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Statt zu Pastor Arndt in die Dreikönigenkirche bin ich heute morgen mal mit in den katholischen Gottesdienst in der Marienkirche gegangen, und weil ich alles ganz genau wie die andern gemacht habe, vom Besprenkeln mit Weihwasser beim Eintreten bis zu den diversen Bekreuzigungen, hat mich niemand als Spion erkannt. Wieder ein Abenteuer, das ich bestanden habe.


Danach eine Doppelstunde Mathe/Geometrie bei Stromeyer. Zu Beginn muss Heck seine Hausaufgaben vorzeigen. Lange kramt er in seinem Ranzen herum, dann sagt er zu Stromeyer, dass er das Heft zuhause vergessen hat.


Stromeyer kennt seine Pappenheimer. Deshalb will er von Heck wissen, ob er die Aufgaben gemacht hat oder einer von denen mit dem Zettel über dem Bett ist, auf dem steht: Ab morgen wird gearbeitet! Und jedes Mal, wenn sie aufwachen, verschieben sie das Versprechen auf den nächsten Tag.


Nee, ich hab die Aufgaben gemacht, Herr Stromeyer. Ehrlich!


Wo wohnst du?


Auf der Furth, Herr Stromeyer.


Wie lange brauchst du nach Hause?


Äh – zehn Minuten, Herr Stromeyer.


Weil wir heute eine Doppelstunde Mathe/Geometrie haben, schickt ihn Stromeyer nach Hause, um das Heft zu suchen. Korbus muss mitgehen und aufpassen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Bei Korbus ist es egal, ob er den Unterricht verpasst oder nicht, weil er unser bester Mann ist und nie etwas anderes schreibt als Einsen. Wir andern machen solange weiter mit Prozentrechnung. W gleich p mal g durch 100. Stromeyer sagt, früher haben sie das die Parteigenossenformel genannt, weil bei den Nazis Pg. die Abkürzung für Parteigenosse war. Auf die Nazis ist Stromeyer nicht gut zu sprechen. Manchmal macht er Andeutungen über gewisse Neußer Bürger, von denen er genau weiß, welche Stellung sie im Dritten Reich gehabt haben.


Zu Beginn der zweiten Stunde kommen Heck und Korbus zurück. Noch in der Tür fragt Stromeyer, ob das Heft aufgetaucht ist. Korbus schüttelt den Kopf.


Ich versteh das nicht, Herr Stromeyer, sagt Heck. Gestern war es noch da.


Ich hab es mir fast gedacht, sagt Stromeyer. Bring mir mal deine Schulmappe.


Da ist es nicht drin, sagt Heck. Da hab ich schon gesucht, Herr Stromeyer.


Bring sie mir trotzdem. Vielleicht habe ich ja mehr Glück.


Heck bringt seine Tasche nach vorn und will sich wieder auf seinen Platz setzen, aber Stromeyer sagt Hiergeblieben und Heck muss zusehen, wie er die Tasche auspackt und jedes Stück vor sich aufs Pult legt, zuerst die Bücher, dann die Hefte. Das erste ist ein Lateinheft, das zweite ein Superman-Heft. Stromeyer hält es hoch, alle lachen, Heck grinst.


Beim dritten sagt Stromeyer Nanu? Was haben wir denn da? Mathematik. Ist das deins?


Heck beugt sich nach vorne, als wenn er genau hinschauen müsste, um sicher zu sein, dass es auch wirklich sein Heft ist. Dann sagt er Äh-ja.


Ein paar von uns lachen. Stromeyer schlägt das Heft auf. Zeig mir mal deine Hausaufgaben. Du hast sie ja gemacht.


Nee, Herr Stromeyer, sagt Heck, jetzt weiß ich wieder, ich hab vergessen, sie zu machen.


Wieder lachen einige.


Ach so, sagt Stromeyer und haut Heck sein Heft um die Ohren, bevor er Bücher und Hefte zurück in dessen Schultasche stopft. Dann hast du mich also vorhin angelogen.


Nee, sagt Heck, ich hab das Heft vorhin wirklich nicht gefunden. Ehrlich, Herr Stromeyer.


Setz dich hin, sagt Stromeyer und holt das Klassenbuch aus der Pultschublade. Während er schreibt, sagt er, dass Heck den Eintrag ins Klassenbuch nicht dafür bekommt, dass er die Hausaufgaben nicht gemacht hat, sondern dafür, dass er ihn so dreist angelogen hat.


Als Heck sich setzt, grinst er schief und sagt zu Siebold, der neben ihm sitzt: Ist mir doch egal.

Das hätte er besser nicht getan, denn jetzt platzt Stromeyer der Kragen, und weil er früher auch Sport unterrichtet und noch früher in der Reserve von Schalke 04 gespielt hat, geht alles ganz schnell. Aufspringen, im Handstütz mühelos über das Pult flanken, den Gang zwischen den sechs Bankreihen herunterstürmen, sind eins. Alle sind wie erstarrt, nur Heck ahnt, was jetzt passiert und weicht erschrocken mit dem Stuhl an die Wand zurück, aber das rettet ihn nicht vor den Ohrfeigen, die ihm Stromeyer jetzt verpasst, und dabei fliegt sein Mäppchen vom Pult und auch das meiste von Siebolds Sachen. Dann lässt Stromeyer von ihm ab, streicht sich seine eisgrauen Haare nach hinten und geht wieder ans Pult zurück.


Als er ein paarmal durchgeatmet hat, muss Heck sein Matheheft herausholen, damit Stromeyer ihm eine Mitteilung an seine Eltern diktieren kann, und darin steht, dass es ihm leidtut, dass er aufgrund des flegelhaften Verhaltens ihres Sohnes für einen Augenblick die Kontrolle über sein Tun verloren hat, weil für seine Erziehung sie als Eltern allein zuständig sind, und deshalb stellt er ihnen anheim, sich bei der Schulleitung über sein Handeln zu beschweren.


Ich glaube nicht, dass Hecks Eltern sich bei Dr. Brych beschweren werden. Eher schreiben sie Stromeyer noch einen Dankesbrief, dass er ihrem Sohn mal gezeigt hat, was eine Harke ist. Herrn Schönthal, den wir in der Quarta in Kunst hatten, hat Heck auch auf die Palme gebracht, und er hat sich dadurch gerächt, dass er einen großen Affen an die Tafel gezeichnet hat, und der Affe hatte das Gesicht von Heck.


Danach haben wir eine Freistunde. Zusammen mit Korbus, Soeder, Ferkel, Hüls und Manni gehe ich zum Fußballspielen auf den Spielplatz Neumarkt. Wir würden lieber auf dem Schulhof spielen, aber beim letzten Mal hat sich Hagemann vom Lärm gestört gefühlt und seinen Lieblingsschüler Priehl nach unten geschickt, der uns den Tennisball einfach weggenommen und dazu höhnisch gelächelt hat. Und gegen Priehl, den Handlanger der Macht, haben wir keine Chance, weil er mindestens zwei Jahre älter ist.


Auf dem Spielplatz ist nichts los, nur ein paar italienische Jugendliche hängen auf den Bänken herum, denn in der Neumarktgegend wohnen viele Gastarbeiterfamilien. Sie rufen uns irgendetwas auf Italienisch zu und schneiden dabei Grimassen, aber wir beachten sie nicht und suchen uns ein Spielfeld weit weg von ihnen.


Alles geht gut, bis ich einmal den Ball viel zu fest treffe und er Richtung Italiener rollt. Einer von ihnen, der schon ein bisschen Bart im Gesicht hat, stoppt ihn mit dem Fuß und muss dafür noch nicht einmal aufstehen.


Los, hol den Ball zurück, sagt Soeder, weil es sein Tennisball ist und ich ihn verschossen habe.


Okay, sage ich und gehe rüber zu den Rabauken, obwohl ich Schiss habe, denn sie sind zu fünft. Der Ball ist inzwischen verschwunden. Ich mache ein ganz freundliches Gesicht und sage zu dem Jungen mit dem Bart, dass er mir bitte den Ball zurückgeben soll. Der Junge guckt mich verständnislos an. Wahrscheinlich versteht er kein Deutsch.


Balla! sage ich und forme mit den Händen eine Kugel. Balla Balla!


Wer isse hier ballaballa, antwortet der Junge, und der neben ihm sagt: Hau ab. Hier gibtse keine Ball.


Mit leeren Händen gehe ich zurück zu meinen Klassenkameraden. Die Italiener kommen mir nach und bauen sich in einer Reihe vor uns auf.


Haut ab, sagt einer von ihnen, das isse Piazza von uns.


Hier kann jeder spielen, sagt Soeder.


Hört mal, meint Hüls, der Spielplatz ist doch groß genug, und außerdem sind wir sowieso gleich wieder weg.


Die Italiener sagen nichts und gucken uns feindselig an.


Gebt uns unsern Ball zurück, sagt Korbus.


Hol ihn dir doch, sagt der mit dem Bart, wirft den Ball auf den Boden und lässt ihn wieder zurück in seine Hand springen, wo er ihn versteckt hatte.


Korbus ist unser Primus, aber er ist auch gut in Sport und hat keine Angst, und deshalb nimmt er das Angebot an und stürzt sich auf den Bärtigen. Es gibt einen kleinen Ringkampf, der aber unentschieden ausgeht, weil der Bärtige den Ball an den Jungen, der neben ihm steht, weitergibt, und der geht damit stiften. Das wars dann.


Hinterher tritt mich Soeder in den Hintern, weil ich an allem schuld bin. Vielleicht auch wegen Thalrand mit th.


Ende Januar bekommen wir die Halbjahreszeugnisse. Paul hat lauter Vieren und Fünfen. Damit wird er nie versetzt. Mama ist außer sich, weil es eine Schande für die Familie ist. Papa traut sich nicht, zu schimpfen, weil er nur auf der Volksschule war. Wenn wir ihn damit aufziehen, sagt er immer, dass er auch gern auf die Mittelschule gegangen wäre wie Onkel Helmut und Onkel Heino, aber er durfte nicht, wegen einer Verschwörung zwischen seinem Lehrer und seinen Eltern, und eine Klasse zurückgesetzt wurde er auch noch. Sonst wäre er jetzt wahrscheinlich auch Lehrer, sagt er.


Bei mir sieht es nicht ganz so finster aus wie bei Paul. Mein Büffeln in Mathematik für die Nachprüfung hat sich ausgezahlt, denn ich bin wieder auf eine Vier gekommen. Dafür habe ich jetzt in Englisch Mangelhaft, und in Latein sowieso.


Am Karnevalsdienstag laufen viele Kinder verkleidet durch Norf. Ich möchte gerne als Hippie gehen. Leider habe ich keine langen Haare, weil Mama das nicht erlaubt, kein Stirnband und keine Hippie-Kleidung mit Blumenstickerei. Eigentlich habe ich gar nichts, bloß einen Button, auf dem „No milk today“ steht. Ich frage Mama, ob sie mir nicht irgendetwas geben kann, das mich in ein Blumenkind verwandelt. Mama sagt, sie hat eine ganze Tüte Papierblüten, die Maria Jensch aus Tempo-Taschentüchern für sie gebastelt hat. Sie sehen zwar aus wie weiße Nelken, aber sie sind besser als gar nichts. Ich befestige sie mit Sicherheitsnadeln an meiner Slophose und an meiner blauen Batikjacke, und dann ziehe ich los, die Gartenstraße runter, Richtung Derikum. Die Sonne scheint, aber es ist trotzdem hundekalt, auf den Wiesen liegen sogar noch Schneereste, und ich bin froh, dass ich die weißen Glacéhandschuhe angezogen habe, die Omi zu ihrer Hochzeit getragen hat.


Es wäre schön gewesen, wenn auch andere dieselbe Idee gehabt und sich als Hippie verkleidet hätten. Zu zweit oder dritt wäre es bestimmt lustig geworden. Aber niemand spricht mich an, niemand schließt sich mir an, und die Papierblüten lassen auch schon die Köpfe hängen. Hippie kann man eben nur in einer Hippie-Kolonie sein, wie es sie in Amerika und England gibt. Wenn man ganz auf sich allein gestellt ist, muss man sich etwas anderes einfallen lassen, um in die Schlagzeilen zu kommen. Und nur wer in die Schlagzeilen kommt, ist berühmt. Jesus. Hannibal. Caesar. Kennedy. Jim Clark. Uwe Seeler. Die Stones.


Religionsstifter scheidet aus mancherlei Gründen aus. Zu einem Spitzenfußballer reicht mein Talent nicht. Politiker ist mir zu gefährlich. Rennfahrer wäre eine Möglichkeit, aber dazu bräuchte ich erst einmal ein Auto. Die beste und wahrscheinlich auch einzige Möglichkeit für mich, berühmt zu werden, ist eine Karriere im Musikgeschäft. Man muss bloß singen und am besten auch ein Instrument spielen können.


Wer den Mut hat, vor anderen Leuten aufzutreten, hat allein dadurch schon etwas Besonderes. Wenn es ihm dann auch noch gelingt, die Leute in seinen Bann zu ziehen, ist der Grundstein zum Erfolg gelegt. Die Fans himmeln ihn an und nennen ihn kumpelhaft beim Vornamen, die Zeitungsreporter wollen Auskunft über sein Privatleben. Können sie haben! NEUSSER OBERSCHÜLER EROBERT DIE HITPARADEN – JAKOB THALRAND IM „BRAVO“-EXKLUSIV-INTERVIEW – BRILLENTRÄGER BEGEISTERT SEINE WEIBLICHEN FANS – IN SEINER FREIZEIT VERFOLGT ER DIE AKTIENKURSE.


Singen kann ich auf jeden Fall. Und als Instrument kommt nur Gitarre in Frage, weil Gitarre bei allen Beatgruppen das Hauptinstrument ist. Außerdem kann man eine Gitarre mit sich herumtragen, wie Simon & Garfunkel auf der Hülle von „Homeward Bound“. Ich gebe mir selbst das Versprechen, Gitarre zu lernen und mit Hilfe der Musik ein Publikum um mich zu scharen.

Auf meinem einsamen Rückweg stehen ausgerechnet Maria Jensch und ihre Mutter vor ihrem Haus in der Ruhrstraße. Ich grüße sie, weil Maria in meiner Parallelklasse war, und sie grüßen zurück, aber ich kriege mit, dass sie zusammen tuscheln, und ich kann mir schon denken, dass sie nicht besonders begeistert sind, dass die schönen Papierblüten, die Maria für ihre liebe Lehrerin gebastelt hat, jetzt von mir zur Schau getragen werden.


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