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- Jan-Christoph Hauschild

- 27. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Dass Kim und Alexander sich für die Nacht ein Hotel in Vevey suchten, ließ von Haase nicht zu. „Wir sind jetzt ein Team“, sagte er, „und ihr seid meine Gäste. Das wäre ja noch schöner.“ Er führte sie ins Obergeschoß des Hauses und zeigte ihnen ihr Zimmer, das mit großen Natursteinfliesen ausgelegt war. Als er den bodenlangen, auberginefarbenen Vorhang zur Seite schob, fiel greller Sonnenschein ins Zimmer. Sie blickten auf einen terrassenförmig angelegten Garten, der von beiden Seiten von Wald eingerahmt wurde und dem sich weiter unten eine Wohnsiedlung anschloss. In der Tiefe glitzerte der Genfer See. Bis auf das Bett sahen alle Möbel aus, als stammten sie aus einem Theaterfundus: Nussbaum mit Intarsien und Brandmalerei.
Den Abend verbrachten sie beim gemeinsamen Abendessen, an dem auch Araya teilnahm. Als sie im Speisezimmer rund um den roten Eukalyptus-Esstisch vor ihren Tellern saßen, hob von Haase sein Glas und sprach seine Freude über den lieben Besuch aus. Schwungvoll stießen alle miteinander an.
Im Verlauf des Essens erzählte von Haase auf Nachfrage von seinen drei Kindern: dem Ältesten, der mit einer Amerikanerin verheiratet sei und in Chicago lebe, dem jüngeren Sohn, der einen Zeitvertrag als Kunsthistoriker in Florenz habe, und der Tochter, die in Berlin eine Ausbildung zur Bibliothekarin absolviere. Sie seien international inzwischen, meinte er.
Alexander kam die Munterkeit von Haases erkünstelt vor. Und die Art und Weise, wie er dabei das Essen herunter schlang, ließ nicht gerade darauf schließen, dass er den Feinheiten von Arayas thailändischer Küche die Achtsamkeit angedeihen ließ, die ihr zweifellos zukam.
Kim war nicht verborgen geblieben, dass Alexander während des Essens immer wieder verstohlene Blicke zu Araya geworfen hatte. Offensichtlich war er von ihrer exotischen Erscheinung angetan, möglicherweise sogar fasziniert. Ihrem Eindruck nach war es nicht allzu schwer, aus ihr schlau zu werden; sie schien nicht der Typ zu sein, der sich allzu viele Gedanken machte. Deshalb ergriff sie bei der ersten Gelegenheit die Initiative, um Araya in die Unterhaltung einzubeziehen.
„Wie haben Sie Maurice kennengelernt, Araya?“, fragte sie lächelnd.
„Im Fitness-Studio unten in Vevey“, antwortete von Haase an ihrer Stelle. „Sie war mein Personal Trainer.“
„Aha“, sagte Kim, ohne sich von Haase zuzuwenden. „Und wie sind Sie nach Vevey gekommen, Araya?“
Als Araya wahrheitsgemäß und ohne mit der Wimper zu zucken antwortete, sie sei eine Katalogbestellung gewesen, richtete Kim erwartungsvoll ihren Blick auf von Haase, doch der ignorierte ihre stumme Bitte nach weiterer Information. Gelassen, als fände er an der Situation nichts Peinliches, zündete er sich eine Zigarette an und stieß grauen Rauch zwischen seinen Zähnen hervor.
„Und ihr Mann?“ fragte Kim unsicher. „Was macht er?“
„Ich weiß nicht. Artem Arschgeige.“ Araya sprach das Wort Arschgeige mit einer Selbstverständlichkeit aus, als handle es sich um einen Nachnamen. „Er musste heiraten wegen Erbschaft. Er bekam Erbschaft nicht ohne Heirat, ja? Das war mein Glück. Und seit Tag der Hochzeit ich sehe ihn nicht mehr.“
„Die Gute hatte es nicht leicht“, fuhr von Haase dazwischen und inhalierte tief. „Danach war sie einige Jahre Hausdame.“
„Putzfrau“, korrigierte ihn Araya.
Als sie beim Dessert angelangt waren, gedünstete Litchi nach Sansibar-Art, forderte Araya ihre Gäste auf, die Gewürze zu erraten. Zimt und Nelken schmeckte Kim heraus, aber die Prise Salz bemerkte sie nicht. „Aus Kalahari-Wüste“, klärte Araya sie auf, „280 Billionen Jahre alt.“
„Du meinst sicher Millionen, Liebes“, korrigierte von Haase sie lächelnd. „280 Millionen.“
Bereitwillig räumte Araya den Irrtum ein. „Dann nur 280 Millionen.“
Von Haase hielt versonnen sein Weinglas gegen die Deckenleuchte und schwenkte es hin und her. „280 Millionen… Das könnte mittelfristig unser Jahresumsatz werden“, kündete er orakelhaft. „Und das ist realistisch gedacht. Ich kenne die Zahlen. Den Eiffelturm wollen jedes Jahr 6 bis 7 Millionen Menschen sehen. Dabei hat er oben auf der Plattform gerade mal eine Grundfläche von 250 Quadratmetern. Aber alle wollen da hin. Der Jahresumsatz liegt bei 85 Millionen Euro. Unser Resort wird eintausend Mal so groß werden. 25 Hektar. Bei einer ganz vorsichtigen Schätzung komme ich auf 20 bis 25 Millionen Besucher. Macht round about 280 Millionen Jahresumsatz.“ Er legte seine Hand auf Arayas Arm und schloss genießerisch die Augen.
„Gewiss“, sinnierte Alexander, „mit DOMINIQUE lassen sich schon ein paar hübsche Fantastillionen machen.“
Als die letzte Liebesfrucht verspeist war, wechselten sie auf die Dachterrasse, von Haase mit einer Rotweinflasche in der einen und vier Burgundergläsern in der anderen Hand. Von hier hatten sie einen märchenhaften Blick auf den Genfer See. Der Himmel war von einer dichten Wolkendecke überzogen, die Luft jedoch angenehm temperiert. Trotzdem reichte Araya jedem eine Decke und warf sich selbst einen Hoodie über die Schultern.
Der Alkohol lockerte Alexanders Zunge. „Leitet sich Dein Nachname eigentlich wirklich vom Hasen ab?“
„Daran besteht nicht der geringste Zweifel“, antwortete von Haase bedächtig. „Meine Vorfahren führten ihn sogar im Wappenschild.“
„Eigentlich erstaunlich für so ein – sagen wir mal – nicht gerade sehr hoch angesehenes Tier“, sagte Alexander.
„Gar nicht“, sagte Araya. „In chinesischer Astrologie sind Hasen sehr geschätzt. Menschen mit Sternzeichen Hase haben alle sehr guten Geschmack. Wissen Schönheit zu schätzen. Alles um sie herum muss schön sein.“
„Einschließlich Dir, meine Liebe“, gurrte von Haase.
„Garderobe ist sehr geschmackvoll“ fuhr Araya fort, „Möbel sind sehr geschmackvoll. Das ganze Haus. Der Hase möchte überall schön haben.“
„Für uns Amerikaner ist Adel immer eine spannende Sache“, sagte Alexander. „Bei uns gibt es keine Aristokratie. Höchstens unter den Einwanderern. Wie weit kannst Du Deinen Stammbaum denn zurückverfolgen?“
„Sehr weit“, antwortete von Haase leichthin, der seine Auskunft sichtlich genoss. „Die ältesten Dokumente reichen bis zu den Kreuzrittern zurück. Ursprünglich stammt unsere Familie aus Pommern. Schloss Hasenberg zwischen Greifswald und Stettin war unser Domizil. Einer meiner Ahnen, ein gewisser Ulrich Haas von Hasenburg, begleitete Friedrich Barbarossa –“
„Am Klavier?“, fragte Alexander schnell und verzog den Mund zu einem sardonischen Lächeln.

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