einem runden Couchtisch mit einem Sessel und einem recht großen Schreibtisch aus dunklem Holz mit einem kunstledergepolsterten Bürostuhl vor dem Fenster. Was die spartanische Möblierung sofort vergessen ließ, war Holtz‘ Sammeleifer, der den Raum in die Werkstatt eines Naturkundemuseums verwandelt hatte. Auf dem Boden standen Dosen und Schachteln voller toter Insekten und Tüten, bis zum Rand vollgestopft mit Vogelfedern. Auf dem mit Farbspuren und Klebstoffresten gesprenkelten Schreibtisch vor dem großen Fenster lagen ein aufgeschlagener Skizzenblock, eine Klebstofftube, Blei-und Farbstifte in unterschiedlichen Längen, ein Lineal, ein Stapel Notizblocks von der Sorte, wie Holtz sie mit sich führte, und ein Haufen Zettel, alle mit einem Knick in der Mitte, gleich groß und gleichfarbig, mit grünem Rand, die mit seinen gleichmäßigen und geordneten Schriftzügen bedeckt waren. Die Leselampe warf einen milchigen Schein auf ein aufgeschlagenes Briefmarkenalbum; hinter den Streifen aus durchsichtigem Pergament steckten Schmetterlingsflügel, daneben lag eine Pinzette.

 

Im Bad war das Geräusch der Toilettenspülung zu hören.

 

„Sollen wir wieder rausgehen?“ fragte Kim Alexander.

 

„Zu spät“, erwiderte er.

 

„Herr Holtz“, rief Kim laut, um sie nicht wie Eindringlinge erscheinen zu lassen.

 

Gleich darauf öffnete sich die Badezimmertür und Holtz trat heraus, mit einem Handtuch bewaffnet. Während er sich sorgfältig die Hände abtrocknete, musterte er seinen Besuch.

 

Von Haases Hoffnung, dass Holtz das Handtuch rasch beiseitelegen würde, erfüllte sich nicht, weshalb er sich entschloss, nicht weiter mit der Begrüßung zu warten.

 

„Lieber Herr Holtz“, rief er mit gekonnter Freundlichkeit und presste sich an ihn. „Endlich habe ich Sie gefunden! Und das habe ich nur unseren beiden jungen Freunden hier zu verdanken!“

 

Holtz ließ die Umarmung stocksteif über sich ergehen. Dann ging er zu seinem Schreibtisch, wo er den obersten Zettel vom Stapel nahm und ihn von Haase mit einem spöttischen Lächeln überreichte, der ihn kopfschüttelnd an Alexander weitergab. EIN KÄFIG GING EINEN VOGEL SUCHEN stand darauf.

 

„Herr Holtz ist ein bisschen überrascht, dass so viel Zeit vergangen ist… Fast 30 Jahre“, sagte Alexander vermittelnd.

 

„Zeit… Was ist Zeit?“, rechtfertigte sich von Haase. „Man hat oft Zeit, aber dann mangelt es an der richtigen Gelegenheit. Ich habe meinen lieben Freund Holtz zumindest nie vergessen.“

 

Holtz drückte ihm einen weiteren Zettel in die Hand und biss sich streitlustig in den Zeigefinger. DU BIST DIE AUFGABE. KEIN SCHÜLER WEIT UND BREIT war darauf zu lesen.

 

Von Haase bezog die Sentenz unmittelbar auf sich und verstand sie als Angebot, sich zu duzen. „Aber natürlich, mein Lieber, ich bin Maurice. Und Du heißt –?“

 

„Karl-Heinz“, sekundierte Alexander.

 

„Selbstverständlich, Karl-Heinz. So bespricht es sich viel angenehmer“, sagte von Haase mit bemühter Herzlichkeit, bevor er von Holtz einen dritten Zettel zugesteckt bekam.

 

NOCH IMMER DER ANGEFRESSENE APFEL?

 

Von Haase las die Botschaft, konnte ihr aber beim besten Willen keinen Sinn und auch keinen Bezug entnehmen. In der Erwartung, dass sybillinische Bemerkungen dieser Art danach ausbleiben würden, machte er sich daran, die von Kim und Alexander angeregte Entschuldigung auszusprechen.

 

„Weißt du, Karl-Heinz“, begann er, „damals war eine schwierige Zeit. Ich hatte sehr schnell Erfolg…“

 

Er schaute zu Holtz, senkte den Blick aber sofort wieder, als er sah, wie dieser ihn anstarrte.

 

„Bloß die Folgen, die habe ich unterschätzt. Man wird, eigentlich ohne es zu wollen, nervös und ungeduldig, man versäumt Dinge, für die man sich früher stets Zeit genommen hat… Und man tut Dinge, die man, hätte man sie recht bedacht, nie getan haben würde. Die menschlichen Umgangsformen bleiben auf der Strecke. Ich sage das ganz frei heraus: Man benimmt sich schuftig. Ja, man wird zum Schuft. Aber ich habe dafür bezahlt. Vier Scheidungen, ein Verlagsbankrott… der Selbstmord meines Cheflektors… Doch ich will mich nicht herausreden. Es wäre meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, Deinen lieben Brief nicht irgendwelchen Dritten zur Beantwortung zu überlassen. Ich hätte erkennen müssen – und ehrlich gesagt: ich habe es ja erkannt, auf Anhieb erkannt – dass mir da ein besonderer Mensch schreibt, ein Genie vom Schlage eines Kurt Gödel. Aber ich fühlte mich auf hohem Ross, ich verweigerte Dir die Anerkennung, ich handelte unrecht.“

 

Er legte den Kopf schief und lächelte säuerlich. „Und deshalb beuge ich mich heute und bitte Dich demütig um Verzeihung.“

 

Er reichte ihm erneut die Hand, aber Holtz zeigte keinerlei Reaktion. Sein Gesicht war starr wie eine Gipsmaske.

 

Von Haase war nur kurz irritiert. Dann sagte er: „Und jetzt gib mir Deinen Block, damit ich Dir eine schriftliche Urkunde ausstellen kann.“

 

Holtz reichte ihm seinen Notizblock und seinen Bleistift, und von Haase schrieb ein paar Worte darauf.

 

„Und nun ergreife Du selbst den Stift“, tönte er pathetisch, „und schreibe unter Deinen Namen: Ich verzeihe ihm.“

 

Er gab ihm den Block, und während Holtz zu Alexanders Erstaunen tat, was von ihm gewünscht wurde, sagte von Haase, nun wieder mit normaler Stimme: „Das wird Dir guttun. Dann ist es nicht so einseitig.“

 

Kim zupfte Alexander am Ärmel.

 

„Lass uns gehen, Alex“, flüsterte sie. „Es ist jetzt eine Sache zwischen den beiden.“ Und an von Haase gerichtet sagte sie laut: „Wir warten unten. Egal, wie lange es dauert.“

 
 
 

51

Es regnete in Strömen, als Kim und Alexander zwei Tage später zusammen mit von Haase in ein Taxi stiegen, das sie vom Flughafen zur Klinik nach Pirna brachte. Sie hatten ihm am Telefon von ihrem Zusammentreffen mit Holtz berichtet, und er hatte sein Versprechen eingelöst, dazu zu stoßen, falls seine Anwesenheit erforderlich würde. Den Flug hatte Alexander für ihn gebucht, was von Haase für selbstverständlich hielt. Immerhin hatte er nicht auf einem Businessticket bestanden.

 

Von Haases blassblaue Augen glitzerten verdächtig und sein Atem verriet, dass er auf dem Flug vom kostenpflichtigen Getränkeangebot Gebrauch gemacht hatte. Er saß kaum, als er seine jüngsten Erlebnisse zum Besten gab. Wie in Vevey schien er auch jetzt davon auszugehen, dass jedes seiner Worte von allergrößter Bedeutung war.

 

„Ab Düsseldorf hatte ich den Fensterplatz in einer Dreierreihe. Ich dachte schon, ich bliebe alleine, aber dann kam ein Ehepaar. Amerikaner, wie sich herausstellte. Das geht nicht gegen Dich, Alexander. Zuerst schmiss der Kerl seine Sachen auf den Sitz neben mir, was mich schon rein optisch störte. Dann kam die Frau, schob den ganzen Kram beiseite und setzte sich neben mich, was wiederum ihm gar nicht passte, denn nun musste er seine werte Gattin zur Hälfte mit mir teilen. Sie war ganz schön aufgetakelt, mit für ihre Verhältnisse viel zu engen Hosen und solchen Absätzen.“

 

Er deutete eine Länge von etwa zwölf Zentimetern an.

 

„Sie stellte sich als Sister Williams von den Heiligen der letzten Tage vor und quasselte in einer Tour auf mich ein. Nun muss mir niemand mehr erzählen, wer die Mormonen sind und wer Joseph Smith ist und wie das Book of Mormon auf die Erde kam, aber die Lady fand noch genug, was sie mir erzählen konnte. Ich hätte gern erzählt, dass ich mit ähnlichem Zeug früher eine ganze Menge Geld verdient habe, und noch lieber hätte ich erfahren, wie viel sie heute damit verdienen – aber ich habe es dann doch gelassen.“

 

„Sehr rücksichtsvoll“, sagte Alexander, der neben dem Fahrer saß, über die Schulter.

 

„Und zur Belohnung durfte ich mir dann eine Art Predigt über Ehe und Familie und Kindererziehung anhören, und das ist bekanntlich mein Lieblingsthema. Einmal wagte ich einen Einwurf. Prompt zückte sie eines von diesen Blättchen, die sie überall in den Fußgängerzonen verteilen, ein Traktat, das mich eines Besseren belehren sollte, und weil ich es mit Gleichmut entgegennahm, gab sie mir noch zwei weitere, eins gegen das Rauchen, eins gegen das Trinken. Dabei sahen sie alle beide so aus, als würden sie ein Gläschen in Ehren nicht verschmähen. Sie ging wohl davon aus, dass ich mir das Zeug umgehend zu Gemüte führen würde und ließ mich in Ruhe. Erst beim Landeanflug erinnerte sie sich wieder an mich, und ich musste ihr verraten, was ich in Dresden wolle. Und was soll ich euch sagen, als ich antwortete, ich würde einen mir unbekannten kranken alten Mann in einer Heilanstalt besuchen, um ihm Kraft und Trost zu spenden, stieg ich ganz gewaltig in ihrer Achtung und wurde mit einer schönen Abbildung ihres Doms in Salt Lake City belohnt. Hier, ich schenke sie euch.“

 

Er reichte Alexander ein Kärtchen, auf dem ein nächtlich beleuchtetes Gebäude mit sechs schlanken Türmen an den Schmalseiten zu sehen war. Ohne Vorinformation hätte Alexander nicht zu entscheiden vermocht, um welchen Architekturstil es sich handelte, um Stalingotik oder Neugotik. Der Text auf der Rückseite gab Aufschluss, er war der Frage aller Fragen gewidmet, dem Zweck des Lebens:

 

Können Familien für immer vereint bleiben? Wohin gehen wir nach diesem Leben? Antworten auf diese bedeutsamen Fragen finden sie auf unserer Website. Besuchen Sie uns: www.mormon.org.

 

Alexander bedankte sich und gab das Kärtchen an Kim weiter, die es in ihrer Handtasche verstaute.

 

„Darüber hinaus war die Lady so höflich, mir zu meinem fabelhaften Englisch zu gratulieren. Ich sagte ihr, ich hätte es ausschließlich durch amerikanische Filme gelernt. – ‚Im Kino oder im Fernsehen?‘ Die Frage brachte mich auf eine Idee. ‚Im Fernsehen‘, antwortete ich, ‚und es war ein Fernseher ohne Ton‘. An der Antwort hatte sie zu knabbern, und deshalb blieb ich bis zur Landung verschont.“

 

Als sie sich Pirna näherten, hielt Kim es für geboten, von Haase auf die Begegnung mit Holtz vorzubereiten. Am Telefon hatte sie auf äußerst diplomatische Weise erwähnt, dass Holtz sich an ein Antwortschreiben von ihm erinnere, dem ein juristisch bedenklicher Vertrag beigelegen habe; die Erinnerung daran habe ihn noch jetzt, nach so vielen Jahren, regelrecht „erschüttert“. Haase hatte sofort eingeräumt, dass dies sehr wohl möglich sei, schob die Schuld aber sogleich auf seinen Hamburger Verlag bzw. seine damalige Sekretärin, die nur hinter seinem Geld her gewesen sei und oftmals hinter seinem Rücken und ohne seine Zustimmung gehandelt hätte.

 

Dass Holtz eine regelrechte Entschuldigung von ihm verlangte, hatte Kim von Haase bisher nicht verraten. „Hör mal, Maurice…“, begann sie jetzt zögernd, „ich wollte Dich bitten, bei unserem Treffen mit Holtz zu bedenken, dass er krank ist. Vermutlich war er immer schon ein sehr eigensinniger und schwieriger Mensch. Er lebt schon einige Jahre in der Klinik. Das hat ihn natürlich zusätzlich geprägt.“

 

„Ich hatte mein Lebtag mit schwierigen Patienten zu tun“, entgegnete von Haase gelassen.

 

„Sicher. Aber dieser ist besonders schwierig. Er braucht bestimmt eine Eingewöhnungszeit, ehe er zu Dir Vertrauen fassen kann. Und der Sprachverlust, unter dem er leidet, macht es natürlich extrem schwierig, sich mit ihm zu verständigen. Deswegen wäre es vielleicht klug, wenn Du Deinen Besuch mit einer großzügigen Geste beginnen würdest, einer Art Anerkennung… Verstehst du?“

 

„Was soll ich tun? Mich ihm zu Füßen werfen und seinem Genie huldigen? Eine Dornenkrone aufsetzen, mich vor ihm geißeln?“

 

„Das geht in die richtige Richtung“, sagte Alexander über die Schulter. „Ein symbolischer Akt der Unterwerfung sollte es schon sein. Du kannst Dir das leisten, Du stehst doch weit über solchen Machtspielchen. Ganz egal, ob er tatsächlich Anspruch darauf hat, könntest Du ihn schlicht um Verzeihung bitten. Damit nimmst Du ihm allen Wind aus den Segeln. Alle seine Vorbehalte werden sich in Luft auflösen.“

 

Von Haase verzog das Gesicht und wandte sich zu Kim. „Hattest Du am Telefon nicht gesagt, er freut sich auf mich?“

 

„Doch, natürlich. Nur scheint er gewissen Stimmungsschwankungen unterworfen zu sein. Das sollte Dich aber nicht verunsichern.“

 

„Verunsichern?“ lachte von Haase. „Mich? Meine Liebe, würdest Du von der chinesischen Astrologie auch nur einen Bruchteil so viel verstehen wie Araya und ich, würdest Du Dir über mich keine Sorgen machen. Übrigens soll ich euch von ihr schöne Grüße bestellen. Sie bedauert es sehr, nicht mitgekommen zu sein. Aber diese ganzen Visumgeschichten sind einfach zu kompliziert. Ich garantiere euch, selbst wenn Holtz kein einziges vernünftiges Wort über seine Lippen bringt, werde ich ihm die nötigen Auskünfte entreißen. Wie ein genialer Zahnklempner, der dich von deinem Leid befreit, ohne dass du es merkst. Lasst mich einfach nur machen. Die im Jahr des Hasen Geborenen streben nach Frieden und Harmonie. Sie sind die geborenen Problemlöser. In den alten chinesischen Schriften wird ihr diplomatisches Geschick gerühmt. Sie sind dafür prädestiniert, weil sie sich gut in andere hineinversetzen können. Und weil sie äußerst gutmütig sind. Sie wollen niemandem etwas Böses. Wenn ihr euch einmal umschaut: Olof Palme, Frère Roger, Josef Ratzinger… Alles Hasen. Einstein auch übrigens. – Schön ist das hier ja nicht gerade“, sagte er mit einem Blick auf das Gewerbegebiet, das sie gerade durchfuhren.

 

An einer roten Ampel fiel sein Blick auf ein riesiges Werbeplakat, das eine langhaarige Schönheit in einer ausgefallenen Sitzposition zeigte: Ihre steil nach oben gespreizten Beine und die zur Seite gestreckten Arme bildeten ein Dreieck.

 

„Kannst Du das auch?“ fragte er Kim und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: „Araya kann das.“

 

„Wenn Sex nur in dieser Stellung möglich wäre“, flüsterte Alex Kim ins Ohr, „würde sogar ich das können.“

 

„Hier, seht euch das an“, rief von Haase plötzlich. Er fuhr die Seitenscheibe herunter und deutete angewidert auf ein Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Schreibt man in Deutschland ‚nachher‘ neuerdings mit ai?“

 

Kim reckte den Hals und entdeckte einen Friseursalon, auf dessen Schaufenster in grotesk verspielten Lettern der Firmenname Vorher – Nachhair prangte. Sie verdrehte die Augen. „Nee“, seufzte sie, „das ist einer von diesen sogenannt witzigen Friseuren, die sich mit immer neuen Verballhornungen des Wortes ‚Haar‘ überbieten. Gibt es das bei euch noch nicht?“

 

„Nicht dass ich wüsste“, antwortete von Haase. „Allerdings gehe ich auch nicht zum Friseur. Dafür hab ich ja mein Kampfweib. Araya mit den Scherenhänden.“

 

„In Dresden habe ich einen Laden gesehen, der nannte sich Spectacoolhair“, sagte Alexander und kniff zum Zeichen seiner Verachtung die Lippen zusammen.

 

„Ich glaube, Kreative finden in Ostdeutschland ausreichend Betätigungsfelder“, bestätigte Kim.

 

„Kreative?“ wiederholte von Haase in doppelter Lautstärke, während er die Seitenscheibe wieder hochfuhr. „Mit großem K, wie komplett übergeschnappt? Und der Metzger heißt wie? WurstCase? Nichts ist schlimmer, als wenn Selbstüberschätzung und Geltungssucht zusammenkommen. Gott, wo führt das hin, wo hört das auf? Lieber möchte ich blind sein, als eines Tages bei meinem Zahnarzt ein Türschild vorzufinden, auf dem steht: MacBiss. Andererseits –“ Er wandte sich an Alexander. „Andererseits würde ich doch gerne wissen, ob diese Sprachkünstler jetzt mehr Kunden haben als vorher, als sie noch brav ‚Friseursalon Müller‘ hießen. Wär doch interessant zu wissen, ob die Strategie am Markt Erfolg hat.“

 

„Ja, da kann man sich vielleicht was abschauen“, pflichtete ihm Alexander sarkastisch bei.

 

Doch sein spöttisches Grinsen ließ von Haase ungerührt. „Wie würde ich denn meinen Friseursalon nennen?“, murmelte er vor sich hin. „Hm hm hm...“

 

„Ja, wie würde Dein Friseurgeschäft heißen?“, sagte Kim und sah von Haase dabei so treuherzig wie möglich an.

 

„Mein Geschäft? Wenn es meins wäre? Keine Ahnung... Vier Haareszeiten... Kamm here... Alles suboptimal.“

 

Haarakiri“, schlug Alex mit abgewendetem Gesicht vor.

 

„Moment, ich bin noch nicht fertig. Hunting the hair“, verkündete er grinsend. „Das wäre mein Laden.“

 

 
 
 
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