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An einem sonnigen Herbstnachmittag spiele ich mit Paul und Gerdhauk am Geländer vor dem Kaufhaus. Mama ist bis halb sieben bei Töpfe und Pfannen.
Paul und Gerdhauk schieben Spielzeugautos durch die Gitterstangen, ich sitze mit meinem Äffchen Mungo auf dem Geländer und schaue zu.

Eine Zigeunerfrau, ganz in schwarz gekleidet, hat sich neben den Kaufhauseingang gesetzt und bettelt die Leute an. Jetzt kommt plötzlich Herrnestle, stellt sich vor sie hin und schimpft mit ihr.

Ich kann nicht verstehen, was er sagt und will schnell herunter, aber ich muss ja auch Mungo festhalten, und es ist schwierig, von einem Geländer herunterzuklettern, wenn man nur eine Hand dafür hat. Paul und Gerdhauk können mir nicht helfen, weil sie auch wissen wollen, was mit Herrnestle und der Zigeunerfrau passiert, und weil mir keiner hilft, rutsche ich aus Versehen herunter und knalle auf die Erde. Da erschrecken sich Paul und Gerdhauk, aber nicht wegen meinem Sturz, sondern weil ich plötzlich zu brüllen anfange, denn mein Arm tut ganz schrecklich weh und hat eine richtige S-Form, und wenn ich nicht brülle, hole ich Luft oder weine, weil Mungo wie tot auf der Erde liegt. Ich will zu Mama, aber Paul sagt, ich soll warten, er holt Mama, und da kommt auch schon Herrnestle und sagt irgendwas und Paul antwortet irgendwas, was ich nicht verstehe, weil ich so laut brülle, und die Zigeunerfrau kommt und streicht mir über den Kopf und sagt, kaltes Wasser, das hilft gegen den Schmerz.

Endlich kommt Mama, und sie lächelt. Alle andern schauen ernst oder ziehen ein mitleidiges Gesicht, aber Mama lächelt, und die Zigeunerfrau sagt jetzt noch einmal zu ihr, kaltes Wasser, gegen den Schmerz, und immer mehr Leute stehen um uns herum, und dann ist Mama wieder weg, weil sie was aus der Wohnung holen muss, und der Arm tut doch so weh, und dann ist da ein Auto und wir fahren zu dritt ins Krankenhaus und wenigstens ist Mungo nichts passiert.

Im Krankenhaus sagt der Onkeldoktor, er muss meinen Arm fotografieren, um zu sehen, was da passiert ist.
Nein.
Doch.

Ich fange an zu weinen, weil das bestimmt bedeutet, dass es noch mehr weh tun wird, aber eine Frau sagt, es tut gar nicht weh, es ist ja nur ein Foto, dafür muss man nur stillhalten, das ist alles, du hast da aber ein sehr süßes Äffchen, wie heißt es denn?
Mungo.
Wir können ja Mungos Ärmchen auch mal fotografieren. Erst fotografieren wir Mungos Ärmchen und dann dein Ärmchen, und das Foto von Mungos Ärmchen darfst du mit nach Hause nehmen. Was meinst du?
Na gut.

Dann heißt es, gleich bekomme ich eine Narkose und einen Gipsverband, dann tut der Arm auch nicht mehr weh, und deshalb muss ich mein Hemd ausziehen. Damit das nicht wehtut, kommt eine Krankenschwester und schneidet vorsichtig den Ärmel von meinem kaputten Arm auf, und natürlich schreie ich wieder, als die kalte Schere meinen Arm berührt, und dann muss ich mich auf einen Tisch legen, und über mir sind Gesichter, und dann beugt sich eines der Gesichter zu mir herunter und sagt, ich bekomme jetzt eine Maske auf, ich soll aber ganz ruhig liegen bleiben und schön atmen, und ich könnte doch bestimmt schon zählen, wie weit kannst du denn, was, bis hundert, das glaub ich nicht, und dann ist plötzlich eine Maske mit Löchern auf meinem Gesicht, knapp unter den Augen, bis hundert kannst du schon zählen, ich glaube, du schaffst es nicht mal bis zehn, also gut, dann fang mal an, wir zählen zusammen, eins.

Plötzlich ist da ein komischer Geruch in der Maske, ein scharfer, kalter Geruch, den es nur im Krankenhaus gibt, und wir zählen zusammen, zwei, und mein Kopf wird kleiner und die Nase wird eiskalt, drei, und die drei klingt ganz hallig, wie wenn ich im Fußgängertunnel laut spreche, vierierierier, fünfünfünfünf, sechs –

Als ich aufwache, liege ich in einem Bett und schaue an die Decke. Ich bin immer noch im Krankenhaus. Ich will mich aufrichten, aber ich bin mit breiten Riemen am Bett festgeschnallt. Neben mir liegt Mungo und mein linker Arm ist eingegipst. Ich schaue nach links und rechts und sehe ein paar Schritte von mir entfernt Leute nebeneinander sitzen. Mama ist auch dabei. Sie liest. Mama, rufe ich, und sie legt die Zeitung weg und kommt zu mir und beugt sich über mich.
Was ist, mein Schatz.
Mama! Ich will aufstehen! Mach mich los!
Mama schüttelt den Kopf. Das geht nicht, Jakob. Du musst liegen bleiben, bis der Gips ganz hart geworden ist.
Nein, Mama, mach mich los! Ich will ja liegen bleiben, aber mach mich los!
Die letzten Worte schreie ich. Die andern Leute schauen zu uns hin. Mama streicht mir übers Gesicht. Geduld, mein Schatz. Sie setzt sich wieder hin. Ich drehe und winde mich unter den Riemen.
Mama, mach mich los! Mama! Duschuft!
Mama lächelt und schüttelt den Kopf.
Blödhammel! Dämlack! Tranfunzel!
Mama lächelt und schaut sich verlegen nach den andern Leuten um.
Dummesstück! Duesel! Doofenuß! Blödian! Gipskopf!
Mama steht auf und legt mir Mungo auf die Brust. Sei lieb. Hab ein bisschen Geduld.
Ich schreie und drehe und winde mich unter den Riemen. Mach mich los! Dummekuh! Zickendraht! Drecksau! Tranfunzel! Nieselpriem! Allmählich gehen mir die Schimpfworte aus. Eins weiß ich noch, ein ganz schlimmes, aber das sage ich nicht. Wenn ich das sage, wird sich Mama unheimlich verwandeln, in einen fürchterlichen feuerspeienden Drachen, wie der Glücksvogel auf meiner anderen Kasper-Lieblingsschallplatte.
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