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An einem nebligen Novembertag fahren wir mit dem Zug von Müllheim nach Karlsruhe und von Karlsruhe mit dem D-Zug nach Speyer, und die ganze Zeit habe ich den kleinen Reisekäfig mit Pürie auf dem Schoß. Die Leute im Abteil sehen unser vieles Gepäck und den Vogelkäfig und der Mann gegenüber fragt Mama, ob wir vielleicht Urlaub auf den Kanarischen Inseln gemacht haben, aber Mama sagt nur Nein und lächelt ein bisschen. Sie hat oft die Augen zu, und Papa hat Migräne und redet die ganze Fahrt über kaum ein Wort und manchmal geht er zum Rauchen auf den Gang. Wenn er nicht gerade eine Zigarette zwischen den Lippen hat, ist sein Mund ein schmaler Schlitz.


Am Bahnhof werden wir von Fräulein Döring abgeholt. Fräulein Döring ist die große Schwester von Tante Martens, aber sie sieht ihr kein bisschen ähnlich. Im Zug hat mir Mama erzählt, dass Fräulein Döring oft in Leinsweiler gewesen ist und sie gemeinsam bei der Weinlese und der Mirabellenernte geholfen haben, und deshalb sind sie gut miteinander bekannt.


Fräulein Döring staunt, wie groß Paul geworden ist, und zu mir sagt sie, dich hätte ich gar nicht wiedererkannt, du bist ja ein richtiges Schulkind. Ich erzähle ihr, dass ich in Vögisheim in die erste Klasse gegangen bin und Klassenbester war, doch bevor Fräulein Döring dazu kommt, auch darüber zu staunen, verrät ihr Paul, dass wir in der ersten Klasse nur zu viert waren, aber auf dem Gymnasium in Müllheim waren sie sechsundzwanzig in der Quinta und er mit noch einem anderen die beiden einzigen aus ganz Vögisheim.


Jetzt hat Fräulein Döring den Reisekäfig in meiner Hand entdeckt. Sie beugt sich ganz tief herunter.


Und wer bist du?


Das ist Pürie. Den haben wir schon in Freudenstadt gehabt.


Und der hat die ganze Reise mitgemacht? Das ist ja ein richtiger Zugvogel.


Fräulein Döring geht mit uns zu einem Taxi. Wir packen die beiden Koffer von Papa und die Tasche von Mama und den Rucksack von Paul in den Kofferraum, und dann fahren wir eine lange Straße hinunter und hinein in die Stadt. Ich halte Püries Käfig an die Fensterscheibe, damit er sich alles angucken kann, bevor er in die neue Wohnung kommt, wo er dann keine Reisen mehr macht. Als wir da sind und Papa das Taxi bezahlen will, sagt Fräulein Döring, lassen Sie nur, das übernehme ich, ich bin ja auch mitgefahren, und Mama sagt, das wäre aber nicht nötig gewesen.


Wir gehen durch eine Toreinfahrt. Mama hat mich fest an der Hand, damit ich nicht hüpfe. An einer Tür auf der rechten Seite klingelt Fräulein Döring zweimal bei L. Döring & E. Feidt. Es dauert eine ganze Weile, bis Fräulein Feidt mit einem Schlüsselbund und einer Taschenlampe in der Hand die Treppe herunterkommt. Fräulein Döring sagt, wegen ihrem Bein dauert es so lange.


Nachdem Fräulein Feidt uns der Reihe nach begrüßt hat, sagt sie Dann wollen wir mal, und führt uns durch die Toreinfahrt in den Garten und zu einem kleinen Häuschen, das aussieht wie die Waschküche gegenüber vom Ochsen. Fräulein Feidt schließt die Tür auf und wir folgen ihr. Hinter der Tür ist noch eine Tür, davor steht ein Hackklotz, und an der Wand ist Holz aufgestapelt. Die zweite Tür ist nicht abgeschlossen. Der Fußboden ist aus Stein und ganz rauh, ein Boden, auf dem man nicht barfuß gehen möchte, die Wände sind kalkig weiß und ohne Tapete und durch das niedrige Dach kann man die Baumkronen sehen, weil es aus Glas ist. Hier stehen unser Küchentisch und vier Stühle und Papas und Mamas Betten samt Matratzen, und daneben stellt Papa jetzt die beiden Koffer und Mamas große Tasche und Pauls Rucksack.


Wo sind unsere anderen Möbel, fragt Paul, und seine Augen wandern unruhig von Papa zu Mama und wieder zurück.


Die sind solange untergestellt, sagt Papa.


Solange, wie wir hier wohnen. Weil kein Platz für sie ist, sagt Mama.


Die sind bei unserer Nachbarin, dem Fräulein Vogel, sagt Fräulein Döring. Die hat ein großes leeres Zimmer, und da lagern eure übrigen Möbel.


Und wo schlafen wir beide?


Ihr schlaft eins tiefer, sagt Fräulein Döring. Dort drüben geht eine Treppe in den Keller.


Mama gibt mir die Hand, und mit Paul gehen wir zu einer Steintreppe. Unten ist es dunkel.


Wo ist der Lichtschalter, Mama?


Hier gibt es kein Licht, Paul.


Warum?


Fräulein Feidt reicht Mama die Taschenlampe, Mama leuchtet in den Keller, und jetzt können wir unsere Bettgestelle erkennen, mit Matratzen.


Wo ist unsere Bettwäsche?


Die packen wir gleich aus.


Und wo ist das Bad?


Hier gibt es kein Bad.


Und die Toilette?


Es gibt keine Toilette.


Warum?


Das ist halt so im Glaspalast.


Müssen wir lange im Glaspalast wohnen?


Bis wir etwas Richtiges finden.


Und das wird bald sein, sagt Papa und räuspert sich.


Fräulein Feidt sagt, dass hier früher eine Gärtnerei gewesen ist, und dieses Häuschen war zum Überwintern für die Pflanzen und zum Trocknen der Samen. Deshalb gibt es hier kein Licht und keinen Strom, aber Heizung. Sie zeigt auf den Ofen neben der Tür.


Ich habe heute Morgen Feuer gemacht, sagt Fräulein Döring, das hält eine ganze Weile. Für die Nacht muss der Papi noch etwas nachlegen. Koks und Briketts und Holz sind genug da, davon dürfen Sie nehmen. Ist doch nur für den Übergang! Und eine Petroleumlampe habe ich auch noch aufgetrieben, das ist mein Begrüßungsgeschenk.


Die Petroleumlampe hängt an einem Haken unter der Decke, und jetzt sehe ich, dass in dem Raum noch ein paar große Kartons stehen und die Kommode aus unserem Kinderzimmer.


Die Familie Thalrand hat gewiss großen Hunger, sagt Fräulein Döring, alles ist vorbereitet.


Ich halte den Käfig hoch, damit Fräulein Döring ihn sehen kann.


Und was ist mit Pürie?


Der kann doch solange hier stehen bleiben? Da kann er sich an seine neue Wohnung schon einmal gewöhnen.


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