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Ein Stubenmädchen in schwarzem Kleid, weißer Servierschürze und weißem Häubchen öffnete Laroussi die Tür. Sie nahm ihm den Blumenstrauß mit der angesteckten Grußkarte ab und führte ihn ohne weitere Umstände durch die Eingangshalle mit den Bleiglasfenstern in den kleinen Salon, wo ein Haufen Leute an Stehtischen lehnte und sich zwischen Schalen mit weißen Blüten, silbernem Teegeschirr, Karaffen aus Bleikristall und farbigen Weingläsern unterhielt; mittendrin der Hausherr, Croqué, mit einer goldgelb blinkenden Uhr am Handgelenk.
Als Croqué Laroussi bemerkte, ging er schnurstracks auf ihn zu, und nachdem Laroussi die Begrüßung mit der gleichen Doppelbödigkeit, mit der sie ihm entgegengebracht worden war, erwidert hatte, zog er ihn an einen der Tische und machte ihn mit seiner Frau Clotilde bekannt, einer rundlich untersetzten Dame von etwa fünfzig Jahren, an der Laroussi beim Händedruck sogleich ihre kräftigen, kurzfingrigen Hände auffielen. Mit ihrer fleischigen Nase, ihrem breiten Mund und den leicht vorstehenden Wangenknochen, die ihrem Gesicht Kraft und Ursprünglichkeit verliehen, kam sie Laroussi irgendwie prähistorisch vor. Während sie ihn auf die Ähnlichkeit seines zweireihigen Nadelstreifenanzugs mit dem Zweireiher ihres Mannes hinwies, warf sie ihm aus ihren braunen Augen kokette Blicke zu.
Nachdem Laroussi und Madame Croqué auf diese Weise ein paar Komplimente ausgetauscht hatten, stellte Croqué ihn den andern Gästen am Tisch vor, einem älteren Ehepaar Kageneck aus Colmar, einem Monsieur Gress, frisch gewählter Präsident von Racing Strasbourg („noch ein Präsident“, bemerkte Croqué lächelnd), und einem Dr. Delpeche, mit dem Laroussi angeblich einen Freund gemeinsam habe, nämlich Dr. Arîde, woraufhin sich Laroussi erinnerte, dass es sich bei Delpeche um jenen Zahnarzt handeln musste, dem Croqué einen Schädel überlassen hatte, der mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Sammlung seines Instituts stammte.
Zu Laroussis Erleichterung musste er sich mit keinem dieser Leute unterhalten, da sein Dazukommen Croqué offenbar mitten aus einer Erzählung gerissen hatte, die er nun ungebremst fortsetzte. Es war eine seiner maßlosen Lügengeschichten, in deren Fabrikation er nur vom Baron Münchhausen überboten wurde.
„Nein“, sagte Croqué, an Madame Kageneck gewandt, „da muss ich mich wohl falsch ausgedrückt haben. In Kanada habe ich keine Verwandtschaft.“
„So“, sagte Madame Kageneck, „und ich dachte –“
„Nein, Verehrteste, meine Eltern stammen zu beiden Teilen aus Paris. Aus Saint-Denis, um genau zu sein. Und genau muss man heutzutage ja sein, sonst bekommt man Ärger. Wer weiß das besser als ich.“
Er zwinkerte Laroussi zu, der Mühe hatte, seinen Groll zu unterdrücken. In seiner Erregung griff er nach dem ersten besten Glas, das vor ihm stand, und stürzte den Inhalt herunter, während Croqué den am Tisch Versammelten nun das Märchen von den Schwierigkeiten auftischte, denen er „aufgrund seiner Herkunft“ jahrelang ausgesetzt gewesen sei. Sein Großvater habe einer religiösen Minderheit angehört; nur seine Ehe mit einer Katholikin habe ihn 1942 vor der Deportation bewahrt. Das Wort „Jude“ auszusprechen, vermied er.
„Dabei hatte er sich sogar vor der Ehe taufen lassen. Aber für die Leute in Saint-Denis blieb er trotzdem, was er von Geburt her war. Und dieses Stigma hat mich bis in die Militärzeit begleitet. Es hat schon die Anerkennung meine Leistungen auf dem Lyzeum geschmälert und nachher bei der Armée de l’air meine Beförderung zum officier supérieur de réserve verhindert.“
Bei seinen Zuhörern musste der Eindruck entstehen, bei ihrem Gastgeber handele es sich um eine Art Dreyfus, der zwar keines Verrats, wohl aber des Judeseins für schuldig befunden, nicht zur Verbannung auf die Teufelsinsel verurteilt, aber aus fadenscheinigen Gründen zur Air Intelligence Agency delegiert worden war, was seiner Ansicht nach aufs Gleiche herauskam. Tatsächlich stammte Croqué keineswegs aus einer Dynastie von Präzisionsmechanikern (väterlicherseits) und Lehrern (mütterlicherseits), wie er fabulierte. Ausweislich des Eintrags im Geburtenregister war seine Mutter Eugénie Croque zum Zeitpunkt der Niederkunft 19 Jahre alt, unverheiratet und ohne Beruf. Aufgewachsen war der kleine Guy bei seinem verwitweten Großvater, dem Essigfabrikanten René-Philippe Croque, der als junger Mann für die Parti populaire français im Conseil municipal von Saint-Denis gesessen hatte und seit 1946 jedes Jahr am 22. Februar, dem Todestag des Parteigründers Jacques Doriot, einem der entschlossensten und fanatischsten Parteigänger Hitlers in Frankreich, ins 160 km entfernte württembergische Mengen pilgerte, um an dessen Grab einen Kranz mit der Aufschrift „Notre grand Jacques“ niederzulegen. Seit seinem zehnten Geburtstag, was nicht zufällig dem Zeitpunkt entsprach, an dem er in Nazi-Deutschland das Aufnahmealter für das Deutsche Jungvolk in der Hitlerjugend erreicht hätte, musste Guy seinen Großvater begleiten. Nach dem Selbstmord von René-Philippe Croque, dem ein Prozess wegen Insolvenzverschleppung drohte, war Guy als dreizehnjährige Vollwaise in den Haushalt von Bernard Grasset gekommen, ebenfalls Gefolgsmann von Doriot in Saint-Denis, der Croques Schulerfolg auf dem Lyzeum mit erzieherischer Härte und Strenge den Weg ebnete.
Während seines Grundwehrdienstes ließ er sich für zwei Jahre als Zeitsoldat anwerben. Als Offiziersanwärter verfügte er erstmals in seinem Leben über eigenes Einkommen, das ihm erlaubte, Saint-Denis und den Gespenstern seiner Kindheit im Allgemeinen und Bernard Grasset im Speziellen den Rücken zu kehren. Im Lebenslauf, den er bei seiner Universitätsbewerbung vorlegte, verwandelte er jedoch, des höheren Prestiges wegen, das Fernmeldebataillon in Lille, bei dem er gedient hatte, in das Kommando der Kampfflugverbände in Metz.


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