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- Jan-Christoph Hauschild

- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Von Haase schaltete das Diktiergerät ein und stellte es in die Mitte des mit Zeitschriften bedeckten Tischs zwischen ihnen.
Auf dem Band war zunächst das Geräusch des Einschaltens zu hören, dann von Haases Dank für etwas, das sich sogleich als Memorandum herausstellte, das Holtz offenbar zwischen den beiden Besuchen verfasst hatte, und gleich darauf war von Haase mit der Frage zu hören, ob er es vorlesen solle. Nachdem er dies offensichtlich bestätigt bekommen hatte, folgte ein „Also gut. Darf ich mich hier hinsetzen? Danke“ und das Knistern von Papier, und dann begann von Haase vorzulesen. Seine Stimme klang unaufgeregt, nicht minder gleichmäßig und ruhig als Holtz‘ Schriftzüge auf seinen Notizzetteln.
Auf die Theorie bin ich gekommen, weil ich mit den Jahreszahlen operiert habe, die in Ihren Büchern vorkommen. Dazu muss ich Ihnen aber erst einmal erklären, wie ich überhaupt an Ihre Bücher gelangt bin. Ich hatte einen Schwager, der in Tübingen Chemie studiert hat, ein gebürtiger Leipziger. Dem hatte ich Ende der 50er Jahre Fachbücher zukommen lassen, für sein Studium. Offenbar waren unsere Bücher besser als die im Westen. Dieser Schwager hat dann in Tübingen promoviert und nachher bei der Firma Höchst in Frankfurt gearbeitet. Alles lief gut, er hatte Familie, hat sehr gut verdient, unter anderem durch Medikamentenversuche, die er an sich selbst vorgenommen hat. Aber dann gab es plötzlich einen Bruch, erst in der Familie, und dann auch im Beruf. Meine Schwester beantragte die Scheidung, die beiden Kinder wurden ihr zugesprochen, und in der Firma lief es auch nicht mehr wie früher. Ein junger Kollege wurde ihm an die Seite gegeben, der mehr und mehr seine Aufgaben übernahm. Er wurde an den Rand gedrängt, er wurde überflüssig. Und wenn zwei solcher Enttäuschungen oder Demütigungen oder Zurücksetzungen zusammen kommen, dann kann das selbst einen Zuchtbullen in vollem Galopp fällen.
An dieser Stelle hörte man, wie von Haase laut durch die Nase einatmete und mit einem kurzen Stoß wieder ausatmete, bevor er die Lesung fortsetzte.
Als man ihm anbot, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, nahm er das Angebot an. Und wie es so ist – wenn man erst mal aus der gewohnten täglichen Routine heraus ist, versumpft man von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Zuletzt igelte er sich ganz ein. Der einzige Kontakt, den er überhaupt noch hatte, war der zu mir, und der war auch nur indirekt, denn aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit durfte ich keinerlei Westkontakt unterhalten. Das ging alles über meine Mutter in Leipzig, seine ehemalige Schwiegermutter. Der schickte er Ihre Bücher, die ich unbedingt lesen sollte. Nun werden Sie sich wundern, wieso er Bücher in den Osten schicken konnte. Ganz simpel: Er zerlegte sie in einzelne Seiten und schickte sie als einfachen Brief, mit wechselnden Absendern.
Wieder war ein kräftiger Atemzug von Haases zu hören, diesmal von der Bemerkung gefolgt, das sei ja eine „richtige Epistel“, und danach las er weiter.
Ihre Bücher, besonders das erste, ‚Wir sind nicht allein‘, haben mir gefallen. Es war eine interessante Spekulation, ein schöner Ausgleich auch zu meiner sonstigen Arbeit. Ich war zuletzt im Rechenzentrum der Hauptverwaltung Aufklärung. Staatssicherheit, wenn Ihnen das mehr sagt, Sektor Wissenschaft und Technik. Ein gigantischer Sektor. Die HVA ließ bei uns, also bei Robotron, eine spezielle Software entwickeln, und zwar gleich auf zwei unabhängigen Kanälen, von zwei unterschiedlichen Abteilungen, von denen jede ihre eigene Unterstützungsbrigade bei Robotron hatte. Die Kader, wie man es bei uns genannt hat, wurden lange vorher ausgewählt. Nur die besten sollten diese Software-Sachen entwickeln. Und dazu gehörte ich. Und als man mich fragte, ob ich die Firma wechseln wollte, sagte ich natürlich nicht Nein. Offiziell stand ich aber nach wie vor im Dienst von Robotron. Wir hatten die neusten Maschinen. Sie waren ziemlich groß. Sie rechneten Tag und Nacht. Es dauerte ewig, bis sie fertig waren. Aber sie funktionierten. Und ich hatte den Zugang. Irgendwann bin ich darauf gekommen, Ihre Jahreszahlen in den Rechner einzugeben. Es war praktisch ein Testlauf, ein Spiel – bloß um zu sehen, was dabei herauskommt.
„Jahreszahlen?“ fragte von Haases Stimme, und gleich darauf: „Steht alles drin?“ Dann fuhr er fort.
Jahreszahlen in den Rechner einzugeben… In verschiedenen Kombinationen. Zuerst waren es immer nur zwei. Dazu suchte ich dann eine passende dritte. Und dann ging das Rechnen los. Ich bin es angegangen wie die Entzifferung eines Zahlencodes. Ich war ganz allein, aber ich hatte eine Maschine. Hunderte, Tausende, ja Zehntausende von Rechenoperationen habe ich über jeweils drei Zahlen laufen lassen. Mit einer eingebauten Unschärferelation. Und dabei habe ich festgestellt, dass drei dieser vielen Zahlen sich durch eine vierte dreistellige Zahl teilen ließen. Das ist ja nicht selbstverständlich. Mit kleinen Manipulationen freilich. Die aber Fehler in den Quellen berücksichtigten.
„Moment. Du hast Zahlen aus meinen Büchern benutzt? – Aha. Und mit Deinem Großrechner einen Code geknackt. Beziehungsweise ihn erst generiert und in einem zweiten Arbeitsschritt geknackt. – Stimmt also. Und was bedeutet das? Was kam dabei heraus?“
Es folgte ein längeres Schweigen, ehe von Haase seine Frage wiederholte: „Was kam dabei heraus? Willst Du es nicht sagen? Wo ist der Rest dieses Sermons?“
Darauf hörte man ihn stöhnen und „Danke“ sagen, und gleich darauf folgte „Was heißt das?“ Offenbar hatte ihm Holtz einen Gesprächszettel gereicht.
„Ich bin kein Doktor“, sagte er dann. Seine Stimme klang gereizt. „Ich bin zwar Professor, aber von einer italienischen Akademie, was mich seinerzeit einige Millionen Lira gekostet hat. Und was heißt: selber denken? Du warst doch im Rechenzentrum, nicht ich. Ohne Deine Maschinen hättest Du doch auch nichts herausbekommen. – Nein, nicht schon wieder einen Zettel. Na gut. Ich bin ja der geborene Dulder. – Ich muss es selber wissen, weil ich darüber Bücher geschrieben habe? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Hör mal, wenn nur Leute mit Wissen Bücher schreiben würden, wäre unser Buchmarkt wie leergefegt. Ganze Bataillone von Autoren würden über Nacht arbeitslos, Leute wie Houellebecq oder Mosebach könnten sich aufhängen. – Noch ein Zettel? Meinetwegen. Allmählich entsteht Ermüdung. Alles endet ewiglich. Jetzt haben wir wieder die Rätselsprüche. Pass mal auf, mein lieber Freund und Kupferstecher, Schreiben heißt nicht wissen, sondern behaupten. Ich habe lediglich Behauptungen aufgestellt. So wie Dein Staat auch bloß eine Behauptung war. – Jetzt reg Dich doch nicht auf… Ich meine, wie lange hat Dein Land denn existiert, 40 Jahre… Das ist weniger als eine Millisekunde auf der Erdzeituhr, und ich rechne erst ab dem Pleistozän! Nein, tu das nicht, Karl-Heinz! DAS IST KÖRPERVERLETZUNG… NEIN!“
Danach war ein krachendes Geräusch zu hören, Möbel wurden geschoben, eine Tür aufgerissen und dann klang es nach dem Hall von eiligen Schritten im Korridor.

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