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Ein Seespaziergang verkürzte die Wartezeit bis zum Mittagessen. Auf dem schmalen Uferweg formierten sich Araya und Kim und von Haase und Alexander zu Paaren. Während die beiden Frauen umgehend eine angeregte Unterhaltung begannen, folgten ihnen die beiden Männer schweigend. Plötzlich blieb von Haase stehen und baute sich vor Alexander auf.


„Du liebst Sheila wahnsinnig, nicht wahr? Du betest sie geradezu an. Das spüre ich. Aber ich rate Dir, aus der Erfahrung eines langen Lebens: Liebe Dich noch ein bisschen mehr als sie. Denn wenn sie Dir eines Tages den Laufpass gibt –“


„Warum sollte sie das tun?“ unterbrach ihn Alexander.


„Wenn sie Dir eines Tages den Laufpass gibt“, wiederholte Haase, „stehst Du da, verletzt, zermürbt, splitternackt. Du wirst nie mehr einen Tag erleben, an dem Du nicht an sie denkst. Du wirst an sie denken bis zu Deinem letzten Atemzug. Du wirst bei Deinem letzten Atemzug an sie denken.“


„Na und? Was soll verkehrt daran sein?“


„Du bist ein hoffnungsloser Fall. Wer liebt, der ist dazu verdammt, zu leiden. Das ist meine feste Überzeugung.“ Er stieß beide Fäuste in die Taschen seines Mantels. Kräftig ausschreitend gingen sie weiter, den beiden Frauen hinterher.


„Weißt du“, sagte von Haase und legte die Hand auf Alexanders Schulter, „meines Erachtens irren sich die Menschen gewaltig, wenn sie meinen, sie seien für die Liebe begabt, bloß weil ihnen die Natur die passenden Werkzeuge dafür anvertraut hat. Man kann damit auch bloß so herumstümpern.“


„Sagst Du das als Hobbybastler oder als enttäuschter Fachmann für Liebe?“


„Nicht enttäuscht. Ich habe mir nur nie Illusionen gemacht. Rimbaud hat das sehr schön formuliert: La position gagnée, coeur et beauté sont mis de côté : il ne reste que froid dédain, l'aliment du mariage. – Wunderschön, nicht wahr?“


„Wenn ich mich nicht irre, ist Rimbaud nicht sehr alt geworden. Was versteht ein junger Kerl von der Liebe?“


„Ja, und schwul war er auch, aber was bedeutet das schon. Es geht um Liebe. Man kann alles lieben, aber Liebe bleibt immer eine Projektion. Eine Theorie, wenn Du so willst. Eine noch verrücktere Theorie als –“


„Deine?“ fiel ihm Alexander ins Wort.


„Unbedingt“, bestätigte von Haase grinsend. „Trotzdem bin ich Optimistiker, wie Araya zu sagen pflegt.“


Um ihn von dem leidigen Beziehungsthema abzubringen, fiel Alexander nichts Besseres ein, als von Haase auf seine Klavierdarbietung anzusprechen, die er über den grünen Klee lobte, worauf von Haase erwiderte, auch in der Kunst sei eine akademische Ausbildung selten vonnöten und dem Talent oft sogar ausgesprochen schädlich.


„Meine Musikalität ist natürlich nur eine bescheidene Nebenbegabung“, sagte er leichthin, „die ich deshalb auch nur an anderen Nebenbegabungen messen möchte. Ich spiele ungefähr auf dem Niveau von Errol Flynn. Robin Hood, Du weißt schon.“


„Na klar“, antwortete Alexander. „Ich wusste, dass er ein großer Trinker war. Dass er auch ein Virtuose am Flügel war, ist mir neu.“


„Virtuose ist gut“, kicherte von Haase. „Ich weiß es von meinem Freund Leo in Martigny, und der hat es vom Seniorchef des Hotel Royal in Courmayeur, also aus erster Hand. Pass auf: Mitte der 50er Jahre hatte sich der gute Errol in den Kopf gesetzt, die Geschichte von Wilhelm Tell zu verfilmen, mit ihm als Tell, und zwar im Aosta-Tal. Ist zwar nicht Schweiz, aber egal. Dafür brachte er ja seinen Filmruhm als erstklassiger Bogenschütze aus dem Sherwood Forest mit.“


„Ein englischer Flitzebogen ist aber etwas anderes als eine schweizerische Armbrust“, warf Alexander ein.


„Für Hollywood besteht da vermutlich kaum ein Unterschied. Während der Dreharbeiten war das Filmteam in dem schon erwähnten Hotel Royal in Courmayeur stationiert. Und weil man dort außer Saufen praktisch nichts machen konnte, war jeden Abend Party. Für Musik war gesorgt, denn in der Bar stand ein großer Flügel. Und hier stellte sich nun heraus, dass Errol Flynn nicht nur ein begnadeter Schauspieler war, sondern auch ein passabler Pianist, der die Truppe mit Liedern auf Zuruf unterhielt. Sein Meisterstück aber war eine Version des ‚Star-Spangled Banner’, gespielt ohne Hände.“


„Ohne Hände? Also mit den Füßen.“


„Auch ohne Füße. Ich gebe Dir einen Tipp: Er spielte es im Stehen.“


„Mit den Ellenbogen?“


„Falsch. Mit dem elften Finger. Der Hotelchef hat es mit eignen Augen gesehen.“


„Das muss für alle ein erregender Moment gewesen sein.“

 
 
 

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