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Hilde hatte bereits angefangen, den Brief ein zweites Mal zu lesen, als würde sie ihren eigenen Worten nicht trauen. „Keinerlei Kennzeichen für einen funktionierenden Blutkreislauf“, murmelte sie, „ein Netzwerk fremdartiger einsaugender Gefäße und seltsamer Membranen.“


„Alexander“, sagte Kim tonlos, „was bedeutet das?“


Alexander spülte den Bissen in seinem Mund mit einem Schluck kalt gewordenen Kaffees herunter. „Ich würde sagen, wie bei Oberlin ist auch das ein Versuch, etwas zu beschreiben, was einem fremd ist. Niemand von uns kann etwas erkennen und beschreiben, wofür ihm die Maßstäbe fehlen. Oder, um es anders zu sagen: Die Hand kann nur malen, was das Auge kennt.“


„Aber das ist doch Quatsch“, fuhr ihn Kim an. „Haben Bosch oder Breughel etwa nur gemalt, was sie gesehen haben, oder Escher oder Dalí? Und was ist mit den ganzen Abstrakten?“


„Dein Einwand ist nicht triftig, meine Liebe“, erwiderte Alexander gelassen. „Bosch, Breughel, Dalí und all die andern haben lediglich Ungewöhnliches zusammengefügt. Fremdes, Anderes, Unbekanntes haben sie nicht gemalt. Es gibt zwar keinen Giraffenhals mit Schubladen, aber es gibt Giraffen und Schubladen.“


„Dann ist Dein Satz von der Hand, die nur malen kann, was das Auge kennt, eben Quatsch. Im ersten Moment hört er sich gut an, und wenn man nachfragt, wird er ganz hohl.“


Alexander ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Kein Schöpfer kann seinen Kreaturen andere Eigenschaften verleihen als die ihm bekannten. Richtig? Folglich muss jeder Schöpfer auch sämtliche Eigenschaften seiner Kreaturen kennen. Wie geht der Mensch mit Phänomenen um, die seine Vorstellungskraft übersteigen, wofür er kein Konzept hat? Er greift zu Metaphern. Man muss sich nur klarmachen, dass für viele Phänomene überhaupt keine Begriffe existieren. Sie werden von den Wissenschaftlern aus der Natur geborgt. Wenn ein Physiker zum Beispiel von Teilchen oder von Wellen spricht, denken wir an Sandkörner oder Bewegungen im Wasser. Dabei sind es lediglich Analogien, schräge Vergleiche, um diese Phänomene einigermaßen fassbar zu machen. Es setzt aber voraus, dass wir wenigstens Sandkörner und Wellen aus der Beobachtung kennen. Würden wir sie nicht kennen, wie sollten wir sie dann beschreiben können? Wenn Du mal darüber nachdenkst, wirst Du mir zustimmen.“


„Vielen Dank für die Belehrung“, erwiderte Kim verärgert. Alexanders gönnerhaftes Auftreten weckte schlummernde Gefühle bei ihr, ließ sie für einen Moment wieder zur Tochter von Sammy Hahneman werden, und das machte sie störrisch. Ihr sonst so lebhaftes Mienenspiel fror ein, und sie ging in Verteidigungsstellung.


„Nicht überzeugt?“, fuhr Alexander fort. „Dann lass es mich mal mit einem Beispiel versuchen. Angenommen, Julius Caesar hätte eines Morgens einen Fernseher in seinem Badezimmer vorgefunden, auf dem gerade die Nachrichten von CNN liefen. Wie hätte er Brutus den Apparat beschrieben? Ich denke, vielleicht als Zauberspiegel, in den man hineinschaut, aus dem aber etwas vollkommen anderes herausschaut. Und jetzt stell Dir vor, der Fernseher wäre in der Höhle eines Neandertalers gestanden. Wie – und wir können mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass er die Fähigkeit besaß, sich sprachlich zu artikulieren, vielleicht in einer Art Singsang, einer Sprache ohne Wörter – wie hätte er seinem Clan das Wunder beschreiben können? – Siehst du, und genau das meine ich. ­– Oder“, fügte er hinzu, „um es mit Darwin auszudrücken: Man sieht nur, was man schon weiß und versteht.“


„Darwin hat das bestimmt nicht so gesagt“, grummelte Hilde, „und wenn doch, hat er es irgendwo abgeschrieben.“


„Professor Himly war alles andere als ein sprachferner Neandertaler“, konterte Kim. „Er dürfte in seiner jahrzehntelangen Praxis als Anatom so manches zu Gesicht bekommen haben. Dem haben bestimmt keine Parameter gefehlt. Aber so einen wie unseren DOMINIQUE hat er noch nie auf seinem Seziertisch gehabt. Und da Du doch einigermaßen vom Fach bist, jedenfalls mehr als wir, hätte ich gerne von Dir gehört, wie Du seine Beobachtungen deutest.“


Statt einer Antwort hob Alexander die Schultern und zog gleichzeitig die Mundwinkel nach unten.


„Verdammt noch mal, Alex, jetzt sei doch nicht so verflucht cool!“ rief Kim. „Eine Species, welche auf Erden nicht ihresgleichen hat… Das ist doch sensationell! Das passt doch alles zusammen! Für Oberlin, den Theologen, war es eine Engelskreatur, für Himly, den Mediziner, ein nichtmenschliches Wesen, nämlich ein Zwitter mit einem riesigen Kopf und inneren Organen, die leuchten… Das ist doch ganz klar, das ist –“


„Ein Alien“, vollendete Alexander den Satz.


„Ja! Was denn sonst!“


„Extrasolaren Ursprungs?“


„Es sieht danach aus, oder?“


Alexander lachte kurz auf, dann wandte er sich an seine Schwiegermutter. „Und was meinst du, Hilde?“


„Mich“, antwortete diese, „erinnert die ganze Sache an die Bücher meines Freundes Maurice von Haase. Der hat immer schon von Besuchern aus dem Weltraum fabuliert. Hat er am Ende Recht?“


„Ich fasse zusammen“, sagte Alexander. Er liebte es, wenn Kim sich so ereiferte, und er konnte nicht widerstehen, ihr noch einen zusätzlichen Schubs zu geben, damit sie nicht nachließ in ihrem Schwung. „Meine Frau, eine renommierte Journalistin, die unter anderem für ‚Natural History‘ und ‚Nature‘ schreibt, erklärt DOMINIQUE zu einem Alien, meine hochverehrte Schwiegermutter, Gymnasiallehrerin im Ruhestand in der Weltstadt Paris, dem ehemaligen Zentrum der Aufklärung, zu einem Reisenden, was wohl auf dasselbe herauskommen dürfte. Willkommen im Reich der Prä-Astronautik. Leider kenne ich mich damit nicht aus. Ich bin Anthropologe. Paläo-Anthropologe, um genau zu sein. Ich beschäftige mich mit Hominiden, nicht mit Humanoiden. Sorry.“

 

 
 
 

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