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Am Wandertag macht unser Klassenlehrer Herr Selbach mit uns einen Ausflug an den Rhein bei Grimlinghausen. Vieten hat es so eingerichtet, dass Herr Selbach immer weit vor ihm ist, damit er nicht mitbekommt, dass er einen blauen Spielzeugfernseher herumgehen lässt, klein wie eine Streichholzschachtel, auf dem man sich Bilder von nackten Frauen angucken kann. Gottlieb lacht sich bei jedem Bild kaputt und sagt Uuh, sexy und gibt den Fernseher an Dotzeck weiter. Dotzeck guckt nur ganz kurz drauf, kichert und gibt ihn an mich weiter, denn er hat zwei Schwestern und braucht kein zusätzliches Bildmaterial. Damit ich etwas erkennen kann, muss ich den Fernseher gegen die Sonne halten und mit einem Auge ganz nah dran gehen. Ich sehe eine nackte Frau am Strand, die ein Handtuch vor sich hält, damit man nichts erkennen kann. Die nächste Frau hat einen Bikini an und verbiegt ihren Körper, damit der Busen und der Po herausstehen und besser zur Geltung kommen. Danach kommt eine ganz nackte Frau, aber sie ist nur von der Seite zu sehen. Vieten will mir den Fernseher ausleihen, wenn er dafür als Leihgebühr einen alten Versandhauskatalog geschenkt bekommt, am besten von Witt Weiden, aber Quelle oder Bader sind auch okay.


Zuhause zeige ich Paul den Fernseher, der so was noch nie gesehen hat, und als am Abend Mama nach Hause kommt, verpetzt er mich bei ihr, aus Rache, weil ich mich über sein Verbot hinweggesetzt und auf seinem Tonbandgerät wieder einmal heimlich Musik gehört habe. Er hätte es nie gemerkt, wenn ich nicht beim Zurückspulen Bandsalat angerichtet hätte, wodurch er es beweisen konnte.


Obwohl auf den winzigen Bildern nicht mehr zu sehen ist als in den Zeitschriften in unserem Waschsalon in Neuß, regt Mama sich fürchterlich auf: wie ich dazu komme, was ich mir einbilde, ob ich keine anderen Interessen habe und was wohl passiert wäre, wenn Herr Selbach mich damit erwischt hätte? Sowas gehört nicht in Kinderhände, igitt, am liebsten würde ich das Ding hier und jetzt in den Ascheimer schmeißen. Weil es sich um Eigentum von Vieten handelt, kann sie es nicht tun, aber das Ding muss sofort wieder aus dem Haus, und damit keiner sieht, was da in meine Hände gelangt ist, wickelt sie den Fernseher dick in Watte und steckt ihn in eine alte 4711-Seifenschachtel, und die Schachtel packt sie ein wie ein Geschenk und klebt es mit Tesafilm zu, und so wie es ist, muss ich es morgen Vieten übergeben.


Paul kann sich aber nur kurz über seinen Triumph freuen, denn wenige Tage später taucht Herr Ramrath bei uns auf und beschlagnahmt sein Moped Marke Zündapp, weil es polizeilich nicht zugelassen ist. Dass Paul ein Moped besitzt, hat niemand von uns geahnt, denn er hat ja noch nicht einmal den Moped-Führerschein, und der Kauf wäre ihm auf jeden Fall verboten worden. Dass er sich über das Verbot einfach hinweggesetzt hat, nimmt Papa ihm sehr übel. Mama glaubt, dass seine kriminellen Anlagen daran schuld sind. Wahrscheinlich wird er über kurz oder lang im Gefängnis landen. Das Moped hat ihm Norbert Hentschel für siebzig Mark verkauft, wovon Pauls Freund Wolfgang die Hälfte bezahlt hat. Sie haben es bei uns im Haus in der Waschküche versteckt, und immer wenn die Luft rein war, haben sie es hochgetragen und sind damit hinter dem Haus auf dem Feldweg Richtung Nievenheim herumgefahren, mal mit Wolfgang, mal mit Paul hinten drauf. Herr Ramrath selbst hat es gar nicht herausgefunden, sondern die alten Brauns haben Paul angezeigt. Sie wohnen über uns im dritten Stock mit einer prima Aussicht auf die Felder und haben den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als aus dem Fenster zu gucken und auf minderjährige Mopedfahrer zu lauern, die ohne Führerschein und ohne Nummernschild unterwegs sind.


Jetzt ist Paul das Moped los und Wolfgang und er haben eine Anzeige am Hals und werden demnächst von einem Gericht verurteilt. Mama hofft, dass es geheim bleibt, weil die Leute sonst denken, das muss aber eine komische Lehrerin sein, deren Sohn kriminelle Handlungen begeht.

Bei Wolfgangs Eltern ist Herr Ramrath auch gewesen. Sie waren genauso ahnungslos wie wir, seine Mutter hat sich furchtbar aufgeregt und Paul alle Schuld in die Schuhe geschoben, weil er zwei Jahre älter ist und Wolfgang zum unrechten Handeln verführt haben soll. Er und Wolfgang dürfen sich nie mehr treffen, sogar in der Schule müssen sie sich aus dem Weg gehen, und alles wegen den blöden Brauns. Paul will sich an ihnen rächen, aber er hat Mama versprechen müssen, jetzt besonders freundlich zu ihnen zu sein und immer höflich Guten Tag zu sagen, andernfalls kann er seine Hoffnungen auf den Moped-Führerschein begraben. Am liebsten würde er ihnen ein großes Paket mit Hundescheiße schicken, mit einem fetten Kracher drin, der beim Öffnen explodiert.


Erst ein halbes Schuljahr ist herum, und schon sind wir alle eine Klasse weiter. Als neues Fach haben wir Geschichte bekommen. In der ersten Stunde klappt Herr Selbach, der auch unser Deutschlehrer ist, die beiden Flügel der Tafel auf, malt einen langen Strich und sagt, das ist ein Zeitstrahl. Ganz rechts macht er einen Punkt und sagt, das ist heute. Nach links macht er alle zehn Zentimeter einen Strich und sagt, jeder Strich sind fünfzig Jahre. Dann trägt er wichtige Ereignisse ein: Christi Geburt, Ende des Römischen Reichs, Entdeckung Amerikas, Erste deutsche Eisenbahn, Zweiter Weltkrieg. Für nächstes Mal soll jeder von zuhause etwas Altes egal aus welcher Zeit mitbringen, das dann auf dem Zeitstrahl eingeordnet wird.


In der nächsten Stunde legen wir unsere Mitbringsel vor uns auf die Bank. Stößner hat ein Foto vor sich liegen. Als er an der Reihe ist, fragt ihn Selbach: Wolfgang, was hast du mitgebracht?


Eine Hellebarde.


Eine Kriegswaffe aus dem Mittelalter? Das ist aber toll. Wo ist sie?


Stößner hebt das Foto hoch. Da.


Auf dem Foto steht Stößner vor einer Wand und hat eine Hellebarde in der Hand.


Du hast bloß ein Foto davon mitgebracht?


Meine Eltern haben es mir nicht erlaubt.


Weil Herr Selbach verärgert ist, trägt er den Fund nicht auf dem Zeitstrahl ein.


Hansi hat eine kleine Briefmarke mitgebracht und sagt, sie ist über fünfzig Jahre alt. Ich kenne die Marke, eine rosa Germania zu 10 Pfennig, sie ist nichts wert, höchstens ungestempelt. Hansi sagt, sie stammt aus der Kaiserzeit, und deshalb muss er erklären, was das bedeutet. Genau weiß er es auch nicht, aber seine Oma hat gesagt, der Kaiser war ein feiger Hund, weil er zwar andern Ländern den Krieg erklärt hat, aber in den Krieg ist er nicht mit gezogen, und als der Krieg verloren war, ist er stiften gegangen, ins Exil nach Holland. Er ist also schuld daran, dass wir heute keinen Kaiser mehr haben oder wenigstens einen König wie in andern Ländern.


Die Briefmarke kommt an der Tafel ziemlich weit nach rechts, zwischen den Strich für 1900 und den Punkt für Zweiter Weltkrieg.


Pitti hat das Gebetbuch seiner Uroma von 1820 mitgebracht. Außer Herrn Selbach darf es keiner anfassen, weil er das seiner Mutter schwören musste. Außerdem hatte sie es atombombensicher verpackt. Das Gebetbuch kommt einen ganzen Strich links von der Briefmarke, noch vor der Eisenbahn.


Mollenhauer hat einen Faustkeil dabei, wie ich ihn auch gerne hätte. Er erklärt, dass er mindestens hunderttausend Jahre alt ist. Die Steinzeitmenschen haben ihn als Werkzeug benutzt. Heck meldet sich und sagt, der Faustkeil kann nicht so alt sein, weil er sonst längst zu Staub zerfallen wäre, und ein paar andere meinen das auch. Mollenhauer ist beleidigt und sagt, sie hätten zuhause im Garten sogar eine Vase aus der Römerzeit gefunden, die noch ganz heil war, sie mussten sie aber an das Museum abgeben, weil sie tiefer lag als erlaubt. Herr Selbach guckt sich den Faustkeil an und sagt, er ist echt und er möchte ihn gern auf dem Zeitstrahl eintragen, aber die Tafel ist nicht groß genug dafür, sie müsste hundert Meter breit sein. Mollenhauer ist sehr stolz, dass sein Mitbringsel so alt ist, dass es nicht mehr auf die Tafel passt. Er glaubt, dass er damit gewonnen hat, doch dann zeige ich Herrn Selbach den kaputten Ammoniten, den Paul in Vögisheim gefunden hat, und sage, das ist ein Stück von einer großen Meeresschnecke, die vor hundertfünfzig Millionen Jahren gelebt hat. Ich lasse die Versteinerung herumgehen und alle dürfen sie anfassen und herumdrehen und daran riechen und über die Rippen streichen. Herr Selbach sagt, wenn wir wissen wollen, wo die Versteinerung auf dem Zeitstrahl eingeordnet werden muss, sollen wir uns vorstellen, der Zeitstrahl würde bis Koblenz reichen. Es ist das mit Abstand älteste und darum beste Stück von allen, und ich bin der Altertumsstar.


In Englisch haben wir jetzt Herrn Lieberknecht. Herr Lieberknecht steht immer mit dem Rücken zur Tafel, damit ihm nichts entgeht. Wenn es zu laut wird, hebt er den Arm, legt Daumen und Zeigefinger zusammen und sagt Stecknadel! Dann wartet er, bis es so still ist, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Falls er eine dabei hätte. Wenn er sich doch mal umdreht, dann weil er etwas an die Tafel schreibt oder weil wir nicht sehen sollen, wie er sich – pschhht! – eine Ladung Mundspray in den aufgerissenen Mund sprüht.


In seinem roten Lehrerkalender führt er über jeden von uns Buch. Außer den Noten vergibt er die Buchstaben B und H. Wer Quatsch macht, bekommt ein B wie Betragen und eine Strafarbeit, und für drei Bs gibt es einen Eintrag im Klassenbuch. Wer dabei erwischt wird, dass er seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, kriegt ein H und muss sie beim nächsten Mal zu Beginn der Stunde vorzeigen, und wer seine Bücher oder Hefte vergessen hat, muss ein Stundenprotokoll machen oder eine Seite Vokabeln mit Übersetzung abschreiben.


Heute stellt Herr Lieberknecht fest, dass einige von uns ihre Grammatik nicht dabei haben, und jetzt müssen wir uns melden, damit er uns aufschreiben kann. Nach Reinhard Lubich und Werner Streich melde ich mich. Obwohl Herr Lieberknecht bestimmt schon weiß, wie ich richtig geschrieben werde, sage ich frech: Thalrand mit th. Ein paar kichern, aber Herr Lieberknecht kann nichts machen, weil es ja die Wahrheit ist, und sagt bloß, dass er das schon weiß. Danach meldet sich Joachim Soeder.


Soeder mit oe, sagt er grinsend, und ein paar lachen.


Das brauchst du mir nicht zu sagen, fährt ihn Herr Lieberknecht an, schließlich schreibe ich hier nicht dein Zeugnis, aber da es dir anscheinend sehr wichtig ist, darfst du bis morgen deinen Namen in Schönschrift schreiben, ob mit ö oder oe ist mir egal, und zwar fünfzig Mal.


Mann ey! schreit Soeder empört, Wieso das denn, das ist ungerecht, der Thalrand durfte doch auch seinen Namen buchstabieren!


Das ist ganz was anderes, belehrt ihn Lieberknecht, weil er jetzt keinen Rückzieher mehr machen kann, und ob Soeder vielleicht interessiert ist, seinen Namen hundert Mal zu schreiben.

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