top of page

34

Am Montagnachmittag haben wir ausnahmsweise kein Spielturnen. Stattdessen trägt unsere Klasse im Stadion an der Schorlemerstraße ein Freundschaftsspiel gegen die Quinta a aus. Wer nicht mitspielt, muss zugucken und für lautstarke Unterstützung sorgen.


Vor dem Anpfiff geben sich die Spielführer die Hand. Weil beide Mannschaften weiße Turnhemden mit einem blauen Querstreifen und blaue Turnhosen anhaben, müssen unsere die Hemden über der Hose tragen und die andern müssen sie reinstecken, damit uns der Schiedsrichter, ein langer Lulatsch aus der Oberstufe, unterscheiden kann.


Wir spielen zweimal dreißig Minuten. Es geht gleich richtig los, und wir sind ein gutes Publikum. Immer, wenn einer von uns oder von denen aufs gegnerische Tor stürmt, gibt es vom Rest der Klasse die üblichen Anfeuerungsrufe.


U-we, U-we, rufen ein paar von der a. Wahrscheinlich haben sie das mal bei einem Heimspiel vom HSV im Fernsehen gehört, oder bei einem Länderspiel. Hier in Neuß ist das nicht angebracht. Genauso wenig wie We want Stones. Das rufen auf Pauls Schallplatte die Fans, die ungeduldig auf den Auftritt von Mick Jagger & Co. warten, vor dem ersten Stück.


We want Stones! schreie ich über den Platz.


Was rufst du da, Siebotz kotz? fragt mich Bohn, und lacht sich kaputt. Ich frage ihn, ob er noch nie was von den Rolling Stones gehört hat, Mick Jagger und so, aber Bohn wiederholt nur Siebotz kotz! Siebotz kotz! Er kriegt sich gar nicht mehr ein.


Olli hat zugehört und verbessert mich. Man sagt Mike Jagger.


Was? sage ich, Mike? Du meinst, Mick Jagger heißt Mike Jagger?


Ja.


So’n Quatsch, der heißt Mick. Manni, sagt man Mick Jagger oder Mike Jagger?


Mick natürlich, sagt Manni.


Olli zieht die Stirn kraus. Mick gibt es nicht als Vorname, sagt er und plinkert nervös mit dem Auge, weil das sein Tick ist. Nur Mike. Das kommt von Michael.


Das sagt er natürlich bloß, weil er selbst Michael heißt. Olli ist nur sein zweiter Vorname, den er sich vor nicht allzu langer Zeit selbst als Rufname ausgesucht hat. Das hätte er wohl gerne, dass er mit erstem Vornamen so heißt wie der Sänger von den Rolling Stones. Denkste.


Ach so, sagen Manni und ich fast gleichzeitig, und deshalb heißt es auch Dave Dee, Dozy, Beaky, Mike & Tich?


Natürlich, sagt Olli, und plinkert wieder, und Bohn ruft noch ein paarmal laut Siebotz kotz! über den Platz.


Nach zehn Minuten flankt Ziegler in den Strafraum, Siebold springt höher als alle anderen, köpft auf Streich, und der tritt den Ball unbedrängt ins Tor. 1:0. Keine drei Minuten später lässt Hansi, unser Kapitän, drei Mann geschickt aussteigen, flankt auf Streich. Viele Beine im Strafraum der a, aber sie bekommen den Ball nicht weg. Cordes, vor Schussdrang nicht zu bremsen, macht kurzen Prozess und hämmert den Ball ins kurze Eck. Der Torwart ist machtlos, weil ihm die Sicht versperrt war. 2:0.


Kurz vor Ende der 1. Halbzeit wühlt sich ein Stürmer der a durch das Getümmel in unserem Strafraum, wird von Heck und Soeder in die Zange genommen, lässt sich theatralisch fallen. Der Schiri pfeift Strafstoß, zu Unrecht, wie wir meinen. Zum Glück kann Wieneke parieren, weil er in der Jugendmannschaft vom VfR Neuß spielt und die Ecke geahnt hat und der Schuss zu schwach war.


In der 2. Halbzeit schießt die a drei Tore und wir keins, weil wir die Ordnung verloren haben, die Hansi letzten Samstag in Deutsch an der Tafel mit uns einstudiert hat, und obwohl wir auf meinen Vorschlag Quinta c tut euch weh! gebrüllt haben.


Kurz vor Schluss landet ein Befreiungsschlag der a in unserem Strafraum. Soeder stoppt den Ball mit der Brust, bringt ihn aber nicht weg, weshalb ihn sich der robuste Siebold schnappt, indem er Soeder einfach zur Seite schubst, der daraufhin über seine eigenen Beine stolpert und hinfällt, während Siebold den Ball auf den trickreichen Ziegler passt. Der ist schon auf dem Weg zur Mittellinie, als ihn ein Pfiff stoppt. Danach muss er dem Schiri den Ball zuwerfen. Keiner kapiert, was los ist, bis der Lulatsch auf den Elfmeterpunkt vor unserem Tor zeigt.


Schon wieder Strafstoß gegen uns? Aber warum?


Das will auch Hansi wissen, der beim Abspiel auf Ziegler schon Richtung linke Eckfahne durchgestartet war. Wild gestikulierend läuft er auf den Schiri zu, der dadurch abgelenkt ist und nicht mitkriegt, wie sich Streich den Ball schnappt und hinter seinem Rücken versteckt, woraufhin zwei aus der a versuchen, ihn ihm abzujagen, was aber Heck und Wieneke zu verhindern wissen. Für mich und noch ein paar andere ist das das Signal, auf den Platz zu laufen. Ein bisschen Unterstützung kann nicht schaden. Gemeinsam bilden wir einen zweiten Ring um Wieneke, Siebold, Heck und Ziegler, die den Schiri inzwischen eingekesselt haben. Wir sind stinksauer, weil er uns mit seinem Pfiff die todsichere Chance zum Ausgleich genommen hat. Und keiner von uns hat verstanden, warum er der a auch noch einen Elfmeter schenken will.


Wieso das denn?


Wegen Foulspiel, sagt der Typ aus der Oberstufe.


Was für’n Foulspiel?


Der da, sagt der Lulatsch und zeigt auf Siebold, hat den da gefoult. Er zeigt auf Soeder.


Das ist doch einer von uns, sagt Siebold und tippt sich ein paar Mal an die Stirn. Aus unserer Mannschaft! Gegen den kann ich gar nicht Foul spielen!


Der Schiedsrichter denkt einen Moment nach. Dann sagt er: Foul im Strafraum gibt immer Elfmeter, und wegen Meckerns kriegst du von mir eine Verwarnung. Und zu uns sagt er, wir sollen machen, dass wir vom Spielfeld runterkommen.


Den Elfmeter schießt diesmal der Torwart von der a, und weil Wieneke in die falsche Ecke fliegt, steht es am Ende 4:2, wie in Wembley, und wieder hat uns ein Schiedsrichter um den möglichen Sieg betrogen.


Paul hat die Führerscheinprüfung bestanden und es außerdem hingekriegt, dass Onkel Georg denkt, er wünscht sich zum Geburtstag ein Fahrrad, um sich damit den Schulweg zu erleichtern. Sage und schreibe 300 Mark hat er ihm per Postanweisung zukommen lassen, von Papa persönlich ausbezahlt. Natürlich hat er sich kein Fahrrad gekauft, sondern die Kreidler Florett von Herrn Ahrnholz, weil der vom Moped auf Auto umgestiegen ist, und den Sturzhelm gab es noch obendrauf.


Wenn Mama und Papa da schon gewusst hätten, dass er nicht in die Obertertia versetzt wird, hätten sie es ihm bestimmt nicht erlaubt. Sie denken, schuld ist sein Schlendrian, dabei kennen sie nur die Hälfte von seinem Schlendrian, nämlich dass er Musik hört beim Schulaufgabenmachen und dauernd mit dem Moped unterwegs ist. Was sie nicht wissen ist, dass der Schlendrian schon morgens anfängt, wenn er in der Bahnhofsgaststätte wartet, bis seine Klassenkameraden aus Kapellen und Holzheim ankommen, damit sie zusammen zur Schule gehen können, und in der Zeit macht er den Rest seiner Hausaufgaben. Und nach der Schule geht er nicht gleich zum Bahnhof, sondern erst einmal in die Flotte Theke zum Flippern, drei Spiele für fünfzig Pfennige, und dazu trinkt er eine Cola. Er meint, das hat er sich nach dem anstrengenden Schultag verdient.


Ich bin auch nicht mehr der gute Schüler aus der Sexta und Quinta, aber immerhin habe ich im Zeugnis nur eine einzige Vier. Die Hauptsache aber ist, dass Mama endlich ihr Studium an der PH abgeschlossen hat und wieder an ihre Schule in Derikum zurückkehren kann. Deshalb werden wir in den Sommerferien alle zusammen nach Schleswig-Holstein in Urlaub fahren, und in der Zeit wird Heidi Pürie füttern und unsere Blumen gießen. Es ist das erste Mal seit der Bodenseefahrt vor fünf Jahren, dass wir verreisen, und das erste Mal überhaupt, dass Papa mitkommt. Vom Fremdenverkehrsamt in Kellinghusen hat er sich Prospekte schicken lassen, auf denen Wiesen und Weiden, Teiche, Heidelandschaften, Wald- und Feldwege abgebildet sind, aber zu Pauls und meiner Enttäuschung kein Meer, weil Kellinghusen nicht am Meer liegt, sondern bei Itzehoe, wo Papas Vorfahren herkommen, und das ist der Grund, warum wir dahin fahren. Er sagt, dieser Urlaub wird der Familie gewidmet sein, nicht der jetzigen, wo jeder etwas anderes will und tut, sondern der bereits gewesenen, auch wenn man den Begriff dafür ziemlich weit fassen muss. Das ist die eigentliche Familie, auch wenn man sie nicht unbedingt kennt und egal, ob sie einem nun passt oder nicht. Die Familie ist unser Schicksal, man kann Glück haben oder Pech, aber so ist es nun einmal.


Ich finde es auch gut, dass wir unsere Vorfahren kennen. Jedenfalls die, von denen wir nicht bloß den Namen haben, sondern auch ein paar Fotos, vielleicht sogar Briefe oder Ansichtskarten. Die meisten von ihnen sind zwar schon tot, zum Beispiel Papas Vater und sein jüngerer Bruder Heino und Mamas Vater und ihr Bruder Hans, und deren Eltern und Großeltern sowieso, aber solange von ihnen noch die Rede ist und man in ihren Hinterlassenschaften wühlen kann, sind sie noch nicht ganz verschwunden, sondern gehören zu uns und sind irgendwie anwesend, dauerhaft anwesend.


Aus dem Gastgeberverzeichnis hat sich Mama die Frühstückspension von Frau Dora Pieper, Lehmbergstraße 11, ausgesucht, wo das Zimmer 6,50 DM kostet inklusive Frühstück. Per Postkarte fragt sie an, ob sie uns im Sommer für zwei Wochen unterbringen kann, Vater, Mutter und zwei Söhne, siebzehn und fast zwölf Jahre alt. Frau Pieper antwortet sofort, dass sie in diesem Zeitraum Platz hat und außerdem einen Sohn, der in unserem Alter ist und sich schon auf seine beiden neuen Spielkameraden freut. Das hätte Frau Pieper nicht schreiben sollen, denn Mama meint, dass Paul und ich von diesem Sohn ja bloß neue Dummheiten und Unartigkeiten lernen würden. Damit scheidet sie aus, und morgen muss Papa von der Post aus bei Frau Anneliese Siglaff Gartenstraße 17 anrufen und fragen, ob sie Platz hat und sich nebenbei erkundigen, ob sie Kinder hat und wie alt sie sind, und wenn Frau Siglaff schlau ist, sagt sie einfach Nicht dass ich wüsste.


Kurz vor unserer Abreise bekommt Papa endlich Antwort vom Zauberkreis-Verlag. Sein Roman ist nicht angenommen, aber auch nicht abgelehnt. Sie können ihn bloß im Moment nicht gebrauchen, weil bis Ende des Jahres ein Ankaufstopp besteht. Papa ist aber kein bisschen enttäuscht, weil er davon ausgeht, dass sie ihn dann im nächsten Jahr herausbringen werden, und das bedeutet, dass er jetzt endlich mit seinen Romanen am Ball ist. Bis Weihnachten will er noch zwei weitere fertigmachen, damit er gleich mit drei Romanen einsteigen kann. Außerdem will er sich ein Pseudonym zulegen. Wir sind alle dafür, denn es kann nicht schaden, wenn schon der Name des Verfassers nach Wildem Westen klingt. Wahrscheinlich ist es sogar sehr nützlich. Mit seinem richtigen Namen Marion Robert Morrison wäre John Wayne nie im Leben Filmheld geworden. Nicht jeder hat das Glück, als Gary Cooper oder Lex Barker geboren zu werden, manchmal muss man dem Erfolg ein bisschen nachhelfen. Stetson Cody oder Riv Colorado sind garantiert auch erfundene Namen. Wie wäre es mit Helmond Rigby?


Paul meint, da würden alle an die Beatles denken, und schlägt seinerseits G. F. Ruby vor, weil sehr viele Westernautoren ihre Vornamen mit G. F. abkürzen: G. F. Unger, G. F. Waco, G. F. Wego, G. F. Barker, G. F. Barner, G. F. Barring, G. F. Bucket, G. F. Zegor. Bei Ruby denke ich aber an die Stones, und wenn ich zwischen Beatles-Rigby und Stones-Ruby wählen muss, bin ich für Beatles.

Mama gefällt weder Helmond Rigby noch G. F. Ruby. Die Idee, dass Papa unter falschem Namen schreibt, findet sie zwar gut, weil man dann nicht ahnt, dass sich dahinter ein Derikumer Briefträger versteckt. Aber es soll ein deutscher Name sein, von dem man höchstens annehmen könnte, er sei amerikanisch, wie A. F. Peters oder R. F. Garner. Sie meint, alles andere wäre Schmu. Nach kurzer Überlegung schlägt sie Pat Urban vor, weil man das auch Pät Öhrbn aussprechen kann. Ich muss bei Pat an den langen Lulatsch von Pat & Patachon denken und bei Urban an das Buch von Professor Lowinski, und das sind zwei gewichtige Argumente gegen diesen Namen.


Was sein Pseudonym betrifft, kann sich Papa vorläufig nicht entscheiden, aber für „Postreiter“ lässt er sich von mir den Namen Mark McDonald schenken, und so wird der an den Rollstuhl gefesselte Ranchersohn heißen, der wie Papa Gedichte von Friedrich Schiller auswendig kann.


„Postreiter“ ist natürlich kein Titel, der einen vom Hocker reißt. Genauso wenig wie „Partnerschaft“ und „Cycil gibt nicht auf“. Die Westernromane von Howard Duff und Robert Ullman, die ich zuletzt gelesen habe, hießen „Das Gesetz bin ich“, „Link Dillons Endkampf“ und „Zähl bis drei und zieh“. Ich glaube, dass Papa nicht nur ein passendes Pseudonym, sondern auch aufregende Titel für seine Romane braucht. Außerdem stehen in den Romanheften immer reißerische Inhaltsangaben, wie Papa sie nie schreibt, weil ihm das angeblich nicht liegt. Mir liegt es auch nicht, aber die Westernhefte sind voll damit. Man kann sich davon was abgucken oder einzelne Sätze neu kombinieren, wodurch ganz neue Werbesprüche entstehen, denen niemand mehr ansieht, dass sie mal für den Kauf von „Sie jagten Cheyenne“ oder „Kopfpreis 1000 Dollar“ geworben haben. Ich bin mit meinen drei Werbetexten sehr zufrieden.


Postreiter

Aus Geheimnis, Romantik und Gefahr webt Helmond Rigby eine abenteuerliche Handlung von nervenaufreizender Dramatik. Eine dramatische Szene folgt der anderen, und bis zum erlösenden Schluss bleibt der Leser vom Wirbel der abenteuerlichen Geschehnisse gebannt.


Partnerschaft

Wieder einmal gelingt Helmond Rigby eine fesselnde Darstellung voll absoluter Wirklichkeitstreue, die den Leser bis zum Schluss in atemloser Spannung hält.


Cycil gibt nicht auf

Packend bis zum Ende erzählt Helmond Rigby von einer Liebe, die warten muss, weil das Gesetz des Handelns dazu zwingt. Kein Leser sollte sich die neuen Romane von Helmond Rigby entgehen lassen, denn Helmond Rigby lesen bedeutet, die wahre Geschichte des amerikanischen Westens unmittelbar und voll einmaliger Spannung zu erleben.


3 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

76

Auf der Fete von Teufels Klasse, zu der sie mich netterweise eingeladen hatten, habe ich mich von Sigrid Wismuth anmachen lassen und jetzt gehe ich mit ihr, obwohl sie gar nicht mein Typ ist. Deswegen

75

Mein Film ist fertig. Premiere ist heute Abend beim Sir, diesmal zur regulären Öffnungszeit und vor vollbesetztem Haus. Fast alle, die mitgemacht haben, sind gekommen, dazu jede Menge Stammgäste, die

74

Seit neuestem bin ich Besitzer eines zehn Jahre alten blauen VW 1500, eines Viertürers mit 54 PS. Den Freundschaftspreis von dreihundert Mark habe ich Nicole zu verdanken, die das Geschäft vermittelt

Comentários


bottom of page