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- Jan-Christoph Hauschild

- 12. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Alexander hielt sich nicht gern in dieser Wohnung auf. Das Wohnzimmer war ein nicht allzu großer Raum, der durch die klotzigen Ausmaße der Möbel noch kleiner wirkte. Dicht an die große Schrankwand zur Rechten geschoben, aber immer noch so groß, dass er den Rest der Wand auf dieser Seite einnahm, befand sich ein mächtiger altmodischer Schreibtisch mit einem Drehstuhl davor. Hier war der häusliche Arbeitsplatz von Kims Vater gewesen, dem Architekten, nach seinem schweren Autounfall, an dessen Folgen er zwei Jahre später gestorben war. Das Fenster an der gegenüberliegenden Wand passte vollkommen zu den Möbeln. Es war endlos breit und hoch, das Fensterbrett in Kniehöhe. Zwischen der Schrankwand und den Möbeln standen um einen massiven runden Tisch herum drei niedrige Sessel mit Papierkordel-Bespannung. Dort saßen sie jetzt, und Hilde drückte gerade eine Zigarette im Aschenbecher aus. Vier bis fünf davon rauchte sie jeden Tag, mit einer Regelmäßigkeit, mit der andere Menschen ihres Alters ihre Pillen einnahmen, morgens, mittags, nachmittags und abends. Heute war so ein Abend gewesen, an dem sie sich eine zweite angezündet hatte.
Kim war in ihrem Bericht bei Oberlins Begräbnisprotokoll angelangt und las ihrer Mutter den nunmehr komplett entzifferten Text vor. Hilde hörte ihr wortlos zu und ließ dabei ihren Blick zwischen Kim und Alexander schweifen. Als Kim sie fragte, ob ihr der Name Swedenborg geläufig sei, nickte sie.
„Natürlich. Ich glaube, der hat die Leute seinerzeit ähnlich verzückt wie Mesmer. Kollektive Begeisterung. Der hat noch an einen dicht mit Menschenseelen bevölkerten Himmel geglaubt.“
„Was Oberlin, diesem Mann der Tat und der Vernunft, gar nicht gefallen hat.“
An diesem Punkt schaltete sich Alexander ein, der bis dahin höchstens kurze Einwürfe gemacht hatte.
„Im Namensregister der Beerdigungen ist das Ereignis übrigens auch verzeichnet, als Individu inconnu. Ursprünglich sogar als ‚Englische Kreatur’, was wohl so viel heißt wie scheußliches Wesen.“
Hilde beugte sich ein Stück nach vorn. „Englische Kreatur?“
„Ja“, sagte Kim. „Wir nehmen an, es ist ein zeitgenössischer Ausdruck für etwas Gruseliges, wie es später durch die englische Schauerromantik verbreitet wurde.“
„Nie gehört, diese Definition. Aber ich kann euch was anderes sagen. Englisch ist ein Adjektiv mit zwei Bedeutungen. Die eine verweist auf das Substantiv England. Die andere – zugegeben, sie ist veraltet, genau wie ich, und wohl ziemlich in Vergessenheit geraten –“ Hilde blickte in erwartungsvolle Gesichter.
„Herrje, Mutter, nun mach es doch nicht so spannend.“
„Die andere verweist auf das Substantiv Engel.“
Kim starrte ihre Mutter an. „Engel?“
„Jawohl. Hättest Du Dich früher mehr mit klassischer Musik befasst, wüsstest Du das. „Die englischen Stimmen Ermuntern die Sinnen, Dass alles für Freuden erwacht. Na, von wem ist das?“
Sie hob das Kinn und heftete ihren Blick auf Alexander.
„Keine Ahnung? Gustav Mahler, „Lieder aus des Knaben Wunderhorn“. Geht ihr denn in Washington nie ins Konzert? – Statt „englische“ kann man auch „himmlische“ Kreatur sagen. Nichts anderes ist damit gemeint.“
„Also ich glaube nach wie vor, dass ‚englisch‘ in diesem Zusammenhang so viel bedeutet wie gruselig“, sagte Alexander steif. „Aber trotzdem vielen Dank für die Idee, Hilde.“
Hildes Augen sprühten Feuer. „Meine Idee?“ wiederholte sie scharf. „Ich habe euch ein Licht aufgesetzt“, fuhr sie mit Strenge fort. „So musst Du es nennen. Das mit dem Gruseligen ist kompletter Blödsinn.“
„Aber das gibt doch keinen Sinn“, kam Kim Alexander zu Hilfe. „In Oberlins Protokoll ist von einem missgestalteten Körper die Rede. Warum dann das Kompliment „himmlisch“? Sie wartete die Antwort nicht ab. „Oder ist damit eine Kreatur des Himmels gemeint? Dann hätten wir es also mit einem Engel zu tun.“
„Ich habe nicht von einem Engel gesprochen“, erwiderte Hilde, „das warst Du. Ihr lest einen alten Ausdruck, den ihr nicht versteht, weil eure Allgemeinbildung nur mit elektrischem Strom funktioniert, und trotzdem glaubt ihr, ihr habt das Ei des Kolumbus gefunden. Ich habe mein Lebtag noch nie gehört, dass ‚englisch‘ so viel wie gruselig bedeuten soll, und ich sage euch: Ihr seid auf dem Holzweg. Und das Schlimme ist, dass ihr euch auch noch vor der Wahrheit verschließt.“
Gekränkt heftete sie ihren Blick auf die Fuge zwischen Wand und Zimmerdecke. „Also von Dir, Alexander, hätte ich das am Allerwenigsten erwartet. Sheila ist Journalistin, da muss man es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen – Du brauchst mich gar nicht so empört anzusehen, meine Liebe, ich weiß, wovon ich rede. Ein bisschen Demut könnte euch beiden nicht schaden.“
Hilde war wirklich ein bisschen empört. Aber nur ein bisschen. Im Grunde genoss sie die Auseinandersetzung. Es gab nicht mehr viele Gelegenheiten, wo sie es den jungen Leuten zeigen konnte. Und hier fühlte sie sich zu hundert Prozent im Recht. „Englische Scharen“, „englische Gesänge“ und „englische Freuden“ waren ihr vertraute Ausdrücke, die sie aus alten Gedichten und Kirchenliedern kannte.
Alexander machte einen Vermittlungsversuch. „Na gut, Hilde“ sagte er mit Sanftmut in der Stimme, „arbeiten wir mal mit Deiner Interpretation. Oberlin bezeichnet den Toten als Engel. Warum? Weil er für dieses von der Norm abweichende Individuum keinen Begriff hatte. Er war Pfarrer. Ein Wissenschaftler oder ein einfacher Arzt hätte sich anders geäußert.“
Hilde verschränkte die Arme vor der Brust und beugte sich zu ihrem Schwiegersohn herüber.
„Höre ich da so etwas wie die Stimme der Vernunft?“
Das nachfolgende Schweigen dauerte so lange, dass Kim annahm, eben das Schweigen sei Alexanders Antwort. „Die Umstände seiner Auffindung waren ja auch merkwürdig“, sagte sie dann. „Ein unbekannter nackter Toter von ungewöhnlichem Aussehen – da konnte man schon auf die Idee kommen, er sei vom Himmel gefallen. Und sofort sah Oberlin die Gefahr, dass, falls die Wissenschaft auf diesen merkwürdigen Toten aufmerksam würde, dadurch die Spekulationen eines Herrn Swedenborg genährt werden. Da wäre es doch interessant zu erfahren, ob Swedenborg an Engel geglaubt hat.“
„Hat er“, sagte Alexander wie nebenbei.
„Was?“ rief Kim.
„Ich hab es gestern schon im Wikipedia-Artikel gelesen. Seine Zeitgenossen nahmen ihm das übrigens nicht einmal übel. Niemand nannte ihn einen Scharlatan. Er galt als Träumer.“
Hildes Augen funkelten. „Habt ihr eingesehen, dass ich Recht habe? Ihr könnt es ruhig einmal zugeben.“
Alexander stand auf, beugte sich zu Hilde herunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Danke.“ Er ging er zum Fenster, sah einen Augenblick nach draußen und fuhr sich mit dem Finger an die Lippen. Dann drehte sich wieder herum.

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