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Nach diesem kurzen Intermezzo versuchte er sich auszumalen, welcher seiner Kollegen – an Kolleginnen dachte er nicht mal im Traum – in der Lage sei, die geforderte literarische Spitzenleistung zu erbringen. Voraussetzung waren solide naturwissenschaftliche Kenntnisse, die mindestens auf der Höhe des aktuellen Forschungsstandes sein mussten, besser noch („aus bloßer AhnDung & For=Gefühl“) darüber hinausreichten. Das musste den Kreis der Berechtigten natürlich einschränken. Aber nahm er unsere neueren Romanschriftsteller überhaupt zur Kenntnis? Als ich ihn geradeheraus fragte, rechnete ich mit einem strikten Nein. Doch ich sah mich getäuscht.


„All=so : von den meistn kenn ’ch ein=zwei Sächelchn. ’ch bin in=formiert. Und wenn ’ch ’n Wert=Urteil fälln sollte, würd ’ch sagn : gans fahle Pilldße auf dünn’n Stieln. Konfektioniertes GeLalle, not=dürftig gewortetes Hin & Her. Immer=Hin : Die Kontinuität unsrer literarischn Mittel=Mäßigkeit dürfte mit diesn Leutn gesichert sein. [– : »!!!«] ›Volck der DichtR & DenkR‹ :  Wennichdasschonnhöre ! ’s iss die faust=dikkste Lüge, die sich je 1 Panegüricker ausgedacht hat.CANNITVERSTAN !!! (TS) Statt=dessen schtehn alle FinanzMittel, die für Kultour bereitgeschtellt wer'n, in eim angemessnen Kleinst=Verhälltnuss zu den Beträgen, die für Jubl=Troubl=Heiterkeit, Krafft=Vagin & und Waffn ausgegebn wer'n. ›Was bleibet aber stiften die Dichter‹ ? Nee, lex mihi ars : so’rum wird ’n Schuh draus : Die Dichter gehn stiftn : was bleipt ?“


Weil er keinen Namen genannt hatte, brachte ich meinerseits Günter Grass als Kandidaten ins Gespräch. Ein Irrtum, wie sich sogleich herausstellte.


„Hält sich für’n großn GedanknSchpieler, iss aber auch nur so‘n Fennichs=Licht. Hat nicks geschriebm, wofür ’ch ihm dankbar sein könnte“, sagte er wegwerfend. „Al-läß psücho=logischer Tage=Bau, knochnloses Geseire. Ergo ideal für schkrupellose Paper=Bäkker. HAMM=HAMM : GLUCK=GLUCK !!! (TS?) Ab & zu 1 verkrampftes Schweinereichen & dito Anekzötchn. Eindeutich übersecksualisiert. Tz, würd Mich nich wundern, wenn der ›zur Inschpirazjon‹ an Dam’fahrradsätteln schnuppert.“


„Strittmatter?“


„Iss das nich 1 von diesen r-o-gähnen ZonenDichtern ? Hab ’ch nich gelesn. ’ch schtell ihn Mir ’n bisschn vor wi Bobrowski. Den hab ’ch nemlich auch=nich gelesn.“


„Böll?“


„Zu realistisch – was ‘n Synonym für dämlich iss. FUFFZICH !!! AUFFE FUSSSOHLEN !!! (TS?) Wir ham‘ma zusamm’gehokkt, bei verschnittnem Kianti. (Nebmbei : Hat ‘n beneidenswerten Durst, der Mann ! Aber zum Trinkn isss der Köllner ja prädestilliert.) Und weißte=was, ’Orsch ? : ’ch dachte, Adenauer sitzt Mir gegnüber. Nee, nich der=da. Der richtije. Beziehunks=weise der echte. Auch valsch. Also : der in Bonn.  – ? – Nu, wegn seim schAUderhaftn köllnischn Ackzennt.“


„Walser?“


Die Erwähnung trieb ihm missfällig die Katerbraue in die Höhe.


„Interessiert dich ettwa sohn Zeugs, ’Orsch ? 8ung ›Schmier=Infektion‹ ! Nee, lohnt die Beschäftijung nich. Der Liebe=Gott hat ihn für ›Literatour=Wissenschaft‹ & Rezensjon’n prädestiniert, nich für eigne Produkzjon. Nicks als Wortpudding des Tages & 2er Aufguss von Kafka. LUBB-DUP : LUBB-DUP !!! (TS)“


„Uwe Johnson?“


„Asbach=Uralt aus schön=geschliffnen Sektkelchn. Gehört zu den leicht=bis=schwer Un=bekömmlichn. Not in my line. Um das rauszukriegn, hab ’ch zum Glükk nur 1 Buch lesn müssn. Hoffnungslos nich=gebaut. Al-läß mühsam zusamm’gespart & zusamm’gedacht.“


„Rühmkorf?“


„’n Mann für spritzich=solide Kurzform’. Immer=Hin gute Gesinnung. Trinkt & raucht gut. Opper sonsD noch was kann, wird sich zeign. NIRGNZ NIEH !!! (TS)“


Am Ende kam er ganz von selbst auf Wolfgang Hildesheimer, weil er gelernter Tischler war.


„Issn schöner Beruf, ’Orsch, finzD nich ? Als Kinnt konnt ’ch stundnlang vor der geheimnißvolln Maaserung alter Höltzer sitzn. & im SägeWerk bin ’ch immer schnuppernd die neuen Bretter entlang. Holtz intressiert Mich bis heute maaßlos. Oder sagn wa ma: ‘ch haps gern. Jedes SchulKinnt weiß: Holtz aabeitet ! Bildet Fugn, Ritzn, Spaltn : Allein dasmacht es schonn sümpatisch. Felsenulme… Rüster… Schön=braun, & dauerhaft hart. Wegn der gewundenen Faserung pracktisch nich=spaltbar. Hält die stärkstn Stöße aus. Aus Holz kann man alles=machen, ausser fiel=leicht ‘n orrntlichn Schrifft=schteller. Übrignz – der hir :“ – er klopfte zweimal auf die Tischplatte – „Main EntWurf !“


Sofort brachte ich artig meine Bewunderung zum Ausdruck.


Inzwischen war seine Frau mit zwei großen Tellern belegter Brote zurückgekehrt, die sie vor uns abstellte.


„Was gibtzn zum Abmprot ?“, fragte Arno, wobei er den obersten Doppeldecker vorsichtig mit den Fingerspitzen lüftete.


„Nicht doch, Nödl“, schalt Alice und gab ihm einen entschlossenen Klaps auf die Hand. „Was soll der Herr Elftinger von Dir denken.“


„‘ch wollte doch nur sehn, ob fielleicht 1 mit dOrsch=Filet, geräuchert, dabei iss“, rechtfertigte sich Arno, wobei er mir überdeutlich zuzwinkerte. „Auch wenn sonne vOrschau nich gans vOrschschrifzmäßig wo nich unAppetittlich iss. – ??? – ! Na los, bedien Dich, ‘Orsch ! Das gippt wenichstns Bauch=Bildung !“


Und schon mampften wir um die Wette.


„Auf Mein’n Grabstein, ’Orsch, da kannste ooch meißeln lassn : ›Er saß, aß, las !‹ That’s all, be leave me ! – Jaa, ’ch wär gern Schreiner geworden“, fuhr er kauend fort. „Aber mein Fater hatte ’s anders beschlossn. SchtehKragenProletarjer sollt’ der Junge wer’n.“


„Solltest du?“, hakte Alice nach.


„Ich. Andernphallz –“


„Oder Dein Vater?“


„Ich. Da hätt ’ch Mir jetzt Mein’n KarteiSchrank –“


„Oder der –“


„– selbst baun könn’, mit alln Raffinessn!“


„– Vater von deinem Vater?“


„Mein Fater.“


„Ach so, dein Vater!“


„LABER-LULL-LALL !!! (TS)“ Er barg sein Schnapsgläschen zwischen den Händen und starrte mit leerer Miene vor sich hin. „Komm Lilli, schenk uns noch ein’n ein“, sagte er dann. „Tischler plan’n, konstruiern, geschtaltn“, fuhr er, nachdem seine Frau unsere Gläser gefüllt hatte, fort. „Dess=halb iss jemand mit dieser AusbilDung der Richtije. Nich aus=zu=denken, dass so’n SteinMezz wi Grass oder ’n verkrachter Germanist wi Walser das schreibn wird.“


„Oder ein Buchhändler wie Andersch“, pflichtete seine Frau ihm bei.


„Wenn ’ch ’n Buch kaufn will, geh ich zu Hauswedell.“


„Um die Ecke gibt’s eine Kneipe, die Lütt un Lütt ausschenkt“, merkte ich an.


„Köm, mit ’nem ›Gehenktn‹ drin, das iss was gans=Feines. ANNA MUH=MUH !!! (TS)“


„Der von Brümmer soll ja der beste sein, Herr Eldinger!“


„Brümmer & Gödeke sind genau=so unentBärlich oui ’ne Tipp=&=Wipp-Mammsell !“


Ich griff in meine Gesäßtasche und zog die schwarze wolkig marmorierte Kladde mit dem eingesteckten Bleistift heraus: „Und Wachstuchhefte von Raeber!“

 

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