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Hilde befand sich gerade in der Küche und zerteilte eine Pampelmuse, als das Telefon in der Diele klingelte. Sie trocknete ihre Finger an der Schürze und nahm den Hörer ab.


„Hahneman?“


„Hilde, hier ein alter Freund. Mein Name ist Haase.“


„Moritz?“


„Ja, ich bin‘s. Tag, Hilde.“


„Guten Tag. Sind Sheila und ihr Mann nicht bei Dir?“


„Doch, Hilde, doch. Du, das ist ja eine tolle Geschichte, der die beiden auf der Spur sind. Ich gratuliere.“


Hilde antwortete nicht sofort, sie musste erst ihre Gedanken ordnen. Die Absprache war gewesen, von Haase nicht einzuweihen. Deshalb hatte sie in ihrem vorgestrigen Telefonat, in dem sie den Besuch von Tochter und Schwiegersohn ankündigte, von einem Artikel gesprochen, den Kim vorbereitete. Vor allem Alexander hatte darauf bestanden, weil er auf keinen Fall in einem Atemzug mit dem „Scharlatan“, wie er sich ausgedrückt hatte, genannt werden wollte. Offenbar hatten die beiden ihre Strategie geändert; gewiss aus gutem Grund.


„Nicht wahr?“ sagte sie, noch etwas unsicher. „Konntest Du ihnen denn helfen?“


„Aber ja. Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“


„Dann bin ich ja beruhigt“, sagte Hilde. „Es ist immer besser, wenn man mit offenen Karten spielt.“


„Aber sag mal, Hilde, wie seid ihr denn überhaupt darauf gekommen, auf diese ganze Geschichte? Ich meine, sie haben mir erzählt, was los ist, aber wie fing das denn alles an?“


„Na, sie waren doch in Straßburg in dieser Ausstellung, da haben sie das Skelett gesehen. Alexander ist doch Experte auf diesem Gebiet. Wie heißt es noch? Paläo-Anthropologie. Ein schwieriges Wort. Und als nächstes habe ich dann mit Sheila die Beschriftung entziffert. Dadurch wussten wir schon einmal, wo es herkam, aus Waldersbach oder Waldbach, je nachdem. Damit sind sie dann zum Pfarrer, und der hat ihnen die Fotos aus den Kirchenbüchern gegeben. Von 1788 sind die. Da stand dann eigentlich schon alles drin, mit dem Engel und so. Kreatur hat der Oberlin dazu gesagt. Und dass er es jetzt beerdigt, ohne Anzeige beim Bürgermeister zu machen, um kein Aufsehen zu erregen. So fing das an.“


Hilde glaubte, von ihrem Freund nun ein Wort des Dankes zu erhalten, aber ihr Gegenüber blieb stumm.


„Moritz?“ fragte sie irritiert. „Bist Du noch da?“


„Ja“, krähte der Angesprochene plötzlich in den Hörer, und zwar so laut, dass Hilde ihn weit von ihrem Ohr entfernen musste. „Ja, ich bin da, und wie! Ah, das ist wunderbar, das ist sensationell. Und die Idee, mich einzuweihen, die kam bestimmt von Dir.“


„Du bist doch nun mal der Experte auf diesem Gebiet.“


„Auf dem – äh – Engel-Gebiet?“


„Na ja, Engel hin oder her, als wir dann den Brief aus Donaueschingen bekamen, wo dieser Arzt aus Straßburg schreibt, was ihm beim Sezieren an Besonderheiten aufgefallen ist, war ja alles klar. Das war kein menschliches Wesen.“


„Nein, natürlich nicht. Nicht mit diesen ganzen – äh – Besonderheiten.“


„Kein Blutkreislauf, das grüne Leuchten der Organe… was noch? Ja, der riesige Kopf natürlich, mit dem riesigen Gehirn. Obwohl Alexander ja meint, das sei gar nicht so entscheidend. Hat er das schon erzählt? Mit dem aufrechten Gang, dass der für die Evolution viel wichtiger war?“


„Nein, Hilde, dazu sind wir noch nicht gekommen. Wir haben bisher mehr oder weniger nur geplaudert. Aber ich bin sicher, dass wir das jetzt nachholen werden. Also nochmal: herzlichen Glückwunsch. Ich bin wirklich von den Socken. Sag, möchtest Du vielleicht noch kurz mit Deiner Tochter sprechen? Die steht neben mir. Ich sag dann schon mal Auf Wiedersehen.“


Hilde antwortete, das sei nicht nötig, weil sie heute Abend ohnehin miteinander telefonieren wollten, aber schon meldete sich am anderen Ende Kim.


„Mutter?“


„Ja, Liebes! Wie geht es dort? Alles in Ordnung?“


Kim spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg.


„Ja, Mutter“, antwortete sie heiser. „Alles in Ordnung.“


„Geht es Dir gut, Sheila? Deine Stimme klingt so anders, so – klein. Bist Du müde?“


„Nein, mir geht’s gut. Mach Dir keine Sorgen.“


„Moritz scheint ja ganz begeistert von der Sache zu sein. Ich musste ihm erzählen, wie alles anfing.“


„Ja, ich weiß. Wir – wir konnten mithören.“


„Ach so. Ich hoffe, ich habe nichts Falsches gesagt. Irgendwas war doch noch mit dem Internet.“


„Die Kirchenbücher sind online. Das heißt, man kann sie über das Internet einsehen.“


„Siehst du, da habe ich ihm etwas Falsches gesagt. Aber Du stellst das richtig.“


„Das mache ich, Mutter.“


„Und die Namen von dem Arzt in Straßburg und seinem Freund in Donaueschingen sind mir auch nicht eingefallen. Aber sonst habe ich doch alles ganz gut zusammengebracht.“


„Ja, das hast du, Mutter. Ich muss jetzt Schluss machen. Ich rufe Dich heute Abend wieder an. Viele Grüße auch von Alex.“

 

 
 
 

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