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vor 11 Minuten
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„Nun brauche ich aber auch einmal Ihren Rat“, fuhr Laroussi fort. „Sie können sich nicht vorstellen, was ich heute in meiner Post gefunden habe. Eine anonyme Zuschrift!“

 

„Wieder anonym? Das nimmt ja gar kein Ende“, sagte Croqué mit schneidender Ironie. „Schrecklich. Worum ging es diesmal?“

 

„Fotos von irgendwelchen Resten der Sammlung Berger. Sie wissen schon, diese Nazi-Geschichte. Ich vermute, da steht uns eine neue Attacke ins Haus. Und diesmal geht es nicht nur um Schädelfragmente, Hautfetzen und Gewebeproben, wie vor sechs Jahren, sondern um das vollständige Skelett einer griechischen Jüdin und einen Stapel Filmrollen mit wer weiß was für Scheußlichkeiten in bewegten Bildern.“

 

„Solange es nur irgendwelche alten Fotos sind…“ wandte Croqué beschwichtigend ein, was er für besonders schlau hielt.

 

„Es sind keine historischen Aufnahmen, sondern Polaroids. Auf einem ist eine Zeitung neuesten Datums zu sehen. Die Fotos sind in den letzten Tagen gemacht worden.“

 

„Das ist allerdings arg.“

 

„Den Fotos nach zu urteilen, befindet sich das Material auf dem Gelände der Universität, womit als Urheber wohl auch ein Angehöriger der Universität in Frage kommt.“

 

„Klingt plausibel. Vielleicht ist es nur ein Studentenulk. Die jungen Leute schrecken heute vor nichts mehr zurück.“

 

„Ich fürchte, es ist jemand, der es auf den guten Ruf der Universität abgesehen hat. Der mir persönlich schaden will.“

 

„Glauben Sie wirklich? Meiner Meinung nach haben Sie sich doch gar nichts vorzuwerfen. Das wird an Ihnen abprallen wie Wasser an Lotos.“

 

„Gewiss, aber die Öffentlichkeit könnte sich an mein Ehrenwort erinnern, das ich vor sechs Jahren gegeben habe. Sie wissen schon: dass die Sammlung Berger restlos aus der Universität entfernt worden sei.“

 

„Stimmt, man könnte Sie darauf festnageln. Aber nur böswillige Menschen kämen auf die Idee, Ihnen das vorzuhalten.“

 

„Natürlich, Böswilligkeit gehört dazu. Aber es gibt immer irgendwelche Neider – ich glaube, Sie können davon auch ein Lied singen.“

 

„Ja, gewiss. Ich bin geradezu umzingelt von giftigen Neidwürmern. – Wieso glauben Sie, dass ich Ihnen da helfen könnte?“

 

„Sie sind doch sicher meiner Meinung, dass wir diese Sache ernst nehmen müssen.“

 

„Es sieht ganz so aus.“

 

„Und dass wir nicht den Fehler meines Vorgängers begehen dürfen, die Existenz dieser Dinge zu leugnen.“

 

„Auf gar keinen Fall.“

 

„Und sollten wir zufällig auf das Skelett und die Filmrollen stoßen –“

 

„Und auf noch wer weiß was alles.“

 

Laroussi war nahe daran, aus der Haut zu fahren. Doch er musste abwarten, bis Croqué sämtliche Karten auf den Tisch gelegt hatte. Dieser Mensch war tückisch wie ein Sumpf. Es war nicht klug, seine Raffinesse zu unterschätzen.

 

„Dann würden wir das Zeug nicht einfach vernichten, oder?“, sagte er lauernd.

 

„Historische Überreste aus der Nazi-Zeit vernichten?“

 

„Würden wir nicht, oder?“ Laroussi schien es am Klügsten, Croqué das Reden zu überlassen.

 

„Wissen Sie, Magnifizenz, ich glaube, das müsste am konkreten Einzelfall entschieden werden.“

 

„Sie meinen, unter Umständen...“

 

„Unter Umständen: ja.“

 

„Vernichten?“ Laroussi war neugierig, wie weit Croqué in seiner Entschlossenheit und Selbstgefälligkeit gehen würde.

 

„Die Eigenverantwortung“, sagte Croqué, „kann uns zu Handlungen zwingen, die auf den ersten Blick gegen unseren Auftrag gerichtet sind.“

 

„Unseren Auftrag –“

 

„Unseren Auftrag, der da lautet, übe Ehrlichkeit gegen Jedermann.“

 

„Natürlich. Den dürfen wir – müssen wir – gezwungenermaßen –“

 

„Sehen Sie, Magnifizenz, der Makel hängt doch am Gebäude, an der Institution. Er verbindet sich nicht mit der französischen Wissenschaft. Kein einziger Franzose war in diese Schweinereien verwickelt. Die ganze Sammlung wurde unter deutscher Besatzung zugunsten der nationalsozialistischen Rassenforschung von Deutschen für Deutsche ins Leben gerufen. Wobei das ein unglücklicher Ausdruck ist. Aber Sie wissen, was ich meine.“

 

„Von Deutschen für Deutsche generiert.“

 

„Das ist besser.“

 

„Die Deutschen sind Weltmeister der Selbstbezichtigung und Selbstbestrafung. Sie verlangen nach immer neuen Beweisen für ihre Kollektivschuld. Geben wir sie ihnen.“

 

„Sie meinen –

 

„Ich meine, wir sind hier in Straßburg. Hier hat das Europäische Parlament seinen Sitz. Der Europarat. Insgesamt ein gutes Dutzend Institutionen. Und die Deutschen mischen überall mit. Hunderte Immobilien werden genutzt von Leuten, die deutsche Interessen vertreten. Nicht wenige von ihnen wohnen in Gebäuden aus der deutschen Periode, weil sie sich darin anscheinend wie zuhause fühlen. Ich weiß, wovon ich rede, schließlich sind wir in Neustadt selbst umzingelt von Boches – Beamten, Politikern und Lobbyisten.“

 

Croqué sprach von jenem Teil Straßburgs, für den früher der Begriff „Quartier allemand“ gebräuchlich war. Nicht wenige der dort zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbauten Stadtvillen zeigten in sämtlichen Details den Charme des deutschen Jugendstils: Teile der Fassade waren mit Quadern aus gelbem Sandstein verblendet, die Fugen rot ausgestrichen, die Flächen mit Weißkalkmörtel verputzt, Rollläden und Dachuntersichten mit Dekorationsmalereien auf weißem Grund geschmückt. „Tür an Tür sind wir schon mit den Teutonen!“

 

„Wenn ich Sie recht verstehe, Monsieur Croqué“, sagte Laroussi zögernd, „denken Sie an eine Verlagerung... Verstehe ich Sie da recht: Verlagerung des Materials... Aber dazu müssten wir die Reste der Sammlung Berger erst einmal haben.“

 

Richtig, Du Schwirrkopf, dachte Croqué. Dazu müsstest Du sie erst einmal haben. Aber so weit wird es nie kommen. Jedenfalls nicht, so lange ich lebe. Gab es ein besseres Pfand als 1944/J7, um den Präsidenten daran zu hindern, seine beim letzten Mal gemachten Ankündigungen in die Tat umzusetzen? Nein. Und genau deshalb würde er diesen Joker nicht aus der Hand geben. Und auch für den Fall, dass Laroussi versuchen sollte, das Skelett aus der Sammlung Berger auf eigene Faust aufzustöbern, hatte er seine Vorkehrungen getroffen. Die Plakette war bereits abgeschraubt und würde bald schon den Sockel eines anderen, unverfänglichen Sammlungsstücks zieren, und ohne diese Plakette war 1944/J7 nur noch von ihm zu identifizieren.

 

„Ich glaube nach wie vor an einen Studentenulk“, sagte Croqué. „Ich kann ja mal meine Fühler ausstrecken. Übrigens, wollen Sie nicht zu unserem Hauskonzert am Sonntagabend kommen? Diesmal gibt es keinen Franck, keinen Saint-Saëns, keinen Beethoven. Diesmal steht etwas ganz Besonderes auf dem Programm. Etwas Atmosphärisches. Woanders müssen Sie für solch tolle Künstler viel Geld zahlen. Bei mir ist der Eintritt frei. Der marokkanische Honorarkonsul wird übrigens auch kommen.“

 

„Meine Familie stammt aus Tunesien, falls Sie es vergessen haben sollten. Aber besten Dank.“

 

„Dann darf ich Sie auf die Liste setzen? Es ist nur wegen des beschränkten Sitzplatzangebots.“

 

„Ich werde Ihrer Einladung sehr gerne Folge leisten“, sagte Laroussi, wobei er sich bemühte, seine Stimme nicht mit dem Grimm, den er gegenüber Croqué empfand, zu befrachten. Im Grunde frohlockte er sogar, dass Croqué ihm auf diese Weise die Gelegenheit verschaffte, sich in aller Ruhe nach dem Material umzusehen.

 

„Also gut. Dann bis Sonntag. Um neun Uhr geht’s los. Nummer 7, Rue Twinger. Das ist in Neustadt. Twinger wie Swinger. – Ein Scherz, Magnifizenz!“

 

 
 
 

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