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- Jan-Christoph Hauschild

- vor 2 Tagen
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Zum Mittagessen fuhren sie in ein kleines Dorf namens Brent, das bereits zu Montreux gehörte, und danach führte sie von Haase in ein kleines Waldstück, das einen Felsabhang bedeckte, und weiter zu einem skurrilen Felsgebilde, das sich bei näherem Betrachten als begehbare Tuffstein-Grotte erwies.
„Freunde“, sagte er mit geheimnisvoll gedämpfter Stimme, „das hier ist wirklich etwas Außergewöhnliches. Ein Blowhole. Normalerweise gibt es sie nur an der Küste. Aber hier, am Fuß der Westalpen... Ein sensationelles Erlebnis. Theoretisch jedenfalls. Also wenn man genügend Zeit mitbringt.“ Vor Jahrmillionen, erklärte er, als sich hier noch ein urzeitliches Meer erstreckte, hätten der Wind und die Gezeiten einen flachen Tunnel in die Felsen genagt, an dessen Ende ein Stück der Decke eingebrochen sei. Bei Sturm und sehr starkem Regen könne man hier Zeuge eines seltenen Naturschauspiels werden, eines Kaltwasser-Geysirs. „Dann spritzen hier oben plötzlich kleine Wasserfontänen durch die Decke, als kämen sie aus dem Blasloch eines Walfischs. Ich selbst habe es zwar noch nicht beobachtet, aber die Tatsache als solche ist verbürgt. Ich würde es zu gern einmal erleben. Dann könnte ich wenigstens mal mit Recht ausrufen: Da bläst er!“
Im selben Moment klingelte Kims Telefon.
„Tom! Hast Du was rausgekriegt?“
„Ja. Wo bist du? Was ist das für ein Hall in Deiner Stimme?“
„Ich bin gerade in einer Höhle am Genfer See. Und?“
„Das wird ja immer toller. Hat das auch mit der Ausspähung des Globus-Verlags zu tun?“
„Nein, ich bin hier privat. Wir machen gerade einen Verdauungsspaziergang. Hast Du –?“
„Am Genfer See? Na, meinetwegen. Also, bevor Du vor Ungeduld stirbst: Es gibt einen Mann, zu dem Deine Angaben passen.“
„Schieß los.“
„Karl-Heinz Holtz, mit tz. Geboren 1.7.1946 in Hoyerswerda, bis 1982 Ingenieur beim VEB Robotron-Messelektronik ‚Otto Schön’ in Dresden, dann bei der Hauptverwaltung Aufklärung, Sektor Wissenschaft und Technik.“
„Er war bei der Stasi?“ Kim war so aufgeregt, dass sich die Lautstärke ihrer Stimme nahezu verdoppelte.
„Bist Du jetzt enttäuscht?“
„Nein, gar nicht. Nur überrascht. Gibt es eine Akte?“
„Es gibt nur eine Personalakte. Keinen Vorgang, nichts über irgendwelche Kontakte ins westliche Ausland. Ja, tut mir leid.“
„Lebt er noch?“
„Ach so, natürlich. Bei der Auflösung der Staatssicherheit 1989/90 hat er noch gelebt. Ich habe seine letzte Adresse, Gerhart-Hauptmann-Weg 13 in Langebrück. Gehört heute zu Dresden.“
„Muss ich das aufschreiben?“
„Nein, ich schicke Dir nachher eine pdf-Datei mit dem Dokument. Sheila, entschuldige, aber ich muss Schluss machen. Wir können gern morgen noch einmal telefonieren, aber mehr kann ich Dir dann auch nicht sagen.“
„Nein, das ist schon okay. Tom, ich danke Dir. Und nichts für ungut. Ich revanchiere mich mal. Versprochen.“
Kim beendete das Telefonat und wechselte zum Internet-Browser.
„Tja“, sagte sie zu den andern, während sie eine Buchstabenfolge eintippte, „ihr habt es gehört. Ein Computerspezialist, der bei der Stasi anheuerte. Oder von ihr angeworben wurde. Jahrgang 1946. Mit seiner letzten Adresse. Immerhin.“
Alexanders Stirn legte sich in Falten. „Guter Gott, das ist zwanzig Jahre her… In der Zwischenzeit kann alles Mögliche passiert sein. Er kann gestorben sein oder ausgewandert. Vielleicht ist er auch wieder zu Verstand gekommen und will von seinen einstigen Ideen nichts mehr wissen.“
„Ich bin da nicht so pessimistisch“, sagte von Haase, der beim Stichwort Stasi nicht weniger überrascht reagiert hatte als Kim. „Ich finde, damit kann man arbeiten. Jahrgang 1946… Das ist jedenfalls kein Alter, um schon tot zu sein.“
„Nein, das ist es nicht“, murmelte Kim und schob ein paar Mal die Lippen nach vorne, während sie auf das Display starrte. „Leider steht er nicht oder nicht mehr im Dresdner Telefonbuch. Und die Umkreissuche ergibt auch keinen Treffer.“
„Also stehen wir wieder mit leeren Händen da.“ Alexander schien fast ein bisschen erleichtert. „Oder, um Maurice zu zitieren: Ende der Fahnenstange.“
„Das sehe ich anders“, widersprach Kim. „In Deutschland gibt es Einwohnermeldeämter. Die sind verpflichtet, Auskunft über den letzten Wohnort zu geben. Die Anfrage könnte allerdings dauern.“
„Schaut mal nach da“, sagte Araya. Sie wies zum Himmel, an dem sich Wolken gebildet hatten, die rasch an Größe zunahmen. Ein Gewitter kündigte sich an. „Wenn wir warten, werden wir doch noch den Walfisch spritzen sehen.“ Sie sah Alexander herausfordernd an, fasste ihn an der Hand und zog ihn mit sich.

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