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In Freudenstadt haben wir mitten in der Stadt gewohnt, in Vögisheim wohnen wir auf dem Land mit anderen Geräuschen und Gerüchen. Morgens krähen im Dorf die Hähne, gegenüber im Stall muhen die Kühe und die Schweine grunzen, es riecht nach Mist, saurer Milch und faulem Obst.

Unsere Wohnung ist im Gasthaus Zum Ochsen, oben, wo auch Tante Karola wohnt. Nebendran ist der Aufenthaltsraum für die Gäste. Vor dem einen Fenster steht eine Glaskugel mit einem Goldfisch drin, vor dem andern sitzt Pürie in seinem messinggoldenen Käfig und amüsiert die Hausgäste. Papa sagt, das ist wegen der schönen Atmosphäre. Man kann da gemütlich im Sessel sitzen und Musik aus unserer Musiktruhe hören oder lesen. Die Bücher sind alle von uns. Die meisten sind Erbstücke und deshalb in alter Schrift, zum Beispiel „Im Heim des afrikanischen Bauern“ oder „Der Untergang der Anna Hollmann“.
Außerdem hängen hier unsere drei Ölgemälde. Zwei sind geerbt, das dritte und größte hat Papa in Müllheim gekauft. Es ist antik und zeigt Segelschiffe im Nebel und ein paar Frauengestalten im Vordergrund mit verwaschenen Gesichtern. Paul meint, dass die Farbtuben des Malers wahrscheinlich schon leer gewesen sind und er das Bild mit dem Rest, der noch am Pinsel klebte, gemalt hat. Nur vom Schwarz hatte er noch genug übrig, und damit hat er die Umrisse der Schiffe nachgezogen. Der Rahmen sieht nicht sehr alt aus, hat aber schon Löcher vom Holzwurm. Das Bild selber hat auch ein Loch, und zwar am Horizont, aber das bemerkt man erst bei näherer Betrachtung; und dann sieht man auch, dass es auf Pappe gemalt ist. Das zweite Bild stellt einen Jungen mit einer Lederkappe dar. Wir nennen das Bild unsern Rembrandt, weil es ein Onkel von Omi nach Rembrandt gemalt und ihr geschenkt hat. Es ist zwar ziemlich klein, aber wenigstens wurde nicht mit Farbe gespart, und der Holzrahmen ist schön mit Goldfarbe lackiert. Das dritte Bild gefällt Paul und mir am besten, weil darauf ein Dampfschiff auf hoher See zu sehen ist. Am Bug steht der Name: Radames. Paul würde es am liebsten in unserem Kinderzimmer aufhängen, aber Papa rückt es nicht raus, weil es ein Familienandenken von Großvati ist, der mit diesem Dampfer nach Chile gefahren und beinahe ausgewandert ist.

Das Gasthaus hat auch ein Dachgeschoß, da wohnt Herr Metzger. Er hat oft schlechte Laune, aber er besitzt einen Fernseher und lässt uns manchmal mitgucken, zum Beispiel „Am Fuß der blauen Berge“ oder „Hucky und seine Freunde“. Manchmal ist er tagelang nicht zu Hause und wir rennen am Samstag kurz vor halb sieben umsonst die Stufen nach oben und sind enttäuscht, wenn Herr Metzger nicht da ist.

Oder nicht öffnet, meint Mama, weil er vielleicht seinen Rausch ausschläft oder Schlaf nachholen muss. Warum soll er sich von euch ausgerechnet am Samstag stören lassen?
Weil er ein Freund von Yogibär und Bubu ist, sagt Paul.

Heute am Sonntag haben wir Glück. Als wir nach dem Essen bei ihm klopfen, macht er gleich auf. Wir setzen uns artig aufs Sofa und harren der Dinge. Im Ersten Programm kommt um halb drei „Die Goldene Maske“. Herr Metzger schaltet den Fernseher ein. Noch läuft das „Magazin der Woche“. Nach ein paar Minuten ist plötzlich der Ton weg.
Hagozackramentnomol!
Herr Metzger springt auf und dreht an einem Knopf. Dann ist nur noch ein Flimmern zu sehen.
Hemmel, Arsch und Zwern, schreit Herr Metzger, dreht an ein paar anderen Knöpfen und hämmert schließlich mit der Faust wütend auf den Fernseher. Wir rutschen unruhig auf dem Sofa hin und her, denn die letzte Folge von der „Goldenen Maske“ hat wieder im allerspannendsten Moment aufgehört, und wir möchten unbedingt die Fortsetzung sehen. Herr Metzger verschwindet nebenan in der Küche und wir hören, wie Wasser in einen Eimer läuft. Eine Hinweistafel Bildstörung mit einem achtzackigen Stern erscheint auf dem Bildschirm, und jetzt wissen wir, dass es nicht am Fernseher von Herrn Metzger liegen kann. Herr Metzger kommt aus der Küche mit dem Eimer in der Hand. Wir sagen, Bildstörung, aber er stellt sich genau vor den Fernseher und schüttet das Wasser im Eimer mit einem Schwung gegen den Bildschirm.
Das hast Du jetzt davon, verdammte Flimmerkiste, schimpft Herr Metzger.

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