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- Jan-Christoph Hauschild

- vor 4 Tagen
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Danach stand Croqué auf und ging. Er hatte sich bemüht, gegenüber Laroussi Gelassenheit an den Tag zu legen, doch in Wirklichkeit kochte er vor Wut. Andere an seiner Stelle würden kapituliert haben, würden vielleicht zum Melancholiker geworden sein – er dachte nicht einmal im Traum daran, jetzt den Schwanz einzuziehen. Stattdessen rüstete er sich bereits für den Gegenschlag. Bislang hatte sich noch jeder, der glaubte, ihm seinen Willen aufzwingen zu können, getäuscht. Dass dieser Ziegenficker ihm den Krieg erklärt hatte, würde er noch bereuen. Anscheinend verkannte er die Gefahr, die es bedeutete, sich ihn zum Feind zu machen. Denn er war unbesiegbar. Er fühlte sich in der Lage, unbeschadet Glassplitter zu frühstücken, er verspürte große Lust, sich als menschliche Kanonenkugel in die Luft schießen zu lassen, es juckte ihn, sich ein Gebiss aus Stahlzähnen einsetzen zu lassen und, wie die großen Magier, Kugeln mit den Zähnen aufzufangen.
Dieser Bursche wollte ihn an den Pranger stellen? Da hatte er sich aber gründlich verkalkuliert. Am Nasenring würde er ihn auf dem Marktplatz der Öffentlichkeit spazieren führen. Dazu brauchte er sich nur den Anblick der zwei Dutzend Filmrollen und jenes Skeletts ins Gedächtnis zu rufen, die er vor einigen Jahren bei seinen Streifzügen durch das ausgedehnte Kellersystem, wie immer angetrieben von unstillbarer Gier, in einem abgelegenen Raum, der von Amts wegen für die Lagerung von Sprengstoffen zugelassen war, entdeckt hatte. Was bedeutete Laroussis Holzknüppel gegen dieses Samuraischwert!
Es handelte sich um die vermutlich allerletzten Reste der ehemaligen Rassekundlichen Sammlung Berger, die ihm als Teile des historischen Archivs des Instituts für Gerichtsmedizin praktisch in den Schoß gefallen waren, als dessen Arbeit im Rahmen von Umstrukturierungsmaßnahmen vom elsässischen Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin übernommen und sein bisher auf zwei Standorte verteilter Bestand seinem Institut zugeschlagen wurde. Wahrscheinlich waren die auf Nitratbasis hergestellten Filme, bei denen es sich um Lehrmaterial zur Durchführung von Sterilisationen, der Entnahme von Hoden oder dem Verkleben von Eileitern handelte, irgendwann aus Furcht, sie könnten sich selbst entzünden, in diesen speziell ausgestatteten Raum verbracht worden und dort in Vergessenheit geraten.
Auf welche Weise das Skelett ebenfalls in den Raum gelangt war, ließ sich nicht mehr klären. Der bleiche und stumme Zeuge der Naziverbrechen in der kurzen deutschen Zeit der Université Sébastien Brant hatte sich als unförmiges Gebilde unter einem zerschlissenen Orientteppich verborgen. Als Croqué ihn mit einem kräftigen Ruck zur Seite schlug, lag vor ihm das verstaubte und verdreckte, im Übrigen aber vollständig erhaltene, auf einen Holzsockel montierte Skelett einer vierundsechzigjährigen Jüdin aus Thessaloniki, wie der Beschriftung auf einer Metallplakette zu entnehmen war.
Das also hatten die Deutschen unter wissenschaftlicher Forschung verstanden: Die Ermordung und Zurschaustellung Unschuldiger. Eigentlich war es unbegreiflich. Ein intelligenter, gebildeter Mensch, der so etwas tat, musste krank gewesen sein, zumindest aber besessen, verhext von der Rassenideologie der Naziführer. Was waren seine Taschenspielertricks gegen dieses Weltverbrechen? Wieso war eigentlich niemand auf die Idee gekommen, deren Skelette zur Schau zu stellen? Oder wenigstens ihre Leichen in Käfigen an die Kirchtürme zu hängen, wie man es im Mittelalter mit Ketzern und andern Delinquenten gemacht hatte, wo sie dann vor sich hin moderten? Vermutlich, weil es einem zivilisierten Staat nicht anstand. Aber war das klug, auf lange Sicht? Auf lange Sicht bedurfte es abschreckender Maßnahmen. Erziehung durch Schrecken. Unerwünschtes Verhalten durch Abschreckung verhindern. Vorausgesetzt, der zu Erziehende ließ sich abschrecken und war nicht schon allen rationalen Kalküls enthoben.
Jenseits aller ethischen Betrachtungen waren ihm die Reste der Sammlung Berger schon damals als Schatz erschienen, als eine Art Unterpfand für schlechte Zeiten, die jetzt, wo Diplomatie und andere Formen der Prävention offensichtlich versagten, gekommen waren. Richtig eingesetzt, konnten sie für ihn eine Art Versicherungspolice darstellen und für ein Gleichgewicht des Schreckens sorgen. Das sollte der Tunesier wissen: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter.
Er zog eine Zigarre aus seinem Etui, biss die Spitze ab und spuckte sie in hohem Bogen in den Flur, genau vor die Füße der Putzfrau, einer jungen Afrikanerin in einem hellblauen, ärmellosen Nylonkittel, die soeben ihren Dienst begonnen hatte. Während sie kopfschüttelnd das Teilchen mit dem Handfeger auf die Kehrschaufel schob, stand Croqué breitbeinig vor ihr, zündete die Zigarre an und produzierte ein paar schnell aufeinanderfolgende Rauchwolken. Destruction mutuelle assurée. Das Gleichgewicht des Schreckens. Er hielt Laroussi für nicht so irrational, dass er bereit war, für seine Vernichtung die eigene in Kauf zu nehmen. Entschlossen schritt er zum Aufzug.
Die Afrikanerin folgte ihm mit ihrem Putzwagen, und als sie ihn eingeholt hatte, zeigte sie mit einem missbilligenden Blick auf das Rauchverbotsschild an der Wand hinter ihr.
„Hier nix rauchen“, sagte sie.
Croqué grinste sie an. In diesem Augenblick fühlte er sich von einer strahlenden Aura umgeben.
„Die Regeln hier mache ich“, sagte er und tippte mit dem Daumen auf seine Brust.
Dann stieg in den Fahrstuhl und paffte munter weiter. Bevor er hinter der Verriegelung verschwand, sah die Putzfrau noch, wie er seinen Zigarrenschneider aus der Westentasche zog und begann, das Rauchverbotsschild in der Kabine abzukratzen.

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