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Zu Weihnachten bekommen wir zwei Wochen Schulferien. Fast gleichzeitig wird es furchtbar kalt und Mama kommt mit dem Heizen kaum nach.


An Heiligabend muss Papa nur bis Mittag arbeiten. Als er nach Hause kommt, stellt er eine schwere Tasche auf den Tisch. Wir sollen mal reinschauen.


Nur ein Topf.


Ja, aber was ist drin? Jetzt passt mal auf.


Er hebt den Deckel ab, und der Topf ist randvoll mit Gulaschsuppe.


Wir brauchen uns keine Sorgen machen, dass wir über die Weihnachtstage nichts Anständiges zu essen haben. Seht her! Ich wette, der Löffel bleibt drin stehen!


Er steckt einen Kochlöffel in die Suppe.


Na? Steht wie eine Eins.


Ein Wunder.


Da ist mehr Fleisch drin als Suppe.


Tatsache.


Weil draußen die Sonne scheint, ziehen Paul und ich uns nach dem Essen Mantel, Schal, Mütze und Handschuhe an und gehen in die Stadt. Es ist so kalt, dass jeder Atemstoß kleine Wolken in der Luft hinterlässt. Die Geschäfte sind längst geschlossen, aber viele Schaufenster sind weihnachtlich dekoriert. Im Schaufenster vom Salamander-Schuhgeschäft, das rundum von elektrischen Kerzen beleuchtet wird und dick mit Watteschnee ausgelegt ist, zeigt mir Paul einen silbern angemalten Schlitten, auf dem seine Wunschfußballschuhe ausgestellt sind. Danach gehen wir zum Alhambra-Kino hinter der Dreifaltigkeitskirche, wo wir uns die Schaukastenfotos vom „Schatz im Silbersee“ angucken: Old Shatterhand mit und ohne Bart, Winnetou, Sam Hawkens, kriegerische Indianer und Banditen auf Pferden. Paul sagt, Lex Barker hat auch schon Tarzan und Lederstrumpf gespielt und ist sicher ein toller Old Shatterhand.


Wenn ich stehen bleibe, friere ich mich tot, deshalb hüpfe ich ein bisschen herum, bis Paul endlich genug gesehen hat, und dann gehen wir weiter, zurück auf die Hauptstraße, vorbei an der Brathendlstation, wo es noch ein bisschen nach Grillhähnchen riecht. An der Gaststätte Zum Domnapf schauen wir uns die Speisekarte an. Ich würde eine Tagessuppe zu DM 0,30 und das Kalbsteak mit Früchten, Pommes Frites und Salat zu DM 6,50 nehmen. Paul meint, er bevorzugt eine Echte Schildkrötensuppe zu DM 1,50 und den Schmorbraten mit Kartoffelknödeln und Salat zu DM 3,50 und hinterher noch Ananas mit Kirsch.


Wir gehen am Dom vorbei durch den Domgarten und weiter bis zum Rhein. Auf der Brücke steht ein alter Mann mit einer besonders langen Angelrute. Wir stellen uns in seine Nähe und schauen ihm eine Weile zu. Auf einmal fängt er an zu schimpfen, dass wir ihm nicht die Fische verscheuchen sollen, dabei habe ich bloß ein paar klitzekleine Steinchen mit dem Fuß ins Wasser gekickt.


Als wir zurück sind, ist der Christbaum schon aufgestellt und wieder schön mit Kugeln und Kerzen und Lametta und Strohsternen geschmückt. Mama sagt, der Glaspalast hat in der Zwischenzeit Besuch vom Christkind bekommen. Schnell lege ich noch meine Geschenke für Mama und Papa, die wir in der Schule gebastelt haben, unter den Baum.


Es ist das schönste Weihnachten seit langem, weil Papa bei uns ist und nicht bloß auf Besuch und wir endlich wieder einmal alle zusammen feiern. Erst packen wir die Päckchen von unseren Verwandten aus. Tante Hilde schickt uns eine Packung Nudeln mit Tomatensoße und Parmesankäse, die sie gerade erst von Onkel Georg aus Berlin bekommen hat, und für jeden ein Buch: für Papa über Andreas Schlüter, für Mama über Albert Schweitzer, für Paul „Der Zauberer“ und für mich das Bilderbuch „Was ist gut und was ist schlecht“. Paul sagt, sein Buch hat gar nichts mit Zauberei zu tun, sondern ist über Justus Liebig, und Chemie kriegt er erst in der Untertertia. Von Großmutti bekommen wir einen praktischen Klappsitz und Kekse. Paul sagt, sie sehen aus wie Schiffszwieback, aber dann tut er so, als würden sie ganz besonders gut schmecken, und darüber müssen Mama und ich lachen, und selbst Papa muss grinsen. In Omis Päckchen sind mehrere kleine Geweihe zum Aufhängen. In ihrem Brief steht, dass ihr Vater in Magdeburg im Jagdverein war, und dass wir dazu Gehörn sagen müssen, weil sie vom Rehbock stammen.


Danach packen wir die Geschenke aus, die uns das Christkind gebracht hat. Ich bekomme eine Ritterburg, schön gebastelt aus Pappe und Papier und rot und braun angemalt, mit Türmen in jeder Ecke und einer Zugbrücke, die an einer richtigen Kette befestigt ist, und die Burg ist gleichzeitig ein Tunnel, durch die ich meine Eisenbahn schieben kann.


Am nächsten Tag fällt Schnee, und es hört nicht mehr auf. Das ist praktisch, weil Papa jetzt nicht mehr zur Wasserzapfstelle gehen muss, sondern einfach Schnee in den Eimer füllen kann. Er stellt ihn neben den Ofen, wo er schnell auftaut.



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