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Paul hat in Grevenbroich ein Haus mit Garten entdeckt, das zu vermieten ist; nicht für ihn und Sylvia, sondern für uns. Angeblich ist es groß genug, um im Keller nicht nur ihre gemeinsame Steinsammlung aufzustellen, sondern auch all die Steinbearbeitungsmaschinen, von denen Papa und er bisher nur träumen konnten.


Für mich wäre das ein Alptraum, ein Jahr vor dem Abitur. Von Grevenbroich nach Neuß sind es zwanzig Kilometer, und auf der B 1 ist jeden Morgen Stau. Und wie sollen meine Eltern von Grevenbroich nach Norf und wieder zurück kommen? Etwa mit Bus und Bahn? Papa fängt doch schon um sechs Uhr an. Wer sorgt dann für das Mittagessen? Kommt gar nicht in die Tüte. Ich mache nur mit, wenn die beiden ihren Arbeitsplatz nach Grevenbroich verlegen. Das Versprechen kann ich ihnen immerhin abknöpfen.

 

 

In Erziehungswissenschaften analysieren wir jetzt Jugendbücher aus Ost und West, in Gruppenarbeit. Stöpsel und ich haben uns ein russisches Jugendbuch ausgesucht, „Rendezvous im Regen“. Wir hätten das prima allein hingekriegt, aber Keeseberg hat sich bettelnd an uns herangedrängt, und wegen seiner Hilfe beim Motortausch konnte ich ihm die Aufnahme in unser Team nicht versagen. Allmählich müssten wir mal quitt sein. Für mehr als die Inhaltsangabe ist er allerdings nicht zu gebrauchen; den großen Rest des Referats schreiben Stöpsel und ich alleine.

 

zentralfigur der handlung ist andrej, armaturenschlosser in einem lokomotivenwerk und nebenbei fernstudent der archäologie. die ihn betreffende arbeitssituation und sein privatleben werden parallel dargestellt.

andrejs arbeitskollegen zeichnen sich durch fleiß und arbeitsdisziplin aus, sie identifizieren sich mit ihrer arbeit, ihrem werk und ihrer brigade, entwickeln untereinander solidarität und kritikbewusstsein. nur fachautorität wird akzeptiert, unberechtigte autorität erkennt die brigade nicht an.

andrej verkörpert den lebensfrohen, idealistischen alltagsromantiker, der sozial eingestellt ist und seine arbeits- und lebenssituation trotz utopien kritisch reflektierend begreift. seine freunde sind sowohl arbeiter als auch intellektuelle. aufgrund seiner geistigen haltung und durch den umgang mit seinen verschiedenartigen freunden findet er ein ideales verhältnis zwischen pflichterfüllung und sinnvoller freizeitgestaltung. für ihn bilden kopfarbeit (archäologie) und handarbeit (schlosserei) keine unvereinbaren gegensätze, sondern stehen einander in einem fruchtbaren spannungsverhältnis gegenüber, wovon sich andrejs ausgeglichenheit ableitet.

aus der identifikation mit der arbeit und dem werk resultiert andrejs sozialverhalten: seine verantwortung für die gemeinschaft und seine auffassung von arbeit als tätigkeit im sinne seiner gruppe und den persönlichen neigungen. seine arbeitsmotivation rekrutiert deshalb nicht einseitig aus dem streben nach materieller befriedigung und gesellschaftlicher anerkennung, sondern bildet die verbindung zwischen fremden und eigenen interessen, der identifikation mit dem gemeinsam erarbeiteten auf der einen und der verwirklichung seiner individualität auf der anderen seite.

auftauchende konflikte werden weder verdrängt noch durch einseitiges durchsetzen erledigt, sondern durch gleichberechtigte diskussion gelöst.

 

 

Der Umzug nach Grevenbroich ist gelaufen. Alle Versprechungen haben sich als Schwindel und Betrug herausgestellt; eine fette Lüge, um mich zu beschwichtigen. Mein Vater bleibt bei der Post in Norf, weil es eine perfekte Busverbindung nach Norf gibt, morgens um fünf Uhr hin und mittags um halb drei zurück, und meine Mutter wechselt frühestens zu Beginn des nächsten Schuljahrs. Es ist eine Riesensauerei. Hätten sie das Ganze nicht um ein Jahr verschieben können, wenn ich das Abitur hinter mir habe? Aber an mich denkt ja niemand. Dass ich durch den Umzug in Randlage gerate, weil jetzt alles doppelt bis dreimal so weit weg ist, das Schwann, die Altstadt, Heerdt und Oberkassel, zählt nicht.


Wieder einmal etwas, das sie allein unter sich ausgemacht haben, wieder der bittere Geschmack von Ungerechtigkeit. Als wäre ich ein Haustier wie Pürie, den man von einer Stadt in die andere umsiedelt, weil es ihm egal sein kann, wo sein Käfig steht.


Damit ich auch künftig pünktlich zur Schule komme, durfte ich meine alte Karre gegen einen gebrauchten VW Variant eintauschen. Ich wäre auch mit einem Käfer zufrieden gewesen, aber Papa meinte, in den Variant passt mehr rein. Klar, nämlich seine Steinkisten. Es ist alles Berechnung.


Wir wohnen jetzt auf hundertfünfundvierzig Quadratmetern mit einem Riesengarten. Im Keller gibt es allein fünf Räume; in dreien präsentiert mein Vater seine Steinsammlung. Auf Wandregalen, die einstmals wahrscheinlich die Weckgläser unserer Vorgänger trugen, glänzt Gekauftes neben Selbstgefundenem im fahlen Neonlicht. Aus Breitscheid rosettenförmige Gipskristalle, aus Wülfrath Markasit auf Kalkstein, durch ein Bad in Salzsäure sichtbar gemacht. Glasartiger blauer, grüner und rosa Fluorit aus Badenweiler, Achat und wässrig-blauer Amethyst aus Idar-Oberstein. Aus der Eifel Muskovit-Glimmerplättchen, kleine blaue Hauyn-Kristalle auf Vulkanschlacke, Pyrit auf Tonschiefer. Aus dem Sauerland Kupferkies auf schneeweißem Feldspat und ein Nest aus nadeldünnen goldfarbenen Millerit-Kristallen auf Calcit. Alles hübsch hässlich mit Pappschildchen versehen, die er mit seiner ungelenken Volksschulklaue beschriftet hat. Sein Q in Quarz ist ein Sütterlin-Q und sieht deshalb aus wie ein großes G.


Im hintersten Kellerraum, von dem aus eine Treppe auf die Terrasse führt, steht eine Presse, mit der er große Steine zerkleinern und von überflüssigem Gestein befreien kann. Als nächstes will er sich eine Maschine zum Schneiden und Schleifen zulegen. Und meine Mutter träumt bereits von einer Trommelschleifmaschine. Die läuft Tag und Nacht, und nach vier Wochen sind ihre Rheinkiesel glänzend poliert.


Mich haben sie in das Erdgeschoßzimmer zur Straße verfrachtet und damit den Blicken der Nachbarn und Spaziergänger ausgesetzt, wogegen wiederum nur eine spießige Gardine hilft. Und damit die Leute gleich einen angenehmen Eindruck haben, wurde das Fensterbrett mit allerlei Zimmerpflanzen bestückt, gegen meinen energischen Widerstand. Es geht also in erster Linie um unser Ansehen bei den Nachbarn. Meine Interessen kümmern die einen Scheißdreck.


Und dann der Kampf um mein Bücherregal. Ich will meine Bücher nicht in einen Schrank einschließen müssen. Ich will ein offenes Regal, wie es andere auch haben. Aber dafür müßte ja in die Wand gebohrt werden.


Statt der vielen kleinen Poster, die früher meine Zimmerwände bedeckten, habe ich nur ein Roth-Händle-Werbeplakat aufgehängt und ein Porträt von Baden Powell, meinem neuen Gitarrengott.

 

 

Es ist unfassbar. Seit heute muss ich um fünf Uhr aufstehen und meine Eltern zur Arbeit fahren. Zuerst nach Norf, wo ich meinen Vater an der Post absetze, und anschließend nach Derikum. Die Zeit bis zum Schulbeginn nutzt meine Mutter für Heftkorrekturen und andere Unterrichtsvorbereitungen. Schön für sie.


So was Ähnliches stellt sie sich auch für mich vor. Ab halb sieben würde ich dann also im Schwann rumsitzen, womöglich im alten Warteraum, wo wir Fahrschüler uns früher die Zeit mit Dösen, Hausaufgabenmachen oder Vandalismus vertrieben haben. Aus den schweren Fenstervorhängen wurden die Bleikügelchen herausgepuhlt und gegen die Decke gepfeffert, wo sie in der weichen Deckenverkleidung steckenblieben und mit zunehmender Menge ein Muster bildeten.


Kommt gar nicht in die Tüte. Kaum habe ich meine Mutter vor ihrer Schule abgeladen, fahre ich schnurstracks zurück, stelle den Wecker auf halb acht und lege mich wieder aufs Ohr. So komme ich wenigstens zu einer zusätzlichen Stunde Schlaf. Schlimm genug, dass ich die beiden auf dem Rückweg wieder einsammeln muss. Dass sie ihren eigenen Sohn als Taxichauffeur missbrauchen, ist wirklich das Allerletzte. Tyrannen alle beide: Immer nur Forderungen und Erwartungen. Wie ich sie hasse.


Jede Woche zwei komplette Tankfüllungen bezahlen zu müssen, kommt ihnen mysteriös vor. Ab sofort soll ich nur noch für glatte zwanzig Mark tanken. Grandiose Idee. Ich hoffe, dass der Wagen dann mal um 5:45 Uhr zwischen Hoisten und Norf wegen Benzinmangel stehen bleibt. Noch besser wäre, wenn die Karre ganz verreckt, dann hätte sich das Chauffieren ein für alle Mal erledigt. Mit einem richtigen Taxi kostet eine einzige Fahrt so viel wie eine halbe Tankfüllung.


Am Benzinverbrauch wird sich durch das neue Verfahren nichts ändern. Kein Wunder, wenn man jede Woche um die fünfhundert Kilometer fährt. Neu wird nur sein, dass ich jetzt zweimal in der Woche tanken muss.


Mit dem Taschengeld zicken sie auch rum. Obwohl ich fast neunzehn bin und in der Oberprima, soll ich mich mit zehn Mark Taschengeld in der Woche begnügen. Wie kann man nur so knickrig sein? Geld zum Verteilen gibt es doch genug. Wieso darf ausgerechnet ich an unserem Wohlstand nicht teilhaben? Und anstatt mir das Geld monatlich auszuzahlen, muss ich dafür Woche für Woche extra dafür angekrochen kommen. Wie erniedrigend. Kriegen sie ihr Gehalt etwa auch wöchentlich? Und müssen sie dafür auch zu ihrem Vorgesetzten gehen? Ich will mindestens fünfzig Mark, und zwar pünktlich am Monatsanfang auf die Hand. Und außerdem Extrageld für Klamotten, Bücher, Gitarrensaiten und ein Bücherregal.


Fast freue ich mich schon auf die scheiß Bundeswehr. Da gibt es wenigstens Wehrsold, mit dem ich machen kann, was ich will.


Wenn mein Vater Mumm hätte, würde er hinter meinen Forderungen stehen. Aber er hat keinen Mumm, noch nie gehabt. Sobald es darum geht, meine Interessen gegen meine Mutter durchzusetzen, macht er immer einen Rückzieher. Ein Leisetreter, wie er im Buche steht. Halt nur der kleine Gefreite, der gegen den BDM-Feldwebel nicht ankommt.


Man kann auch nicht mit ihm diskutieren. Wenn man ihn mal kritisiert, hat er nie richtige Argumente. Alles läuft immer darauf hinaus, dass ein Vater unantastbar ist, dass er über allem steht wie ein König. Na großartig. Wo bleibt da die Demokratie?


Dabei ist er als Führer völlig ungeeignet. Verantwortung tragen zu müssen, macht ihm doch Angst. Deswegen ist er ja auch kein Schalterbeamter geworden, sondern Briefträger. Danach kommt nur noch Müllmann.

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