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vor 11 Minuten
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Am Sonntagabend fuhr Laroussi zur verabredeten Zeit mit seinem Citroën C6 durch die Neustadt, die nordöstlich vom historischen Zentrum der Stadt lag. Entlang der Allée de la Robertsau hatte sich dort die Architektur des Historismus fast vollständig erhalten können. Während auf den Querstraßen zur Rechten eine geschlossene Bauweise vorherrschte, waren auf der linken Seite ausnahmslos einzelne Villen oder Doppelvillen errichtet worden.

 

Nachdem er sich davon überzeugte hatte, dass sämtliche Parkmöglichkeiten in der Umgebung wie erwartet belegt waren, stellte Laroussi seinen Wagen an der Rue de la Schiffmatt ab, überprüfte im Rückspiegel den Sitz seiner Seidenkrawatte, holte den am Vormittag besorgten Blumenstrauß aus dem Kofferraum und begab sich zur angegebenen Adresse. Bis zuletzt war er keineswegs sicher gewesen, ob er Croqués Anblick überhaupt ertragen konnte. Aber er zwang sich dazu.

 

Nr. 7 in der Rue Twinger war ein freistehendes zweigeschossiges Einfamilienhaus, dessen Erker mit blauglasierten Terrakottafliesen verkleidet war und die Ecke zur Rue Herder bildete. Früher war es als „Maison Schutzenberger“ bekannt gewesen. Mit dieser Inschrift war ein Steinrelief an der Nordostfassade versehen. Als Croqué vor zwei Jahren seinen Namen um den Zusatz de Montalban bereicherte, hatte er es mit einer weißen Marmortafel verblenden lassen, die in goldenen Lettern sein neues Ziermonogramm trug: ein kleines g, das von einem großen C umschlungen wurde, das seinerseits in ein verschnörkeltes M auslief.

 

Croqués Adelstitel war im Grunde die logische Folge seiner stetig gewachsenen Anerkennung. Auf die Idee war er verfallen, als er immer häufiger Visitenkarten derer von Rathsamhausen, von Waldner, von Kageneck und anderer elsässischer Edelgeborener gegen die seine tauschte, die ihm nun vergleichsweise armselig erschien. Er konnte einfach nicht damit aufhören, sich seinen Begierden hinzugeben. Mochten andere sein Vorgehen auch als dreist und skrupellos bezeichnen: Wenn es um Akzeptanz oder Ablehnung ging, war Croqué furchtlos. Hatte er einmal entschieden, sich einer Gruppe anzuschließen, kannte er weder Zögern noch Unsicherheit. Alles was er tat, um ein vollwertiges Mitglied zu werden, tat er mit großer Entschlossenheit. Quasi über Nacht – jener Nacht, in der er ein paar Stunden am Computer gesessen und durch die Webseiten der heraldischen Vereinigungen gesurft war – hatte er sich zum Abkömmling eines welfischen Adelsgeschlechts ernannt. In der „Liste des familles admises au sein de l’Association d’entraide de la noblesse française“ war der Name Croqué de Montalban allerdings nicht verzeichnet, weshalb ihm Serge de Montalban-Bannegon, der in Lyon lebende Vorsitzende des Arbeitskreises Montalban in der Association d’entraide de la noblesse française, in einem offenen Brief im Bulletin der Gesellschaft Betrug vorwarf. Croqué konterte umgehend, seine Familie stamme ursprünglich aus Montauban bei Toulouse in der Region Okzitanien; später sei Burg Kastelbell im Vinschgau ihre Residenz gewesen. Im Übrigen sei seine adelige Abstammung seine Privatsache; er trage seinen Namen jedenfalls zu Recht. In dem kürzlich erschienenen Buch „Wenn Tote sprechen“, zu dem er ein Nachwort beigesteuert hatte, wurde Croqué sogar als „Comte“ geführt; „fälschlicherweise“, wie er einräumte, weshalb er noch vor dem Erscheinen des Buchs versucht habe, diesen Fehler zu korrigieren: „Leider zu spät.“

 

In der Rue Twinger residierte das Ehepaar Croqué auf stolzen 240 Quadratmetern. Die wichtigsten Wohn- und Gesellschaftsräume waren um die Diele gruppiert: der kleine Salon, das sich zum Garten öffnende große Musikzimmer, das Speisezimmer in unmittelbarer Verbindung mit einem Wintergarten und einer Veranda, außerdem Küche und Speisekammer. Im Obergeschoss befanden sich vier weitere Zimmer.

 

Als weltläufiger Ordinarius der traditionsreichen Universität war Croqué bald schon Dauergast auf Empfängen und Vernissagen, und um sich dafür angemessen zu revanchieren, richtete er seinerseits in seiner Villa einmal im Jahr, meist in der letzten Juniwoche, ein Hauskonzert für 50 bis 60 geladene Gäste aus, unter denen sich in jüngster Zeit immer öfter auch Abkömmlinge der alten Adelsfamilien des Elsass befanden. Nachbarn wurden von Croqué zu seinen glamourösen Gastgeberschaften nicht eingeladen; der Kontakt zu ihnen beschränkte sich auf flüchtiges Grüßen. Umso mehr war man dieserseits auf Details aus dem Innenleben der Villa GCM erpicht, und wenn sich die Nachbarn einmal beim Einkaufen oder Heckenschneiden begegneten, trugen sie ihre aktuellen Beobachtungen zusammen. So wollte Monsieur Muller beobachtet haben, wie eine junge Frau – die Beschreibung passte auf Marine Loisy – eines Abends durch die Haustür geschlüpft war und das Haus nach Auskunft von Madame Muller erst am nächsten Morgen, zusammen mit Croqué, verlassen hatte, wobei sie von Madame Croqué „mit Küsschen“ verabschiedet worden war. Weil sie weder nuttig angezogen noch übermäßig geschminkt war, nicht rauchte, nicht mit dem Hintern wackelte und auch kein anzügliches Grinsen zur Schau trug, hatte Madame Muller sie für die Tochter des Hauses gehalten, bevor sie von Monsieur Graff belehrt wurde, das Ehepaar Croqué sei kinderlos. Madame Roederer meinte, hinter den geschlossenen Vorhängen würden nächtlich auf einer Großleinwand Filme gezeigt, man könne sich schon denken, welchen Inhalts. Zwar habe sie keine Details erkennen können, zweifelsfrei habe es sich aber um menschliche Körper in Bewegung gehandelt, und zwar stehend, gebückt und liegend. Mehr habe sie auch unter Zuhilfenahme eines guten Feldstechers – Monsieur Roederer, ein Zahnarzt, war Hobbyjäger – nicht erkennen können. Zugleich sei aus einem offenstehenden Fenster im Obergeschoß typische „Schmusemusik“ gedrungen.

 

Über Madame Croqué war wenig bekannt. Wenn sie, was selten genug vorkam, auf ihre Tätigkeit angesprochen wurde, bezeichnete sie sich stets als Unternehmerin, was sie bestenfalls noch dahingehend präzisierte, dass es sich um ein mittelständisches Familienunternehmen handle, in dessen Management sie tätig sei. Madame Roederer identifizierte sie mit einer Olivenverkäuferin von der Place Broglie, bei der sie bis zu ihrem plötzlichen Verschwinden oft gekauft hatte, aber weil Madame Roederer zu den Festivitäten der Croqués nicht eingeladen wurde, konnte sich diese Ansicht unter den Gästen nicht verbreiten.

 

 
 
 

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