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- Jan-Christoph Hauschild

- vor 2 Tagen
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„Mein Artikel wird sich vor allem mit der Wirkung beschäftigen, die Deine Ideen beim Publikum hatten“, sagte Kim. „Und dann natürlich mit Dir als Begründer des neuen Mythos“, fügte sie schnell hinzu. „Gab es eigentlich eine Interaktion zwischen Dir und dem Publikum?“
Von Haase starrte sie verständnislos an, dann nahm er erneut einen tiefen Zug aus seiner Zigarette.
„Interaktion?“ Grau strömte der Rauch zwischen seinen makellosen Zahnreihen hervor.
„Ich meine, haben Deine Leser den Kontakt zu Dir gesucht, waren sie auf Austausch erpicht, haben sie Dir interessante Dinge mitgeteilt? So etwas halt.“
„Die Reaktion war gewaltig. Mein Buch schlug ja auch ein wie eine Bombe. Wie sagte Napoleon so schön: Die wirkliche Bedeutung eines großen Mannes zeigt sich darin, ob er sich seinen Zeitgenossen verständlich machen kann. Es gab die erwähnten Beschimpfungen durch die akademische Zunft. Einzelstimmen waren das. Und begeisterte Leserbriefe, waschkorbweise.“
„Haben Deine Bücher Leute ermutigt, sich mit ihren Beobachtungen an Dich zu wenden? Wurden Dir jemals Dinge anvertraut, wo Du dachtest: Hmm, merkwürdig, das ist ja wirklich phänomenal, unerklärlich? Aufregende Geschichten?
Von Haase lächelte milde. „Die Geschichten waren nie aufregend. Aufregend wurden sie erst durch mich.“
„Gab es nie richtig spannende Leserreaktionen?“
„Das kommt darauf an, was Du unter spannend verstehst. Es gibt immer irgendwelche Spinner mit verrückten Theorien.“
„Mit eigenen Feststellungen oder Ideen beeindruckt hat Dich niemand?“
„Ach weißt du, Sheila“, sagte von Haase und zog einen maisgelb lackierten, gusseisernen Aschenbecher zu sich heran, „ich bin sehr schwer zu verblüffen. Und dann: Meine damalige Frau, zu dieser Zeit noch meine Sekretärin, hat ja all die Briefe gelesen, nicht ich. Manchmal hat sie mir, was ganz selten vorkam, einen Brief weitergereicht. Weil sie dachte, daraus ließe sich etwas machen.“ Er zog den Rest der Zigarette aus der Bernstein-Spitze und drückte sie im Aschenbecher aus. „Wieso reitest Du auf dieser Frage herum?“
„Ich dachte, dass vielleicht einmal jemand unabhängig von Dir irgendein Phänomen –“
„Irgendein Phänomen? Das ist aber sehr vage!“
„Ich dachte an Deine Hauptthese. Es könnte doch sein, dass jemand in Deiner Theorie genau den Gedanken erkannt hat, der für diesen Menschen der Schlüssel zum Verständnis eines Phänomens war, das sonst unerklärlich geblieben wäre.“
Von Haase runzelte die Stirn. „Ich komme nicht ganz mit.“
„Also, irgendjemand auf der Welt liest Dein Buch.“
„Wir sind nicht allein.“
„Ja. Und auf einmal geht ihm ein Licht auf. Fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Und dann schreibt er Dir einen langen Brief, ganz begeistert, und schreibt –“
„Begeistert waren sie alle. Oder sagen wir: fast alle. Aber ich habe eigentlich nur ein einziges Mal einen Brief bekommen – einen von Tausenden –, der mich interessiert hat.“
„Wer hat diesen Brief geschrieben?“
„Irgendein Doktor aus Ostdeutschland, aus Leipzig oder Dresden.“
„Und was hat er so Interessantes mitzuteilen gehabt?“
„Er behauptete, einen prä-astronautischen Besuchskalender für Kontakte der dritten Art errechnet zu haben, der angeblich zu meinen Untersuchungen passen sollte.“
„Einen Besuchskalender?“, wiederholte Kim langsam, wobei sie sich bemühte, ihre Stimme nicht aufgeregter als sonst klingen zu lassen.
„Jawohl. Aber frag mich nicht, auf welcher Grundlage. Es ist zu lange her. Eine Folge von Jahreszahlen, die zurückging bis ins erste vorchristliche Jahrtausend. Weit auseinander liegend, aber trotzdem irgendeiner mir nicht mehr erinnerlichen Regel folgend.“
„Und dass diese Zahlen auf dem Ergebnis der letzten Lottozahlenziehung basierten“, warf Alexander ein, „das konntest Du ausschließen?“
„Danach klang es nicht“, sagte von Haase und fingerte nach einer neuen Zigarette. „Der Mann war augenscheinlich vom Fach. Holz. Das war sein Name. Und von Beruf war er Ingenieur in einem Rechenzentrum, ich glaube in Leipzig. Oder Dresden. Was er geschrieben hat, klang spannend. Sonst wäre sein Brief ja auch gleich im Papierkorb gelandet.“
Er dreht sich wieder zu Kim. „Aber wenn Du mein Ansehen in der Öffentlichkeit heben willst, musst Du Dir schon etwas Besseres ausdenken, meine Liebe. Mit Dr. Holz klappt das nicht.“
„Wieso?“
„Na ja... Was wäre dabei denn schon herausgekommen?“ Von Haase lachte rau. „Ein Aufguss von meinem eigenen Quatsch natürlich, was denn sonst.“
„Hast Du den Brief noch?“
„Dummerweise habe ich ihn an meinen Lektor in Hamburg weitergereicht. Der hat alle meine Bücher betreut. Bis er sich totgesoffen hat, der arme Hans Nagel.“
„Warum?“
„Warum, warum... Vermutlich weil er im Leben nicht zurechtkam.“
„Nein, ich meine, warum hast Du den Brief Deinem Lektor gegeben?“
„Wie ich schon sagte, weil er für meine Bücher zuständig war. In einem umfassenden Sinne. Manches Buch stammt sogar, wohlgemerkt: nur der Idee nach, von ihm. Ich habe es dann nur noch schreiben müssen. Oder er hat Vorschläge für Ergänzungen in Neuauflagen gemacht. Manchmal, wenn es schnell gehen musste, hat er auch eigene Texte beigesteuert. Und es musste eigentlich immer schnell gehen. Den Brief von Holz hat er bekommen, damit er überlegt, ob sich die Geschichte für das nächste Buch benutzen lässt. In welcher Form auch immer. Und meines Wissens hat Nagel auch Kontakt aufgenommen. Aber die Sache ist dann im Sande verlaufen. Warum, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist der arme Kerl ins Fadenkreuz der Stasi geraten, denn das alles geschah ja noch zu DDR-Zeiten.“
„Und der Brief von Holz, ist der noch bei Deinem Verlag?“
„Den Globus-Verlag gibt es nicht mehr. Er hat 1988 Pleite gemacht. Was für mich einen Verlust von zirka 200.000 Franken – damals – bedeutet hat. Der Verleger hat das ganze Geld rechtzeitig herausgezogen und seiner Frau übertragen. Und dann Konkurs angemeldet. Und ich habe ein langes Gesicht gemacht. Aber nicht nur ich, auch seine Druckerei, die Verlagsangestellten, der gute Hansi Nagel ebenfalls... Wir sind alle leer ausgegangen.“
„Und das Verlagsarchiv?“
„Alles weg. Möbel, Einrichtung, alles gepfändet, verkauft, vernichtet.“
Kim legte einen Finger an die Nase und schloss für einen Moment die Augen.
„Gut. Der Brief von Holz. An wen war er adressiert?“
„Der ging an mich. Über den Verlag natürlich. Meine Privatadresse konnte er ja nicht kennen.“
„An was erinnerst Du Dich?“

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