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- Jan-Christoph Hauschild

- vor 2 Tagen
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Der Morgen hatte für beide sportlich begonnen. Als sie danach nebeneinander im Badezimmer vor dem Spiegel standen, blickte Kim lächelnd an Alexander herunter.
„Na, noch alles dran?“
„Natürlich. Ich bin doch kein Amateur.“
„Nein?“
„Sondern ein Vollprofi. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“
„Hauptsache, es ist kein Auswärtsspiel“, versetzte Kim trocken. Der Blick, den sie ihm dabei zuwarf, war spöttisch und liebevoll zugleich.
Beim Abschied auf dem Genfer Flughafen sagte Alexander zu von Haase, dass er niemals mehr ein Klavierkonzert werde hören können, ohne an Errol Flynn zu denken. Von Haase lachte meckernd, während sich Kim und Araya verständnislos ansahen.
Vom Flughafen in Dresden brachte sie ein Taxi in den Stadtteil Langebrück am Rand der Dresdner Heide. An der Ecke Gerhart-Hauptmann-Straße/Nicodéstraße ließ Kim den Fahrer halten. Haus Nr. 13 musste ein paar Häuser weiter auf der linken Seite liegen. Im Unterschied zu den Häusern in der Nachbarschaft war es keine Stadtvilla, sondern ein kleines, einfaches Einfamilienhaus, mit drei kleinen Fenstern zur Straße und einem gitterbewehrten Rundfenster neben der Eingangstür. Eine mit Granitplatten gedeckte Bruchsteinmauer trennte das Grundstück vom Bürgersteig. Es gab ein Doppeltor für die Garageneinfahrt und ein einfaches für den Hauseingang, aber nirgendwo ein Namensschild oder einen Briefkasten. Alexander stellte den kleinen Rollkoffer ab, öffnete die Gartenpforte und ging hinter Kim die fünf Stufen zur Haustür hoch. Das Messingklingelschild im Türsturz wies nur einen Namen auf: Schackstieg. Sie klingelten trotzdem.
Nach einer Weile hörten sie, wie oben ein Fenster geöffnet wurde. Sie gingen wieder die Treppe hinunter, um sich zu zeigen. Aus der leeren Augenhöhle eines der Fenster im 1. Stock beugte sich ein kräftig gebauter Mann mit kurz geschnittenem, blondem Haar und scharfen Gesichtszügen. „Was wollen Sie?“ rief er nach unten.
„Entschuldigung“, rief Kim, und weil sie dabei in die Sonne blinzelte, deckte sie mit einer Hand die Augen ab. „Wir suchen einen Herrn Holtz, der hier früher einmal gewohnt hat.“
„Verlassen Sie das Grundstück!“ rief der Mann, diesmal eine Spur lauter. „Sofort. Sonst rufe ich die Polizei!“ Er schlug das Fenster zu.
„Komm“, sagte Alexander. „Hier ist nichts zu machen.“ Als er die Gartenpforte hinter ihnen schloss, sah er noch einmal zu den drei Fenstern hoch, wo er hinter der Gardine die Gestalt des Mannes ausmachen konnte, der ihren Rückzug verfolgte.
Vorhin im Taxi, als sie von der Hauptstraße in die Gerhart-Hauptmann-Straße eingebogen waren, hatte Kim an der Ecke einen Fleischereiimbiss bemerkt. Dorthin gingen sie jetzt.
Es roch nach Bratfett und Pökelsalz. Sie bestellten das Tagesgericht und setzten sich an einen der drei Kunststofftische, auf dem eine schmale, hohe Vase aus Pressglas stand. Sie war leer.
Sie hatten fast fertig gegessen, als eine ältere Frau hereinkam und zielsicher auf sie zusteuerte. Sie war dicklich, ihr Gesicht mit der großporigen Haut und der fleischigen Nase war vom Alkohol ein wenig schwammig, und ihre Kleidung sah nicht gerade aus, als stünde sie regelmäßig im Mittelpunkt ihres Interesses. Ihre Schnürschuhe hatten klobige Absätze und muteten orthopädisch an. Statt einer Begrüßung zog sie einen Stuhl heran und setzte sich ihnen gegenüber.
„Ich hab sie hier reingehen sehen“, sagte sie, während ihr Blick unstet zwischen Kim und Alexander hin und her wanderte. „Ich hab gehört, sie suchen nach jemand, der in Nr. 13 gewohnt hat.“
Kim gab sich Mühe, ein freundliches Gesicht zu machen. „Das stimmt. Wir suchen Herrn Karl-Heinz Holtz.“
„Wieso? Sind sie Verwandte?“
„Ja“, bestätigte Kim. „Von Seiten meiner Mutter. Herr Holtz ist – ihr Cousin.“
„Genau“, sagte Alexander und nickte ein paar Mal. Er stand auf und reichte der Frau die Hand.„Alexander Hahneman“, sagte er.
„Angenehm“, sagte die Frau. „Fritzsche ist mein Name. Elke Fritzsche.“ Danach schüttelte sie Kims Hand. „Und ich dachte, er hat überhaupt gar keine Verwandten. Hatten sie denn früher nie Kontakt?“
„Nein“, antwortete Kim, hob die rechte Hand auf Gesichtshöhe, spreizte pathetisch die Finger und sah Frau Fritzsche beschwörend an. „Das durften wir doch nicht! Also, wir schon, aber Onkel Karl-Heinz durfte nicht. Wegen seinem Beruf.“
„Das ist klar...“ Sie warf ihnen aus ihren braunen Augen prüfende Blicke zu. „Also ihr Onkel war das?“
„Genau“, sagte Alexander. „Ein Onkel, äh – 2. Grades. Und jetzt dachten wir, ist die Zeit reif, um sich einmal persönlich kennenzulernen.“
Kim schob die Teller mit dem Besteck auf die Seite und beugte sich nach vorn. „Er lebt doch noch?“
„Ja ja, ihr Onkel lebt noch, der lebt noch.“
„Gottseidank.“
„Aber nicht mehr hier, schon lang nicht mehr. Nach der Wende war er erstmal arbeitslos, nicht wahr? Dann hat ihn aber gleich die RDS geholt, und da war er dann bis zu deren Umzug, ich glaube 1995. Dann war er noch bei der SRS, aber da hat‘s ihm gar nicht gefallen. Und da fing das dann auch an mit seiner Krankheit.“
„Krankheit?“ wiederholte Kim.
„Ihr Onkel ist praktisch durchgedreht. Hat die Wände bei sich zuhause aufgeklopft, weil er gemeint hat, die Wohnung wäre verwanzt. Wände, Fußbodendielen, alles… Dabei war die Stasi doch längst abgeschafft.“
Kim und Alexander sahen sich mit großen Augen an.
„Wie er hier abgeholt wurde, das war schon schrecklich. Ich hab doch alles von gegenüber hautnah mitbekommen. Das war wie in einer Theaterloge, das sag ich ihnen. Das werd ich im Leben nicht vergessen.“
„Ist er jetzt in einem Heim?“
„Heim ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Also, in der Klapse ist er. Nervenklinik heißt das heute. Klingt besser, nimmt sich aber nischt.“
„Das ist aber sehr schade.“
„Sicher, wo es doch ihr Onkel ist.“
„Besteht denn die Möglichkeit, ihn zu besuchen? Oder ist das eine geschlossene Anstalt?“
„Freilich können sie ihren Onkel besuchen. Na klar. Ich besuch ihn doch auch. Zu seinem Geburtstag am 1. Juli kriegt er von mir immer eine schöne Eierschecke gebacken. Aus Tradition. Die essen wir dann zusammen. Und zu meinem Geburtstag am 9. Januar schickt er mir immer einen Brief mit einem Tierbild, selbstgebastelt. Und der Brief ist handgeschrieben, zwei Seiten, aber Eins A!“
Sie rückte etwas näher an sie heran.
„Und wenn ich Ihnen was sagen soll: Der Herr Holtz ist kein bisschen verrückt. Nee, der ist nicht bekloppt. Nach meiner Meinung. Nach meiner Meinung verstellt der sich bloß. Dem gefällt das da. Früher, in seinem Beruf, war das ja praktisch auch wie im Gefängnis. Er durfte doch keinem erzählen, was er dort macht.“
Kim nickte ermunternd. „Wo ist mein Onkel denn? Hier in Dresden?“
Frau Fritzsche lehnte sich auf ihren Ellenbogen. „Nun horchen Sie mal her!“
Sie machte eine Pause und sah erst Kim, dann Alexander spitzbübisch an: „Der ist auf dem Mond –!“
„Was?“
„Auf dem Mondstein!“
„Ich verstehe nicht...“
„Mondstein, so heißt die Klinik. Ganz berühmt. Keine Dreiviertelstunde von hier, in Pirna.“

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