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Wir sitzen im Schulsaal und warten auf Fräulein Tirschmann, unsere neue Lehrerin seit Ostern. Ich gucke mir solange die Fußballsammelbilder vom Krahl an. Vielleicht hat er ja Uwe Klimaschewski doppelt. Uwe Klimaschewski ist der einzige von Hertha BSC, der mir noch fehlt. Plötzlich Geschrei in meinem Rücken.


Iiih! Iiihgitt! Pfui!


Ich drehe mich um und sehe, wie der Hinze zwei Bänke hinter mir seinen rechten Fuß vor seinem Gesicht hat und mit weit ausgestreckter Zunge die Schuhsohle ableckt. Hansi Sprehn hat mir mal das Haus gezeigt, in dem die Hinzes wohnen, eine Art Zirkuswagen ohne Räder, und davon standen drei oder vier hintereinander an der Straße. Ich kann es nicht glauben und schaue ganz genau hin, ob er vielleicht nur so tut, aber er fährt wirklich mit der Zunge drüber und grinst dabei, und hinterher sagt er Hmmmm!, als wenn es ihm besonders gut schmecken würde.


Als Fräulein Tirschmann in die Klasse kommt und uns begrüßt, stehen wir wie immer alle auf und sagen: Guten Morgen, Fräulein Tirschmann! Schiedermeier und Fuchs melden sich, weil sie neben dem Hinze sitzen und sagen, dass der Hinze seine Schuhsohlen abgeleckt hat, und Hütterer fragt, ob er mal raus darf, weil ihm übel ist. Hinze sagt, stimmt ja gar nicht, er hat nur so getan, aber sofort schreien Schütz und Rode, dass er es doch gemacht hat. Fräulein Tirschmann holt den Rohrstock aus der Ecke, lässt Hinze nach vorne kommen und vermöbelt ihn ordentlich. Danach ist sie ein bisschen aus der Puste, aber sie beginnt trotzdem mit dem Unterricht.


Heute müssen wir aufzählen, was unser Schulsaal alles hat, nämlich 1 Tür, 4 Tafeln, 3 Fenster, 1 Heizung, 10 Bänke, 1 Pult, 1 Kleiderraum, 3 Lampen, 2 Schalter. Danach vermessen wir unsern Schulsaal mit einem großen Metermaß aus Holz, und in mein Schulheft schreibe ich, dass er 9,70 m lang und 6,30 m breit ist.


In der großen Pause erzählt Bernd Bischoff auf dem Schulhof einen Witz: Ein Franzose, ein Engländer, ein Amerikaner und ein Russe gehen zusammen in den Berliner Zoo. Vor dem Stinktiergehege schließen sie eine Wette ab, wer es drinnen am längsten aushält. Nach zwei Minuten kommt der Franzose raus, schnappt nach Luft und sagt: Puh, das stinkt! Nach einer Viertelstunde kommt der Engländer raus: Puh, das stinkt! Nach einer halben Stunde kommt der Amerikaner raus: Puh, das stinkt! Nach einer Stunde kommen die Stinktiere heraus.


Und weiter? fragt Mebold ungeduldig.


Wie weiter?


Wo ist denn da der Witz?


Wir andern gucken uns an: Wegen dem Russen!


Ach so.


In der letzten Stunde haben wir Schreiben: Die Mutter flickt Hosen, Röcke und Strümpfe. Sie bürstet die Kleider. Sie wäscht Kragen, Hemden und Taschentücher. Sie wichst die Schuhe. Die schwierigen Wörter untersuchen wir auf Hauptwort und Tuwort: der Flicken, flicken, ich flicke, sie flickt; die Bürste, bürsten, ich bürste, sie bürstet; die Wäsche, waschen, ich wasche, sie wäscht; die Wichse, wichsen, ich wichse, sie wichst.


Von der Karmeliterstraße aus habe ich einen sehr kurzen Schulweg. Wie immer bin ich als erster zuhause: Paul kommt nicht vor eins, und Mama kommt erst nach zwei. Zum Glück gibt es noch Pürie, den ich inzwischen ein bisschen dressiert habe. Als ich mal krank im Bett lag, habe ich seine Tür geöffnet und vom Bett aus so lange nach ihm gerufen, bis er auf meinen Nachttisch geflogen ist. Ich habe ihm auch beigebracht, auf meinen Kopf zu hüpfen. Da oben fühlt er sich wohl, weil er alles prima beobachten kann. Er hat auch noch nie auf meinen Kopf gekackt, wahrscheinlich weil er meine Haare für ein Nest hält.


Ich öffne Püries Käfigtür, damit er herauskommt. Erst bleibt er in der Tür sitzen, dann fliegt er eine Runde durch das Kinderzimmer und lässt sich oben auf dem Kleiderschrank nieder. Ich scheuche ihn weg, und er fliegt zu seinem Käfig zurück. Ich gehe mit gesenktem Kopf auf ihn zu und bleibe vor dem Käfig stehen. Komm, Pürie, komm, sage ich ein paar Mal. Endlich hüpft er auf meinen Kopf. Mit Pürie auf dem Kopf gehe ich langsam ins Badezimmer, wo ich vor dem Spiegel stehen bleibe. Jetzt sieht er einen andern Kanarienvogel. Dass es nur sein Spiegelbild ist, kapiert er nicht. Genau wie die Hirsche kämpfen auch die Kanarienvogelmännchen gegeneinander. Man muss sie nur ein bisschen anstacheln. Ich schreie Aaiaiaiaiaiaiaiaiaia! und hämmere mir dazu wie ein Gorilla mit beiden Fäusten auf die Brust, wodurch es wie Ööiöiöiöiöiöiöiöiöiö! klingt. Sofort wird Pürie fuchsteufelswild und will sich auf seinen Rivalen stürzen, aber außer ein bisschen Geflatter kommt nichts dabei heraus. Das Gute ist, dass dabei niemand verletzt wird.


Nach dem Kampf wandern wir wieder langsam zurück. Vor dem Käfig gehe ich in die Knie, bis mein Kopf genau unter der Käfigtür ist, und brav hüpft Pürie wieder auf die Stange. Bestimmt fühlt er sich jetzt als Sieger.


Als endlich Paul kommt, schnüffeln wir ein bisschen in den Schränken herum, ob da vielleicht schon Geschenke versteckt sind. Danach gehen wir auf den Balkon und gucken, was der Bäckerlümmel macht. Von unserem Balkon aus können wir prima in den Hof der Bäckerei gucken, wo wir samstags frische Brötchen kaufen. Da gibt es manchmal Geschrei, wenn der Bäckerlümmel von seiner Mutter mit dem Teppichklopfer verdroschen wird. Er versucht immer wegzulaufen, aber seine Mutter kriegt ihn doch. Er ist ein bisschen älter als ich und ein bisschen jünger als Paul, und wir freuen uns, wenn er verhauen wird, weil er frech zu uns ist. Aber heute ist der Hof leer.

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