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Von Haase goss aus der Calvadosflasche ein und reichte Kim und Alexander ihre Gläser. „Habt ihr eigentlich einen Namen für unsern Freund vom andern Stern?“


„Im Institut in Straßburg nennen sie das Skelett DOMINIQUE“, antwortete Alexander.


„Dann lasst uns auf DOMINIQUE trinken.“ Er prostete ihnen zu.


„Das Skelett ist allerdings verschwunden“, sagte Alexander. „Es wurde weggeschafft.“


„WAS?“ Es klirrte, als von Haase sein Glas auf dem Teewagen abstellte.


„Weil sich Alex zu auffällig dafür interessiert hat“, erklärte Kim. „Das ist kein Vorwurf“, fügte sie schnell hinzu, bevor ihr Mann protestieren konnte. „Man muss wissen, dass das Skelett in einer Ausstellung der Universität Straßburg gezeigt wurde, Abteilung Anthropologie. Der Institutsleiter steht derzeit massiv unter Beschuss. Es geht um gefälschte Gutachten. Weil Alex, der damals gar nichts von den Problemen wusste, vorsichtig andeutete, dass das Skelett vielleicht nicht ganz korrekt beschrieben sei, bekam dieser Monsieur Croqué sofort kalte Füße und ließ es aus der Ausstellung entfernen.“


„Croqué heißt der Mann? Wie Croque mit Accent aigu?


Alexander nickte.


„Das ist aber sehr schade“, sagte von Haase, während er den Namen notierte.


Alexander winkte ab. „Es steht vermutlich wieder im Depot. Croqué ist in die Sache nicht eingeweiht.“


 „Das Skelett ist natürlich für die Medien sehr wichtig. Wir sollten unbedingt mit dem Herrn Kontakt aufnehmen.“


„Er ist vielleicht schon beurlaubt“, sagte Kim.


„Dann wenden wir uns eben an die Universitätsspitze“, sagte von Haase und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. „Wir müssen uns die relevanten Rechte exklusiv sichern und alles mit wasserdichten Verträgen besiegeln. Gegen unsern DOMINIQUE sind ja alle Mumien der Welt nur ein Fliegenschiss. Tutanchamun, der Ötzi – was sind die gegen ein Wesen aus dem Weltall? Ich empfinde eine sehr große Genugtuung. Ich habe es immer gewusst. Wir sind nicht allein. Wie denn auch, in diesem unermesslichen Weltraum, von dem wir gerade einmal unsere allernächste Umgebung ein bisschen kennen. Beweise dafür habe ich genug geliefert. Weil ich nicht aufgehört habe, meinen Traum zu träumen. Je rêvais voyages de découvertes dont on n’a pas de relations... Und ihr habt jetzt den Schlussstein für die Beweiskette entdeckt.“


Von Haase stand auf, ging hinüber zum Flügel und begann zu spielen. Er hatte kräftige Hände mit schmalen, langen Fingern, deren Spitzen sich leicht nach oben bogen. Während er dem Instrument die wohlvertrauten Töne von Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert entlockte, bei dem Kim unweigerlich an den Sekthersteller denken musste, der die Anfangsmelodie zu seinem Erkennungszeichen erkoren hatte, fing er Alexanders Blick auf. „Ich hoffe, ich war vorhin nicht zu grob“, sagte er und blinzelte ihm dabei versöhnlich zu.


„Diese Frage möchte ich gern offenlassen“, erwiderte Alexander.


„Ich bin jedenfalls nicht nachtragend. Und ihr seid es hoffentlich auch nicht.“ Vom Hauptthema wechselte er in eine freie, einigermaßen belanglose Improvisation. Sein Spiel verriet mittelmäßiges Talent, worüber auch sein forscher Anschlag nicht hinwegtäuschen konnte. „Ich nehme es euch nicht einmal übel“, fuhr er jovial fort. „Irgendwie mag ich sogar die Art, wie ihr euch für eine Idee einsetzt.“ Er unterbrach sein Spiel nicht, aber es nahm mehr und mehr den Charakter von Geklimper an. „Man darf ruhig versuchen, mich übers Ohr zu hauen“, sagte er kumpelhaft. „Bloß mir selbst hätte ich es nie verziehen, wenn ich drauf reingefallen wäre.“


„Aber Du verstehst schon, dass es ein heikles Thema ist, mit dem sich ein angesehener Paläoanthropologe offiziell nicht beschäftigen darf.“


Von Haase setzte eine pfiffige Miene auf. „Das sehe ich ein. Das wäre ja, wie wenn der Papst in die Peep-Show gehen würde.“ Er erhob die Stimme, während seine Finger über das gebleckte Gebiss des Flügels berserkerten.


„Und nur deswegen haben wir Dir nicht gleich alles gesagt.“


Von Haase nahm die Hände von den Tasten und lehnte sich zurück. „Geschenkt. Nachher machen wir einen schönen Vertrag, wo alles hübsch geregelt ist, und dann sehen wir weiter. Was meint ihr: Ob man die Fundstelle, wo unser DOMINIQUE gelandet ist, erwerben kann? Das wäre gut. Schade, dass er sich ausgerechnet Frankreich ausgesucht hat. In Rumänien oder Moldawien würden die Behörden nicht so genau hinschauen. Aber das Museum könnte natürlich auch an anderer Stelle gebaut werden. Ich denke an ein Gebäude mit einem Turm und einer großen Kuppel… eine Mischung aus Petersdom und Sternwarte. Kennt ihr das Mauna Kea Observatorium auf Hawaii?“


„Maurice“, sagte Alexander ernst, während von Haase sein Spiel wieder aufnahm, beschwingter als zuvor, „ich verstehe sehr gut, dass Du Dich nicht um die Früchte Deiner Arbeit bringen lassen willst. Aber –“


„Ich weiß schon, was Du sagen willst“ unterbrach ihn von Haase. „Was willst Du denn, Du hast doch schon Ruhm für eine Million Franken, was scherst Du Dich um die paar Rappen? Aber da verstehst Du mich ganz falsch. Es geht dabei nicht um Ruhm. Die ganze Verwertung geht mir am Arsch vorbei. Es geht um die Idee an sich, die Erkenntnis, die Überzeugung. Die will sich geltend machen. Und dieses Geltendmachen –“


Alexander tat, als habe er nicht richtig verstanden. „Geldmachen?“


„Nein“, beeilte sich von Haase klarzustellen, „nicht Geldmachen. Das dient allenfalls dazu, um die nötigen Aufwendungen wieder in die richtige Balance zu bringen. Nein, das Gel-tend-machen. Das ist – tja, nicht weniger als die Revolution.“


„Verstanden“, sagte Alexander, der kein Wort von dem glaubte, was von Haase gerade zu seinem Credo erklärt hatte. „Trotzdem sollten wir den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen. Wir stecken hier immer noch mitten in der Recherche. Wenn Du zu diesem Zeitpunkt schon Deine Medienmaschine anwirfst, kann das unseren Nachforschungen nur schaden. Denn wir besitzen ja nichts. Alle Indizien sind im Besitz von anderen. Noch haben wir Zugang. Wenn wir zu früh an die Öffentlichkeit gehen, könnte es damit vorbei sein.“


Von Haase schien nur halb hinzuhören. Seine Hände glitten weiter über die Tasten, und dazu lächelte er. „Du meinst, wir sollten keine schlafenden Hunde wecken.“


„So ist es.“


„Und wie stellt ihr euch die Sache mit Holz vor? Er wäre dann doch ein weiterer Mitwisser. Brauchen wir ihn überhaupt?“ Er sah erst Alexander an, der als Zeichen seiner Unentschiedenheit die Schultern hob, und dann Kim. „Meinst du, wir können ihn ausfindig machen?“


„Ich habe da schon eine Idee. Einen Mann namens Holz zu finden, der Ende der achtziger Jahre in Dresden gelebt hat, dürfte schwierig werden. Ich habe mal im Telefonbuch nachgesehen, da gibt es knapp 20 Einträge. Er kann verzogen sein, er kann gestorben sein… Aber ein Brief aus Dresden ins westliche Ausland, an einen Buchverlag… Das muss die Staatssicherheit interessiert haben. Darum besteht immerhin die Möglichkeit, in den Akten etwas zu finden. Wenn wir Glück haben, sogar eine Abschrift des Briefs.“


„Aber auch dafür brauchst Du einigermaßen vollständige Personendaten“, gab Alexander zu bedenken.


„Natürlich. Für einen offiziellen Antrag auf Akteneinsicht reicht das nicht. Aber ich kenne jemanden vom Spiegel-Archiv. Und der hat einen sehr guten Draht zur Behörde. Es wäre doch gelacht, wenn wir nicht wenigstens eine Auskunft bekommen.“


„Kenne ich ihn?“ fragte Alexander unsicher.


„Nein, ich glaube nicht. Ich rufe ihn morgen an.“

 

 
 
 

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