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Der Sonntag war der letzte gemeinsame Tag in Clamart; am Abend würden Alexander und Kim vom Flughafen Charles de Gaulle nach Hause fliegen. Am späten Vormittag hatten sich Mutter und Tochter in die Küche begeben, um das Essen vorzubereiten, während Alexander im Wohnzimmer saß und immer noch mit Marbots Database of The Disappearedbeschäftigt war. Sie hatte ihm keine Ruhe gelassen. Zwar konnte Marbot für den Zeitraum zwischen 140 und 175 n. Chr. nur mit zerstörten Palästen, Amphitheatern, Wohnstätten und anderen Bauwerken aufwarten, doch nach eingehender Beschäftigung mit dem Werk hielt er es für durchaus möglich, den Verlust von Ovids Tragödie „Medea“ auf das Jahr 165 zu datieren. Dieses Jugendwerk des großen römischen Dichters hatte bei den Zeitgenossen offenbar großen Beifall gefunden; Quintilian und Tacitus rühmten die Schönheit der Dichtung. Quintilian war es auch, der einen der beiden Verse zitierte, die als einzige davon erhalten geblieben waren:
Bewahren konnte ich; ob ich verderben kann, fragst du?
Als das Telefon klingelte, reagierte Alexander nicht. Es war von Haase, der Hilde anscheinend mit einer Kaskade von Komplimenten überschüttete, die sie nacheinander alle lachend zurückwies. Danach vertiefte er sich wieder in Marbots Werk. Der letzte Nachweis für „Medea“ fand sich anscheinend im Verzeichnis der nachgelassenen Bibliothek des römischen Senators Clarus aus dem Jahr 146, die gerüchteweise in den Besitz des römischen Juristen Fronto überging. Von da an verlor sich ihre Spur.
Hilde war, als von Haase das Gespräch beendet hatte, für einen Moment versucht, das Telefon in ihrer Hand auf eine imaginäre Gabel zu legen, wie man es früher mit den Hörern gemacht hatte. Rechtzeitig besann sie sich und stellte es wieder zurück in die Ladestation.
„Alexander?“, rief sie dann in Richtung Wohnzimmer, und als keine Reaktion erfolgte, noch einmal: „Alexander?“
Als er endlich den Blick von seinem Display hob, stand sie schon im Türrahmen.
„Ja?“
„Moritz hat gerade angerufen. Es scheint, als hätte er aus Versehen die E-Mail mit den Fotos von den Dokumenten gelöscht, die Du ihm geschickt hast. Er bittet Dich, es noch einmal zu tun. Anscheinend geht so etwas ja. Wenn ich früher etwas verschickt habe, musste man sich vorher eine Kopie machen, sonst war es anschließend weg.“
„Und heute ist es umgekehrt. Du verschickst eine Kopie und behältst das Original, das in Wirklichkeit auch nur eine Kopie ist. Der Begriff des Originals verschwindet.“
„Und, wirst Du es tun?“
„Äh – was?“
„Wirst-du-Moritz-die-Sachen-noch-einmal-schicken?“
„Natürlich. Sofort.“
Zufrieden über diese Auskunft, drehte sich Hilde um und verschwand Richtung Küche.
Alexander schloss das Browserfenster und klickte auf den Ordner „DOMINIQUE“, den er auf der Fahrt von Fouday nach Straßburg erstellt hatte, um dort die Fotos des Skeletts in der Ausstellung, den Download des Beerdigungsregisters aus Waldersbach von 1775 bis 1792 und die heruntergeladenen Scans von Himlys Brief in Donaueschingen zusammenzuführen. Der Ordner war leer. „Fuck!“
Aber egal, alles war rekonstruierbar. Die Fotos gab es auch noch einmal im Ordner des Mail-Ausgangs und die Digitalisate konnte er erneut downloaden. Er ging auf die Website der Archives en ligne und war schnell im Verzeichnis der Kirchenbücher aus Waldersbach, die nach Taufen, Heiraten und Beerdigungen sortiert waren. Erstaunlicherweise war das Registre des Enterremens 1775-1792 nicht dabei.
„Verfluchte Scheiße“, knurrte er. „Kim, hast Du Dateien auf dem Laptop gelöscht?“
Kim kam mit einer Schürze vor dem sanft gewölbten Bauch aus der Küche.
„Das würde ich nie tun. Also fass Dich an Deine eigenen Nase.“
„Aber die Scans aus Waldersbach und Donaueschingen sind weg. Verschwunden. Gelöscht.“
„Und was ist mit dem Link aus Donaueschingen?“
„Den hast nur du. Klick den doch mal an. Würde mich interessieren, ob der noch funktioniert.“
Kim verschwand wieder. Alexander öffnete das Mailprogramm und ging in den Ordner Ausgang. Die Mails an Kim und an von Haase waren schnell gefunden, aber sie enthielten keine Anhänge. „Gibt’s doch nicht!“ Wütend legte er das Gerät zur Seite.
Kim kam mit ihrem Smartphone zurück. „Komisch“, sagte sie. „Der Link funktioniert nicht. Ist er denn schon abgelaufen?“
„Das kann nicht sein. Der war 14 Tage gültig. Aber wir können bestimmt einen neuen Link anfordern. Oder gleich um einen Ausdruck bitten. Der kann wenigstens nicht verschwinden. Hast Du eigentlich noch meine Mail aus Straßburg an Dich, die mit dem Registraturvermerk?“
„Natürlich. Ich lösche keine einzige Mail von Dir.“
„Dann mach sie bitte mal auf. Ich will wissen, ob wenigstens dieses Foto gerettet ist.“
Kim scrollte zurück, bis sie Alexanders Mail mit dem Betreff „DOMINIQUE“ fand. Sie enthielt keinen Bildanhang.
„Komisch“, sagte sie. „Kein Bild.“
„Sieh mal im Ordner ‚Geladene Mail-Objekte’ nach.“
„Mach selbst.“ Sie reichte ihm ihr Gerät, und Alexander musste feststellen, dass es dort kein einziges geladenes Bild gab.
„Verdammt. Es gibt auf unseren Telefonen kein einziges Dokument zu DOMINIQUE mehr. Alles verschwunden oder gelöscht. Anscheinend haben wir uns mit irgendeinem Download einen Virus eingefangen, der Dateien vernichtet. Wenn es nicht schon zu spät wäre, würde ich sagen: ausschalten und zu Hause untersuchen. Seltsam ist nur, dass in den Archives en ligne das Digitalisat aus Waldersbach momentan auch nicht mehr zugänglich ist. Der entsprechende Ordner wird jedenfalls nicht angezeigt.“
„Sicher lässt sich beim Départementalarchiv eine Papierkopie von Oberlins Protokoll bestellen.“
„Das ist das erste, was ich tun werde, wenn wir zuhause sind“, sagte Alexander grimmig.


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