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In Kellinghusen finden Paul und ich es nur so lala. Man kann ein Tretboot mieten und die Stör rauf und runter fahren oder Minigolf spielen, aber sonst ist es ziemlich langweilig. Besonders ist nur, dass die Brötchen hier Kieler heißen, das Haus von Familie Siglaff ein Dach aus Schilf hat und es in unserem Schlafzimmer nach Paral riecht. Abends im Bett muss ich Paul spektakuläre Mordfälle aus meinem neuen Buch erzählen, „Das Jahrhundert der Detektive“. Daraus kann man lernen, wie durch Blutspritzer, ausgerissene Haare, Schuhabdrücke und sogar Staubkörnchen Verbrechen aufgeklärt werden. Selbst Leichen können zum Sprechen gebracht werden, wenn man sie mit dem Mikroskop untersucht. Detektive kommen kaum vor, sondern spezielle Kriminalbeamte, die düstere Geheimnisse in England, Frankreich, Deutschland und Amerika entschleiern. Am meisten interessiert sich Paul für Sexualverbrechen, die ich ihm in allen Einzelheiten schildern muss.


Papa sitzt den ganzen Tag im Kirchenbüro, um die uralten Kirchenbücher durchzuwühlen. Außerdem sucht er verschiedene Bauernhöfe in der näheren Umgebung auf, spricht mit den Besitzern, die irgendwie mit uns verwandt sind, und macht Fotos mit unserer Agfa-Box. Die Kirche in Kellinghusen fotografiert er von innen und außen, weil darin alle Vorfahren getauft wurden, von der Mutter seines Großvaters an rückwärts bis zum Jahr 1732. Wie sie ausgesehen und was sie in ihrem meist nicht sehr langen Leben getrieben haben, wissen wir nicht. Für ein Foto muss ich mich vor das Portal stellen, denn ich bin der jüngste Nachkomme.


Als wir schon ans Abreisen denken, stellt sich heraus, dass unsere Hauswirtin eine Ferienwohnung an der Ostsee besitzt, die zurzeit leer steht. Weil es für Paul und mich in Grömitz noch viel schöner wäre als in Kellinghusen, bietet sie Mama an, dass wir anschließend dort noch zwei Wochen verbringen. Papa kann nicht mitkommen, denn am Montag muss er schon wieder auf der Post sein, aber für uns drei käme das in Frage. Ich finde Urlaub am Meer toll, aber Paul will lieber wieder zurück nach Derikum zu seinem Moped und zu seinen Freunden und mault und motzt so lange rum, bis er von Papa eine gescheuert kriegt. Hinterher tut es Papa leid, aber er hat das Getue nicht mehr ertragen können, schließlich ist Paul kein Kronprinz und er bloß sein Diener, der immer nur Undank erntet.


Die Ferienwohnung in Grömitz besteht aus einem großen Zimmer und einem kleinen Bad und drei winzigen Zimmerchen ohne Tür, eins für die Kleidung, eins zum Kochen und eins für die Heizung. Alles ist eng und vollgestellt, überall liegen Sachen auf dem Boden herum, und nicht einmal das Geschirr in der Küche ist gespült. Dafür gibt es aber sehr viele Bücher, Radio und Schallplattenspieler, und sogar eine Gitarre.


Am Abend gehen wir an den Strand, Umschau halten: überall schöner weißer Sand und Strandkörbe, die man für vier Mark pro Tag mieten kann. Auf dem Heimweg entdeckt Paul ein Plakat, auf dem steht, dass am Samstagabend die Lords im Kurhaus auftreten. Er bettelt so lange, bis Mama ihm erlaubt, da hinzugehen. Schlagartig wird seine Laune gut. Ich darf nicht mit, obwohl ich die Lords genauso gut kenne wie er, und das ist ungerecht.


Nach dem Abendbrot kümmert sich Mama um unsere Schlafgelegenheiten. Aus dem Sofa wird ein Doppelbett und daneben baut sie eine Klappliege auf. Mama und ich legen uns Kopf an Fuß ins Bett, und Paul muss auf die Liege.


Am nächsten Tag finden wir nach langem Suchen ganz am Ende des Strands, an der Steilküste, wo man nur sehr unbequem über Steine ins Wasser gelangt, einen freien Strandkorb. Mama schaufelt einen Wall, und Paul und ich waten mit einem Käscher durch das seichte Wasser und fischen Muscheln, Krebse und Seesterne.


Ein Tag nach dem andern vergeht. Endlich kommt der Tag, an dem die Lords ihr Konzert geben. Vorher findet in der Diskothek Scotch Club eine Autogrammstunde statt. Der Eintritt ist frei, aber nicht einmal dahin darf ich mitkommen, weil Paul mich nicht dabeihaben will. Warum gibt es keine Gerechtigkeit, warum warum warum?


Zum Ausgleich darf ich mir in einem Schreibwarengeschäft ein Buch aussuchen. Es ist aber gar nicht so einfach, das richtige Buch zu finden, weil mich sehr viele interessieren, zum Beispiel „Zivilcourage“ von John F. Kennedy oder „Gibt es Leben auf anderen Welten“. Am Ende bleiben zwei Bücher übrig, zwischen denen ich mich nicht entscheiden kann, ein „Nick Knatterton“-Sammelband und ein Buch über das WM-Finale im letzten Jahr für 3,20 DM, mit Vorwort von Uwe Seeler. Weil Mama erklärt, sie kauft mir auf keinen Fall beide, wähle ich das Fußballbuch, denn es ist brandneu und im Großformat mit sehr vielen Bildern.


Paul ist von der Autogrammstunde zurück und zeigt uns seine Handgelenke, die mit Kuli bekritzelt sind, und zwar von den Lords. Er will versuchen, sich an diesen Stellen nicht mehr zu waschen, damit die Schrift bis Derikum hält und er sie Mösch und Berni und den andern zeigen kann. Er hat auch Autogramme auf Papier und auf einem Bandfoto, das vorher an alle verteilt wurde. Leider musste sich jeder ein Getränk bestellen, und seine Cola kostete 4 Mark. Ein Mann vom Fotogeschäft hat die ganze Zeit fotografiert, und bestimmt ist er auf den Fotos drauf, die man ab morgen Mittag im Geschäft kaufen kann.


Am Abend, als Paul bei den Lords ist, schreibt Mama einen langen Brief an Papa, und ich lege mich mit dem Fußballbuch aufs Bett. Zum Glück habe ich nicht das „Nick Knatterton“-Buch genommen. Dies hier ist viel besser. Es ist, als ob man das Spiel noch einmal sehen würde, in Einzelbildern. Seite für Seite werde ich es richtig auskosten, damit ich auch mal einen Genuss habe und nicht immer nur Paul. Eins kann ich schon mal versprechen: In dieses Buch wird er niemals hineinschauen dürfen, und wenn er vor Wut sein Kopfkissen erwürgt. Es sei denn, er küsst mir jeden Abend die Füße und bügelt alle meine Schnürsenkel.


Ein Jahr ist das jetzt her, aber ich weiß noch genau, es war ein Samstagnachmittag, in Derikum herrschte Totenstille, weil alle vor dem Fernseher saßen. Die Engländer waren drückend überlegen. Zehn Minuten vor Schluss legte Höttges den Ball bei einer verunglückten Abwehr Peters direkt vor die Füße, und der schoss das 2:1. So ein Mist. Ich konnte vor Aufregung nicht mehr still sitzen. Würden wir noch den Ausgleich schaffen, um uns in die Verlängerung zu retten? Vor Papa lagen seine Zigaretten auf dem Tisch, Stuyvesant, der Duft der großen weiten Welt, aber Papa hatte längst vergessen, zu rauchen. Noch drei Minuten. Noch zwei. Wir kriegten einen Freistoß, weil sich Jackie Charlton bei seiner Kopfballabwehr bei Held aufgestützt hatte. Ich kniete vor dem Fernseher, die Hände inbrünstig gefaltet. Emmerich führte den Freistoß schnell aus. Abgeblockt. Held setzte nach und flankte von links in die Mitte. Der Ball kullerte durch den Strafraum, und dann kam plötzlich Weber aus dem Nichts herangesprintet und trat den Ball im Fallen ins Tor. Verlängerung! Vor Freude tanzte ich zwischen den Möbeln herum. Kurz vor Ende der 1. Halbzeit der Verlängerung hämmerte Hurst den Ball mitten aufs Tor. Reaktionsschnell riss Tilkowski die Arme hoch, der Ball knallte an die Latte und sprang von dort zurück auf die Linie. Dann kam auch schon Weber angerauscht und köpfte ihn ins Toraus. Trotzdem rissen die Engländer die Arme hoch. Tor oder nicht Tor? Was würde der Schiedsrichter entscheiden? Der Schiedsrichter war Schweizer, die Schweiz hatten wir im ersten Spiel mit 5:0 nach Hause geschickt. Kam jetzt die Rache? Was war mit der berühmten Schweizer Neutralität? Nein, der Schiedsrichter hatte anscheinend nichts gesehen, er ging zum Linienrichter. Der Linienrichter war Russe; gegen Russland hatten wir am Montag 2:1 gewonnen – mit viel Dusel, weil sich einer von ihnen schon nach zehn Minuten den Knöchel gebrochen hatte und Tschislenko kurz vor der Pause wegen eines Fouls an Held vom Platz geflogen war, weshalb sie praktisch nur zu neunt spielten. Bestimmt war der Russe deswegen sauer. Vom Krieg her, meinte Papa, hätten die sowieso noch eine Rechnung mit uns offen. Jedenfalls sorgte der Russe als Linienrichter dafür, dass der Schiedsrichter das Tor gab. Und kurz vor dem Abpfiff, als wir alles nach vorne warfen, schoss Hurst auch noch das 4:2.


All das ist in dem Buch wunderbar dokumentiert, auch das, was man im Fernsehen nicht gesehen und selbst unser Reporter nicht gewusst hat. Es geht los mit einem Foto von Helmut Haller, wie er auf Bobby Moore losrennt, und darunter steht: DER KAMPF MANN GEGEN MANN BEGINNT. DER DEUTSCHE STURM GREIFT AN.


Auf Seite 11 ist zu sehen, wie ein Engländer Tilkowski mit dem Ellbogen am Kopf trifft, und auf dem nächsten Bild liegt er ohnmächtig im Strafraum. Darunter steht, dass der Schiedsrichter Aufstehen, Aufstehen! gerufen hat. TILKOWSKI KANN NICHT. ER IST NOCH BEWUSSTLOS. SEIN MANNSCHAFTSKAMERAD WILLI SCHULZ BESCHWÖRT DEN SCHIEDSRICHTER: SEHEN SIE DENN NICHT, DASS ER BLUTET? Wenn wir das im Fernsehen gehört hätten, hätten wir uns bestimmt über den grausamen Schiedsrichter aufgeregt, aber wir wussten ja gar nicht, dass Tilkowski so schwer verletzt war.


Dann vier Seiten mit Uwe Seeler, der höher springt als Bobby Moore und einfach nicht zu halten ist. SEELER STOPPEN HEISST DEUTSCHLAND STOPPEN, steht dick gedruckt unter einem Bild, wo ihn gleich zwei Engländer in die Zange nehmen. UWE IST DIE HOFFNUNG DER DEUTSCHEN UND DER SCHRECKEN DER ENGLÄNDER. WENN UWE DAVONSTÜRMT, GREIFT DER GEGNER OFT ZU UNSAUBEREN MITTELN. UWE WIRD GEREMPELT, AM TRIKOT GEZERRT ODER EINFACH MIT DEM ARM WEGGESCHOBEN. EIN LÄCHELN IST SEINE ANTWORT IN WEMBLEY. Tja, Uwe ist eben ein fairer Sportsmann, und jetzt bin ich doppelt froh, dass ich ein echtes Autogramm von ihm besitze.


Von der kurzen Pause vor der Verlängerung gibt es auch Bilder: Erich Deuser massiert Beckenbauer, Helmut Schön massiert Haller, der Schiedsrichter massiert sich selbst. Wiederanpfiff. BEIN GEGEN BEIN, MANN GEGEN MANN heißt die Überschrift zu dem großen Bild, auf dem ein englischer und ein deutscher Fuß gegen den Ball treten. Und auf der nächsten Seite sind wir schon in Minute 101 und damit beim Tor des Jahrhunderts. Das ist die fettgedruckte Überschrift für die nächsten sechsundzwanzig Seiten. Und darunter steht: EIN SCHUSS WIRD SCHICKSAL. EIN MANN LÖST ANGST UND SCHRECKEN AUS. DER ENGLÄNDER HURST SCHIESST AUFS DEUTSCHE TOR. EIN MANN, EIN SCHUSS, EIN BALL. Ball heißt auch der jüngste Spieler der Engländer, Alan Ball, aber Beckenbauer ist noch jünger. Auf den Bildern ist genau zu sehen, wo der russische Linienrichter beim Schuss von Hurst steht und wie er reagiert. Er ist nicht auf der Höhe der Torlinie, und er zeigt mit seiner Fahne kein Tor an. Erst als die Engländer jubeln und der Schiedsrichter ihn befragt, entscheidet er sich für Tor. NICHTS GESEHEN ABER TOR ist die passende Überschrift für diese Doppelseite, und darunter steht, dass Bahkramow es ein Jahr später in einem Interview auch zugegeben hat. Von neun Augenzeugen, die als Reporter oder Fotografen dicht hinter dem deutschen Tor saßen, hatten sieben kein Tor gesehen, und die beiden anderen waren natürlich Engländer.


Zeitungen in aller Welt haben damals ausführlich über das Spiel und das umstrittene Tor berichtet. Die meisten hielten zu uns und bestätigten, dass der Ball nicht einmal mit seinem kleineren Teil hinter der Torlinie war, dass Schiedsrichter Dienst dieses Tor nie hätte geben dürfen, und dass England durch eine Fehlentscheidung gewann. Überschrift: SELBST IN DER NIEDERLAGE LERNT MAN NOCH VON DEN DEUTSCHEN. Ich wünsche mir, dass man das auch mal über mich sagt. Klar, dass die englischen Zeitungen damals von Betrug nichts wissen wollten. Immerhin gaben einige von ihnen zu, dass wir manchmal überlegener spielten, dass wir die besseren Schützen hatten, und dass der Schiedsrichter erbärmlich war. Eine Zeitung in Argentinien meinte sogar: SCHWEIZER SCHIEDSRICHTER DIENST WAR NÜTZLICHSTER ENGLISCHER SPIELER. Die Fotos auf den letzten Seiten zeigen niedergeschlagene Gesichter bei uns, Jubel auf der englischen Bank, Betroffenheit bei Helmut Schön. Uwe Seeler gibt Bahkramow zwar die Hand, aber er wendet sich dabei ab, ansehen mag er ihn nicht. Kein Wunder. Dann Pokalübergabe durch die Queen, Ehrung der Verlierer, Ehrenrunden der beiden Mannschaften. Unter einem großen Bild, das Uwe mit hängendem Kopf auf dem Weg in die Kabine zeigt, stehen die ergreifenden Worte: KAPITÄN DER VERLIERER. VOM KAMPF GEZEICHNET, VOM GEGNER GESCHLAGEN, AN EINEM IRRTUM ZERBROCHEN.


Auch wir waren damals ganz geknickt, und dass die Deutsche Bundespost anschließend einen Ersttagsbrief zur Vizeweltmeisterschaft herausbrachte, kam Papa und mir wie ein schlechter Scherz vor. Es ist nicht der 2. Platz, der zählt. Der Zweite ist ein Verlierer, ob beim Boxen (Karl Mildenberger gegen Muhammad Ali) oder bei der Fußball-WM. Nur Mama meinte, die Engländer hätten verdient gewonnen. Aber sie hat ja auch keine Ahnung von Fußball.

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