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vor 10 Stunden
4 Min. Lesezeit

Kim und Hilde schlossen sich von Haases Idee, wonach die Prä-Astronauten nicht kamen, um etwas zu bringen, sondern um etwas zu bergen, sofort an. Alexander blieb dagegen skeptisch. Selbst der Vergleich mit den isländischen Evolutionsbiologen überzeugte ihn nicht. Er weigerte sich schlicht, den Besuchern aus dem Weltall menschliches Verhalten zu unterstellen. In der Nacht konnte er deswegen nicht einschlafen. Was, wenn an der Sache doch etwas dran war? Was, wenn sie kritischer Nachprüfung standhielt und sich verifizieren ließ? Würde er Hildes These dann immer noch ablehnen, gewissermaßen aus Trotz?

 

Er nahm sich vor, Google mit allen möglichen Kombinationen von Suchbegriffen zu füttern. Vorsichtig schwang er sich aus der Gästecouch, schlich in die Küche, goss sich dort ein großes Glas Rotwein ein, setzte sich an den Tisch und aktivierte seinen Laptop. Wieder und wieder ließ er sich Suchergebnisse für „verschwundene Werke“ in Kombination mit dem einen oder anderen Periheldurchgang von 35P HERSCHEL-RIGOLLET anzeigen, erst auf Englisch, dann auf Französisch, schließlich auf Deutsch. Nichts. Irgendwann kam er darauf, die Jahreszahlen ganz wegzulassen und mit dem Begriff „Lost Art“ zu operieren. Nach über einer Stunde fand er schließlich einen Hinweis auf „Marbots Database of The Disappeared“, und als Angebot der University of Cleveland schließlich einen Scan des Buchs, das 1880 in Edinburgh in zweiter, verbesserter Auflage erschienen war:

 

Sunken, Burned or Otherwise Lost Cultural Heritage

A Database of The Disappeared

Compiled By John Matthew Marbot

After Marbot’s Death Continued By Frederic Hadley-Chase

 

Das Buch war in zwei Teilbänden erschienen und insgesamt 1700 Seiten stark, aber durch die chronologische Anordnung übersichtlich wie ein Lexikon. Im Vorwort erklärte Marbot, dass „natürlicher Zerfall“ gewiss für 99 % aller Verluste des kulturellen Erbes verantwortlich sei; genau darum habe er diese Kategorie in seinem Verzeichnis nicht berücksichtigt. Ihm sei es vielmehr einerseits um den „unnatürlich beschleunigten Zerfall“ gegangen, die nachweisliche Zerstörung, andererseits um das Abbrechen der Überlieferung, das spurlose Verschwinden. Herausragende Beispiele dafür waren die Zeusstatue des Phidias, die Herkulesstatue von Michelangelo, Gemälde von Leonardo, Holbein, Tizian, Rubens, Vermeer, Velasquez, Watteau und so weiter und so weiter.

 

Die meisten Verluste waren, wie abzusehen, durch Naturkatastrophen und Kampfhandlungen aller Art bedingt, in vorchristlicher Zeit etwa das Erdbeben von Rhodos oder die Belagerung von Athen, in nachchristlicher Zeit der byzantinische Bildersturm, die Erniedrigung von Jingkang, der 4. Kreuzzug, die Bombardierung von Brüssel oder das Erdbeben von Lissabon. Feuersbrünste und häusliche Unfälle kamen schon seltener vor, noch seltener unaufgeklärte Diebstähle. Am seltensten war die Selbstzerstörung durch den Urheber oder Besitzer; doch auch dafür listete Marbot Beispiele auf.

 

Seine Database begann im Jahr 10.000 vor unserer Zeitrechnung, und zwar mit Übersichten und summarischen Zusammenfassungen. Die ersten handfesten Verlustmeldungen stammten aus dem 5. vorchristlichen Jahrtausend, die letzten aus dem Jahr 1869. Alexander widerstand der Versuchung, sich mehr als nötig in das Werk zu vertiefen und beschränkte sich auf Einträge zu den Jahren, für die das Erscheinen von 35P HERSCHEL-RIGOLLET nachgewiesen wurde.

 

Für das Jahr 15 vor Chr. gab es keine konkrete Verlustmeldung, aber unter Umständen ließ sich das Verschwinden der Gelehrtenbibliothek des Aristoteles auf diesen Zeitpunkt datieren. Für die Jahre 165, 348, 539 fand Alexander keinen Eintrag. Es leuchtete ihm sofort ein, dass es sehr schwierig war, derartige historische Ereignisse in der Antike exakt zu datieren. So erschien es ihm fast wie ein Wunder, dass Marbot für das Jahr 736 im japanischen Nara einen bedeutenden Kulturverlust verzeichnete. Ein bedeutender chinesischer Mönch namens Jianzhen, der den Buddhismus in Japan verbreiten half, war dort gestorben. In seinem Testament hatte er seinen Lieblingsschüler Fusho als Alleinerben eingesetzt. Fusho konnte das Erbe jedoch nicht antreten. Wie er in einem Brief an seinen Mitbruder Yoei schrieb, hatte ihm „ein Luftdämon“ die Bücher (womit gebundenen Manuskripte gemeint waren) gestohlen. Ein Luftdämon? Kim würde sich bestätigt sehen.

 

Fehlanzeige hieß es auch für die Jahre 932 und 1125. Für den 27. Juli 1302 meldete Marbot einen besonders kuriosen Verlust. An diesem Tag standen sich östlich von Nikomedia die osmanische Reiterarmee unter Osman I. und Fußtruppen des byzantinischen Kaisertums unter ihrem Heerführer Georg Muzalon gegenüber. Obwohl sein Hofastronom dem Kaiser einen günstigen Schlachtverlauf vorhergesagt hatte, durchbrachen die türkischen Reiter alsbald die Schlachtlinie der Byzantiner und erzwangen ihren Rückzug. In einem Brief an Michael IX. rechtfertigte Muzalon die Niederlage durch einen Ausfall der Feldmusik: Mitten in der Schlacht seien den Feldspielern ihre sämtlichen Instrumente (Trommeln, Pfeifen, Zinken und Heerpauken) durch einen heftigen Wirbelsturm entrissen worden, in dessen Folge sich die Glieder seines Heeres getrennt hätten. Die anschließende Verwirrung unter seinen Truppen habe selbst seine feldherrliche Geistesgegenwart nicht mehr zu bessern vermocht. Soso, ein Wirbelsturm.

Für den 4. Juni 1626 gab Marbot das Ministerialarchiv eines gewissen Malik Ambar, Erster Minister von Ahmadnagar, einem Sultanat im indischen Bundesstaat Maharashtra, als verloren an. Drei Wochen nach seinem Tod wurde das Archiv auf allerhöchste Anweisung von der Stadt Khirki in ein buddhistisches Höhlenkloster überführt, wo es jedoch nie ankam. Mutmaßungen über die Ursachen lagen offenbar nicht vor.

 

Auf mysteriöse Weise verschwanden 1788 die Fregatten Astrolabe und Boussole auf ihrer Fahrt von Sydney nach Neuguinea. Sie waren im Auftrag von Ludwig XVI. unterwegs und standen unter dem Kommando des französischen Marineoffiziers und Entdeckers Jean-François de Galaup de La Pérouse. An Bord hatten sie unter vielem anderem 144 Holztafeln von der Osterinseln, die mit seltsamen Zeichen und Symbolen bedeckt waren und, wie heute vermutet wird, „das Sternenwissen“ der Osterinsulaner enthielten. Das Schicksal der beiden Schiffe und ihrer 226 Mann starken Besatzung, schrieb Marbot, sei eines der größten maritimen Rätsel der Neuzeit, und Hadley-Chase fügte dem die Fußnote hinzu, dass in neuerer Zeit Jules Verne dem Verschwinden der beiden Schiffe ein ganzes Kapitel in seinem Roman 20.000 Meilen unter dem Meer gewidmet habe.

 

Verflucht, dachte Alexander, immer wieder dieser Jules Verne! Da würde sich von Haase wieder einmal bestätigt sehen!

 

 
 
 

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