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Im Herbst habe ich Geburtstag, und als ich am Sonntagmorgen ins Wohnzimmer komme, wo meine Geschenke aufgebaut sind, ist da kein Fahrrad und Paul meint, dass mir die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben ist. Ich bekomme einen Karl-May-Kalender mit Bildern aus „Winnetou I“ und „Old Shatterhand“ und einen Matchbeutel, in den ich meine Sachen stecken kann, wenn wir Turnen haben. Der Beutel ist aus weißem Stoff mit einem Gummiband zum Zuziehen, und Mama hat darauf Lupo gestickt, wie er als Olympiakämpfer über eine Hürde springt. Das hat sie von einem „Fix und Foxi“-Titelbild übernommen, und jetzt weiß ich, warum sie sich neulich meine neuesten Hefte ausgeliehen hat. Dann ist da noch ein großer Karton, in dem aber nur ein ganz kleiner Karton ist, und darin ist ein winziges Schächtelchen. Als ich es aus dem Geschenkpapier ausgewickelt und geöffnet habe, liegt ein kleines Plastikfahrrad darin, wie man es im Verkehrsmagnetspiel benutzt. Ich weiß schon Bescheid, noch bevor ich den beigelegten Zettel gelesen habe: Schau mal im Keller! Mein Traum ist erfüllt worden, und vor Freude hüpfe ich im Zimmer herum.


Mama verrät mir, dass das Fahrrad nicht neu ist. Sie hat es nebenan im Fahrradgeschäft gekauft, wo es nach einer Reparatur nicht mehr abgeholt worden ist, und die nette Frau Rausch, der das Geschäft gehört, hat es ihr zum Preis von der Reparatur verkauft.


Am Nachmittag probiere ich mein Fahrrad aus und fahre zum Feuerbachpark, aber als mir ein Mann entgegenkommt, drehe ich um und fahre lieber ein bisschen zwischen Altpörtel und Schulplätzel herum, und noch bevor es anfängt, dunkel zu werden, bin ich wieder zuhause, damit es mir nicht so geht wie Timo Rinnelt, der noch nach Einbruch der Dunkelheit draußen gespielt hat und dessen Eltern jetzt 15.000 Mark an die Entführer zahlen sollen, sonst bleibt er gefangen. Das ist schon fast ein Jahr her, aber immer noch hängt sein Bild bei der Polizei im Schaufenster und auch in der Post.


Vor dem Einschlafen stelle ich mir manchmal vor, ich bin Timo Rinnelt und liege gefesselt in einem dunklen Keller. Dafür schlage ich die Bettdecke zurück, kreuze meine Arme hinter dem Rücken und bleibe in dieser Stellung, bis mir kalt wird und ich anfange zu frieren. Da beißt mir mein treuer Collie Bessy die Fesseln durch, und ich kann entkommen und mich an sicherer Heimstätte aufwärmen, wofür ich wieder unter die mollige Bettdecke schlüpfe und mich in meine Matratzenmulde kuschele. Dann wieder ist meine Matratze ein Floß, auf dem ich, mit Ledergurten zur Unbeweglichkeit verdammt, den Rio Grande heruntertreibe, über gefährliche Stromschnellen hinweg. Erst in allerletzten Moment gelingt es mir, mich zu befreien, und mit einem tollkühnen Sprung rette ich mich ans Ufer, bevor mein Floß zwischen zwei Felsen zerschellt. Die Entführer halten mich für tot.


Für den Fall, dass mich mal wirklich jemand entführen will, zum Beispiel indem er mich unter dem Vorwand, meine Mutter müsse mich dringend sprechen, überredet, mit ihm zu kommen, habe ich mit Mama einen Geheimcode verabredet. Ich habe sogar für den Fall vorgesorgt, dass der Entführer behauptet, Mama hätte ihm zwar den Code verraten, aber er hätte ihn vergessen. Dann werde ich absichtlich einen falschen Code sagen. Wenn er dann behauptet: Genau das hat deine Mutter gesagt, dann weiß ich, dass er lügt.



Mama hat die Brocken bei Schreibwaren Thomann hingeschmissen. Sie hält es einfach nicht mehr aus, weil Frau Thomann so gemein zu ihren Angestellten ist. Von ihren alten Kolleginnen ist auch kaum noch eine da. Sie hat aber schon eine neue Stelle, in der Lederwarenabteilung der Kaufstätte, und zwar ab Freitag. Es kann vorkommen, sagt sie, dass sie mittags nicht zuhause ist, das ist nicht schön, aber lang kann es sowieso nicht mehr dauern, dann kommt die Nachricht vom Ministerium in Nordrhein-Westfalen.


Sie kommt kurz vor Weihnachten, aber sie wird behandelt wie ein Geheimnis. Paul findet den Brief nur, weil er auf der Suche nach unseren Geschenken den Kleiderschrank im Schlafzimmer durchwühlt hat. In dem Brief steht, der Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen hat Mamas Einstellung in den Schuldienst mit Beginn des nächsten Schuljahres für zunächst neun Monate auf Probe zugestimmt.


Wir überlegen, was das bedeutet. Werden wir Ostern wieder umziehen? Oder geht Mama alleine nach Nordrhein-Westfalen und wir drei bleiben hier? Beides finden wir doof.



Am Ersten Weihnachtstag liest uns Papa ein Stück aus seinem Western vor, von dem er schon über hundert Seiten auf seiner alten Underwood-Schreibmaschine getippt hat. Er sagt, wir sollen uns vorstellen, dass sein Roman von zwei Freunden handelt, die sich so nah wie Brüder sind. Der eine ist ein Weißer, Daniel Roy, der mit einem Stamm der Pawnee-Indianer auf Büffeljagd ist, der andere ein Sioux-Halbblut, Tornado Pat. Plötzlich greifen die Sioux unter Führung des Häuptlings Spotted Weasel die Pawnee an. Daraufhin holt Pat die US-Kavallerie zu Hilfe. Er wendet sich damit also gegen sein eigenes Volk. Aber Daniel und er sind eben Partner, in jeder Not und Gefahr.

Papa räuspert sich, setzt seine Brille auf, die er nur zum Lesen braucht, und fängt an, vorzulesen.


Als Daniel sich umsieht, erkennt er, dass hinter ihm der Kampf schon zu Ende ist. Und vor ihm stehen die Sioux. Sie sehen auf Spotted Weasel, der nach einem heiligen Ritual alle Waffen ablegt und sich für den letzten Kampf fertig macht. Der junge Häuptling wählt nur das Messer.

Aber da hört man schon die Trompeten der Armee, Sekunden später das Donnern der Hufe. Die Schwadron greift an.

Allen vorweg reitet Pat. Mit einem Blick erkennt er, was Spotted Weasel beabsichtigt, fliegt aus dem Sattel und reißt noch im Sprung sein Gewehr mit. Sobald er den Boden berührt, gibt er einen Warnschuss auf Spotted Weasel ab.

„Verräter!“ schreit Spotted Weasel voller Verachtung und lässt sich blitzschnell fallen. Als er sein Gewehr auf Pat einschwenkt, richtet auch dieser den Lauf auf seinen Gegner.

„Stirb, du Hund von Verräter“, ruft Spotted Weasel und schießt.

Und nun muss auch Pat schießen.

Zwei Gewehre krachen zur gleichen Zeit. Aber in der Sekunde vor den Schüssen wirbelt Daniel auf Pat zu. Er schlägt den Lauf von dessen Waffe nach oben, so dass die Kugel jaulend in die Luft fährt, und versucht noch, den Partner nach rechts zu reißen, als ihm das tödliche Blei aus Spotted Weasels Gewehr in die Seite fährt und nahe des Herzens stecken bleibt.


Papas Stimme, heiser wie immer, gerät an dieser Stelle ins Schwimmen, aber er liest weiter, eine Spur lauter und ein bisschen stockend, wie wenn er einen Frosch im Hals hätte.


Daniel hat noch drei Minuten auf dieser Welt. Sein Partner und sein Gegner knien gemeinsam neben ihm und versuchen sein Leben zu erhalten.

Ja, auch Spotted Weasel hat nun begriffen, was es bedeutet, einen Partner –


Weiter kommt Papa nicht. Plötzlich zischt er ganz laut, wie wenn er plötzlich niesen musste, ein lauter Schluchzer lässt seinen Kopf auf die Brust sinken und seine Schultern zucken, und dann schirmt er seine Augen mit der Hand ab. Papa ist in Tränen ausgebrochen. Er weint über seine eigene Geschichte, in der sich Daniel Roy für seinen Partner Tornado Pat geopfert hat.


Schon steht Mama auf und geht zu ihm. Ich schaue hinüber zu Paul, aber Paul starrt ganz betreten auf seine Puschen. Mir ist es auch peinlich. Wir haben Papa noch nie weinen sehen. Und wir haben Mama noch nie jemand anders trösten sehen als kleine Kinder. Jetzt nimmt sie Papa in den Arm, streichelt ihn und sagt zu uns: Euer Vater ist zu weich. Und dann sagt sie noch, dass wir Papa jetzt alleine lassen sollen.

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