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Als Paul Schulferien bekommt, machen wir eine Reise. Mama sagt, es wird eine große Reise, deshalb fahren wir nicht mit dem Kötzerauto, sondern mit der Eisenbahn. Papa kann nicht mitkommen, er muss arbeiten.

Wir fahren nach Leinsweiler, wo wir vorher gewohnt haben und wo ich geboren bin. Tantemartens ist da und Onkelmartens, und Tantemartens wundert sich, dass ich mich gar nicht an sie erinnern kann, aber Paul, du kannst dich erinnern, gell?

Tantemartens erzählt, wie ich geboren wurde, da ist niemand zuhause gewesen, um die Hebamme zu holen, niemand war da, euer Vater war gar nicht da, da hat eure Mutti niemand gehabt, wo die Hebamme holt, und da hat es der Erich machen müssen, und das war ihm so peinlich, er war doch noch so jung, und er hat sich so geschämt, die Hebamme zu holen, was haben denn die Leut von ihm gedenkt, so jung und muss die Hebamme holen, ach, war das peinlich, er war doch noch so jung! Tantemartens lacht, und die andern lachen auch.

Tanteschaffgotsch und Tanteelse sind auch da, und Mama erzählt, Tanteschaffgottsch ist ihr immer eine große Hilfe und Stütze gewesen, und Paul fällt ein, er hat jeden Sonntag von ihr einen frisch gebratenen Klops auf die Hand bekommen und ob das immer noch so ist.
Wir gehen auf den Friedhof, wo Opadöring begraben ist, der Vater von Tantemartens, und Mama sagt, sie sieht ihn noch vor sich, wie er in der Küche sitzt, links auf der Seitenbank am Ofen, da hat er gesessen und die Käschte aus den stacheligen Schalen geholt. Dann zeigt sie uns seinen Grabstein und sagt, hier steht der Name von Omadöring, die ist viele Jahre vor Opadöring gestorben, und daneben steht der Name von Opadöring, und diese Seite hat Papa beschriftet, mit Hammer und Meißel, wie er es in Ludwigslust gelernt hat, und er hat es so gut gemacht, dass man gar nicht erkennen kann, dass der Grabstein zu unterschiedlichen Zeiten beschriftet wurde, bloß dass der Stein da, wo Papa gemeißelt hat, etwas heller ist.

Tantemartens hat den Tisch gedeckt, es gibt selbstgemachte Maultaschen, aber erst wird gebetet: Komm Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast, amen. Wir essen mit Messer und Gabel, wie Mama es uns beigebracht hat. Tantemartens ist ein bisschen traurig, weil ich bloß das Fleisch herauskratze und Mama meine leeren Maultaschen aufessen muss. Zum Nachtisch gibt es Dampfnudeln mit Vanillesoße und Mirabellenkompott, und Paul sagt, Tantemartens ist die beste Köchin der Welt.

Nach dem Essen dürfen Paul und ich nach draußen. Am Hoftor kann man hochklettern und sich auf die Türklinken setzen und daran festhalten und hin und her schaukeln, aber wenn Onkelmartens einen dabei erwischt, schimpft er.

Im Gässel treffen wir Pauls Freund Klausbirkhahn. Er lädt uns ein, seine Eisenbahn anzusehen. Der Fußboden in seinem Kinderzimmer ist zur Hälfte von einer Platte bedeckt, auf der eine Landschaft nachgebaut ist, mit einem Bahnhof, vielen Häuschen, einer Kirche, und drum herum Berge und Täler und Seen und viele Tunnel. Es ist die schönste Spielzeugeisenbahn, die ich je gesehen habe. Klausbirkhahn schaltet die Eisenbahn ein, und drei Züge fangen an zu fahren, und jetzt sehe ich, dass es sogar einen richtigen Bach gibt, er kommt aus einem Berg, fließt in eine Rinne, fällt auf ein Mühlrad, das sich dreht, und verschwindet dann im Boden. Auf einmal wird mir ganz warm in meiner Hose, und dann sehe ich, wie es aus meiner Hose an meinem linken Bein entlang läuft. O je. Ich versuche, es mir zu verkneifen, aber schon ist es an meinem Fuß angelangt, und da sehen es auch Paul und Klausbirkhahn, und Paul schimpft, Bist du blöd, nur Babys machen sich in die Hose, bist Du ein Baby, geh vom Teppich runter, nein, nicht auf die Anlage treten, geh weg, du Blödmann!

Papa ist wieder da und hat uns eine Tüte mit Gebäck mitgebracht, knusprige goldgelbe Scheiben mit grünen und gelben und roten Stückchen drin. Papa sagt, das sind Florentiner, und er hat sie selbst gemacht. Sie sind sehr hart und klebrig, und wegen den vielen grünen und gelben und roten Stückchen drin mag ich sie nicht.

Für Mama packt er ein ganz buntes Damentaschentuch aus, das hat ihm Heinzrühmann geschenkt, zum Dank für das gute Essen, und Mama erklärt uns, Heinzrühmann ist ein berühmter Schau-ßpieler. Papa, Paul und ich sprechen das Wort so aus: Schau-schpieler, aber Mama sagt Schau-ßpieler, und das ist wieder eins ihrer besonderen Worte, genau wie manierlich.

Papa hat uns auch wieder Briefmarken mitgebracht, die er im Hotel geschenkt bekommen hat. Papa sagt, Briefmarkensammeln ist ein schönes Hobby. Er hat früher auch ein Album gehabt, aber es ist im Krieg verloren gegangen. Von allen Briefen, die wir bekommen, dürfen wir die Briefmarken ausschneiden. Und wir kriegen viel Post. Papa sagt, wir haben Briefmarken aus aller Herren Länder. Die grüne mit dem weißen Baum: Wenn man mit dem Finger darüber fährt, kann man die Blätter fühlen. Die Olympiakämpfer. Grimms Märchen. Die Pyramide. Krokodil, Koalabär und Vogel Strauß. Ein Indianer mit Pfeil und Bogen. Elefanten. Eine dreieckige Marke. Wilhelm Tell in Rot, Grün und Lila.

Wenn wir einen ganzen Haufen ausgeschnittener Briefmarken zusammen haben, werden sie in einer Schüssel mit Wasser eingeweicht und vorsichtig abgelöst und zwischen Zeitungspapier getrocknet. Damit sie sich nicht wellen, legen wir schwere Bücher darauf, „Die Welt von A bis Z“ oder „Der Große Duden“. Sobald sie richtig trocken sind, werden sie sortiert und in das kleine Album mit dem Schuppenmuster gesteckt. Papa sagt, wenn ein Umschlag schon sehr alt oder besonders schön beklebt ist, sollen wir die Briefmarke nicht ausschneiden, sondern den ganzen Umschlag aufheben.

Am nächsten Morgen geht Papa mit mir ins Schwimmbad. Ich gehe hinter Papa die Treppe im Nichtschwimmerbecken hinunter. Papa streckt mir die Arme entgegen, aber als ich versuche, sie zu greifen, gehe ich zappelnd unter, schlucke Wasser, sehe das Licht oben inmitten von Luftbläschen, spüre dann, wie ich an den Armen nach oben gezogen werde, schnappe nach Luft.
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