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Sie waren in die Stadt gefahren und saßen auf der Dachterrasse, die zu dem Café in der neunten Etage des Kaufhauses Printemps gehörte. Die Abendsonne tauchte die Häuser in goldenes Licht. Die Aussicht von hier oben war schlichtweg grandios. Auf der einen Seite sah man die Grands Boulevards und die Opéra Garnier, dann schweifte der Blick weiter über die Madeleine und den Eiffelturm bis hin zum Arc de Triomphe, der nur ein kleines Stück aus dem dichten Pariser Dächermeer herausragte. Von der anderen Seite der Terrasse aus hatte man freie Sicht auf den Montmartre-Hügel, von dessen Spitze die Basilika Sacré-Cœur imposant herüberstrahlte.


„Wir sollten jemand zu Rate ziehen“, sagte Kim. „Jemand, der eine neue Idee hat.“


Alexander verzog das Gesicht. „Ich glaube nicht, dass es einen seriösen Engel-Experten gibt.“


„Wir können uns doch mal wenigstens umhören.“


„Alexander, Du bist unfair“, murrte Hilde. „Hör endlich auf mit Deinem Engel. Ein Reisender ist er gewesen.“


„Dann brauchen wir also einen Migrationsexperten?“


„Alex, steck Dir Deinen Sarkasmus an den Hut.“


„Verzeihung, Liebes. Also gut. An wen denkst du?


Bevor Kim antworten konnte, zog Hilde ein Buch aus ihrer Handtasche. „Ich hätte da vielleicht etwas.“ Sie schob die Gläser beiseite, damit sie das Buch vor Alexander und Kim ablegen konnte.


Kim blickte zuerst auf das Buch, dann zu ihrer Mutter. „Wir sind nicht allein?“ Sie schob das Buch zu Alexander, der das Buch aus Gewohnheit hinten aufschlug. Mit dem Zeigefinger fuhr er die linke Spalte des Inhaltsverzeichnisses entlang, dann die rechte.


„Hier“, sagte er, und legte seinen Finger neben das 11. Kapitel.


„Lass mal sehen“, sagte Kim und schob den Finger zur Seite.


Alexander legte seinen Finger wieder hin. „Besucher aus dem Kosmos“, las er vor. Er blätterte zurück bis zum Titelblatt.

 

Maurice von Haase

Wir sind nicht allein. Warum die alten Religionen Recht haben

Globus-Verlag Hamburg

 

„Wann ist das erschienen?“


„Genau weiß ich es nicht mehr. Anfang der Achtziger“, antwortete Hilde.


Kim kaute auf ihrer Unterlippe und starrte auf die handschriftliche Widmung auf dem Titelblatt. In einer äußerst dekorativen Handschrift stand dort:

 

Meinem lieben Freund Sammy Hahneman

in Dankbarkeit und Freundschaft

Maurice v. Haase

Zürich, 2. August 1982

 

„Ein Widmungsexemplar für Papa?“


„Sammy und er waren befreundet. Sie kannten sich von der Universität. Sammy hat damals den Entwurf für sein Haus in Vevey gemacht.“


„Maurice von Haase“, sagte Kim zu Alexander, „hat mehrere Bücher geschrieben über ungeklärte Phänomene. In Europa waren sie ziemlich erfolgreich. Das hier ist eines seiner ersten.“


„Ich nehme an, er kann an Dutzenden von Beispielen belegen, dass die Erde regelmäßig Besuch von Außerirdischen gehabt hat.“


„Vermutlich. Ja. Das war seine These. – Lebt er eigentlich noch, Mutter?“


„Zu Weihnachten kriege ich immer eine Karte von ihm. Auch letztes Jahr.“


„Ach so. Und jetzt schlägst Du vor, dass wir ihn konsultieren?“ In Alexanders Stimme schwang eine leichte Ungeduld mit.


„Ich dachte, ihr könntet mal mit ihm reden.“ Hilde zückte erneut ihre Handtasche, brachte eine Schachtel Zigaretten zum Vorschein und zündete sich eine an. „Erst Nummer 2“, sagte sie in Kims Richtung.


„Damit er dann ein neues Buch schreibt“, sagte Alexander grimmig. „Der Mann, der vom Himmel fiel. Zusammen mit Mrs. Alexander Fairchild.“


„Ihr müsst ihm ja gar nichts verraten. Ihr lasst ihn einfach erzählen. Ich weiß, dass er eine Menge Zuschriften auf sein Buch bekommen hat. Vielleicht ist ihm irgendetwas begegnet, was euch weiterhilft.“


Alexander und Kim schwiegen. Nicht, weil sie überzeugt waren, sondern aus Höflichkeit. Hilde gab noch nicht auf.


„Kennt ihr das nicht? Man hat ein Knäuel vor sich, das man entwirren möchte. Man sucht den Anfang, arbeitet sich Zentimeter für Zentimeter nach vorne. Plötzlich geht es nicht weiter. Was macht man? Man nimmt sich das andere Ende vor, probiert es von dort aus und gelangt auf diese Weise zum Ziel. Das meine ich. Wenn ihr von der einen Seite her nicht weiterkommt, versucht ihr es von der anderen Seite.“


Kim schien nicht uninteressiert. „Ich könnte ja so tun, als würde ich über ihn schreiben wollen. Er hat sicher nichts dagegen, wenn sein ramponierter Ruf ein bisschen aufpoliert wird. Wo liegt Vevey?“


„In der Nähe von Lausanne. Ich würde Moritz anrufen und euren Besuch ankündigen. Sein Haus ist – na ja, ein bisschen überspannt. Genau wie er. Aber die Lage ist einmalig, mit Blick auf den Genfer See.“


„Was meinst du“, sagte Kim und sah dabei Alexander an. „Ich finde, wir sollten den Versuch wagen.“


„Wenn publik wird, dass ich mich mit diesem Quatsch –“ Alexander vollendete den Satz nicht, räusperte sich und setzte neu an. „Wenn ich mit diesem Thema an die Öffentlichkeit gehe, ist mein Ruf als Wissenschaftler ruiniert. Ich sehe schon die Schlagzeile: Amerikanischer Professor auf der Jagd nach dem Alien. Und der nächste Schritt ist dann: Der verrückte Professor. Nein, das werde ich meinem Kind nicht antun.“


„Du denkst mal an unser Kind?“, sagte Kim bissig, die in dieser Frage all ihre Kampfbereitschaft sammelte. „Das ist ja mal etwas ganz neues.“


„Du tust mir Unrecht. Ich denke ständig daran. Ich weiß nur nicht, warum ich plötzlich meine professionelle Skepsis, die eine sehr wichtige wissenschaftliche Tugend ist, ablegen soll. Warum?“


„Muss ich Dir das jetzt erklären?“


„Ja, bitte, erkläre es mir.“


„Weil du, verdammt noch mal, Wissenschaftler bist und den Drang, nein, weil Du die Pflicht hast, alles herauszufinden, und weil Dir – oder besser uns – seitdem manche Dinge einfach in den Schoß gefallen sind und wir gar nichts anderes tun konnten, als diese Dinge in die Hand zu nehmen und zu betrachten. Und wenn man erst einmal so weit ist, dass einem die Dinge in den Schoß fallen, wenn die Welt nur noch aus einem System von Straßen und Wegen besteht, die alle geradewegs zu demselben Ziel führen, dann –“


Kim spürte, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten, und wandte sich ab. Alexander wollte besänftigend den Arm um sie legen, aber sie wich zur Seite.


„Wenn Du nicht mitmachst, Alex“, sagte sie mit fester Stimme, „dann kümmere ich mich eben alleine darum.“


Ihre Entschlossenheit machte Alexander hilflos. Er war es gewohnt, als Wissenschaftler jeden Schritt, den zu tun er sich anschickte, in allen Konsequenzen bis zu Ende zu durchdenken. In dieser Angelegenheit hatte er das Gefühl, dass Kim und er wie auf einem führerlosen Kahn auf ein Ziel zu trieben, das vielleicht bloß ein Riff war.


„Ich sage doch gar nicht, dass ich nicht mitmache“, sagte er nach einer Weile. „Ich weigere mich nur, unser Projekt unter der Flagge Prä-Astronautik segeln zu lassen.“


„Und das heißt jetzt was?“ fragte Kim. „Wie fällt Deine Entscheidung aus?“


„Ein überspanntes Haus am Genfer See? Na ja... Wegen der Lage des Hauses würde ich mitkommen“, antwortete Alexander und hob den Kopf. „Aber nur, wenn Du mich nicht als Professor für Paläo-Anthropologie vorstellst. Ich bin der Fotograf, der Deinen Artikel bebildert. Unter der Voraussetzung würde ich mich überreden lassen.“

 
 
 

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