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Unten ist die Wirtschaft, wo gegessen und getrunken wird. Die Küche ist Papas Reich. Zwei Herde stehen hier und ein riesiger Kühlschrank, eine Doppelspüle und ein langer Arbeitstisch. Hier putzt Papa Salat, schneidet Gemüse, schält Kartoffeln, klopft Fleisch, rührt Soßen an, kocht Pudding. Mittags hantiert er mit Töpfen und Pfannen und zaubert die Gerichte, die auf der Speisekarte stehen. Zwischendurch steht er grübelnd vor dem Herd, raucht eine Zigarette, schreibt Zahlen in ein Buch, flucht oder springt auf und läuft zum Telefon. Manchmal ruft er uns, dann müssen wir flitzen, aber sonst heißt es immer Betreten verboten. Manchmal will er von mir nur wissen, wie spät es ist und schimpft, dass ich mit sechs Jahren noch immer nicht die Uhr lesen kann. Dabei kann ich doch sagen, dass der kleine Zeiger zum Beispiel auf der Eins steht und der große Zeiger auf der Sechs, aber damit ist Papa nicht zufrieden, weil er es genau wissen muss.

Mama kümmert sich zusammen mit Frau Würmelin um unsere Gästezimmer und sorgt dafür, dass es überall im Ochsen sauber ist. Sie putzt sogar das Klo.

In der Gaststube steht Tante Karola am Tresen, bedient die Zapfanlage, nimmt die Bestellungen der Gäste entgegen, hilft Papa manchmal in der Küche, und zwischendurch spült sie Gläser, trocknet sie ab und wienert die Theke, bis sie glänzt. Außerdem verwaltet sie die große Borte mit Flaschen und Gläsern und Weinkrügen.

Von der Gaststube kann man in den Tanzsaal gehen. An der Wand sind Tische und Stühle gestapelt. Zwischen den Fenstern im Tanzsaal steht ein Kicker, und neben der Tür eine Musicbox. Wenn man zwei Groschen einwirft, kann man sich aus hundert Schallplatten ein Lied aussuchen, und für fünfzig Pfennig kann man drei hören. Um das richtige Lied zu finden, muss man Tasten mit Buchstaben und Zahlen drücken. Dann greift ein Roboterarm in die Reihe der Schallplatten, zieht die richtige heraus und legt sie zum Abspielen auf den Plattenteller. Am liebsten höre ich C3, „Die Sterne der Prärie“ von Lolita:

Warum gingst du fort, Jimmy?
Es war doch so schön nachts am Lagerfeuer.
Komm wieder Jimmy,
du wirst ja doch nicht glücklich
da draußen in der weiten Welt.
Die Sterne der Prärie
Vergißt ein Cowboy nie,
Sein Leben lang,
Weil er sein Glück dort fand

Am Wochenende kommen oft französische Soldaten in den Ochsen. Ihre Kaserne ist in Müllheim. Einige sprechen ein bisschen deutsch, und einer hat mir eine 100-Francs-Münze geschenkt. Sie sind immer fröhlich und höflich. Die Musicbox dudelt einen Schlager nach dem anderen ab, und die Franzosen tanzen dazu oder spielen am Kicker. Für uns sind sie die Kickermeister, und deshalb schauen wir ihnen aufmerksam zu, wie sie den Ball stoppen, mit der Figur führen und mit einem gezielten Schuss ins Tor hämmern. Nach kurzer Zeit haben wir herausgefunden, wie wir auch ohne zwanzig Pfennige stundenlang kickern können. Wir müssen nur die Löcher hinter den Toren mit einem Bierdeckel verstopfen. Und wir müssen einen Ball beiseiteschaffen, unsern Dauerball. Von Montag bis Freitag haben wir den Kicker meistens für uns, dann wird gespielt auf Teufel komm raus.
Gegenüber vom Tanzsaal ist der Gastgarten. Der Boden ist mit kleinen weißen Steinen bedeckt, darauf stehen einige ovale Metalltische mit hübsch geschwungenen Beinen und Metallstühle, die man zusammenklappen kann. Bei gutem Wetter macht Mama hier auf dem Akkordeon Musik für die Gäste.

Hinter dem Tanzsaal verläuft die Straße nach Feldberg. Gegenüber führt eine Treppe zum Friedhof, zur Friedenskirche und an der Kirche vorbei weiter zum Haus Schönblick, wo Familie Molitor wohnt. Schorsch ist so alt wie Paul, und Frieder ist so alt wie ich. Haus Schönblick ist eine Pension, aber Herr Molitor hat auch Weinberge, Getreide und Obstbäume, und die beiden Kühe und die beiden Schweine gegenüber im Stall gehören ihm auch.

Das Frühstück bekommen Paul und ich in der Küche, alle anderen Mahlzeiten werden in der Gaststube serviert. In Freudenstadt hatten wir Geschirr von Melitta, das Mama bei einem Preisausschreiben gewonnen hat, und altes Silberbesteck von Omi, in das ein verschnörkeltes großes B eingraviert ist. Jetzt essen wir von großen Tellern mit blauem Muster und haben ganz neues Besteck mit schwarzem Holzgriff, und die Messer sind so scharf, dass man damit sogar Tomaten schneiden kann. Wir haben auch einen Staubsauger und eine Waschmaschine und eine Gefriertruhe und ein Fahrrad für Mama, mit dem sie einkaufen fahren kann. Paul hat auch ein Fahrrad, damit er zum Gymnasium nach Müllheim fahren kann.
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