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Alexander war mit Kims forschem Auftreten ganz und gar nicht einverstanden. Für seinen Geschmack ging sie entschieden zu auffällig vor. Um von Haase auch auf diese Weise zu verdeutlichen, dass er es war, der im Fokus stand, zielte er gestenreich mit der Kamera auf ihn und betätigte überflüssigerweise sogar das Blitzlicht. Von Haase schien sich aber an Kims Insistieren nicht zu stören. Offenbar war er hartnäckige Journalistenfragen gewohnt.


„Ich erinnere mich an die Handschrift. Eine typische Neurotiker-Handschrift. Eng, steil, schräg.“


„Und der Inhalt?“


„Wie ich schon sagte, eine Reihe von Jahreszahlen“, sagte von Haase. Er verschlang bereits den Rauch der neuen Zigarette, den er auf die immer gleiche Weise als Sprudel durch die entblößten Zähne von sich gab. „Für mich ohne Sinn, jedenfalls habe ich kein System erkannt. Er hat mir ja auch nicht verraten, wie er darauf gekommen ist. Das wollte er im Anschluss an eine noch zu treffende Vereinbarung tun. Und wie ich schon sagte: Dazu kam es nicht. Ende der Fahnenstange. Mag sein, dass Du auf andere Weise noch etwas herausbekommst. Als Journalistin hast Du sicher so Deine Möglichkeiten.“


Er machte eine Pause und schien nachzudenken.


„Vielleicht hast Du ja auch schon etwas herausbekommen“, sagte er langsam. Dann sah er Kim plötzlich scharf an. „Habe ich Recht? Du weißt etwas!“


„Was soll ich denn wissen, Maurice? Ich hatte doch bis vor 5 Minuten nicht die geringste Ahnung –“


Von Haases Lippen verschmälerten sich. „Keinen blassen Schimmer hattest du, das stimmt... Bis mir leider ein wichtiges Geschäftsgeheimnis entschlüpft ist. Und mit diesem frischen Wissen wirst Du jetzt loslegen, denn Du hast ein Projekt in Arbeit, nicht wahr? Gib es zu, ich habe eine Nase für so etwas, die von Haase-Nase!“


„Maurice –“


Von Haase reckte sein Kinn angriffslustig vor. Es war, als ob er unter dem Tisch ein Messer gezogen hätte und sich für eine Rauferei bereitmachte. „Nix Maurice! Du willst der neue von Haase werden, das ist es! Und der Mann in Dresden, dessen Name nie wieder über meine Lippen kommen wird, soll Dir das Drehbuch dazu liefern. Aber das sag ich Dir, Wir sind nicht allein wird Dein Film oder Dein Roman oder was immer Du vorhast, nicht heißen, und auch nicht Warum wir nicht allein sind, die Titel gehören alle mir, mirmirmir!“


Wütend stopfte er die Zigarette, von der er erst wenige Züge genommen hatte, in den Aschenbecher. „Ohne mich geht gar nichts. An mir vorbei, das kannst Du vergessen. Ich bin berühmt, nicht du, ich habe die besten Verbindungen zu den Medien, die allerbesten.“ Angewidert schob er den Aschenbecher von sich weg.


Alexander starrte gebannt auf Kim, die sich jedoch völlig unbeeindruckt zeigte.


„Maurice“, sagte sie langsam und strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. „Darf ich jetzt auch einmal etwas sagen?“


„Nein!“


„Doch! Erstens: Ich schreibe kein Buch. Zweitens: Ich drehe keinen Film.“


„Ja“, unterbrach sie von Haase schroff, „aber vielleicht Dein Mann. Das Werkzeug hat er jedenfalls schon dabei.“


Alexander protestierte. „Das ist ein ganz gewöhnlicher Fotoapparat!“


„Mir könnt ihr nichts vormachen. Wie er mich angeschaut hat... Wie einen aufgespießten Schmetterling!“


„Drittens“, fuhr Kim fort, „habe ich nicht die geringsten kommerziellen Interessen.“


„Das sagen alle. Das habe ich früher auch immer gesagt. Und zu 99% ist es immer gelogen. Ich werde Dir beim Reich- und Berühmtwerden nicht zusehen!“


„Maurice, mir geht es nicht um Geld. Ich bin auch nicht gekommen, um Dir etwas wegzuschnappen. Sondern um Dich möglicherweise mit etwas viel Kostbarerem zu beschenken: Deiner Integrität. Denn Du hast nun einmal einen ziemlich ramponierten Ruf...“


„Ach ja? Vorhin klang das aber noch ganz anders. Du bist eine Legende, eine Ikone“, wiederholte er Kims Worte, wobei er ihnen zugleich eine ironische Betonung gab, „Du bist der Jules Verne des 20. Jahrhunderts…


Unvermittelt hieb er mit der Faust auf den Deckel des Flügels, und die Silbervase und der Aschenbecher taten einen kleinen Hüpfer. „Hast Du es gesagt oder nicht?“


„Ja.“


„Und jetzt heißt es plötzlich: Lieber Maurice, Dein Ruf ist ruiniert. Ja was denn nun? Ent oder weder?“


Kim machte Anstalten, etwas zu erwidern, aber von Haase kam ihr zuvor. „Und was meinen Ruf in Deinen Kreisen angeht… Das interessiert mich einen Scheißdreck. Ja? Einen Scheißdreck.“


Alexander war zunächst zu verblüfft gewesen, um sich gekränkt zu fühlen. Doch mittlerweile haderte er mit sich, ob er eingreifen sollte oder nicht. Einerseits wusste er, dass Kim jederzeit in der Lage war, sich selbst den nötigen Respekt zu verschaffen. Andererseits hielt er es für ungalant, sich ganz aus der Debatte herauszuhalten. Endlich entschied er sich, Kim zu Hilfe zu kommen.


„Einen Augenblick mal“, sagte er mit rau gewordener Stimme.


„Ach, der Herr Gemahl ist auch noch da“, ließ sich von Haase spöttisch vernehmen.


„Bei allem Respekt, Maurice… Aber so geht man nicht mit Gästen um. Wir müssen uns keine Unterstellungen gefallen lassen. Und Deine Kraftausdrücke sind ebenfalls unangebracht. Vor allem der Tochter eines alten Freundes gegenüber.“


„Ihr beiden seid wirklich ein Herz und eine Seele. Das ist nicht zu übersehen“, sagte von Haase und ließ seinen Blick zwischen ihnen wandern. „Vielleicht tue ich euch ja Unrecht. Aber ich liege mit meiner Einschätzung selten falsch.“


Er lächelte tückisch. „Wisst ihr was? Ich werde mal eine alte Freundin anrufen. Auf deren Rat ist immer Verlass.“


Er zog ein altmodisches kleines Handy aus der Hosentasche, klappte es auf und drückte ein paar Tasten. Dann hielt er es an sein Ohr.

 

 
 
 

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„Mein Artikel wird sich vor allem mit der Wirkung beschäftigen, die Deine Ideen beim Publikum hatten“, sagte Kim. „Und dann natürlich mit Dir als Begründer des neuen Mythos“, fügte sie schnell hinzu.

 
 
 
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Von Haase sprach leicht und selbstgefällig und in wohlgerundeten Sätzen; seine Lippen formten die Worte auf besondere Weise, als seien es wertvolle Geschenke, mit denen er seinen Gästen Freude zu mach

 
 
 
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Sie folgten von Haase zwölf Stufen hinab in den eigentlichen Wohnraum. Der eierschalfarbene Teppich war so hochflorig, dass er Kims Knöchel kitzelte. Beherrscht wurde der Raum von einem zugeklappten r

 
 
 

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