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- Jan-Christoph Hauschild

- vor 5 Stunden
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„Ich habe mal eine ganz andere Frage“, schaltete sich Hilde ein. „Wieso hat Himlys Sektion in Straßburg eigentlich keine Wellen geschlagen? Das wäre doch zu erwarten gewesen.“ Sie sah zu ihrer Tochter hinüber, von der sie am ehesten eine befriedigende Antwort erwartete.
„Tja, da kommen wohl zwei Dinge zusammen“, antwortete Kim. „Das eine steht ja im Brief: Himly selbst hatte kein Interesse an Publizität und wollte anscheinend abwarten, was Zünsler ihm raten würde. Und alles Weitere wurde wohl durch Himlys unmittelbaren Tod zunichte. Seine restliche Lebenszeit reichte gerade noch aus, um das Skelett zu präparieren.“
„Was natürlich nicht er gemacht hat“, fügte Alexander hinzu, „sondern sein Assistent oder noch ein anderer Gehilfe. Üblicherweise wird der Körper routinemäßig zerlegt und entfleischt.“ Er überhörte Hildes missbilligendes Zungenschnalzen. „Übrig bleibt eine Carcasse. Rumpf, Gliedmaßen und Kopf werden voneinander getrennt und durch Auskochen weiterbehandelt. Anschließend wird das Skelett mit Draht wieder zusammengesetzt.“
„Lass uns mal Mutters Gedanken zu Ende denken“, sagte Kim. „Himly war durch seinen Tod aus dem Spiel. Sein Nachfolger erkannte die Sensation nicht. Aber was ist mit Zünsler? Der Mann war doch ausgebildeter Arzt. Wenn wir bei der Lektüre des Briefs schon den Atem angehalten haben, wie muss es dann erst ihm gegangen sein? Mit andern Worten: Wie hat er reagiert?“
Alexander reichte Kim das Anschreiben. „Du könntest ja mal bei dem Kurator in Donaueschingen anrufen. Vielleicht weiß man dort etwas über Zünsler. Im Netz habe ich jedenfalls außer seiner Dissertation nichts gefunden, nicht einmal seine Lebensdaten. Aber verrate ihm nicht zu viel.“
„Keine Sorge.“ Kim nahm ihr Telefon vom Tisch, stand auf und wählte die Nummer, die in dem Brief angegeben war. Nach kurzem Klingeln kam die Verbindung zustande.
„Müller-Willems?“
„Guten Tag, Herr Doktor Müller-Willems. Hier ist Sheila Fairchild in Paris.“ Kim verließ die Küche und spazierte mit dem Telefon durch die Wohnung. „Mein Mann, Professor Fairchild, hatte Ihnen vor einigen Tagen einen Brief geschrieben.“
„Ja, richtig. Ich habe ihm bereits geantwortet. Sie dürften heute oder morgen Post von mir bekommen.“
„Ihr Brief ist schon da, herzlichen Dank. Es war sehr freundlich, dass Sie so schnell geantwortet haben. Sie haben sogar auf sämtliche Gebühren verzichtet.“
„Keine Ursache. Bei vier Scans lohnt sich der ganze Aufwand nicht. Und ich musste ja auch nicht großartig recherchieren. Die Briefe an Zünsler sind alle hübsch sortiert und digitalisiert.“
„Wir wollen Ihr Entgegenkommen auch nicht weiter auf die Probe stellen. Wir wüssten nur gern etwas mehr über Zünsler, haben aber bisher nur seine theologische Dissertation gefunden. Daraus geht hervor, dass er zuvor schon in Medizin promoviert hatte. Wissen Sie ein bisschen mehr? Wann ist er gestorben?“
„Warten Sie bitte einen Moment. Ich muss das Findbuch holen.“
Inzwischen war Kim wieder in der Küche angelangt. Sie deckte mit der freien Hand das Telefon ab, drehte sich zu Alexander und sagte leise: „Er sieht nach.“
„Sehr gut“, murmelte Alexander.
„Ja?“
„Für das Findbuch zu unseren Nachlässen habe ich selbst seinerzeit ein bisschen zu Zünsler recherchiert. Es gibt eine Art Personalakte, weil er hier auf dem Schloss angestellt war. Das meiste habe ich da her. Sein Leben war einigermaßen interessant. Schauen wir mal, was hier steht. Also. Geboren 1719 im damals französischen Landau. Studium der Medizin und Theologie in Heidelberg. Ausbildung zum Wundarzt, Promotion an der Theologischen Fakultät. Anschließend Tätigkeit als Vikar in Straßburg. Etwa 1755 nahm er das Angebot einer elsässischen Familie an, sie auf ihren Reisen nach Frankreich und Italien zu begleiten. In Neapel machte er die Bekanntschaft des regierenden Fürsten von Fürstenberg, Joseph Wilhelm Ernst, der ihn als Hauslehrer für seine beiden Söhne engagierte. So kam er nach Donaueschingen. Bis zu seinem Tod wohnte er mit der Fürstenfamilie im Schloss, gehörte quasi mit zur Familie, war Hausprediger, Arzt, Seelsorger und Bibliothekar in einer Person. Gestorben 1790.“
„Weiß man – wissen Sie –, woran er gestorben ist?“
„Nein. Ich weiß aus den Akten nur, dass er an allgemeiner Geistesschwäche litt. Heute würden wir das wohl als Demenz bezeichnen. Die fürstliche Familie ließ ihn zuhause pflegen, was man wohl als Zeichen höchster Anerkennung und zugleich großer Verbundenheit deuten kann. Er bekam gewissermaßen sein Gnadenbrot.“
„Ab wann er dement war, kann man wohl nicht sagen?“
„Nein, dazu fehlen mir die Unterlagen. Ich kann Ihnen aber sagen, wann der neue Bibliothekar eingestellt wurde. Das sagt ja auch etwas aus.“
„Ja, das wäre hilfreich.“
„Moment. Wir haben hier eine Liste aller Bibliothekare bzw. Kuratoren, wie es heute heißt, mit den Daten ihrer Tätigkeit. Nr. 13 bin übrigens ich. Hier haben wir ihn. Nr. 2, Bernhard Zünsler, 1759 bis 1786. Nr. 3, Gottfried Schwartz, 1786 bis 1819. Bis 1786 hat er also noch seinen Dienst versehen.“
„1786 wurde Zünsler als Bibliothekar abgelöst“, wiederholte Kim laut. „Zum Schluss hat er seinen Dienst aufgrund seiner Demenz vielleicht mehr schlecht als recht ausgeübt.“
„Das könnte so gewesen sein.“
„Lieber Herr Doktor Müller-Willems, Sie haben uns sehr geholfen. Ganz herzlichen Dank!“
„Dafür nicht.“
„Einen schönen Tag noch.“
„Danke. Ihnen auch. Und beste Grüße an Ihren Mann.“
Kim beendete die Verbindung und fasste nacheinander ihre Mutter und Alexander ins Auge.
„Ihr habt es gehört. Er war dement, schied 1786 aus dem Dienst. Mit Himlys Brief konnte er womöglich gar nichts mehr anfangen.“
„Himly schreibt ja auch, er habe längere Zeit nichts mehr von ihm gehört“, sagte Hilde.
Alexander nickte. „Das erklärt, weshalb er nicht reagierte und nicht zurückschrieb“, sagte er gedankenverloren. „Ein entsprechender Brief von ihm an Himly hätte vielleicht auch nach dessen Tod die Bombe platzen lassen.“
„Ich brauche frische Luft“, sagte Kim. „Lass uns rausgehen. Kommst Du mit, Mutter?“

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