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Am ersten Schultag gehe ich ganz früh von zuhause los, weil ich den Zug nach Neuß auf keinen Fall verpassen will. Da sind auch schon die anderen Norfer, Manni, Pitti, Hansi und Bohn. Ich finde es gut, dass wir in dieselbe Klasse kommen, weil wir dann gegen die Neußer zusammenhalten können. Etwas später kommt auch Paul auf den Bahnhof, aber er beachtet mich gar nicht und geht gleich zu Mannis Bruder Wolfgang, der mit seiner dicken Hornbrille aussieht wie der Gitarrist von Herman’s Hermits. Wolfgang ist in Pauls Parallelklasse und zurzeit sein bester Freund, denn er hat die besten Schallplatten, und „Get Off of My Cloud“ und „Paint It Black“ kann er komplett auswendig.


Vom Bahnhof in Neuß gehen wir im Eiltempo zur Schule. Bohn trottet hinter Hansi her. Hansi kann machen, was er will, er verliert ihn nicht. Er kann sogar sagen: Hau ab, Bohn, du stinkst, Bohn hängt sich trotzdem an ihn. An der Ecke Kapitelstraße ist die Filiale von der Stadtsparkasse mit den beiden Säulen vor dem Eingang. Hansi geht an der ersten rechts vorbei, Bohn auch. An der zweiten geht Hansi links vorbei, Bohn auch. Dann umrundet er die Säule und geht zurück zur ersten, die er ebenfalls umrundet, bis er wieder auf dem alten Kurs ist, und Bohn immer hinterher, weil seine Mutter gesagt hat, er soll alles wie Hansi machen.


In Englisch haben wir Herrn Joner, einen ziemlich alten Knacker, der ein bisschen aussieht wie der Tchibo-Kaffee-Experte aus der Fernsehwerbung. Früher hat er in Afghanistan Deutsch unterrichtet. Heute kam er eine Viertelstunde zu spät, weil er in Jüchen wohnt und mit seinem VW Käfer auf der B1 im Stau stand.


In Mathematik haben wir Herrn Stromeyer. Er kennt das Schwann noch aus der Zeit, als es Oberrealschule mit Reform-Realgymnasium war. Herr Stromeyer zählt durch und stellt fest, dass wir achtunddreissig sind. Die Erfahrung sagt ihm, dass es vielleicht acht, höchstens neun von uns in einem Rutsch bis zum Abitur schaffen. Ich schaue mich unauffällig um, ob die vom Schichsal Auserwählten an irgendeinem Unterscheidungsmerkmal zu erkennen sind. Werden die sechs mit Pullover, Pullunder und Strickjacke darunter sein? Die sieben mit Lederhose, davon fünf mit Meckifrisur? Ich bin dafür, dass es auf jeden Fall die beiden einzigen Brillenträger bis in die Endrunde schaffen. Dann bin ich dabei. Ob als Nummer acht oder neun, ist mir wurst.


Evangelische Religion unterrichtet Herr Dr. Kleine-Natrop. Er ist erst seit 1960 in Neuß. Davor war er Pfarrer in der Ostzone, wo er es sehr schwer hatte, und davor war er fünf Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Hätte er sich vertraglich verpflichtet, die Arbeit der Evangelischen Kirche in der Ostzone auszuspionieren, wäre er früher entlassen worden. Am Schwann fühlt er sich sehr wohl, und deshalb ist er immer freundlich zu uns. In der großen Pause steckt er sich eine Zigarre an, schafft es meistens aber nicht, sie zuende zu rauchen und bringt sie mit in die Klasse, wo er sie auf dem Rand vom Waschbecken ablegt. Er trägt nie ein Buch bei sich, kein Heft und nicht einmal einen Zettel, sondern schüttelt sein geheimes Wissen aus dem Ärmel. Er soll zwei oder drei Bücher geschrieben haben, und eins gibt es sogar schon auf Englisch. Zu mir sagt er Jakobus, und zu unserm Klassensprecher sagt er Schalko, aber zu den meisten sagt er bloß Mäxchen. Einer mit grünem Pullover ist Mäxchen Grün, einer mit blauem Hemd ist Mäxchen Blau. Ich glaube, das ist ein Trick, weil er sich unsere Namen nicht merken kann.


In Zeichnen haben wir Herrn Nobis. Er ist uns unheimlich, weil seine rechte Hand verstümmelt ist. Es ist aber nicht im Krieg passiert, sondern bei der Arbeit an der Kreissäge, wobei er Daumen und Zeigefinger verloren hat. Bei ihm darf man keinen Quatsch machen, weil er einem sonst sofort eine Strafarbeit verpasst. Um den Umfang festzulegen, erkundigt er sich vorher, was der Vater von Beruf ist. Geht er einer Beschäftigung mit einem schlichten Namen nach, kommt man mit 1 Seite davon. Nach dem Beruf der Mutter fragt er zum Glück nie, sonst hätte er mir wahrscheinlich 3 Seiten verpasst. Aus der Entfernung wirft er mit Kreide oder mit seinem riesigen Schlüsselbund, und wenn man in seiner Reichweite und nicht kleiner als er selbst ist, schlägt er zu.


Von Montag bis Donnerstag haben wir fünf Stunden, am Freitag vier und am Samstag drei. Nur am Montagnachmittag muss ich nochmal nach Neuß fahren, zum Spielturnen. Auch Paul ist spätestens um zwei zuhause. Mama dagegen hat einen ganz vollen Stundenplan. Vier Tage in der Woche geht sie vormittags aus dem Haus und kommt erst abends wieder und ist erschöpft und muss sich langlegen, weil sie den ganzen Tag Seminare und Vorlesungen oder Praktikum gehabt und auf dem Rückweg auch noch Einkäufe gemacht hat. Montagvormittag und Samstagnachmittag hat sie frei, aber wenn sie mal einen langen Aufsatz schreiben muss, macht sie es auch in der PH, weil es da abends schön ruhig ist und sie jederzeit in Büchern nachgucken kann. Alle Aufsätze schreibt sie mit Füller auf Blockpapier mit Rautenmuster. Auf der ersten Seite muss links oben in der Ecke SBZ stehen, damit ihre Professoren wissen, dass sie aus der Ostzone kommt und Gnade vor Recht ergehen lassen.


Mama meint, es ist ein bisschen komisch, in ihrem Alter neben all den jungen Leuten zu sitzen. Sogar die Dozenten sind jünger als sie, außer Professor Wehle, aber nur ein Jahr. Professor Lowinski ist zwei Jahre jünger. Mama ist sehr froh, dass sie sein Werk über Wohnungspolitik in der sozialen Marktwirtschaft nicht lesen muss. Das erledigt Papa für sie. Er schlägt sogar alle Fremdwörter im Duden nach, und weil die meisten mehrmals vorkommen, schreibt er die Übersetzungen auf einen Extrazettel. Wenn er das Buch durch hat, tippt er für Mama auf der Schreibmaschine eine Zusammenfassung, und das ist dann fast so gut, als wenn sie es selbst gelesen hätte. Nebenbei schmeißt Papa auch noch unseren Haushalt, unter geringer Mithilfe von Paul (Abwaschen, Fegen) und mir (Abtrocknen, Aufkehren). All das macht Papa, obwohl es ihn schon seit Wochen in den Fingern juckt, mit seinem dritten Roman anzufangen. Die ganze Zeit, sagt er zu Mama, habe ich den Geruch von Lagerfeuern und Pferden in der Nase und höre verwehte Schüsse, aber stattdessen muss ich mich mit den Emotionen des Individuums beschäftigen, das in der Agglomeration des urbanen Raums kompensatorisch seine Integrität bewahrt.


Das hört sich wie grober Unfug an, sagt Mama.


Das stimmt, sagt Papa, aber genau so schreibt dein Professor Lowinski. Und es warten noch eine ganze Reihe Schmöker darauf, dass ich sie durcharbeite.


Die Bücher, die Papa noch durcharbeiten will, habe ich mir ein bisschen genauer angesehen. Wenn ich die Wahl hätte zwischen „Untersuchungen zur Periodik im Spielverhalten 6-10jähriger Kinder“ von Brigitte Gilles (159 Seiten) und „Stolz der Vergessenen“ von Robert Ullman aus dem Erich Pabel Verlag (172 Seiten) wüsste ich, wofür ich mich entscheide.


Ein Taschenbuch sah auf den ersten Blick interessant aus, denn es heißt „Philosophie der Aufklärung“. Weil vorne drauf vier Männer abgebildet sind, hatte ich vermutet, dass es Ärzte sind, die erklären, wie das Kind in den Bauch der Mutter kommt. Auf diese Frage hat mir Mama noch nie eine richtige Antwort gegeben. Alles, was sie sagt, ist: Das passiert beim Hochzeitfeiern. Mehr sagt sie nicht. Ich hatte gehofft, mit Hilfe dieses Buches endlich alle Geheimnisse lüften zu können, aber als ich es hastig durchblätterte, war ich enttäuscht. Offenbar gibt es zwei Aufklärungen: Die eine hat mit Kinderkriegen zu tun, die andere mit Philosophie, was ungefähr das Gegenteil ist. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich in einem Aufklärungsbuch bloß noch das Inhaltsverzeichnis überfliegen muss, um festzustellen, ob es interessant ist oder nicht. Kommt ein Mann namens Immanuel Kant vor, kann ich es gleich in die Ecke feuern.


Ein anderes Buch hat den Titel „Allgemeine Tiefenpsychologie“ und handelt von unserem Seelenleben. Ich hatte gehofft, dass etwas über Hypnose drinsteht, wo man mit offenen Augen schläft und dabei Dinge tut, die einem der Hypnotiseur befiehlt und an die man sich hinterher nicht mehr erinnern kann, wie im Film „Dr. Mabuse“. Pustekuchen. Es ist ein Buch über Erziehung. Deshalb muss es ja auch von den Studenten in der PH, die alle Lehrer oder Lehrerin werden wollen oder schon sind, wie Mama, gelesen werden. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist Tiefenpsychologie eine Waffe zur Beherrschung von Schwererziehbaren. Also von Leuten wie Paul.

In letzter Zeit mault und meckert er nur noch rum, liegt Papa ständig mit Geld für Führerschein und Moped in den Ohren, gibt Mama freche Antworten und redet dummes Zeug, wenn ich ihn was frage. Als ich neulich wissen wollte, was Audi bedeutet, hat er „HörZu“ gesagt und dass es aus dem Lateinischen kommt, aber das macht überhaupt keinen Sinn und ist bestimmt gelogen. Warum sagt er nicht die Wahrheit, warum warum warum? Vorbei die Zeiten, als ich noch nach seiner Hand griff, damit er mich führte und beschützte. Wenn wir nachmittags alleine zuhause sind, blockiert er das Wohnzimmer, hört laut Musik und raucht. Wenn ich dann den Fußball gegen die Wohnzimmertür ballere, schreit er, ich soll aufhören, was ich aber erst tue, wenn er rausgeschossen kommt und mich verprügeln will, aber dann habe ich mich schon im Bad eingeschlossen und schreie um Hilfe, bis er schwört, mir doch nichts zu tun.


Und wir sind nachmittags oft alleine zuhause, zum Beispiel wenn Papa Rundfunk- und Fernsehgebühren kassieren muss. Auf seiner normalen Tour am Vormittag schafft er das nicht, weil viele Leute vormittags nicht zuhause sind, und an diesen Tagen muss er nachmittags noch einmal ran, was ihm aber nicht gefällt. Deshalb meint er, ich kann das machen, und weil ich erst zehn bin, soll Dieter Frambach mitgehen, Heidis Bruder, der schon dreizehn ist. Hinterher soll Paul zuhause das eingenommene Geld zählen, und dann wird abgerechnet: Für jede Karte, die wir an den Mann bringen, kriegt Dieter fünfzehn Pfennige, und ich fünf Pfennige.


Papa gibt uns den Stapel mit den übrig gebliebenen Gebührenquittungen, ungefähr siebzig Stück, die große Geldtasche mit fünfzig Mark Wechselgeld, und dann ziehen wir los. Bei uns in der Moselstraße fangen wir an. Jedes Mal kassieren wir sieben Mark, oder, wenn es nur für Rundfunk ist, zwei Mark. Es klappt wunderbar, nur Herr Stokowski kommt in Unterwäsche an die Tür und ist schlecht gelaunt, weil er Frühschicht gehabt hat und wir ihn geweckt haben. Frau Staroske und die alte Frau Thiel weigern sich, uns Geld zu geben, weil sie uns nicht glauben, dass wir im Auftrag der Deutschen Bundespost unterwegs sind, und als Frau Thiel am nächsten Tag bei Papa sieben Mark bezahlt, sagt sie ihm, gestern hätten zwei Jungen versucht, sie um die Rundfunkgebühren zu betrügen, aber sie wäre nicht drauf reingefallen, und Papa antwortet, Das haben Sie gut gemacht.

In der Moselstraße macht uns Frau Henn, die Mutter von Hans-Jürgen Przybilla, die Tür auf, und sofort schlägt uns eine Wolke aus Wasserdampf und Gestank ins Gesicht. Es ist der Geruch von Mülleimer und Kohlsuppe, Pups und Turnhalle, vermischt mit Dampfschwaden aus einer Waschküche, und irgendwo im Haus schreit ein Baby. Gern würden wir wieder abhauen, aber wir sind ja im Auftrag der Deutschen Bundespost unterwegs. Ich sage, weshalb wir gekommen sind, und Frau Henn sagt, Moment, ich muss nach oben und das Geld holen. Beim Sprechen werden ihre beiden Vorderzähne sichtbar, der eine gelb, der andere schwarz. Kommt doch so lange rein, sagt sie, und schließt hinter uns die Tür. Kaum ist sie auf der Treppe verschwunden, reißen wir die Haustür auf und schnappen draußen nach Luft. Es wundert mich kein bisschen, dass der richtige Vater der Henne hier nicht mehr wohnt.


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