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Jeden Morgen bringt mich Mama zur Schule. Paul kommt auch mit, weil es von der Zeppelinschule nur noch fünf Minuten bis zu seinem Gymnasium sind. Ich gehe in die 1a, weil ich evangelisch bin, die Katholischen gehen in die 1b. Wir sind dreiundvierzig Jungen, meine Klassenlehrerin ist Frau Meisel. Zum Totensonntag schreiben wir: Herr Jesus, Dir leb’ ich, Herr Jesus, Dir sterb’ ich, Herr Jesus, Dein bin ich, tot und lebendig! Mache mich selig. Amen.


In Vögisheim haben wir nur in Hefte geschrieben, aber in Speyer schreiben wir auch auf der Schiefertafel. Es quietscht, wenn man mit dem Griffel auf der Tafel schreibt. Ich teile mir das Pult mit Michael Strauss. Jeder von uns hat in seiner Hälfte oben einen kleinen Metalldeckel, unter dem sich ein Tintenfässchen verbirgt, aber es ist leer.


Michael ist immer toll angezogen, denn seine Eltern besitzen ein großes Modegeschäft auf der Hauptstraße. Er bekommt auch schon Taschengeld und kann sich jeden Tag bei Hausmeister Baumann eine Schnecke und einen Kakao kaufen. Wenn in seinem Wechselgeld Ein- und Zweipfennigstücke dabei sind, schenkt er sie mir. Wenn ich mich bedanke, sagt er bloß Jaja und winkt ab, aber ich sage, das gebietet doch die Höflichkeit.


Ich möchte ihn gern mal zu uns in den Glaspalast einladen, aber Mama verbietet es mir. Sie sagt, wenn wir wieder eine richtige Wohnung haben, kann ich gerne mal einen Freund einladen, aber dieses Elend soll niemand sehen.


Am Donnerstag fängt Papa im Kaufhaus Anker an und kommt erst zum Abendbrot nach Hause. Alle Hausarbeit wird von Mama erledigt. Sie steht als erste auf und heizt den Ofen an. Dann macht sie Frühstück für uns alle. Wenn sie mich zur Schule gebracht hat, leert sie als erstes unsere beiden Kackeimer auf dem Komposthaufen. Das ist gut für die Tomaten, hat Fräulein Döring gesagt. Mama hat mir versprochen, dass wir diese Tomaten nicht essen, weil wir bis dahin längst umgezogen sind. Danach schüttet sie die Asche in die Aschtonne, füllt an der Wasserzapfstelle im Garten unsere Eimer, geht einkaufen und kocht für uns. Wenn wir aus der Schule kommen, wird gegessen, und dann gehen wir zusammen in die Stadt. Erst gehen wir ins Kaufhaus Anker, da gibt es tausendfach Alles unter einem Dach. Ich bleibe in der Spielwarenabteilung, Paul geht in die Schallplattenabteilung, und wenn es gerade passt, erledigen wir hier unser großes Geschäft.


Nach dem Abendbrot sitzen wir alle vier am Küchentisch. Es ist warm und es riecht nach Lampenöl. Erst spielen wir alle zusammen ein paar Runden Schummeln, dann sortieren Paul und ich unsere Sammelbilder. Die meisten stammen noch aus Freudenstadt. Entweder steckten sie als Zugabe ganz unten in den Haferflocken-Packungen, oder wir haben sie zusammen mit Kaugummi gekauft. Die besten sind die aus den Heinerle-Wundertüten. Es ist toll, einen Stapel davon in der Hand zu halten. Obwohl sie für meine Hand sogar ein bisschen zu groß sind. Sie sind aus fester Pappe und riechen angenehm muffig. Paul bewahrt seine in einer Zigarrenkiste auf, die er mit in die Schule nimmt, wenn jemand mit ihm tauschen will. FC Bayern München und Eintracht Frankfurt hat er fast komplett, ein paar Bilder von der Winterolympiade 1960, sogar eins mit Helmut Recknagel, und außerdem 4 „Rin Tin Tin“, 3 „Lassie“ und je 1 von „Ivanhoe“, „Isar 12“, „Fury“ und „Wyatt Earp“.


Ich habe Ratzeburger RC, 1. FC Kaiserslautern, Ingrid Feuerstack, Klaus Nüske, 8 „Isar 12“, 3 „Maverick“, 2 „Lassie“, 1 „Wir Kinder aus Bullerbü“, Conny, Willy Hagara und Elvis Presley. Meine besten sind die 3 von „Am Fuß der blauen Berge“. Auf einem sind John Smith und Robert Fuller sogar zusammen drauf. Leider hat es einen Knick, und die Ecken sind ganz abgestumpft. Bisher hatte ich meine Bilder mit Gummibändern zu kleinen Stapeln geformt und bei den Spielkarten aufbewahrt. Jetzt hat uns Papa aus dem Anker zwei Schulhefte mitgebracht, zum Einkleben. Er meint, das wäre fast so gut, als wenn wir ein richtiges Album hätten. Mama schreibt solange Briefe an unsere Verwandten und Papa liest in seinem neuen Lieblingsbuch: „Richtig denken Richtig arbeiten. Praktische Ratschläge für alle, die vorwärts kommen wollen.“ Er sagt, wenn er nicht da ist, können wir gerne auch mal reinschauen.


Am Sonntagnachmittag drückt Papa Paul und mir ein Markstück in die Hand und sagt, wir dürfen ins Kino gehen. Wir gehen in die Kammer-Lichtspiele hinter dem Altpörtel und sehen „Die geheimnisvolle Insel“. Draußen ist es regnerisch und kalt, aber wir sitzen drinnen warm auf Polstersesseln aus rotem Samt. Es gibt zehn Minuten Werbung, zehn Minuten Wochenschau und einen Vorfilm, und vor dem Hauptfilm kann man aufs Klo gehen, ein Klo mit Heizung und Wasserspülung, man kann auf dem Klo Wasser trinken und sich die Hände waschen.



Als Mama uns am Morgen weckt, flitzen Paul und ich barfuß nach oben, um nachzusehen, was uns der Nikolaus gebracht hat. Dafür haben wir beide am Abend vorher unsere Schuhe auf Hochglanz gebracht. Ich habe auf eine Weiche oder einen Prellbock für meine Eisenbahn gehofft, aber in meinem Schuh stecken nur Schokolade, ein Apfel und Walnüsse. Und eine Tube Uhu, damit ich mich mit Paul nicht mehr streiten muss, wer die Tube haben darf, um unsere Bilder einzukleben. Paul hat genau das gleiche bekommen und führt auch keinen Freudentanz auf. In weniger als drei Wochen ist Heiligabend. Damit das nicht auch eine Enttäuschung wird, schreibe ich dem Christkind einen Brief mit meinen Wünschen. Und weil ich schon einmal dabei bin, frage ich Paul, was er sich wünscht. Paul wünscht sich ein Hockeyspiel, wie sein Freund Günther eins hat.


Am Abend frage ich Papa, was er sich vom Christkind wünscht. Papa stochert im Ofen, wirft kleine Holzstückchen auf die Restglut und legt ein Brikett nach, das er in nasses Zeitungspapier gewickelt hat. Er sagt, er wünscht sich einen Pullover. Vielleicht auch Boxhandschuhe. Als Paul das hört, sagt er, dann wünsche ich mir auch zwei Sachen, zum Hockeyspiel noch die Platte „Speedy Gonzales“. Ich notiere alles und schreibe für mich auch noch einen zweiten Wunsch auf, nämlich „Silvermoon“ von Peter Kraus auf Polydor, weil er mich durch sein eminentes Können beeindruckt hat, und weil auf Polydor überhaupt ’ne Menge Spitzenstars erscheinen. Bei „Silvermoon“ schmelze ich dahin.


Silver Moon, nun ist der rote Mohn

auf allen Feldern aufgeblüht

Silver Moon, am Fluss, da hört man schon

des jungen Cowboys Liebeslied

Und ich weiß, dass so viele Herzen einsam sind

Und ich denke an meine blonde Rosalind

Silver Moon, mir wird auf einmal bang’, ich werde sie nicht wiederseh’n Silver Moon, die Glocken läuten lang, sie wird nun mit dem andern geh’n


Mama hat auch zwei Wünsche frei, aber sie sagt, sie hat nur einen einzigen Wunsch, und das ist eine richtige Wohnung.

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