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- Jan-Christoph Hauschild

- vor 2 Tagen
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Holtz war der erwartete ältere Herr. Außer einem Paar grauer Shorts trug er nur ein Polohemd und schwarze Halbschuhe ohne Socken. Die ganze Erscheinung, besonders aber der Anblick der nackten blaugeäderten Knöchel, verwirrte Kim für einen Moment. Sie stellte sich so, dass sie ihre Hand unter Alexanders Arm schieben konnte. „Herr Holtz?“ fragte sie dann, höflichkeitshalber.
Holtz blickte sie aus munteren Vogeläuglein über dem grauen Gestrüpp seines Bartes an und verbeugte sich spielerisch vor ihr.
„Mein Name ist Fairchild, Kim Fairchild. Das ist mein Mann, Alexander Fairchild.“
Holtz streckte ihnen die Hand entgegen, die sie nacheinander schüttelten.
„Wir kommen aus Paris“, fuhr Kim fort.
Holtz nickte, zog einen kleinen Notizblock aus der Brusttasche, förderte aus der Hosentasche einen kurzen Bleistift zutage, schrieb ein paar Worte, riss das Blatt ab und überreichte es Kim. NE SONNE PAS TRÈS FRANÇAIS stand darauf. Den Block behielt er in der Hand.
„Non, c‘est vrai“, antwortete Kim und gab ihm den Zettel zurück. „Mon mari est américain.“
Holtz zog die Augenbrauen hoch und zeigte seine Handflächen, was Alexander für sich mit So what? übersetzte.
„Ich bin Wissenschaftsjournalistin, mein Mann ist Anthropologe. Wir haben von Ihren Forschungen gehört.“
Holtz schien kein bisschen überrascht. Sofort notierte er seine Antwort, für die er diesmal etwas länger brauchte, und drückte sie ihr in die Hand.
ICH BETREIBE ZAHLR. FORSCH.
NACHWEIS VON 5 VERSCH. SCHMETTERLINGSARTEN AUF DIESER WIESE
51. BREITENGRAD!!!
Er machte nicht den Eindruck, als würde er es nicht ernst meinen.
„Wir kommen mit einer Empfehlung“, sagte Kim. „Sie hatten vor vielen Jahren einmal Kontakt mit Maurice von Haase. Der Sachbuchautor.“
Bei der Erwähnung dieses Namens ging eine Veränderung mit Holtz vor. Er straffte sich, sein blasses Gesicht lief ziegelrot an, was Alexander an die Formulierung vom „rothgesichtigen Individuum“ in Himlys Brief denken ließ. Gleichzeitig begann er heftig durch die Nase zu atmen, und glucksende Geräusche kamen aus seiner Kehle.
Kim legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter. „Herr von Haase hat uns auf die Spur gebracht. Ihm verdanken wir es, dass wir hier sind.“
Holtz beugte sich nach vorn und tippte Alexander aufgeregt mit dem Finger auf der Brust herum. Dann beschrieb er mit zitternden Händen einen weiteren Zettel und reichte ihn ihm.
WIRKLICH AUS PARIS???
HAASE = HALUNKE
EMPFEHLUNG WERTLOS
MISSKREDIT!
Mit einer Handbewegung machte er deutlich, dass Alexander Kim von seiner Antwort in Kenntnis setzen sollte.
Alexander genoss es, den Auftrag im Sinne von Holtz auszuführen. „Eine schlechtere Empfehlung als die des Herrn von Haase kann es nicht geben“, sagte er mit gespieltem Ernst, „denn er ist ein geldgieriger Halunke. Wer sich auf ihn beruft, Liebes, gerät automatisch selbst in Misskredit, selbst wenn er aus Paris kommt, wie wir.“
Holtz nickte heftig, biss auf seinem Zeigefinger herum und spähte dabei in Kims Gesicht.
„Das ändert natürlich die Sachlage“, sagte Kim. „Was aber bleibt…“
Sie stockte, weil ihr so schnell kein Resümee einfiel. „Was aber bleibt“, wiederholte sie, „sind Ihre wertvollen Forschungen“, vollendete sie schnell.
Statt einer Antwort warf Holtz den Kopf zurück und verdrehte die Augen.
Sie zeigt ihm ihre Bewunderung, wie man dem Esel die Mohrrübe zeigt, dachte Alexander. Falls Holtz überhaupt zu einer Unterhaltung bereit war, würde er sich wohl lieber mit ihm als mit Kim unterhalten. Um ihrer Erwiderung zuvorzukommen, griff er ihre Hand, drückte sie fest und zog Kim zu sich heran.
„Herr Kollege“, sagte er dann so freundlich wie möglich, „die Quelle, aus der wir unser Wissen beziehen, mag trüb sein.“
Holtz nickte.
„Sie mag sogar schmutzig sein.“
Holtz nickte, diesmal fast im Rhythmus des Wackeldackels auf dem Armaturenbrett des Taxis, mit dem sie gekommen waren, während Alexander überlegte, wie er das begonnene Bild zu einem plausiblen Abschluss bringen konnte.
„Aber sie hat das Gold der Erkenntnis an unseren Strand gespült“, sagte er schließlich.
„An den Seinestrand“, kam ihm Kim zu Hilfe. Fast hätte sie losgelacht.
Holtz schrieb erneut einen Zettel und reichte ihn Kim.
WESWEGEN SIND SIE HIER?
Wieder biss er auf seinem Zeigefinger herum.
„Wie ich schon sagte“, entgegnete Kim. „Sie hatten vor vielen Jahren Kontakt mit Herrn von Haase, der zufällig ein alter Freund meines verstorbenen Vaters ist.“
Als Zeichen seiner Anteilnahme legte Holtz die Fingerspitzen vor der Brust zusammen und deutete eine Verneigung an.
„Oh, danke“, sagte Kim, „der Unfall liegt schon bald 30 Jahre zurück. – Als wir kürzlich bei Herrn von Haase zu Besuch waren, brachte er das Gespräch auf den Brief, den Sie ihm damals geschrieben haben. Er muss ihn sehr beeindruckt haben. Er sagte auch, seine Antwort habe Sie nicht erreicht. Er habe Ihnen unverzüglich geschrieben, aber sein Brief sei zurück –“
Kim vollendete den Satz nicht, denn Holtz war beim Stichwort „Antwort“ ein weiteres Mal in Rage geraten und kritzelte bereits seine Entgegnung auf einen Zettel. Alexander konnte vier Großbuchstaben samt Ausrufezeichen erkennen und wusste schon, was sie bedeuteten, bevor Kim sie ablas: LÜGE!
„Lüge?“ wiederholte Kim, als sie ihm alle vier Zettel zurückgab. „Sie haben also doch eine Antwort von ihm bekommen?“
Holtz nickte heftig und beschrieb einen neuen Zettel, den er Alexander aushändigte.
BRIEF UND UNVERSCHÄMTER VERTRAG!
ICH: WISSENSCHAFTL. BERATER!
ER: ALLE RECHTE!
S. PLAN = ENTEIGNUNG!!!
/:HAASE - HALUNKE:/
„Er wollte Ihnen die Rechte abluchsen?“
Holtz nickte schnaufend und bedachte seine Halbschuhe mit einem argwöhnischen Blick, als erwarte er nichts Gutes von ihnen. Neben ihnen lärmten ein paar aufgeregte Vögel unsichtbar im Blattgewirr.
Der Mann bevorzugt widerspruchslose Zustimmung, dachte Alexander, das haben wir gemeinsam. „Doch bei Ihnen war er an den Falschen geraten“, sagte er deshalb. „Er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und der Wirt waren Sie.“
Holtz lächelte schief und reichte ihm einen neuen Zettel. HAASE AUF DEM HOL(T)ZWEG stand darauf. Alexander gab ihn ihm zusammen mit den beiden andern zurück, woraufhin Holtz alle Zettel in seiner Hand in der Mitte zusammenfaltete und in seiner Hosentasche verschwinden ließ.
„Leider besitzt Herr von Haase Ihren Brief nicht mehr“, sagte Kim. Sie schaute Holtz aufmerksam an und versuchte seine Augen zu erreichen. „Er ist bei seinem Verlag verloren gegangen. Er erinnerte sich aber, dass Sie darin eine sehr interessante Idee geäußert haben. Wir waren sofort Feuer und Flamme, als er uns gegenüber den Inhalt andeutete. Sie haben dort eine Theorie geäußert –“
Weiter kam sie nicht, denn das Wort „Theorie“ versetzte Holtz erneut in einen Spannungszustand. Wieder lief sein Gesicht ziegelrot an, aber diesmal verzerrte es sich zu einer hässlichen Grimasse. Er schien an einem emotionalen Abgrund zu taumeln, und es bedurfte anscheinend nur noch wenig, um ihm den entscheidenden Stoß zu versetzen. Einen Augenblick lang dachte Alexander, Holtz könne einen Herzinfarkt erleiden. Doch als Kim ihm wie zu Beginn ihrer Unterhaltung eine Hand auf die Schulter legte und ihn dabei teilnahmsvoll ansah, kehrte seine Selbstbeherrschung zurück. Er hob den Zeigefinger, ging an ihnen vorbei zur Bank, die nur wenige Schritte entfernt war, ließ sich darauf nieder und begann sofort mit dem Schreiben. Kim und Alexander folgten ihm langsam. Es waren schließlich gleich mehrere Zettel, die er Kim in die Hand drückte. Sie las sie und gab einen nach dem andern an Alexander weiter.
HAASE = SCHWEIZER
ICH = DDR, ARBEITER-UND-BAUERN-STAAT
ICH = PRODUZENT/WERTSCHÖPFER/ERFINDER
HAASE = EXPROPRIATEUR
ANEIGNUNG FREMDER ARBEIT OHNE ÄQUIVALENT
KAPITALISMUS = RAUB, „EINGESCHRIEBEN IN D. ANNALEN D. MENSCHHEIT M. ZÜGEN V. BLUT U. FEUER“ (K. M.)
„Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte Kim leise, weil ihr in diesem Moment nichts Besseres einfiel. „Das gehört sich nicht.“
„Nein, das gehört sich nicht“, stimmte Alexander mechanisch zu. „Würden Sie von Haase verzeihen?“
Holtz verharrte in düsterer Geistesabwesenheit. Dann hob er den Kopf und sah Alexander lange an, als wolle er prüfen, ob er seinem Blick standhalten könne. Anschließend bedeckte er zwei weitere Zettel mit seiner gleichmäßigen Handschrift und gab ihm einen davon.
WENN ER KÄME U. WÜRDE UM VERZEIHUNG BITTEN
HIER
V. ANGESICHT ZU ANGESICHT
U. WENN ER GUTE MANIEREN HÄTTE
Alexander gab den Zettel an Kim weiter.
„Dann ja?“ fragte sie und schaute Holtz dabei ins Gesicht.
Holtz erwiderte ihren Blick an und überreichte ihr den zweiten Zettel. ALLES IN D. WELT ENDET D. ERMÜDUNG stand darauf, und das war das letzte, was Kim und Alexander an diesem Tag von ihm erfuhren.

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