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Papa und Mama geben bekannt, dass wir nächsten Monat umziehen, und zwar nach Norf in die Gartenstraße, gegenüber vom Rathaus. Paul weiß, wo das ist, weil da früher ein winziges Lebensmittelgeschäft war. Er kann sich noch gut an die beiden Kaugummiautomaten vor der Tür erinnern, wo es auch goldene Ringe gab, mit denen man so tun konnte, als sei man verlobt.


Am Wochenende nehmen wir die Poster von den Wänden und räumen alle Schränke leer und packen den Inhalt in Kartons, und am Montag kommt wieder die Firma Aschendorff und lädt alles in den großen Möbelwagen. Bevor die Möbelpacker unsere Sachen zur neuen Wohnung bringen, wo Papa schon wartet, damit alles an die richtige Stelle kommt, kriegen sie von Mama noch Gulasch mit Nudeln, und weil es ihnen so gut geschmeckt hat, ziehen sie später einen halben Kubikmeter Ladung von der Rechnung ab.


Wir wohnen auf der zweiten Etage. Ins Erdgeschoss zieht die Deutsche Bank ein, und demnächst soll auch noch die Polizeiwache dazukommen. Paul kann von Glück sagen, dass Herr Ramrath schon pensioniert ist, der ihn nach der Moped-Geschichte bestimmt nicht mehr aus den Augen gelassen hätte. Eine Bank im Haus zu haben ist dagegen eine praktische Sache, weil man jederzeit Geld abheben kann. Ich nehme mir vor, bei nächster Gelegenheit ein Konto zu eröffnen, und Mama schlage ich vor, dass sie mit ihrem Konto von der Stadtsparkasse Neuß auch hierher wechselt. Aber sie will nicht, dass Leute im Haus wissen, wie viel Geld sie verdient und wie viel Geld gerade auf ihrem Konto ist. Nicht mal Paul und mir verrät sie das.


Unsere Wohnung hat fünf Zimmer und außerdem Küche, Diele, Bad und Gäste-WC. Das Bad hat neben dem Klobecken noch ein Bidet. Papa kennt es aus Italien und sagt, es ist dazu da, dass man sich den Po waschen kann, aber Mama findet es igitt und deshalb hat Papa es mit einem dicken Brett abgedeckt und jetzt liegen die großen Badehandtücher darauf.


Weil unsere Wohnung die größte im Haus ist, haben wir auch den größten Balkon, der sogar über Eck geht. Loggia, verbessert mich Papa, weil er das auch aus Italien kennt. Von hier aus blickt man auf die Trauerweiden und Pappeln am Norfbach und auf das Rathaus und die Gartenstraße hinauf bis zur Kreuzung Nievenheimer Straße, wo die Haltestelle vom Linienbus ist, und zwei Querstraßen weiter ist schon der Bahnhof.


In meinem Zimmer stehen mein Bett und eine Truhe, in der tagsüber das Bettzeug verschwindet, ein kleiner Büroschreibtisch zum Hausaufgabenmachen, gegenüber mein Kleiderschrank und dann noch der runde Metalltisch aus dem Gastgarten in Vögisheim. Über mein Bett klebe ich „Bravo“-Bilder von den Beatles in den Kostümen des Films „Magical Mistery Tour“, von den Rolling Stones und von den Bee Gees, und an die Wand gegenüber Bilder aus dem „Stern“ von Jim Clark, Robert Kennedy und Jan Palach.


Weil wir nicht genug Möbel haben, um die große Wohnung damit einrichten zu können, kauft Papa für die Diele bei Möbel Trösser in Neuß auf der Oberstraße eine Spiegelgarderobe, eine kleine Doppelcouch und zwei kleine Sessel, und für die anderen Zimmer bei Rud van Endert noch ein paar Gebrauchtmöbel. Kaum sind sie geliefert und aufgestellt, sehen sie auch schon so aus, als hätten sie immer schon zu unserer Einrichtung gehört. So ist das mit Gebrauchtmöbeln, sagt Papa, man kriegt ihre Geschichte umsonst mitgeliefert. Wenn mal Besuch kommt, wird niemand erkennen, ob die Abnutzungsspuren von fremden Leuten stammen oder von uns.


Und es stimmt wirklich. Sie sehen ganz so aus, als hätten sie die ganze Zeit bei Fräulein Vogel in Speyer gestanden und wären endlich zu uns zurückgekehrt.


Für unsere Diele kauft Papa außerdem einen Zimmerspringbrunnen, weil die Luft zu trocken ist. Unten ist ein großes Becken und darüber sind zwei kleine Schalen. Wenn man den Springbrunnen an den Strom anschließt, sprudelt aus der oberen Schale eine kleine Fontäne. Neben den Zimmerspringbrunnen stellt Papa den großen Philodendron und die Efeutute, weil es Urwaldpflanzen sind, die es gerne feucht und schummrig haben. Paul meint, in der Diele sieht es aus wie im China-Restaurant in Neuß.


In der kleinen Pause schieße ich aus Versehen Günther Dressler mit der Gummiflitsche ins Gesicht, als er gerade in sein Frühstücksbrot beißt und wehrlos ist, und jetzt heißt es schnell weg, weil er sonst Hackfleisch aus mir macht. Auf meiner Flucht schmeiße ich ein paar Stühle um, um ihm den Weg zu versperren, und renne Richtung Treppe. Um mir noch mehr Vorsprung zu verschaffen, haue ich auch noch die Glastür im Flur, die immer offen steht, hinter mir zu. Soll Dressler doch mit der Nase dagegen rennen! Doch im selben Moment ertönt hinter mir wütendes Gebrüll.


Halt! Stehenbleiben!


Die Stimme kenne ich. Augenblicklich erstarre ich zur Salzsäule.


Wohl verrückt geworden, was!


Ich drehe mich um. Mit großen Schritten kommt Dr. Brych auf mich zu, vorbei an Dressler, der sich wie versteinert an die Wand drückt, weil er meint, dadurch unsichtbar zu werden. Bei „Jerry Cotton“ gibt es manchmal grässlich zugerichtete Leichen, deren Anblick einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Genauso geht es mir jetzt. Es hilft auch nichts, sich Dr. Brych in Unterhosen vorzustellen. Selbst eine grässlich zugerichtete Leiche in Unterhosen lässt einem das Blut in den Adern gefrieren.


Name? Klasse?


Die glühenden Hypnoseaugen von Dr. Brych bohren sich in mein Innerstes. Vor Angst kann ich kaum sprechen.


Thalrand, krächze ich heiser. UIIIc.


Eine Stunde Arrest! Sofort beim Klassenlehrer melden!


Rasiermesserscharf fliegen die Worte aus seinem Mund, jedes Wort ein Schnitt in mein Gesicht. Noch einmal schaut er mich von oben bis unten an, dann schreitet er weiter.


Jetzt, wo der erste Schreck vorbei ist, fange ich an zu heulen. Vorbei an ein paar hämisch grinsenden Gestalten schleiche ich in den Klassenraum zurück, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und setze mich auf meinen Platz.


Kurz vor Weihnachten kriegen wir ein Telegramm: Onkel Georg ist gestorben und wird schon am Samstag beerdigt. Wir wussten gar nicht, dass er krank war, aber Mama meint, er hatte zuletzt Herzasthma. Einerseits bin ich ein bisschen traurig, weil Onkel Georg immer großzügig zu uns war. Vielleicht hätte ich mir in drei Jahren auch Geld für ein Fahrrad wünschen dürfen und mir dann ein Moped gekauft. Andererseits bin ich sehr auf die Erbschaft gespannt, weil es außer Mama, Omi und Tante Hilde keine anderen Verwandten gibt, die etwas erben können.


Aus Angst, dass man sie an der Grenze verhaftet, weil sie damals mit Papa und Paul aus der Sperrzone geflüchtet ist, fährt Mama nicht mit dem Zug, sondern fliegt nach Berlin, und am Sonntagabend ist sie schon wieder zurück, völlig geschafft. Es ist ihr gar nicht recht, dass sie sich um alles kümmern muss, aber Omi und Tante Hilde wohnen in der Ostzone und können gar nichts machen. Wenn rauskommt, dass sie im Westen eine Erbschaft gemacht haben, müssen sie sowieso alles an ihren Staat abgeben.


Wir sind alle sehr gespannt, was in Mamas zwei großen Koffern drin ist. Sie sagt, dass sie vieles weggeworfen hat, zum Beispiel Unterwäsche, Einlegesohlen, ausgeleierte Pulswärmer und einen Stapel Iduna-Quittungen, aber den Rest hat sie eingepackt, und demnächst kommt auch noch ein Paket mit Büchern und Briefen und Zeitungsausschnitten. Ein Kofferradio hat Onkel Georg auch besessen, und zwar ausgerechnet einen Grundig music-boy, den ich mir schon immer gewünscht habe, aber Mama hat es nicht übers Herz gebracht, ihn seiner Freundin im Altersheim wegzunehmen, weil sie doch jetzt so arm dran ist ohne ihn, und seinen goldenen Füllfederhalter hat sie ihr auch überlassen, weil sie extra darum gebeten hat, zur Erinnerung.


In den Koffern ist fast nur Krimskrams: Kleiderbügel, Schuhputzzeug, drei Spazierstöcke, ein Patentnassrasierer, zerlegt im Etui, ein winziger Reisewecker, eine Bücherstütze in Elefantenform mit echtem Elfenbeinstoßzahn. Mir gefällt am besten die schwere alte Geldkassette mit dem eingravierten Schriftzug Dr. Jacoby, woran man erkennt, dass sie von Onkel Georgs Großvater stammt. Sie ist aufgebrochen, aber Mama weiß nicht, ob das vor oder nach Onkel Georgs Tod passiert ist, und im Altersheim hat es ihr auch niemand sagen können. Weil sie kaputt ist, darf ich sie haben. Paul ist ganz scharf auf die bauchige Arzttasche aus abgeschabtem braunem Leder, die entweder auch von Dr. Jacoby stammt oder von Onkel Georgs Vater Dr. Schröter, aber Mama erlaubt nicht, dass er sie als Schultasche benutzt.


Onkel Georg hat auch einen „Stammbaum der Familie Schmidt-Lobeda“ besessen. Es ist ein gedrucktes Buch, die meisten Seiten sind zum Aufklappen. Darin sind Mamas Vorfahren von der Seite ihrer Mutter aufgeführt, lauter Namen ohne Gesichter, mit nichts als Zahlen: Zahlen für Taufe, Vermählung und Tod. Ihr ältester nachweisbarer Vorfahre ist ein gewisser Hans Schmidt, Seilmacher in Apolda. Er muss sehr weitläufig mit uns verwandt sein, denn soweit ich weiß, heißt niemand in der Familie heute noch Schmidt. Um ihn mit Mama in Verbindung zu bringen, muss man vor das Wort Großvater sechsmal Ur- setzen. Außerdem ist von ihm nur sein Heiratsdatum bekannt, 14.11.1665. Graue Vorzeit. Damit liegt er über fünfzig Jahre vor dem ältesten Vorfahren auf Papas Seite, und das wurmt ihn. Dass es ein echter Thalrand ist, macht die fehlenden Jahre nicht wett. Aber Papa kann sich auf den Kopf stellen, ältere Urkunden seiner Vorfahren gibt es nicht.


Und dann ist da sehr viel Papierkram, vieles davon betrifft Onkel Georgs Konten bei der Deutschen Bank und der Berliner Disconto Bank. Außerdem hat er auch Aktien und andere Wertpapiere besessen, die noch in einem Bankdepot liegen. All das interessiert mich sehr, weil das ganze Vermögen demnächst unter Omi, Mama und Tante Hilde aufgeteilt wird, aber Mama erlaubt nicht, dass ich mich mit den Unterlagen beschäftige, weil ich es herumposaunen könnte.


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