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Draußen flatterte rot-weißes Absperrband im Wind. Ein Krankenwagen und ein Polizeiauto standen vor dem Eingang, dessen Türen weit offen standen. Kim erkannte Frau Espagnola und die Pflegerin, die sie zu Holtz geführt hatte, im Gespräch mit einer Polizistin. Stimmen waberten als Wortnebel aus bedeutungslosen Silben an ihrem Ohr vorüber.

 

Mrs. Fairchild?“ sagte eine Stimme wie aus großer Ferne zu ihr. Sie klang sehr sanft, wohltuend sanft. Sie kam von dem Mann, der ihr gegenüber saß. Seine rechte Hand lag auf dem Tisch, er trug einen beigen Pullover mit einem V-Ausschnitt. Mehr sah sie nicht von ihm. Dann sah sie sich selbst im Foyer auf der Couch sitzen, ihren Kopf mit dem hellbraunen Haar vor der Rückenlehne neben der schwach leuchtenden Stehlampe mit dem grünen Schirm. Eine Hitzewelle stieg in ihr hoch. Am liebsten hätte sie sich zu einer Kugel zusammengerollt.

 

„Sie müssen sich keine Vorwürfe machen. Suizide erfolgen fast nie spontan“, sagte der Mann. „Die allermeisten werden lange im Voraus geplant.“

 

Kim starrte vor sich hin. Der Schock hatte jeden Ausdruck in ihrem Gesicht ausgelöscht. Die Stimme des Mannes hörte sie wie durch Watte. Wahrscheinlich war er Psychologe und gehörte zum Klinikpersonal oder war im Auftrag der Polizei vor Ort. Es machte keinen Unterschied. Ihr war viel zu heiß. Eine seltsames Gefühl machte sich in ihr breit: Es war, als ob ein Kind nach ihrer Brust tasten würde. Erst jetzt merkte sie, dass sie geweint hatte. Sie wollte die Tränen wegwischen, aber jemand hielt ihre Hand fest. Es war Alexander. Er wirkte hilflos. Er musste schon die ganze Zeit neben ihr gesessen haben. Was davor geschehen war, wusste sie nicht. Die Erinnerung daran war weg. Später würde sie zu ihrer Entschuldigung sagen, sie hätte einen Filmriss gehabt. So nannte man das in Romanen, und es wurde immer akzeptiert. Das war beruhigend. Sie würde sich nicht an alles erinnern müssen.

 

„Das müssen Sie auch nicht“, sagte der Mann neben ihr mit einem Lächeln, das sie in diesem Augenblick als grausam empfand.

 

Wieso sagte er das? Konnte er ihre Gedanken lesen? Oder hatte sie laut gedacht?

 

„Ja, sie sprechen mit mir.“

„Schon wieder. Komisch“, hörte sie sich sagen. Sie hatte den Eindruck, dass jemand anders für sie sprach, eine fremde, unangenehme Stimme.

 

Sie schloss die Augen, um für einen Moment die erholsam farblose Leere hinter ihren geschlossenen Lidern zu genießen. Als sie sie wieder öffnete, flog eine tiefschwarze Amsel mit brennend orangerotem Schnabel schimpfend vorbei und ließ sich auf der Spitze des riesigen Lebensbaums vor dem Eingang nieder.

 

Le-bens-baum, buchstabierte Kim vor sich hin. Gab es hinter dem Panoramafenster tatsächlich eine andere Welt? Oder waren der Lebensbaum samt Amsel, die Hecken aus Buchsbaum und kleinblättriger Berberitze weiter hinten und der Streifen blauer Himmel, der alles überwölbte, aufgemalte Kulisse?

 

Draußen begann die Amsel mit ihrem betörenden Gesang. Es muss gut tun, sie zu hören, diese Ankündigung von Freude und Wachstum, dachte Kim, stand auf und ging hinaus.

 

 
 
 

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