top of page

12

In der Schule hat Herr Reng heute für uns Erstklässler zum ersten Mal ganze Sätze an die Tafel geschrieben, und wir haben sie ins Heft übertragen.

So heiß ist es heute. Wer geht ins Wasser? Wer liegt noch im Zelt? Walter zieh dich ganz aus. Was, du bist wasserscheu? Bade daheim im Zuber. Zwei sind im kühlen Wasser. Sie pusten und patschen, pitsche, patsche Nass sind alle. Es ist gutes Erntewetter. Heiß brennt die Sommersonne. Sie hat den Weizen reif gemacht.

Am Nachmittag sitzen Paul und ich im Gastgarten und wühlen in einem Stapel „HörZu“, den wir in der Scheune gefunden haben. Paul schneidet Fotos von Schlagersängern aus, und ich sortiere die Hefte nach Nummern, damit ich anschließend die Seiten mit Meckis Abenteuern rausreißen und schön hintereinander lesen kann, wie in einem Buch.

Ein Taxi fährt auf den Hof. Es ist Onkel Georg. Es ist ein Überraschungsbesuch, und deshalb steigt er auch nicht aus. Wir müssen Mama holen. Mama steigt zu Onkel Georg in das Taxi. Sie sagt, in zwei Stunden ist sie zurück. Bestimmt fahren sie nach Badenweiler und gehen im Kurpark spazieren, wo sogar Palmen wachsen, und hinterher essen sie Erdbeerkuchen.

Ich komme nicht dazu, Meckis Abenteuer mit dem bösen Zauberer Kokolastro zu lesen, weil plötzlich Thomas mit Riesenschritten über den Hof gestakt kommt. Die Stelzen hat ihm sein Nachbar gemacht. Thomas ist höchstens ein paar Zentimeter größer als ich, aber jetzt ruft er Ich bin ein Riese. Rita Schauinsland fährt mit dem Fahrrad um ihn herum, weil sie auch gerne mal mit den Stelzen gehen will.

In der Scheune steht Eberhard an einer Sägemaschine und sägt toten Maulwürfen, die er in den letzten Tagen erlegt hat, die Schwänze ab. Für jeden Schwanz von einem Schermies kriegt er fünf Pfennige. Eberhard ist Knecht bei Familie Molitor, aber er wohnt nicht bei ihnen im Haus Schönblick, sondern bei uns gegenüber. Papa sagt, Eberhard ist ein Faktotum, Tante Karola sagt, er ist sehr hilfsbereit, und Mama sagt, das ist das gleiche.

Günter, Martin, Robert, Schorsch und Frieder laufen über den Hof.
Kommt ihr mit?
Wohin wollt ihr?
Zum Steinbruch, wir spielen Tarzan.

Thomas legt seine Stelzen beiseite, Rita Schauinsland stellt ihr Fahrrad ab, Paul packt einen großen Aschenbecher auf den „HörZu“-Stapel, und dann laufen wir hinter den andern her Richtung Rheintal. In einem alten Baum auf der großen Wiese gegenüber von der alten Mühle ist ein Hornissennest, Hornissen schwirren herum, und man darf sie nicht ärgern, sonst stechen sie einen, und daran kann man sterben, denn sieben Stiche töten ein Pferd und drei Stiche töten einen Menschen.

Der Steinbruch ist kaum zu erkennen, überall wächst Gestrüpp, und der Boden ist mit einer dicken Blätterschicht bedeckt. Günter schnappt sich eine kräftige Efeuliane, die von den hohen Buchen herunterhängt und klettert damit in der Wand ein Stück aufwärts. Dann klammert er sich mit Händen und Füßen an die Ranke, stößt sich kräftig von der Wand ab, schreit Aaaaaaaaaaaaiaiaiaiaiaiaiaiaia! Tarzan!, schaukelt in der Luft ein paar Mal hin und her und lässt sich fallen. Die andern tun es ihm nach. Sie baumeln in zwei Meter Höhe und versuchen sich gegenseitig mit Schwung aus dem Weg zu schubsen. Paul und ich greifen uns auch eine Liane, aber wir schaukeln lieber oben im Wald, wo man nicht so tief fallen kann.

Zwischen dem Geröll unter dem Laub kann man Versteinerungen finden, Schnecken und Muscheln. Man muss sich auf den Boden knien und zwischen den vielen kleinen Steinchen suchen. Martin steht oben in der Wand und ruft Frieder zu, er hat etwas Interessantes gefunden und wirft es ihm runter. Der Stein ist so groß wie ein Schuh und soll Frieder vor die Füße fallen. Ausgerechnet jetzt steht Paul vom Boden auf, und der Brocken knallt ihm seitlich auf den Kopf. Auweia, muss das wehgetan haben. Paul fasst sich an den Kopf, seine Finger sind voll Blut, Blut läuft ihm über die Wange. Keiner sagt ein Wort. Plötzlich jault er auf und rennt los, nach Hause.

Jetzt haben wir andern auch keine Lust mehr. Als wir am Ochsen ankommen, sitzt Paul im Gastgarten mit einem Verband von Ohr zu Ohr und trinkt eine Sinalco. Mama ist bei ihm.
Mama will wissen, wer der Steinwerfer gewesen ist. Die andern zeigen auf Martin. Bevor Paul etwas sagen kann, verpasst ihm Mama eine Ohrfeige. Martin zuckt nur kurz, dann sagt er, dass es ihm leidtut und läuft weg.
3 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

76

Auf der Fete von Teufels Klasse, zu der sie mich netterweise eingeladen hatten, habe ich mich von Sigrid Wismuth anmachen lassen und jetzt gehe ich mit ihr, obwohl sie gar nicht mein Typ ist. Deswegen

75

Mein Film ist fertig. Premiere ist heute Abend beim Sir, diesmal zur regulären Öffnungszeit und vor vollbesetztem Haus. Fast alle, die mitgemacht haben, sind gekommen, dazu jede Menge Stammgäste, die

74

Seit neuestem bin ich Besitzer eines zehn Jahre alten blauen VW 1500, eines Viertürers mit 54 PS. Den Freundschaftspreis von dreihundert Mark habe ich Nicole zu verdanken, die das Geschäft vermittelt

Comments


bottom of page