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An Heiligabend sitzen wir in der Diele, wo Papa den Baum mit den Krippenfiguren und den Plattenspieler aufgebaut hat. Der Zimmerspringbrunnen sprudelt nicht mehr, weil er verkalkt ist, und deshalb müssen der Philodendron und die Efeutute jetzt ohne Urwaldfeuchtigkeit auskommen. Papa hat auch den Baum geschmückt, mit Lametta und Kugeln und Kerzen, und oben an der Spitze steckt der gläserne Schwan mit dem Schwanz aus Engelshaar. Paul sagt, der Schwanz sei früher dicker und bemalt gewesen, aber als ich kleiner war, hätte ich den Schwan so süß gefunden und heimlich mit ins Bett genommen, und dabei wären viele von den Glashärchen abgebrochen und im Bett und auf meinem Schlafanzug gelandet. Es sei eine Riesensauerei gewesen, und wenn ihm das passiert wäre, hätte er bestimmt ein paar Ohrfeigen bekommen, aber bei mir wird immer ein Auge zugedrückt.


Statt der Regensburger Domspatzen hören wir eine Seite von „Christmas Dancing“ von James Last, weil Mama das gern möchte. Danach meint Paul, dass die Zeit reif ist für eine andere Lektüre als immer die Bibel, und überrascht uns mit einer düsteren Weihnachtsgeschichte, die in unserer Zeit spielt, und die Heiligen Drei Könige sind Kriegsheimkehrer.


Papa ist von diesem Ablauf überhaupt nicht begeistert. Bei ihm zuhause ging es an Heiligabend ernst und feierlich zu. Wenn es soweit war, zogen Papa und seine Brüder ihre Sonntagskleidung an, holten ihre kleinen Geschenke hervor, die sie tagelang versteckt gehalten hatten, und stellten sich auf. Dann öffnete Großvati die Tür, in der Stube flackerte der Lichterbaum, und davor saß Großmutti, das Neue Testament in der Hand. Das Grammophon wurde in Gang gesetzt, alle saßen vor dem Baum und sangen gemeinsam „Stille Nacht, heilige Nacht“. Danach verlas Großmutti die Weihnachtsgeschichte, noch ein paar mehr Lieder wurden gesungen, und bevor sie sich ans Auspacken der Geschenke machten, gingen alle freudestrahlend aufeinander zu und wünschten sich eine frohe Weihnacht. Es war nicht wie heute, sagt er, wo man alles haben muss, was man sieht; geradezu krank danach ist, tagelang herumspinnt.


Mir ist egal, wie wir Weihnachten feiern, ob mit den Regensburger Domspatzen oder mit James Last; Hauptsache ich kriege nächstes Mal den Grundig music-boy 209 in Nussbaum mit der Skalenmarkierung für Radio Luxemburg.



In den Ferien quengle ich so lange, bis mich Mama Onkel Georgs Papierkram in den beiden Koffer sortieren lässt. Alles, was mit Aktien zu tun hat, packe ich in eine eigene Mappe, und obendrauf lege ich die Aufstellung von 1936, als Onkel Georg sie von seinem Vater geerbt hat. Alles zusammen war damals 40.000 Reichsmark wert. Einige Aktien wie die von Glauziger Zucker sind nach dem Krieg wertlos geworden, weil die Unternehmen heute in der Ostzone liegen und Volkseigentum geworden sind, aber es gibt noch genug andere, die jedes Jahr eine Dividende ausschütten, zum Beispiel Deutsche Continentale Gas, Deutsche Centralboden, Deutsche Bank, Commerzbank und Schultheiss, worüber es einen Haufen Belege gibt. Bestimmt ist es schlau, einen Teil seines Geldes in Aktien anzulegen. Künftig werde ich in den „Düsseldorfer Nachrichten“ immer auf die Kurse von Onkel Georgs Aktien achten.


Gleich zu Beginn des neuen Jahres stecke ich mir 50 Mark ins Portemonnaie, gehe runter zur Deutschen Bank und eröffne ein Sparkonto. Als mir der Filialleiter Herr Daub das hellblaue Sparbuch und die Ausweiskarte aushändigt, sage ich ihm, ich wäre an einem Aktienkauf interessiert. Daraufhin überreicht er mir einen Prospekt zum Thema Aktien und Wertpapiere und sagt, Aktienkauf ist ein riskantes Geschäft, die Kurse können sehr schwanken. Er empfiehlt mir einen Investmentfonds, und wenn ich Aktien kaufen will, muss einer von meinen Eltern dabei sein.

Zuhause frage ich Mama, ob sie nachher noch einmal mit mir zur Deutschen Bank runtergeht, damit ich Aktien kaufen kann, aber Mama sagt, heute passt es ihr nicht.


In Deutsch haben wir „Kleider machen Leute“ von Gottfried Keller gelesen, und jetzt möchte Herr Selbach von uns wissen, ob Wenzel Strapinski in unseren Augen ein echter Betrüger ist, ein Hochstapler und Heiratsschwindler, oder ob die Leute in Seldwyla ihn in die Grafenrolle gedrängt haben und er also unschuldig ist. Er sucht zwei Freiwillige, die den Staatsanwalt und den Verteidiger spielen und beim nächsten Mal ihre Plädoyers halten. Dann wird der Rest der Klasse das Urteil fällen, und Herr Selbach als Richter wird es verkünden. Andreas Krämer meldet sich für den Staatsanwalt, und ich melde mich für den Verteidiger.


In der nächsten Stunde verwandelt Herr Selbach den Klassenraum in einen Gerichtssaal. Er schiebt das Lehrerpult vor die Tafel, und davor kommen zwei Bänke, die eine ein Stück nach links, die andere ein Stück nach rechts. An der linken sitzt Andreas Krämer, an der anderen sitze ich, beide mit dem Gesicht zur Klasse.


Zuerst verliest Andreas die Anklage, und dabei muss er aufstehen. Er bezeichnet Strapinski als Hochstapler, der die Gastfreundschaft der Seldwyler Bevölkerung schamlos für seine eigenen Zwecke ausgenutzt hat und liest zum Beweis eine Stelle aus der Geschichte vor. Als er mit der Verlesung fortfahren will, rufe ich schnell Einspruch, euer Ehren, weil das im Film auch so gemacht wird. Die andern lachen, aber Herr Selbach meint, ich soll still sein, bis ich dran bin, und deshalb nehme ich alle weiteren Vorwürfe mit steinerner Miene zur Kenntnis und tue so, als würde ich mir Notizen machen.


Als Andreas fertig ist, fragt ihn Herr Selbach, welche Strafe er fordert, und Andreas sagt, das überlässt er der Weisheit des Gerichts. Dann darf er sich wieder setzen, und jetzt kommt mein Auftritt als Verteidiger.


Sehr geehrte Herren Anwesenden! Hohes Gericht! Man hat meinen Mandanten Wenzel S. (ich sage Wenzel S., weil in den „Düsseldorfer Nachrichten“ die Namen von Tatverdächtigen meistens auch abgekürzt werden, damit man sie nicht erkennt) der Hochstapelei und des Betrugs beschuldigt, deshalb hat er mir seine Justifikation übertragen, und in seinem Namen weise ich dies hiermit zurück. Das Ziel meiner Arbeit ist es, die Wahrheit ans Licht zu bringen, so dass es gar nicht anders geschehen kann, als dass der Urteilsspruch zu den Gunsten des Angeklagten ausfällt. Zuerst werde ich den Vorwurf Hochstapelei auswischen. Hohes Gericht! Darf ich den Zeugen Kutscher vernehmen? Danke.


Um mich in den Zeugen Kutscher zu verwandeln, stelle ich mich mit dem Rücken zur Klasse vor die Bank und lese aus dem Reclam-Heft vor.


Ich ging wegen des steilen Weges neben den Pferden, und als ich, oben angekommen, den Bock wieder bestieg, fragte ich den Schneider, ob er sich nicht in den leeren Wagen setzen wolle.


Gleich danach Rückverwandlung in den Verteidiger.


Und wer würde das schon verweigern, so ein Anerbieten? Hohes Gericht! Sie etwa? Gut. Ich glaube, dazu wäre nichts mehr zu sagen. Darf ich nun, Hochwürdiges Gericht, den Zeugen Wirt vernehmen? Danke.


Auf gleiche Weise wie eben verwandle ich mich in den Zeugen Wirt.


Ich fragte: Der Herr wünscht zu speisen? Gleich wird serviert werden, es ist eben gekocht! Und ohne eine Antwort abzuwarten, lief ich in die Küche.


Rückverwandlung. Das genügt! Aber weiter. Die Hochstapelei, die nun folgte, kam ganz allein von Seiten des Kutschers. Zeuge Kutscher!


Verwandlung in den Zeugen Kutscher.


Ich sagte: Der Graf Strapinski wird heute und vielleicht einige Tage hierbleiben, denn er hat mir befohlen, mit dem Wagen vorauszufahren.


Rückverwandlung. Keine weiteren Fragen. Hohes Gericht! Beim Kutscher liegt also einzig und allein die Schuld, denn der Angeklagte selbst bezeichnete sich nie als Graf und unterschrieb stets nur mit seinem wirklichen Namen ohne jede Zutat. Ich denke, auch Betrug kommt hier nicht in Frage, aber das überlasse ich euch, Euer Ehren. Im Namen des Volkes, in Interessenwahrnehmung meines Mandanten beantrage ich, hohes Gericht, unter mildernden Umständen Freispruch auf Bewährung!


Papa kommt mit einem Päckchen nach Hause, und darin sind fünf Westernhefte, fünfmal das gleiche: „Höllentrail nach Kansas“ von Adam Cooper, ein Kelter Western für 80 Pfennig, und eins darf ich behalten. Endlich dämmert es mir: Es ist Papas Roman! Ich habe es nicht gleich begriffen, weil Papa ihn „Luke Short und seine Mannschaft“ genannt hatte.


Luke Short sticht den rechten Arm in die Höhe. „Vorwärts, Tedd! Setz deinen Wagen in Bewegung! Du weißt Bescheid: Immer östlich, auf die Quellen des Butte Creek zu. Beeile dich, Freund, wir treiben die ersten zwanzig Meilen durch!“


Warum sein Roman jetzt „Höllentrail nach Kansas“ heißt, weiß Papa auch nicht. Auf dem Umschlag sind drei Revolverschützen vor einer Wagenburg abgebildet, von denen der rechte ein bisschen aussieht wie Robert Fuller, und das ist bestimmt Absicht. Der vordere im gelben Hemd mit rotem Halstuch feuert seinen Revolver gegen einen unsichtbaren Gegner ab und hat den Mund weit aufgerissen, wie wenn er schreien würde: Da hast du es, du Lump, keine Gnade für dich! Stirb und fahr zur Hölle! So macht es Brian nach dem Banditenüberfall. Meine Lieblingsfigur ist der Koch Tedd O’Flaherty.


„Kommt Jungs, holt es euch!“ ruft er missmutig. Doch dann, als er eine Überraschung nach der anderen zum besten gibt, steigt seine Laune vom reichlichen Lob. Der Kaffee ist mit Whisky gemischt, Brot und Speck sind in der Pfanne geröstet. Als Abschluss gibt es Pflaumen in verdünntem Sirup. Obwohl im Grunde der Küchenfahrplan immer der gleiche ist, hat es Tedd verstanden, aus dem Wenigen etwas Neues zu schaffen.


Genau wie es Papa immer macht, wenn er für uns kocht.


Papas Roman geht bis Seite 61, die restlichen fünf Seiten sind Werbung: Werbung für den nächsten Western aus dem Kelter-Verlag, „Tod im heißen Wind“ von Johnny Kent, und für Elektronikbaukästen, Briefmarken, Gasfeuerzeuge, Tischtennistische, Sechsämtertropfen und Togal. Auf einer ganzen Seite wirbt das Hamburger Fern-Lehrinstitut für sein Angebot. Und dann gibt es noch spezielle Anzeigen, die man in Zeitschriften wie „HörZu“ und „Stern“ nicht findet, wahrscheinlich, weil deren Leser nicht unter Bettnässen, Harnbeschwerden, Pickeln, abstehenden Ohren, Schüchternheit oder Übergewicht leiden oder sich von Tätowierungen, Nikotin- oder Alkoholsucht befreien lassen wollen. Das gilt nur für Wildwestromanleser.


Über dem Romananfang steht groß Deutscher Erstdruck, und das finde ich schlau vom Kelter-Verlag, weil die Leser jetzt denken müssen, der Roman sei vorher schon in Amerika erschienen, womöglich von Millionen Amerikanern gelesen und jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Ein Grund mehr, warum der Verfasser keinen deutschen Namen haben darf, weil der Trick sonst nicht funktioniert.


Für Leser, die wissen wollen, worum es in dem Roman geht, gibt es auf der ersten Seite eine kurze Inhaltsangabe. Papa kann sie nicht geschrieben haben, denn darin steht, dass Luke Short mit seiner prächtigen Mannschaft eine Rinderherde von Texas nach Kansas bringen will, und das ist großer Quatsch, wo doch der Rindertreck von der Foundling Ranch bei Ashbrook quer durch Nebraska bis zum Hafen von Niobrara geht.


Aber sonst haben sie fast alles an dem Roman so gelassen, wie Papa es geschrieben hat. Deshalb ärgert er sich auch nur ein kleines bisschen. Die Hauptsache ist, dass sein Roman endlich erschienen ist, weil er schon einigen Leuten davon erzählt hat. Damit er jedem ein Heft schenken kann, will er sämtliche Kioske in der Umgebung abklappern und noch ein paar kaufen. Und dem Kelter Verlag schickt er gleich seinen neuen Western, weil er glaubt, dass er besonders gut ist und weil er diesmal tatsächlich in Texas spielt.


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