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Ich bin fünf Jahre alt und gehe in den Bahnhofstraßenkindergarten. Morgens bringt mich Mama hin und mittags holt sie mich wieder ab, und wenn ich am Nachmittag wieder in den Kindergarten gehe, bringt Paul mich hin und holt mich auch wieder ab. Über der Schulter trage ich eine kleine Tasche mit Schnappverschluss, in der mein Frühstücksbrot steckt.

Es gibt eine Gruppe für Mädchen und eine Gruppe für Jungen, jede hat einen eigenen Raum. Manchmal wird die Schiebetür aufgemacht, und dann sind Mädchen und Jungen zusammen. Ich bin in der Gruppe von Tante Lieselotte. Sie hat glänzende schwarze Haare, die hinten zu einem langen dicken Zopf gedreht sind.

Im Kindergarten wird jeden Morgen gebetet. Wir beten Das walt Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen. Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesum Christum, deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, dass dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen.

Nach dem Beten wird gesungen. Es gibt Lieder, die mir gefallen, und Lieder die mir nicht gefallen. „Geh aus, mein Herz“ ist das Lied, das mir am besten gefällt, weil die Melodie fröhlich ist und schöne Wörter darin vorkommen, und ich singe es mit lauter Stimme mit. Es handelt von der Natur, und sehr viele Tiere kommen darin vor, sogar der Klapperstorch. Es ist wie im „Bilderbuch Gottes“, nur dass es alles in der lieben Sommerzeit spielt, wenn Lerchen und Nachtigallen und Täubchen und Schwälbchen herumfliegen, schöne Blumen und Pflanzen in den Gärten wachsen und die Bienen summen. Schafe und Rehe und Hirsche kommen auch im Lied vor, aber sie kämpfen überhaupt nicht, sondern stehen auf der Wiese oder im Wald, und überall ist es lieblich und schön.

Am wenigsten mag ich „Jesu, geh voran“. Es handelt von armen Leuten, die hart arbeiten und schwer tragen müssen, und es kommen Wörter darin vor, die einen nicht fröhlich sein lassen, zum Beispiel Schmerz und Leiden, wie wir sie von Jesus kennen, der auf grausame Weise getötet wurde. Er hat es mit sich geschehen lassen, weil er es so wollte. Er ist einen Opfertod gestorben, weil die Menschen zu viele Sünden aufgehäuft hatten und immer noch aufhäufen, und dagegen hilft nur, dass wir Jesus auf seinem Weg folgen und auch zu einem großen Opfer bereit sind. So ein Lied kann man nicht frohen Mutes singen, und wenn es dann auch noch draußen regnet oder dunkel ist, ist man vielleicht den ganzen Tag traurig und weiß nicht einmal, warum.

Papa fährt nicht mehr nach Frankfurt. Seine neue Arbeitsstelle ist der Goldne Adler in Pforzheim. Er sagt, gegen die Küche im Kaiserkeller ist ein Tunnel der U-Bahn in Hamburg ein Palast. Bei Hochwasser haben sie Bretter auf Ziegelsteine legen müssen, um trockene Füße zu behalten. Zehn Mann sind sie dort gewesen, aber jeder hat irgendeinen Fehler gehabt. Und die Gäste waren auch nicht gerade sehr kaiserlich, sagt Papa, sondern Bosse der Industrie und der Unterwelt haben dort verkehrt.

Diesmal hat er uns keine Briefmarken und kein Gebäck mitgebracht, sondern ein geheimnisvolles großes Paket, in Packpapier eingepackt, und oben schaut ein Ring heraus, an dem Papa das Paket an einem Finger tragen kann. Er stellt es auf den Tisch und sagt, das soll uns künftig ein bisschen trösten, wenn er nicht zu Hause ist. Er reißt das Papier vorsichtig auf und ein goldener Vogelkäfig kommt zum Vorschein und darin springt ein gelber Vogel aufgeregt von der einen zur anderen Stange und piept. Papa sagt, es ist ein Kanarienvogel und er heißt Pürie, weil er so gelb wie gutes Kartoffelpüree ist, und wir sollen nicht zu dicht an den Käfig gehen, weil Pürie sich erst an uns gewöhnen muss.

Mama erzählt Papa, dass mit meinen Augen etwas nicht in Ordnung ist und Tante Lieselotte gemeint hat, man soll es korrigieren, solange ich noch klein bin. Papa sagt, man kann es erstmal mit Naturheilung versuchen. Er holt aus dem Wohnzimmerschrank einen blauen Stein und sagt, das ist ein Heilstein, den hat er aus Badenweiler mitgebracht, selbst gefunden. Er hilft auch bei Kopfschmerzen. Ich soll ihn ins Taschentuch wickeln und immer bei mir tragen, und nachts soll ich ihn unter mein Kopfkissen legen.

Am Sonntag darauf machen wir einen Ausflug. Wir wandern durch einen Wald und kommen an einen Brunnen und Papa sagt, ich soll mir mit dem Wasser die Augen benetzen, das würde Wunder wirken.

Ein paar Tage später geht Mama mit mir zum Augenarzt, der mein Lieblingsarzt ist, denn er macht nichts, was weh tut, und das weiß ich schon von Paul, der auch eine Brille hat. Wir gehen ins Brillengeschäft und ich bekomme eine Brille, aber ich kann nur auf einer Seite durchgucken, denn ein Glas ist mit einem weißen Pflaster beklebt, und in zwei Wochen sollen wir wiederkommen, dann wird das Pflaster abgemacht.

Papa arbeitet jetzt im Hotel Römerbad in Badenweiler. Tante Karola ist auch in Badenweiler. Sie haben schon zusammen einen Ausflug nach Enzklösterle gemacht und uns eine Ansichtskarte geschickt. Jede Woche bekommen wir einen Brief und eine Geschichte aus dem Wilden Westen, die Papa selbst gedichtet hat. Mama muss sie uns vorlesen, weil nicht mal Paul Papas Schrift lesen kann, außer er schreibt Druckbuchstaben, was er aber nur macht, wenn er etwas ganz Wichtiges mitzuteilen hat. Die neue Geschichte handelt von Indianerhäuptling Großes Herz. Er hat zwei Freunde, Old Brother und Tim Witte. Gemeinsam kämpfen sie gegen den Banditen Vierauge, auch genannt Brillen-Jimmy, und am Ende ist Tim Witte tot und Old Brother schwer verletzt.

Mama findet, Papa hätte sich einen anderen Schluss ausdenken sollen. Wir müssen ihm gleich zurückschreiben, damit er sich daran erinnert, dass er eine Familie hat. Paul schreibt Papa einen Brief und ich schreibe ihm eine Mecki-Ansichtskarte: BADENWEILA HOTEL RÖMABAD LIBER PAPA DISE KARTE IST EINE FON MEIN BESTEM.

Ich kann auch schon mit Papas Schreibmaschine schreiben, was viel leichter geht als mit der Hand, denn da sind die Buchstaben schon aufgemalt. Es dauert nur ein bisschen, bis man sie zusammengesucht hat, und manchmal vergesse ich, dass man zwischen den Wörtern einen Abstand tippen muss. Weil ich zu Weihnachten kein Meckibuch bekommen habe, schreibe ich einen Brief an den Osterhasen, mit meinem Namen und unserer Adresse, FREUDENSTADT SCHTUTGARTER SCHTRASE, damit er auch weiß, von wem der Brief kommt: LIEBER! OSTERHASE ICHHABE! 1 WUNSCH NEMLICH DU HAST IM BAT EIN MECKI BUCH VERSTECKT! FORIGENOSTERN! DARUM M!ÖCHTEICHNOCHEINZ?!
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