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Nach dem Telefonat fühlte sich Kim wie damals als 14-Jährige, als sie in den Galeries Lafayette auf frischer Tat beim Diebstahl eines T-Shirts mit dem Konterfei von Michael Jackson ertappt worden war. Alexander ging es nicht viel besser. Dass von Haase sie beide der Täuschung überführt hatte, war allein für sich schon schlimm genug. Obendrein besaßen sie nun in ihm einen Mitwisser, dessen Reaktionen unkalkulierbar waren. Immerhin schien er seinen Triumph nicht bis zur Neige auskosten zu wollen, denn er zeigte sich gesprächsbereit.


Kim erklärte sich seine Nachsicht damit, dass er seinerseits nie verlegen in der Wahl seiner Mittel gewesen war, um ans Ziel zu gelangen; für Alexander stand fest, dass von Haases Entgegenkommen schlicht auf der Tatsache beruhte, dass er auf sie angewiesen war. Er hielt ihn für zu faul, um auf eigene Faust Recherchen anzustellen. Und auch für zu simpel gestrickt. Sein Interesse galt wahrscheinlich allein der Teilung der Beute.


Nachdem von Haase bei Araya Getränke geordert hatte, nahm er auf einem der vielen Sitzkissen mit Goldquasten Platz, die auf dem Teppich herumlagen. Mehrere Minuten lang saßen sie schweigend beieinander. Dann sagte er mit versöhnlichem Ton in die Stille hinein: „Also gut, ihr beiden. Ich fasse zusammen.“


Er zog ein kleines Notizbuch aus seiner Jacke. Offenbar hatte er die Informationen, die er der ahnungslosen Hilde entlocken konnte, bereits niedergeschrieben.


„Korrigiert mich, wenn ich etwas nicht richtig wiedergebe. Ihr habt in Straßburg ein altes Skelett gesehen. Es hat euch interessiert. Ihr habt Informationen gesammelt. Ihr wisst, wann und wo der Fremde gestorben ist. Ihr wisst, wer die Leiche seziert hat. Es gibt eine Art Beschreibung der Leiche. Daraus geht hervor, dass es kein menschliches Wesen war.“


„Schon im Beerdigungsprotokoll war das angedeutet“, bestätigte Kim.


„Wieso gab es eine Beerdigung?“, fragte von Haase verwundert. „Etwa ohne das Skelett?“


Araya schob einen Teewagen herein, der mit Tassen und Gläsern und einer Flasche Calvados beladen war.


„Danke, meine Liebe“, sagte von Haase und blickte ihr nach, wie sie Richtung Küche verschwand. „Sie ist ein Goldschatz. Ihr Name bedeutet im Thailändischen Seerose. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sie wirklich eine echte Thai ist. Ich glaube, da ist auch ein Schuss Brasilien dabei.“ Er deutete eine obszöne Geste an und lachte, als ob er einen guten Witz gemacht hätte. „Wo waren wir stehen geblieben?“


„Bei dem Beerdigungsprotokoll aus Waldersbach“, sagte Kim.


„Genau. Wieso gibt es dann dieses Skelett, das ihr gesehen habt?“


„Es handelte sich um Leichenraub“, erklärte Alexander. „Der Assistent des Anatomen hatte Beziehungen ins Elsass und sorgte für Nachschub. So kam die Leiche nach Straßburg.“


„Verstehe“, sagte von Haase und notierte den Hinweis. „Also gibt es zwei schriftliche Dokumente. Und zwar aus der Zeit selbst und nicht irgendwann später, was die Sache besonders wertvoll macht.“


„Ja und nein“, sagte Alexander. „Eine These, die sich nur auf die Dokumente stützen kann, muss Spekulation bleiben. Es gibt zu viele Unschärfen. Das ist wie bei den Kochrezepten aus dem Mittelalter. Drück die mal einem heutigen Sternekoch in die Hand. Damit kann der nichts anfangen. Deswegen bin ich sehr zurückhaltend, was die Bewertung angeht. Kim ist da etwas – sagen wir mal: offener. Sie hat keine Zweifel.“


Von Haase sah Kim erstaunt an. „Kim? Dein Mann nennt Dich Kim? Wie Kim Novak? Das Busenwunder aus Schweden?“


Alexander errötete. „Mit Kim Novak hat das nichts zu tun. Es ist nur ein Kosename. Außerdem verwechselst Du Kim Novak mit Anita Ekberg. Anita Ekberg ist Schwedin. Kim Novak ist Amerikanerin.“


„Wer Novak heißt, ist ganz sicher keine Amerikanerin. Aber egal. Busenwunder sind sie beide gewesen. Kim Novak... In dem Hitchcock-Film, wie heißt er noch, wo sie diese Doppelgängerin spielt, da hat sie so etwas Frostiges und zugleich Sinnliches... Eine Frau wie ein vergletscherter Vulkan... Grandios. – Wo waren wir stehengeblieben?“


„Bei den Zweifeln.“


„Genau. Es waren aber niemals die Zweifel, welche die Menschheit vorwärtsgebracht haben, sondern Ideen. Ich sage nur: Jules Verne. Und für Ideen braucht man Eier. Skrupel sind da nicht angezeigt. Schließlich heiße ich ja auch nicht Maurice von Angsthase.“ Er zwang seinen blassblauen Augen ein Zwinkern ab. „Und deshalb bin ich ganz bei Dir,  Kim-Sheila. Der Fall ist sonnenklar; jetzt geht es nur noch darum, das Beste daraus zu machen. Und dafür stehe ich mit meinem Namen. Ich verfüge über das notwendige einfühlende Verständnis, um der Welt zu offenbaren, wer der Reisende war und mit welchen Absichten er kam, ehe er am 11. September –“


„19. November“, verbesserte ihn Kim.


„– 19. November des Jahres 1789 –“


„1788.“


„– des Jahres 1788 havarierte und zu Tode kam. Kein anderer kann mit gleich viel Verständnis und Hintergrundwissen über diese Erscheinung schreiben wie ich das vermag.“


Araya kehrte mit einem dreiteiligen silbernen Kaffeeservice auf einem Tablett zurück. Sie schenkte zuerst Kim, dann Alexander und zuletzt von Haase ein, deutete eine Verbeugung an und verschwand wieder.


Diesmal war es Alexander, der ihr hinterhersah. Schon ertappte er sich dabei, wie er sie in die Kategorie jener Frauen einreihte, mit denen er gegebenenfalls schlafen würde – was in diesem Fall vermutlich einer körperlichen Bewährungsprobe gleichkam, und schon erschien vor seinem geistigen Auge das Bild eines Knäuels aus Extremitäten, engverschlungen und bizarre Formen bildend. Seit er 16 war, gab es diese beiden Kategorien, in die sich die weibliche Hälfte der Menschheit einteilen ließ. Es war keine Frage von Zu- oder Abneigung, es war, wie ihm in diesem Moment aufging, Interesse oder Desinteresse an größtmöglicher Nähe, als ob sich von der nicht durchs Raster gefallenen Frau etwas fürs Leben lernen ließe – wenn nicht fürs äußere, dann eben fürs innere Leben. In diesem Augenblick erschien ihm der Gedanke so lebhaft zutreffend, dass ihm fast schwindlig wurde.

 

 
 
 

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