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Zur Aufführung in der Aula von Pauls Gymnasium gehen wir zusammen mit Fräulein Döring und Fräulein Feidt. Die Kulisse sieht aus wie echt und stellt eine Terrasse dar, mit einem Springbrunnen in der Mitte und Palmen im Hintergrund, weil das Stück irgendwo im Orient in einem Palast spielt, wo ein spanisches Fräulein namens Konstanze samt ihrer Zofe Blondchen und deren Freund, dem Diener Pedrillo, gefangen gehalten wird. Pedrillo wird von Paul und Blondchen von Gunda Schickedanz gespielt. Ihrer Mutter gehört das Milchgeschäft am Schulplätzel. Wenn Gunda ihr bei der Arbeit hilft, trägt sie eine Gummischürze und ein Kopftuch. Man reicht ihr die Blechkanne, sie nimmt den Deckel ab und pumpt Milch in einem dicken Strahl hinein. Jetzt trägt sie ein lila Kleid mit aufgesetzten Rüschen, das Frau Kaiser extra für sie genäht hat.


Weil Paul im zweiten Akt die frohe Botschaft überbringt, dass sie jetzt bald alle durch Konstanzes Verlobten Belmonte befreit werden, darf er Blondchen einen herzlichen Kuss geben. Es ist aber nur Schauspielerei. In Wirklichkeit interessiert sich Gunda nur für Halbstarke. Paul sagt, dass man bei der mindestens ’ne Vespa haben muss oder gleich ein Auto. Sie ist auch nicht blond, sondern versteckt ihre schwarzen Haare bloß unter einer weißen Haube. Bestimmt riecht ihr Kuss nach saurer Milch.


Pauls großer Auftritt mit seinem Lied kommt erst ziemlich am Schluss. Er hat eine Mandoline umgebunden und tut so, als würde er darauf spielen, der alte Schau-ßpieler, aber die Musik kommt von Herrn Kaiser, der die ganze Zeit am Klavier sitzt und von da aus das Schulorchester und den Schulchor dirigiert. Weil Mama es ihm eingebimst hat, schafft er das Lied ohne einen einzigen Fehler.


Die Aufführung ist umsonst, aber Mama und ich geben hinterher jeder zwanzig Pfennige, und Fräulein Döring und Fräulein Feidt geben jede fünfzig Pfennige. Bis zu den Ferien wird sie noch zweimal wiederholt. Beide Speyerer Zeitungen berichten darüber, die „Tagespost“ sogar mit einem Foto. Weil er und Gunda das meiste Lob einheimsen, glaubt Paul, dass er auf dem Weg zu einem Star ist.


KUNSTERZIEHUNG PRAKTISCH DEMONSTRIERT

JUNGE GYMNASIASTEN SANGEN UND SPIELTEN MOZARTS „ENTFÜHRUNG“

Am meisten dürften wohl Pedrillo (Paul Thalrand) und Blondchen (Gunda Schickedanz) gefallen haben, die beide angenehme Singstimmen und auch ein bemerkenswertes schauspielerisches Talent für ihre Rolle mitbrachten.


EIN GUT GELUNGENES EXPERIMENT

MOZARTS „ENTFÜHRUNG“ IN DER AUFFÜHRUNG EINER GYMNASIUM-KLASSE

Den Vogel haben zweifellos der quicklebendige Paul Thalrand (als Pedrillo) und Gunda Schickedanz (als Blondchen) abgeschossen. Die beiden wirkten als Motor im ganzen Spiel.



Ich würde auch gern einmal für Schlagzeilen sorgen. Aber womit bloß? SPEYRER VOLKSSCHÜLER MIT NEUEM HÜPFREKORD – SEIN BRUDER GLÄNZTE ALS PEDRILLO.



Wegen der Zeitungsberichte hat Mama endlich einen Grund, an Onkel Georg zu schreiben, ohne ihn gleich wieder um einen Gefallen zu bitten.


Au ja, sagt Paul. Kannst du ihm schreiben, dass ich mir eine Angel wünsche?


Das werde ich ganz bestimmt nicht tun. Habe ich nicht gerade gesagt, dass –


Warum denn nicht?


Weil es Wichtigeres gibt als eine Angel.


Und einen Rennlenker?


Kruzitürken, hältst du jetzt mal den Mund? Wenn du eines Tages selber Geld verdienst, kannst du dir kaufen, was du willst. Jetzt aber gehst du zur Schule –


Dann will ich eben nebenher selbst Geld verdienen! In Vögisheim hab ich unsern Gästen die Koffer hochgetragen und dafür manchmal fünfzig Pfennige bekommen. Da war ich erst zwölf. Ich kann doch mal zum Bahnhof gehen und fragen, ob sie nicht nachmittags einen Gepäckträger brauchen können.


Schlag dir das bloß aus dem Kopf, sagt Mama. Da schleppst du den ganzen Tag Koffer bis zum Gehtnichtmehr, und hinterher hast du Malesche mit dem Rücken, nein, mach das bloß nicht.


Aber weil Paul keine Ruhe gibt, erzählt Mama es ihren Kolleginnen bei Thomann, und die geben ihr den Tipp, mal bei den Blumengeschäften anzufragen, weil die oft über Fleurop Bestellungen zum Ausliefern kriegen, und es gibt viele Jungs, die sich auf diese Weise Geld verdienen. Als Paul seine Schulaufgaben erledigt hat, muss er sich saubere Sachen anziehen, die Haare kämmen und die Hände waschen. Mama schneidet ihm noch die Fingernägel, und dann gehen beide zum Blumengeschäft Nothelfer, gleich hinter dem Altpörtel. Als sie zurückkommen, strahlt Paul mich an und sagt, er ist jetzt Botenjunge bei Nothelfer mit einem richtigen Dienstfahrrad. Er kriegt drei Mark Stundenlohn, und das Trinkgeld darf er behalten. Mama sagt, Paul macht das nur zweimal in der Woche und auch nur bis sechs Uhr, und wehe, wenn er sich in der Schule verschlechtert, dann ist Feierabend damit, kapito?


Pauls Dienstfahrrad ist groß und schwer und schwarz lackiert, und unter dem Sattel hängt Reklame für Nothelfer. Vor dem Lenker ist ein großer Metallkorb befestigt, in dem die Blumen transportiert werden. Wohin er die Blumen bringen muss, steht auf dem Briefumschlag, der zu jeder Blumensendung gehört, und wo das ist, schaut er sich vorher auf dem großen Stadtplan an, der im Geschäft hängt. Paul sagt, dass die Aufträge fast immer für Frauen oder Mädchen sind, und manchmal liegen sie auch im Krankenhaus, aber wenn sie zuhause sind, geben sie sehr oft fünfzig Pfennige oder eine Mark Trinkgeld.

I

ch würde auch gern für Nothelfer Blumen austragen, aber dafür muss man vierzehn Jahre alt sein. Ich bin erst neun, und das Dienstfahrrad ist viel zu groß für mich. Wenn ich ein eigenes kleines Fahrrad hätte, könnte ich wenigstens so tun, als wäre ich Botenjunge. Ich könnte kreuz und quer durch Speyer fahren und mir dabei die Straßennamen einprägen und wäre dadurch auf meinen Beruf vorbereitet. Also werde ich mir zum Geburtstag ein Fahrrad wünschen.

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