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In Derikum sind wir inzwischen berühmte Leute: Mama als Lehrerin und Papa als Briefträger. Papa ist sogar noch ein bisschen berühmter, weil ihn jede Familie in seinem Bezirk kennt, egal ob sie Kinder auf der Schule hat oder nicht. Umgekehrt kennt er auch alle Familien, oft auch ihre heimlichen Sorgen und Nöte, weil er sie ihnen nicht selten in Form von Einschreibebriefen oder Zustellungsurkunden ins Haus bringt, deren Empfang, so peinlich es auch ist, bestätigt werden muss: Schreiben vom Amtsgericht in Neuß, vom Gerichtsvollzieher oder vom Rechtsanwalt. Trotzdem ist er beliebter als Mama, weil er keine schlechten Noten gibt oder Ohrfeigen verteilt, sondern meistens nur harmlose Urlaubspostkarten bringt oder den neuen Quelle-Katalog. Viele Leute können es gar nicht abwarten und sprechen ihn mitten auf der Straße an:


Ham’mer wat? Urbanski, Niersstraße 113.


Treeden, Goldberg 74. Ham’mer Post?


Dann wühlt er ihnen zuliebe in seinen Packtaschen und sieht nach, ob etwas dabei ist. Er mag es nur nicht, wenn Leute von weitem Hallo rufen oder Hallo, Sie. Dann stellt er sich taub.

Am Monatsanfang zahlt er bei einigen alten Leuten die Rente aus. Das geht ganz schnell, weil die alten Leute schon auf das Geld warten und deswegen immer zuhause sind. Sie wissen genau, wie viel Geld sie bekommen und haben oft auch das Wechselgeld parat, und wenn nicht, kriegt Papa manchmal das Kleingeld geschenkt. An diesen Tagen führt er so viel Geld mit sich, dass er Angst hat, er könnte mal überfallen werden. Er meint, es ist viel leichter, einen Postboten zu überfallen als eine Bank, aber zum Glück hat sich das noch nicht herumgesprochen. Im Wilden Westen war die Post immer bewaffnet, und auf dem Pferd war man außerdem vor den Hunden geschützt. Vor einem Pferd hat ein Hund Respekt, vor einem Postboten auf seinem Fahrrad kaum, und wenn er absteigt, ist er ihnen erst recht ausgeliefert. Die großen Hunde sind noch nicht einmal die schlimmsten. Die schlimmsten sind die kleinen Kläffer. Eine Peitsche wäre gut. Damit könnte er ihnen eins überziehen. Sein nächster Roman wird jedenfalls von einem Postreiter beim Pony-Express handeln.


Ich will wissen, ob er selbst dieser Postreiter ist, aber Papa grinst nur und meint, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig. Einiges von dem, was er schon getippt hat, kommt mir jedenfalls bekannt vor.


Bevor er, auf dessen testamentarischen Wunsch, die Tochter des verstorbenen Ranchers heiratete, war Ben Crosby Vormann gewesen. Seitdem versuchte er, den Gatten zu spielen. Dabei machte er sich nur lächerlich. Auch in den Augen seiner Frau. Er merkte es nur nicht. Als er wieder einmal einen dummen Vorschlag von ihr mit den Worten „Ja, Joslyn, wenn du es wünschst“ quittierte, hatte sie ihn angeschrien: „Ja, Joslyn, nein Joslyn, – – zum Teufel mit dir, Ben Crosby! Auf so einen Mann kann ich verzichten!“ Ben war dann eine Zeitlang fort, ehe er in der Nähe der Ranch Arbeit als Postreiter fand.


Eigentlich, meint Papa, ist Derikum ja ein richtiges Kuhkaff. Die meisten Derikumer gucken nicht weiter als bis nach Neuß oder Nievenheim. Aber dann wundert man sich doch, was für Verbindungen sie haben: bis nach Afrika, Asien und Amerika. Als Briefträger kriegt man das mit.

Wenn er solche Briefe dabei hat, Luftpost aus Übersee, mit bunten Briefmarken beklebt, fragt er die Leute, ob er die Marken haben darf. Seine jüngste Neuerwerbung ist ein Luftpostbrief aus République du Congo, bis auf den gedruckten Absender und die vierzeilige Adresse komplett mit Marken bedeckt.


Auf Umschläge aus Amerika ist er besonders scharf, weil ihn alles interessiert, was irgendwie mit dem Wilden Westen zu tun hat. Es sind tolle Briefmarken, auf denen Lincoln und Jackson und andere frühere Präsidenten zu sehen sind, die Freiheitsstatue, das Alamo, Farmer bei der Arbeit, und auf einer zum Jubiläum von Nebraska ist sogar ein Rind abgebildet, weil es dort auch Rindertrecks gab. Nebraska ist Papas Lieblingsstaat, weil es da genauso aussehen soll wie in den Wildwestfilmen, weil es dort weite Prärien gibt mit Büffeln, und weil es das Land der Sioux, der Cheyenne und der Pawnees ist. Er hat sich auch schon Landkarten von Nebraska besorgt, damit in seinem Roman alles echt ist. Hoffentlich wissen sie das beim Zauberkreis-Verlag auch zu schätzen, wo sein neuster Roman zur Beurteilung liegt. „Partnerschaft“ hat ihn Papa genannt. „Zwei furchtlose Reiter“ hätte ich passender gefunden.


Bald weiß jeder in Derikum, dass man Papa mit Briefmarken eine Freude machen kann. Papa heimst sie alle ein und gibt sie an mich weiter. Briefmarken, die für die kleine Zahl, die ihnen aufgedruckt ist, 3s 50 oder 16c oder Δρ 5 oder 16 КОП, schon um die halbe Welt gereist sind, beschriftet in fremden Sprachen, manchmal sogar mit fremden, rätselhaften Schriftzeichen. Um rauszukriegen, wie das Land heißt, muss man oft sehr genau hinschauen, und manchmal hilft nur der Michel-Katalog. In den Ferien zähle ich sie alle und komme auf 1261 Stück. Uralte Marken aus Bayern und Württemberg und Österreich. Deutsches Reich. Inflationsbriefmarken zu hundert, tausend, fünftausend und vierhunderttausend Mark, zwei Millionen, zwei Milliarden, fünfzig Milliarden. Deutsches Reich mit Ebert, Hindenburg, Hitler. Bundesrepublik Deutschland: Zone Française, Baden, Württemberg, Saar. Deutsche Bundespost. Deutsche Post Berlin. Deutsche Bundespost Berlin. Dazu die winzige blaue Steuermarke „Notopfer Berlin“. Dann die Ostzone. Stadt Berlin, Provinz Sachsen, Thüringen, Deutsche Post, DDR. Viele aus Europa, die meisten aus Spanien und aus der Schweiz. Dann Übersee. Eine hat den Aufdruck „Afrique Équatoriale Française“. Wenn man sie gegen das Licht hält, kann man darunter „Gabon“ lesen. Ägypten, Chile (zwei Seiten, wegen Onkel Paul), China (wahrscheinlich, sonst Japan), Indo-Chine, Territoire de l’Inini, Liban, Malgache, Mocambique, North Borneo, Northern Rhodesia, Philippines, Ruanda-Urundi, South Africa, South West Africa, Suid-Africa, Rep. Syrienne, Republica Tete, UAR, USA, Viet-Nam.


Zwei Wochen vor Ostern wird Paul in der Friedenskirche in Norf von Pfarrer Busse konfirmiert. Zu diesem Ereignis heimst er fast vierhundert Mark ein, wovon er sich ein Vierspur-Tonbandgerät von Schaub-Lorenz mit Zubehör kauft. Das kann er an unsere Musiktruhe anschließen und damit aufnehmen, was er will, egal ob Radio oder Schallplatte. Deswegen darf er jetzt auch seine Hausaufgaben im Wohnzimmer erledigen und dabei BFBS hören, wo nachmittags ein Hit nach dem andern gespielt wird. Paul behauptet, dass er dadurch unheimlich viel Geld spart – Geld, das er für den Moped-Führerschein verwenden will. Als nächstes will er sich dann ein gebrauchtes Moped kaufen, weil er sonst nicht mit Mösch, Dobi, Wolly und den andern mithalten kann, mit denen er jeden Nachmittag am Büdchen neben Edeka rumhängt. Neuerdings trägt er eine Halskette mit einer gelochten Messingplakette, so groß wie ein Fünfmarkstück. Auf beiden Seiten der Plakette steht der Name Mick Jagger in roten Klebebuchstaben. Die Halskette zieht er nicht mal im Bett aus. Get off of my cloud.


Uns nimmt Paul auch mit dem Tonbandgerät auf. Zum ersten Mal höre ich meine eigene Stimme. Sie klingt fremd und komisch, als wenn meine Nase verstopft wäre. Paul behauptet, meine Ohren sind auch verstopft, und Mama sagt, das ist alles wegen der Polypen, die sind bei Jakob gewuchert und müssen entfernt werden. Daraufhin fange ich an zu weinen, weil ich auf keinen Fall operiert werden will, denn Operation heißt Narkose, und ich will nicht bewusstlos gemacht werden, weil ich vielleicht nie mehr aufwache. Zum Glück ist Papa auch dagegen. Er sagt, wenn Großmutti nächste Woche zu Besuch kommt, soll Paul sie bei unserem gemeinsamen Mittagessen aufnehmen, zur Erinnerung, das wäre die Masche. Er gibt ihm auch Geld, damit er extra ein kleines Tonband kaufen kann, das nur eine Dreiviertelstunde läuft. Das soll er niemals löschen, sondern für immer und ewig aufbewahren, damit unsere Nachkommen, wenn wir alle tot sind, immer noch unsere Stimmen hören und sich darüber freuen und auch staunen können. Wenn ich konfirmiert werde, in vier Jahren, will ich auch ein Tonbandgerät haben, und bis dahin benutze ich heimlich das von Paul. Ich muss mir nur immer einprägen, an welcher Stelle er es ausgeschaltet hat, weil er es sonst merkt und mir zur Strafe auf den Kopf haut.


Zwei Wochen später kriegen wir unsere Abschlusszeugnisse. Es ist das letzte Mal, dass ich in Derikum zur Schule gehe. Nach den Ferien komme ich zu Paul aufs Schwann-Gymnasium in Neuß. Für Mama ist es vorläufig auch das letzte Mal, dass sie zur Geschwister-Scholl-Schule geht, weil sie nach den Ferien ein Jahr lang an der PH in Neuß studieren und eine Prüfung machen muss, damit sie richtige Lehrerin werden kann, für immer und ewig.


Am Ostermontag kommt Großmutti für zwei Wochen aus der Ostzone zu Besuch. Vorher ist sie eine Woche in Hamburg bei Onkel Helmut gewesen. Sie braucht sehr lange, bis sie die Treppen zu uns hochgestiegen ist. Oben muss sie erstmal auf die Toilette, dann muss sie sich im Wohnzimmer, das für die nächsten beiden Wochen ihr Schlafzimmer ist, ausruhen, und dann besichtigt sie den Rest unserer Wohnung. Im Kinderzimmer bleibt ihr Blick an meinen Stofftieren hängen, die auf dem Spielzeugschrank thronen.


Haben die auch Namen?


Ich erkläre ihr, dass der Bär Orsi heißt, die Meerkatze Mungo, das Eichhörnchen Perry, der Fuchs Zorro, der Löwe Leo und der Tiger Leandros, und dass der einäugige Teddy keinen Namen hat, weil ich ihn mal in Freudenstadt auf einer Baustelle gefunden habe.


Ach, den hast du einfach aufgesammelt?


Großmutti scheint nicht begeistert zu sein, dabei ist das schon Jahre her. Ich sage ihr, dass es sich um eine Waise handelt, die von mir adoptiert wurde, und Mama sagt, dass sie den Teddy damals tüchtig saubergemacht hat. Paul sagt, dass ich immer noch hinterm Mond lebe wegen meinem Fimmel mit den Tieren, und der Letzte, der noch am Schnuller gesüppelt hat, bin ich auch gewesen. Ich boxe ihm in den Rücken, aber er lacht nur hämisch und sagt, er kennt keinen Jungen in dem Alter, der so was noch tut.


Papa kommt mir zu Hilfe und behauptet wahrheitswidrig, dass Paul ja selbst noch schnullert, worüber sich Paul furchtbar aufregt, sodass Mama ihn ermahnen muss, nicht so laut zu sprechen, was Großmutti übertrieben findet, weil sie dankbar dafür ist, wenn man in ihrer Gegenwart schön laut spricht.


Wenn man Paul mal nachts kontrollierte, sagt Papa, würde auch so was kommen, aber Paul sagt, da hat er was anderes, damit er einschläft.

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