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Von Haase sprach leicht und selbstgefällig und in wohlgerundeten Sätzen; seine Lippen formten die Worte auf besondere Weise, als seien es wertvolle Geschenke, mit denen er seinen Gästen Freude zu machen gedachte. Mit großer Selbstverständlichkeit nahm er an, dass sie seine Ausführungen zu schätzen wussten.


„Die Menschen damals konnten nicht begreifen, was geschehen war. Daran hat sich übrigens bis heute wenig geändert. Sie hatten keinen Namen für sie, sie hatten keinen Ort für die Besucher. Sie nannten sie Götter und versetzten sie in den Himmel. Ihr wisst, dass als Heimstatt der Götter in vielen Religionen der Weltraum angegeben wird. Der Segen kommt immer von oben. Moses, Mohammed, die Mormonen... Alle haben ihre Lehre von einem außerweltlichen Wesen empfangen. Bei einigen Völkern werden die Menschen nach ihrem Tod sogar zu Sternen oder Sternbildern. Das Weltall als Sehnsuchtsort, weil es die ursprüngliche Heimat ist. Manchmal frage ich mich wirklich, warum vor mir niemand darauf gekommen ist.“


Alexander kam von Haases professoraler Ton grotesk albern vor. War es möglich, dass ein halbwegs intelligenter Mensch mit Ernst solche Ansichten vertrat? Denn um schlichtes Selbstamüsement handelte es sich wohl kaum. Oder war das Hirngespinst so sehr Teil von ihm selbst geworden, dass niemand mehr, am wenigsten er selbst, es herauszureißen vermochte: eine alles umfassende, durch nichts zu erschütternde Wahnvorstellung? Doch egal, ob es sich bei von Haase um einen geistigen Falschspieler handelte oder um jemanden mit einem irreparablen Dachschaden – die Frage war, wie Kim sich nur mit diesem Burschen einlassen konnte.


„Und weißt du“, fuhr von Haase fort, „was mich am meisten freut, Sheila? Dass meine Theorien schon nicht mehr als bloße Hypothese gehandelt werden, sondern in gewissen Kreisen als erwiesen gelten, als la sagesse première et éternelle. Natürlich gab es Zeiten, da wurde ich als Spinner abgetan. Weil sich meine Theorie angeblich auf keine handfesten Beweise stützen kann, sondern lediglich auf Indizien. Aber mit den Beweisen ist es so eine Sache. Beweist die Tatsache, dass wir Sterne am Himmel sehen, ihre Existenz? Weil wir sie sehen, sind wir überzeugt, dass es sie gibt. Aber einige davon sind erloschen, schon seit abertausenden von Jahren. Und andere Dinge existieren für uns nicht, bloß weil wir sie nicht sehen. Zum Glück ist diese ganze Diskussion Schnee von gestern. Inzwischen habe ich Korrespondenten in Russland, Indien, Nord- und Südamerika. Altertumswissenschaftler sind darunter, Geologen, Raumfahrtingenieure, Philosophen... Alles Mögliche. À la science, et en avant! Auch einige Politiker, auch wenn sie sich noch bedeckt halten, haben begriffen, dass meine Ideen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und unsere Kultur haben, und zwar länderübergreifend. Die Frage, ob es Erdkontakte außerirdischer Intelligenz gibt, ist ja etwas, was die Bewohner des Blauen Planeten allesamt angeht, egal welcher Rasse, Hautfarbe, Religion.“


Womit Du Dich, dachte Alexander, nebenbei auch noch für den Friedensnobelpreis empfiehlst, Seite an Seite mit Nelson Mandela und Desmond Tutu. Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Welche irre Chemie war nur hinter dieser faltigen Stirn am Werk? Aber dieses Geheimnis würde niemand je ergründen. Ihm fiel ein, dass er seine Rolle ganz vergessen hatte. Schnell steckte er eines der Objektive an das Kameragehäuse, hielt es hoch und sagte: „Maurice, hättest Du etwas dagegen, wenn ich ein paar Aufnahmen von Dir und diesem Zimmer mache?“


Von Haase schüttelte schwerfällig den Kopf. „Gegen das Fotografieren habe ich nichts. Aber vor dem Abdruck will ich jedes Bild sehen. Ohne schriftliche Genehmigung darf nichts gedruckt werden. Dazu hab ich zu viele Schweinereien erlebt. Gesottene Katze scheut den Kessel.“


„Versprochen.“ Alexander heftete sein Auge an das Display, fixierte von Haase und drehte am Objektiv herum.

 
 
 

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