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Vor ein paar Tagen bin ich vor dem Klassenzimmer aus Versehen mit Bohn zusammengestoßen. Ich kam vom Flur und wollte gerade rein, und er wollte gerade raus, und weil er dabei mit der Hand seinem Freund Gottlieb etwas gezeigt hat, ist seine Hand mit dem Knöchel genau in meinem Gesicht gelandet. Weh getan hat es nicht, und es tut auch jetzt nicht weh, aber meine rechte Backe sieht aus wie aufgeblasen, und deshalb fährt Mama mit mir nach Neuß zu Dr. Papst. Ich erzähle ihm von dem Zusammenprall mit Bohn, und er hat auch schon einen Verdacht. Er sagt, wahrscheinlich wurde durch den Stoß der Nerv getroffen, der den rechten vorderen Schneidezahn versorgt. Dadurch ist der Nerv abgestorben, es hat sich Fäulnisgas entwickelt, und weil das nicht entweichen kann, ist der Kiefer angeschwollen.


Dr. Papst macht einen Test, indem er mir ein Stückchen Eis an den Zahn hält. Ich spüre nichts. Zum Vergleich hält er mir das Eis an den Zahn daneben, und schon zucke ich zurück.


Wie ich mir gedacht habe, sagt er mit ernster Miene. Der Zahn ist tot.


Ich muss sitzen bleiben, damit er mir den Zahn aufbohren kann und das Gas entweichen kann. Er sagt, es tut nicht weh, aber ich glaube ihm nicht, weil das die Zahnärzte immer sagen. Die Geräusche sind schrecklich, und die ganze Zeit über ist mir mulmig zumute, weil ich denke, dass es mir irgendwann doch weh tut, aber es passiert nichts, es riecht nur komisch. Als er fertig ist, darf ich umspülen, und dabei kommt ein bisschen Blut heraus. Mit der Zunge kann ich das Loch in meinem Zahn fühlen, und wenn ich daran sauge, schmeckt es ein bisschen nach abgebrannten Ladycrackern.


Dr. Papst meint zu Mama, später kann ich mir da mal einen Stiftzahn einsetzen lassen, aber als nächstes muss die Zahnwurzel gereinigt und verfüllt werden, und dafür schreibt er mir eine Überweisung für die Zahnklinik in Düsseldorf. Zu mir sagt er, dass das alles nicht weh tut, und diesmal glaube ich es ihm.


Ein paar Wochen später, wir haben Osterferien, fährt Mama mit mir nach Düsseldorf. Der Zahnarzt ist viel jünger als Dr. Papst und hat auch keinen weißen, sondern einen grünen Kittel an. Ich setze mich in den Behandlungsstuhl, und er sagt, dass ich keine Angst haben muss, weil der Nerv vom Zahn abgestorben ist und mir keine Schmerzen mehr verursachen kann. Mein toter Zahn wird zuerst geröntgt. Dann muss ich die Brille abnehmen. Der Behandlungsstuhl wird nach hinten gekippt, ich muss den Mund aufmachen, ein Gerät zum Speichelabsaugen wird eingehängt, der Zahnarzt schaltet eine Lampe ein und hantiert mit seinen Instrumenten in meinem Mund herum. Plötzlich hält er mir mit seiner Pinzette etwas vor die Nase, das wie eine schwarze Nadel aussieht.


Wie kommt das denn da hinein?


Ich spüre, wie mir ungebeten das Blut ins Gesicht schießt. Es ist die Borste, die ich aus dem Sofa gepult habe, als ich allein im Wohnzimmer gesessen bin und mir eine neue Folge von „Die Monkees“ angeschaut habe. Erst habe ich mich damit im Gesicht gepiekt, dann meine Zunge rauf und runter, und schließlich zwischen den Zähnen herumgestochert, weil die Borste elastisch und trotzdem fest ist. Und dabei ist sie dann in dem Loch von meinem toten Zahn gelandet. Ich konnte sie reinstecken und wieder rausziehen und dann daran riechen. Und als ich es noch mal gemacht habe, ist sie mir aus den Fingern gerutscht und im Loch verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Bis jetzt. Zum Glück habe ich den Mund weit aufgesperrt und kann nur Nggaha sagen.


Hmm? Er nimmt mir den Speichelabsauger aus dem Mund, damit ich antworten kann.


Ich tue so, als müsste ich dringend ausspucken. Er bringt den Behandlungsstuhl wieder in die Normalstellung, und während ich mich über den Spucknapf beuge, überlege ich, was ich ihm erzählen kann. Wenn ich ihm sage, dass die Borste im Essen gewesen ist, glaubt er es bestimmt nicht. Die Wahrheit zu sagen, traue ich mich nicht.


Das war – das habe ich – das ist aus Versehen da reingekommen.


Mehr sage ich nicht, sondern nehme das Trinkglas, spüle um und spucke aus. Dann sperre ich wieder den Mund auf, zum Zeichen, dass wir von mir aus weitermachen können.


Nachdem der Zahnarzt den Zahn von innen saubergemacht und das Loch verschlossen hat, schaut er sich noch einmal mein Gebiss an.


Putzt du dir auch täglich die Zähne?


Wieder wird mein Gesicht ganz heiß, weil ich auf frischer Tat ertappt bin. Wenn ich ihm die Wahrheit sage, wird er bestimmt mit mir schimpfen, und deshalb sage ich lieber die Unwahrheit.


Ja.


Zweimal am Tag?


Ja.


Und mit welcher Zahnpasta?


Mir fällt so schnell nicht ein, mit welcher Zahnpasta ich meine Zähne nicht putze, und deshalb sage ich erstmal, keine Ahnung, aber weil er mich so grimmig anschaut, sage ich schnell, ich glaube, mit Colgate Fluor S. Im Fernsehen wird ständig Reklame für Colgate Fluor S gemacht.


Morgens und abends Zähneputzen, sagt er, als ob ich das nicht wüsste. Dann bin ich entlassen, aber zu Mama sagt er, sie soll sich für übernächste Woche einen Termin geben lassen, weil der Wurzelkanal gefüllt werden muss, damit ich den Zahn nicht verliere. Bei dieser Bekanntmachung fängt Mama an zu heulen, weil der Termin nicht in den Ferien liegt und sie doch unterrichten muss. Sie kann gar nicht mehr aufhören mit Heulen, und irgendwie schafft sie es, dass der Termin so gelegt wird, dass sie dann keinen Unterricht ausfallen lassen muss. Auf dem Rückweg fährt dann auch noch an der Haltestelle einfach der Bus an uns vorbei, und wir müssen zu Fuß bis zum Bilker Bahnhof gehen. Dieser Tag hat nur Pech und Ärger für uns gebracht.


Heute morgen ist der Schulhof voll mit Schülern aus der Oberstufe. Üblicherweise hängen die meisten von ihnen vor Unterrichtsbeginn in ihren Klassen herum oder qualmen schnell noch eine im Raucherraum. Jetzt stehen sie in kleinen Gruppen zusammen, einige haben Plakate dabei und zusammengerollte weiße Laken, die an Stangen befestigt sind. Irgendwas ist hier im Gange.

Trotzdem stellen wir uns nach dem Klingeln wie gewohnt zu zweien auf. Da erscheint plötzlich Helge Malchow, um uns in unseren Klassenraum zu begleiten, was er noch nie gemacht hat. Helge Malchow ist in der Unterprima und unser Mentor. Zu Beginn des Schuljahrs ist er in unsere Klasse gekommen, hat seinen Namen an die Tafel geschrieben und gesagt, dass wir uns jederzeit an ihn wenden können, wenn wir uns zum Beispiel von einem Lehrer ungerecht behandelt fühlen und uns aber nicht trauen, zu protestieren. Dann würde er sich einschalten und in einem Gespräch mit dem Lehrer unsere Interessen vertreten.


Jetzt wartet er vor der Tür auf Herrn Lieberknecht, und als Herr Lieberknecht kommt, spricht er mit ihm. Danach setzt sich Herr Lieberknecht ans Pult und Helge stellt sich vor die Tafel, um uns zu informieren. Morgen sollen nämlich vom Bundestag in Bonn die Notstandsgesetze verabschiedet werden. Ob wir wissen, was die Notstandsgesetze bedeuten?


Niemand meldet sich.


Helge sagt, wenn die Regierung dann den Notstand ausruft, werden viele unserer Grundrechte, die im Grundgesetz garantiert sind, außer Kraft gesetzt, und das ist gefährlich für unsere Demokratie. Die Regierung darf dann unsere Briefe und unser Telefon kontrollieren, unsere Eltern können zum Militärdienst eingezogen werden, Autos können beschlagnahmt werden, und wenn es zu Unruhen kommt, darf die Bundeswehr auf die Bevölkerung schießen. Wer jetzt nicht aufpasst, darf sich nicht wundern, wenn er morgen in einer Diktatur lebt.


Wie in Griechenland, wirft Herr Lieberknecht ein.


Wie in Griechenland, wiederholt Helge, genau. Die große Koalition aus CDU und SPD hat die Mehrheit im Bundestag. Sie wird die Notstandsgesetze beschließen, wenn wir uns nicht wehren. Überall in Deutschland gehen deshalb heute Arbeiter, Schüler und Studenten auf die Straße und protestieren, und auch am Schwann-Gymnasium hat der Aktionskreis für Demokratie alle Schüler zum Streik aufgerufen. Streik heißt, dass wir keinen Unterricht mitmachen, sondern unser verfassungsmäßiges Recht wahrnehmen und uns dem großen Protestzug anschließen.


Wir haben trotzdem Fragen, und obwohl Helge kein Lehrer ist, heben wir den Arm und Helge nimmt uns der Reihe nach dran.


In der dritten Stunde schreiben wir bei Herrn Selbach ein Diktat, sind wir dann zurück?


Werden wir bestraft, wenn wir heute streiken?


Müssen wir die Demonstration mitmachen oder können wir auch gleich nach Hause gehen?


Ist morgen wieder Schule?


Helge beantwortet alle unsere Fragen und bedankt sich bei Herrn Lieberknecht, dass er ihm die Gelegenheit zur Information gegeben hat. Zu uns sagt er, dass er hofft, viele von uns beim Protestmarsch wiederzusehen, um halb neun geht es los, und Herr Lieberknecht meint, er überlässt es der Entscheidung der Klasse, ob wir heute Unterricht haben oder nicht. Die Mehrheit ist für Streik, weil es noch besser als Hitzefrei ist, denn Hitzefrei gibt es frühestens nach der 4. Stunde, und im Mai sowieso nicht.


Auf dem Schulhof herrscht Gedränge. Die älteren Schüler sind schon auf dem Weg nach draußen, die jüngeren schließen sich an. Plakate werden vor die Brust gehalten, die Stangen mit den Bettlaken entrollt und hin und her geschwenkt. Wir latschen durch das Tor und wenden uns nach links, die Schulstraße hinein. SPD und CDU: Lasst das Grundgesetz in Ruh! rufen wir im Chor.

Passanten haben heute nichts zu lachen, sie müssen ausweichen, weil sie sonst von uns überrollt werden. Es geht nur langsam vorwärts, weil wir so viele sind. Manni und ich laufen irgendwo in der Mitte. Wo unser Zug anfängt und wo er aufhört, können wir nicht sehen.


Wir ziehen zum Quirinus-Gymnasium. Da stehen schon ganz viele, die auch Plakate und Transparente dabei haben. Treibt Bonn den Notstand aus, ist darauf gepinselt. Sie reihen sich bei uns ein. Es heißt, dass wir gemeinsam zur PH marschieren, um uns mit den Studenten zu vereinigen. Weiter geht es, zur Nordkanalallee, am Alexianer-Krankenhaus vorbei auf die Kölner Straße, Richtung Grimlinghausen. Hier machen wir uns richtig breit. Polizisten regeln den Verkehr und passen auf, dass keine Autos in uns reinfahren.


Auf dem Hof der PH bleiben wir stehen. Die Transparente und die Plakate werden hochgehalten. No – No – Notstandstod, rufen wir im Chor. Ein paar Erwachsene bahnen sich kopfschüttelnd ihren Weg durch die Menge. Sind es Studenten oder Professoren? Keiner weiß es. Heraus kommt jedenfalls niemand, wahrscheinlich weil es der Direktor verboten hat.


Plötzlich heißt es, dass wir wieder nach Neuß zurückmarschieren. Vor dem Rathaus soll es eine Abschlusskundgebung geben.


Als wir durch die Oberstraße ziehen, finden Manni und ich, dass wir für heute genug gestreikt haben. Bei Juwelier van Wüllen bleiben wir stehen und tun so, als würden uns die Uhren im Schaufenster interessieren. Von Helge Malchow ist weit und breit nichts zu sehen. Bestimmt marschiert er ganz vorne mit. Ohne uns noch einmal umzudrehen, verschwinden wir in der Passage zum Omnibusbahnhof. Mittwochs haben wir sowieso nur vier Stunden, und die sind gleich um.


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