top of page
Suche

44

Der Rest des Abends verging bei Gesprächen, an denen von Haase den Hauptanteil hatte. Als Alleinunterhalter konnte er durchaus mit Scheherezade mithalten. Er sprach mehr oder weniger unaufhörlich von sich selbst, war dabei aber ein so guter Gesellschafter, dass man noch der banalsten Erzählung ohne das Gefühl, zu kurz zu kommen, lauschen konnte. Zuletzt allerdings hatte er sich, was wohl dem Pinot Noir geschuldet war, zu der Prognose verstiegen, der Nachweis prä-astronautischer Raumfahrt werde die Wissenschaft nicht bloß revolutionieren, sondern zugleich vernichten.


An diesem Punkt des Gesprächs stand Alexander, der bis dahin stumm dagesessen hatte, plötzlich auf und sagte, man möge ihn für einen Moment entschuldigen. Auf der Gästetoilette vertiefte er sich in ein Garfield-Comicbuch, doch seine Hoffnung, bis zu seiner Rückkehr sei das Thema gewechselt worden, erfüllte sich nicht. Daraufhin zogen er und Kim sich, nachdem sie sich für das „überwältigend gute Abendessen und den nicht minder schönen Abend“ bedankt hatten, mit vielen Entschuldigungen zurück.


In der Nacht lag Kim lange wach. Sie dachte an ihren Aufsatz über Künstliche Intelligenz, der jetzt auf dem Schreibtisch von Carla Grötzinger lag, der zuständigen Fachgutachterin bei Nature. Sie versuchte, ihr Bild in sich aufzurufen, in der Hoffnung, es würde sich zu einem Traum verdichten und sie in den Schlaf hinüberziehen: eine üppige Frau in den Fünfzigern mit einer Masse kleiner, rot gefärbter Löckchen auf dem Kopf... Ein breiter Hals, der mit weicher Rundung in den Kiefer überging... Tiefliegende Augen.... Ein Mund, klein und weich wie der eines Babys. Endlich schlief sie ein, und im Traum verwandelte sich Carla Grötzinger in ihre Freundin Caroline, mit der sie und weitere Kommilitonen, ganz wie in alten Zeiten, vor verschlossener Hörsaaltür stand. Um hereingelassen zu werden, lärmten und lamentierten sie lautstark, woraufhin die Tür aufgerissen wurde und die Dozentin wutentbrannt herausgeschossen kam und Caroline einen Schlag auf den Hinterkopf versetzte. Caroline war weniger verletzt als verblüfft, und während sie mit Kim über die Attacke sprach, zeigte sie ihr den Anhänger ihrer Halskette, der sie als Nachfahrin eines alten Adelsgeschlechts auswies. Danach gingen sie hinein. Die Dozentin war nun eine alte zerzauste Störchin, die auf ihrem Nest saß und ihre Jungen hütete. Kim und Caroline traten heran und entdecken weitere Nester, teils mit Eiern, teils mit entwickelten Jungen. Die Störchin war wütend, dass sie ihr gefolgt waren, und wollte sich auf sie stürzen, aber da erfüllte sich auch schon ihr Schicksal: Denn wenn aus einem der anderen Nester ein schwarzes Küken schlüpfte und eines ihrer Jungen mit dem Schnabel berührte, musste sie sterben. Ein solches schwarzes Küken richtete sich nun auf und trippelte zum Nest der Störchin hinüber, die wie gelähmt zuschauen musste, wie es eines ihrer Jungen berührte. Wie vom Blitz getroffen kippte die Störchin zur Seite und brach mitten durch, wie ein abgefressener Maiskolben.



Am Morgen zeigte der Himmel wieder ein sattes Blau. Nach dem Frühstück wurden Kim und Alexander von Araya im Garten herumgeführt, wo sie die prächtigen Rhododendren, den Fächerahorn, die Schachblumen und Pfingstrosen bewunderten. Anschließend machte von Haase Alexander Stück für Stück mit seiner Skulpturensammlung bekannt machte, bei der es sich, wie er betonte, nicht um folkloristische Fabrikware, sondern um echte Antiquitäten handelte, mit Zertifikat, während sich Kim zum Telefonieren in das Gästezimmer zurückzog.


„Archiv, Sommerfeld.“


„Der Mann mit dem Vornamen Archiv! Hallo Tom! Hier ist Sheila.“


„Sheila… Menschenskind, dass Du Dich an mich noch erinnerst!“


„Nun übertreib mal nicht. Wann haben wir zuletzt telefoniert? Vor höchstens zwei Jahren.“


„Nein, das muss länger her sein.“


„Zwei Jahre höchstens. Du wolltest wissen, ob es neue interessante Forschungsarbeiten zum Golfstrom gibt. Schon vergessen?“


„Stimmt. Du hast mir sehr schnell geholfen. Na gut. Und was gibt’s diesmal? Du hast nicht zufällig ein dolles Ding an der Hand?“


„Na, und wenn? Du dürftest die Story ja doch nicht schreiben, oder?“


„Och, sag das nicht. Ich schreibe neuerdings für unser Web-Angebot.“


„Was denn, für ‚Spiegel online?‘ Huuh, Respekt.“


„Nur kein Neid. Also, was liegt an?“


„Tom, ich habe eine Bitte.“


„Das dachte ich mir.“


„Ich möchte etwas bei der Stasi-Unterlagenbehörde recherchieren. Aber ich habe nur einen Nachnamen und den Namen der Stadt, wo die Person vor 30 Jahren gewohnt hat. Damit komme ich sicher nicht weit. Kannst Du vielleicht –“


„Natürlich kann ich. Für Dich tu ich alles. Ich würde es Dir gern beweisen. Aber seit Du diesen Langweiler geheiratet hast, lässt Du mich ja nicht mehr alles für Dich tun.“


„Aber fast alles. Übrigens ist Alex kein Langweiler.“


„Ist er nicht? Das freut mich für Dich.“


„Pass auf, Tom. Es geht um einen Dresdner Ingenieur namens Holz. Das ist alles, was ich von ihm weiß. Mitte der achtziger Jahre hat er einen Brief an den Sachbuchautor Maurice von Haase geschrieben.“


„Der ‚Wir-sind-nicht-allein‘-Haase?“


„Genau der.“


„Was treibt Dich denn neuerdings um? Haase, das ist doch Schnee von gestern. Oder machst Du neuerdings Ufo-Watching?“


„Quatsch, es geht nicht um Ufos… Es geht um... die Ausspähung seines Verlages. Globus-Verlag, Hamburg.“


„Es geht um Literatur?“


„Genau.“


„Ich dachte, Du würdest Deine Edelfeder nur ‚Natural History‘ und ‚Nature‘ leihen. Hmmm… Soweit ich weiß, hast Du noch nie über Literatur gearbeitet. Klimawandel, Dinosaurierknochen, Phönizier-DNA in Peru und Irland – das waren doch bisher Deine Themen. Aber Du würdest mir doch sowieso nicht sagen, worum es genau geht. Stimmt‘s, oder hab ich Recht?“


„Bingo, Thomas. Nur eine kleine, informelle Anfrage bei der Stasi-Unterlagenbehörde. Machst Du das? Tu es in Erinnerung an vergangene Zeiten.“


„Die hoffentlich wiederkommen. Wir könnten doch mal ein Wochenende in Berlin –“


„Na klar. Wenn Bettina mitkommt.“


„Bettina?


„Ja, Bettina. Die von diesem Privatsender.“


„Sie ist – oder vielmehr war – bei Vox. Also, Bettina... Das ist doch ewig her. Nein, ich genieße mein Junggesellendasein. Ab und zu empfange ich dann jemanden… oder bin bei jemand zu Besuch… Warum soll ich all diese schönen Begegnungen nicht erleben dürfen?“


„Meinen Segen hast du. Und, machst du’s?“


„Wie war der Name?“


„Holz.“


„Wie das Holz?“


„Das weiß ich nicht genau. Aus Dresden. Brief an Maurice von Haase c/o Globus-Verlag, Hamburg, 1985 oder 1986. Der Name und die Adresse von diesem Holz würden mich schon weiterbringen. Was meinst Du, wie lange wird es dauern?“


„Das kann ich nicht sagen. Es ist ja keine große Sache. Ich rufe Dich schnellstmöglich wieder an.“

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
43

Dass Kim und Alexander sich für die Nacht ein Hotel in Vevey suchten, ließ von Haase nicht zu. „Wir sind jetzt ein Team“, sagte er, „und ihr seid meine Gäste. Das wäre ja noch schöner.“ Er führte sie

 
 
 
42

Von Haase goss aus der Calvadosflasche ein und reichte Kim und Alexander ihre Gläser. „Habt ihr eigentlich einen Namen für unsern Freund vom andern Stern?“ „Im Institut in Straßburg nennen sie das Ske

 
 
 
41

Nach dem Telefonat fühlte sich Kim wie damals als 14-Jährige, als sie in den Galeries Lafayette auf frischer Tat beim Diebstahl eines T-Shirts mit dem Konterfei von Michael Jackson ertappt worden war.

 
 
 

Kommentare


bottom of page