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Kurz vor Weihnachten kommt der nächste Karl May-Film ins Kino. „Winnetou I“ gefällt mir noch besser als „Der Schatz im Silbersee“, obwohl ich heulen muss, als Old Shatterhand und die Eisenbahnarbeiter von den Apatschen überfallen werden. Gerade hat Old Shatterhand einen Unterhäuptling mit einem Faustschlag ins Reich der Träume geschickt, als Winnetou sich auf ihn stürzt, aber statt auf ihn zu schießen, schlägt ihm Old Shatterhand bloß den Tomahawk aus der Hand und ruft: Ich bin euer Freund, Winnetou! Doch weil Winnetou nicht wissen kann, dass Old Shatterhand es war, der ihn in der Nacht heimlich vom Marterpfahl der Kiowas befreit hat, sticht er ihm trotzdem das Messer in den Hals, woraufhin Old Shatterhand wie tot zusammenbricht. Und obwohl ich ganz genau weiß, dass er überleben wird, schießen mir an dieser Stelle Tränen in die Augen. Vage kann ich durch meinen Tränenschleier erkennen, dass überall Tote herumliegen, Arbeiter und Indianer, Opfer eines schrecklichen Missverständnisses. Wer das Buch nicht gelesen haben, muss jetzt glauben, dass Old Shatterhand auch tot ist, aber da sieht man ihn schon als Gefangenen der Apatschen. Nachdem Winnetous Schwester ihn gesund gepflegt und er auch noch seinen Vater fair im Zweikampf besiegt hat, bietet ihm Winnetou seine Freundschaft an. Sie schneiden sich beide ein bisschen die Pulsadern auf, jeder trinkt ein bisschen vom Blut des andern, und damit ist ihre Blutsbrüderschaft besiegelt. Zum Schluss kriegt der Oberschurke Santer noch seine gerechte Strafe und stürzt in einen Abgrund. Hinterher sagt Mama, das ist ganz schlecht gemacht gewesen, weil man das Seil sehen konnte. Der Schau-ßpieler hat an einem Seil gehangen und ist praktisch nur in die Tiefe gerutscht.


Papa gefallen die Filme nicht, und die Romane würde er heute auch nicht mehr lesen. Als Soldat war er mal im Karl-May-Museum in Radebeul und ist von Patty Frank, der selbst Indianerbücher geschrieben hat, persönlich im Haus herumgeführt worden. Dabei hat er ihm auch die drei berühmten Gewehre gezeigt: Winnetous Silberbüchse ist nur eine Prunkwaffe und hat nie einen Schuss abgegeben, Old Shatterhands Henrystutzen ist ein kleines Repetiergewehr mit nur achtzehn Schuss, und der Bärentöter ist wahrscheinlich für Elefantenjagden benutzt worden. Winnetou selbst soll ja auch nur eine Sagengestalt sein. Deshalb ist Papa heute kein Karl-May-Fan mehr. Aber für den Wilden Westen interessiert er sich trotzdem. Manchmal bringt er aus der Stadtbibliothek dicke Bücher mit nach Hause, zum Beispiel „Das Buch vom Indianer“ und „Das Cowboybuch“. Abends, wenn wir Radio hören oder Schallplatten, sitzt er oft in der Küche, hat ein Buch vor sich und macht Notizen in eine dicke Kladde. Außerdem schreibt er auf der Rückseite von Reklame, wovon er einen ganzen Stapel aus dem Anker mitgebracht hat. Wenn man ihn fragt, was er schreibt, sagt er, das ist nur ein Versuch, aber ich glaube, dass er einen Roman schreibt, mit zwei Freunden als Helden, genau wie Winnetou und Old Shatterhand.


Mama sagt, wir sind alle ganz verrückt, aber trotzdem bekommen wir zu Weihnachten unsere Wünsche erfüllt: Papa bekommt das Buch „Die Welt der Indianer“, Paul bekommt „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“, gesungen von Gus Backus, und ich bekomme die Schallplatte „Winnetou“ vom Medium-Terzett. Paul findet das Medium-Terzett doof. Er meint, das Beste an der Platte ist die Hülle mit Pierre Brice vorne drauf.



Nach den Weihnachtsferien haben alle in Pauls Klasse ihrem Musiklehrer Herrn Kaiser vorsingen müssen, weil er mit ihnen eine Oper aufführen will. Wegen seiner schönen Tenorstimme hat er eine Hauptrolle bekommen und gehört zu denen, die auf der Bühne stehen. Die andern, die nicht singen können, müssen die Kulissen schieben oder die Scheinwerfer bedienen, und so hat jeder in der Klasse einen Posten bei der Aufführung, und Herr Kaiser ist Regisseur und Dirigent.


Mama sagt, das ist ein Glückstreffer, weil Paul sich jetzt musikalisch vernünftig entwickeln und keine Schlagermusik mehr hören wird, aber Paul weiß es besser und sagt, wenn überhaupt, dann beides, und schon kriegt er einen Backs. Paul ist wütend, weil er schon vierzehn ist, aber Mama sagt, das hat er davon, dass er immer das letzte Wort haben muss. Frau Thomann hat neulich ihrem Sohn auch eine Ohrfeige gegeben, mitten im Geschäft, und der ist sogar schon einundzwanzig.


Paul muss die Noten von seinen Liedern mit nach Hause bringen und immer parat sein, wenn Mama mit ihm üben will. Mama spielt auf dem elektrischen Tischklavier, das uns Onkel Georg geschenkt hat, und Paul muss dazu singen. Seine anderen Texte hört sie ihm auch ab. Wenn er etwas falsch macht, heißt es Heidenei, Bürschlein, willst du dich blamieren, und er kriegt einen Backs, und deswegen strengt er sich sehr an. Ich höre immer zu, und bald kann ich Pauls Lieder auch auswendig.


Im Mohrenland gefangen wa-har ein Mädel hü-übsch und fein;

Sah rot und weiss, war schwarz von Haar,

Seufzt’ Tag und Nacht und wei-heinte gar;

Wollt’ ge-hern erlö-höset sein.

Wollt’ ge-hern erlö-höset sein.



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