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Aktualisiert: 22. Nov. 2022

Wir sitzen beim Frühstück. Vor mir steht ein tiefer Teller mit einem Berg Haferflockenmatsch in einem Milchsee. Mama unterhält sich mit Paul über die Schule und ist aufgestanden, um „Die Welt von A bis Z“ zu holen, denn sie will ihm darin etwas zeigen. Ich klopfe mit meinem Löffel auf dem Haferflockenberg herum, weil es eine Überschwemmung werden soll, klopf klopf klopf. Auf einmal rutscht mir der Löffel aus der Hand und fliegt samt einem Batzen Haferflockenmatsch quer über den Tisch und landet genau auf dem dicken Buch mit der aufgeschlagenen Bildseite. Einen Moment lang sitzen Mama und Paul wie erstarrt. Dann fängt Paul plötzlich laut an zu lachen. Mamas Gesicht läuft rot an, ihre Arme rudern durch die Luft, vor, hinter und neben Pauls Kopf, und jedes Mal klatscht es, bis Paul vom Stuhl fällt.

Ein andermal übt Mama mit Paul die Uhr. Vor ihm liegt ein Bilderbuch und auf dem Umschlag ist eine Uhr mit Zeigern aus Plastik, die man verstellen kann. Mama stellt die Uhr und Paul muss sagen, wie spät es ist. Das ist sehr schwierig, denn auf der Uhr gibt es sehr viele Zahlen, und man kann sagen zwölf Uhr oder drei Uhr, aber es gibt auch halb zehn oder Viertel nach fünf oder dreiviertel sieben, und um das zu verstehen, muss man schon ein Schulkind sein. Paul ist schon ein Schulkind, aber er kann es immer noch nicht, und Mama ist sehr wütend, sagt Bürschlein zu ihm und gibt ihm Ohrfeigen mit beiden Händen, als er dreimal die falsche Antwort gibt. Paul zieht den Kopf ein, und als er ihn wieder vorsichtig hebt, hat er Tränen in den Augen. Und schon hat er mich angesteckt und ich weine auch. Wenn Papa hier wäre, würde Mama das nicht tun, weil Papa nicht mag, wenn Kinder geschlagen werden.

Paul kann noch nicht richtig die Uhr, aber er kann schreiben und lesen. Wenn wir einkaufen gehen, zeigt er mit dem Finger auf die Schilder an den Geschäften und sagt, was die Buchstaben bedeuten. Das Wort Apotheke ist untereinander geschrieben, und Paul sagt langsam aa, popo, thethe, keke. Mama sagt, er soll nicht in die Luft gucken.

Wenn Paul ins Bett geht und ich bin noch wach, krieche ich zu ihm ins Bett. Dann frage ich ihn Dinge, die ich nicht verstehe oder er erzählt mir Geschichten und wir kitteln uns dabei. Es sind Abenteuergeschichten vom großen weißen Wal, der mit der Harpune gejagt wird, aber so stark ist, dass er das Schiff der Walfänger mit in die Tiefe ziehen kann. Eine andere Geschichte handelt von zwei Bergsteigern auf dem höchsten Berg der Welt. Sie sind da ganz allein, um sie herum nur Steine, Schnee und Eis. Am liebsten lasse ich mir von Afrika erzählen, wo Bernhardgschimek und Michaelgschimek und ihr Freund, der Neger Dschamali, auf die wilden Tiere aufpassen, damit kein Jäger sie totschießt. Dafür fliegen sie mit dem Flugzeug, weil man von oben alles besser sehen kann.

Bei uns gibt es keine wilden Tiere, außer in Hagenbecks Tierpark. Wie sie aussehen, weiß ich aus meinem Bilderbuch. Unter den Bildern stehen Erklärungen, die ich alle schon auswendig aufsagen kann:

Die Affen können turnen, springen
Und weit von Baum zu Baum sich schwingen.
Sie sind oft reizend und possierlich,
Doch manchmal auch recht unmanierlich.

Was possierlich bedeutet, hat mir Mama erklärt, das andere Wort kenne ich schon lange, weil Mama oft zu Paul sagt, er soll gefälligst manierlich sein. Mama kennt viele komische Wörter, die sonst kein anderer sagt, nicht mal Papa, zum Beispiel Quantum und Intus und Schäßlong und Kapito und Krüzitürken und Jungdiknüt.
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