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Unsere Wohnung in der Kapitelstraße besteht aus einem einzigen Zimmer mit einem großen Teppich und ganz wenigen Möbeln. Es gibt weder Küche noch Bad, aber Mama sagt, das brauchen wir auch nicht, wir haben ein Waschbecken, und das Klo ist eine halbe Treppe tiefer.


Das Zimmer hat ein schmales, hohes Fenster, durch das man auf die Straße schauen kann. Davor stehen eine Liege mit roter Auflage, zwei kleine Sessel, ein niedriger Tisch und eine Stehlampe, und an der Wand gegenüber noch ein großer Kleiderschrank mit drei Türen.


Ich setze mich in einen der Sessel und schaue zu, wie Mama den Koffer und die Taschen auspackt. Als erstes holt sie den Beutel mit unserem Reiseproviant heraus und sagt, Das ist unser Abendbrot. Dann legt sie eine dicke Decke, Bettzeug und Schlafanzüge auf die Liege, hängt zwei Handtücher auf und stellt unser Zahnputzzeug auf die Ablage über dem Waschbecken. Den Rest verstaut sie im Kleiderschrank. Die Taschen legt sie in den Koffer, und den Koffer schiebt sie oben auf den Kleiderschrank. Meinen Schulranzen stellt sie neben das Sofa. Danach breitet sie eine Serviette auf dem Tisch aus und sagt, ich soll mich zum Essen neben sie setzen. Es gibt belegte Brote und für jeden eine Tüte Sunkist.


Nach dem Essen verwandelt Mama das Sofa in ein Bett und bezieht es mit der mitgebrachten Bettwäsche. Ich muss mir die Zähne putzen und den Schlafanzug anziehen, und dann sagt Mama, jetzt zieht sie sich aus, und deshalb soll ich solange in den Schrank gehen. Ich sage, ich kann doch auch die Augen fest zumachen oder mich in die Ecke stellen, wie bei Fräulein Tirschmann, zur Strafe, weil ich im Unterricht geschwätzt habe, aber Mama sagt, der Kleiderschrank ist so groß, und es dauert ja auch nicht lange, und sie schließt die Tür auch nicht ab.


Als Mama mich ruft, dass ich rauskommen kann, liegt sie schon im Bett und hat den Finger am Schalter von der Stehlampe. Ich schlüpfe zu ihr unter die Bettdecke und gebe ihr einen Kuss. Es war ein schöner Tag, viel schöner, als ich dachte. Und ich bin auch gar nicht traurig, dass Papa und Paul nicht bei uns sind.


Am nächsten Morgen gehen wir zum Bahnhof und fahren zum ersten Mal zu unserer Schule nach Norf. Mama hat eine große Tasche dabei und ich meinen Tornister.


Auf der Zeppelinschule in Speyer waren nur Jungen, getrennt nach Katholiken und Evangelischen. Auf der Geschwister-Scholl-Schule in Derikum sind Mädchen und Jungen zusammen in einer Klasse, und das ist schön, denn Mädchen sind wie süße Vögelchen, zierlich und scheu, jedenfalls die meisten. Viele haben Piepsstimmen, manche gackern wie Hühner und schnattern wie Gänse. Ihre langen Haare haben etwas von Gefieder, selbst ihre Beine, nackt unter den kurzen Röcken, erinnern an Vögel. Auf dem Schulhof heißen sie Weiber. Sie haben ihre eigenen Spiele, hüpfen in Kästchen herum, die sie mit Kreide auf den Boden gemalt haben, oder springen über Gummibänder. Sie sind auch anders angezogen, haben andere Frisuren, manche tragen eine Halskette oder einen Ring. Viele haben schon ein bisschen Busen, aber das ist ihr Geheimnis.


Ich fände es gut, wenn ich mal ein Mädchen ohne was an in Ruhe betrachten könnte, weil dann das Geheimnis gelüftet wäre, aber eine Gelegenheit dazu war noch nicht da. Nirgendwo gibt es Ganznackte, höchstens Halbnackte. Im Gemäldequartett, das uns Omi geschenkt hat, gibt es eine Karte mit der büßenden Magdalena, die in einem Buch liest und vorne oben ganz nackt ist, aber sie liegt halb auf dem Bauch, und das Quartett ist nur in Schwarzweiß.


Ich komme in die Klasse von Herrn Kollmeyer, die ungefähr zur Hälfte aus Fünftklässlern besteht. Mama hat eine eigene vierte Klasse. Wenn wir Religion haben, gehen ich und die anderen Evangelischen aus unserer Klasse zu Mama, und die Katholischen aus ihrer Klasse gehen zu Herrn Kollmeyer. Singen haben wir auch bei Mama, weil Herr Kollmeyer das nicht unterrichtet und Mama ein As in Musik ist. Einige Kinder sagen zu Mama Frollein, weil sie denken, Frollein ist ein anderes Wort für Lehrerin, so wie Doktor für Arzt, und Heidi Koch glaubt, dass es toll ist, Sohn vom Frollein zu sein. Dabei tut Mama im Unterricht immer so, als wäre ich nicht ihr Sohn, sondern ein ganz normaler Schüler. Außerdem gibt es Kinder, die mich extra deswegen ärgern, weil ich der Sohn der Lehrerin bin.


Nach der Schule muss ich noch ein bisschen auf Mama warten, und solange darf ich auf dem Schulhof mit den Kindern vom Hausmeister Fußball spielen.


Endlich ist Mama fertig und wir gehen wieder zum Bahnhof zurück. Bis der nächste Zug nach Neuß fährt, stärken wir uns in der Bahnhofsgaststätte mit einer Hühnersuppe. Beim Essen sagt Mama, dass sie schon eine Wohnung für uns angeboten bekommen hat, und zwar von Herrn Wiedenlübbert, weil er als Hausmeister jetzt auf dem Schulgelände wohnt und sein Haus in Norf leer steht. Bis Mama eine Dienstwohnung in Derikum bekommt, würde er uns übergangsweise sein Haus vermieten, notfalls auch mitten im Monat, und das ist ein Glückstreffer.


Den Nachmittag verbringen wir mit Schularbeiten, Einkaufen und Briefeschreiben. Mama sagt, dass wir Papa und Paul ganz oft schreiben müssen, damit die beiden sich nicht so einsam fühlen. Als erstes kauft Mama in der Kaufhalle eine Elektrokochplatte und einen Kochtopf, damit wir uns Suppe oder Ravioli kochen können. Danach geht sie zum Friseur, und ich kriege zwanzig Pfennige und soll in einer Dreiviertelstunde wiederkommen.



Am Pfingstsonntag fahren Mama und ich zurück nach Speyer. Es ist schön, Papa und Paul wiederzusehen. Papa hat für den Umzug große Kartons aus dem Anker besorgt. Er sagt, wir müssen unsere Sachen nach System einpacken, weil uns das in der neuen Wohnung beim Auspacken und Einräumen hilft.


Paul hat schon sein Abgangszeugnis bekommen. Papa sagt, er soll es Mama zeigen, damit sie sieht, was er für eine Niete ist. Als Mama die Fünfen in Mathematik, Französisch und Englisch sieht, bricht sie in Tränen aus, weil er damit am Gymnasium in Neuß bestimmt nicht angenommen wird. Jetzt droht ihm die Volks- oder Realschule, schluchzt Mama, das bedeutet seinen Untergang, und deshalb will sie es nicht hinnehmen.


Papa macht ein ernstes Gesicht und sagt zu Paul, Wer im Leben etwas werden will, muss auf Draht sein. Nicht immer nur im Sessel liegen und Musik hören. Man muss sich anstrengen und aufpassen.


Ja, weiß ich schon.


Damit du etwas Besonderes, etwas Besseres wirst. Man kann natürlich auch Handwerker oder Beamter werden, aber das überlass den anderen. Du musst darüber hinaus. Denk an die Männer, die man noch heute kennt, obwohl sie so lange tot sind. So muss man auch werden. Der Läufer von Marathon. Hannibal aus Karthago, der Sieger über das mächtige Rom. Caesar. Karl der Große.


Mama sagt, es wäre schon ganz schön, wenn er ein gutes Abitur macht und zum Beispiel Lehrer wird.


Lehrer werde ich auf keinen Fall, schreit Paul, sondern Fußballer oder Sänger.


Am Abend dürfen wir im Radio die Übertragung vom Freundschaftsspiel gegen Weltmeister Brasilien hören. Der Reporter sagt, das Stadion ist ein Hexenkessel, weil 140.000 Menschen hineinpassen, und alle sind gekommen. Bei Brasilien haben die Fußballer schöne Namen wie Pelé oder Garrincha oder Jairzinho und spielen beim FC Santos und bei Botafogo Rio de Janeiro. Unsere Fußballer heißen Klaus-Dieter Sieloff oder Sepp Piontek oder Horst-Dieter Höttges und spielen beim VfB Stuttgart und bei Werder Bremen. Leider verlieren wir mit 0:2, weil Uwe Seeler nicht dabei ist, der sich vor drei Monaten die Achillessehne gerissen hat und vielleicht nie wieder Fußball spielen kann.


Nachher im Bett erzähle ich Paul von Neuß und von der Schule und der neuen Wohnung, die wir von Herrn Wiedenlübbert bekommen haben, ein ganzes Haus nur für uns.


Paul kann es kaum noch erwarten, von Speyer wegzukommen, weil Papa seit unserer Abreise fast nur schlechte Laune gehabt hat.


Einmal ist er so wütend gewesen, dass er mir eine kleben wollte. Das hat er noch nie getan. Oder hast du –


Nö, antworte ich wahrheitsgemäß. Er hat höchstens gedroht, Willst du ’nen Backs? oder so was.


Wir waren in der Küche, erzählt Paul. Er hinter dem Tisch, ich vor dem Tisch. Wir streiten uns, ich gebe eine freche Antwort. Er hebt blitzschnell die Hand und will mir ins Gesicht hauen. Aus Versehen trifft er die Balkontür, die auf Kipp steht. Der Schlag ist so hart, dass es kracht. Ich hab mich ganz schön erschrocken. Papa hat sich auch sehr erschrocken, und außerdem hat er sich sehr wehgetan. Und dann hat er geweint.


Papa hat geweint?


Er ist richtig zusammengebrochen. Wie damals, als er –


Ich weiß schon.


Das war sehr komisch. Eigentlich wollte ich mich umdrehen und weggehen, aber dann bin ich doch zu ihm gegangen und hab so gemacht.


Paul legt mir die Hand auf die Schulter.


Dann hat sich Papa bei mir entschuldigt. Er hat gesagt, dass es ihm leidtut, es sind die Nerven, weil wir getrennt sind, und alles ist bloß seine Schuld, weil er uns nicht als Alleinverdiener ernähren kann. Wenn er eine bessere Arbeit hätte, wäre Mama auch nicht weggegangen, und wahrscheinlich verdient sie jetzt sogar mehr Geld als er. Ich hab bloß gesagt, dass es doch gut ist, wenn Mama viel Geld verdient. Und dass man als Lehrerin schon am Mittag wieder nach Hause kommt und ganz viel Ferien hat.


Genau.


Am nächsten Tag packt Papa mit uns Kisten und Mama geht mit Pauls schlimmem Abschlusszeugnis zu seiner Schule, damit es geändert wird. Paul und ich dürfen die Sachen aus unserem Kinderzimmer selber einpacken. Danach räumen wir den Wohnzimmerschrank aus.


Als Mama zurückkommt, sagt sie, Paul kann von Glück reden, dass Herr Pfarrer Lau stellvertretender Schulleiter ist, denn er hat Gnade vor Recht ergehen lassen, und jetzt hat Paul nur noch eine Fünf im Abgangszeugnis.


Weil in Speyer die Pfingstferien schon zuende sind, gehe ich am Donnerstag noch einmal zur Zeppelinschule. Paul kann zuhause bleiben und hilft Mama und Papa beim Einpacken, weil morgen der Umzugswagen kommt.


In meiner Klasse staunen alle, dass ich noch einmal gekommen bin, sogar Fräulein Tirschmann. Auf einer großen Deutschlandkarte soll ich zeigen, wo ich jetzt wohne. Sowie ich den Rhein entdeckt habe, ist es nicht mehr schwer, auch die Stationen unserer Zugfahrt wiederzufinden. Ich fahre mit dem Finger von Speyer nach Mannheim und weiter nach Koblenz, Bonn und Köln. Da ist Neuß, sage ich, und gegenüber ist Düsseldorf.


Und das liegt wo? fragt Fräulein Tirschmann die Klasse, und weil keiner die Antwort weiß, muss ich es sagen: in Nordrhein-Westfalen.


Am Freitagmorgen kommt der Möbelwagen von Aschendorff mit drei starken Männern, die alle unsere Möbel und Kartons einpacken. Paul hilft mit und darf zur Belohnung mit den Umzugsleuten auf dem Lkw nach Norf fahren. Wir andern fahren mit dem Zug; ich trage wieder den Reisekäfig mit Pürie in der Hand. Wir fahren die gleiche Strecke wie vor sieben Wochen. Hinter Oberwesel zeige ich Papa die Loreley.


Nach dem Krieg, sagt Papa, als unser Lager in Italien aufgelöst wurde, da sind wir mit dem Gefangenentransport auch hier vorbeigekommen. Alle haben die alten Rheinlieder gesungen, viele mit Tränen in den Augen, selbst die ganz harten Burschen, weil wir dachten, jetzt kommen wir nach Hause. Man hatte uns ja auch gesagt, wir werden entlassen. Keiner von uns konnte ahnen, dass die Amis uns an die Belgier abtreten. Das merkten wir erst, als wir über Aachen hinaus waren. Da kamen wir wieder ins Lager. Die vom Ami verkauften weißen Sklaven des zwanzigsten Jahrhunderts in der Hölle von Mons. Und nach einer Woche dann Charleroi.


Ich würde Papa gerne die Feindlichen Brüder zeigen, aber ich mag ihn nicht stören, wie er stumm aus dem Zugfenster in die Ferne schaut.


Vom Bahnhof Norf können wir zu Fuß zu unserer neuen Wohnung gehen, weil es nur ein paar Minuten dauert. Friedensstraße Nr. 12 ist unsere neue Adresse, und da steht auch schon der große Möbelwagen. Wie Mama gesagt hat, ist es ein ganzes Haus für uns allein, sogar mit Garage, und davor ein großer Garten. Papa sagt, hier wird er Bohnen und Mohrrüben und Kohl und später Feldsalat pflanzen, und dann brauchen wir nie wieder Gemüse zu kaufen.


Paul ist auch da und sagt, die Möbelpacker haben ihm angeboten, wenn sie im Sommer einen Umzug nach Paris machen, darf er mitfahren. Dann zeigt er mir unser Haus. Es hat so viele Zimmer, dass man sich verirren kann, unten vier und oben drei, und außerdem noch das Badezimmer. Die obere Etage ist für Paul und mich ganz allein. Da sind drei Zimmer hintereinander, und jedes Zimmer ist so groß wie unser altes Kinderzimmer in Speyer. Alle drei Zimmer haben ein Fenster zum Garten und das hinterste Zimmer hat noch ein zweites Fenster. Paul sagt, dieses Zimmer beansprucht er, und deshalb hat er auch schon seine Lieblingsbilder an die Wände geklebt und den Cliff-Richard-Starschnitt aus der „Bravo“, an dem nur noch der Hals und der Kopf fehlen.


Und jetzt pass auf!


Er macht das Fenster auf, klettert auf die Fensterbank, steigt durch und steht auf dem Garagendach.


Das wird meine Dachterrasse. Aber halt bloß die Schnauze!


Am nächsten Tag gehen Mama und ich wieder zur Schule, und Papa und Paul gehen zum Bahnhof und fahren mit dem Zug nach Neuß. Papa arbeitet im Restaurant von Kaufhaus Merkur, und Paul geht auf das Schwann-Gymnasium. Obwohl er schon in der Untertertia ist, muss er zurück in die Quarta, weil er sonst mehr als ein ganzes Schuljahr Latein nachholen müsste, und das würde er bestimmt nicht schaffen. Jetzt ist ihm seine Klasse nur ein paar Wochen voraus, und um das nachzuholen, kriegt er von seinem Lateinlehrer Herrn Hagemann persönlich jede Woche drei Nachhilfestunden, wofür Mama jedes Mal acht Mark bezahlen muss. In den andern Fächern ist Paul seiner Klasse um ein ganzes Schuljahr voraus. Deshalb hofft Mama, dass er seine drei Mangelhaft mindestens in Ausreichend verbessert und nächstes Jahr glatt versetzt wird.


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