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Ihr beide werdet wohl keine Freunde mehr werden“, sagte Alexander mit grimmigem Lächeln, nachdem von Haase das Diktiergerät abgeschaltet hatte.

 

„Ihr aber auch nicht“, erwiderte von Haase schnippisch.

 

„Alex“, sagte Kim, „was bedeutet es, dass Holtz drei Zahlen gefunden hat, die durch eine Hunderterzahl teilbar sind. Was ist daran so aufregend?“

 

„Dass drei Zahlen durch eine vierte Zahl teilbar sind, ist überhaupt nicht aufregend“, antwortete Alexander. „Was ich ebenso wenig weiß wie Du, ist, warum für Holtz diese Entdeckung so überaus wichtig war.“ Er schloss die Augen und rieb sich ein paar Mal über die Stirn. Dann beugte er sich zu von Haase.

 

„Als Du uns von dem Brief erzählt hast, den er Dir geschrieben hat, sagtest Du da nicht etwas von einem Kalender, einem Besuchskalender? Wir haben es also mit Jahreszahlen zu tun. Jahreszahlen…“ Er tippte Kim an die Schulter. „Pass auf: Was haben Eintausendneunhundertachtundzwanzig, Eintausendneunhundertzweiundsiebzig und Zweitausendundacht gemeinsam? Kleiner Tipp: Diese Zahlen sind durch vier teilbar.“

 

Kim schüttelte verwirrt den Kopf. „Moment. Eintausendneunhundert was?“

 

„Eintausendneunhundertachtundzwanzig, eintausendneunhundertzweiundsiebzig und zweitausendundacht.“

 

„Keine Ahnung. Gehört das zum Grundwissen?“

 

„Schreib die Zahlen mal auf.“

 

Alexander diktierte, und Kim tippte die Zahlen in ihr Telefon. Dann las sie sie vor: „Neunzehnhundertachtundzwanzig, Neunzehnhundertzweiundsiebzig und Zweitausendacht. Das sind Jahreszahlen, oder?“

 

„Amsterdam 1928, München 1972, Peking 2008“, sagte von Haase, der froh war, auch etwas beitragen zu können.

 

„Ich verstehe nur Bahnhof“, sagte Kim.

 

„Es sind Jahre, in denen Olympische Spiele stattfanden“, sagte von Haase.

 

„Genau. Der Schlüssel zum Code lautet 4, und die Lösung ist: Olympische Spiele. Ich nehme an, dass es um so etwas geht. Aber um was es genau geht, weiß ich nicht.“

 

„Vielleicht helfen uns seine beiden letzten Aphorismen weiter“, meinte Kim. „Hat das Orakel von Delphi nicht auch solch dunkle Sentenzen von sich gegeben?“

 

„Der Mann ist kein Orakel, der ist nicht ganz bei Trost“, sagte von Haase grollend und rutschte in seinem Sessel noch ein Stück tiefer.

 

„Allmählich entsteht Ermüdung. Alles endet ewiglich“, murmelte Alexander. „Klingt ziemlich banal.“

 

„Pseudo-religiös. So hört es sich für mich an“, erklärte von Haase mürrisch. „Alles endet ewiglich. Was soll das heißen: alles? Das Menschenleben? Das endet in überschaubarer Frist.“

 

„Das Ewige ist das Unausdenkbare. Da stößt unser Denken an seine Grenzen. Was nach dem Ende unserer Zeit geschieht, ist unvorstellbar. Für einen Physiker wie Holtz ein quälender Gedanke. Vielleicht ist es das“, schlug Alexander vor.

 

„Ich werde noch einmal zu ihm gehen“, sagte Kim entschlossen.

 

„Bist Du verrückt?“ sagte von Haase. „Der Mann ist gemeingefährlich.“

 

„Das denke ich nicht“, erwiderte Kim. „Mehr als rausschmeißen kann er mich nicht.“

 

Die beiden Männer starrten ihr hinterher. Schließlich sagte von Haase zu Alexander: „Findest Du nicht auch, dass Frauen nichts anderes sind als groß gewachsene Kinder?“

 

 

Kim hatte zwar angeklopft, erwartete aber keine Reaktion. Als sie in das Zimmer trat, saß Holtz mit dem Rücken zu ihr am Schreibtisch.

 

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie noch einmal überfalle“, sagte sie, während sie auf ihn zuging, und weil er keine Reaktion zeigte, stellte sie sich rechts neben den Schreibtisch, mit dem Rücken zur Wand, so dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte.

 

Holtz war damit beschäftigt, Schmetterlingsflügel mit der Pinzette aus dem Album zu nehmen und sie übereinander in einer Schachtel zu sammeln. Er war offenbar fast fertig mit seiner Arbeit. Neben ihm lag ein kleines, quadratisch gerahmtes Bild, in dem Kim jenes erkannte, das vorher über seinem Bett gehangen hatte. Ein gelber Merkzettel klebte auf der Glasscheibe. Holtz nahm es und überreichte es ihr. Auf dem Zettel stand:

 

GEDÄCHTNISBILD VON KARL-HEINZ HOLTZ FÜR M.ME FAIRCHILD.

 

„Ein Geschenk für mich?“

 

Kim löste den Klebezettel und betrachtete das Bild. Das kräftig strukturierte Papier war leicht gewellt, und unter dem Blau, Rot und Gelb der Wasserfarbe konnte sie den feinen Bleistiftstrich der Konstruktionszeichnung erkennen. Die Ränder waren mit schwarzer Tusche gezogen.

„Das ist aber schön“, sagte sie. „Haben Sie das gemacht?“

 

Holtz nickte und schloss das Album, das jetzt vollständig leer war. Sein Blick tendierte zur Unstetheit. Irrte sich Kim, oder sah sie wirklich Tränen in seinen Augen? Verlegen wandte sie sich wieder dem Bild zu. Es waren stilisierte Schmetterlinge, die in ihrer Symmetrie überlappungsfrei eine Art Parkett bildeten. Oder vielmehr ein Parkettmuster in der Form von Schmetterlingen.

 

Über das Bild hinweg sah Kim, dass Holtz damit beschäftigt war, sich im Abstand von etwa drei Zentimetern zwei Linien Klebstoff auf dem linken Unterarm aufzutragen. Dann nahm er mit der Pinzette den obersten Schmetterlingsflügel aus der Schachtel, legte ihn knapp über der Handwurzel mittten auf eine Klebstofflinie und drückte ihn mit der Pinzette leicht an. Auf diese Weise fuhr er fort, bis sein linker Unterarm vollständig mit Schmetterlingsflügeln bedeckt war. Kim verharrte regungslos. Es war, als sähe sie bei der Entstehung eines Kunstwerks zu. Danach wiederholte Holtz die Prozedur mit dem anderen Arm. Als er seine Arbeit beendet hatte, wedelte er ein paar Mal kräftig mit den Armen, als wenn er sich Kühlung verschaffen müsste.

 

Kim erwachte wie aus einem Traum. Beinahe hätte sie das Bild fallen lassen; gerade noch gelang es ihr, es aufzufangen. Schnell verstaute sie es in ihrer Handtasche.

 

„Herr Holtz“, sagte sie sanft, „Sie hatten einmal vor, einen Beitrag zum Verständnis unseres Lebens zu leisten. Sie wollten sich einreihen in die Tradition der Menschheitshelfer, der großen Vordenker, Kopernikus, Galilei, Kepler, Newton, Herschel, Einstein…“

 

Sie brach die Aufzählung ab, weil Holtz nach einem Zettel griff, um ihn zu beschreiben. Er reichte ihn ihr. W. HERSCHEL ODER C. HERSCHEL? stand darauf.

 

„W. oder C.? Da muss ich passen, den Vornamen kenne ich nicht.“

 

Holtz nickte lächelnd. Eine Träne rollte sehr langsam seine Wange hinunter und wurde mit der Zunge aufgefangen. Hatte er der Solidität ihres Wissens auf den Grund gehen wollen? Wenn ja, hatte sie jetzt sicher keinen guten Eindruck hinterlassen. War er deswegen traurig?

 

„Wollen Sie Ihre Erkenntnisse nicht doch der Welt schenken?“ Sie fragte es so vorsichtig, als hätte sie Angst vor der Antwort. „Das kann mit sehr viel Glücksgefühl für Sie verbunden sein.“

Anstelle einer Antwort suchte Holtz aus dem Stapel der gebrauchten Zettel einen heraus und gab ihn ihr. ALLMÄHLICH ENTSTEHT ERMÜDUNG. ALLES ENDET EWIGLICH. Schon einmal hatte er damit ein Gespräch beendet – falls man geneigt war, den Austausch mit ihm als Gespräch zu bezeichnen.

 

Diesmal blieb Kim standhaft. „Weshalb verschanzen sie sich hinter ihrer Wortlosigkeit, Herr Holtz?“

 

Holtz reagierte nicht. Er schaute nur auf seine geflügelten Arme, als sei er ein Maikäfer, der gleich losfliegen würde.

 

„Na gut“, sagte Kim, löste sich langsam von der Wand und ging an Holtz vorbei zur Zimmertür. Insgeheim hoffte sie, er würde sie zurückhalten, aber nichts dergleichen geschah. „Vielleicht überlegen Sie es sich ja noch.“

 

In ihrem Rücken knackte etwas, wie Dielen unter schwerem Schuhwerk. Kam er ihr hinterher?

Im Türrahmen wollte sie sich umdrehen, ihn fest anschauen, um ihn doch noch dazu zu bringen, sein Geheimnis preiszugeben, aber beim Öffnen schlug ihr plötzlich die Tür entgegen, getrieben von einem Schwall Luft, wie wenn im gleichen Moment jemand das Zimmer über Kreuz lüften würde. Sie nahm die Hand von der Klinke und drehte sich um. Das Fenster über dem Schreibtisch stand weit offen, und das Zimmer war leer.

 

 
 
 

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