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Es ist Sommer und Ferienzeit. Papa muss arbeiten, aber wir fahren an den Bodensee, auf die Insel Reichenau. Mama sagt, Onkel Georg hat das möglich gemacht.

Als wir in Radolfzell in den Bus umsteigen, sehen wir zum ersten Mal den Bodensee. Im Bus finde ich einen kleinen gelben Schraubenzieher und will ihn zu meinen anderen Schätzen in die Hosentasche stecken, aber Mama sagt, nein, weil ich mir damit meine Hose kaputtmache oder mich beim Hinsetzen verletze.

Wir haben ein Zimmer bei Familie Prinz im Gasthaus Kreuz. Ich habe Mungo dabei und ein Segelschiff, und Paul hat Plastikfiguren mitgenommen, Cowboys und Indianer. Auf seinem Bett baut er aus Kopfkissen, Decke und Laken eine Landschaft, in der er seine Figuren aufstellt. Wenn ich mitspiele, gibt er mir die Cowboys, aber ich will die Indianer. Mama nimmt je einen Cowboy und einen Indianer in die Hand und versteckt sie hinter dem Rücken. Ich hüpfe ein bisschen herum, dann zeige ich auf die rechte Hand und die rechte Hand ist ein Indianer. Paul ist sauer. Seine Cowboys greifen zuerst an. Mit der Faust drückt er eine Höhle ins Kopfkissen, als Versteck für seine Cowboys. Meine Indianer greifen aus der Luft an. Plötzlich lässt sich Paul auf den Bauch fallen. Ein Erdbeben, schreit er und rollt über das Bett. Noch ein Erdbeben, schreie ich und stürze mich auf ihn. Wir kämpfen miteinander, aber ich habe noch eine Geheimwaffe, den gelben Schraubenzieher, mit dem ich ihm ein bisschen in die Hand stoße. Paul lässt mich los und starrt auf seine blutende Hand und schreit.
Mama, Jakob hat mich mit der Schere gestochen!
Gar nicht wahr, ist gar keine Schere! Und außerdem, Paul hat mich erstickt!
Du lügst, blödes Schielauge! Du lügst!
Gar nicht! Schraubenzieher!

Mama zieht Paul vom Bett und gibt ihm eine Ohrfeige und mir auch. Dann bepinselt sie Pauls Wunde am Waschbecken mit Jod, und ich gucke zu. Als sie mir den Schraubenzieher wegnehmen will, schreie ich wie am Spieß und will sie in die Hand beißen, aber Mama dreht mir die Hand um, nimmt den Schraubenzieher, öffnet die Balkontür und wirft ihn in hohem Bogen auf die Straße. Ich brülle vor Wut und will aus dem Zimmer laufen, aber Mama verstellt mir den Weg.
Schau her, was du angerichtet hast. Du hast deinem Bruder ein Loch in die Hand gestochen.

Wie auf Kommando hält Paul seine bepflasterte Hand hoch und verzieht dazu das Gesicht, denn er ist ein großer Schau-ßpieler, mindestens wie Heinz Rühmann. Ich reiße mich los, weil ich meinen Schraubenzieher wiederhaben will, aber Mama schließt die Tür ab und legt den Zimmerschlüssel oben auf den Kleiderschrank.

Seit neustem haben wir eine Musiktruhe. Das hat Papa möglich gemacht. Wenn die beiden Schiebetüren geschlossen sind, sieht sie aus wie ein Schrank auf vier kurzen, spitzen Füßen. Hinter der linken Schiebetür ist das Radio und darunter die Klappe mit dem Zehnplattenwechsler. Das Radio hat ein grünes Auge. Wenn man es einschaltet, füllt es sich langsam, und erst dann kommt Musik oder Sprache. Oder man drückt auf TA und dann kann man Schallplatten hören.

Wir haben viele alte Langspielplatten mit Walter Ludwig und Jan Kiepura und Richard Tauber und Joseph Schmidt. Mama sagt, die haben Omi und Tante Hilde und Onkel Hans und ich früher in Ludwigslust auf dem Grammofon gehört und schmolzen dahin.

Die alten Platten sind etwas kleiner und viel schwerer als die normalen und müssen mit 78 abgespielt werden. Bei dieser Einstellung dreht sich der Plattenteller so schnell, dass man vom Hingucken einen Drehwurm kriegt. Niemand von uns mag sie hören, weil sie rauschen und knistern und die Musik wie durch einen Telefonhörer klingt. Stattdessen legen wir die Schallplatten auf, die es zur Musiktruhe gratis dazu gegeben hat. Weil es Werbeschallplatten sind, hört man immer nur kleine Ausschnitte von den Liedern, aber für uns sind sie lang genug.

Meine liebste Werbeschallplatte heißt Party, und das stimmt wirklich, weil Teddy seine Freundinnen Moni und Gitta zu einer Party in seine Wohnung eingeladen hat und sie sich gegenseitig ihre neuesten Schallplatten vorspielen. Nachher kommt auch noch Bobby dazu und alle lernen dabei etwas Neues kennen. Nach dem „Leierkastenmann von Notterdam“ findet Moni, dass der Sänger eine himmlisch männliche Stimme hat, und als Gitta fragt, wie ihr neuer Schwarm heißt, sagt Moni: Ralf Roberts, und er ist erst sechzehn Jahre alt. Da staunt Gitta: So jung noch? Eine ungewöhnlich reife Stimme. Bei reifer Stimme fällt Teddy die neue Platte von Cindy Ellis ein, und er gibt zu, dass er ganz verrückt nach ihr ist. Gitta spielt eine Platte von Willy Schneider, die sie ihrer Mutter zum Geburtstag schenken will. Sie sagt aber nicht Mutter, sondern Mama, mit Betonung auf dem zweiten ma, wie es Mama auch manchmal macht. Teddy fällt dabei seine Andenkensammlung vom Rhein ein, die er Moni und Gitta gern zeigen möchte, aber Gitta sagt, er soll sie damit bitte verschonen, weil sie viel interessantere Souvenirs mitgebracht hat, so heißt nämlich die neueste Platte von Bill Ramsey. Mittendrin klingelt es an der Wohnungstür, endlich ist Bobby da. Als erstes beschwert er sich, dass Teddy im fünften Stock wohnt, jetzt ist er durstig und wünscht sich ein kühles Bier und wohltuende Musik, und deshalb legt Moni eine Platte von Frankie Avalon auf, Amerikas neuem Teenageridol, auf Heliodor. Bobby findet, auf Heliodor erscheinen überhaupt ’ne Menge Spitzenstars. Dann spielt Teddy eine Brunswick-Jazzplatte von Bernard Peiffer, einem Pianisten, der sich durch sein eminentes Können unter die Ersten in der Jazz-Szene gespielt hat. Damit geht Seite A zu Ende, und Seite B gefällt uns nicht ganz so gut.

Papa arbeitet jetzt wieder in Freudenstadt, im Posterholungsheim. Wir sitzen zu dritt in der Küche, Papa trinkt eine Flasche Bier und raucht Kurmark ohne Filter. Ich darf auch mal an der Flasche trinken, aber es schmeckt bitter. Paul will die Zigarette in den Mund nehmen, aber er darf nicht, und jetzt tut er so als ob, der Schau-ßpieler.

Papa sagt, dass wir bald umziehen werden, weil er die Nase voll hat, immer nur für andere Leute zu arbeiten. Er will endlich sein eigener Herr sein. Er hat Aussichten, schon bald einen Gasthof pachten zu können, mit Tante Karola als Partner. Tante Karola war kürzlich zu Besuch bei uns. Sie hat mit Papa und Mama im Wohnzimmer gesessen und Paul und ich haben im Kinderzimmer gespielt. Einmal ist Mama herausgekommen und zur Toilette gegangen, und da haben wir gesehen, dass sie geweint hat.

Papa sagt, dass er Alles sorgfältig bedacht hat. Tante Karola ist eine Eins, sie hat in Wildbad alle Mädels vom Küchenpersonal unter sich gehabt, und den gesamten Einkauf hat sie auch gemacht, außer Fleisch. Wir werden kalte und warme Küche anbieten und jeden Tag Frühstück mit frischen Brötchen und Sonntags mit Hefebrot und nachmittags Kaffee und Kuchen, und jeden Morgen wird eine neue Menükarte getippt mit vier Menüs, Stammessen, Pensionsessen für die Hausgäste, Kuressen und Schlemmeressen, alle Menüs sind mit Suppe, und außer dem Stammessen auch alle mit Nachspeise. Wir werden Gäste aus ganz Deutschland haben und aus Frankreich und der Schweiz und er wird einen Prospekt drucken lassen und Reisebüros anschreiben, vor allem im Ruhrgebiet.

Ein paar Wochen später steht vor dem Kaufhaus ein kleines Auto, in das wir einsteigen. Mama darf vorne sitzen, weil sie sonst kötzern muss, denn heute ziehen wir um, nach Vögisheim, wo Papa und Tante Karola schon auf uns warten und den Möbelwagen in Empfang nehmen und alles einrichten. Ich werde da in die Schule gehen und Paul aufs Gymnasium, und wohnen werden wir in unserem Gasthof.

Zum Abschied sind ein paar Kolleginnen von Mama gekommen. Sie drücken Paul und mir Tüten mit Obst und Schokolade in die Hand, wir müssen ihnen die Hand geben und dann fahren wir mit dem Auto ab. Wir winken so lange, bis KaufhausNestle nicht mehr zu sehen ist.
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