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- Jan-Christoph Hauschild

- 26. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Die Tage vergingen mit Spaziergängen und Museumsbesuchen. Gemeinsam sahen sie sich das Pariser Musée du quai Branly für außereuropäische Kunst an, das Institut du monde arabe und, auf Kims Wunsch, das Museum für erotische Kunst im 18. Arrondissement, in Nachbarschaft zum Moulin Rouge. Die Post aus Donaueschingen kam am fünften Tag ihres Aufenthalts, als sie beim Frühstück saßen.
„Hoffentlich kein Negativbescheid“, murmelte Alexander, denn es war ein normaler Fensterumschlag im Längsformat. Er hatte auf einen größeren Brief gehofft, mindestens im amerikanischen Letter-Format, mit Fotokopien.
Hastig riss er den Brief mit einem Küchenmesser auf. Ein gewisser Dr. Müller-Willems teilte mit berufsmäßiger Sachlichkeit mit, dass „das gewünschte Dokument“ 14 Tage auf einem Server zum Abruf bereit liege. Weiter hieß es, Absender und Datum des Briefs ließen die Vermutung zu, dass es sich um das gesuchte Schriftstück handle.
Nachdem Alexander dem Link gefolgt war und das Passwort eingegeben hatte, konnte er ein Dokument mit dem Titel Himly, Friedrich an Zünsler, Bernhard, eigh. Br., Straßburg, 1788-11-25 herunterladen. Als er es öffnete, erwies es sich als achtseitiger Brief in deutscher Kanzleischrift.
Alexander reichte den Laptop an Kim weiter, die die Seiten kurz überflog, bevor sie ihn ihrer Mutter aushändigte. Offenbar war sie selbst mit der Entzifferung überfordert. Hilde holte ihre Lesebrille aus dem Wohnzimmer, setzte sie auf, räusperte sich und begann vorzulesen. Nur bei einigen Fremdwörtern geriet sie ins Stocken; im Übrigen las sie flüssig. Immer wenn sie am Ende der Seitenanzeige angelangt war, beugte sich Kim zu ihr herüber und scrollte weiter zur Fortsetzung.
Strasburg, d. 25. Novbr. 1788.
Gottes Gruß und Segen zuvor!
Trotzdem Sie mich, hochverehrter Freund, seit längerem mit keiner Zuschrift ihrerseits mehr erfreut, nehme ich mir, unter der Maaßgabe, daß dieße Mitteilungen vertraulich bleiben, weil zu befürchten ist, daß eine Verbreitung der gefährlichen Folgerungen derjenigen, die unbefugt darüber urtheilen, geeignet seyn könnte, die Ruhe und Gottergebenheit der gewöhnlichen Werkeltagsmenschen zu stören, die Freiheit, Ihnen das gestern in unsern Mauern stattgehabte außerordentliche Sectionsergebnis zu offenbaren, welches, meiner Ansicht nach, in doppelter Beziehung von Interesse ist, gleichviel ob man das nachfolgend beschriebene Individuum als Rarissimum der menschlichen Species oder als eine gänzlich neue Species ansehen mag, welche auf Erden nicht ihresgleichen hat, und hoffe dabey auch fürderhin auf Ihr liebendes Wohlwollen.
Gestern bringt mir mein Gehülfe die Leiche eines 46 franz. Zoll kleinen und nahe 60 Pfund schweren Individuums in gutem Ernährungszustand mit einem abnorm großen Schädel, der dem eines Turricephalus ähnelt. Heute Vormittag 9 Uhr wird von mir die Leichenöffnung vorgenommen. Todtenflecken sind bemerklich am Rücken und an den Extremitäten, grünliche Flecken am Unterleibe, als Spuren beginnender Verwesung; solches bey übrigens durchgehender Röthe der Haut. Die Gesichtszüge sind wenig entstellt, jedoch mit dem Ausdrucke tiefen Schmerzes. Die weitere äußere Untersuchung ergibt bereits die erste Überraschung, indem ich gleich auf den ersten Augenschein die beiden Geschlechter entdecke, eines über dem andern liegend, wobei sich die untenliegende Vulva keineswegs als reines Trugbild erweist. Auch das männliche Glied ist durchaus kräftig und nicht, wie man es bei angeblichen Hermaphroditen häufig findet, bloß eine stark entwickelte Clitoris. Sonst zeigt sich weiter nichts Auffallendes.
Ich schreite nun sogleich zur Öffnung des Schädels, der sich, aufgrund des dünnen Schädeldachs, sehr leicht sägen läßt. Nach Eröffnung der Durageht aus dem Subduralraum eine klare, gelbliche Flüssigkeit ab. Das Hirn ist sehr weich und stark vergrößert (beynahe 6 Pfund Gewicht) und, wie einige Längsschnitte ergeben, von besonders feiner und zarter Structur und Construktion.
Die Eröffnung der Brusthöhle ergibt nun eine zweite, noch größere Überraschung. Ich sehe Ordnung mit wunderbarer Mischung, Zärte mit unbegreiflicher Stärke, Einfachheit bei größter Mannigfaltigkeit. Keinerlei Kennzeichen für einen funktionierenden Blutkreislauf, an dessen Statt ein Netzwerk fremdartiger einsaugender Gefäße und seltsamer Membranen. Jedes Organ reagiert bei Berührung mit dem Seziermesser mit einem grünlichen Leuchten, das auch bei mehrmaligem Wiederholen nicht ausbleibt. Unsymmetrische Anordnung der Lungen, die rechte mit der Pleuravorn verwachsen und kaum mit dem Messer zu trennen. Das Herz überaus seltsam, gleichsam ein leerer faseriger Beutel, den ich in Stücke zu zerflocken vermag.
Bei der nachfolgenden Eröffnung des Unterleibes tritt sogleich eine Menge schmieriger, ziemlich konsistenter, fast sulziger Flüssigkeit aus. Die Beschau ergibt eine Inversion aller Organe der Bauchhöhle. Die Öffnung der innern Geschlechtstheile erweist sowohl den Zuführungskanal, welcher von den Testikeln ausgeht und sich in ein Samenbläschen rechts öffnet, welches seinerseits mit dem Kanal der Ruthe durch einen Ausspritzungsgang in Verbindung steht, als auch zwischen der Harnblase und dem dicken Gedärme eine gedrückte Bärmutter. Der links liegende Eyerstock ist vollkommen gesund und in der Größe einer Haselnuß. Angesichts einer solchen überraschenden Zwitterorganisation muß ich gestehen, daß ich durchaus keine Unmöglichkeit einsähe, daß dieß Individuum sich selbst und ohne Hinzukommen eines Zweyten hätte befruchten können.
So viel der Thatsachen.
Auf den Vorhalt, daß er wohl kaum auf ordentlichem Wege an dieße Leiche hat gelangen können, legt sich mein Gehülfe, ein verschlagener Kerl, den ich stets, doch, wie ich ietzo erkennen muß, ganz vergeblich, zu Wahrheit und Redlichkeit ermahnt habe, erst auf Betrug und läugnet frech. Auf meine Androhung, sogleich bey dem Dekan der medizinischen Facultät Anzeige zu machen, fängt er auf das Heftigste an zu weinen, spricht von seinem kranken Weibe und vier kleinen Kindern, welche er zu versorgen hat, und gibt zu, die Leiche unter der Hand von seinem Geschwisterschwager, welcher als Todtengräber in einer kleinen Gemeinde im Steinthale tätig ist, für 15 Francs erhalten zu haben, welche er dem Institute d.h. mir treulich in Rechnung gestellt habe; Näheres über die Herkunft des merkwürdigen Leichnams will er bei seinem Verwandten in Erfahrung bringen und mir sodann unverzüglich mittheilen. Doch wie sich sogleich zeigt, ist die Reue nur Schein. Denn sobald ich dem Kerl offenbare, daß ich mich gleichwohl außerstande sähe, ihn fernerhin als meinen Amanuensis bei den außergerichtlichen Sectionen zu beschäftigen, wechselt er schlagartig vom Zustand tiefster Zerknirschung zur heftigsten Wuth, greift in der Erregung sogar nach der Rippenschere, worauf ich ihn maaßvoll daran erinnert, daß es nur eines Winks von mir bedürfe, um ihn wieder ins Correktionshause zu bringen, aus dem ich ihn einst befreyt.
Verehrungswürdiger Freund! Sie werden mir freylich zustimmen, daß dieß wahrhaft außerordentliche Ereigniß der fragwürdigen Umstände wegen, die mir zu dießem Object verholfen und deren Verfolgung durch die Polizeybehörde die schädlichsten Consequenzen haben dürfte, keine Publicität verträgt. Der Medicus als Mensch und als Christ kann gewiß unzähligen Vortheil von der Kenntnis des menschlichen Körpers schöpfen. Indem er vermag, durch die undurchsichtige Hülle des Körpers zu schauen, vermag er auch, dem Krankheitsübel entgegen zu treten, in welcher Gestalt es sich auch zeigt. Zu dießem Wissen können wir aber nicht anders gelangen, als durch die mühevolle Untersuchung erblaßter Nebenmenschen. Dieß Vermögen der ärztlichen Fachwissenschaft gilt es gegenüber den Zumutungen behördlicher Supravision und der schrankenlosen Neugier eines großen Publikums zu behaupten und zu vertheydigen. Ihnen aber, meinem väterlichen Freund und Seelsorger, der Sie mich auf allen meinen Lebenswegen erst durch ihre Gegenwart, dann durch Correspondenz treulich begleitet, durft’, ja mußt’ ich’s sagen. Ich suche gewißlich Gott in allen Fasern und finde seine Spur in allem Natürlichen und Würklichen, doch dieße Section gibt mir erstmals in meiner Carriere Anlaß zu zweifeln, daß ich es würklich mit einem gottgemachten Geschöpf zu tun gehabt.
Ein paar Zeilen aus Ihrer Feder würden mich in dießem critischen Moment sehr erfreuen. Und nun küsse ich Ihre theure Hand und bin,
hoffend, wünschend und theilnehmend,
Ihr
Friedrich J. F. Himly
Sie saßen wir erstarrt. Keiner sagte ein Wort. Alexander bewegte ganz langsam ein Stück Baguette in seinem Mund. Dann sagte Kim: „Wow!“

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