- Jan-Christoph Hauschild

- 15. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Kim und Alexander hatten sich aus der Küche, die während des späten Vormittags und des Nachmittags auch als Caféteria diente, Kaffee besorgt und es sich, eingerahmt von Pflanzkübeln mit Farn, auf einem Sofa in der Eingangshalle bequem gemacht. Draußen spielten ein Mann und ein Jugendlicher, offenbar Vater und Sohn, Fußball. Ebenso lässig wie gekonnt schoben sie den Ball hin und her. Während Kim mit ihrem Telefon beschäftigt war, schaute Alexander ihnen zu. Es war ein Spiel, das ohne Sprache auskam, und es war schön, den beiden zuzusehen.
„Übrigens, das Neuste von Croqué“, sagte Kim. „Aus ‚Le Monde‘. Van Drongelen hat wieder zugeschlagen. Er hat sich mit Laboren in England und Deutschland zusammengetan. Alle drei haben unabhängig voneinander über ein Dutzend von Croqués Datierungsanalysen überprüft, in verschiedenen Ländern. Das Ergebnis ist desaströs. Nicht nur, dass er reihenweise seine Auftraggeber getäuscht hat. Viel schlimmer soll sein, dass er durch seine Mentalmessungen – so hat van Drongelen Croqués Phantasiedatierungen genannt – die gesamten neueren Annahmen zur Vor- und Frühgeschichte des Menschen verfälscht hat.“
„Der Bursche ist offenbar nicht nur ein Prahlhans und Blender, sondern auch ein Hochstapler und Betrüger, wie er im Buche steht.“
„Jetzt hat auch endlich die Universität eine Untersuchungskommission eingerichtet, die sich mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen beschäftigen soll. Sie trägt den schönen Namen ‚Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten‘. Klingt wie ein Tarnname.“
„Das müssen sie machen, solange nichts bewiesen ist.“
„Mal sehen, ob die Lokalpresse auch berichtet.“
Draußen machte sich ein kleiner Junge, der bis dahin bei seiner Familie gestanden hatte, von der Hand seiner Mutter los und ging zu den beiden Fußballspielern. Vor dem Vater blieb er artig stehen und sagte etwas zu ihm, woraufhin ihm der Sohn den Ball zuspielte, in hohem Bogen, aber dennoch sanft. Vor dem Jungen prallte der Ball einmal auf, so dass er ihn mit den Händen greifen konnte. Er hielt ihn fest, drückte ihn an seine Brust und drehte sich voller Besitzerstolz ein paar Mal in der Hüfte hin und her. Der Jugendliche rief ihm etwas zu, was vielleicht „Nicht mit den Händen! Mit den Füßen!“ bedeutete, woraufhin der Junge den Ball wieder fallen ließ und zu seiner Mutter zurück rannte.
Alexander schloss die Augen und gönnte sich ein Nickerchen. Als er sie wieder öffnete, stand von Haase vor ihnen. Er wirkte erschöpft und verärgert zugleich.
„Wir haben uns umsonst gequält“, stieß er hervor. „Dieses Holz ist gerade zu Asche geworden.“
„Was soll das heißen?“ fragte Kim und steckte das Telefon zurück in ihre Handtasche.
„Er hat zugemacht“, erwiderte von Haase düster. „Wegen Geldgier.“
„Das glaube ich Dir nicht“, sagte Alexander. „Das kann gar nicht sein. Du hast es vergeigt!“
„Ich habe nichts vergeigt“, gab von Haase kämpferisch zurück und verschanzte sich ihnen gegenüber in einem wuchtigen Polstersessel. „Weil es gar nichts zu vergeigen gab! Dieser Stasi-Zahlenkasper hat mit den Jahreszahlen aus meinen Büchern Lotto gespielt, das ist alles. Mit meinen Zahlen, die sowieso...“ Er beendete den Satz nicht.
Kim wollte nicht glauben, dass der gemeinsame Versuch, Holtz sein Wissen zu entlocken, gescheitert war. „Erzähl bitte genau, was Holtz gesagt hat“.
„Gesagt?“ grollte von Haase. „Soll das ein Witz sein? Lesen musste ich, einen ganzen Sermon, noch schlimmer als die Traktate im Flugzeug. Er hatte alles vorbereitet. Langweiliges Zeug. Dass er im Rechenzentrum gearbeitet hat, war noch das Interessanteste. Dass er nach Feierabend, oder auch im Dienst, so genau habe ich es mir nicht gemerkt, die Rechenmaschinen mit meinen Zahlen gefüttert hat. Und dann war auch schon Sendeschluss. Als ich ihn fragte, wie das Spiel funktionierte und was dabei herausgekommen ist, hat er zugemacht und sich in Schweigen gehüllt. Beziehungsweise, da er ja sowieso in Schweigen gehüllt ist, weitere schriftliche Auskünfte verweigert. Stattdessen sollte ich es wissen. So ein Quatsch. Wenn ich etwas wüsste, wäre ich doch nicht hier. Und als ich ihm die Gesetze des Buchmarktes anschaulich machen wollte und mir dabei einen Seitenhieb auf sein früheres Arbeiterparadies nicht verkneifen konnte, drehte er völlig durch. Er hätte mich mit seiner Messingleuchte erschlagen, wenn ich nicht geistesgegenwärtig zur Seite gesprungen wäre.“
„Und das war alles?“
„Reicht das noch nicht? Er wollte mich umbringen!“
„Hat er nichts weiter gesagt?“
„Kurz vor dem Lampenwurf hat er mir noch einen weiteren Orakelspruch überreicht.“
„Was für ein Spruch war das?“ wollte Kim wissen.
„Ach Gottchen, wieder so eine dunkle Sentenz. Vom Sterben. Nein, von der Ewigkeit. Wir gehen in die Ewigkeit ein... Nein. Alle gehen in die Ewigkeit. Alle Wege führen in die Ewigkeit. So ähnlich.“
Kim ließ nicht locker. „Wie genau?“
„Da müsst ihr euch schon das Band anhören“, erwiderte von Haase sichtlich genervt. „Ich kann mir ja nicht alles merken.“
„Das Band? Du hast...?“
„Hör mal, ich bin Profi. Unjung zwar und auch nicht mehr ganz gesund, obendrein seit längerem mit der alten Madame Chardonnay verpartnert, aber immer noch ein Profi. Der es jederzeit mit der ganzen Welt aufnehmen kann.“
Er zog ein altmodisches Diktiergerät aus der Innentasche seines Blazers.
„Ich muss nur zurückspulen.“
Er drückte auf eine Taste, und das Gerät gab ein schnurrendes Geräusch von sich.
„Es war natürlich praktisch, dass ich nur mich aufnehmen musste. Von der Sprachquelle bis zum Mikrofon sind es keine 30 Zentimeter. Ich nehme an, die Aufnahme hat Schallplattenqualität. Okay, es gibt keine Schallplatten mehr. Aber ihr wisst, was ich meine.“
Ein klackendes Geräusch zeigte an, dass der Anfang der eingelegten Kassette erreicht war.
„Dann lass mal hören“, sagte Alexander.

